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Full text of "Vierteljahresschrift Für Dermatologie Und Syphilis 19.1887"

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Me Folge des Archivs für Dermatologie und Syphilis, 

Begründet von H. Au spitz und F. J. Pick. 


Vierteljahresschrift 

für 

Dermatologie und Syphilis. 

Unter Mitwirkung von 

Prof. M CALL ANDERSON, Dr. ARN1NG, Dr. BEHREND, Dr. BESNIER, Dr. BE BGH, Dr. B1DEN- 
KAP, Dr. BOECK, Prof. DOUTRELEPONT, Prof DUHRING, Dr. FINGER, Dr. FREUND, Prof. 
GEBER, Dr. GKÜNFELD, Dr. GSCH1RHAKL, Dr. v. HEBRA, Dr. HOCHSINGER, Dr.HOROVITZ, 
Dt. JARISCH, Dr. KOHN, Prof. KÖBNER, Dr. KOPP, Dr. KRÖWCZYNSKL Prof. LANG, Prof. 
LASCHKIE WITSCH, Dr. LASSAR, Prof. LELOIR, Dr. LESSER, Prof. LIPP, Dr. LJUNGGREN, 
Dr. MANDELBAUM, Dr. M1CHELSON, Dr. MRACEK, Prof. NEUMANN, Dr. POHL-PINCUS, 
J. K. PKOKSCH, Prof. REDER, Dr. RIEHL, Prof. RINDFLEISCH, Dr. SCHIFF, Dr. SCHUSTER, 
Prof. SCHWIMMER, Prof. TARNOWSKY, Dr. TOÜTON, Dr. UNNA, Dr. VAJDA, Dr. VE1EL, 

Prof. WOLFF, Dr. v. ZE1SSL 

und in Gemeinschaft mit 

Prof. Caspary, Prof. Kaposi, Prof. Lewin, 

Königsberg Wien Berlin 


Prof. Neisser, 

Breslmn 


herausgegeben von 

Prof. F. J. Pick in Prag. 


'S 7 ierzehnter 1887. Jahrgang. 

(Der Reihenfolge XIX\ Jahrgang .) 


Mit 24 Tafeln und 10 Abbildungen im Texte. 


Wien, 1887. 

Wilhelm B r a u m ii 1 1 e r 

k. k. Hof- und UniveTsitatsbuchhllndler. 


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SCHOOL OF MEDIUNE AND KUöUC HEALTH 
UtJKAKY 


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Inli a 11. 


Original-Abhandlungen. 

Pag. 

Ueber chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. Von Prof. 

J. Caspary in Königsberg . 3 

Tnbercnlose der Hant und Schleimhäute. Von Prof. Dr. Ernst 

Schwimmer in Budapest . 37 

Ueber das Oedema indurativum (Sigmund), Oedema scleroticum (Pick). 

Von Dr. Ernest Finger. Docenten fflr Syphilis und Hautkrank¬ 
heiten an der Wiener Universität. (Mit Taf. I und II).. 53 

John Hunter als Syphilograph. Eine historische Betrachtung von 

J. K. Proksch in Wien . 71 

Heber Bacillen bei Syphilis. Von Prof. Dr. Doutrelepont in Bonn. 

(Mit Taf. III) . 101 

Au der Universitäts-Klinik für Dermatologie und Syphilis des Prof. 
Neisaer zu Breslau. Ueber Streptococcen bei hereditärer Syphilis. 

Von Dr. Martin Chotzen, Assistenten der Klinik . 109 

Aus dem pathol.-anatom. Institute des Prof. Kundrat in Wien. Syphilis 
haemorrhagica neonatorum. Von Dr. Franz Mracek, Docent fflr 

Syphilis an der Universität in Wien. (Mit Taf. IV und V) . 117 

Ueber die galvano-chirurgischen Depilations-Methoden. Von Dr. Paul 

Michelson in Königsberg. (Mit sechs Abbildungen im Texte) . 237 

Zur mechanischen Behandlung von Hautkrankheiten. Von Dr. 0. Bosen¬ 
thal in Berlin. 259 

Impetigo herpetiformis. Von Prof. M. Kaposi in Wien. (Hiezu Tafel 

VI, VH, VIH, IX und X). 273 

Ueber „Skerljevo*. Ein Reisebericht von Dr. Maximilian v. Zeissl, 

Universitäts-Docenten in Wien. 297 

Ueber Tabellen zum Aufzeichnen der Localisation der Hautkrankheiten. 

Von Dr. Bob. Gampana in Genua .. 323 

Zur Biologie des Favus. Von Dr. 0. Boer in Berlin. (Hiezu Tafel XI) 429 
Nochmals die Uebertragung der Lepra auf Thiere. Von Prof. Dr. 

Roberto Campana in Genua . 435 

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IV 


Inhalt. 


Ein Fall von Naevus congenitus Vnit excessiver Geschwulstbildung. Von 
Dr. Richard v. Planner, em. Assistent an der dermatol. Lehr¬ 
kanzel in Graz. (Hiezu Taf. XII und XIII) . 449 

Zur Patholoeie und Therapie des chronischen Trippers. Von Dr. med. 
Oberländer, königl. Polizeiarzt in Dresden, nebst einem pathol.- 
anatomischen Anhang von Prof. Dr. med. Ne eisen, Prosector am 
Stadtkrankenhause in Dresden. I. Pathologie des chronischen Trip¬ 
pers. (Hiezu Taf. XIV und XV) . 477 

Zur Pathologie und Therapie des chronischen Trippers. Von Dr. med. 
Oberländer, königl. Polizeiarzt in Dresden, nebst einem patho¬ 
logisch-anatomischen Anhang von Prof. Dr. med. Neelsen, Pro¬ 
sector am Stadtkrankenhause in Dresden. II. Therapeutische Be¬ 
merkungen und urethroskopisch zu beobachtende Vorgänge auf der 


Schleimhaut bei der neuen Heilmethode. (Hiezu Taf. XVI) . 637 

Ueber die Behandlung der Psoriasis mit grossen Dosen von Jodkalinm. 

Von Alex. Haslund, Oberarzt am „Commune-Hospital* in Kopen¬ 
hagen. 677 

Pityriasis rubra universalis. Von Dr. med. A. Elsenberg, Primarius 
der Abtheilung für Syphilis und Hautkrankheiten am israelitischen 

Hospital zu Warschau .;. 727 

Aus der k. k. deutschen dermatologischen Universitätsklinik des Prof. 

F. J. Pick in Prag. Zur Casuistik der Fleckenaffectionen der Zunge. 

Von Dr. R. Winternitz, Assistenten der Klinik . 737 

Aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis des Prof. 

A. Wolff zu Strassburg i/E. Ueber einige Fälle von Syphilis im 
späteren Kindes- und Jugendalter. Von Dr. A. Riff, Assistenten 

der Klinik. 745 

Aus dem ersten öffentlichen Kinder-Krankeninstitute in Wien. Ueber 
Leukaemia cutis. Von Dr. Carl Hochsinger und Dr. Eduard 

Schiff in Wien. (Hiezu Taf. XVII) . 779 

Ueber einige histologische Verändeiungen in der chronisch entzündeten 
Harnröhre. Von Prof. Dr. F. Neelsen in Dresden. (Hiezu Taf. 

XVIII. XIX). 837 

Syphilis und Kopfinsulte. Von Dr. med. v. Watraszewski, Oberarzt 

am St. Lazarus-Hospital in Warschau . 851 

Die verschiedenen Behandlungsmethoden der Harnröhrenstricturen und 
deren Kritik. Von Dr. G£za v. Antal, öffentl. a. o. Professor, 

ordinirender Primararzt in Budapest. (Hiezu Taf. XX) . 863 

Aus der dermatologischen Universitätsklinik des Prof. Kaposi in Wien. 

Ueber die Mikroorganismen der normalen männlichen Urethra und 
des normalen Harnes, mit Bemerkungen über Mikroorganismen im 
Harne bei Morbus Brightii acutus. Von Dr. S. Lustgarten und 
Dr. J. Mannaberg in Wien. (Hiezu Taf. XXI). 905 


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Pap. 


Zur Behandlung der Syphilis mit tiefen subcntanen Injectionen von 
Hydrargyrum oxydatnm flavum. VonDr. T. Trzcinski, Abtheilungs- 

arrt am St. Lazarus-Hospital in Warschau . 833 

Ans dem Laboratorium des Prof. Weichselbaum in Wien. Ueber 
das Vorkommen pocken&hnlicher Gebilde in den inneren Organen. 

Von Dr. John T. Bo wen aus Boston. (Hiezu Taf. XXII) . 947 

Zur Frage von der Behandlung der Syphilis mit Calomelinjectionen. 

Von Dr. Edvar Welander in Stockholm ... 1039 

Ans dem Laboratorium für allgemeine Pathologie des Prof. G. Tizzoni 
in Bologna. Ueber die normale Entwicklung und Ober einige Ver- 
Inderungen der menschlichen Haare. Von Dr. Sebastian Gio- 
rannini in Bologna. (Hiezu Taf. XXIII). 1049 


Leber die papillomatöse Schleimhautentzündung der männlichen Harn¬ 
röhre. Von Dr. med. G. Oberländer in Dresden. (Hiezu Taf. XXIV) 1077 
Die Behandlung der Syphilis mittelst Einspritzung von Hydrargyrum 
ozydatum flavum. Von Dr. 0. Bosenthal in Berlin. (Vortrag, 
gehalten in der Section für Dermatologie der 60. Naturforscher- 


Versammlung in Wiesbaden). 1101 

Allgemeine Gesichtspunkte bei der Behandlung der Syphilis mittelst 
Quecksilbereinspritzungen. Von Dr. 0. Bosenthal in Berlin. (Vor¬ 
trag, gehalten in der Section für Dermatologie der 60. Natur¬ 
forscher-Versammlung in Wiesbaden) . 1107 

Heber einen Fall von Eczema solare. Von Dr. Th. Veiel in Canstatt. 
(Vortrag, gehalten in der Section für Dermatologie der 60. Natur¬ 
forscher-Versammlung in Wiesbaden). 1113 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 

Pag. 

Bericht über die Verhandlungen der Section für Dermatologie und 
Syphilis auf der 59. Versammlung deutscher Naturforscher und 


Amte zu Berlin vom 18.—14. September 1886 . 179 

Vaccinationslehre... 327, 793, 1159 

Venerische Krankheiten.357, 598, 967, 1119 

Hautkrankheiten.545, 994 


Boehaazeigea und Besprechungen .220, 627, 831, 1190 

Varia .233, 426, 630, 832, 1203 


Register fflr den Jahrgang 1887. 


Antoren-Begister . 1204 

Sach-Register. 1209 


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Originalabhandlungen 


Vierteljahresschrift l Dermatol, u. Syph. 1887. 


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Feber chronische Quecksilberbehandlung 

der Syphilis. 

Von 

Prof. J. Caspary in Königsberg. 


Die Frage nach der besten Behandlung der Syphilis ist in 
demselben Grade eine offene, als sie vielbesprochen ist. Im gegebenen 
Falle sehen wir fast immer mit Buhe der Heilung der vorhandenen 
Symptome entgegen, aber wir blicken mit Unsicherheit in die 
Zukunft des Individuums. Bei dieser Unsicherheit, wie sie sich 
grell genug in der allerorten wechselnden Therapie ausspricht, 
muss ja eine Methode allgemeine Aufmerksamkeit erheischen, die 
man gegenüber der früher allein üblichen und wohl auch jetzt 
noch meist üblichen, als eine causale, antidotische, radicale Cur 
der symptomatischen gegenüberstellen kann. Man nennt sie ge¬ 
wöhnlich die Fournier’sche Cur, obgleich die Amerikaner (van 
Buren und Keyes) vielleicht noch früher mit jahrelanger, selbst 
ununterbrochener Darreichung von angeblich kleinen Quecksilber¬ 
dosen (4—7 Centigr. Protojoduret täglich) vorgegangen sind. Bei 
dem diesjährigen Congress für innere Medicin in Wiesbaden waren 
die Gegensätze durch die Herren Kaposi und Neisser vertreten. 
Gegenüber der besonderen Energie, mit der Neisser die Noth- 
wendigkeit chronischer Quecksilberbehandlung im Sinne Fournier's 
betonte, verhielt sich Kaposi wohl ablehnend: bei Abwesenheit 
von Symptomen halte er jede Cur für überflüssig, wozu gegen 
Windmühlen kämpfen? Aber bei der auch von ihm angenommenen 
Unschädlichkeit chronischen Quecksilbergebrauchs bei vernünftiger 

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Ueberwachung bat Kaposi nichts gegen eine gelegentliche Wieder¬ 
holung einer Cur in den ersten Jahren einzuwenden. 

Anfangs 1884 haben Neisser uud ich in der deutschen 
medicinischen Wochenschrift in gegensätzlicher Weise über die 
vorliegende Frage uns ausgesprochen. Für Neisser war damals 
seiuo Parteinahme für Fournier's jahrelange iutormittirende 
(Jueeksilber-Jod-Bebandlung hervorgegaiigeu aus seiner Uebcrzeu- 
gung von der bacteriellen Natur des syphilitischen Giftes. Nun, 
seitdem hat die baeteriologische Forschung nicht goruht, lind vor¬ 
aussichtlich wird in nicht langer Zeit das specitiscbe Bacterium 
erkannt sein. Für diese nicht ferne Zeit wie für heute, glaube ich 
aufrecht erhalten zu können, was ich vor zwei Jahren Neisser 
erwiederte. Das Verfahren Fournier's ist erdacht und ausgeführt 
worden, als die parasitäre Natur des Leidens noch gar nicht dis- 
cutirt wurde, und als Fournior wohl ebenso wie fast allen An¬ 
deren eine solche Vorstellung unfassbar erschien. Ich glaube nicht, 
dass es für uns Mercurfreunde von so wesentlichem Belange ist, 
ob ein chemisch oder corpusculär wirkendes Agens die Symptome 
der Lues horvorruft. Wir gebrauchen den Mercur als ein Mittel, 
die Symptome schwinden zu machen; wir wissen, dass das Schwin¬ 
den der Symptome nicht gleichbedeutend ist mit Genosuug; wir 
nehmen nahezu alle mit Virehow die Latenz giftiger Substanz 
in Drüsen oder anderen Verstecken an. Ob diese Substanz ba- 
cillär ist oder nicht, ihre Erreichbarkeit uud günstige Beein¬ 
flussung scheint mir darum nicht mehr geklärt zu sein, und ich 
denke, Fournier’s Cur passt gleichmässig auf jede theoretische 
Vorstellung von dor Natur des latenten Giftes. Hervorgegaugen ist 
die Cur jedenfalls aus klinischer Beobachtung. 

Aber sehen wir doch, welche Erfahrungen Fournier zu 
seiner Methode der Behandlung geführt haben. Meist wird auge¬ 
geben, Fournier habe gerade nach gering oder gar nicht, behan¬ 
delten Fällen Gehirnsyphilis oder ähnlich Fuuestes eintreten sehen, 
daher seine lange Mcreurialisiruug. Dabei übersieht man das 
wichtige Glaubensbekenutuiss Fournior’s aus dem Jahre 1880: 
Oie nicljt oder nicht ausreichend behandelten Syphilisfalle führen 
fataler Weise stets zu schweren Tertiärformeu. Mit solcher Pro¬ 
gnose würde ich seine Therapie auch aeceptireu. Aber ich halte 
diese Prognose für falsch; ausser den Boiulectionen bei anders 


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Chronische QuechsilbcrbHiarulliiiitf iler Syphilis. 


Behandelten — die icli für gar nicht so selten halte — spricht 
die Erfahrung alter Aerzte, fast würde ich sagen: jedes alten 
Arztes, dagegen. Zeissl, der 1864 dieselbe Prognose stellte wie 
heute Fournier und demzufolge für jeden Fall Quecksilberbo- 
handlung als absolut nothwendig empfahl, rieth 1882 den Morenr 
möglichst zu meiden. — Siegmund, dessen Hauptruhmestitel 
die Einführung milder Schmiercureu war, rieth am Ende seines 
vielerfahrenen Lebens, nur zwei Fünftel aller Syphilitischen mer- 
euriell zu behaudoln, weil nur soviel der Behandlung bedürftig 
seien. — Diday bekämpft des jüngeren Fournier’s Lehren auf 
das energischeste. Sehr instructiv ist die in dem jüngst erschie¬ 
nenen Ruche Diday’s enthaltene Tabelle über Fournier's Wand¬ 
lungen. 1858 von Ricord übernommon, sechs Monate Mercur, 
dann drei Monate Jod. Dies ist die Medicatiou, die in der enormen 
Mehrzahl der Fälle genügt, das Gift wirklich zu lieutralisiren. 
1873. Nach zwölfjährigen Erfahrungen an Tausenden von Kranken 
die bekannte Formel der zweijährigen intermittirenden suceessiven 
Behandlung mit Mercur und Jod. 1880. Es ist absolut falsch, 
dass zwei Jahre genügen; diese Behandlung ist heute durch zahl¬ 
reiche trostlose Resultate veruitheilt. Drei bis vier Jahre ener¬ 
gischer Behandlung, das ist das unerlässliche Minimum. — Nun. 
Fournier’s Landsleute haben ni<ht gewartet, bis der Meist» r 
weiter vorgeht. Martineau verlaugt noch ein fünftes Jahr auf 
alle Fälle; Denis Dumont unbegrenzte Fortsetzung der Be¬ 
handlung. 

Halten wir nun für einen Augenblick eine Umschau über 
die Gefolgschaft Fournier’s auf deutschem Boden. In dem neulichen 
Vortrage Neisser’s heisst es, dass es in der gummösen, späten, 
tertiären Periode stets irreparable Störungen seien, die zu Stande 
kämen. Für den klinischen Verlauf trifft dies doch nicht zu! — 
Bockhart räth zu prolongirteu Cnreu. Aber or betout einmal, 
dass er meine (1884 ausgesprochenen) Bedeukeu über die Gefahren 
dauernder Quecksilberzufuhr zum Blute durchaus beachtet. Und daun 
räth Bockhart, ja nicht nach der.von Fournier gewollten un¬ 
geheuerlichen Weise vorzugehen, soudern seltener und viel weniger 
Mercur zu geben. — Finger bekennt sich ebenfalls zu Fournier's 
chronischer Behandlung, aber offenbar sind seine therapeutischen 
Anschauungen von denen Fournier’s ganz verschieden. Finger 

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Caspar y. 


folgt ganz der Lehre Zeissl’s; er lässt unter eventuellem Gebrauche 
von Jod die Secundärsymptome sich involviren, und gibt Mercur 
nur, wo er sonst nicht auskommen zu können glaubt. Ihm ist 
das Quecksilber kein nothwendiges Antidot; er wünscht für alle 
Fälle spontanen Ablauf; trotzdem räth er, durch zwei Jahre öfter 
kleine Quantitäten Quecksilber. —Unna, der 1881 rietb, ein bis 
zwei Jahre lang Zinkquecksilberpflastermull ununterbrochen anf- 
legen zu lassen, hat in neuester Zeit auf die Möglichkeit hinge- 
wieseu, dass die angeblich syphilitischen Stricturen des Mastdarmes, 
deren Entstehung bisher ganz dunkel war, in eine Reihe zu setzen 
sein möchten mit den so häufigen Affectionen des Zahnfleisches, 
mit den selteneren dysenterischen Zufälleu während der Qucck- 
silberbehandlung. Nicht durch Syphilis, sondern durch Quecksilber 
erzeugte Mastdarmgeschwüre möchten die Ursache sein von Stric¬ 
turen. Es handle sich bei den näheren und ferneren Quecksilber¬ 
wirkungen um Reductionswirkungen, die das metallische, nicht 
genügend oxydirte Quecksilber hervorrufe; um Erweichung, Ulce- 
ration, Eiterung; besonders an den Stellen, wo gleichzeitig andere 
reducirende Processe vorhanden seien, so Mundhöhle und Dickdarm, 
in denen bei schlechten Zähnen, bei Coprostase Mikroorganismen 
reichliche Nahrung finden. — Unna gibt seine Auffassung mit 
einiger Reserve. Wenn seine Annahme richtig wäre, so existirte 
eine bisher ungeahnte und gefährliche Eiuwirkuug des Mercurs auf 
die Gewebe. Wie die Prophylaxe der Stomatitis längst geübt wird, 
so räth Unna zu entsprechendem Y'orgehen gegen das Rectum. 
Jedenfalls möchte der Dickdarm schwerer zugänglich sein. Aber 
wenn überhaupt so mächtige, reducirende Wirkung des Mercurs 
besteht, so wird sie auch an anderen Stellen sich äusseru, die 
irgend disponirt sind. 

Nun, dass subacute und chronische Quecksilbervergiftung 
Ulceration in den tieferen Theileu des Darmes hervorrufen kaun, 
unterliegt keinem Zweifel. Dafür sprechen ausser deu gelegent¬ 
lichen Beobachtungen am Menschen die experimentellen Befunde 
von Overbeck, Heilbronu, v. Mehring. Die Erklärung durch 
Reductionswirkuug scheint mir kaum acceptabel. Mau beobachtet 
die Geschwürsbildung auch nach Einführung des Oxydsalzes und 
es wird ja jetzt ziemlich allgemein angenommen, dass alles in 
den Orgauismus aufgenommene Quecksilber in Form von Sublimat 


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Chronische Queikstlberbehandlung der Syphilis. 


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im Blute und deu Gewebssäften circulirt. Oxydsalze können aber 
niemals reducirend wirken. Doch selbst wenn metallisches Queck¬ 
silber oder Oxydulsalze im Organismus kreisen würden, müsste 
man annehmen, dass die minimalen Sauerstoffmengen, welche zu 
ihrer vollständigen Oxydation erforderlich wären, überall dispo¬ 
nibel sind. Man könnte hier ebenso wenig die schädigende Wir¬ 
kung auf die Sauerstoffentziehung zurückführeu, wie bei der 
Pbospborvergiftung. (Phosphor wirkt nach der heutigen An¬ 
schauung nicht reducirend, sondern oxydationshemmend. Wenn 
47 Procent C0 8 weniger nach denVersuchen von Bauer producirt 
wurden, so waren eben 45 Procent 0 weniger aufgenommen.) 

Entweder müsste man also auch hier, wie bei der Phosphor¬ 
vergiftung, eine specifische Einwirkung auf die Zellenfunctioneu 
und das Zellenleben annehmen. Oder mau könnte auf eine mecha¬ 
nische Erklärung zurückgreifen, wie sie jüngst Hans Meyer (im 
Archiv für experimentelle Pathologie) für die ähnlichen Erschei¬ 
nungen bei der Wismuthvergiftung vorgeschlagen hat. Danach 
sollen die Entzündungen, Ulcerationeu u. s. w. der Darmschleim¬ 
haut vorwiegend als Folge der Stase betrachtet werden, die durch 
die Ausiällung von Schwefelwismuth resp. Schwefelquecksilber in 
den Blut- und Lymphcapillaren gesetzt wird. Es würde sich daraus 
erklären, dass gerade an deu Orten, an denen SH 8 entwickelt 
wird, also im Munde und Dickdarm, der häufigste Sitz der Läsion 
zu finden ist. Um etwas näheres über diese Verhältnisse zu 
eruiren, habe ich mit meinem Freunde Minkowski einige Ver¬ 
suche an Hunden angestellt. Wir hofften durch die mikroskopische 
Untersuchung der ulcerirteu resp. durch Schwefelquecksilber 
schwarz gefärbten Stellen irgend eine Aufklärung zu erhalten. 
Einstweilen haben wir über die feineren Vorgänge noch nichts 
Bestimmtes ermittelt, die Untersuchungen sind nicht abge¬ 
schlossen. So viel aber haben auch diese Versuche gezeigt, dass 
die zwei bis drei Wochen fortgesetzte Einführung verhältniss- 
mässig kleiner Dosen von HgO (0 01 Hydrargyracetamid täglich 
subcutan injicirt) bei mittelgrossen Hunden — Dosen, welche das 
Allgemeinbefinden der Thiere anscheinend gar nicht alterirten — 
zu erheblichen Entzündungen imd Verschwärungen im Dickdarm 
führen können. 

Aber auf klinischem Gebieto will ich der ebenso neuen wie 

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kühnen Annahme Unna’s nicht näher treten. Freilich ist der 
Haupteinwand, den ich vor zwei Jahren gegen Fouruier’sche Cureu 
erhob, und der mich auch heute dagegen eiunimmt, das Bedenken 
gegen chronische Einverleibung von Quecksilberpräparaten. Die 
Ueberwachung des Mercurgebrauches beschränkt sich doch nur 
auf Verhütung von Stomatitis, Enteritis, sichtlichem Herunter¬ 
kommen des Organismus, aber schleichende Wirkungen, nicht 
augenfällige Umstimmungen der Gewebe und Säfte sind nicht 
controllirbar. Und wenn es sicher ins Gewicht fallt, dass Kaposi 
und Neisser bei Divergenz iu so vielen Fragen der Syphilis¬ 
behandlung eiuig sind iu der Ueberzeugung von der vollständigen 
Unschädlichkeit beliebig langen Mercurgebrauches, so kann ich 
für mich versichern, dass meine Collegen von der Königsberger 
Universität, die Herren Naunyn, Jaffe, Minkowski, die ebenso 
reich erfahren wie dem Studium der Pharmakologie besonders 
ergeben sind, ganz anders urtheilen, dass sie gleich mir dio pro- 
trahirte Quecksilberbehandlung für keineswegs gefahrlos halten. 
Ich will nochmals mein früheres Argument wiederholen, dass 
specifisch wirkende Arzneimittel — Chinin, Salicyl, Mercur — 
viel besser vertragen werden bei vorhandener Krankheit: Inter- 
mittens, Rheumatismus, Syphilisschub, denn in gesunder, anfalls¬ 
freier Zeit. Uud es liegt wohl der Gedanke nahe, dass wenn gegen 
die anzunehmenden Bacillen der Lues das Quecksilber wirksam 
ist, die Sporeu der Latenzzeit unzugänglich sein möchten für 
das Mittel. 

Doch grau ist alle Theorie, und wenn Neisser heute für 
die Therapie nicht mehr besonderes Gewicht legt auf die bacte- 
rielle Auffassung der Syphilis, so verweile ich nicht länger auf 
der theoretischen Furcht vor Quecksilberschädeu. 1884 sagte 
Neisser: Keine Statistik sei im Stande, die schwierige Frage der 
Syphilistherapie mit zweifelloser Sicherheit zu beantworten; 1886: 
Nur in der Statistik sei der Wog zu suchen, auf dem Klarheit 
zu schaffen sei. Nun bin ich in der zweifelhaft glücklichen — 
weil die beste Zeit und Arbeitskraft beanspruchenden — Lage, 
seit vielen Jahren neben specialistischer Tliätigkeit über eine 
grosse Familienpraxis zu dispouireu. Als ich Anfang 1884 meinen 
nachher publicirten Vortrag über Syphilisbehandlung in unserem 
Köuigsberger Verein gehalten hatte, meinten einige Collegen, ich 

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Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


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solle meine Erfahrungen über Spätlues nach symptomatischer 
Quecksilberbehandlung veröffentlichen. Ich sagte ihnen, das sei 
leider nicht nöthig. Zweifellos kommen bei der genannten Cur- 
methode schwere späte Zufälle hie und da vor, zumal bei Mangel 
an Schonung des Patienten, bei hereditärer Belastung, bei Ueber- 
anstrengung eines Organs, besonders des Gehirns. Eher sei es an den 
Anhängern Fournier’s nach vieljährigen Erfahrungen zu berichten. 
— Nach den Discussionen des Wiesbadener Congresses habe ich 
mich nun entschlossen, eine Zusammenstellung zu machen über 
von mir Behandelte nach langjähriger Beobachtung, zum Minde¬ 
sten nach solcher von zehn Jahren. Nächst der dadurch gegebenen 
Einschränkung leitete mich bei der Zusammenstellung von 100 
Fällen nur noch die Rücksicht auf genaue — oder doch bestem 
Wissen nach genaue — Kenntniss des Verlaufes. 

Die grössere Zahl der Fälle ist bis heute oder bis zum Tode 
dauernd unter meinen Augen gewesen; wo ich den Infectionsgang 
nicht von Anfang an beobachtet, die Behandlung nicht durchweg 
selbst geleitet habe, ist es jedesmal angegeben: so fallen einige 
der ersten Fälle noch in meine Studienjahre. — Einen Theil der 
Patienten habe ich nur von Zeit zu Zeit gesehen, weil sie hier 
nicht ansässig oder (nach Verheirathung oder aus anderen Gründen) 
nicht in meiner Behandlung geblieben sind. Ich glaube, die ange¬ 
führten Thatsachen vertreten zu können, nur dass die Jahres¬ 
zahlen an einigen Stellen nicht gauz die richtigen sein möchten. 
Kein Fall ist angeführt, in dem eine solche Unsicherheit von 
irgend welcher Bedeutung wäre. Wo von Inuuctions- oder Iujec- 
tionscuren die Rede ist ohne Zusatz, handelt es sich im Allge¬ 
meinen um etwa 30 Einreibungen (meist von 3 0 pro die) resp. 
30 Einspritzungen (meist 0 01 Sublimat pro die). 

Von drei Fällen von Reinfection, die ich 1876 in Nr. 7 der 
deutschen medicinischen Wochenschrift veröffentlichte, ist nur 
einer in die Tabelle aufgenommen, weil der damals erste früh 
verstarb, der dritte seit vielen Jahren ausser meiner Behandlung 
steht, übrigens anscheinend gesund von mir häufig gesehen wird. 
Ich berichte über drei andere Fälle, die ich alle in erster und 
zweiter Infection behandelt habe, bei denen allen nicht nur ein 
indurirtes Geschwür, sondern indolente multiple Drüsenschwellung 


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imd Roseola in der typischen Zeit eintretend die Reinfection be¬ 
wiesen. 

Am bemerkeuswerthesten erscheint mir das fast völlige 
Fehlen syphilitischer Nachkommenschaft, ausser bei unvernünftig 
früher Verheirathung oder gänzlicher Unterlassung aller Queck¬ 
silberbehandlung. Sehr abweichend ist die Beobachtung im Fall 
47, den ich auch veröffentlicht habe: Anscheinend erste Erkran¬ 
kung des Kindes im Alter von zwei Jahreu; sehr alte Lues des 
Vaters. Auffallend ist mir immer die häufige Kinderlosigkeit 
Inficirter gewesen, die auch in der Tabelle ihren Ausdruck findet. 

Die Zahl der tertiär Erkrankten ist leider nicht gering, der 
Erfolg energischer Curen nieist sehr günstig. Wo die syphilitische 
Natur eines spät nach der Infoctiou entstandenen Leidens 
zweifelhaft blieb, ist das jedes Mal uotirt. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

1 

Männl 

1832 

1856 

Gut. 

Neuro- 

pathisch 

belastet. 

Mehrere Rückfälle in den 
ersten Jahren. Von Anfang an 
von mir beobachtet; behandelt 
seit 1864. 

2 

Weibl. 

1837 

1856 

Gut. 


Durch zehn Jahre Rückfälle, 
einmal einseitige Periost. tibiae. 
In meiner Behandung seit 1868. 
Seit 1870 Mastdarmstrictur, die 
1886 zu minimaler Perforation 
in die Scheide führt. 

3 

M. 

1830 

1856 

Gut. 

— 

Durch mehrere Jahre Rück¬ 
fälle, von mir behandelt seit 
1868. 

4 

M. 

1826 

i 

i 

1856 

Srkvftrh- 

lick. 

Aus phthi- 
sischer 
Familie. 

Nach Angabe des zuverläs¬ 
sigen Mannes nur ein Geschwür, 
sonst nichts, von mir behandelt 
seit 1862; bei öfterer Untersu¬ 
chung nichts gefunden. 


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Original fru-m 

HARVARD UNIVERSITY 



Chrouiächc Quecksübcrbehaodlung der Syphilis. 


11 


Vier Patienten erkrankten an Tabes, zwei an allgemeiner 
Paralyse. 

Hundert Fälle von Syphilis — das ist ein Tropfen im Meere; 
überdies ist ihre Gruppirung in der Behandlung des Einzelnen 
rein zufällig. Ich unterlasse es daher, weitere Schlüsse zu ziehen. 
Ich brauche nicht besonders zu betonen, dass ich die Resultate 
meiner Behandlung nicht für die denkbar besten halte; dass ich 
nichts sehnlicher wünsche, als durch bessere Erfolgo Anderer 
belehrt und bekehrt zu werden. Nur müssten die nach Fournier Be¬ 
handelten durch noch längere Jahre beobachtet und freigeblieben sein. 
Es ist mir — trotz gegentheiliger Behauptung — nicht zweifelhaft, 
dass energische anfängliche Curen die Recidive hinausschieben, 
und ich habe meine auf Erfahrung begründete Befürchtung schon 
ausgesprochen, dass solche Recidive besonders schwer sein möchten. 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Bei jedem Rückfall 
Quecksilberpillen. 

Nein. 

Bis auf Muskelrheu- 
matismus, gute Ge¬ 
sundheit. 

— 

Anfangs Quecksil- 
berpill., dann kann) 
behandelt bis 1868. 
Seit 1870 mehrmals 
Inunctionscuren. 

Nie schwanger 
geworden, trotz¬ 
dem seit 85 Jah¬ 
ren Concubinat 
mit Nr. 3. 

Kräftig, von blühen¬ 
dem Aussehen. Be¬ 
schwerden die ge¬ 
wöhnlichen der 

M. Str. 


Mehrere Cnren mit 
Sublimatpillen. 

Nein. 

(Siehe Nr. 8.) 

Leidlich kräftig. 
Wenig progrediente 
Tabes seit 8 Jahren. 

— 

| Eine Pillencur. 

1 

i 

Ja, mit Nr. 5 
verheirathet. 3 sy¬ 
philitische, 3 ge¬ 
sunde Kinder. 

Gestorben 1876 an 
langjährig. Phthisis. 



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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 









12 


Caspar v. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

t/i 

.2 

% 

*§■5 

*-> •<—s 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

5 

W. 

1836 

unbe¬ 

kannt 



Wohlsein trotz Geburt und 
Stillen von syphilitischen Kin¬ 
dern, dann in der 4. Schwan¬ 
gerschaft sich schnell steigernde 
Erkrankung an Haut- und Kno- 
chengummata, vollständige Her¬ 
stellung innerhalb eines Jahres. 

6 

M. 

1830 

1858 

Gut. 

Gesunde 

Familie. 

Hartnäckigkeit des primären 
Geschwürs. Nach einem Jahre 
Ulceratinn in der Nase. Von 
Anfang an von mir beobachtet, 
behandelt seit 1860. 

7 

M. 

1830 

1860 

Gut. 

Ges. Farn. 

Durch sechs Jahre bei wüstem 
Lebenswandel Rückfälle, einer 
Cerebral. 

8 

M. 

1823 

1860 

Gut. 


In meiner Behandlung seit 
1865, vorher angeblich nur 
primäres Geschwür. 1865 ulce- 
rirendes, perforirendes Gumma 
des weichen Gaumens. Nach 
Vernarbung Obturator. 

9 

M. 

1834 

1860 

Gut. 

Ges. Farn. 

Im ersten Jahre papulöse 
Ausschläge. Nachher mehrfach 
verdächtige subsklerale Infil¬ 
trate. 

10 

M. 

1835 

1862 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

Nur im ersten Jahre Rück¬ 
fälle, 1875 Reinfection. Seit¬ 
dem jetzt erstes Recidiv: trok- | 
kene, rein cutane Infiltration 
um die äussere Harnröhrenmün¬ 
dung. 

11 

M. 

1826 

1862 

Scro- 

phulös. 


Viele Rückfälle in den ersten 
sechs Jahren. 


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HARVARD UNIVERSiTY 


I 


Chronische Qu^cltsilberbehandlunjj ilrr Syphilis. 


13 


Behandlung 


Mehrere energi¬ 
sche Schmiercuren. 
viel Jod. 


Verheirathet? 

Kinder? 


Gegenwärtige 

Gesundheit 


Veröffentlicht 


Ja. Siehe Nr. 4 Ganz gesunde Frau In der Berli- 
vorher. bis 1883, in wel- ner klin. Wo¬ 

chein Jahre sie weg- chenschrift 
gezogen. 1875, Nr. 13. 


Ja, seit 1865, 
Frau gesund, 

4 gesunde Kinder. 


Während des pri¬ 
mären Geschwürs 
hinter einander 
durch 5 Monate 
Quecksilber-Behand¬ 
lung ; bei dem Rück¬ 
fall sechswöehent- 
licbe Quecksilberbe¬ 
handlung. 


Vielfache Inunc- Ja, seit 18 Jah- 
tionscuren und viel ren, Frau gesund, 
Jod. kinderlos. 

Anfangs Pillencur, Ja, seit 17 Jah- 
1865 energische ren, Frau und 
Schmiercur und Jod. 2 Kinder gesund. 


Nur Jod durch 
3 Monate. 


Zwei Inunctions- 
curen bald nach 
einander; bei der 
Reinfection Inunc- 
tionscur. Durch 
30Tag. Jod. Jetzt Jod. 

Mehrere Inunctio- 
nen, viel Jod. 


Erkrankt 1880 an 
Tabes dorsalis. 
Gleich bei Beginn 
energische Schmier* 
cur ohne Erfolg; 
Tod 1884. 


Gute Gesundheit. 


Gute Gesundheit. 


Ja, seit 1868, 
Frau gesund, 
kein Kind. 


Verheirathet seit 
20 Jahren, 4 ge¬ 
sunde Kindervon 
1 bis 18 Jahren 


Vor der Infection 
gesundes Kind 
geboren, nach 
derselben ein 
Abort der Frau, 
die gesund blieb. 


Gute Gesundheit. 


Sehr nervös, wie er 
es von jeher gewe¬ 
sen. Mehrfach in 
den letzten 4 Jahren 
vorübergehende Me¬ 
lancholie. 

Starkes Emphysem, 
sonst gute Gesund¬ 
heit. 


In Deutsche 
med. Wochen¬ 
schrift 1876, 
Nr. 7. 


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14 


C a * f j r ▼. 


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* 9 

— W 

N 

c 75 

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co s 

9 — 

Hercditftt 

Verlauf 

12 

M. 

!*36 

1863 

Gut. 


Mehrere Ruckfalle innerhalb 
der ersten anderthalb Jahre. 
Zuletzt ein hartnäckiges Ulcus 
coronae 1864, wo ich den Pa¬ 
tienten zuerst sah. 1872 Ge¬ 
hirnlues. 

13 

M. 

1828 

1861 

Gut. 

Gichtische 

Disposi¬ 

tion. 

Durch vier Jahre Recidive an 
Haut. Schleimhaut, Periost. 
Seit 1868 kein Rückfall. 

11 

M. 

1830 

1861 

Gut. 

Ges. Fam 

Durch drei Jahre zum Theil 
schwere Recidive am Hoden 
und Kehlkopf. 

15 

M. 

1836 

1861 

Gut. 


Durch zwei Jahre mehrfache 

Recidive. 

16 

M. 

1811 

1861 

Gut. 


Durch drei Jahre Recidive; 
zuletzt eine Auftreibung des 
Stirnbeins. 

17 

M. 

1810 

1861 

Gut. 

— 

Ein Rückfall. 

18 

M. 

1832 

1861 

Gut. 

— 

Ein Recidiv 1866, 1886 (An¬ 
fang August) mehrere apoplec- 
tiforme Anfälle mit vorüber¬ 
gehenden Paresen. (Syphilis?) 


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Chronische Quecksilberbehandlung «1er Syphilis. 


15 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Mehrere mercuriale 
Cnren im ersten 
Jahre. 1864 gehäufte 
mercurielle Curen. 
1872 Heilung von 
Gehirnlues in 
Aachen. 

Ja, seit 1865, 3 
scrophulöse Kin¬ 
der, Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

In Deutsche 
med. Wochen¬ 
schrift 1884, 
Nr. 13. 

Viele Inunctions- 
curen, viel Jod. 
1868 Cur in Aachen. 

Ja, seit 1862, 6 
gesunde Kinder, 
das zweite ge¬ 
zeugt gleich nach 
der ersten Cur, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit, 
trotz öfterer Schübe 
von Gicht und Curen 
in Carlsbad. 


Mehrfache Inunc- 
tionscuren, viel Jod. 

Ja, seit 1869. 
Frau gesund, ein 
gesundes frflh- 
gestorbenes Kind. 

Heiserkeit zurück¬ 
geblieben, mehrfache 
Schübe von allge¬ 
meinem Eczem. 
Sonst gute Gesund¬ 
heit. 


Mehrere Male Inunc- 
tionen, zuletzt vor 
12 Jahren. (Siehe 
nächste Rubrik.) 

Ja, seit 1868, 
mehrfache Früh¬ 
geburten todter 
Kinder, Inunc- 
tionscur von 
Mann und Frau. 
Seitdem 3 ge¬ 
sunde Kinder, 
Frau stets gesund. 

Gesundheit gut. 

— 

Mehrere Inunc- 
tionscuren, viel Jod. 

Ja, Frau und 
Kind gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Zwei Innnctions- 
curen. 

Ja, seit 1860, 3 
gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Zwei Inunctions- 
curen, jetzt Jod und 
lnunction8Cur. 

Nein. 

Aelter aussehend, 
sonst gesund, bis 
zu den letzten 
Anfällen. 



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HARVARD UNIVERSITY 






1(5 


C a s p a r y. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jaln 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

. 

Verlauf 

19 

M. 

1834 

1865 

Gut. 

— 

Mehrfache Recidive in den 
ersten 2 Jahren, darunter Iri¬ 
tis simplex. 

20 

W. 

1842 

1865 

— 

— 

Durch drei Jahre Recidive mit 
Jod (nicht von mir) behandelt. 
Seither nichts. 

21 

M. 

1838 

1865 

Gut. 

— 

Im ersten Jahre mehrere 
Recidive. 

22 

M. 

1830 

1865 

— 

— 

Im ersten Jahre mehrere Re¬ 
cidive. 1884 gummöse Erkran¬ 
kung eines Hodens. 

23 

M. 

1830 

1865 

Gut. 

Ges. Fam. 

Im ersten Jahre mehrere Re¬ 
cidive. 

24 

M. 

1836 

1865 

Gut. 

Ges. Fam. 

Im ersten Jahre mehrere Re¬ 
cidive. 1880 kleine, vorwiegend 
cutanc Gummata am Hand¬ 
rücken. 

25 

M. 

1834 

1865 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

In den ersten zwei Jahren 
Recidive, 1872 Unterschenkel¬ 
geschwüre gummöser Natur. 

26 

M. 

1836 

1865 

Gut. 

— 

Mehrere Recidive bis 1866. 

27 

M. 

1843 

1866 

Gut. 

— 

Angeblich nur im ersten 
Jahre Symptome. 1875, wo ich 
ihn zuerst sah, Gummata an 
verschiedenen Stellen der Haut; 
seit zwei Jahren bestehend. 


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Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


17 


Behandlung 

Verheiratbet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Zwei Innnctions- 
cnren, viel Jod. 

Ja. seit 1868. 3 
gesunde Kinder, 
Fran gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Allem Anscheine 
nach nur Jod. 

Ja, Kinder alle 
hereditär syphili¬ 
tisch, Mann ge¬ 
sund geblieben. 

Gute Gesundheit. 

Berliner klin. 
Wochenschr. 
1875, Nr. 13. 

Mehrere Inunc- 
tionscuren. 

Ja. seit 1881, 
kein Kind, Fran 
leidet an altem 
Uterusfibrom. 

Gute Gesundheit. 


Anfangs 2 Inunc- 
tionscnren. 1884 
durch viele Monate 
Inunction and Jod. 

Ja, seit vielen 
Jahren, kein Kind, 
Fran gesund. 

Gute Gesundheit 
des schwächlichen 
Mannes. 


Eine Inanctionscar, 
mehrfach Jod. 

I 

Ja, seit 1882, 
Fran and Kind 
gesund. 

Bis 1884 ausser 
mehrfachen Schöben 
von Pemphigus 
gesund. 1884 Tod 
an Pneumonie. 


Im ersten Jahre 
Inanctionscar and 
Jod. Im Jahre 1880 
dieselbe Behand¬ 
lung durch lange 
Zeit. 

Ja, seit 1874, 

3 gesunde Kin¬ 
der, Frau gesund. 

Gate Gesundheit. 


Mehrere Inunctions- 
curen in den ersten 
Jahren. 4872 Inanc¬ 
tionscar and Jod. 

Ja, ein gesundes 
Kind, Frau ge¬ 
sund. 

Erkrankte 1877 an 
allgemeiner Para¬ 
lyse, der er nach 

2 Jahren erlag. 


Nach Pillencuren 
eine Inanctionscar. 

Ja, seit 1871, 
gesundes Kind. 
Fran gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

1866 Inanctionscar. 
1875 Inanctionscar 
(energisch). 

Ja, zweimal, 
kinderlos, beide 
Frauen ohne 
Infection. 

Gute Gesundheit. 

Deutsche med. 
Wochenschr. 
1877, Nr. 51 
und 52. 


Tierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887 . 2 


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HARVARD UNIVERSITY 








18 


C a s p a r y. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

28 

M. 

1844 

1866 

Gut. 

Ges. Farn. 

Im ersten Jahre Rückfälle. 
1870 Psoriasis palmaris et plan¬ 
taris. 1885 Athembeschwerden, 
zweifellos Druck auf die Aorta 
(Tumor? Gumma? Aneurysma?) 

29 

M. 

1840 

1866 

Gut. 

Ges. Farn. 

Zwei Rückfälle in den ersten 
Jahren. 

30 

M. 

1835 

1866 

Gut. 


Im ersten Jahre ein Reci- 
div. 1870 grauerbsengrosse 
Exostoses olecrani in der Haut, 
darüber drei grauerbsen- bis 
wallnussgrosse Hautgummata; 
mehrfach Drüsen indurirt. 

31 

W. 

1844 

1866 

Gut. 

Ges. Fam. 

Erste Cur 1866 (Inunctio- 
nen und Zittmann nicht von 
mir verordnet). 1868 Exostose 
der Ulna. 1875 Gumma der 
Nasenschleimhaut. 

32 

M. 

1840 

1866 

Gut. 

— 

Ein Rückfall verbunden mit 
einseitiger Faeialisparese. 

33 

M. 

1840 

1866 

Gut. 

— 

Ein Rückfall im ersten Jahre. 
1872 Gehirnsyphilis. 


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Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


19 


Behandlung 

VerheirathetV 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Im ersten Jahre 

2 Inunctionseuren. 
1870 Inunctionscur. 
18^(6 Inunctionscur 
und Jod. 

Ja, seit 1873, 

2 gesunde Kinder, 
gesunde Frau. 

Beschwerden und 
Dämpfung gering 
(trotzdem nach 

25 Injectionen 
Pleuritis mit 
grossem Erguss auf¬ 
getreten war). Bis 
zum Auftreten der 
Athembeschwerden 
gute Gesundheit. 


i Inunctionseuren. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Im ersten Jahre 

2 Mercurialcuren. 
1870 Jod- und 
Inunctionseuren. 

Ja, seit 1866, 
wo er die yon ihm 
Inficirte (Nr. 31) 
heirathen musste, 
2 hereditär- 
syphilitische Kin¬ 
der, 7 gesunde. 

Gute Gesundheit. 


(Siehe Rubrik ne¬ 
benbei.) 1868 Inunc- 
tionscuren. 1875des- 
gleichen. 

Ja, seit 1866, 
Abort, Ausge¬ 
tragenes, schnell 
an Gehirnabscess 
sterbendes Kind. 
Nächstes Kind 
hat 2 SchQbe 
von Haut- und 
Schleimhaut¬ 
syphilis, ist seit¬ 
her bis heute 
gesund und kräf¬ 
tig. Noch 7 ge¬ 
sunde Kinder. 

Gute Gesundheit. 

Berliner klin. 
Wochenschr. 
1875, Nr. 13. 

2 Inunctionseuren. 

Ja, seit 1876, 

3 gesunde Kin¬ 
der, Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

2 Pillencuren zu 
Anfang 1872. 
Aachen. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 




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HARVARD UNIVERSITY 











20 


C a s p a r y. 



Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 



34 

M. 

1838 

Unbe¬ 

kannt. 

Gut. 

— 

1866 Auftreibungen an bei¬ 
den Tibien. 



35 

W. 

1841 

1866 

Gut. 

Ges. Farn. 

Viele Recidiven während 6 
Jahre. 



36 

M. 

1838 

1866 

SrhȊrli- 

lirh. 

Phthis. 

Familie. 

1867 Recidiv, 1875 Hoden- 
gumma. 



> 

37 

M. 

1834 

Unbe¬ 

kannt. 

— 

— 

1866 amputirte ich galvano¬ 
kaustisch fast den ganzen Pe¬ 
nis; Diagnose des Epithelioms 
von Prot. Neumann bestätigt. 
1867 Choroiditis syphilitica. 
1869 Knochenauftreibung der 
Tibia. 



38 

M. 

1832 

1866 

Gut. 

Ges. Farn. 

Behandle ihn seit 1868. 
1874 Hautgummata der Unter¬ 
schenkel. 



39 

M. 

184!) 

1868 

Gut. 

Ges. Farn. 

Im ersten Jahre ein Rück¬ 
fall. 



40 

M 

1840 

1868 

Gut. 

— 

Recidiv nach einem Jahre. 



41 

M. 

1840 

1868 

— 

— 

1875, wo ich ihn zuerst sehe, 
Muskelgumma der Zunge. 












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HARVARD UNIVERSITY 



Chronische QuecksilberbeliamJIung der Syphilis. 


21 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 


Schmier- 

cur und viel Jod. 


Ja, 4 gesunde 
Kinder, gesunde 
Frau. 


Gute Gesundheit. 


Vielfache Curen Ja, seit 1872, Gestorben 1880 nach 
mit Inunctionen, kinderlos, Mann mehrjährigem Lei- 
Sublimatpillen, Jod. gesund. den an Phthisis. 


Jedesmal 

Inunctionscur. 


Ja, erste Frau im 
Wochenbett ge¬ 
storben, Kind todt, 
ohne Infections- 
zeichen-, in zwei¬ 
ter Ehe 3 ge¬ 
sunde Kinder. 
Frau gesund. 


Gute Gesundheit. 


1867, 1869 je eine 
Inunctionscur. 


Bis auf leichte Gicbt- 
anf&lle gute Gesund¬ 
heit. 


1874 Inunctionen Ja, seit 1870, 2 Gute Gesundheit, 
und Jod. gesunde Kinder. 


2 Inunctionscuren. 


2 Inunctionscuren. Ja, seit 1873, 

3 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 


Gute Gesundheit 
trotz wüstester Aus¬ 
schweifungen in 
Baccho et Venere. 

Gute Gesundheit. 


Nach Angabe an¬ 
fangs Zittmann, 
dann 2 Monate ho¬ 
möopathische Be¬ 
handlung. 1875 
Inunction. Jod. 


Ja, seit 1869, 

3 gesunde Kinder, 
gesunde Frau. 


Gute Gesundheit. 



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22 


C a s P a r y. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität I 

Verlauf 

42 

M. 

1842 

1868 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten zwei Jahren. 

43 

M. 

1842 

1868 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren. 

44 

M. 

1842 

1868 

Gut. 

Ges. Farn. 

Nur ein Recidiv nach sechs 
Monaten. 

45 

M. 

1840 

1868 

Gut. 

— 

Durch fünf Jahre öfter kleine 
Recidive. 1878 Relnfection 
mit Roseola, kein Ruckfall. 

46 

M. 

1847 

1868 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

Viele schwere Rcchfive von 
vorneherein (Iritis, Sarcocele.) 
1873 Gumma der Nasenknochen. 

47 

M. 

1840 

1868 

Gut. 


Behandle ihn seit 1872. 
Gumma des Tuber frontale 1881. 
1883 Ulceration der wahren 
Stimmbänder 1886. Gumma am 
unteren Femurende. 

48 

M. 

4844 

1868 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

Viele Recidive durch eine 
Reihe von Jahren. 1878 Rük- 
kenmarksyphilis. 

49 

M. 

1839 

1869 

Gut, 

— 

Im ersten Jahre mehrere 
Recidive. 

50 

M. 

1840 

1869 

Gut. 

Ges. Farn. 

Nur ein Recidiv nach einem 
Jahre. 

51 

M. 

1841 

1869 

Aller 

Spitzen- 

hatarrli 

— 

Erstes Recidiv 1874; zerfal¬ 
lende Papeln der Zungen¬ 
schleimhaut. 


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Original fro-m 

HARVARD UN1VERSITY 



Chronische QuecksHberbehamllung der Syphilis. 


23 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Inunctionscuren 
hier, 1869 in Aachen. 

Ja, kinderlos. 

Gute Gesundheit. 


Nur eine Inunctions- 
cur za Anfang, nach¬ 
her einige Male Jod. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Anfangs Pillencar, 
dann Inunctionscur. 

Ja, 4 gesunde 
Kinder, gesunde 
Frau. 

Gute Gesundheit. 

— 

Mehrfache Queck- 
silbercoren, viel Jod, 
1878 Inunctionscur. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Viele Curen. 1872 
viel monatliche 
Inunctionen und Jod. 

Nein. 

Leidlich gute Ge¬ 
sundheit. 

— 

Jod, mehrere Inunc- 
tionen 1886 Aachen. 

Ja, seit 1872, 
kein Abort., 2 Kin¬ 
der am Leben, der 
ältere Knabe ge¬ 
sund, der zweite 
erkrankte 2 J. alt 
an Condylomata 
lata im Schlund 
und Mundwinkeln. 

Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

Deutsche med. 
Wochenschr. 
1883, Nr. 31. 

Viele Mercurial- 
enren. viel Jod. 
Aachen. 

Ja, Anfangs sy¬ 
philitische Kinder, 
später 2 gesunde 
Kinder. 

Gutes Befinden bei 
etwas gehindertem 
Gange. 


2 Inunctionscuren. 

Ja, seit 1875, 

2 gesunde Kinder, 
gesunde Frau. 

Gute Gesundheit. 


2 InunctionBeuren. 

Ja, seit 1873, 

5 gesunde Kinder, 
gesunde Frau. 

Gute Gesundheit. 


2 Innnctionscuren. 

Ja, seit 1876, 

2 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 
Katarrh derselbe. 



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Original from 

HARVARD UNIVERSITY 












Nummer 

+3 

M 

o 

9 

2 

3 

00 

<l> 

o 

Geburtsjahr 1 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

52 

M. 

1840 

1869 

Gut.. 

Ges. Farn. 

1873 als erstes Recidiv Pso- 
nasis pnlmaris und plantaris. 

53 

M. 

1840 

1870 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren. 

54 

M. 

1844 

1870 

Gut. 

Ges. Farn. 

Kleine Recidive an Zunge 
und Hohlhand durch 3 Jahre. 

55 

M. 

1844 

1870 

Gut. 

Ges. Farn. 

Recidive mehrfach in den 
ersten Jahren. 1884 snbcutane 
Gumniata in einer Schläfen- 
gegend. 

56 

M. 

1848 

1870 

Gut. 

— 

Zwei Recidive innerhalb der 
ersten anderthalb Jahre. 

57 

M. 

1850 

1870 

Gut. 


In den ersten zwei Jahren 
mehrfach Recidive. 1886 Haut- 
gummata am Hinterhaupt. 

58 

M. 

1846 

1870 

Gut. 

Ges. Farn. 

Zwei Recidive im ersten Jahr. 
1817 Reinfection mit Roseola. 
Kein Recidiv. 

59 

M. 

1836 

1870 

Gut. 

— 

Zwei Recidive in den ersteu 
Jahren. Seit 1878 mehrfach 
Knochenauftreibungen. 

60 

M. 

1840 

o 

r- 

QC 

Phthi- 

sisch. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
nächsten Jahren. 

Gl 

M. 

1840 

1870 

Schwa¬ 

che 

alte 

Psoria¬ 

sis. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren, darunter zwei¬ 
mal acuter schmerzhafter Hy¬ 
drops beider Kniegelenke. 


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Original fro-m 

HARVARD UNIVERSSTY 





Chronische QuecksilberbehandluDg der Syphilis. 


25 


Behandlung 

Yerheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

i Inunctionscuren. 

Ja, seit 1876, 

2 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit 
1884. Fettherz, Tod. 

— 

Mehrere 

Inunctionscuren. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Inunctionscur, viel 
Jod, Inunctionscur. 

Ja, seit 1875, 
kinderlos, Frau 
gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Mehrere Schmier- 
curen, viel Jod. 

Ja, seit 1876, 

3 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 


2 Inunctionscuren. 
Jod. 

Ja, seit 1876, 
kinderlos, Frau 
gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Inunctionscur, 
SnblimatpiUen, Jod, 
1886. Injectionscur. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 


2 Inunctionscuren; 
in Anfang 1877 
Inunctionscur. 

Nein. 

1880 acute PhthiBis, 
Tod nach 9 Wochen. 

— 

Mehrere Inunctions¬ 
curen, viel Jod. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Mehrere 

Inunctionscuren. 

Concubinat, 
kinderlos, Frau 
gesund. 

Tod 1882 an Phthisis. 

— 

Mehrere 

Inunctionscuren. 

Ja, seit 1874, 
viele Aborte der 
Frau, die auf 
Uterinschw&cbe 
zu beruhen schie¬ 
nen, daun 

3 gesunde Kinder. 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 



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Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 









26 


C a s p a r y. 











l 



o 

• r-j 

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3 

M 

Z t 


s 

S3 

CQ 

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* 



O 

o 

C •<—> 
l-H 


62 

M. 

1838 

1870 


63 

M. 

1840 

1870 


64 

M. 

1841 

1870 


65 

M. 

1842 

1870 












66 

M. 

1847 

1871 












67 

M. 

1848 

1871 







68 

M. 

1848 

1871 







69 

M. 

1840 

1871 












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Gesundheit 
im letztere) 

Heredität 

Verlauf 

Gut. 


Ein Recidiv im ersten Jahre. 

Gut. 

Ges. Fam. 

Kein Recidiv. 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

Mehrere Recidive im ersten 
und zweiten Jahre, darunter 
Iritis. 

Gut. 

— 

Ein Recidiv in demselben 
Jahre. 

Gut. 


1872 Cerebrallues. Herstel¬ 
lung in Aachen. 1873 Cere¬ 
brallues, Verschlimmerung in 
Aachen. Seitdem bis heute 
schnell schwindende Anfälle 
von Muskelkrämpfen, Gedan¬ 
kenschwäche, sinnlosen Reden. 
Meine Beobachtung nur wenige 
Jahre alt, aber unterstützt 
durch sorgsamste Berichte des 
Arztes. 

Gut, 

Ges. Fam. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren. 

Gut. 

— 

Ein Rückfall im Verlaufe des 
ersten Jahres. 

Gut. 

Ges. Fam. 

Kein Recidiv. 1878 Hydro- 
ccle, nach d. Ablassen Schwel¬ 
lung am Nebenhoden gefunden. 
Wohl gonorrhoisch. 


Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 



Chronische Quecksilberbebandlung der Syphilis. 


27 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

i Innnctionscuren. 

Ja, seit 1874, 
Abort, schwere 
Parametritis, kein 
Kind, gesunde 
Frau. 

Gute Gesundheit. 

— 

1 Inunctionscur. 

Ja, seit 1874, 

4 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 


Mehrere 

Iounctionscuren. 

Ja, seit 1874, 
kinderlos, gesnnde 
Frau. 

Gute Gesundheit 
bis 1886, allgemeine 
Paralyse. 

— 

2 Innnctionscuren. 

Ja, seit 1873, 

3 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

(Siehe Rubrik 
vorher.) Später 
öfter gemachte 
Inunctionen, Jod, 
Zittmann anschei¬ 
nend wirkungslos. 

Ja, seit 1876, 
kinderlos, Frau 
gesund. 

Seit zwei Jahren 
Djabctes, Carlsbad. 

Kräftig blühend 
aussehender Mann 
in voller Thätigkeit, 
die durch die An¬ 
fälle vorübergehend 
unterbrochen wird. 


Mehrere Innnctions¬ 
curen, viel Jod. 

Ja. seit 1876, 
kinderlos. 

Gute Gesundheit. 

— 

2 Innnctionscuren. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

1 Inunctionscur, 
1878 Jod. 

Ja, seit 5 Jahren, 
t gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 


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Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 













28 


C a s p a r y. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 


70 

M. 

1838 

1871 

Gut. 

— 

Kein Recidiv. 


71 

M. 

1846 

1871 

Blass, 

kräf¬ 

tig- 

Ges. Farn. 

Recidiv im ersten und im 
zweiten . Jahre, ein drittes 
2 Jahre später. 1878 Gumma 
der Nasenschleimhaut und Kno¬ 
chen, Ozaena. Ausstossung 
kleiner Muschelstöcke. Heilung 
in Aachen. 1881 Magenleiden, 
sich steigernd trotz Diät und 
Carlsbader durch Monate. Er¬ 
brechen einige Stunden nach 
der Mahlzeit, jedes Mal auf 
Druck der Magengegend, bei 
Aufrichten im Bett, bei Drehen 
des Kopfes, besonders nach 
links; beim Umhergehen leichtes 
Schwanken nach rechts. 


72 

M. 

1842 

Unbe¬ 

kannt 

Gut. 

Ges. Farn. 

Gonorrhöe 1871, bald Bubo, 
der geöffnet zur feinen Fistel 
führte. Nach einigen Monaten 
intermittirendes Fieber, dann 
massige Infiltration hinter dem 
ligamentum Poupartii der 
Fistelseite. Nach Wochen cen¬ 
trale Erweichung mit deutli¬ 
cher Luftansammlung ohne 
Gangrän, ohne Darmerkran¬ 
kung. Breite Incision, Entwei¬ 
chunggeruchloser Luft. Schnelle 
Besserung, Fistel und Infiltra¬ 
tion schwinden in Kreuznach. 
1876 dysenterischer? Anfall. 
Gleich danach colossale Pa¬ 
pillome um den Anus nach 
deren Wegräumung (Chloro¬ 
form, Paquelin) typische syphi¬ 
litische Mastdarmstrictur, die 
allmälig zu Marasmus und Per¬ 
foration in die Blase führt. 





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Original fro-m 

HARVARD UMIVERSITY 



Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


29 


Behandlung 

Verheirathet ? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

1 Inunctionscar. 

Ja, seit 1875, 
kinderlos, Frau 
früh ohne Infec- 
tion gestorben. 

1880 Tabes. 

1881 Tod. 

— 

Inunctionscur za 
Anfang. Inunctions- 
cur im zweiten 
Jahre Jod and Injec- 
tionscur im vierten 
Jahre. 1879 
Aachen. 1881 viel- 
monatliche Inunc- 
tionen und Jod. 

Ja, seit 1876, 

4 gesunde Kinder, 
1 zweites acht 
Tage alt, an Ic¬ 
terus gestorben. 
Section ergab 
nichts specifi- 
sches; Fran sehr 
schwächlich, 
sonst gesund. 

Gesund, kräftig, 
blass, wie von je her. 


1876 Inunctions¬ 
cur mit kleinen 
Dosen, die ver¬ 
schlimmernd 
wirken. Darauf 
grosse Dosen durch 
viele Wochen; 
Besserung. In den 
nächsten Jahren 
Inunctionscuren 
in Kreuznach und 
Kolberg (statt 
Aachen). 

Ja, seit 1878, 

8 gesunde Kinder 
mit leichter 
Scrophalose. 
Frau gesund. 

Tod 1883. 



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Original from 

HARVARD UNIVERSITY 











30 


C a s p ü r y. 


Nummer 

Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

73 

M. 

18>6 

1871 

Gut. 

Ges. Fa in. 

Ein Recidiv nach */ 4 Jahren. 

74 

M. 

1836 

1871 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren. 

75 

M. 

1847 

1871 

Gut. 

Ges. Farn. 

2 Recidive bis zum Mai 1872. 

76 

M. 

1846 

1872 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere kleinere Recidive 
in den ersten Jahren. 1880 
Gummata der Kopfhaut. 

77 

M. 

1837 

1872 

I’olalor. 

Ges. Farn. 

Anfangs kein Recidiv, 1876 
Hüdcngummata. 

78 

M. 

1856 

1872 

Gut. 

Ges. Farn. 

Nach drei Monaten Recidive. 
*/ 4 Jahre später Cerebrallues. 

79 

M. 

1836 

1872 

Gut. 

Ges. Faui. 

Prodromal, viel Schwindel, 
noch im ersten Jahre Iritis, 
Cerebrallues; zwei Jahre da¬ 
nach leichteste Symptome. 

80 

M. 

1846 

1872 

Gut. 

Ges. Farn. 

Seit 1876 in meiner Beob¬ 
achtung. Anfänglich 3 Monate 
lang homöopathisch behandelt, 
1876 zerfallende Gummata der 
Kopfhaut. 

81 

M. 

1846 

1872 

Gut. 

— 

Kein Recidiv. 

82 

M. 

1850 

1872 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrfache Recidive bis 1878, 
alle leicht. 1879 Schwindel ver¬ 
dächtig. 


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Original fro-m 

HARVARD UN1VERS1TY 



Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


31 


Behandlung 

Verheirathet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

2 Inunctionscuren. 

Ja, seit 1874, 

3 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gutes Befinden, 

— 

2 Innnctionscuren, 
Jod. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

t Inunctionscuren, 
dazwischen Subli- 
mat-Chlornatrium- 
lösung innerlich 
und Jodkali. 

Ja, seit 9 Jahren, 
2 gesunde Kinder. 

Gute Gesundheit. 

' 

Anfangs Inunctions- 
cur. Jod, 1880 das¬ 
selbe. 

Ja, seit 1883, 

1 gesundes Kind, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

1872 and 1876 je 
i Inunctionscnr. 

Nein. 

1880 im Delirium 
gestorben. 

— 

1872 2 Inanctions- 
euren, 1873 Aachen. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Inunctionscnr hier, 
Aachen Jod. 

Ja, seit 1866, 
Kein Kind. Seit¬ 
dem aber Abort, 
Erkrankung der 
fötalen Placenta. 

Impfung der 
Frau mit Eiter 
Ton condyl. lat. 
gelingt nicht. 

Gute Gesundheit 
seit 1875. 

Viertel¬ 

jahresschrift 

für 

Dermatologie. 

1875. 

Seite 446. 

1876 Inunctions- 
cur, Jod. 

Ja, seit 1879, 

2 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Innnctionscor. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

_ 

Mehrfache Inunc- 
tionscuren, Subli- 
matpillen. 1879 In- 
jectionscur. 

Ja, seit 1883, 

2 Todtgeburten. 

Gute Gesundheit. 



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Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 














Geschlecht 

Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 

im letzteren 

Heredität 

Verlauf 

M. 

1842 

1873 

Gut. 

Ges. Fam. 

Im ersten Jahre Recidiv. 

M. 

1844 

1873 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidivc in den 
ersten Jahren. 

M. 

1854 

1873 

Gut. 

Ges. Fam. 

Mehrere Recidive in den 
ersten zwei Jahren. 

M. 

1846 

Unbe¬ 

kannt. 

Gut. 

Ges. Fam. 

Ich fand ihn 1874 mit Pa¬ 
peln der Haarstirngrenze, keine 
Drüsenschwellung mehr u. 8. w. 
1876 Auftreibung des Nasen¬ 
rückens. 1877 verdächtiger 
Schwindel. 

W. 

1842 

Unbe¬ 

kannt. 

Gut. 

Ges. Fam. 

Ich fand 1882 seit zehn Jah¬ 
ren bestehende serpiginöse 
Unterschenkelgeschwüre. 

M. 

1846 

1874 

Gut. 

— 

Ein Recidiv. 

W. 

1846 

1874 

Gut. 

— 

Kein Recidiv. 

M. 

1843 

1874 

Gut. 

— 

Kein Recidiv. 

M. 

1841 

1874 

Gut. 

— 

Zwei Recidive. 1885 Reinfec- 
tion mit Roseola, Kein Re¬ 
cidiv. 

M. 

1840 

1875 

Gut. 

— 

Zwei Recidive innerh. zweier 
Jahre. 

M. 

1840 

1875 

Gut. 

— 

Kein Recidiv. 


le 


Original from 

HARVARD UNIVERSUM 













Chronische Quecksilberbehandlung der Syphilis. 


33 


Behandlung 


Verheirathet ? 
Kinder? 


Gegenwärtige 

Gesundheit 


Veröffentlicht 


Inunctionscur. Jod. 


i Inunctionscuren, 
viel Jod. 


2Inunctionscuren, 
Jod. 

Mehrfache Inunc- 
tionscuren, viel Jod. 


1881 Inunctionscur. 


i Inunctionscuren. 


Sublimatpillen. 

Inunctionscur. 


Inunctionscur. 

Inunctionscur, Jod, 
1885 Inunctionscur. 


i Inunctionscuren, 
Jod. 


Inunctionscur. 


Nein. 


Nein. 


eben erst 
verheirathet. 

Ja, seit 1879, 
erstes Kind 
stirbt an Hydro- 
cephalns aentus. 
2 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Ja, seit vielen 
Jahren, kinderlos, 
Mann gesund. 


Ja, seit 1880, 
Frau gesund, kin¬ 
derlos. 

Ja, seit Infection 
kein Kind. Mann 
siehe Nr. 90. 

Siehe Nr. 89. 

Nein. 


Ja, seit 1879, 

2 gesunde Kinder, 
Frau gesund. 

Ja, seit 1878, 

3 scrophulöse Kin¬ 
der, Frau gesund. 


Gut bis 1885, acute 
Tuberculose, todt. 

Seit 1885 Tabes. 
Inunctionen und 
Rehme nutzlos. 

Gute Gesundheit. 


Gute Gesundheit. 


Befinden der seit 
vielen Jahren von 
mir täglich gesehenen 
Frau vortrefflich. 

Gute Gesundheit. 


1885 käsige Pneu¬ 
monie, Tod. 


Gute Gesundheit. 
Gute Gesundheit. 

Gute Gesundheit. 

Gute Gesundheit. 


Deutsche med 
Wochschrift 
1877, 51 u. 52 


Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887. 


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Gck igle 


Original from 

HARVARD UNIVERSITY 









34 


C a > p ;i r y. 


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Nummer 

Geschlecht 

1 

| Geburtsjahr 

Infections- 

jahr 

Gesundheit 
im letzteren 

Heredität | 

Verlauf 

94 

M. 

1842 

1875 

Gut. 

— 

Fast unaufhörlich bis 1883 
schwere Recidive. 

95 

M. 

1841 

1875 

Gut. 

Ges. Farn. 

Mehrere Recidive in den 
ersten Jahren bis 1878. 

96 

M. 

1854 

1875 

Gut. 


Mehrere Recidive bis 1878. 

97 

M. 

1848 

1875 

Gut. 

Neurop. 

belastet. 

Ein Recidiv 1876. 

98 

M. 

1854 

1876 

Gut. 

Ges. Farn. 

Kein Recidiv bis 1883. Parese 
von Arm und Bein acut auf¬ 
tretend. 

99 

M. 

1830 

1876 

Gut. 

Ges. Farn. 

Recidiv 1877. 1884 Zungen- 
ulceration. Verdacht, dass Er¬ 
krankung der rechten Lunge 
1881 syphilitisch war. 

100 

M. 

1830 

1876 

Gut. 

Ges. Farn. 

Ein Recidiv 1877. 


Gck igle 


Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 




35 


Chronische Quefksilberhehandlung der Syphilis. 


Behandlung 

i 

L 

Verheiratliet? 

Kinder? 

Gegenwärtige 

Gesundheit 

Veröffentlicht 

Viel luunetionen, 
Jod. zweimal Aachen. 

Nein. 

Bis 1883, wo ich 
ihn zuletzt sali, 
kräftig aber fast nie 
frei von Zeichen der 
Syphilis. 


I 

Jedesmal Inunctions- 
1 cur. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

— 

Mehrere Inunc- 
tionscuren. 

Ja, seit 1885, 
kinderlos, Frau 
gesund. 

Gute Gesundheit. 

— 

Zu Anfang durch 

3 Monate Bluepills, 
bei Kecidiv 40 Ein¬ 
reibungen in Aachen. 

Coneubinat seit 
10 Jaliren. 
i gesunde Kinder. 
Frau gesund. 

Gute Gesundheit. 


Anfangs sorglose 
Scbmiercur, 1883 
energische Schmier- 
cur und Jod. 

Kben verheiratliet. 

Gute Gesundheit. 


Mehrere lnunc- 
tionscuren. 

Seit dein In- 
fectionsjahr Wit¬ 
wer. 

Gute Gesundheit. 


t Inunctionscuren. 

Nein. 

Gute Gesundheit. 

i 


• >* 
o 


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Original fro-m 

HARVARD UNIVERSITY 








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Gck igle 


Original from 

HARVARD UNIVERSITY 



Tuberculose der Haut und Schleimhäute.'» 


Von 

Prof. Dr. Ernst Schwimmer in Budapest. 


Das Verhalten des Lupus und seine Beziehungen zu den 
constitutionellen Erkrankungen wie zur Scrophulose und Tuber¬ 
culose, bildete in den letzten Jahren den Gegenstand eifriger 
histologischer und klinischer Studien, als deren Schlussfolgerung 
sich der Ausspruch: „Der Lupus ist eine locale Haut- 
tuberculose“, wie ein wissenschaftliches Axiom zu ergeben 
schien. Der vollgiltige Beweis für die Identität beidor Processe 
ist wohl nicht über allen Zweifel erhaben und die Autoren, welche 
den eben genannten Satz verfechten, stellen gerne die Sache so 
dar, dass gleichwie etwa das specif. Condylom und das Gumma 
syphiliticum auch nur Theilerscbeinungen ein und derselben Krank- 
beitsform bilden, ebenso der Lupus nur eine Abart, eine Form 
der Tuberculose darstelle. 

Allen dieser Auffassung entgegen gehaltenen Einwänden zum 
Trotz, welche zumeist vom klinischen Standpunkte gegen die volle 
Identität beider Erankheitsformen vorgebracht werden, haben blos 
zwei Momente oine unanfechtbare Bedeutung: Erstens dass im 
Lupusgewebe dieselben charakteristischen Bacillen vorgefunden 
werden wie im Tuberkel, und dass, wie namentlich Koch nach¬ 
gewiesen, die Culturen der Lupusbacillen mit denen der Tuberkel¬ 
bacillen ein ganz identisches Verhalten zeigen und zweitens, 
dass Impfung mit Lupusgewebe gerade so wie die mit Tuberkel¬ 
bacillen zu dem gleichen Endausgange, nämlich der künstlich 
erzeugten Tuberculose zu führen vermag. Diese Conclusionen sind, 
weil experimentell erhärtet, nicht umzustosseu, andere, weiter 

') Nach einem Vorträge, gehalten auf der Naturforscher-Versammlung 
in Berlin. 


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S c li v i in m e r. 


tragende Schlüsse erscheinen mir noch verfrüht, wie namentlich 
die Angaben Doutrelepont’s, Besuior's, Leloir's u. A., welche 
lupöse Kranke als für Lungeiituberculose besonders prädestiniit 
bezeichnen, worauf ich noch eingehender zurückkommen werde. 

Nicht allein die Bezeichnung, sondern auch der Begriff, den wir 
mit dem Worte Lupus verbinden, ist ein so prägnanter und klinisch 
festgestellter, dass die Diagnose des Lupus mit seltenen Ausnahmen 
keine wesentlichen Schwierigkeiten bietet; andererseits hat seit einer 
Keilie von Jahren die Präcisirung einer Krankheitsform, die wir als 
Hauttuberculoso bezeichnen, der Letzteren auch volle Selbst¬ 
ständigkeit zuerkannt, und es fragt sich nun; was sollen wir fortan 
unter der Bezeichnung „Hauttuberculoso“ verstehen, wenn selbe 
als Gattungsname für deu Lupus reclamirt wird? Denn es wird 
doch nicht rocht angeheu, den Begriff, den wir an das Krankheit— 
genus „Lupus“ kuüpfeu, ganz zu elimiuiren, den Lupus aus der 
Dermatologie zu streichen und dafür „locale Tuberculose der Haut“ 
zu setzen. Die Verwandtschaft dieser Processe mit Einschluss 
des Scrophuloderma gestattet noch keine Transmutation der Begriffe. 

Es ist wohl nicht am Platze, in einer Versammlung so aus¬ 
gezeichneter Fachmänner, eine nosographische Darstellung von 
der Tuberculosis cutis zu geben. Sie nllo kennen diese Affection 
und werden mir deshalb zugestehon, dass das klinische Bild dieser 
Erkrankung ein ganz anderes ist, als das des Lupus, und dass 
wir deshalb berechtigt sind, die Tuberculosis cutis klinisch von 
dem Lupus vollkommen zu trennen. 

Die Gründe, die für eine derartige Trennung sprechen, sind 
mehrfacher Art, ich will selbe im Einzelnen und in einer ge¬ 
wissen Reihenfolge kurz berühren. 

1. Die ungemeine Seltenheit der Hauttuberculose, 
die relative Häufigkeit des Lupus und die verschieden¬ 
artige Entwicklung beider Processe. 

Was die Seltenheit der Hauttuberculose im Vergleich zum 
Lupus betrifft, so sind mir diesbezüglich statistische Daten nicht 
bekannt. Ohne auf meine älteren Erfahrungen zurückzugreil'eii, 
will ich nur anführen, dass während innerhalb eines 1'/..jährigen 
Zeitraumes, d. i. vom Anfang Jänner 1885 bis Ende Juni 1880, 
90 Fälle von Lupus auf meiner Spitalsabtheilung in Behandlung 
standen, ich in der gleichen Zeitperiode blos 5 Fälle von origi- 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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närer Hauttuberculoso zu scheu Gelegeuheit hatte. Selbe raögeu 
wegen der besonderen Wesenheit der Erkrankuug hier iu Kurze 
folgen. 

I. Tuberculoses Geschwür der Anal- und Mastdarmschleim¬ 
haut; consecutive Darm tuberculose — Tod. N. N. f ein 42 Jahre alter 
Beamter, kam im Juli 1885 zur Aufnahme. Ein herabgekommencr, schwäch¬ 
lich aussehender Mann, von stetem Hüsteln geplagt, durch Nachtschweis>e 
im Schlafe gestört, bot er den Anblick eines tuberculösen Individuums, wie 
es auch die physikalische Untersuchung der Brustorgane bestätigte. Pat. 
kam wegen einer Mastdarmerkrankung ins Spital, die früher theils als Fistel, 
theils als Carcinom bezeichnet und fruchtlos behandelt wurde. Die Unter¬ 
suchung zeigte eine, von einem halbmondförmigen, gekerbten Bande umge¬ 
bene Geschwürsfläche, die nahezu vom Tuber isohii angefangen, sich in der 
Ausdehnung von circa 5 Ctm. Längsdurchmesser bis in den Anus erstreckte, 
eine wulstige Oberfläche von schmierigem Belage darbot, in deren Innen- 
raurn sich zahlreiche gelbliche Knötchen neben rothen Granulationen abhoben. 
Die Erkrankung war wegen der Localität ungemein schmerzhaft, die Defä- 
cation ging unter grossen Schwierigkeiten vor sich und die Digitalunter- 
suchung lehrte, dass der Sphincter externus theihveise gelockert und zer¬ 
stört war. Das Geschwürssecret zeigte ungemein reichliche Tuberkelbacillen. 
Pat. ging nach einem mehrmonatlichen Spitalsaufenthalte unter Erschei¬ 
nungen der chronischen Lungentuberculose und tuberculösem Ergriffensein 
des ganzen Darmtractes zu Grunde. 

II. Zungen- mit gleichzeitiger Lungentuberculose. Besse¬ 
rung des ersteren bei gleichzeitiger Verschlimmerung des All¬ 
gemein zustand es. S. G., ein 43 Jahre alter Arbeiter, kam am 3. Sep¬ 
tember 1885 zur Aufnahme. Er klagte über eine seit einem halben Jahre 
bestehende, auf der Zungenspitze vorfindliche Erkrankung in Gestalt eines 
beiläufig halbpfenniggrossen, schmutzig belegten, in die Tiefe sich er¬ 
streckenden, scharf ausgeschnittenen und kleine Ausbuchtungen darbietenden 
Geschwürs, in dessen Tiefe sich miliare Knötchen (Tuberkel) deutlich er¬ 
kennen Hessen, die in einer käsig-breiigen Gewebsmasse eingebettet waren. 
Bei theilweiser Entfernung der letzteren leichte Blutung und gesteigerte 
Schmerzhaftigkeit des ohnehin sehr empfindlichen Krankheitsherdes. Auf 
dem Zungenrücken rechterseits eine ähnliche, tief in das Muskelgewebe 
hinein reichende Geschwürsbildung, gleichfalls mit charakteristischen gelb¬ 
lichen, kleinen, stecknadelkopfgrossen Knötchen. Der mikroskopische Befund 
wies zahlreiche Tuberkelbacillen nach. Die weitere Untersuchung zeigte auch 
beginnende Lungentuberculose; während eines dreimonatlichen Spitalsauf¬ 
enthaltes verschlimmerte sich der Allgemeinzustand derart, dass trotz auf¬ 
fälliger Besserung des tuberculösen Zungengeschwüres auf Papayotinbeband- 
lung Pat. auf eigenes Verlangen entlassen, sich zu seiner Familie aufs Land 
begab. Ueber den späteren Ausgang wurde mir nichts bekannt. 


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S c h w i m m e r. 


III. Tuberculose der Wangen-, Rachen- und Kehlkopf- 
schleirahaut mit lethalem Ausgange. M. J., ein 35 Jahre alter 
Eisenbahnbeamter, kam am 23. December 4885 zur Aufnahme. Er bot das 
Bild einer floriden Tuberculose, litt seit drei Jahren an Hämoptöe, nächt¬ 
lichen Schweissen, heftigem Husten. Die Schleimhauterkrankung erstreckte 
sich vom Mundwinkel linkerseits auf die gleichnamige Wangenschleimhaut 
in der Ausdehnung eines Thalers. Die zackigen Ränder mässig infiltrirt, 
Geschwürsgrund theilweise speckig belegt, die schmutzig grauliche Ober¬ 
fläche drüsig, W'enig Secret absondernd; die Umgebung des ganzen Ge¬ 
schwürsrandes schmerzhaft, mässig geschwellt. Während eines zweimonat¬ 
lichen Spitalsaufenthaltes machte die Schleimhauterkrankung rapide Fort¬ 
schritte und erreichte in dieser Zeit eine solche Ausdehnung, dass der ge- 
schwürige Zerfall bis zu dem Gaumensegel und von da über das obere und 
untere Zahnfleisch sich erstreckend, die Zähne nahezu bis zu den Wurzeln 
freilegte. Der Kehlkopfspiegel zeigte analoge Erkrankung der Epiglottis 
und der hinteren Kehlkopfwand, welche durch geschwürigen Zerfall und 
Oedeme der Nachbarpartien nach siebenwüchentlichem Spitalsaufenthalte 
zu lethalem Ausgange führte. Die öfters vorgenommene Untersuchung des 
Geschwürssecretes zeigte zahlreiche Bacillen. Die Obdnction ergab univer¬ 
selle Tuberculosis. 

IV. Tuberculose des Zahnfleisches, der Lippen- und Wan¬ 
genschleimhaut. Lungcntuberculose mit lethalem Ausgange. 
L. S., ein 40 Jahre alter Diener, kam am 4. März dieses Jahres zur Auf¬ 
nahme. Vor mehreren Jahren hämoptoischen Zufällen unterworfen, fand 
sich zur Zeit dos Eintrittes deutliche Spitzentuberculosis. Die Schleimhaut* 
erkrankung bestand seit zwei Monaten, das Zahnfleisch des Ober- und 
Unterkiefers rechtsseitig dunkelroth injicirt, geschwellt; die Geschwürsränder 
mit einer käsigen Masse bedeckt, stellenweise in Gruppen vorfindliche, gelb¬ 
liche, miliare Knötchen, die in der gegenüberliegenden Wangenschleimhaut 
deutlicher zu Tage traten; Unterlippe, aufs doppelte verdickt, ragt wulstig 
hervor. Pat. klagt über grosse Schmerzen. Der locale Process macht unter 
unseren Augen rapide Fortschritte, linksseitige Unterkieferdrüscn schwellen 
mächtig an; das sie bedeckende Bindegewebe erscheint geröthet und die 
Gefahr einer Drüsenvereiterung liegt nahe. Lungenaffection macht gleich¬ 
zeitig weitere Fortschritte und Pat. ging nach einem dreimonatlichen Spitals¬ 
aufenthalte zu Grunde. Histologischer Befund wie oben. 

V. Tuberculose des L i p p e n r a n d e s und der angrenzenden 
Schleimhaut. M. J., eine 35 Jahre alte Lehrerin, kam am 5. April d. J. mit 
einer auf der rechtsseitigen Unterlippe bestehenden, circa haselnussgrossen 
Geschwürsbildung, die über das Lippenroth sich in die Schleimhaut hinein 
erstreckte, zur Aufnahme. Ein an genannter Stelle vor einem halben Jahre 
sich entwickelndes Knötchen, welches in der Heimat der Kranken mehrfach 
mit Aetzmitteln behandelt wurde, hatte schliesslich die genannte Ausdeh¬ 
nung des Uebels zur Folge. Bei dem Spitalseintritte war der erkrankte 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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Lippenrand mit einer ziemlich dicken Kruste bedeckt, unter welcher sich 
bei massiger Eiteransanunlung ein, gleich wie in den früheren Fallen ge¬ 
schilderter Substanzverlust auf käsigem Grunde darstellte, welche Erkran¬ 
kung auf die innere Schleimhautpartie übergreifend, sich zu einem einheit¬ 
lichen Bilde vervollständigte. Klinisch wird die Diagnose auf Tuberculosis 
gestellt, doch zeigte eine mehrfache Untersuchung des Wundsecrets im 
Eiter selbst keine Tuberkelbacillen. Pat. gestattete nicht, zum Zwecke mikro 
skopischer Untersuchung eine Geschwürspartie zu exstirpiren, um auch das 
Gewebe auf Bacillen untersuchen zu können und verliess mit wenig ver¬ 
ändertem Zustande nach vierwöchentlichem Aufenthalte die Anstalt. 

Sowie der Krankheitszustand, den wir als Hauttuberculo.se be¬ 
zeichnen, in Bezug auf die Seltenheit des Vorkommens zur Häu¬ 
figkeit des Lupus verglichen, jedem Kliniker auffällig erscheinen 
muss, so zeigeu sich auch Entwicklung und Gang beider Processe 
ganz verschiedenartig. In den ebeu angeführten, sowie den von 
mir beobachteten Fällen aus früherer Zeit, fand ich immer die 
Hauttuberculose als einen rasch iu Zerfall übergehendeu Process, 
ich konnte kaum in einem einzigen das Entstehen der Hauttuber¬ 
culose gleichsam vom ersten Ursprünge an, verfolgen. Ein Gleiches 
gilt von den meisten, vielleicht allen Beschreibungen jener Autoren, 
welche Fälle von Hauttuberculose veröffentlichten. Die älteren 
Fälle von Cb iari 1 ), Riehl*) (der einen auch mir bekannten Fall 
mittheilte), die aus jüugster Zeit von Hanot 3 ), Deschamps 4 ) 
(der an der Vulva primäre tuberculöse Ulceratiouen beobachtete), 
Hanse man u 5 )u.A.mitgetheilten betreffen immer die schon vorhan¬ 
denen tuberculösen Geschwüre. Finger 6 ) behauptet wohl iu der Lage 
gewesen zu sein, die Entwickelung tuberculöser Hautulcerationen 
aus kleinen, braunrothen, schuppenden Knötchen verfolgt zu haben, 
doch lehrt sein Fall, dass auch hier die tuberculöse Aftectiou 
nicht in der Cutis ihren Ursprung nahm, sondern dass die äussere 
Haut in Continuität von der schon ulcerirten Mundschleimhaut 
erst später ergriffen wurde. 

Wie ganz anders verhält sich nun der Gang der lupöseu Er- 

’) Wien. med. Jahrbücher, 1877, pag. 328. 

5 ) Wien. med. Wochenschrift, 188t. Nr. 44 u. 43. 

’) Bulletin de la soctett 5 m&licale des höpitaux, 1884, pag. 81. 

*) Annales de Dermatologie, 1883, pag. 310. 

4 ) Virchow’s Archiv, 1888. pag. 264. 

*) Med. Jahrbücher, Wien, 1883, pag. 120. 


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Schwimmer. 


krankuug. Der Lupus zeigt in Entwickelung und Verlauf stets ein 
äusserst langsames, ein chronisches Verhalten, die Knötchen- und 
Knotenaffection erhält sich ungemein lange in Permanenz, in sehr 
vielen Fällen anhaltend und weun es zum ulcerösen Zerfall kommt, 
braucht es dazu oft eine Reihe von Jahren. Ein solcher Gang ist 
überall zu beobachten, unter allen geographischen Breitegraden 
und aller Orten; man kann demnach nicht sagen, dass sich der 
Charakter des Lupus in einzelnen Ländern verschieden zeigt. 
Dieses augeführte Kriterium ist ein ganz wesentliches in der Ver¬ 
schiedenheit beider Processe liegendes, dessen Ursachen wir nicht 
ohne weiteres zu erklären vermögen, und uns nicht leicht gestattet 
von einer Identität beider Formen so ohneweiters zu sprechen. Dass 
schliesslich die lupöse Ulceration ein anderes klinisches Gepräge 
als die tuberculöse darbietet und bei letzterer die charakteristischen 
miliaren Knötchen fehlen, braucht nicht noch besonders hervorge¬ 
hoben zu werdeu. 

2. Das fast ausschliesslich primäre Vorkommen der 
T uberculose auf den Schleimhäuten, mit nachfolgendem 
Uebergreifen auf die allgemeine Decke, während sich 
der Ausbruch des Lupus zumeist umgekehrt verhält. 

Der Ausgangspunkt der Erkrankung ist bei der Tuberculöse der 
allgemeinen Decke fast ausnahmslos die Schleimhaut, beim Lupus 
vorzüglich die äussere Haut. Block 1 ) hat dies in einer Arbeit, die er 
auf Prof. Neisser’s Klinik ausführte, betreff des Lupus auch durch 
Zahlen erhärtet, da er unter 135 Fällen 89G Percent primären 
Hautlupus beobachtete und nur 10’4 Perceut primären Schleim¬ 
hautlupus. Würden wir eine ebensolche Statistik der Hauttuber¬ 
culosis kennen, so würde das Verhältuiss wahrscheinlich 98 Per¬ 
cent Schleimhaut und blos 2 Percent reiner Hauttuberculosis sein. 
Nach meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen müsste ich 
das blosse Vorkommen der Tuberculöse auf der allgemeinen Decke, 
ohne dass die benachbarte Schleimhaut mit afficirt wäre, voll¬ 
kommen leugnen. Ich selbst habe unter zehn bisher genau ver- 
zeichneten Fällen von Hauttuberculose, innerhalb dreier Jahre 
keinen einzigen gesehen, der nicht von der Schleimhaut ausge- 


l ) Vierteljahrsclirift f. Dermatologie» 1886. 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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gangen wäre. Es muss nicht gerade die Mundschleimhaut sein, 
wie dies Chiari behauptet, es können auch die Mastdarmschleim¬ 
bant (Fall 1 meiner Beobachtungen), die Naseusclileimhaut, die 
Vulva den Ausgangspunkt der Erkrankung bilden. Dass der Lupus 
aber die Schleimhäute in den meisten Fällen verschont, oder 
in zahlreichen Fällen wio beim Lupus der Extremitäten in 
weiter Entfernung von einer Schleimhautpartie auftritt, ist eine 
bekannte Thatsache. Der Fall VidalV), der sich auf ein tuber- 
culöses Individuum bezog, das auf der Haut der Brust zwei 
erbsengrosse Knoten darbot, welche als Tuberkelknoten diaguo- 
sticirt wurden, gehört vielleicht mit dem Hanot’s (s. o.), der am 
Handgelenke eiue tuberculose Hautaffection beobachtete, zu den 
seltenen Ausnahmen. 

Eine Tuberculose der Schleimhaut bei vollkommen iutacter 
Haut ist die Regel und das Mitergriffensein der äusseren Decke 
erfolgt dort, wo die Erkrankung sich au einer Hautgrenzo eta- 
blirt — anders beim Lupus, denn eine lnpöse Erkrankung 
der Schl eimhaut allein kommtsehr selten vor und in diesem 
Gegensätze liegt ein nicht zu unterschätzendes, wichtiges differen¬ 
tielles Moment. Primäre Tuberculose der Zunge, des Pharynx, des 
Oesophagus (Eppinger*), Weichselbaum 5 ), des Kehlkopfes 
(Chiari und Riehl*) erscheint ganz ohne Mitbetheiliguug der allge¬ 
meinen Decke, während Ergriffensein analoger Schleimhautpartien 
durch Lupus ohne gleichzeitige Lupuserkraukuug der Haut nur ver¬ 
einzelt vorkommt, so dass derartige reine Schleimhauterkrankuugen 
mitunter kaum richtig diagnosticirt werden können. Fälle, wie der von 
Ziemssen 5 ), Chiari und Riehl, bei denen der Lupus im Larynx 
allein localisirt erscheint, ohne irgend welche Mitbetheiligung der 
Haut, sind in der Litoratur als ziemlich isolirto Beobachtungen zu 
bezeichnen. Letztere Autoren heben diesen Umstand auch hervor und 
beeilen sich in Anbetracht desselben den Unterschied zwischen Tuber- 
culose und Lupus des Laiynx eingehend zu begründen. Da an diesen 
Scbleimhautpartien die Differentialmomeute ebensolche sind wie 

') Scropbulose et Tuberculose, S. A., 1881. 

: ) Prager medic. Wochenschrift, 1881, 51—52. 

J ) Wiener med. Wochenschrift 1884, Nr. (J u. 1 . 

*) Vierteljahresschrift f. Dermatologie, 1882, pag. 663. 

’) Handbuch, IV. B., 1. 


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S c h w i di m e r. 


au den übrigen Schleimhaut- oder Hautpartien, so möge hier nur 
angeführt werden, dass diese Autoren betonen, dass „während bei 
der Tuberculose immer jene gelben oder weissen, in die Schleim¬ 
haut eingesprengten, miliaren Knötchen sich vorfinden“, selbe 
beim Lupus fehlen, dass ferner die tuberculösen Geschwüre sehr 
rasch um sich greifen, und fast nie vernarben, was beim Lupus 
nicht der Fall ist, dass also auch hier wesentliche Unterschiede im 
Gange der Erkrankung sich vorfinden. 

3. Die verschiedenartigen Einwirkungen der lupö- 
sen und tuberculösen Hauterkrankungen auf den Ge- 
sammtorganismus. 

Wenn man sich nur an die eine Thatsache hält, dass die 
Tuberculose leider eine so allgemein verbreitete und verheerende 
Krankheit ist, dass sie unter den zahlreichen Opfern Lupuskranke 
ebensowenig verschont, wie solche Individuen, welche nie an irgend 
einer Erkrankung der Haut gelitten haben, so darf die Aunahme 
der Lupus der Haut führe zu allgemeiner Tuberculose, nicht in einer 
so bestimmten Weise proclamirt werden, wie sich dies vou wohler¬ 
wiesenen Thatsachen behaupten lässt. In diesem Punkte sind viele 
Autoren entschieden zu weit gegangen. Meine nach dieser Rich¬ 
tung sorgfältig gesammelten Fälle gestatten mir wenigstens keine 
derartigen Schlussfolgerungen. So habe ich unter den angeführten 
90 Lupuskranken zwei Fälle au Lungentuberculose, einen an 
Spondylitis caseosa verloren, bei 10 Fällen konnte eine tuber- 
culöse Belastung ziemlich sicher constatirt werden und bei andereu 
15 deutliche Erscheinungen von ausgebreiteter Drüsenerkrau- 
kung (Scrophulosis); alle übrigen Lupuskranken zeigten ein 
bis auf die Hautafl’ection tadelloses Gesundheitsverhalten. Es 
waren also unter 90 und darunter auch sehr schweren Lupusfallen 
02 vollkommen gesunde Individuen, demnach über 68 Pörcent 
frei von tuberculöser Erkrankung oder hereditärer Belastung. 

Nun könnte man wohl eiuwenden, dass für diese angeführten 
Kranken die Beobachtungsdauer eine viel zu kurze sei, um daraus 
weittragende Schlüsse ziehen zu können. Dies veranlasste mich, 
aus den Protokollen meiuer Privatkranken auch einen anderwei¬ 
tigen Beitrag zu dieser Frage zu suchen. Bekanntlich stehen solche 
Kranke einer späteren Coutrole eher zur Verfügung, als die 
wanderlustigen Spitalspatienteu, und da fand ich aus den Jahren 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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1875 und 1876 unter 33 Lupuskranken, von denen ich 15 bis 
auf den heutigen Tag kenne, dass kein einziger derselben 
innerhalb des letzten Decenniums ausser mehr oder 
weniger starken Lupusnachschüben irgend welche 
Zeichen einer Tuberculose darbot; mit anderen 'Worten 
45 Percent solcher Kranken, welche vor zehn Jahren nur lupös und 
nicht tuberculös waren, blieben auch bis auf den heutigen Tag 
nur lupös krank. Was aus den anderen Patienten geworden, 
weiss ich nicht, da sie mir aus dem Gesichtskreis schwanden, ich 
kann mich daher nicht über sie äussern. 

Es fällt mir nicht ein, aus solchen Angaben weittragende 
Folgerungen abzuleiten, da wir vom rein wissenschaftlichen Stand¬ 
punkte es nicht unternehmen können, bei der Lösung solcher 
Fragen wie die vorliegende, das fluctuirende Krankenmaterial, wie 
es die Praxis in grossen Städten bietet, als die Basis einer abso¬ 
luten Beweisführung zu betrachten. Insolange wir jedoch keine 
congruenten Morbilitäts- und Mortalitätsstatistiken besitzen, (und 
dies Verlangen scheint ganz unerfüllbar) muss wenigstens den 
uns zu Gebote stehenden Daten eine gewisse Bedeutung zuerkannt 
werden. 

Es schwebt also noch ein gewisses, bis nun unaufgeklärtes 
Dunkel über dem Einfluss, den die Lupusbacillen auf den Orga¬ 
nismus ausüben und selben tuberculös machen können; ich glaube 
deshalb, nach meinen eigenen Erfahrungen, mit dem Satze: der 
Lupus erscheint überwiegend häufig als locales Uebel der Haut 
und nicht als eine constitutionelle Erkrankung, keinem Wider¬ 
spruche begegnen zu können. Inwiefern selber im befallenen Or¬ 
ganismus Tuberculose zu erzeugen vermag, ist ein Ding weiterer 
wichtiger Forschungen. 

Dass, im Gegensätze zu dem Vorhergehenden, die tuberculöse 
Erkrankung der Haut und Schleimhäute immer als der Ausdruck 
eines constitutioneilen Affectes anzusehen ist, geht daraus hervor, 
dass selbe sich gewöhnlich zu schon bestehender Tuberculose ge¬ 
sellt, andererseits kann sie auch als Vorläufer der sich später ent¬ 
wickelnden Allgemeinerkrankung angesehen werden und daun 
scheint die Localaffection die Eingangspforte für die naehherige 
Zerstörung der Constitution abzugeben. Nichtsdestoweniger kann 
die Tuberculose der Haut ganz ausnahmsweise auch als Local- 

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S f ti w immp r. 


affect erscheinen, der frühzeitig erkannt und behandelt, den ganzen 
weiteren Process zu eoupiren vermag. 

Nun bemühten sich die Partisane der ldeutitätslehre, auch 
dem Lupus die gleiche Dignität zu vindiciren. Dass Lupus eben¬ 
falls deletär zu wirken, und den Organismus allmälig zu unter¬ 
graben vermag, dafür sollen jeno Fälle zeugen, die vor einiger 
Zeit von Doutrelepont 1 ) und Ronouard*) veröffentlicht wurden. 
Ersterer sah bei einem früher gesunden Individuum, das an Lupus 
im Gesichte litt, tuborculöse Meningitis auftreten, die lethal en¬ 
digte, uud letzterer hat in seiner trefflichen Monographie mehrere 
Beobachtungen von Lupus angeführt, bei denen der Tod durch 
allgemeine Tuberculose erfolgte. Trotz der reichen Casuistik, die 
Renouard beibringt, können wir seine Beweisführung nicht ac- 
- ceptiren, ebensowenig wie die Schlussfolgerungen seiner Arbeit, 
welche lauten: le lupus est une tuberculose de la peau, il est une 

manifestation primitive de la diathöse tuberculeuse. 

et la tuberculose cutanee est une manifestation tertiaire de la 
diathese. — Wenn die Sache sich wirklich so verhielte, so wäre 
die Thatsache der durch Lupus veranlassten Tuberculisirung des 
Organismus schon längst casuistisch vielfältig erwiesen worden. 
Dieser Umstand wäre auch älteren uud scharfen Beobachtern auf- 
gefallen und die neuere Bacillenlehre hätte nur die Erklärung für 
diese Wahrnehmung zu bringen vermocht. Dass dies nicht geschah, 
ist nur ein Beweis für die Seltenheit solcher congruenter Zufalle. 
Meine Erfahrungen, die auf einen zwanzigjährigen Zeitraum zurück- 
reichen, lassen mich, abgesehen von den aus den oben angeführten 
Zahlen abgeleiteten Folgerungen, die sich auf eine jüngere Epoche 
beziehen, in der ich diese Frage mit grosser Sorgfalt verfolgte, 
derartige apodiktische Annahmen nicht ohnewegs gutheissen; es 
ist jedenfalls verfrüht, jetzt schon zu behaupten, der Lupus bilde 
die erste Etape zur späteren Tuberculose. Neisser 3 ) drückt sich 
noch ablehnender aus indem er sagt: der Lupus ist mehr eine 
locale Erkrankung und beeinträchtigt die übrigen Organe 
nach keiner Richtung. 


') Deutsche med. Wochenschrift, 1885, Nr. 7. 

*) Du Lupus et de ses rapports etc. Le Mans 1884. 
*) Ziemssen's Handb., XIV, I, pag. 604. 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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Dass zu einem bestehenden Lupus sich Tuberculose innerer 
Organe gesellen kann, ist nicht zu leugnen, dass selbe aber durch 
den Lupus direct bedingt würde, ist nicht leicht zu erhärten. Können 
die Tuberkelbacillen nicht auch auf andere Art in den Organismus 
gelangen, als durch das Medium der lupöseu Haut? Sind etwaige 
hereditäre oder anderweitige prädispouirendc Momente für solche 
Fälle ganz auszuschliessen? uud gesellt sich nicht Tuber¬ 
culosis zu allen möglichen Erkrankungen? — Gerade in letzter 
Zeit bot sich mir Gelegenheit, zwei Fälle leicht zu erhärten, deren 
Verlauf viel des lehrreichen darbot und auf den in ltede stehenden 
Punkt manches Licht zu werfen vermag. Selbe sind in Kürze 
folgende: 

K. M., ein lbjähriges Mädchen, kain am 20. Jänner 1886 wegen 
eines Knotenlupns im Gesichte zur Spitalsaufnahme. Pat. stand in früherer 
Zeit schon öfter in meiner Behandlung. Der seit ihrem achten Lebensjahre 
entwickelte Lupus, der jahrelang stationär blieb, wurde in den drei letzten 
Jahren öfter theils durch Auslöffelung, theils durch Pyrugallusbehandlung 
zur Besserung gebracht. Pat., massig genährt, angeblich von gesunden 
Eltern und aus einer Familie, in welcher Lungenaffectioncn nicht vorge¬ 
kommen waren, abstaimnend, zeigt keine Erkrankung der Brustorgane. Die 
Kranke hat einen serophulöscn Habitus, die Drttsenpaqucte dos Unterkiefers 
waren beiderseitig deutlich geschwellt. Die Hauterkrankung bestand aus 
einer die Nasenspitze bedeckenden, auf die Oberlippe übergehenden und 
die linke Wange in grösserer Ausdehnung occupirenden Knötchengruppe-, 
einzelne Narben innerhalb der frischen Erkrankung deuten auf eine vorau*- 
gegangene, analoge, doch der Heilung zugeführte Affection. Die Behandlung 
bestand in der Anwendung einer zehnprocentigen Pyrogallussalbe, mit 
nachfolgendem Quecksilberpflaster ui)d nach Vollendung dieser Cur in 
stellenweiser Cauterisation mit Lapisstift. Am 28. Februar, demnach vier 
Wochen nach dem Spitalseintritte stellten sich Fiebererscheinungen ein, 
Zeichen einer beginnenden Tuberculose gaben sich kund, schleimig-eitrige 
Massen, in denen reichliche Bacillen sich vorfanden, wurden expectorirt, 
zeitweilige stille Delirien gesellten sich zu starker Prostration und am 
o. März erlag die Kranke diesem Ucbel. Die Section ergab acute Lungen- 
tuberculose. 

Dieser Fall warf ein so starkes Licht auf die Coincidenz 
der früher bestandenen lupösen und der sich hiezu gesellenden 
tuberculösen Erkrankung, dass selber als schlagendes Boispiel für 
die neuen gangbaren Theorien angesehen werden könnte, hätte 
nicht der Zufall kurz darauf einen weiteren Fall unter meine Be- 


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S r h w i in m e r. 


obachtung gebracht, der die Conclusioneu aus dem eben genannten 
stark abzuschwächen geeignet war. 

F. M., ein 19jähriges gesundes Mädchen, kam am 6. März 1886 
wegen einer sehr diffusen Lupusaffection im Gesichte zur Aufnahme. Die 
Krankheit bestand seit dem achten Lebensjahre, war bisher ernstlich nicht 
behandelt worden und zeigte die Form eines auf beide Wangen, Stirne und 
die Nasenhaut sich ausbreitenden Knötchenlupus, bei dem die einzelnen 
miliaren Efflorescenzen an genannten Hautstcllen in grosser Anzahl zumeist 
isolirt sich vorfanden, ohne zu confluiren. Die Eltern der Pat. waren 
gesund, Tuberculose war in der Familie nicht vorgekommen. Nach der ersten 
energisch vorgenommenen Cauterisation einzelner Knötchen stellte sich 
Erysipel ein, das unter massigen Fiebererscheinungen blos auf das Gesicht 
beschränkt blieb und innerhalb sechs Tagen abheilte. Drei Wochen nach 
dem Spitalseintritte stellten sich heftige Fiebererscheinungen ein, das 
Thermometer hielt sich mehrere Tage hindurch auf 39'5—i0'5 und Antipyrin 
vermochte keinen dauernden Effect auszuüben. Nach achttägigem Fieber¬ 
zustande traten bei Erscheinungen eines Spitzenkatarrhs reichliche purulente 
Sputa auf, deutliche Dämpfung an der oberen Lungenpartie, Milztumor, 
hiezu gesellte sich ungemeine Prostration, Pupillendilatation, Abnahme der 
Hautreflexe und schliesslich totale Apathie. Die Diagnose schwankte zwi¬ 
schen Basilar-Meningitis und acuter Tuberculose trotz Mangels von Ba¬ 
cillen im Sputum; für die Annahme einer Typhuserkrankung boten sich 
weniger Anhaltspunkte. Der Puls wurde anhaltend klein, Pat. verweigerte 
durch mehrere Tage die Nahrungsaufnahme und als ich auf den lethalen 
Ausgang gefasst war, entstand eine linksseitige Parotitis, mit deren Zu¬ 
nahme sich das Allgemeinbefinden allmälig zu bessern begann. 

Pat. erholte sich allmälig, der Lungenkatarrh ging gänzlich zurück, 
Meningealerscheinungen, Parotitis gleichfalls. Mitte Mai konnte Pat. das 
Bett verlassen. Der Lupus war sowohl während des Erysipels, als auch 
während der Fiebererkrankung unverändert geblieben und wurde von da 
ab neuerdings behandelt. Ende Juni war Pat. vollkommen hergestellt und 
selbst das Hautleiden mittelst sehr befriedigender Narbenbildung zum 
Schwinden gebracht. 

Das einzige Kriterium in diesem Falle eine acute Tuberculose aus- 
zuschliessen, bildete das Fehlen der Bacillen in den reichlichen Sputis, im 
Uebrigen wäre die klinische Annahme dieser Miterkrankung schwer auszu- 
schliessen gewesen. 

Fälle wie die beiden eben erwähnten, können zu verschieden¬ 
artigen Schlüssen verleiten. Der erste Krankheitsfall bietet, wie 
bemerkt, viel Verlockendes: Lupus der Haut und consecutive 
Lungentuberculose in directen Connex zu bringen, doch zugegeben, 
dass selber die von anderon Autoren diesbezüglich angezogene 


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Tuberculoje der Haut und Schleimhäute. 


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Casuistik bereichern würde, bilden alle bisher nach dieser Rich¬ 
tung publicirten Fälle eine so geringe Ziffer für die Identitäts¬ 
lehre, dass man es für verfrüht bezeichnen muss, einzelne Beob¬ 
achtungen, die eine mehrfache Deutung zulassen, zu Gunsten einer 
bestimmten Auffassung verwerthen zu wollen. 

4. Das bacilläre Verhalten der lupösen und tuber¬ 
culösen Hauterkrankung. 

Dieses Moment ist für die Beurtheilung beider Processe 
ausschlaggebend gewesen und gilt als der Ausgangspunkt der ganzen 
uns beschäftigenden Frage. Nachdem die Bacillen des Lupus als 
mit denen der Tuberculose identisch erscheinen, wäre höchstens 
die Seltenheit ihres Vorkommens bei ersterer Affection in Betracht 
zu ziehen. Ist dies aber blos Zufall, dass alle Autoren darin über¬ 
einstimmen, dass man oft zwanzig bis dreissig Schnitte durch¬ 
mustern muss, bis man einen Bacillus findet, während bei jener 
Krankheitsform, die wir als echte Hauttuberculosis kennen, dev 
Befund der Bacillen ein so reichlicher und häufiger ist, dass selber 
in nichts von dem reichlichen Befunde der Bacillen in tuberculösen 
Sputis abweicht. Ich habe wenigstens in allen von mir gesehenen 
tuberculösen Hautgeschwüren diese charakteristischen Bacillen 
häufig und ohne viele Mühe in der Durchforschung der Präparate 
gefunden. Mit dem Befunde allein ist deshalb weder die Identität 
der Processe erwiesen, noch deren deletärer Einfluss auf den Or¬ 
ganismus. Die Analogie dieser Bacillenarten ist ja eine viel weiter¬ 
gehende. Besitzen nicht Lepra- und Tuberkelbacillen eine analoge 
Form, und sind die Krankheiten etwa identisch? Wohl werden 
die verschiedenen Färbungsmethoden als Kriterium bezeichnet, 
doch ist dieses Moment nicht allseitig acceptirt worden. 

Ich will gar nicht soweit gehen um zu fragen, ob der Lupus¬ 
bacillus wirklich derselbe Bacillus sei, wie der Tuberkelbacillus, 
oder ob nicht die grosse Aehnlichkeit beider zur Annahme der 
Identität führte. Aber, dass diese Frage nicht unberechtigt wäre, 
erhellt daraus, dass trotz der weit vorgeschrittenen Kenntnisse 
über die Natur der bacillären Erkrankungen, die speciellen Fach¬ 
forscher noch lange nicht die nothwendige Einmüthigkeit in der 
Beurtheilung der einzelnen Befunde bekunden und manch spätere 
Untersuchung die älteren Angaben ins Wanken brachte. 

Ich erinnere beispielsweise an den Leprastreit zwischen 

Vierteijahresscbrift l Dermatol, u. Syph. 1887. 4 


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Schwimmer. 


Unna und seinen Gegnern, an die bekannten Untersuchungen 
Lustgart en's und Doutrelepont’s betreff der Sypbilisbacillen 
und die Einwürfe gegen dieselben von Alvaroz und Tavel um 
zu betonen, dass alle Forscher die Aohnlichkeit zwischen Tuberkel- 
Lepra und Syphilisbacillen hervorheben, während doch alle diese 
Erkrankungen ganz differente Zufälle abgeben. Sehr bezeichnend 
ist der Ausspruch Cornil’s und Babes’ in ihrem trefflichen Lehr¬ 
buche‘) „La decouverte d’Alvarez et Tavel doit iuspirer la 
plus grande precaution aux histologistes, car on peut aussi con- 
fondre les bacilles du smegma avec ceux de la tuber- 
culose.“ Es bleibt demnach einer weiteren Forschung überlassen, 
ob die Aehnlichkeit der Befunde bei Lupus und Tuberculose auch 
die Identität zu bedeuton haben wird. 

Ein viel wichtigerer Einwand liegt für die Zusammenge¬ 
hörigkeit beider Krankheiten in den geglückten Impfresultatou, 
dass nämlich durch inoculirtos Lupusgewebe, Tuberculosis er¬ 
zeugt wurde. Es bleibt aber trotzdem auffällig, dass man niemals 
durch Impfung von Lupusgewebe auch Lupus erzeugen kouute. 
Wenn die Identität beider Processe so ausgesprochen wäre, so 
müsste mau nicht nur durch Lupus Tuborculoso, sondern durch 
letztere wieder künstlich Lupus erzeugen können. Da also weder 
Impfung von Tuberkel- noch von Lupusolementeu zum Entstehen 
des Lupus zu fuhren vermag, so fehlt für die gewünschte Schlies¬ 
sung der Kette ein Bindegliod, das gerade hier sehr bedeutungs¬ 
voll wird. 

Also auch bacteriologisch gesprochen, scheint die volle Iden¬ 
tität beider Erkrankungen keine über alle Zweifel erhabene zu 
soin, trotz der grösseren Coincidenz der Stützpunkte, welche durch 
die Bacterienbefunde geschaffen wurde, die bei weitem grösser 
sind als wir selbo in der klinischen Beurthoilung dieser Affectiou 
kennen lernten. 

Wenn wir nun das in Obigem eines Weiteren Ausgeführte 
zusammenfassen, so müssen wir nochmals hervorheben, dass die 
Hauttubereulose einen genau umschriebenen klinischen Begriff in 
sich fasst. Die Verwandtschaft mit anderen Processen, namentlich 
mit manchen Lupuserkrankungon ist nicht zu leugnen, doch zu 


') Los Bacteries. — Paris, 1886, 11. Edition, pag. 783. 


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Tuberculose der Haut und Schleimhäute. 


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identificiren sind beide Krankheiten nicht; die Behauptung, Lupus 
stelle den ersten Grad einer tuberculöson Erkrankung dar, erscheint 
als zu weitgehend. Sehen wir nicht auch lupöse Hautalfectionon 
in Charakter und Form der Erkrankung mitunter mit syphilitischer 
Erkrankung eine solche Analogie darbieteu, dass wir zu diagnosti¬ 
schen Irrthümem veranlasst werden? und selbst wenn einzelne 
Autoren heute noch von einem Lupus syphiliticus sprechen, eine 
Bezeichnung, welche früher viel häufiger gebraucht aber auch jetzt 
noch nicht von allen Aerzteu aufgelassen wurde, so wird doch 
Niemand behaupten wollen, dass Lupus und Syphilis verwandte 
Aftectionen sind, eine Annahme, die auch eine Zeit lang in dor 
Wissenschaft verfochten wurde. 

Zum Schlüsse will ich noch auf ein Moment aufmerksam 
machen, das neben den angeführten rein wissenschaftlichen eines 
gewissen praktischen Interesses nicht entbehrt, nämlich die ver¬ 
schiedenartige Therapie bei den genannten Krankheitspro¬ 
cessen. Die zur Behandlung des Lupus in Gebrauch gezogenen 
Mittel sind heutzutage fast überall dio gleichen; alle bezwecken 
die Zerstörung des neoplastischen Gebildes. Bei der Tuberculose 
der Haut und der Schleimhäute wäre ein ähnlicher therapeutischer 
Vorgang auch am Platze, doch gelingt es nicht durch Heilmetho¬ 
den, bei welchen es sich zumeist um Aetzmittel und chirurgische 

Eingriffe handelt, gleich befriedigende Resultate zu erzielen. 

» 

Die Tuberculose der äusseren Decke kann mitunter durch 
einen energischen Vorgang, wie etwa durch den Thermocauter zur 
Heilung gebracht werden und ich habe vor mehreren Jahren in 
einem Falle von Lippentuberculose durch selben eine dauernde 
Zerstörung der erkrankten Partie erzielt. Bei reiner Schleimhaut- 
tuberculose kann man jedoch weder durch Caustica, noch durch 
den scharfen Löffel, weder durch Stichelung, noch durch den 
Thermocauter einen Erfolg vorsprechen. Solche Fälle sind für 
ähnliche Behandlungsarten nicht geeignet, denn letztere veranlas¬ 
sen, abgesehen von der intensiven Schmerzhaftigkeit, die sie er¬ 
zeugen, eine rasche eitrige Schmelzung der empfindlichen, noch 
intacten Nachbarpartien. Dies ist wieder bei dom Schleimhautlu¬ 
pus nicht der Fall, ja letzterer wird durch Aetzmittel, namentlich 
Lapis, am sichersten geheilt. Diese Divergenz in der Wirkungs- 

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Schwimmer. Tuberculose «1er Haut und Schleimhäute. 


weise therapeutischer Eingriffe könnte doch bei identischen Krank¬ 
heitsprocessen sich nicht so auffällig kundgeben. 

Ich kann hier noch weiters anführen, dass ich bei Tubercu¬ 
lose genannter Schleimhautpartien durch reizmildernde Mittel 
immer befriedigende Resultate erzielte, namentlich wo nicht nur 
beim Sprechen und Essen, sondern auch aus freien Stücken stets 
Schmerzen vorhanden waren. Unter zahlreichen von mir diesbe¬ 
züglich geprüften Medicameuten erwies sich als besonders schmerz¬ 
stillend eine fünfpercentige Papayotinlösung, worüber ich 
an anderer Stelle ausführliche Mitthoilung gemacht'), während 
Papayotin bei Schleimhautlupus ganz nutz- und wirkungslos 
erschien. 


Resumiren wir nun das im Obigen Mitgetheilte, so er¬ 
gibt sich, dass das eben erörterte Thema bei weitem noch 
nicht als abgeschlossen zu bezeichnen ist, obgleich für manche 
Aerzte die ganze Frage als schon entschieden betrachtet wird. 
Für mich und andere Dermatologen wie Kaposi, Vidal, 
Brocq u. A. steht die Sachlage jedoch nicht so; seit dem 
Kopenhagener (Kongresse, wo man das Verhalten des Lupus einge¬ 
hender erörterte, ist eine wesentliche Klärung diesen Gegenstand 
betreffend, bisher nicht erfolgt. Da ich keiue uoueren Beweis¬ 
gründe für die Lösung der aufgeworfenen Frago finden konnte, 
als sie seinerzeit vorgebracht wurden, so fand ich darin eine Ent¬ 
schuldigung, dass ich auf ein Thoma zurückgekommeu bin, das sich 
uns täglich aufdrängt und für Wissenschaft und Praxis von ein¬ 
schneidender Bedeutung ist. Meine Beobachtungen veranlassten es 
eben, über einen Punkt mich zu äussern, der wohl gegen die Tages¬ 
strömung anstösst, der aber nicht durch Majoritätsbeschlüsse, son¬ 
dern durch weitere rührige Studien langsam zur Entscheidung ge¬ 
bracht werden kann. 


') Wiener med. Wochenschrift Nr. 0 — 11, 1880. 


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Feto das Oedema indurativum (Sigmund) 
Oedema scleroticum (Pick). 

Von 

Dr. Emest Finger, 

Docenten für Syphilis and Hautkrankheiten an der Wiener Universität. 

(Mit Tafel I und II.) 


Unter der Bezeichnung Oedema indurativum oder 
Oedema scleroticum verstehen wir eine eigentüm¬ 
liche Veränderung der Bedeckung der grossen und klei¬ 
nen Labien beim Weibe, des Präputiums, der Haut des 
Penis und Scrotum beim Manne, welche sich in der 
Primär- und Secundärperiode der Syphilis, sei es selbst¬ 
ständig, sei es in Begleitung von Primär- und Secun- 
däraffecten dieser Theile entwickelt. 

Diese eigenthümliche Veränderung hat bisher verhältniss- 
mässig wenig und einseitige Berücksichtigung gefunden. Insbeson¬ 
dere waren es die Franzosen, welche vom klinischen Standpunkte 
aus die Affection sehr ausführlich und zutreffend schildern. So 
veröffentlichte zunächst Desjardins eine von Fournier inspirirte 
These: De l’oedäme sclereux et syphilitique de la vulve. Paris 
1870, in der er sieben Fälle von Oedema indurativum der grossen 
Labien mittheilt. 

Denselben Gegenstand behandelt in sehr eingehender Weise 
Ai me Martin in einer Abhandlung: „De l’oedfcme dur des 
grandes levres, symptomatique du chancre infectant et des acci- 
dents secondaire de la vulve.“ (Annales de gynecologie. 1878. Dec.) 

Als Resultate seiner Studien stellt er die folgenden Sätze auf: 


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Finger. 


1. On observe frequemment cliez la fomme atteinte de Syphi¬ 
lis, aux pdriodes primitive et secondaire du processus morbide, 
alors que des accideuts symptomatiques de ces deux pliases so 
sont developpes sur les grandes levres, une lesion particulifcre de 
ces Organes, consistant en une Hypertrophie ayant tous les carac- 
töres de l’oedöme dur. 

2. Cet oedöme dur consiste en une augmentation 
considerable du volumo des grandes levres dont la sur- 
face est pale, mamelonuee, divisee par denorabroux sil- 
lons. Le toucberdonne au doigt une Sensation elastique, 
et ne provoque pas de douleur. 

3. Cet oedeme s’etend, dans quelques cas, aux petites levres. 

4. Cette lesion offre la plus grande analogie avec celle que 
j’ai ddcrite cbez l'homme, sous lo nom de phimosis sypbilitique. 

5. Elle consiste probablement dans une hypertropliie, avec 
hypergenöse des elements constitutifs du dorme et du tissu con- 
jonctif. 

6. Elle est souvent accompagnee d’une forme speciale de 
papules; ces papules de petit diametre, arrondies, tres dures, 
d’apparence verruqueuse, parfois ombiliquees, sont constitueos par 
des follicules pileux hypertrophies. 

7. L’oedeme dur des grandes levres est une lesion 
sypbilitique; eile u’ost pas rare, puisqu’on la rencontre au 
moins ciuq fois sur cent, cbez les femmes, atteiutes d'uleerations 
sypbilitiques primitives ou secondaires, siegeant sur les orgaues 
genitaux externes. 

8. Un trös petit nombre d’auteurs ont Signale cette lesion 
si caracteristique. Elle a prosquo toujours ete confondue avec la 
lympbangite. 

9. L’oedömo dur dos grandes levres persisto bien longtemps 
(plusieurs mois d’ordinaire) apres la cicatrisatiou des ulcerations 
qui l’ont provoqud. 

10. Le traitement general auti-sypbilitique, assidumeut suivi 
et energiquement administre (par les frictions mercurielles sur- 
tout), triomphe seul de cette lesion. Le traitement local n’a que 
peu d’effet. 

Kurze Zeit später behandelt Ob erlin in einer These: „De 
l’oedüme dur des grandes et petites lövres symptomatique de la 


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Oedema indurativum. 


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Syphilis“, Paris 1879, denselben Gegenstand und theilt vier wei¬ 
tere Beobachtungen, sowie die mikroskopische Untersuchung in 
vivo exscindirter Hautstückchen mit, er beschliesst seine Theso 
mit den oben angeführten, von Martin entlehnten Sätzen. 

Cornil äussert sich in seinen „Le^ons sur la Syphilis“, Paris 
1879, über die „Plaques muqueuses ä base indurfee“ wie folgt: 
„Nous rangeons dans cette categorie les plaques muqueuses qui 
siegent sur une partie modifiee par la prfesence d’un chancre an- 
terieur et qui est restee oedematiee et sclereuse. Par exemplo, 
lorsque le chancre siegeant sur la grande lfevre est en voie de 
reparation, la grande et la petite lfevre sont souvent encore duros, 
tumefifees, sclereuses, atteint, en un mot, d’un oedfeme inflamma- 
toire. Vous savez de plus que les vaisseaux sanguins sont scle- 
roses, non seulement au niveau du chancre, mais tout autour de 
lui, et je vous ai dit aussi que les vaisseaux lymphatiques sont 
engorge's dans tout leur trajet entre le chancre et les ganglions. 
L’induration inflammatoire de ces demiers est fegalemont uue geno 
ä la circulation de la lymphe dans toute la partie situfee an-des- 
sous d’eux et dans laquelle les produits inflammatoires du chancre, 
les cellules lymphatiques epanchees entre les fibres de tissu con- 
jonctif doivent necessairement stagner. Ces conditions multiples 
vous expliquent la permanence de l’oedfemo de la grande levre et 
de la petite levre . . . 

Ausführlicher und eingehender noch beschäftigt sich Four- 
nier (Le^us cliniques sur la syphilis etudiee plus particuliere- 
ment sur la femme, Paris 1881) mit unserer Affection. Wir lesen 
dort (Seite 140): „En d’autre circonstances il se produit ä la 
vulve, comme complication du chancre, un phenomfene assez 
singulier dont nous n’avons pas encore l’interpretatiou 
anatomique. La grande lfevre (plus rarement la petite) se tumefie 
et semble s’infiltrer en masse d’un exsudat neoplasique qui lui 
communique une durete particul ifere. 

Elle presente alors une renitence qui n’est ni celle de 
Fengorgement inflammatoire, ni celle do l’empätement oedemateux. 
Les parties affectfees de la sorte offrent une durete sfeche, 
parcheminfee, qui ne cfede pas sous le doigt et qui rappelle 
assez bien la Sensation fournie par le sei er ferne. Aussi avons- 


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Finger. 


nous pris l’habitude ici de designer cet etat singulier, faute d’une 
denomination meilleure, sous le nom d’induration sclereuse. 

Cette induration sclereuse est toujours assez persistante. 
Elle dure bien plus long temps qu’un simple oedtime, qu’uue 
tumefaction inflammatoire vulgaire .... 

En quoi consiste cette lesion? L’anatomie pathologique 
ne nous a encore rien revele ä son sujet. Jelacrois consti- 
tuee par une lymphangite en nappe du reseau dermique ou mu- 
queux; mais cela n’est qu’une hypothfcse par analogie, et le siege 
precis de ces indurations sclereuses reste encore ä determiner.’ 

Bei Besprechung der Complicationen der Papeln der äusse¬ 
ren Genitale (S. 415) äussert sich Fournier ferner wie folgt: 

„En d’autres cas, il se produit ä la vulve une l&sion peu 
connue, non encore decrite, presque speciale, et sur 
laquelle en consequence je dois appeler votre attention. 

Cette l&sion consiste en une tumefaction avec reui- 
tence singuliere des parties, renitence identique ä celle dont 
je voux ai dejä parle comme complication du chancre, rappelant 
assez exactement la durete du sclerfcme, et que pour cette 
raison j’ai baptisee du nom d’induration sclereuse, voici ce 
qu’on observe. 

Les grandes ou les petites lövres se tumefient, tout en 
restant indolentes, acquiörent un volurne double, triple on qua- 
druple de leurs proportions normales, et en meme temps durcis- 
sent d’une fa^on etrange. La durete qu’elles presentent dans 
ces couditions n’est ni celle de la teusion oedemateuse qui se 
laisse deprimer par le doigt, ni celle de l’engorgement inflamma¬ 
toire ä reuiteuce pateuse. C’est une sorte de durete sui 
generis, seche, elastique, non depressible, parcheminee; 
c’est la durete du sclereme en un mot, car je ne saurais trouver 
de comparaisou meilleure pour vous la definir. Cette renitence 
anormale ne fait pas que doubler la base des sypbilides; eile la 
depasse, eile la deborde, eile s’etale sur leur peripherie, au point 
d’envahir partie ou totalite d’une graude ou d’uue petite levre.— 
Elle est indolente au toucher, ce qui temoigne de son carac- 
tere aphlegmasiquo. — Enfiu, eile s’accompagne souvent, mais 
non toujours, d'une certaiue modiflcation de teinte des parties; 
les grandes l^vres aftectees de la sorte prennent generalment un 


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Oedema indurativum. 


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ton rose sombre, et les petites une coloration d’un rouge assez 
vif ... . 

Je ne saurais vous dire en quoi consistent ces indurations 
sclereuses. Leur anatomie pathologique n’est ni faite ni 
meme ebauchde . . . .“ 

Die bisher citirten Autoren besprechen diese Affection nur 
beim Weibe. Mauriac bringt in seinen „Leyous sur les maladies 
veneriennes“, Paris 1883, eine ausführliche Besprechung der ana¬ 
logen Veränderungen beim Manne. So lesen wir (Seite 341): 
.J’appellerai votre attention sur les chancres diffus erysi- 
pelateux, qui envahissent quelquefois toute la superficie du 
penis. hyperplasient le tissu cellulaire sous-cutane dans une eteudue 
considerable, et parfois, non seulement celui de la verge, mais 
anssi celui des bourses et des aines, de teile Sorte que ces 
parties, ainsi gorgees du produit de la scHrose speci- 
fiqne. ressemblent ä de l’elephantiasis.“ — Und weiter 
(Seite 344): „Les chancres des grandes levres s’accompagnent 
frequenient d’une lymphite diffuse qui oedematie, indure et tumdfie 
le tissu cellulaire sous-cutane et sous-muqueux. . . . Cet eu- 
semble de l&sions ayant pour point de depart et pour foyer d'irra- 
«liation un chancre infectant, rappelle l’oedöme elephantia- 
sique du fourreau et des bourses, et procede du meme mode 
patbogenique. 

Sur les grandes l&vres, ä leur surface interne, on peut aussi 
rencontrer, mais plus rarement que chez Thomme, les chancres 
diffus erysipelateux qui erodent irreguliörement une plus ou 
moins grande etendue de la muqueuse et presentent un ou 
deux centres d’induration plus accuses que la sclerose 
peripherique . . . .“ 

Und bei Besprechung der Papeln des Genitale (Seite 556): 
.Quand Phyperplasie derino-papillaire n’est pas circonscrite et se 
produit d’une mani&re diffuse sur une grande etendue, il eu re- 
sulte une emption papuleuse en nappe, qui s’etale parfois sur des 
surfaces tr£s etendues, au point de recouvrir toute une region... 
Les parties envabies presentent un gonflement general resistant, 
«Tune consistance presque lardacee, et d’une coloration 
d’nn rose sombre, sur laquelle se detacbe le rouge encore 
plus terne des paples. La surface de ces nappes est mamelonnee, 


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Finger. 


et leurs coutours plus ou moios vagues se perdeut insen- 

siblemeut dans la peau saine periplierique.Lorsquo 

les Organes geuitaux sout envahis de la meine fiu,-on dans toute 
leur etendue, il en resulte un rentable Elephantiasis pa- 
puleux.“ 

Ebenso (Seite 370): «Los parapbimosis aceompagnee d’acci- 
dents syphilitiques primitifs preseutent, en effet, un oedeme 
ordinairemen t beaucoup plus dur que le simple oedeme 
inflammatoire et m ec au i que. On dirait que. sous rinflueuce 
des erosions ou des chaneres iudures, liue iufiltration diffuse de 
matiere plastique euvaliit les mailles du tissu cellulaire preputial 
et du fourreau.“ Endlich (Seite 372): „L’oedeme sclereux qui 
euvahit le prepuee .... ne reste pas toujours limite ä 1’organe 
et au fourreau de la verge. Je Tai vu .... s'etendre jusqu'a 
l’aine . . . .“ 

In gleichem Sinne spricht sich auch Jullien (maladies 
veneriennes, zweite Auflage, 1 SSO) über die uns iuteressirende 
Affection aus. 

Dieser reichen literarischen Ausbeute bei den Franzosen 
gegenüber finden wir bei deu deutschen Autoren die uus interes- 
sirende Veränderung kaum mit einem Worte genannt. 

Sigmund kannte dieselbe und reihte sie unter dem Namen 
„Oedema indurativum“ den specifischen Syphilisformen an, be¬ 
trachtete sie als eine ganz eigenartige, durch directe Einwirkung 
des Syphilisvirus entstandene Form. 

Desgleichen Pick, der sie in seinen klinischen Vorlesungen 
unter der Bezeichnung des sklerotischen Oedemes (Oedema sclero- 
ticum) bespricht. 

Sonst aber hat die Durchsicht der nicht geringen mir zur 
Verfügung stehenden Specialliteratur mich nicht zur Ueberzeugung 
zu bringen vermocht, dass irgend ein deutscher Autor diese Form 
genauerem Studium unterzogen habe. Dieses, die reichliche Zahl 
von Fällen, die ich zu beobachten Gelegenheit hatte, sowie der 
Umstand, dass mir die Möglichkeit der anatomischen Untersuchung 
eines klinisch typischen Falles von Oedema indurativum beim 
Manne geboten war, sind die Veranlassung dieser Zeilen. Die Zahl 
der von mir beobachteten Fälle ist (abgesehen von einer grös¬ 
seren Zahl partieller chronischer Oedeme des Präputiums) 23, 


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Oedema indurativum. 


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und zwar 21 Weiber, 2 Männer, 22 dieser Fälle übergingen 
auf dem gewöhnlichen Wege antisyphilitischer Behandlung in Hei¬ 
lung. ein Mann, mit dessen Krankengeschichte wir uns weiter 
unten eingehender beschäftigen werden, erlag einer intercurrenton 
Erkrankung. 

Was zuuächst das klinische Bild betrifft, so entwickelt 
sich das Oedema indurativum bei Weibern, bei denen es weitaus 
viel häufiger ist. als bei Männern, meist an den grossen, seltener den 
kleinen Labien, kann beide Labien einer Seite, wohl beide grossen 
oder kleinen Labien gleichzeitig befallen, sich aberauch auf die Clitoris, 
ja den mons Yeneris erstrecken. Bei Männern ist das Präputium, 
die Haut des Penis und Scrotum Sitz der Affection, die sich von 
hier auch auf den mons Veneris zu verbreiten vermag. Es kommt 
an den genannten Theilen zu einer vollkommen fieber- und 
schmerzlos sich entwickelnden, langsam und allmälig zunehmenden 
Schwellung der Haut und des subcutanen Gewebes, welche, wenn 
sie ihren Höhonpunkt erreicht, oft das Acht- bis Zehnfache der 
ursprünglichen Dicke betragen kann. Gleichzeitig mit der Ver¬ 
dickung entwickelt sich aber auch eine ganz eigentümliche, 
weder mit dem Hydrops, noch dem entzündlichen Oedem ver¬ 
gleichbare Derbheit, die fest und elastisch, trocken und brett¬ 
hart. keinen Fingereindruck zurücklässt und noch am ehesten 
mit der Härte des Skierems zu vergleichen, doch auch derber ist 
al> dieses. 

Faltung der sonst so woichen und verschieblichen Haut ge¬ 
rade dieser Theile wird dadurch unmöglich gemacht. Diese pralle 
•Schwellung ist gegen die Umgebung nicht scharf begrenzt, son¬ 
dern übergebt meist allmälig in dieselbe. Gleichzeitig damit 
stellen sich auch Veränderungen der Farbe sowohl, als der Ober¬ 
fläche ein. Erstere betreffend nimmt die erkrankte Hautstelle 
einen gleichmässig gelben Farbenton an, dor sich meist rasch bis 
zu intensivem Kupferbraun steigert. Die Oberfläche ändert sich 
insoweit, als alle Unebenheiten derselben bei der Verdickung 
der Haut deutlicher hervortreten. Dies ist insbesonders am 
Hodensack deutlich, dessen Oberfläche so aussieht, wie die nor¬ 
male Hodenhaut durch eine Loupe angesehen. Die Oberfläche 
wird sehr uneben, chagrinirt, ähnlich der Schale einer dickhäuti- 


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Finger. 


gen Orange. Die Mündungen der Haarbälge und Talgdrüsen 
werden klaffend, trichterförmig. 

Die so geschilderte Veränderung kann sich nun selbstständig 
entwickeln, wenige Wochen nach der Infection entstehen, die 
erste und zu der Zeit einzige syphilitische Veränderung darstellen 
und so als Initialaffect debutireu. Dieser Verlauf, der auch für 
mich Veranlassung war, das iudurative Oedem, dem Vorgänge 
Sigmund’s folgond, in meiuer „Syphilis und die venerischeu 
Krankheiten“, den Iuitialaffecten beizuzäbleu, wurde bisher nur 
bei Weibern beobachtet. Häufiger ist das indurative Oedem keine 
selbstständige Affectiou, sondern es tritt als Complication pri¬ 
märer und secundäror Syphilisformeu auf. So werden typische 
Initialaffecte an den grossen und kleinen Labien von indurativem 
Oedem dieser Theile begleitet, Sclerosen des Präputiums von in¬ 
durativem Oedem der Haut des Penis, solche des Scrotums von 
der gleichartigen Veränderung der Haut des Hodensackes com- 
plicirt. In gleicher Weise sind auch secundäre Affecte dieser 
Theile, nässende, wuchernde und zerfallende Papeln von Oedemu 
indurativum begleitet. 

Dieses dehnt sich meist ziemlich gleichmässig um die ge¬ 
nannten Syphilisaffecte herum aus, so dass diese so ziemlich die 
Mitte der ganzen Affection einnehmen. Die secundärsyphilitischen 
Papeln finden sich allerdings meist mehrfach über die erkrankte 
Haut verstreut, promiuiren, zerfallen oder sind diphtheroid belegt, 
confluiren wohl auch, indem sie einen grossen Theil der Ober¬ 
fläche dor Labien oder des Scrotums bedecken, der verdickten 
Haut aufsitzen und in der Umgebung die eigentlichen Verände¬ 
rungen des Oedema indurativum aufweisen. Nicht selten finden 
sich neben grossen Plaques von Schleimpapeln, über die Ober¬ 
fläche des indurativen Oedems eigentümliche spitze, braunrothe, 
selten mehr als hirsekorngrosse, schuppende, derbe Knötchen 
zerstreut, die Martin (1. c.) als von den Follikeln ausgehende 
Papeln ansieht. 

Primäraffecte, die ja meist iu der Einzahl Vorkommen, 
heben sich sehr deutlich von dem indurativen Oedem ab, wie 
dies bei Sclerosen der grossen Labien und des Scrotums besonders 
deutlich ist, die mit ihrer scharfen Begrenzung, ihrer braunroth lack¬ 
artig glänzenden oder speckigen Oberfläche, meist auch über das 


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Oedema indurativum. 


Niveau etwas elevirt, deutlich hervortreteD, aber auch bei Be¬ 
tasten der Basis eiue andere, derbere, mehr knorpelige Induration 
darbieten, und so sich als Knollen innerhalb der mehr elastischen 
Resistenz des indurativen Oedems deutlich ditt'ereutiiren. Ist das 
indurative Oedem Begleiterscheinung eines Primäraffectes am 
Präputium, so kann es zu Phimose oder Paraphimoso führen, 
welche sieh von der entzündlichen durch die bedeutende Derbheit, 
den chronischen Verlauf, das Fehlen von entzündlichen Sympto¬ 
men unterscheidet, oft sehr bedeutende, derbe Verdickungen des 
Präputiums bedingt, innerhalb welcher der Knoten der Induration 
meist noch fühlbar bleibt. 

Mag das indurative Oedem allein oder in Begleitung von 
Primär- und Secundärsymptomen auftreten, meist ist es von sehr 
bedeutender multipler indolenter Schwellung der Nachbardrüsen 
begleitet, ja nicht selten ist auch eine sträng förmige, rosenkranz¬ 
artige Schwellung der Lymphstränge zu beobachten, die die an 
indurativem Oedem erkrankte Hautpartie mit dem benachbarten 
Packet indolent geschwellter Drüsen verbindet. 

Wird das indurative Oedem sich solbst überlassen, so erhält 
es sich durch lange Zeit unverändert, geht schliesslich zurück, 
nicht aber ohne eine stets ganz bedeutende Verdickung der Haut 
zurückzulassen. Nur in einem von Mauriac (1. c.) mitgetheilten 
Falle überging es theilweise in Eiterung. Stets aber, selbst noch 
nach mehrmonatlichem Bestände wird das indurative Oedem durch 
energische antisyphilitische Behandlung zu völligem Schwunde 
und die erkrankte Haut zur restitutio ad integrum gebracht. 

Differentialdiaguostisch unterscheidet sich das Oodema 
indurativum von den anderen uns zumeist interessireuden Erkran¬ 
kungen der Genitalien durch seinen chronischen Verlauf, seine 
Schmerzlosigkeit, die eigentümliche scleröse Dorbheit, die gleich- 
massig hellere oder düuklere braunrothe Färbung, das chagrinirte 
Aussehen, sowohl gegenüber dem einfachen nicht entzündlichen, 
bydropischen Oedem, welches durchsichtig, glänzend, blass er¬ 
scheint, Fingerdruck lange zurückbehält, rasch entsteht und meist 
auch rasch schwindet, sowie gegenüber der acuten erysipolatösen 
und phlegmonösen Schwellung, wie sie sich zu Entzündung der 
Bartholin’schen Drüse oder zu Epididymitis gosellt und durch 
intensiven Schmerz, Temperaturerhöhung, acut entzündliche tiefe 


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Finger. 


Röthe sich gauz wesentlich vom indurativen Oedem differentiirt. 
Aetiologie, Verlauf, das gleichzeitige Vorkommen anderer Syphilis¬ 
symptome, die prompte Reactiou auf antisyphilitische Behaudluui 
unterscheiden es genügend von der bei uns seltenen Elephantiasis, 
die immerhin mit dem iudurativeu Oodera einige Aehnliehkeit 
besitzt. 

Reclamiren wir nun auch die genannte Affoction als eine 
zweifellos syphilitische, d. h. durch Einwirkung von Syphilisvirus 
bedingte und ohne dessen Intervention nicht entwicklungsfähige 
Veränderung, so ist doch Vieles in Verlauf und Symptomen, das 
sie von anderen Syphiliserscheinungen unterscheidet. Hierher ge¬ 
hört die relativ rasche Verbreitung, die sie befähigt im Verlaufe 
von nur wenigen Wochen sich über die Labien, das Scrotum, die 
Haut des Penis und des mous Veueris zu verbreiten, während 
eine noch so rasch wachsende Selerose oder Schleimpapol inner¬ 
halb derselben Zeit kaum die Grösse eines Thalers erreicht. Auch 
die Begrenzung gegen die Peripherie ist nicht so scharf, wie 
dies bei Syphilisaffecten Regel zu sein pflogt, sondern ist all- 
mäliger Uebergang in die gesunde Haut nicht so selten zu beob¬ 
achten. Auch die Thatsacho, dass die Affoction sich ebeusowohl 
selbstständig, als als Complication syphilitischer Primär- und 
Secuudärorscheinuugon zu entwickeln vermag, verleiht ihr eine 
exceptionelle Stellung. Dem gegenüber documentirt die kupfer- 
rothe Färbung, die eigenthümliche Härte im Verein mit der 
prompten Reaction auf antiluetische Therapie ihre sicher syphili¬ 
tische Provenienz. 

Was endlich die Therapie selbst betrifft, so habe ich nur 
von localer und allgemeiner energischer Quecksilberbehaiulluug. 
der Application von grauem Pflaster und einer Inunctionscur Hei¬ 
lung eintreten gesehen. Innerliche mercuriello und Jodbehandlung 
blieb erfolglos. 

Die Anatomio dor uns intoressirondcu Affoction war uns bis- 
hor unbekannt, denn Oborlin's (1. c.) mikroskopische Untersuchung 
kleiner, in vivo excindirter Hautstückehou, die er dicht kleinzellig 
infiltrirt fand, vermochten über die Eigenartigkeit des Affectes 
nicht aufzuklären. Ich hatte nun während meiner Dienstzeit als 
Assistent an der Klinik für Syphilis Gelegenheit einen typischen 
Fall von indurativein Oedem der Haut des Penis und des Sero- 


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Oedema indurativum. 


63 


tum zu beobachten, der an iutercurrenter Erkrankung mit dom 
Tode abging. Die mikroskopische Untersuchung der Haut des 
Hodensackes, die ich im laufenden Sommer (1886) im pathologischen 
Institute des Herrn Prof. Weichsel bäum unter dessen gütiger 
Leitung vornahm, ergab interessante Verhältnisse, es sei mir 
daher gestattot hier auf den Fall und meine Befunde näher eiu- 
zugehen. 


Am 20. November 1883 wurde der 23jährige Taglöhner B. L. auf 
'/. Nr. 77 der, unter Prof. I. Neumann’s Leitung stehenden Universitäts¬ 
klinik für Syphilis aufgenommen. Seine Angaben gehen dahin, er hätte vor 
drei Monaten den letzten Beischlaf gepflogen; wenige Wochen später be¬ 
merkte er je ein Geschwür am Bande der Vorhaut und iin Peno-Scrotal- 
Winkel. Bald hätte sich bedeutende Schwellung der Bedeckung des Genitale 
liiiuugescllt, die Freilegung der Glans sei unmöglich geworden. Vor etwa 
sechs Wochen bemerkte er einen Ausschlag. Behandlung wurde bisher keine 
eingeleitet. 

Die Untersuchung des Patienten ergab, dass die Haut des Penis, des 
Scrutom, des mons Veneris sehr bedeutend verdickt, auffallend derb elastisch 
intiltrirt, braunrot!) verfärbt, die Oberfläche, besonders der Haut des Hodcn- 
sackes wie chagrinirt aussah. Temperatur-Erhöhung, Schmerz bei Betasten 
keiner vorhanden, die resistente Schwellung lässt keinen Fingereindruck 
zurück. Das Präputium ist in Folge der Schwellung ebenso bedeutend ver¬ 
dickt, rüsselfönnig verlängert, lässt sich über die Glans nicht retrahiren. 
Am ovalen Rande desselben, sowie im Peno-Scrotal-Winkel je eine derbe, 
iunkelbraunrothe, leicht gedelltc Narbe. Am mons Veneris in grosser Zahl 
sowie in geringer Menge über den Stamm zerstreut, linsengrosse, braun- 
rothe. schuppende Papeln. Die Lyraphdrüsen in beiden Leisten bis tauben¬ 
eigross, die Cubital- nnd Cervicaldrüsen bis baselnassgross geschwellt. In 
der rechten Leiste sowie am Halse Narben nach scrophulösen Drüsenver¬ 
eiterungen. Der Gaumenbogen drüsig uneben, intiltrirt, mit erodirten Papeln 
besetzt. 

Die ersten Tage des Spitalsaufenthaltes wurden der Regelung der 
hygienischen und diätetischen Verhältnisse bei dem sehr vernachlässigten 
Patienten zugewendet, und da constant reichliche Secretion aus dem Prä- 
putialsacke bestand, 

1. December die Abtragung des verlängerten Präputium durch die 
C’ircumcision vorgenommen. An der Glans fanden sich ausser einer Bala¬ 
nitis keine Veränderungen. Innerlich erhielt Pat. PO Jodkali pro die. 

0. December. Die Circumcisionswunde per primarn verheilt. 

21. December. Das Exanthem ist bis auf leichte Figmentflecke ge¬ 
schwunden, Papeln am Gaumen verheilt. Oedema indurativum besteht un¬ 
verändert fort. Es werden Einreibungen ä 3’0 begonnen. 


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Finger. 


24. December. Ausgehend von einigen Schrunden in der Nase Ery¬ 
sipel der rechten Nase und Wange. Temperatur 39 2—39'6. Einreibungen 
ausgesetzt. 

26. December. Erysipel über die ganze Nase und auf die rechte Stirn¬ 
hälfte verbreitet, rechtes Auge geschlossen, Lider desselben ödematös. 
Husten, blutiges Sputum. Dämpfung rechts hinten unten, daselbst bron¬ 
chiales Athmen. Temperatur 38’9—39‘7. 

In den nächsten Tagen schritt das Erysipel langsam auf die linke 
Gesichtshälfte, die Stirne und gegen die Haargrenze vor, die Dämpfung über 
der Basis der rechten Lunge stieg. Pat., der bisher sehr unruhig war, 
delirirte, collabirte sichtlich uud starb am 5. Jänner. Das Oedema indu- 
rativum hatte sich während des ganzen Krankheitsverlaufes 
nicht geändert, seine Farbe, Derbheit, Schmerzlosigkeit war 
sich völlig gleich geblieben. 

Die Section ergab als Todesursachen Erysipel des Gesichtes, croupöse 
Pneumonie im rechten Unterlappen, beiderseitig beginnende Pleuritis, 
eitrige Pericarditis. 

Interessante Befunde lieferte die mikroskopische Untersuchung 
eines der veränderten Scrotalhaut entnommenen Hautstückes, das 
quer über den Peno-Scrotal-Winkel verlief und die daselbst 
sitzende vernarbte Sclerose umfasste. 

An den der Sclerose entsprechenden Stellen und in der Umge¬ 
bung derselben erwies sich die Epidermis bedeutend verdünnt, 
über den Papillen oft auf drei bis vier Zelllagen reducirt, die 
Zapfen des Rete schmächtig, lang ausgezogen, die Cylinderzellen- 
schichte ihres Pigmentes beraubt, dieses in Form von grösseren 
und kleineren Körnern und Körnchen theils in den interepithe¬ 
lialen Gängen des Rete, theils und meistens in Bindegewebs¬ 
zellen innerhalb der Papillen, daselbst längs der Gefässe oft in 
Reihen und Zügen angeorduet. 

Die Papillen sind vergrössert und verlängert, tbeilweise 
kolbig aufgetriebeu, die Gefässschlingen derselben sehr bedeutend 
erweitert, theils strotzend mit rothen Blutkörperchen, theils mit 
körnigen und fädigen, weisso Blutkörperchen führenden Gerinnseln 
erfüllt. Das Gewebe des oberen Theiles der Papille ist durch 
seröses Exsudat zu einem zarten Netze und Balkenwerk ausge¬ 
dehnt, das relativ zellarm, nur um die Gefässe selbst Reihen von 
Rundzellen aufweist. Diese Rundzellen nehmen, von der Mitte der 
Papille nach abwärts, an Zahl und Dichte zu und bilden, im Be¬ 
ginne nur die Gefässe umscheidend, an der Basis der Papille ein 


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Oerieraa indtiratirum. 


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ziemlich dichtes Iufiltrat. Dieses setzt sich auch in das Stratum 
reticulare fort, woselbst die einzelnen aus dem Stratum papillare 
kommenden Herde confluiren und das Stratum reticulare mit 
einem ziemlich gleichmässigen kleinzelligen Infiltrato durchsetzen, 
das nur hier und da zu dichteren miliaren Herden Zusammentritt, 
und nach unten, gegen das Muskelgewebe dor Tuuica dartos ziem¬ 
lich unvermittelt aufhört. Innerhalb dieses Infiltrates erscheinen 
die Gefässe alle bedeutend erweitert. Die Arterien, an ihren wohl 
differentiirten Wandungen kenntlich, bieten alle dichtes Rund¬ 
zelleninfiltrat in der Adventitia dar. Daneben aber finden sich, 
theils regelmässig runde, theils unregelmässige Lumina, mit deut¬ 
lichem Endothel ausgekleidet, deren Wandungen, die meist noch 
deutlich eine Ringfaserschichte erkennen lassen, bis auf das Endo¬ 
thel mehr oder weniger dicht mit Rundzellen durchsetzt sind, 
während die Lumina, theils leer, theils mit rothen Blutkörperchen, 
theils mit Faserstoffgerinnseln erfüllt sind, welch letztere meist 
viele mehrkörnige Lymphkörperchen halten. 

Diesem dichten Infiltrate gegenüber erscheint die Tunica dartos 
relativ wenig verändert. Die Muskelzüge derselben weisen keine 
merkliche Kernvermehrung auf, wohl aber sind die Bindegewebs- 
züge kornreicher und fallen insbesonders reichliche, an der Tinction 
kenntliche Mastzellen auf, die zerstreut im Gewebe, sowie um die 
Haarbälge und Schweissdrüsenknäule sich vorfinden. Am meisten 
verändert erscheinen in dieser Schichte die Gefässe, die alle von 
dichtem adventitiellem Infiltrate begleitet werden, das auch stellen¬ 
weise die Muscularis durchsetzt. Das Lumen der Gefässe dieser 
Schichte ist meist leer, nur wenige bieten Fibringerinnsel dar. 

An der unteren Grenze der Tunica dartos, bei deren üeber¬ 
gang in das subcutane Gewebe, insbesondere aber in den obersten 
Schichten dieser selbst tritt nun ein neues Moment hinzu. Es ist 
dies ein hyperplastischer Process der fixen Bindegewebszellen. Die 
Zahl derselben nimmt rasch zu, so dass sie häufig in ganzen 
Reihen oder unregelmässigen Gruppen zwischen den Bindegewebs- 
fibrillen lagern. Auch die einzelnen Zellen selbst sind bedeutend 
grösser, protoplasmareich, dickbäuchig, granulirt, mit grossem 
Kerne und erinnern dergestalt an epitheloide Elemente. Neisser 
(Ziemssen Handb. 14. 1.) hat zuerst auf die Hyperplasie der fixen 
Bindegewebszellen beim syphilitischen Schanker hingewiesen, die 

Vierteljahresschrift f. Dermatol u. Syph. 1887. 

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Finger. 


er für denselben geradezu für specifisch hält. Ich habe meine 
Präparate von mehr als dreissig Initialaffecten ad hoc nachge¬ 
sehen und die Veränderung nie vermisst, in keinem Falle aber 
habe ich sie so schön ausgesprochen gesehen, wie hier. 

In den untersten Schichten der tunica dartos beginnend, 
nimmt diese Hyperplasie der fixen Bindegewebszellen besonders in 
der oberen Schichte des subcutanen Bindegewebes rasch zu. 

Aber auch das kleinzellige Infiltrat, das in der Fleischhaut 
nur in der Adventitia der Ge'fässe zu finden war, nimmt im sub¬ 
cutanen Gewebe zu, confluirt und verdeckt so die byperplasirten 
Bindegewebszellen. 

Dieses dichte kleinzellige Infiltrat schliesst eine grosse Zahl 
von Gefässen grösseren und kleineren Kalibers ein. Um diese Ge- 
fässe herum tritt nun ganz unvermittelt eine ganz eigenthümliche 
Erscheinung auf. Wir finden die einzelnen Gefässe, oder mehr 
noch einzelnen Gefässbündel, die aus einer Arterie grösseren Ka¬ 
libers mit ihren Vasa vasorum aus einer Vene und einem oder 
einigen Lymphgefässen bestehen, am Querschnitte von einem King 
kleinzelligen Infiltrates umscheidet. Dieses Infiltrat durchsetzt boi 
der Arterie grösseren Kalibers nur die Adventitia, erfüllt dagegen 
die ganzen Wände der Vasa vasorum, Vene und Lymphgefasse. 
Nach aussen von diesem Bing eines dichten kleinzelligen Infiltrates 
folgt nun ein zweiter Bing, der ziemlich breit, aus dichtem, fein¬ 
körnigem und feinfädigem, netzförmigem, stark lichtbrechendem, 
fibrinösen Exsudat besteht, das nur sehr wenige Zellen führt. 
Nach aussen von diesem folgt endlich ein dritter Bing eines klein¬ 
zeiligen Infiltrates, das in einem feinen Fasernetz eingebettet, 
reichlich weisse, aber auch rothe Blutkörperchen enthält. Je nach 
dem nun die Zahl der so veränderten Gefässe eine mehr oder 
weniger bedeutende ist, confluiren nur die äusseren Binge, oder 
es confluirt auch das fibrinöse Exsudat, das auf diese Weise die 
Form einer 8 oder eines (Kleeblattes erhält. Zwischendurch finden 
sich wieder Gefässe kleinen Kalibers, die nur kleinzellige Infiltra¬ 
tion der Adventitia, oder verschiedene Uebergänge dessen dar¬ 
bieten, was Auspitz und Unna unter der Bezeichnung des Ge¬ 
fässverschlusses durch Granulation und als für die Sklerose cha¬ 
rakteristisch beschrieben haben. So unvermittelt, wie diese Ver¬ 
änderungen begannen, so unvermittelt hören sie nach unten wie- 

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Oedema indurathrum. 


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der auf, das Infiltrat nimmt rasch ab und durch eine Schichte 
von zellreicherem Bindegewebe mit vielen hyperplastisehen Zellen 
findet der Uebergang in das normale Bindegewebe statt. 

Die Verändei ungen in der Epidermis selbst, die ödomatöse 
Schwellung der Papillen, das kleinzellige Infiltrat in diesen und 
und im Stratum reticulare ist nur in der Umgebung der ver¬ 
narbten Sklerose zu finden, nach der Peripherie zu verlieren sich 
diese Veränderungen ziemlich rasch und in grösserer Entfernung 
von der Sklerose finden wir die Papillen ihrer Grösse nach nor¬ 
mal, unverändert oder nur geringes perivasculäres Infiltrat in den¬ 
selben und im Stratum reticulare. Constant dagegen, in allen 
Schnitten, die ich untersuchte und auch an den periphersten 
Theilen des Oedema indurativum finden sich die perivasculären 
Veränderungen in der Tunica dartos, die Hyperplasie der fixen 
Bindegewebszellen, das dichte, zellige Infiltrat des subcutanen 
Gewebes mit seinem fibrinösen Exsudat um die Gefässe, endlich 
die peri- und endovasculären Veränderungen an diesen selbst. 

Ueberblicken wir nun das so eben geschilderte Bild, so ist 
das Eigentümliche, das uns zunächst auffällt, die ganz eigenar¬ 
tige Verquickung acuter und chronischer Veränderungen. 

Neben dem Oedem der Papillen, den Fibrinpfröpfen in den 
Gefässen, der fibrinösen Exsudation um die Gefässe des subcutanen 
Bindegewebes als acuten Symptomen, finden wir die peri- und 
endovasculären Veränderungen, die Hyperplasie der fixen Binde¬ 
gewebszellen als chronische Veränderungen, während wir unent¬ 
schieden lassen müssen, was vom kleinzelligen Infiltrat in acuter, 
was in chronischer Weise entstand. 

Für die chronischen, ja ganz typisch ausgesprochenen Ver¬ 
änderungen an den Gefässen, die Hyperplasie der fixen Bindege¬ 
webszellen können wir anstandslos die klinisch über jeden Zweifel 
sicher nachgewiesene Syphilis verantwortlich machen. 

Sollten wir auch die acuten Symptome ihr in die Schuhe 
schieben? Fibrinpfröpfe in luetisch degenerirten Gefässen werden 
wohl ab und zu gefunden (Cornil 1. c.), aber die Acuität eines 
Theiles der Veränderungen ist doch zu bedeutend, als dass wir 
ohne weiters sie der Syphilis zuschreiben könnten. Seröse und fibri¬ 
nöse Exsudation, Zeichen hochpotenzirter acuter Entzündung werden 
durch Syphilis nicht leicht hervorgebracht. 

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Finger. 


Wodurch also sind diese acuten Symptome bedingt? 

Die bacteriologische Untersuchung der Schnitte gibt hierauf 
Antwort. 

Während mir der Nachweis der Syphilisbacillen nach Lust- 
garten’s Methode nicht gelang, konnte ich in einer grossen Zahl 
von Schnitten, mit dem Gram’schen Verfahren sowohl, als mit 
Färbung in verdünnter wässeriger Gentianaviolettlösung, Entfär¬ 
bung mit Alkohol, Streptococcen in reichlicher Menge nachwei- 
sen. Dieselben fanden sich fast ausschliesslich in dem kleinzelligen 
Infiltrate im Stratum reticulare, vorwiegend in Gefässen (Lymph- 
gefässen oder Venen), deren Lichtung sie oft buchtig erweiterten 
und innerhalb der sie dann zu deutlichen Ketten uud diese wie¬ 
der zu Netzen vereint, reichlich sich vorfanden. Oft waren lange, 
dendritisch verzweigte Gefässabscbnitte dicht von ihnen erfüllt. 
Vereinzelt und nur in geringer Menge fanden sie sich frei ira 
Gewebe vor. An einigen Präparaten Hessen sich die Coccen auch 
in den Gefässen des Stratum reticulare nachweisen, in keinem 
Falle aber gelang mir der Nachweis derselben im subcutanen In¬ 
filtrate mit seinem fibrinösen Exsudat. Die von den Streptococcen 
erfüllten Gefässe boten keine weiteren, weder geformten noch un- 
geformten Elemente dar. 

Die Zahl der Präparate, die Streptococcen zeigen, die grosse 
Menge derselben in den einzelnen Präparaten lässt, insbesondere 
bei dem Umstande, als sich auch auf die Coccen direct zu be¬ 
ziehende pathologische Veränderungen vorfinden, die Annahme 
eines postmortalen Eindringens oder eines nur zufälligen, ätiolo¬ 
gisch bedeutungslosen Befundes unbedingt ausschliessen. 

Aber auch die zweite Annahme, dass die Streptococcen eist 
nachträglich, vielleicht im Zusammenhänge mit der erysipelatösen 
Infection im Gesicht eindrangen, lässt sich widerlegen. Wenn wir 
auch bei dem Umstände, als uuser Präparat schon lange im Al¬ 
kohol gelegen war, ehe es zur Untersuchung verwendet wurde, 
auf die Bestimmung der Natur der Coccen auf dem Wege der 
Cultur und Impfung verzichten mussten, so spricht doch schon 
der histiologische Befund gewiss nicht für eine Identität mit Ery¬ 
sipel. Insbesondere fällt die grosse Menge der Coccen, ihr Vor¬ 
handensein in Blut- und Lymphgefässen, in den centralen sowohl, 
als den peripheren Partien der Erkrankung gegenüber dem Ery- 


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Oe<Jema imluralivum. 


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sipel auf, bei dem wir gewohnt sind, spärlichere Mongen von 
Coccen uur in den Bindogewebsspalteu und Lymphgefassen in der 
Peripherie, dem jüngsten Theile der Affection nachzuweisen. 

Aber auch vom klinischen Standpunkte lässt sich jeno An¬ 
nahme abweisen. "Wären die Coccen erst zur Zeit des Erysipels 
eingewandert, dann hätten auch dio durch sie bedingten Verän¬ 
derungen, die seröse und fibrinöse Exsudation erst zu der 
Zeit entstehen müssen. Dieses hätte aber nicht ohne aulfallende 
klinische Symptome stattfinden können. Nun kam aber Patient, 
zwei Monate vor seinem Tode mit der klinisch bereits völlig 
ausgebildeten Veränderung zur Beobachtung und hat sich seither 
an dem Oedema indurativum während mehr als zweimonatlicher 
Beobachtung, insbesondere auch während des fast dreiwöchent¬ 
lichen Bestandes des Erysipels, Nichts geändert, Derbheit, Farbe, 
Schmerz- und Fieberlosigkeit blieben sich gleich. 

Und so bleibt uns nur dio berechtigte Annahme übrig, dass 
die Streptococcen, die wir nach den durch sie bedingten patholo¬ 
gischen Veränderungen wohl als pathogene (Streptococcus pyogenes?) 
arischen dürfen, schon frühzeitig, gleichzeitig mit der Syphilisiu- 
fection oder bald nach dieser oinwanderteu und an dem Aufbau 
des Oedema indurativum activen Antheil nahmen, das Syphilis¬ 
virus die chronischen, die Streptococcen die acuten Veränderungen 
erzeugten, die sich gegenseitig so verquickten und beeinflussten, 
dass daraus ein klinisch ganz neuartiges Bild entstand. Wir wer¬ 
den demnach das Oedema indurativum — unter jener Reserve, 
die die Untersuchung nur eines Falles erheischt — als den Aus¬ 
druck einer Mischinfection anzusehen haben. Diese Thatsache er¬ 
klärt auch die exceptionelle Stellung des Oedema indurativum 
gegenüber anderen Syphilisaffecten, sie macht es verständlich, wie 
dasselbe bald als syphilitischer Primäraffect auftritt, wenn die Syphilis 
wie bei Weibern nicht selten, auf die Setzung des Initialatfectes 
vergisst, sie erklärt die Möglichkeit des Auftretens des Oedema 
indurativum als Complication primärer und secundärer Affecte, 
die für den Coccus den Locus invasionis bilden. Ebenso verständ¬ 
lich wird uns die Vorliebe für das Genitale, diese Brutstätte der 
diversesten Keime, die das Oedema indurativum auszeichnet, 
wie nicht minder die Thatsache, dass das Oedema indurativum 


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Finger. Oericma indurutivum. 


mir bei nachlässigen Individuen, als Ausdruck hochgradiger Ver¬ 
nachlässigung eben vorkommt. 

Gleichzeitig aber ist uns diese Beobachtung ein schönes 
Beispiel, wie zwei Gifte, deren eines eminent acute, das andere 
vorwiegend chronische Erscheinungen hervorzurufen pflegt, wenn 
sie sich gleichzeitig in demselben Gewebe etabliren, dort ihre 
Wirkungen hervomifen, sich gegenseitig zu beeinflussen und zu 
modificireu vermögen, jede der durch sie bedingten Reactionen 
einige Symptome beibehält, andere aufgibt und so ein scheinbar 
neuer Affect mit neuen Symptomen entsteht. 

Herrn Professor Weichselbaum sage ich für seine grosse 
Liberalität und weitgehende Unterstützung bei Bearbeitung des 
Falles herzlichen Dank. 

Wien, im October 1880. 


Erklärung der Abbildungen. Tafel I und II. 

Fig. 1. a Vergrösserte Papille, deren (Jewebe durch seröses Exsudat aus¬ 
einandergedrängt, ihre Gefässe erweitert. 
b Fibrinpfropf in einem Gefass. 

Fig. 2. a Gefässbündel, aus zwei arteriellen, mehreren venösen und Lympli- 
gefäss-Querschnitten bestehend, kleinzellig infiltrirt. 
b Ring fibrinösen Exsudates. 
c Kleinzelliges Infiltrat. 

Fig. 3. a Dendritisch verzweigtes Gelass, von Coecen dicht erfüllt. 
b Arterie. 


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YirrtrLjahrevschrift /' llcrtii niologir u.Syphilis, .luhrtj. ISST. 


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Tai B. • 


Vierte [jakressrhnll Drrnutlulogir u Syphilis, JtiUnj. 1X81. 

Fig.2. 











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John Hunter als Syphilograph. 

Eine historische Betrachtung 

von 

J. K. Proksch in Wien. 


Als John Hunter im Jahre 1786, also gerade vor einem 
Jahrhundert, sein Werk über die venerischen Krankheiten in 
erster Auflage *) herausgab, war sein Weltruhm als grosser for¬ 
schender Arzt, namentlich als Anatom, Physiolog und Chirurg 
bereits fest begründet. Das Werk wurde daher auch wie eine 
bedeutungsvolle, dem vorhergegangenen ebenbürtige, wissenschaft¬ 
liche Schöpfung allgemein begrüsst, und schon im nächsten Jahre 
erschien eine deutsche *) und eine französische 8 ) Uebersetzung; 
1788 kam die zweite englische Ausgabe 4 ) und 1791 die erste 
amerikanische. 5 ) So war dieses Buch in einer für die damaligen Ver¬ 
kehrs-Verhältnisse gewiss sehr kurzen Zeit übor beide Hemi¬ 
sphären verbreitet und trotz der heftigen Opposition von Jesse 
Foot*), lind später des höchst verdienstvollen und genialen Benjamin 
Bell 1 ), von allen Aerzten eifrig gelesen; die vorgetragenen Theo¬ 
rien, welche beinahe durchgängig mit den vorher bestandenen 
brachen, wurden allgemein acceptirt und von den weitaus meisten 
Syphilographen aller Länder gedankenlos nachgeschrieben. 

Die englischen Ausgaben 8 ), die deutschen*) und französi¬ 
schen 1 *) UeberSetzungen und die mitunter überschwenglich be¬ 
titelten Auszüge") aus dem in Rede stohendenWerke Hunter’s 
häuften sich sogar noch bis über die Hälfte des gegenwärtigen 
Jahrhunderts; also in einer Zeit, in welcher man bereits deutlich 
erkannte, dass die Anschauungen H unter’s theilweise oder gänz¬ 
lich aufgegeben werden müssen; und selbst Ri cord, der sich 


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Prok s c h. 


um die Erforschung der venerischen Erkrankungen bedeutende 
Verdienste erworben hatte und die Haltlosigkeit der meisten 
Hypothesen Hunter’s am besten einsehen musste, betheiligte 
sich an der Herausgabe einer französischen Uebersetzung, und 
noch im Jahre 1859 kamen eine deutsche ,J ) und eine französi¬ 
sche Uebersetzung ,3 ) und eine englische Ausgabe u ) in den Buch¬ 
handel. Freilich enthalten alle diese Editionen recht zahlreiche 
und umfängliche Vorreden, Einleitungen uud Anmerkungen von 
ihren Herausgebern, welche manche Fehler Hunter’s theils be¬ 
richtigen, theils erklären oder beschönigen sollen; aber Hunter 
kommt dabei immer noch wie ein Syphilidolog allerersten Ranges 
in Betracht. 

Einen so lange andauernden und äusserlich glänzenden Erfolg 
hatte vor und nach Hunter kein einziges Werk über die veneri¬ 
schen Krankheiten. 

Heute noch gilt John Hunter als ein grosser Reformator 
auf dem Gebiete der Syphilidologie und Niemand fragt, was vor 
John Hunter bestanden hat; heute noch betrachten alle Syphili- 
dologen und medioinischen Historiker sein Werk als den Beginn 
einer neuen glanzvollen Aera in diesem Zweige unserer Wissenschaft. 

Eine neue Aera begann mit demselben allerdings; dies wird 
niemals ein Literaturforscber in Abrede stellen können; aber keine 
glänzende Aera war es — sondern die des entsetztlichsteu Ver¬ 
falles, die der furchtbarsten Irrthümer! 

Ich ,5 ) habe Aehnliches schon bei anderen Gelegenheiten 
ausgesprochen, oder doch wenigstens angedeutet; — hier will ich 
es jetzt zu beweisen suchen. 

Erwägen wir einerseits den Bildungsgang Hunter’s uud 
andererseits seine überaus zeitraubenden praktischen Untersuchun¬ 
gen in den meisten Fächern unserer Wissenschaft, seine weit¬ 
ausgedehnte Thätigkeit als Arzt uud Lehrer, und vor allem seine 
colossalen kunst- und naturhistorischen Sammlungen, so erklären 
wir uns leicht den Abgang von tieferen literarischen und medi- 
ciuisch-historischen Kenntnissen in seinem Werke. Trotzdem 
Hunter die Nächte seinen Arbeiten opferte, erübrigte er dennoch 
dafür keine Zeit. Es wäre demnach eigentlich unbillig, und würde 
nur von Unverstand oder lächerlicher Eitelkeit zeigen, wenn wir 
diesem bedeutenden und unermüdlichen Forscher all’ die grossen 


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John Hunter als Svphilngraph. 


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und kleinen Verstösse gegen die Geschichte und Literatur der 
veuerischen Krankheiten haarklein nachweisen wollten. Nur einen 
historischen Irrthum über die Pathologie der Urethritis wollen 
wir passenden Orts berichten, weil er ihm bis in die heutigen 
Tage immer noch nachgeschrieben wird. 

Man kann es in den meisten, auch in den allerneuesten Ab¬ 
handlungen über die venerischen Krankheiten 1# ) in den verschie¬ 
densten Variationen lesen, dass Hunter der erste gewesen sei, 
welcher das Experiment, die Inoculation, zur Entscheidung wissen¬ 
schaftlich und praktisch wichtiger Fragen herangezogen hat. So 
allgemein ausgedrückt ist die Sache nicht richtig; deun die 
Blatterninoculation war schon lange vor Hunter vielfältig ver¬ 
sucht und zu seiner Zeit allgemein und besonders in England in 
Hebung; es waren sonach die Inoculationsversucbe mit den veneri¬ 
schen Secreten nur eine Nachahmung, eine Consequeuz, dio aller¬ 
dings Hunter, bewogen durch den ausgebrochenen Contagienstreit, 
gezogen hat; leider aber, wie wir gleich sehen werden, mit höchst 
unglücklichen Erfolgen. 

Die Contagienlehre, in welche Hunter so verhängnisvoll 
eingriff, hat im Laufe der Zeit die sonderbarsten Wandlungen 
erfahren. Die ältesten Syphilographen zu Ende des fünfzehnten 
und zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts erwähnen don Tripper, 
welcher den Aerzten und auch den Laien seit Moses 15 ) Zeiten 
genau bekannt war, mit keinem einzigen Worte; sie zählten ihn 
also gewiss nicht zur Syphilis. Erst Bethencourt 18 ), Para¬ 
celsus 19 ) und besonders auch Falloppio 2() ) wurden durch die 
häufigen Complicationen beider Erkrankungen und die hisweilige 
Undeutlichkeit der syphilitischen Initialaffecte irregeführt, und 
glaubten daher, dass einerlei Contagium sie erzeuge; da aber auch 
diese Aerzto sahen, dass einem, wie sie meinten, nicht compli- 
cirten Tripper nur ausnahmsweise Syphilis folge, so unterschieden 
sie zwischen einer Gonorrhoea gallica und nongallica. Die Sonder¬ 
heit beider Krankheitsformen mitsammt ihren Cousecutiverschei- 
nungen blieb jedoch den Aerzten des sechzehnten, siebzehnten 
und achtzehnten Jahrhunderts vollkommen klar. Wir finden daher 
stuch hei ihnen die Abhandlungen über die Tripper- und Syphilis¬ 
formen von einander vollständig getrennt; noch auffälliger als bei 
den Sypbilographen ist diese Treunung in den damaligen umfang- 


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I* r •> k $ <• h. 


reichen Werken über Medicin und Chirurgie durchgefuhrt; die 
Abhandlungen sind hier geradeso wie in den heutigen Lehrbüchern 
auch räumlich von einander geschieden. Es war demnach keine 
besondere Geistesthat, als W. Cockburn”) und Pierre Fahre”) 
auf die vollständige Verschiedenheit beider Krankheitsgruppen 
besonders hinwiesen, denn sie fanden dieselbe in der vorhandenen 
Literatur deutlich genug ausgedrückt. Einen tieferen Blick that 
Balfour”); er suchte diese Verschiedenheit auf ihren Grund 
zurückzuführen und sprach zuerst die Vcrmuthung von zweierlei 
Contagien aus. Darauf, im Jahre 1767, unternahm Hunter das 
vielhundertmal nacherzählte und daher gewiss allgemein bekannte, 
missglückte erste Experiment, aus welchem er den folgenschweren 
Schluss zog: Trippersecret, in die Cutis inoculiit, erzeugt Schanker 
mit nachfolgender constitutioneller Syphilis; id est, Tripper- und 
Syphiliscontagium sind identisch. * 4 ) Diese Theorie bestand nun 
mit allen ihren traurigen Cousequenzen, kraft der hohen Autorität 
Hunter’s bei der weitüberwiegenden Majorität der Aerzte, trotz 
aller Gegenbeweise durch Inoculationen und den scharfsinnigsten 
Darstellungen der grundverschiedenen Naturgeschichte beider 
Krankheiten bis zum Auftreten Ricord’s* 5 ), also durch mehr als 
ein halbes Saeculum! 

Die Praxis hatte aber noch andere Fragen in Bezug auf die 
Contagienlehre an das Experimeut gestellt. In der Literatur aller 
Jahrhunderte waren zahlreiche Fälle verzeichnet, in denen die 
Syphilis durch den Zeugungsact von den Eltern auf die Kinder, 
durch Säugen, Küsse, Triukgoschirre, Schröpfinstrumente, Ader¬ 
lassschnepper, die Hände von Aorzten, Hebammen etc. etc. ver¬ 
breitet worden war; besonders acut war zu Hunter’s Zeit der 
Streit über die Ansteckuugswege durch das Säugen, die Trink¬ 
geschirre, die Zeugung und die Transplantation der Zähne. Es 
wurde daher angenommen, dass in einer Reihe von Fällen die Secrete 
syphilitischer Secundäraffecte, in der anderen Reihe das Blut und 
die physiologischen Secrete Luetischer die Träger des Contagiums 
sein mussten. Für die erste Reihe suchte Hunter gleichfalls 
Aufschluss durch das Experiment. Er impfte mehreren mit den 
deutlichen Erscheinungen constitutionel! er Syphilis behafteten Per¬ 
sonen das Secret ihrer eigenen secundäron Geschwüre und hatte 
stets negative Resultate. Anderen Syphilitischen impfte er nebenbei 


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John Hunter als Sypliih»gTiij»h. 


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fremden Schaukereiter ein und erhielt dadurch Schanker, während 
der Eiter der eigenen secundäreu Geschwüre auch hier negative 
Resultate ergab. Einem anderen Syphilitischen inoculirte er ausser 
dem eigenen secundären Secret noch Trippermaterie; durch diese 
will er Schanker, durch jenes abermals negative Erfolge erzielt 
haben. *•) 

Aus diesen Experimenten wäre für unsere Frage doch nur 
der einzig richtige Schluss zulässig gewesen: Das Secret secundär- 
syphilitischer Affecte auf Syphilitische übertragen, ergibt negative, 
fremder Schankereiter positive Resultate; Hunter folgerte jedoch, 
dass die Secrete secundär-syphilitischer Aflfectionen überhaupt, also 
auch auf Gesunde, nicht übertragbar seien £; ); eine Meinung, die 
ja bekanntlich Ri cord* 9 ) noch lange und leidenschaftlich gegen 
bestandene positive Resultate verfochten hat. Ob Hunter auch 
mit dem Blute, der Milch, dem Samen und anderen physiologi¬ 
schen Secreten Syphilitischer irgend welche Inoculationsversuche 
vorgenommen hat, ist nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden; 
er sagt zwar ausdrücklich * 9 ), dass man sogar „durch die Inocu- 
lation des Blutes nicht im Stande sei, einer anderen Person die 
Krankheit mitzutheilen“, aber er berichtet nicht über die Einzel¬ 
heiten des Experimentes, was er doch sonst immer und ausführ¬ 
lich gethan hat, sogar bei seiuen Versuchen an Thieren; er ino¬ 
culirte nämlich auch Hunden uud Eseln Tripper-, Schanker- und 
Buboneneiter erfolglos* 0 ). Sicher ist uur, dass Hunter auch die 
Virulenz des Blutes und der physiologischen Secrete Syphilitischer 
läugnete, oder doch sehr bezweifelte. Ein schlagendes Argument 
gegen die Virulenz des Blutes galt ihm der Fehlschluss: Jeder 
Nadelstich an einem Syphilitischen müsste in ein Schankerge¬ 
schwür ausarten. 81 ) 

Hunter’s Anschauungen über die Ansteckungswege gestalteten 
sich folgerichtig nach seinen Theorien über die Contagienlehre; 
nach dieser kann es also nicht mehr befremden, wenn er die Ueber- 
tragung der Syphilis durch die Zeugung **), das Säugen 3S ), die 
Trinkgeschirre ik ) und die damals vielumstrittene Tramplautation 
der Zähne 8S ), kurz, all’ die Millionen Fälle, in welchen die An¬ 
steckung durch Blut, durch die normalen und die pathologischen 
Secrete constitutionell Syphilitischer erfolgt ist, bezweifelt oder 
glattweg läugnet und sich hier wie dort auf falscher Fährte be- 


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findet; aber man traut den eigenen Sinnen nicht, wenn Hunter 
selbst die exquisitesten Fälle von hereditärer Syphilis, von An¬ 
steckungen durch secundär-syphilitische Secrete mit klinischer 
Meisterhaftigkeit beschreibt 3tt ), die Krankheitsfälle jedoch eher für 
alles mögliche, nur nicht für Syphilis halten mag; wenn Hunter 
neben dieser ins Allerweiteste getrieboncn Skepsis eine solche 
staunenswerthe Glauheusseligkeit offenbart, dass er uns allen 
Ernstes unter anderen ganz unmöglichen Dingen auch zwei Pa¬ 
tienten vorführt, von denen der eine seinen Tripper am Abort 
acquirirte 3: ) uud der andere gar das Unglück hatte, nach einer 
jeden Zahnextraction vou einem Tripper befallen zu werden. 3V ) 
Den ärztlichen Schriftstellern glaubte Hunter gar nichts: den 
verlogenen Kranken alles. 

Es würde zu weit führen uud wäre in einem Fachblatte 
wohl auch überflüssig, alle einzelnen Formen der venerischen Er¬ 
krankungen der Reihe nach vorzufüliren und zu zeigen, welche 
Theorien Hunter darüber vorfand und wie er dieselben umge¬ 
staltete; es wird jedenfalls geuügen, die Hauptformen herauszu¬ 
greifen und die Stellung Hunt'er’s zu den leitenden Grundsätzen 
derselben in groben Umrissen, dennoch aber mit den Original¬ 
stellen belegt, anschaulich zu machen. 

Dio Pathologie des Trippers (mit Ausschluss der Contagien- 
lehre) wurde durch Hunter nicht wesentlich beeinflusst, gewiss 
aber in nichts gefördert. Er erzählt zwar sehr weitläufig 39 ), wie 
er zuerst im Jahre 1753 dazu gekommen sei, an zwei Hinge¬ 
richteten, welche mit dieser Krankheit behaftet waren, den Nach¬ 
weis zu führen, dass das Trippersecret nicht, wie man bis zu 
dieser Zeit allgemein glaubte (generally supposed), durch Ge¬ 
schwüre in der Harnröhre secernirt werdo, uud man es daher mit 
einer Entzüuduug der Urethra zu thun habe. Die ganze Dar¬ 
stellung beweist jedoch weiter nichts als Hunter’s äusserst 
dürftige Literaturkenntnisse über die venerischen Krankheiten. 
Schon einige Aerzte des siebzehnten Jahrhunderts, unter ihnen 
Musitanus 4J ), sprachen sich ganz unzweideutig dahin aus, dass der 
Tripper eine Entzündung der Harnröhre sei; jedoch fehlten damals 
noch eingehendere anatomische Untersuchungen; diese erbrachte 
zuerst Terraneus“) in deu Jahren 1701 bis 1703 an sechs 
Leichen von Gonorrhoischen; bald darauf folgten auch die sorg- 


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John II u n t e r als Syphilograph. 


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fältig<n Forschungen Morgagni’s **), welche auch alsbald von 
Boerhaave 48 ) und vielen anderen hervorragenden Aerzten accep- 
tirt wurden. Wenn wir uns auch sehr leicht erklären können, 
dass Hunter von allen diesen Fortschritten, weil sie sich eben 
vor seiner Geburt und ausserhalb Englands vollzogen hatten, in 
der ersten Zeit seiner praktischen Thätigkeit keine Kenntnisse 
erhielt, so ist es doch immerhin schwer zu begreifen, dass ihm 
die späteren englischen Uebersetzungen der Werke Boerhaave’s 44 ) 
und Morgagni’s 48 ) unbekannt geblieben sein sollten; noch mehr 
zu verwundern ist, dass ihm keine von den vier englischen Aus¬ 
gaben seines berühmten Landsmannes William Cockburn 4 *), 
welcher diesen Gegenstand so ausführlich und genau wie Niemand 
vor ihm, noch dazu in einem Specialwerke behandelte, in die 
Hände gekommen sein sollte. Cockburn’s Buch machte in den 
ersten drei Decennien des vorigen Jahrhunderts in den erwähnten 
Ausgaben und in einer lateinischen 4 ’) und französischen 48 ) Ueber- 
setzung den Weg durch die ganze Welt und wurde zu und sogar 
noch lange nach Hunter’s Zeit allgemein citirt; auch Astruc 4 ®) 
der einzige bedeutende Syphilidolog, welchen Hunter einigemal 
nennt und den er gelesen zu haben scheint, führt die Theorien 
Cockburn’s an zwei Stellen genau vor. Hunter wird vermuth- 
lich nur eine auszugsweise englische Uebersetzung von Astruc’s 
Werk vor sich gehabt haben. 

Eine völlig unbegründete Anschauung, welche jedenfalls, wie 
so viele andere, ihren Ursprung in der ganz beispiellosen Leicht¬ 
gläubigkeit an die Aussagen seiner Kranken hatte, entwickelt 
Hunter über den Tripper bei Weibern: Er hält es nämlich für 
möglich, dass eine Frauensperson jahrelang einen echten veneri¬ 
schen Tripper haben könne, ohne dass sie selbst je das Mindeste 
davon verspüre, noch der Arzt bei der genauesten Untersuchung 
(vom Scheidenspiegel ist kein Wort gesagt, er war auch seinerzeit 
in England nicht im Gebrauch) das Geringste entdecken könne; 
nur die Aussagen glaubwürdiger Männer (men of veracity), dass 
sie von dieser und keiner anderen Person den Tripper acquirirt 
hätten, wären in solchen Fällen für die Diagnose massgebend. so ) 
Diese Annahme beeinflusst auch die Prognose und Therapie dieser 
Erkrankung bei Weibern und gestaltet sich höchst unsicher: Der 
Arzt weiss nämlich niemals, wann er eine früher, wenn auch mit 


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. ■ Morose findet sich bei John Audree; dieser ist 
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n Stollen aus John Andree’s sehr ausführlichen 
i lauten: „Ein Schanker ist ein um sich fressendes 
r nimmt gemeiniglich von einem kleinen entzündeten 
Anfang, welcher einer Stelle sehr ähnlich ist, die 
Feuerfunken verbrannt wurde. Binnen einer Woche 
Erscheinung fängt sich der Mittelpunkt dieser Stelle 
schwur zu verwandeln. Der Theil, auf welchen das 
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rranken Theil ganz genau von dem noch gesunden 
• Zeit Hingt sowohl das Geschwür als die dasselbe 


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Prok sch. 


offenbaren Erscheinungen Erkrankte gesund erklären und die Be¬ 
handlung beendigen soll. Sf ) Daraus erhellt wohl auch, dass 
Hunter ebensowenig, als seine Vorfahren und Zeitgenossen be¬ 
stimmte Unterscheidungszeichen zwischen einem venerischen und 
nichtvenerischen Tripper anzugeben wusste. 

In der topischen Behandlung des Trippers folgte Hunter 
den Lehrern seiuer Zeit, hält jedoch dafür, dass jeder Tripper 
auch von selbst heile. ss ) Verhängnisvoll für die Wissenschaft 
und die leidende Menschheit wurde aber die allgemeine Therapie: 
da der Tripper, wenn auch selten, constitutionelle Syphilis im 
Gefolge hat, so ist jedem Kranken Quecksilber, wenn auch in 
kleinen Gaben, zu verabreichen, um den Ausbruch secundärer 
Erscheinungen zu verhüten. 5S ) Die Einwendungen und Experimente 
von Balfour, Haies 54 ), Ellis 55 ), Harrison 56 ), Tode 57 ), Dun- 
can 58 ), John Howard 59 ), Benj. Bell u. A. blieben unbeachtet; 
Hunter siegte überall! 

Im Jahre 1777 hatte John Andree 60 ) durch klinische uud 
anatomische Untersuchungen festgestellt, dass bei der sogenannten 
Tripperhodenentzündung in den seltensten Fällen oder niemals 
der Hode mit seinen Hüllen, sondern zumeist und vorzugsweise 
der Nebenhode allein von dieser bäufigston Folgekrankheit des 
Trippers ergriffen werde; diesor Entdeckung widersprach Hunter 
geradezu und hielt die alte Annahme, nach welcher sowohl der 
Hodo als auch der Nebenhode in ganz gleichmässiger Weise er¬ 
krankt seien, vollkommen aufrecht 6 '), und so blieben — denn 
Hunter hatte es gesagt — die Aerzte noch lange Zeit bei ihrer 
Orchitis gonorrhoica. 

Die Capitel über die Pathologie und Therapie der Haru- 
röhrenstricturen und einiger anderer Folgekrankheiten des Trippers 
sind die Glanzpunkte in Hunters Werk. Diesem ist es wohl 
grösstentheils zu danken, dass sich die fabulösen Abhandlungen 
über die „Carunkeln“, „Fleischgewächse“, „Fleisch warzen“ u. dgl. 
der Harnröhre, welche man vordem für die häufigsten Ursachen 
der Verengerungen hielt, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts 
ganz aus der Literatur über die venerischen Krankheiten verloren 
haben. Neue Entdeckungen hat Hunter übrigens auch in diesem 
Gegenstände nicht gemacht, nur fördert er hier durch seine reichen 
praktischen Erfahrungen den bereits von anderen angebahnten 


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I 



John Hunter als Sypbilopraph. 


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Fortschritt; denn Hunter batte bereits in Astruc, Gataker 9 *), 
Daran 93 ), Goulard 94 ) u. A. sehr bedeutende Vorarbeiter; be¬ 
sonders aber war es der grosse Morgagni 95 ) (dessen epoche¬ 
machendes Werk bereits 1769 in englischer Uebersetzung erschien 
und Hunter daher bekannt sein konnte oder sollte), welcher 
lange vor Hunter durch überaus zahlreiche und sorgfältige kli¬ 
nische und anatomische Untersuchungen die Pathologie der Harn- 
röhrenstrictureu begründet hatte. Freilich sagt Hunter von diesem 
um ein Vierteljabrhundert älteren Vorarbeiter nichts. 

Die Abhandlungen über die Physiologie der Geschlechtstheile 
über Impotenz, Onanie u. dgl. sind ebenfalls wahrhaft mustergiltig; 
aber auch ohne eigene Erfindungen. . 

Die richtige Erkenntniss und Schilderung des häufigsten 
syphilitischen Initialaffectes, der syphilitischen Sklerose, welche 
heute noch den Namen „Hunter’schor Schanker“ oder „Hunter’- 
sche Induration“ führt, wird ihm fast allgemein zugeschrieben; 
es gebührt ihm jedoch auch diese Entdeckung durchaus nicht. 
Von verhärteten, indurirten und callösen Geschwüren an den Ge- 
schlechtstheileu sprachen auch schon mehrere der älteren Syphilo- 
graphen, ja sogar schon Celsus 66 ) zu Beginn unserer Zeitrech¬ 
nung, und Falloppio sagte von solchen Geschwüren sogar: 
.quouiam calli illi sunt mauifestissima et demonstrantia signa 
morbi (gallici) confirmati“; abor eine genaue Beschreibung dieser 
l'allositäten oder Verhärtungen gaben alle diese und auch die 
späteren Schriftsteller bis zur Mitte des vorigeu Jahrhunderts 
nicht. Die erste eingehende Schilderung der Merkmale einer syphi¬ 
litischen Initialsklerose findet sich bei John And ree; dieser ist 
sogar in den meisten Punkten genauer und prägnanter als Hunter. 
Die wichtigsten Stellen aus John Andree’s sehr ausführlichen 
Darlegung 95 ) lauten: „Ein Schanker ist ein um sich fressondes 
Geschwür. Er nimmt gemeiniglich von einem kleinen entzündeten 
Fleck seinen Anfang, welcher einer Stelle sehr ähnlich ist, die 
durch einen Feuerfunken verbrannt wurde. Binnen einer Woche 
nach dieser Erscheinung fangt sich der Mittelpunkt dieser Stelle 
an in ein Geschwür zu verwandeln. Der Theil, auf welchen das 
Geschwür seinen Sitz hat, ist allemal verhärtet und diese Härte 
sondert den kranken Theil ganz genau von dem noch gesunden 
ab. Von dieser Zeit fangt sowohl das Geschwür als die dasselbe 


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umgebende Härte immer mehr und mehr an um sich zu greifen.“ — 
„Ein Schanker hat von seinem ersteu Anfang an bis zu der Zeit, 
wo er sich in der völligen Heilung befindet, ein ganz besonderes 
Aussehen, durch welches er sich von einem jeden anderen Ge¬ 
schwüre unterscheidet und welches man durch die blosse Erfah¬ 
rung kennen lernen muss, da man es mit Worten nicht gut be¬ 
schreiben kann. Allein wenn man dergleichen Geschwüre mit 
Aufmerksamkeit untersucht, und den Unterschied, der sich zwischen 
ihnen und anderen nicht venerischen Geschwüren findet, genau 
beobachtet, so wird man sowohl in der Bestimmung der Natur 
derselben, als auch in der Vorhersage des Ausganges selten einen 
Irrthum begehen.“ — „Die Farbe eines Schankers ist blassroth 
und sie fällt zuweilen in das Milchfarbene. Allein dieses Roth 
leidet in den verschiedenen Fällen mancherlei Abänderungen, in¬ 
dem es von dem Dunkelrothen bis zum Weissrothen variirt. Sieht 
man einen Schanker durch ein Vergrösserungsglas an, so wird 
man finden, dass derselbe mit vielen kleinen Fleischhügeln über 
und über besetzt ist. Die umliegende kranke Stelle ist gemeinig¬ 
lich ringförmig angeschwollen; dieser Ring ragt öfters nicht über 
den gesunden Theil hervor, aber er ist allemal verhärtet, wie man 
leicht erkennen kann, wenn man den Theil zwischen dem Daumen 
und Zeigefinger drückt.“ — „Die auf der Eichel entstehenden 
Geschwüre dieser Art sind selten so gross, oder haben soviel Ge¬ 
schwulst und Härte als diejenigen, welche auf der Vorhaut zum 
Vorschein kommen. Dieser Umstand mag wahrscheinlicher Weise 
von dem verschiedenen Bau dieser Theile herrühren, indem das 
zellige Gewebe, woraus doch die Vorhaut grösstentheils besteht, 
wenn solches entzündet ist, sehr geneigt ist, aufzuschwellen und 
hart zu werden, welches aber bei der Eichel nicht stattfindet. 
Dieses macht auch, dass die Schanker auf der Eichel gleichsam 
eingesunken erscheinen und nicht mit soviel Härte, als die Schan¬ 
ker auf der Vorhaut umgeben sind.“ — „Die Grösse des Schan¬ 
kers ist sehr verschieden, sie steht aber doch mit der Anzahl, die 
von diesen Geschwüren bei einer Person vorhanden ist, in einem 
Verhältniss.“ — „Unterdessen ist doch selbst dieser Umstand sehr 
ungewiss, indem zuweilen auch einzelne Schanker klein, und hin¬ 
gegen in Fällen, wo mehrere dergleichen beisammen angetroffen 
werden, doch dieselben sehr gross sind; man kann auch dieses 


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John Hunter als Syphilograph. 


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blos auf die erste Erscheinung dieser Geschwüro anwenden, weil 
nachher ihre Grösse durch mancherlei Umstände, z.. B. eine üble 
Leibesbeschaffenheit, die Entzündung oder auch durch eine üble 
Behandlung der Krankheit sehr vermehrt werden kann.“ 8S ) 

Bei einem Vergleiche dieser mit der Hunter’schen Be¬ 
schreibung, welchen der Leser nun leicht vornehmen kann, da 
Hunter’s Werke in allen Weltsprachen heute noch überall leicht 
za beschaffen sind, wird John Andree gewiss immer den Vor¬ 
rang erhalten. Hunter’s Beschreibung erhält schon wieder durch 
seine höchst unglückliche Contagienlehre eine Fehlerquelle; er 
läugnet die vor ihm ganz wohl bekannten primären Schanker der 
Vagina und selbstverständlich auch die des Scheidentheils der 
Gebärmutter, spricht von Schanker an anderen Schleimhäuten 
überhaupt gar nicht, denn alle primären Schanker gehören nach 
ihm auf die äussere Haut und nur der Tripper auf die Schleim¬ 
häute. *•) Seine Glaubensseligkeit an die Aussagen seiner Patien¬ 
ten lässt ihn auch eine zweimonatliche Incubationsdauer des Schan¬ 
kers annehmen. ,0 ) Ebenso ist es durchaus unrichtig, dass Hunter, 
wie man allgemein behauptet, dem Schanker specifische Eigen¬ 
schaften der äusseren Form, welche ihm ganz ausschliesslich zu- 
kommeu sollen, zugescbrieben hat; Hunter sagt sogar ausdrück¬ 
lich, dass viele andere Geschwüre, welche ebenso keine Neigung 
zur Heilung haben wie der Schanker, dieselben Merkmale wie 
dieser darbieten können.' 1 ) John Andree jedoch erklärt das 
Aussehen des Schankers für pathognomonisch, diesem ausschliess¬ 
lich zukommend; weiss von seinem Vorkommen an den Schleim¬ 
häuten und spricht von einer Incubationsdauer zwischen 30 Stun¬ 
den und drei bis vier Wochen. 

Obzwar die Anatomie und Pathologie des Lymphgefässsy- 
stems, und somit auch der Bubonen, im Laufe des vorigen Jahr¬ 
hunderts bedeutende Fortschritte gemacht hatte, so gelangte man 
dennoch nicht dazu, die primären indolenten Bubonen als das 
Prototyp beginnender Syphilis zu erkennen. Wir finden alle For¬ 
men von Bubonen bei allen primären Formen der venerischen 
Krankheiten als ihnen zu eigen erwähnt; auch Hunter kam 
hierin nicht weiter. In der Therapie der Bubonen that er leider 
ebenfalls einen Schritt nach rückwärts; er befürwortete entgegen 

Vieruljabresscbrifl f. Dermatol, u. Syph. 1887. 6 

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82 


P r o k s c h. 


mehreren von seinen Zeitgenossen die mercurielle Behandlung 
der eiterigen, schankerösen und brandigen Bubonen. '**) 

Den grausamsten Riss hat Hunter durch die Lehre von der 
syphilitischen Erkrankung der Eingeweide gethan; mit einigen 
wenigen, ganz phlegmatisch abgefassten Zeilen vernichtete er eine 
Lehre, die schon seit drei Jahrhunderten an ungezählten Leichen 
nachgewiesen und von allen Aerzten der Welt angenommen wor¬ 
den war; eine Lehre, welche bereits der grosse Morgagni dahin 
geführt hatte, dass er uns sogar die syphilitische Erkrankung der 
Gehirnarterien in einer Reihe von Fällen mit unübertrefflicher 
Meisterschaft schildern konnte! 73 ) Hunter sagte nur so obenhin: 
„Ich habe nicht gesehen, dass das Gehirn, das Herz, der Magen, 
die Leber, die Nieren und andero Eingeweide von der Syphilis 
angegriffen worden wären, obwohl dergleichen Fälle von deu 
Schriftstellern beschrieben werden“ H ) — aber das genügte voll¬ 
kommen, um die Visceralsyphilis aus den Lehrbüchern über die 
venerischon Krankheiten fast vollständig verschwinden zu machen; 
nur John Howard, Carrere 73 ), Bertrandi 7S ), Jesse Foot, 
Benjamin Bell und Mouteggia 77 ) suchten noch die alte Lehre 
nach jeder Richtung aufrecht zu halten; Hahnemann 78 ), Vet¬ 
ter 79 ), Clossius 80 ), Swediaur 81 ) und andere nahmen nur mehr 
eine Wassersucht und Lungensucht in Folge von Syphilis an, und 
zu Anfang unseres Jahrhunderts bis zum fünften Decennium war 
die Lehro von der Eingeweidesyphilis aus den Lehrbüchern ganz 
verbannt und von den Aerzten ganz vergessen; sie musste dem¬ 
nach bei dem Aufschwung, welchen die pathologische Anatomie 
von dieser Zeit an neuerdings nahm, selbstverständlich wieder 
gefunden, also abermals entdeckt werden. Der blinde Autoritäten¬ 
glaube, welchen die ganze Welt dem einen Mann entgegenbrachte, 
war wenigstens in diesem Punkte nicht durchaus ungerechtfertigt: 
denn Hunter’s pathologische und anatomische Forschungen waren 
allenthalben und in der rühmlichsten Weise bekannt; ein Museum, 
wie er besass, hatte Niemand; er selbst erhebt sich dazu gegen 
seine Gewohnheit in dem Fache der pathologischen Anatomie an 
einer Stelle über Alles vor ihm Dagewesene. So sagt Hunter, 
dass er wahrscheinlich mehr Stricturen an der Leiche untersucht 
habe, als die Schriftsteller, welche bisher über diesen Gegenstand 
geschrieben haben. 82 ) Mit den Stricturen blieb Hunter allerdings 

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John Hunter nls S\|jhilngrapli. 


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im Recht, nicht aber bei allen anderen pathologisch-anatomischen 
Untersuchungen, welche er im Gebiete der venerischen Erkran¬ 
kungen, namentlich der Syphilis angestellt hatte; übrigens war 
auch, wie ich naebgewiesen habe, die Pathologie der Stricturcn 
schon 25 Jahre vorher durch Morgagni, welcher sich ebenfalls 
auf zahlreiche anatomische Forschungen berief, klargelegt. Im 
Bezug auf die Visceralsyphilis spricht sich Hunter an anderen 
Stellen noch dahin aus, dass die zum Leben nothwendigen Organe 
.vielleicht ganz und gar nicht angegriffen werden“ 8 *); wenn die 
Lungen afflcirt würden, könne Schwindsucht darauf folgen. 84 ) 
Noch eine Stelle, welche sich eigentlich nur gegen die Syphilido- 
phobie der damaligen Aerzte richtet, ist hier von Interesse; 
Hunter sagt nämlich: „Auch noch in unseren Tagen gibt es 
schwerlich eine Krankheit, dio der Arzt, sobald sie ihn in Verlo¬ 
genheit setzt, nicht sogleich für venerisch zu halten geneigt wäre. 
Liesse man sich hierdurch zu einer aufmerksamen Prüfung be¬ 
wegen, so würden gute Flüchte nicht ausbloibcn, aber viele be¬ 
gnügen sich schon mit dem blossen Gedanken.“ ss ) Diese Bemer¬ 
kung lässt wohl doch den Schluss zu, dass Hunter selbst die 
Visceralsyphilis nicht unbedingt für eine Chimäre hielt; nur fqjilto 
ihm hier die Erfahrung und die notbwendigoLitoraturkenntniss; sogar 
die Hauptwerke von Theoph. Bonet 8 *), Astruc und Morgagni 
müssen ihm entweder nur theilweise bekannt oder vollkommen 
fremd geblieben sein. So, oder anders; jedenfalls hat dieser eine 
Lichtfunke die dichte Finstorniss nicht erhellt, welche Hunter 
über die Lehre von der Eingeweidesyphilis verbreitet hat. — Je 
weiter man liest, desto tiefer goräth man nur in eine immer trü¬ 
bere und trostlosere Nacht. 

Die syphilitischen Ophthalmien, welche bereits von den 
ältesten Syphilographen beobachtet und sogar schon zeitlich von 
Laien beschrieben wurden, an denen zu zweifeln ausser einigen 
baroken Antimercurialisten und Syphilisläugnern, nie Jemandem 
einüel, anerkannte Hunter ebenfalls nicht, weil die Entzündung 
bei diesen Ophthalmien schmerzhafter sei, als bei anderen syphi¬ 
litischen Entzündungen und diese im Auge niemals, wie im Munde, 
Rachen und an der Zunge in Eiterung übergehen. 8; ) 

Die Erkrankungen anderer Sinnesorgane sind nicht einmal 
erwähnt, obzwar damals wenigstens die Symptomatologie der 

6 * 

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P r o k s c h. 


syphilitischen Affectionen des Gehörs allgemein und genau be¬ 
kannt war. 

Das Gumma, welches schon von den Aerzten um die Mitte des 
sechzehnten Jahrhunderts als specifische Neubildung in den ver¬ 
schiedensten Organen und Geweben naehgewiesen worden war, ist 
ebenfalls nicht genannt. 

Dass Hunter versichert, er habe bei Syphilitischen auch 
niemals Rhagaden am After gesehen, trotzdem sie so häufig be¬ 
schrieben wurden, 88 ) kann den Erfahrenen wohl nicht sehr wun¬ 
dern. Man kann heute noch manche grosse Abthoilung für Syphi¬ 
litische jahrelang besuchen, und man wird nie eine Rhagade zu 
Gesicht bekommen; während man sie auf einer anderen, vielleicht 
kleineren Klinik für Syphiliskranke jahraus jahrein alle Tage an 
•vielen, besonders weiblichen Patienten, beobachtet. Der Neuling 
weiss natürlich keine Lösung dieses Räthsels; sie ist aber sehr 
einfach: hier bekümmert man sich eben um das Uebel, dort nicht. 

Die Coexistenz anderer Krankheiten, namentlich der Krätze 
und des Skorbut, neben Syphilis läugnet Hunter ebenfalls ganz 
entschieden und nennt sie, hier gleichfalls gegen seine Gewohn¬ 
heit, geradezu einen Irrthum. 8S ) Das Nebeneinandersein von 
Blattern und Syphilis gibt er zu, behauptet aber doch, dass beide 
Krankheiten nicht gleichzeitig an denselben Körpertheilen zum 
Ausbruch kommen können 90 ), was übrigens recht dunkel gehal¬ 
ten ist. 

Die Syphilis hinterlasse, auch wenn sie ganz geheilt ist, nur 
die Disposition zu vielen Krankheiten, sei aber nicht die nächste 
Ursache anderer Erkrankungen. 9I ) 

Zur Zeit, in welcher Hunter sein Work herausgab, hatte 
man in Betreff der Syphilis den unseligen sehr ähnliche Anschau¬ 
ungen; dieAerzte witterten die Krankheit überall, und die Genus¬ 
regel, welche unlängst erst ein hervorragender Kliniker für die Ge¬ 
genwart variirte: 

„Was man nicht definiren kann, 

Das sieht man für syphilitisch an“ 

galt auch damals allgemein. Da kam nun Hunter und sagte: 
nirgend ist die constitutionelle Syphilis, als: in der ersten Periode 
auf der äusseren Haut, den Mandeln, in der Nase, dem Mund, 
Hals und Zunge; in der zweiten Periode in der Knochonhaut, 


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John Hunter ais Syphilograpli. 


85 


den Bändern, Flechsen und Knochen 9!! ); — dies war sehr bequem zu 
merken, auch konnte man es mühelos in jedem Augenblick und 
an allen Orten sehon. 

Dieses waren also die Organe und Gewebe, in denen sich 
nach Hunter die secundären, oder wio er selbst sagt, die consti¬ 
tutioneilen Erscheinungen der Krankheit manifestiren konnten; 
aber auch dies galt nicht etwa für alle Knochen und Bänder; 
„denn die Gelenke“, bemerkt er, „habe ich niemals von der Sy¬ 
philis befallen gesehen“ — 93 ) und dieses hiess wieder für den 
weitaus grössten Thcil seiner Zeitgenossen und Nachkommen kurz¬ 
weg: Gelenksyphilis existict nicht! 

Dass Hunter auch die durch Jahrhunderte allen Aerzteu 
und Laien aus tausenden von Beispielen bekannte Lehre der 
hereditären Syphilis für unbegründet erklärte, ergibt sich eigent¬ 
lich aus dem Vorhergehenden. Hunter war eben consequent bis 
zum äussorsten; er calculirte einmal: nur die Secrete des Trippers 
und Schankers sind virulent und sonst nichts n ) — und dies 
führte er auch, allen bestehenden Thatsachen zum Trotz, durch. 
Noch eine Anzahl von Irrthümern hat Hunter in die Pathologie 
der venerischen Krankheiten, insbesondere der Syphilis, getragen; 
diese Irrthümer lassen sich jedoch fast alle aus den vorgeführten 
Hauptlehren ableiten und ergänzen, weshalb wir hiermit sein 
Sündenregister abschliessen. 

Die Therapie Hunter’s ist im allgemeinen nach den huma- 
ueu diätetischen und hygienischen Regeln der von Franyois Chi- 
cogneau 9 *) und Henry Haguenot 9 “) begründeten, seinerzeit, 
weltberühmten Montpellier’schen Methode durchgeführt; in der 
Prophylaxis war er durchaus nicht von dor höchst anwidernden 
Prüderie der meisten seiner Zeitgenossen befangen; sein Grund¬ 
satz: der Arzt soll Krankheiten wo möglich verhüten, galt ihm 
auch für die Syphilis. 91 ) 

Es können die grossen Verdienste, welche die Geschichte der 
Medicin in allen übrigen Theilen der Wissenschaft John Hunter 
zuschreibt, namentlich seine hervorragende Bedeutung als Anatom, 
Physiolog und Chirurg, durch die vorliegenden Zeilen einstweilen 
nicht bezweifelt oder gar widerlegt sein; eingehende literar-histo- 
rische Untersu hungen von gewiegten Vertretern der genann¬ 
ten Fächer (nur ja nicht von unseren gelehrten Berufshistorikorn 


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V r o k 5 r li. 


mit allen Fächern und daher ohne Fach) werden darlegen müssen, 
was wir dem Manne hierin eigentlich zu danken haben. 

Für die Sypliilidologie war Hunter’s Werk ein furchtbares 
Unglück! Wenn einer seiner Herausgeber, G. G. Babington 
i-agte 98 ), dass „von allen Werken John Hunter’s keines ist, auf 
welches er grössere Mühe verwandt hätte und dem er mehr Voll¬ 
endung zu gebeu bemüht gewesen wäre, als seine Abhandlung 
über die Syphilis“, so ist dies weiter nichts als eine unverständige 
Phrase, welche nur noch durch die Worte übertroffen wird, die 
G. G. Babing ton dem Hunter selbst in den Mond legt: „Ich 
habe die darin aufgestellten Lehrsätze zu lange geprüft, als dass 
sie nicht für alle Zukunft eine Sache der Ueberzeuguug bilden 
sollten.“ Solche und ähnliche Phrasen konnten zu hunderten eben 
nur in einer Zeit circuliren, die noch im Banne der Hunter’schen 
Lehren stand. 

Wer heute die Literatur über die venerischen Krankheiten 
beforscht, wird finden, dass sich vom Ende des fünfzehnten Jahr¬ 
hunderts an bis zum Erscheinen von Hunter’s Weik ein zwar 
langsames aber stetiges Wachsthum in diesem Wissenszweige 
vollzogen hatte. Alle grossen Aerzte dieses Zeitraumes, von Leo- 
nicenus") bis auf Morgagni, hatten an dem Aufbaue, welcher 
in seinen Dimensionen, wenn auch nicht in der Ausführung, das 
gegenwärtige Lehrgebäude der Sypliilidologie eher noch übertraf, 
redlich uud emsig mitgearbeitet. Da erschien Hunter’s Werk, 
einem verheerenden Orkan gleich, und stürzte Alles, Alles in 
Trümmer! Bis zum Auftreten liicord’s, also durch ein halbes 
Jahrhuudert, irrten dio Aerzte in diesem Schutt umher — und 
nun werden seit ungefähr vier Deeennieu all’ die Hanptpfoilor und 
Fundamente, welche die Sypliilislehro in der Zeit vor Hunter 
getragen haben, langsam uud überaus mühsam wieder herausge¬ 
graben — uud der längst vergangenen Blüthezeit der Forschung 
wird gar nicht mehr gedacht. 

Koch ist nicht alles Verlorene wiedergefunden; das Wieder- 
gefuudeue hält man für neue Entdeckungen; die syphilitische 
Erkrankung der Gehirnarterien, welche schon von Morgagni so 
meisterhaft demoustrirt wurde und vordem schon bekannt war, 
musste erst kürzlich neuerdings festgestellt werden; die Beziehung 
der Syphilis zum Carciuom, von Astruc u. A. bereits zu Beginn 


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John Hun'ler als SyphilograpU. 


8 1 

des vorigen Jahrhunderts gelehrt, fand ebenfalls erst in der aller- 
jflugsten Zeit ihre neuerliche Bestätigung ,0 °) etc. etc. 

Für all* die grossen Verluste trifft Hunter selbstverständ¬ 
lich kein Vorwurf. Sein Werk, welches in sehr reservirter Art 
abgefasst ist, wird Jedermann die Ueberzeugung aufzwingen, dass 
der Autor im reinsten, heiligsten Eifer für die höchsten Interessen 
hehrer Wissenschaft — geirrt hat! 10 ') 

Jede Schuld fällt demnach auf Hunter’s Zeitgenossen und 
seine Nachkommen! 

Blinder Autoritätenglaube, Trägheit, Uukcnntniss der Lite¬ 
ratur und Geschichte haben alle realen Forschungen und Kennt¬ 
nisse der Vor-Hun ter’schen Zeit auf diesem Gebiete begraben. 

Wien, im November 188G. 


Literatur und Originalbelege. 

’) A treatise on the venereal disease. London, 1786, 4°, 398 
n. 7 Taf. 

*) Abhandlung über die venerische Krankheit. Aus dem Eng¬ 
lischen. Leipzig, 1787, 8", pp. XVI, 688 u. 3 Taf. 

s ) Traitü des maladies vänäriennes. Traduit de l’anglais par 
M. Audiberti. A Paris, 1787, 8°, pp. XXXII, 430 u. 7 Taf. in 4°. 

*) A treatise on the venereal disease. Second edition. London, 
1788, 4°, p. 398 u. 7 Taf. 

*) A treatise on the venereal disease. Philadelphia, 1791, 8°, 
p. 369 u. 6 Taf. — Dasselbe With an introduction and commen- 
tary by Joseph Adams. I st American edition. Philadelphia, 1818, 
8*, pp. XX, 367, XV und 6 Taf. — Dasselbe With notes by George 
G. Babington. Philadelphia, 1839, 8°, p. 347 u. 6 Taf. — Das¬ 
selbe With notes by James F. Palmer. Philadelphia, 1840, 8°, 
p. 611 n. 4 Taf. 

•) Observations upon the new opinions of John Hunter, in his 
late treatise on the venereal disease, ending with the subjoct of 
gonorrhoea, and second part of his work. London, 1786, 8°, pp. VI, 
HO. — Dasselbe treating on strictures in tho urethra, his eure by 


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Pr o k s c h. 


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canstick his apparatns for conducting the caustick; and his chapter 
on impotence. Part de second. To be ended in the next. London, 
1780, 8°, pp. IV, 150. — Ein dritter Theil erschien ebenda 1787 
in 8°. — A cotnplete treatise on the natnre, Symptoms and eure of 
lues venerea. London, 1820, 8°, pp. XII, 420 u. 1 Port. 

') A treatise on gonorrhoea virulenta and lues venerea. Edin¬ 
burgh, 179:1; 8’, II, pp. XIV, 453; VIII, 549. 

*) A treatise on the venereal disease. London, 1810, 8“; eben¬ 
da 1810, 8° und 1835, 8". 

®) Abhandlung von der venerischen Krankheit, ins Deutsche 
übertragen von Fr. B ran iss. Mit Noten von Ri cord in Paris. Ba¬ 
bington in London und F. J. Bohrend in Berlin. Berlin, 1848, 
8°, pp. XXIV, 810 u. 9 Taf. 

,0 ) Traite de la Syphilis. Traduit de l’anglais par G. Riehe- 
1 ot; annote par Pli. Ricord. Paris, 1845, 8°, p. 688 u. 9 Taf. — 
Traite de la maladio ven<*rienne. Traduit de l’anglais par le doc- 
teur G. Richelot, avec des notes et des additions par le docteur 
Ph. Ricord. Ile edition. Paris, 1852, 8«, pp. III, 812 u. 9 Taf. 

M ) Auszug aus John Hunter’s berühmtem Werke über die 
venerische Krankheit. — In: F. J. Behrend's Syphilidologie. Leip¬ 
zig, 1840, II, p. 96—194. 

**) Abhandlung von der venerischen Krankheit, ins Deutsche 
übertragen von Fr. Braniss. Mit Anmerkungen von Babington, 
Behrend und Ricord. Zweite (Titel-) Ausgabe, Berlin, 1859, 8“, 
pp. XXIV, 810 u. 9 Taf. 

,3 ) Traite de la maladie venürienne; avec notes et additions 
par Ph. Ricord. Ille Edition. Paris, 1859, 8°, p. 800 u. 9 Taf. 

u ) A treatise on the venereal disease. With copious additions 
by Philipp Ricord. Translated and edited, with notes, by Freman 
J. Bumstead. Second edition, revised, containing a resume of Ri¬ 
co r d’s recent lectures on chancre. Philadelphia, 1859, 8®, pp. XVI, 
548 und 8 Taf. 

,s ) Die Lehre von der Visceralsyphilis im 18. Jahrhundert. 
Vierteljahresschr. f. Dermat. u. Syph. Wien, 1878, V, p. 36. — Die 
Lehre von den venerischen Contagien im 18. Jahrhundert. Ebenda 
1883, X, p. 79. — Zur Syphilis des Nervensystems. Ein historischer 
Beitrag, Wien, 1884, 8°, p. 15 u. f. 


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John Hunter als Syphüograph. 


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u ) Vorlesungen über Pathologie nnd Therapie der Syphilis, von 
Prof. Dr. Eduard Lang. Wiesbaden, 1884—1886, 8°, p. 14—15. 

,: ) Leviticus, Cap. 15, V, 1—33. 

18 ) Nova poenitentialis quadragesima, nec non pnrgatorium in 
morbum Gallicum sive Venereura. Parisiis, 1527, 8". — Vergl. Aetroc 
De morbis venereis. Parisiis, 1740, 4°, II, p. 640. 

1# ) Chirurgische Bücher und Schriften. Strassburg, 1618, fol. 
p. 285—286. 

30 ) De morbo Gallico über. Patavii, 1564, 4°, 87 Blätter. 

*') The Symptoms, nature, cause, and eure of a gonorrhoea. 
Second edition with additions. London, 1715, 8 # , p. 224. 

**) TraitoS des maladies vfrnSriennes. Nouvelle edition. Paris, 
1768, 8®, II, pp. XIX, 400; VIII, 422. 

**) Dissertatio de gonorrhoea virulenta. Edinburgh 1767, 4°. 

n ) „It proves first, that matter from a gonorrhoea will pro- 
duce chancres“, p. 327. — Benützt ist immer die zweite Original¬ 
ausgabe, welche allein als Hunter’s letzte Darlegung seiner An¬ 
schauungen über diesen Gegenstand betrachtet werden kann. 

“) Trait£ pratique des maladies v6n£riennes. Paris, 1838, 8°, 
pag. 808. 

**) „A man had been affected with the venereal disease a long 
time, and had been several times salivated, but the disease still 
broke out anew. Ho was taken into St. Georges Hospital, affected with 
a number of pocky sores; and before I put him under a mercurial 
course, I made the following experiment. 1 took some matter from onc 
of the sores upon the poiut of a lancet, and made three small 
wounds upon the back where the skin was smooth and sound, deep 
enough to draw blood. I made a wound similar to the other three, 
with a clean lancet, the four wounds raaking a quadrangle; but all 
the wounds healed up, and none of them ever appeared afterwards. 

This experiment I have repeated more than once, and with 
the same result. It shows that a pocky person cannot be affected 
locally with the matter proceeding from the sores produced by the 
lues venerea. But to see how far real venereal matter was capable 
of producing chancres on a pocky person, I made the following ex¬ 
periment. 


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A man, who had venereal blotches on many parls of his skin, 
was inocnlated in sound parts with matter from a chancre, and also 
with matter from his own sores. The wounds inocnlated with tho 
matter from the chancres became chancres; bot the others healed 
up. Here then was a venereal Constitution capable of being affected 
locally with fresh venereal matter. This experiment I have likewise 
repeated more than once, and always with the same effect. 

I ordered a person, at St. George’s Hospital, to be inoculated 
with the matter taken from a well marked veneroal ulcer on tho 
tonsil, and also with matter from a gonorrhoea, which produced the 
saYne effects as in the preceding experiment; that is, the matter 
from a gonorrhoea produced a chancre, but that from the tonsil had 
no effect“, p. 293—294. 

* 7 ) Unmittelbar vor Beschreibung dieser Experimente zieht 
Hunter in Bezug auf die secundären Secrete auch den einzig rich¬ 
tigen Schluss, nur an anderen Stellen läugnet er die Inoculabilität 
auf Gesunde; so z. B. p. 291: „It is also supposed, that a foetus, 
in the womb of a pocky mother, may be infected by her. This I 
should doubt very much, both from what may be observed of the 
secretions, and from finding that even the matter from such consti- 
tutional inflammation is not capable of communicating the disease.“ 

28 ) Lettres sur la Syphilis; ä M. Amed6e Latour, redacteur en 
chef de l’Union m^dicale. — Tn: L’Union m6d. Paris, 1850, Nr. 10, 
14, 21, 25, 34, 38, 43, 49, 64, 68, 71, 74, 79, 85, 88, 91, 97, 
103, 109, 118, 124, 132, 133, 142, 145; 1851, Nr. 11, 26, 32, 
44, 56, 63, 74, 93, 113, 131. 

* tf ) „We may observe, tliat even the blood of a pocky person 
has no power of contaminating, and is not capable of giving the 
disease to another even by inoculation“, p. 292. 

30 ) V. p. 20 in der Anmerkung. 

3t ) „no person that has this matter circulating, or has the Ines 
venerea, could escape having a venereal sore whenever he is bled or 
receives a scratch with a pin, the part so wounded turning into a 
chancre“, p. 292. 

**) S. 1. c. Nr. 27. 

**) „This idea has been carried still further; for it has been 
supposed that such a contaminated child could contaminate the 
breasts of a clean woman by suckiug her; the possibility of which 


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John Hunter als Syphilojrraph. 


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will be considered presently.“ Als Beleg folgt (las Citat Nr. 29, 
pag. 292. 

M ) „Drinking ont of the saine cup, with a venereal patient, 
was formerly snpposed to be capable of communicating the laes 
venerea; bnt this notion is, I believe, now exploded“, p. 379. 

3i ) „Of late years a new mode of prodncing the venereal 
disease is snpposed to have arisen; this is by the transplanting of 
a tooth, frora the month of one person into tho rnouth of anothor. 
That snch practice has produced diseases, is nndoubted; bnt liow 
far it has been venereal, remains to be considered“, p. 379. 

3 *) Solche Fälle finden sich mehrfach, besonders aber p. 294 
bis 299 beschrieben. 

3: ) V. p. 50. Für eine kurze Wiedergabe ungeeignet. 

3S ) „I have known the urethra sympathise with the cutting of 
a tooth prodncing all the Symptoms of a gonorrhoea. This happoned 
several times to the same patient“, p. 33, 

**) V. p. 29—31. 

M ) Waag-Schaale der Venus-Seuche oder Frantzosen-Krankheit. 
Hamburg, 1700, 8°, p. 544. — Das Original erschien Neapel, 1689. 

4| ) De glandulis universim, et speciatim ad nrethram virilem 
novis. Lugduni Batavorum, 1729, 8®, pp. XVI, 116 u. 2 Taf. in 4°. 
Zuerst Turin, 1709, 8°. 

M ) Adversaria anatomica omnia. Venetiis, 1762, fol. pp. XVI, 
44 u. 11 Tif. — Die Stellen zuerst Adversaria anatomica quarta. 
Pataviae, 1719, 4®. — De sedibus et causis morborum per anato- 
men indagatis libri V. Lovanii, 1767, 4°, II, p. 344 u. fgde. — 
Zuerst: Venetiis, 1761, fol. II. 

4I ) Praelectiones academicao de lue vonerea. Lugduni Batavo- 
rum, 1762, 8°, p. 420 — Zuerst: ebenda 1751, 8°. 

") Uebersetzt ins Englische und mit Noten von Jonathan Wa- 
then. London, 1765, 8°. 

4i ) Morgagni’s Hauptwerk; englisch: London, 1769, 4°, IV. 

% *) The Symptoms, nature, cause and eure of a gonorrhoea. 
London, 1713, 8°. Ohne Autornamen, die übrigen Auflagen mit dem¬ 
selben ebenda 1715, 8°, p. 224; 1719, 8°, p. 304 u. 1 Taf. und 
1728, 8\ 


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47 ) Virnlentae gonorrhooae symptomata, natnra, causa et cura- 
tiones. Qni ipso ex sermone anglico in latinura vertit. Lngduni Bata- 
vornm, 1717, 8°, p. 175. 

%8 ) Trait£ de la natare, des causes, des symptöraes, et de la 
cnration de l’accident le plns ordinaire da mal v^nörien. Tradnit sur 
l’e'dition latino imprimöo d Lyde en 1717, par M. Devaux. A Paris. 
1730, 8°, p. 464. 

4# ) De morbis venereis libri novem. Editio altera. Lutetiae 
Paris., 1740, 4°, pp. XXXVI, 1196. 

so ) „It may be asked, what proof tbere is of a woman having 
a gonorrhoea when sbe is not sensible of baving any ono symptow 
of tbe disease, and none appcars to tbe snrgeon on examination? In 
sncb a case tbe only tbing we can dopend npon is, tbe testimony 
of those wbom we look upon as men of veracity. Such men have 
asserted tbat they have been affected by a women in tbe Situation 
abovede scribed, having had no connection for some montbs with any 
other woman. From tliis evidence it is reasonablo to snppose, tbat 
tbe disease has been canght from such women“, p. 65. 

51 ) „If wbat i have said of tbe disease in women bo just, 
must seo that it will be a difficult tbing to say, with any degree 
of certainty, when tbe patient is well; because, whencver tbe Sym¬ 
ptoms have ceased, the surgeon and tbe patient will naturally sup- 
pose the eure to be coraplete; but a new trial of those parts may 
prove the contrary; or in case?, whore tbe disoase has never affec* 
ted the urethra, but only the vagina, and still more whore no Sym¬ 
ptoms have ever been observed, it will be more difficult to fix the 
dato of the eure“, p. 82. 

s ®) „As wo have no specific medicine for the gonorrhoea, it is 
fortunate that time alone will effect a eure: it is therefore very reaso- 
nable to suppose, that every such inflammation ceases of itself“, p. 69. 

53 ) „Whatever methods are used for the eure, locally or con- 
stitutionally, it is always necessary to have in view the possibility 
of some of the matter being absorbed, and afterwards appearing in 
the form of a lues venerea; to prevent which I should be inclineU 
to give small doses of mercury internally“, p. 86. 

44 ) A lettor addressed to Cosar Hawkins Esq. Serjeant Surgeon 
to his Majesty, containing new thoughts and observations on the eure 
of the venercal disease. London, 1770, 8', citirt in: 


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Jolm fl ii n 1 1 r ab Syphflograph. 


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5i ) An essay on the me of venereal gonorrhoea in a new 
method. With some observations on gleets. London, 1771, 8°, p. 35. 

*•) Dissertatio de Ine venerea. Edinburgh 1781, 8°, citirt in 
Nr. 59. 

57 ) Vom Tripper in Ansehung seiuer Natur und Geschichte. 
Kopenhagen, 1774, 8°, p. 220. 

Nöthige Erinnerungen für Aerzte und Kranke, die den Tripper 
heilen wollen. Kopenhagen, 1777, 8°, 224. — II. Auflage. Kopen¬ 
hagen und Leipzig, 1780, 8°, p. 338. — III. Auflage, ebenda, 1790, 
8', p. 468. 

58 ) Medical cases, selected from the records of the public Dis- 
pensary at Edinburgh. Edinburgh, 1778, 8®, p. 278. 

s# ) Practical observations on the natural history and eure of 
the venereal disease. London, 1787—91, 8®, III, pp. 275, 231, 267 
u. 2 Taf. 

s# ) An essay on the theory and eure of the venereal gonor- 
jhoea, and the diseases, which happen in consequence of that disor- 
der. London, 1777, 8°, p. 67. — Deutsch in: John Andree Ab¬ 
handlungen über den venerischen Tripper und die venerischen Krank¬ 
heiten. Aus d. Engl, mit Anmerkungen. Leipzig, 1781, 8®, p. 1—-60. 

*') „It has been asserted, but without proof, that in cases of 
swelled testicles in consequence of a gonorrhoea, it is not the testicle 
that swells, but the epididymis. The Ihrut is, it is both the one 
and the other“, p. 54—55. 

**) Observations on venereal complaints, and on the mo- 
thode recommended for their eure. London, 1754, 8®. — Bericht in 
Girtanner’s Abhandlung über die venerische Krankheit, II. Auflage. 
Göttingen, 1793, 8®, III, p. 482. 

•*) Observations chirurgicales sur les maladies de l’uröthre. V. 
«dit. Paris, 1768, 8®, pp. VIII, 322. 

**) Mömoire sur les maladies de l’urethre et sur un remfcdc 
s pecifiqno pour les guörir, de meine que beaucoup d’autres maladies 
v en6riennes chirurgicales. Montpellier, 1746, 8®. Wieder abgedruckt 
den Gesammtausgaben seiner Werke; deutsch: Lübek, 1767, 8®, 
Xi, p. 1—350. 

**) De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis; 
^pistola XLII, art. 38: „Quae cum ita sint, minus, ut puto, mira- 
^beris, si cum tot urethras ex quo Anatomes Studio me dedi, attente 

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Proksch. 


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inspexerim it quotannis adhuc inspiciam; vix nnam dixcro certam 
mibi esse in ea Obscrvationem carneae excrescentiae, cum plures 
sint cicatricum et coarctationnm, caqne illa una non sine his fnerit.“ 

**) De medicina. Lib. VI, cap. 18. 

87 ) Observations on the theory and eure of tho vcncreal disease. 
London, 1779, 8°, pp. IV, 146. — Deutsch in John Andree Ab¬ 
handlungen über den venerischen Tripper und die venerischen Krank¬ 
heiten überhaupt. Leipzig, 1781, 8°, p. 61—204. 

* 8 ) Obzwar ich, um nicht partheiisch zu erscheinen, eine fremde 
über hundert Jahre alte deutsche Uebersetzung gewählt habe, will 
ich dennoch die Originalstellen anführen: „A Chancre is an eroding 
ulcer: it usually begins frorn a minute inflamed spot, much resem- 
bling a part which has been burnt by a spark of fire. Within the 
spaco of one weck aftcr tbis appearance, tho centre of the inflam- 
mation ulcerates. The part on wbich the ulcer is seated is always 
hardened; which hardnoss distinctly separates the disoased from the 
sound part. From tbis time, tho ulcer and surrounding hardness con- 
tinue to enlarge . . . . A chancre. from the time of its origin tili 
it is in a healing state, has a peculiar appearance, different from 
that' of any other soro, and such a one as cannot be leamt by any 
words-, but whoever attentively examines such sores, and properly 
remarks the dififerenco between them and such as are not venereal, 
will seldom be decoived in progosticating upon them. The coloar of 
a chancre is a pale-red, sometimes inclining to a crcam colour; but 
this, in different cases, varies from a deep-red to a dingy-cream 
colour; and, if examined through a magnifying-glass, will be soen 
tobe studded over with numerous small hillocks of flcsh. The surronn- 
ding disoased part is most commonly swelled in a circular form, 
which sometimes is not raised higher than tho sound part, bat is 
always hardened, as may be perceived by gently pressing the part 
between the finger and tliumb“, p. 6—7. — „Chancres on the glans 
are seldom so large, or have so much swelling and hardness, as 
those on the prepuce: this circumstance may probably be owing to 
the different texture of the parts diseased; the cellular membrane 
being very apt to swell and harden when inflamed, whereas the glans 
is not so disposed. From this cause, chancres on tho last-mentioned 
part generally appear sunk into its substance, and not surrounded 
with so much hardness“, p. 10. — „The size of chancres varies 


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John Hunter als Syphilograjih. 


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cor.sidm l*ly. but most commonly bears a proportion to their num- 
ber“, p. 9 — „ but Ibis uicurastarice is very uncertain, as some 
single oues are small, and some of the other kind are large; and is 
only applicable to them soon aftcr their first appearance, asthesizo 
afterwards may bc greatly increased from many causes; such as a 
bad Constitution, inflaramation, or ill treatment of the disease“, p. 10. 

* 9 ) „The gonorrhooa always proceeds from a secreting surface, 
and the chancre is forraed on a non-secroting surface“, p. 16. 

,# ) „An officer in the army had a chancre which appeared 
two months after he had had any conncction with a woman“, 
pag. 218. 

7I ) „Venereal ulcers (chancres) commonly have one character, 
which however is not entirely peculiar to them, for many sores that 
have no disposition to heal (which is the casc with a chancre), have 
so far the same charactcr“, p. 215. 

7S ) „It may admit of dispute, whother the application of mer- 
cury shoula be continued or not through the wholc suppuration. 
I should be inclined to continue it, but in a smaller quantity“, p. 277. 

~‘ 3 ) Vergl. J. K. Proksch: Zur Syphilis des Nervensystems, 
In: Wiener med. Blätter, 1884, VII, Nr. 10—12. 

74 ) „we have not seen tho brain affccted, the heart, stomach, 
iiver, kidneys, nor other viscera; although such casos are described 
in authors“, p. 305. 

7ä ) Rechercbes sur les maladies venörienncs chroniques sans 
signes ividents; c’cst-ä-dire, masquees, dügenerees ou compliquees. 
A Paris, 1788, 8°, p. 204.’ 

7# ) Malattie veneree; in Ambr. Bertrandi Opere anatomiche, e 
cerusiche. Publicate, e accresciute di noto, o di supplimenti dai chi- 
rurghi Giov. Antonio Penchionati e Giovanni Brugnono. Torino, 
1786—1790, 8°, VI, pp. XVI, 374; VII, pp. VII, 395 und 3 Taf. 
in Quart. 

,7 ) Annotazioni pratiche sopra i mali venerei. Milano, 1794, 
8°, pp. VIII, 255. 

,# ) Unterricht für Wundärzte über die venerischen Krankheiten. 
Leipzig, 1789, 8”, p. 292. 

7 *) Kurart aller venerischen Krankheiten nach Hunter, Gir« 
tanner und Hahneraann. Wipn, 1793, 8°, p. 488. 


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inspexerim et qnotamiis adlinc inspiciam; vix onam dixoro 
raihi esse in ea Observationem carneae excrescentiae, cun 
sint cicatricnm et coarctationmn, caquo illa nna non sine hb 

“) De medicina. Lib. VI, cap. 18. 

#7 ) Observations on the theory and enre of the venerea; 
London, 1779, 8°, pp. IV, 146. — Deutsch in John And 
bandlungen über den venerischen Tripper nnd die venerische 
beiten überhaupt. Leipzig, 1781, 8°, p. 61—204. 

**) Obzwar ich, um nicht partheiisch zu erscheinen, ei 
über hundert Jahre alte deutsche Uehersetzur.g gewählt 1 
ich dennoch die Originalstellen anführen: „A Chancrc is a 
ulcer: it usually begins from a minute inflamed spot, mu< 
bling a part which has been burnt by a spark of fire. V 
spaco of one weck after tbis appearance, tho ccntro of tl 
mation ulcerates. The part on which the ulcer is seated 
hardoned; which hardness distinctly separates tho diseased 
sound part. From tbis time, tho ulcer and surrounding har 
tinue to enlarge . ... A chancrc. from the time of its 
it is in a healing state, has a peculiar appearance, difh 
that' of any other sore, and such a one as cannot be leai 
words; but whoever attentively examines such sores, ai 
remarks the differoncc between them and such as are n< 
will seldom bo deceived in progosticating upon them. Tie 
a chancre is a pale-red, sometimes inclining to a cream < 
this, in differont cases, varies from a deep-red to a < 
colour; and, if examined through a magnifying-glass, wi 
to be studded over with numerous small hillocks of flesh. Ti 
ding diseased part is most commonly swcllod in a dp 
which sometimes is not raised higher than the sound i 
always hardened, as may be perceivcd by gently pressin- 
between the finger and thumb“, p. 6—7. — „Chancres o; 
aro seldom so large, or have so much swelling and 1 
those on the prepuce: this circumstance may probably 1 
the different texture of the parts diseased; the cellului 
being very apt to swell and harden when inflamed, whep 
is not so disposed. From this cause, chancres on tho la. 
part generally appear sunk into its substance, and not 
with so much hardness“, p. 10. — „The size of cha 


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80 ) Ueber die Lustseuche, Tübingen, 1797, 8°, pp. XVIII, 430. 

81 ) Trait6 complet sur les symptömrs, la nature et le traite- 
ment des maladies syphilitiques. Paris, 1798, 8°, II, pp. XV, LII, 
384; LXIV, 448. 

**) Diese Stelle ist in der zweiten Originalaasgabe weggeblie¬ 
ben: in der deutschen Uebersetzung von 1787 findet sie sich p. 188 
bis 189 in der Anmerkung. 

84 ) „The skin, throat, and nose, are more readily affected by 
the lues venerea than the bones and periosteura, which, on the other 
band, suffer sooner than many other parts, particularly the vital 
parts, which perhaps are not at all susceptible of the disease“, p. 6. 

84 ) „If the venereal disease attacks the lungs, although that 
disposition may be corrected, consumption may ensue; and in like 
manner where the bones are affected, or the nose, scrofulous swel- 
lings or fistula lacrymalis may be the consequence, though the disease 
may have been cured.“ p. 27. — „The venereal disease also becomes 
often the immediate cause of other disorders, by calling forth latent 
tendencies to action“, p. 26. 

85 ) „There is even at this day hardly any disease the practi- 
tioner is puzzled about, but the venereal comes immediately into 
bis mind; and if this became the cause of careful investigation, it 
would be productive of good, but with many the idea alone satis- 
fies the mind“, p. 330. 

88 ) Sepulchretum, sive anatomia practica. Genevae, 1679, fol. 
II, p. 1706. 

87 ) „There are inflammation6 of the eyes which are supposed to be 
venereal; . . . . But if such cases are venereal, the disease is very diffe¬ 
rent from what it is when attacking other parts, from the Constitution, 
for the infiammation is more painful than in venereal inflammation 
proceeding from the Constitution; and I bave never seen such casps 
attended with ulceration, as in the mouth, throat, and tongue, which 
makes me doubt mach of their being venereal“, p. 324. 

88 ) „There are a number of local appearances, mentioned by 
authors, which I never saw, such as the fissures about the anus 
etc.“, p. 330. 

89 ) „The venereal disease is not only suspected to be present 
in many cases where the nature of the disorder is not well marked, 
but it is supposed that it can be combined with other diseases, such 

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John Hunter ah Syphilograph. 


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as the itch and the scurvy. Thus we hear of pocky itch, arid of 
scn rvy and the venereal disease combined; but this snpposition ap- 
pears to me to be founded in error. I have never soen any such 
cases, nor do they seem to be consistent with the principles of mor¬ 
bid action in the animal oeconomy. It appears to me, beyond a 
doubt, that no two actions can take place in the samo constitntion, 
or in the same part, at one and the same time“, p. 2. 

90 ) „A man may have the pox and the small pox at the same 
time; that is, parts of his body may have been contaminated by the 
venereal poison, and the small pox may take place, and both disea¬ 
ses may appear together, but not in the same parts“, p. 8. 

**) Belege hiefür finden sich mehrere, der passendste scheint 
folgender: „It shows great ignorance, however, to suppose the vene¬ 
real disease can be both tho predisposing and immediate cause“, 
pag. 28. 

**) „The parts that are effected by this form of the disease 
when in its early stage or appearance, which I have called first in 
Order, are the skin, tonsils, nose, throat, inside of the mouth, and 
sometimes the tongue. When in its later state, the periosteurn, fa- 
sciae, and bones come into action, and these I call socond in Order 
of parts. Porhaps the bones come into action from the membrano 
being affected“, p. 307. 

91 ) „I do not know that I ever saw the lues venerea attack 
the joints, though many rlieumatic complaints of those parts are 
cured by mercury, and therefore supposed to be venereal“, p. 381. 

94 ) „It has been supposed that even all tho secretions from 
the contaminated blood could be affected so as to produce a likc 
poison in them, and as the parts of generation are thrown in the 
way of receiving it, when fresh contracted, so they still lie under 
the censure of having it returned upon them from the Constitution. Hence 
it has been supposed that the testicles and vesiculae seminales may 
be affected by the disease; that the semen may become venereal, 
may communicate the disease to others, and, after impregnation, may 
even grow into a pocky child; but all this is without foundation; 
otherways, when a person has the lues venerea, no secreting surface 
could be free from the state of a gonorrhoea, nor could any sore be 
other than venereal. Contrary to all which, the secretions are the 
same as before; and if a sore is produced by any other means in 

Yierieljahreäsclirifl f. DerroatoL u. Syph. 1887. 7 


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a sound part, that sorc is not venereal, nor the matter poisonons, 
altliough formcd from the same blood“, p. 290. — „It has been 
supposed and assevted from Observation, that ulcers in the mouths 
of children from a constitutional disease, which constitntional disease 
has been snpposed to be derivcd from the parent, have prodnced the 
same disease upon the nipples of women who had been sucked by 
them; that is. the children were contaminated either by their mothers 
or fathers having the disease in form of a Ines venerea, of which 
I have endeavoured to show the impossibility. If, however, it were 
possible to contaminate onco in this way, it wonld be possible 
to contaminate for ever“, pag. 295. — Da nun aber Hnnter 
selbst ans seiner Praxis solche Fälle in durchaus präciser Beschrei¬ 
bung vorführt, so drängt sich selbstverständlich dem Leser die Frage 
auf; ja, was waren denn das eigentlich für Fälle, wenn es schon 
keine Syphilis sein durfte? Darauf erwidert Hunter ganz gelassen; 
„To say what they were, wonld lead us into the consideration of 
other diseases“, p. 296. 

9S ) Chicogneau, Franciscus et Antonius Pelissery. Quaestio 
medica,- eaque therapeutica: An ad curandam luem veneream fric- 
tiones mercuriales in hunc finem adhibendae sint, ut salivac fluxus 
concitetur? Monspellii, 1718, 8°. — Bericht bei Astruc 1. c. II 
pag.-1057. 

") Mömoire contenant une nouvelle m£thode de traiter la ve¬ 
röle. A Montpellier, 1734, 8°, p. 20. — Bericht in Astruc 1. c. 
p. 1096—1099. 

97 ) „As diseases in genoral should not only be cured, but, 
when it is possible, preventod, it will not bo improper to .show, as 
far as we know, how that may be done; for in this disease we 
can with more certainty provent infection, its origin being known“, 
pag. 378. 

9S ) Deutsche Ausgabe. Berlin, 1848, Vorrede p. XVII. 

") Libellus de epidemia quam vulgo morbum Gallicum vocant. 
Venetiis, 1497, 4°, 29 unnummerirte Blätter. 

10 °) Die Beziehungen des Krebses zur Syphilis hat übrigens 
auch Hunter noch nicht unbedingt geläugnet; doch sehen wir noch 
diese eine, auch in anderen Punkten historisch lehrreiche Stelle: 
„There are also a number of diseases, described by authors as vene¬ 
real, especially by Astruc and his followers, which are almost 


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John Hunter als Syphflograph. 


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endless. Tbc cancer, scrofula, rheumatism, and gont, havc becn con- 
sidered as arising from it, which may be in some mcasnre truo; 
but tbey are with them the disease itself, and all their conse- 
quences, as consumption, wasting from want of nourishment, jaun- 
dice, and a thonsand other diseases, which happf-ned roany ytars 
before the existence of the Ines vencrea, aro all attribnted lo it u , 
pag. 330. 

,01 ) Welche Opfer Hunter der Wissenschaft darbrachte, geht 
ausser vielen anderen Handlungen, auch daraus hervor, dass er das 
erste Experiment mit dem vermeintlichen Trippersecret jedenfalls an 
sich selbst ausfübrte. Es ist dies theilweiso schon aus der Beschrei¬ 
bung und der langen Beobachtungsdauer des Falles zu schliesscn; 
denn an allen* anderen Orten bezeichnet Hunter seine Bcobachtungs- 
und Versuchsobjecte wenigstens obenhin, nur hier nicht. Ferner sagt 
sein Herausgeber G. G. Babington (Deutsche Ausgabe 1848, p. 30 
Anmerkung) ausdrücklich, dass Hunter an sich selbst diesen Ver¬ 
such machte. Wohl ist G. G. Babington erst zwei Jahre nach 
Hunter’s Tod geboren worden; er konnte es j?doch aus verlässlicher 
üeberlieferung' wissen. Am meisten spricht jedoch das Zeugniss eines 
Zeitgenossen Hunter’s dafür. John Androo erzählt (Abhandlungen 
über den venerischen Tripper. Leipzig, 1781, p. 20—21): „Ein 
scharfsinniger Wundarzt hat bewiesen, dass die Trippermateric einen 
wahren venerischen Schanker verursachen könne, indem er sich mit 
einer Lanzette inoculirte etc.“ — Freilich gehört ausser diesem noch 
die Keuntniss einer langen Reihe von Nebenumständen dazu, um sich 
in dieser Sache für überzeugt zu halten. 


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Feber die Bacillen bei Syphilis. 1 ' 

Von 

Prof. Dr. Doutrelepont in Bonn. 

(Mit Tafel III.) 

Auf der Strassburger Naturforscher-Versammlung*) habe ich 
den damaligen Stand der Frage über die sogenannten Syphilisba- 
cillen in Kürze präcisirt. Bereits dort konnte ich auf Grund eige¬ 
ner Untersuchungen Matterstock’s, respective Alvarez’ und 
Tavel's Angaben über die Smogmabacillen als völlig zu Recht 
bestehend erklären. Damit war einerseits der Lustgarten’schen 
Färbungsmethode die Spocificität genommen, andererseits konnte 
der Nachweis von Bacillen in don Secreten der syphilitischen Pro¬ 
dukte besonders in den Gegenden, wo Smogmabacillen Vorkommen, 
keinen diagnostischen Werth mehr haben. 

So lange wir über die Arten und ihre Charakteristik 
nicht besser unterrichtet sind, als dies bis jetzt der Fall, lässt sich 
überhaupt nicht entscheiden, ob in den fraglichen Secreten unter 
den polymorphen Bacillen sich nicht neben den Smogmabacillen 
auch echte Syphilisbacillen findon. Matterstock 3 ) spricht sich 
mit Recht für diese Annahme aus: er erwähnt die positiven Bo- 
funde im Gewebe und Pustelinhalt. Beim Zerfallen dieser müssten 
die Bacillen an die Oberfläche, respective in die Secrete gelangen. 

i) Nach einem Vortrage in der Section für Dermatologie und Syphilis 
der 59. Versammlung der Naturforcher und Aerztc zu Berlin. 

*) cf. Vierteljahreschr. 1885. S. 699. — Deutsche med. Wochenschr. 
1885. S. 812. 

*) Mittheilungen aus der med. Klinik der Universität Würzburg. 
Ueber Bacillen bei Syphilis. Scp.-Abdr. 8. 21. 

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Doutrelepont. 


Weiter spräche dafür, dass auch an Stellen, wo keine Smegma- 
bacillen vorkämen, oder wo sie nur sehr kümmerlich zu gedeihen 
schienen (Papeln des äusseren Gehörganges, zwischen den Zehen, 
Mund- und Rachenschleimhaut) typische Bacillen nachweisbar seien 
und diese Bacillenformen fast constant auf den Krankheitsherden 
gefunden seien, welche als die Träger des syphilitischen Virus 
gelton müssen und ausserdem viel häufiger dort, als in dem Smeg- 
ma nach seinen zahlreichen Untersuchungen gefunden wurden. 

Ein genaueres Studium der Smegmabacilleu durch Matter¬ 
stock’) und Klemperer’) hat schon Unterschiede zwischen 
denselben, welche polymorph sind (Matterstock hat sieben ver¬ 
schieden gestaltete Stäbchen constatirt) und den Bacillen in den 
Geweben dargelegt. Auch ich konnte bereits in meinem vorjährigen 
Vortrage angeben, dass ich die Secret-, sowie die Smegmabacilleu 
nach dem von mir 3 ) und Schütz beschriebenen Färbungsverfahren 
nicht hatte nachweisen können, ohne damals allzuviel Gewicht 
auf diesen Unterschied zu legen, da mir eine genauere Untersu¬ 
chung der Smegmabacillen damals noch nicht ermöglicht war; 
erst kurz vor der Naturforscher-Versammlung war mir die be¬ 
treffende Mittheilung Cornil’s an die Pariser Academie zu Ge¬ 
sichte gekommen. Inzwischen haben Matterstock und Klem- 
perer die Thatsache vollkommen bestätigt und erwiesen, dass 
die Smegmabacillen durch Alkoholeinwirkung sich bald entfärben. 
Lustgarten 4 ) hatte schon angegeben, dass man zur Entfärbung 
der Secretbacillen keinen Alkohol an wenden dürfe, während er die 
Gewebsschnitte nach der Färbung mehrere Minuten in Alkohol 
vor Anwendung seiner Entfarbuugsmethode verweilen liess. Der 
Alkohol ist es auch, der die Smegmabacillen beim obigen Ver¬ 
fahren entfärbt: werden Deckglaspräparate in wässeriger Geutiana- 
oder Methylviolettlösung gefärbt und nur mit Salpetersäure und 
Wasser, ohne Benützung von Alkohol behandelt, so bleiben, wie 
ich mich häufig überzeugen konute, die Bacillen gefärbt. Die Bacillen 
dagegen, welche in den syphilitischen Geweben gefunden werden, 


') 1. c. 

*) Ueber Syphilis- und Soiegrnabacillen. Deutsche med. Wocbenschr. 
1885. Nr. 47. 

*) Deutsche med. Wochenscbr. 1885. Nr. 19. 

*) Die Syphilis-Bacillen. S. 5. 


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Barillen bei Sypliili«. 


103 


vertragen die Einwirkung des Alkohol lange, wie ich bei Anwen¬ 
dung verschiedener Methoden bei ihrer Darstellung beobachtet 
habe. Diese Bacillen können jedoch die Säuren nicht vertragen, 
wie Lustgarten*) schon hervorgehoben hatte. Liess ich bei¬ 
spielsweise die Schnitte länger als drei bis fünf Secunden in dem 
Salpetersäuregemisch (1 : 15 : 20), oder benützte ich zur Entfär¬ 
bung stärkere Säuren, so gelang es mir nie, Bacillen im Gewebe 
nachzuweisen. Ebenso ist es ja bekannt, dass Schwefelsäure ent¬ 
haltende schwefelige Säure beim Lustgarten’schcn Verfahren 
die Bacillen im Gewebe entfärbt. 

Bei der Beschreibung seiner Culturvorsucho hatte Matter¬ 
stock 2 ) vermuthungsweisc geäussert, dass die Smegmabacillen 
durch das Medium, in dem sie leben, die Eigentümlichkeit erhiel¬ 
ten, Anilin-und Carbolsäure-Farbstoffe den Entfärbungsmitteln gegen¬ 
über inniger festzuhalten. Diese VermutungMatterstock’s fand 
eine tatsächliche Stütze durch Bienstock’s Untersuchungen 3 ). 
Dieser verrieb nämlich den Eiweissbacillus und andere Pilze mit 
Butter und züchtete dieselben in Buttergelatine. Auch Go ttstein *), 
der unabhängig von Bien stock ähnliche Untersuchungen unge¬ 
teilt hatte, kommt für die Bacillen, welche uns hier interessiren, 
entgegen Bien stock zu dem Schlüsse, dass die Smegmabacillen 
ihre Reaction im causalen Zusammenhänge mit dem Nährboden, 
die Syphilisbacillen (im Gewebe) im Gegensätze zu demselben 
besitzen, was eine grundsätzliche Verschiedenheit beider Arten 
beweist. 

Dies sind die bis jetzt gekannten Unterschiede zwischon den 
Smegma- und den Bacillen in syphilitischen Geweben; dass nach 
gelungenen Reinculturen sich weitere nachweisen lassen werden, 
ist wohl mit Bestimmtheit zu erwarten. 

In meinem vorjährigen Vortrage habe ich die damals be¬ 
kannten positiven Resultate des Befundes der Bacillen in den syphi¬ 
litischen Geweben zusammengestellt. Seitdem sind solche noch von 


*) 1. c. S. 7. 

*) l. c. s. n. 

*) Fortschr. d. Medicin. 1886. Nr. 6. 
*) Fortschr. d. Medicin. 1886. Nr. 8. 

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104 


l) r» u t r c 1 •' p o n t. 


Gottstein’), Matterstock 2 ), Leloir 3 ), Weigert 4 ) Baum¬ 
garten 1 ), Kühner*), Cornil und Babes ') veröffentlicht wor¬ 
den; freilich heben die genannten Forscher fast durchgängig her¬ 
vor, wie wenig zahlreich sie die Bacillen gefunden. Tavel und 
Alvarez, sowie Klemperer erhielten allerdings völlig negative 
Resultate, die jedoch den zahlreichen positiven gegenüber von 
keiner nennenswerten Bedeutung sind und dies umsoweniger, 
wenn man bedenkt, wie schwierig derartige Untersuchungen sind. 
Ich darf wohl hier an den Brief WeigertV) erinnern, der erklärt, 
dass für ihn kein Zweifel an der Richtigkeit der Anschauung 
Lustgarten’s, dass nämlich die von ihm beschriebenen Bacillen 
als Ursache der Syphilis anzusehen seien, bestehe. Derselbe hebt 
weiter die grosso Mühseligkeit des Syphilisbacillensuchens hervor, 
welches eine grosse Uebung und noch viel grössere Geduld er¬ 
fordere. 

Im letzten Jahre habe ich meine Untersuchungen fortgesetzt, 
und wieder in drei Sklerosen des Präputiums, in einem breiten 
Condylom der grossen Schamlippe, sowie in einem Gumma der 
dura matcr die Bacillen nachgewiesen. Ich will hier noch hervor¬ 
heben, dass ich hei meinen zahl reichen anderweitigen Untersu¬ 
chungen, z. B. in dem Falle von multipler Gangrän °), meine 
Aufmerksamkeit auch auf das Vorhandensein ähnlicher Bacillen 
gerichtet habe, ohne hierbei zu einem positiven Resultate gelangt 
zu sein. 

Das oben erwähnte Gumma stammt von einer Patientin, 
die lange in Klinik und Poliklinik an tertiärer Syphilis behandelt 
w r urde. Wegen einer ausgedehnten Nekrose des Scheitel bei nos 
wurde dieselbe wieder in die Klinik aufgenommen, wo sie plötz¬ 
lich au oiner heftigen Hämoptoe starb. Dio Section, von Herrn 

’) Furtschr. d. Mediein. 1885. S. 5 »5. 

1. c. S. 4. ff. 

Progres medical. 1885. 29. 

*) Deutsche mcd. Wochensehr. 18«S’>. S. $85. 

> ) Jahresbericht über d. pathogen. Mikroorganismen. I. S. 97. Amn. 

*) Deutsche med. Wochenschr. 1885. S. 811. 

7 ) Les BactCries. 2. Aufl. S. 779. 

•) 1. c. 

*) Vierteljahresschr. f. Dermatol, u. Syphil. 1886. S. 179. 


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Bacilltf) bei Syphilis. 


105 


Prof. Dr. Köster ausgeführt, wies ein geborstenes miliares Aneu¬ 
rysma der Lunge, Peribronchitis, zwei kleine Cavernen der linken 
Lungenspitze, alte Narben an der Aussenwand des Magens nach. 
Das Gehirn selbst war völlig frei. In der dura mater, entsprechend 
der Mitte des noch nicht gelösten nekrotischen Stückes des 
Scheitelbeines, parallel zum Sinus longitudinalis gelegen, sass ein 
zerfallenes Gumma; der Sinus selbst war durchgängig. Am Sei¬ 
tenwandbeine alte Narben, charakteristische Symptome luetischer 
Affeelion darbietend. 

Die Untersuchung der in Alkohol gehärteten Stücke des Gumma 
ergab in sphr zahlreichen Schnitten die Gegenwart der Bacillen 
einzeln, zerstreut oder in den bekannten Gnippen. Die Schnitte 
wurden 48 Stunden in wässerigen Gentianaviolett- oder Methyl¬ 
violett- (G B) Lösungen gefärbt; das Entfärben geschah entweder 
allein mit Alkohol oder vor der Behandlung mit Alkohol wurden 
die Schnitte ungefähr drei Secunden in fünfpercent. Salpetersäure¬ 
wasser bewegt. Bisweilen überfärbte ich auch mit Safranin; häu¬ 
figer jedoch wurde hiervon abgesehen. Ausserdem habe ich die 
Methode von Lustgarten, Giacomi, Gottstein (mit Fuchsin 
oder Gentianaviolett) mit Erfolg angewondet. In der letzten Zeit 
erhielt ich sehr hübsche Präparate bei folgender combinirter Fär¬ 
betechnik: gefärbt wurde mit wässeriger Mothylviolett- (6 B) 
lösung oder nach Brieger mit Thymol-Methylviolett 48 Stunden 
lang und entfärbt nach Giacomi mit Liquor ferr. sesquichlor. 
und Alkohol. Dabei ist jedoch ein allzu langes Einwirken der 
ersten Flüssigkeit zu meiden, da in diesem Falle die Zellen gar 
leicht die Farbe ganz verlieren, was mir wenigstens nicht ange¬ 
nehm ist. Ich glaube nämlich, dass bei einer, wenn auch leichten, 
Färbung der Zellkerne das Suchen nach Bacillen von mehr Erfolg 
begleitet zu sein pflegt, als wenn der Schnitt ganz entfärbt ist. 

Es schien mir fast, als wenn nach letzterem Verfahren be¬ 
handelte Schnitte die Bacillen am zahlreichsten aufwieseu; ich 
mag jedoch dieses nicht zu sehr hervorheben, da bei der geringen 
Anzahl der Bacillen überhaupt und dem Wechsel der Zahl in den 
verschiedenen Schnitten es schwer ist, zu entscheiden, bei welcher 
Methode sich die Bacillen am besten nachweisen lassen. . 

Ausser den Bacillen fand ich öfters wieder Haufen von coc- 

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106 


Poutreleponl. 


ceuähnlichen Körnchen 1 ), die in Zellen neben noch deutlichen Ba¬ 
cillen eingeschlossen in Reihen, ihrer Länge und Form nach den 
Bacillen entsprechend, geordnet waren. Diese Haufen habe ich 
früher schon als zerfallene Bacillen angesprochen, welcher Ansicht 
sich auch Matterstock *) gelegentlich der Bestätigung des Be¬ 
fundes vollständig anschloss. 

Die Gegenwart dieser Bacillen in allen Stadien der Syphilis, 
in deren Produkten an allen Körpergegenden, sogar im Blute, 
kann durch die Entdeckung der Smegmabacillen nicht erschüttert 
sein. Ihr Vorkommen bei Syphilis und ihr Fehlen in nicht syphi¬ 
litisch erkrankten Geweben, sowie ihre häutige charakteristische 
Gruppirung sprechen dafür, dass dieselben mit der Syphilis in 
irgend welchem Zusammenhänge stehen. Dabei bleibt freilich die 
geringe Zahl, in der dieselben gewöhnlich gefunden werden, sowie 
die negativen Befunde einiger Forscher bis zu einem gewissen 
Grade auffallend. Ich gewann bei meinen zahlreichen Untersuchun¬ 
gen, die mit Anwendung der verschiedensten Methoden angestellt 
sind, den Eindruck, als ob wir noch nicht im Besitze einer sicheren 
Methode wären, dio alle Bacillen deutlich sichtbar macht. Hiefür 
spricht auch der Umstand, dass man bei Benützung der verschie¬ 
densten Methoden häufiger kaum gefärbte Bacillen neben dunkler 
gefärbten sieht. 

Dass diese Bacillen aber in allen Produkten der Syphilis 
Vorkommen, auch wo Smegmabacillen nicht im Spiele sein können, 
ist nach den vorliegenden Untersuchungen über allen Zweifel er¬ 
haben. In welcher Beziehung dieselben zur Syphilis stehen, kann 
definitiv nur mit Hilfe von Züchtungen, Darstellung von Rein- 
culturen und deren Inoculationen mit Sicherheit entschieden 
werden. 

Davon sind wir leider, wie es scheint, immer noch weit 
genug entfernt. Weder Lustgarten noch Matterstock, noch 
mir sind bis jetzt Reinculturen gelungen. Zwar konnte ich schon 
im vorigen Jahre in der Juli-Sitzung der medicinischen Section 
der niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde be¬ 
richten, dass bei einer Impfung von einer Sklerose der Oberlippe 


*) Vgl. Fig. *. 
*) 1. c. S. 7. 


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BaciUen bei Syphilis. 


107 


in Hydroceleflüssigkeit, die nach der Koch’schen für Blutserum 
angegebenen Methode sterilisirt und erstarrt war, Bacillen in ge¬ 
ringer Zahl gewachsen waren, die sich wie die Syphilisbacillen 
verhielten und sich nach der Lustgarten’schen Methode gefärbt 
hatten. Es hatte sich auf dem schön durchsichtigen festen Nähr¬ 
boden erst nach vierzehn Tagen eine kleine Trübung an der 
Oberfläche gezeigt, die nur sehr langsam wuchs und von Stäbchen 
gebildet wurde, deren Form den sogenannten Syphilisbacillen sehr 
ähnlich war. Bei der Weiterimpfung auf demselben Nährboden 
entstand keine neue Cultur und die ursprüngliche kleine Colonie 
ging bald zu Grunde. 

Ich habe in diesem Sommer die Versuche wieder aufgenom¬ 
men, habe von breiten Condylomen und von einer Sklerose des 
Präputiums wieder auf Hydroceleflüssigkeit geimpft (freilich an 
sich ungünstiges Material wegen der Anwesenheit der Smegma- 
bacillen: anderes Material stand mir jedoch nicht zur Verfügung). 

Viele Gläser wiesen bald zahlreiche Colonien auf, einzelne 
blieben dagegen längere Zeit frei. Unter den schnell entstandenen 
Culluren fanden sich mehrmals Bacillen von den verschiedensten 
Formen: gerade, krumme, an beiden Enden geknöpfte, kurze dicke 
und längere schmale, wie wir sie im Smegma präputii und in den 
syphilitischen Secreten finden. Den Nährboden hatten die Bacillen 
nach einiger Zeit völlig gebräunt. Die Färbung nach der Lust- 
garten’schen Methode gelang nicht. Aehnliches berichtet Mat¬ 
te rstock.’) Dieser Befund war es auch, der ihn zu der oben 
erwähnten Vermuthung führte, dass das Medium, in dem die Ba¬ 
cillen leben, sie geeignet mache, die Farbe den Entfärbungsmitteln 
gegenüber inniger festzuhalten. Die Untersuchungen von Bien¬ 
stock und Gottstein geben uns jetzt die genügende Erklärung, 
so dass wir die gezüchteten Bacillen wohl als Smegmabacillen an- 
sehen müssen. Die Gläser, in denen anfangs keine Colonien ge¬ 
wachsen waren, zeigten nach vierzehn Tagen ähnliche leichte 
Trübungen, wie oben berichtet wurden, oder es entwickelten sich 
an der Oberfläche kleine Schüppchen, die wieder von Bacillen in 
geringer Zahl gebildet wurden. Diese Colonien entwickelten sich 
nicht weiter, Uebertragung auf andere Gläser gelang nicht. Rein- 
culturen habe ich bis jetzt nicht erzielen können. 

i c. S. *7. 

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Doutrelepon!. B.irilleri bei Syphilis. 


Glücklichor mit ihren Züchtungen wollen Disse und Ta* 
guchi 1 ) gewesen sein, welche Doppelpunktbacillen als wirkliche 
Ursache der Syphilis entdeckten, züchtoten und positive Ueber* 
tragungsversuche auf Thiere verzeichnen. 

Ebenso berichten Eve und Longuard*), dass sie einen 
polymorphen Bacillus aus dem Blute Syphilitischer, aus syphiliti¬ 
schen Gewebsstücken und aus deron Lymphe gezüchtet haben, 
den sie für die Ursache dor Syphilis erklären. 

Ich begnüge mich mit der Erwähnung dieser Untersuchungen, 
dio einer weiteren Prüfung, respectivo Bestätigung von anderer 
Seite bedürfen. 

*) Deutsche med. Wochenselir. 188.’>. Nr. 48 u. 1886. Nr. 14. 

: ) Lancet 1880. 10. April. Nr. XV. 


Erklärung der Abbildungen. Tafel III. 

Fig. 1. Kinnpapel mit wässerig. Gentianaviolett 24 Stunden gefärbt, 
mit Salpetersäurewasser (1 : 1.’i) und 00 Percent Alkohol entfärbt, mit Safra¬ 
nin überfärbt. 

Fig. 2. Gumma der dura mater mit Methylviolett 6 B gefärbt, nach 
Giacorni entfärbt. 

Die Abbildungen sind bei V, . homogen. Immersion. Ocular 2 (Zeissi 
und offener Blende gezeichnet. 


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Vierte Ijahresschritt, t. Dermatologie u.Syphilis, Jahr g. 1887. 

1 


Taf ID, 








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Aus der Universitätsklinik für Dermatologie und Syphilis 
des Prof. Nei88er zu Breslau. 

Heber Streptococcen bei hereditärer Syphilis. 0 

Von 

Dr. Martin Chotzen, 

Assistenten der Klinik. 


Im Anfänge des Jahres 1886 machten Kassowitz und Hoch- 
singer*) die Mittheilung, dass sie in dem Sections-Material von 
fünf an hereditärer Syphilis zu ‘Grunde gegangenen Individuen bei 
modificirter Gram’scher Färbung stets ebendenselben Streptococcus 
gefunden hätten. Sie untersuchten Haut (mit Pemphigusblasen), 
Knochen, Leber, Pancreas, Lunge und Thymusdrüse und beobach¬ 
teten im Allgemeinen das Vorkommen dieses Streptococcus in den 
Gelassen und Ge websspalten, niemals dagegen in den Blutkörper¬ 
chen oder im Innern von Zellen und Fasern. Ueber die Bedeutung 
dieses Mikroorganismus als Krankheitserreger der hereditären Sy¬ 
philis glaubten sie sich vorläufig noch nicht äussern zu können; 
hatten jedoch die eine Ueberzeugung erlangt, dass in dem Auf' 
finden dieser Bacterien keine bedeutungslose Episode in der Ge¬ 
schichte der Syphilis-Forschung zu erblicken sei. Daraus, dass 
diese Mikroorganismen vorwiegend an der Oberfläche der rothen 
Blutkörperchen sitzen, und dass sie gerade in solchen Gegenden 
auch in grösserer Entfernung von den Blutgefässen Vorkommen, 
zu denen die atmosphärische Luft gelangen kann, nämlich auf 

*) Nach einer Mittheilnng in der dermatolog. Section der 59. Natur- 
forseherversammlung zu Berlin. 

*) Wiener med. Blätter. 1—3, 1886. cfr. Ref. dieser Viertelj. 


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C h o 1 z e n. 


dem blosgelegten Coriura und in den Lungenalveolen, schlossen 
sie auf ein lebhaftes Sauerstoffbedürfniss derselben. 

Mit dem Streptococcus des Erysipels sei der von ihnen 
gefundene nicht identisch, da jener sich ausschliesslich an die 
Lymphräume der erkrankten Haut halte und niemals in den Blut¬ 
gefässen, noch viel weniger in den Knochen, in der Leber sich 
finde-, ebensowenig sei er mit dem Streptococcus pyogenes (Ro- 
zenbach) identisch, welcher nothwendig an Eiteransammlung ge¬ 
bunden ist, und Eiterung in ihren Fällen ausser in den Pemphi¬ 
gusblasen nicht zu constatiren war. 

Gegen die Annahme, dass ihre Streptococcen als Produkte 
postmortaler Fäulnissprocesse anzusehen seien, spräche das con- 
stante Yerhältniss zu specifischen histologischen Veränderungen 
und zu den Blutgefässen, auch der Umstand, dass bei Fäulniss- 
processen immer die verschiedenartigsten, vorwiegend aber stäb¬ 
chenförmige Bacterien gefunden werden. 

Diese Mittheilung gab die Anregung, das Material von he¬ 
reditärer Syphilis, über welches die Breslauer Klinik verfügte, 
auf diesen Streptococcus hin zu untersuchen. 

Genau nach dem angegebenen Färbungsverfahren wurden 
die in unserer Sammlung befindlichen, in Alkohol aufbewahrteu 
Präparate behandelt, und zwar gelangten Knochen von drei, Haut 
von neun, Leber von sechs, Drüsen von zwei, Darmschleimhaut, 
Nabelschnur von je einem Falle zur Untersuchung. Positive Re¬ 
sultate, d. h. ein mehr oder minder reichliches Auftreten von 
Streptococcen wurden bei Knochen einmal, Haut fünfmal, Leber 
viermal, Darmschleimhaut einmal erzielt. Im Allgemeinen sind 
die Beobachtungen, zn welchen K. und H. bei ihren Forschungen 
gelangten, völlig zu bestätigen. 

Bei der Haut fand sich der Streptococcus hauptsächlich in 
den Gefässen des subcutanen Gewebes, in der Umgebung der 
grösseren Gefässe, der Schweiss- oder Talgdrüsen, niemals jedoch 
in den Fett- oder Drüsenzellen. Ganz ebenso ist das Verhalten 
bei den Knochen und der Leber. Besonders auffallend war das 
Auftreten der Streptococcen im Darm; denn hier fanden sie sich 
in einer Massenhaftigkeit, wie sie in keinem anderen 
Präparate zu bemerken waren. Sowohl die Serosa, als beide 
Schichten der Muscularis, die Submucosa und die Schleimhaut 


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Streptococcen bei hereditärer Syphilis. 


111 


selbst bis in die äussersten Spitzen der Darmzotten zeigten sich 
dicht durchsetzt von massenhaften 10—lf>gliederigen Coccenketten. 
Dieselben fanden sich jedoch niemals in den Blutgefässen, sondern 
nur in deren Umgebung und ganz besonders zahlreich in den 
Lymphräumen. 

Die Colonien der Coccen schienen zahlreicher entwickelt zu 
sein, an denjenigen Stellen, wo die Darmzotten des Epithels be¬ 
raubt waren. 

War ich demnach auch in der Lage, das Vorkommen von 
Streptococcen zu bestätigen, so glaube ich dennoch den Schluss¬ 
folgerungen von K. und H. nicht beistimmen zu können, ebenso¬ 
wenig, wie dies Kolisko 1 ) vermochte. Es muss hervorgehoben 
werden, dass bei vier der mitgetheilten Wiener Fälle — der 
fünfte war ein Abort im sechsten Monat — intra vitam Coryza 
bestanden hat, ausserdem die Haut des einen Individuums mit 
zahlreichen geplatzten Eiterblasen bedeckt war. Es ist daher 
nicht zu verwundern, dass bei verletzter Cutis die Coccenketten 
nicht allein in den Papillenschlingen, sondern auch in den frei¬ 
liegenden Theilen des Papillarkörpers, sowie den Resten dos Rete 
Malpighi zu beobachten war; ich möchte daraus jedoch nicht 
schliessen, dass die Bacterien aus den Papillarschlingen nach der 
Oberfläche zu vorgedrungen und dort unter Zutritt der atmosphä¬ 
rischen Luft sich vermehrt hätten. Wenigstens ist es niemals 
gelungen, zwischen jenen Coccenhaufen der biosgelegten Haut¬ 
stellen und den Papillarschlingen wenn auch noch so spärliche 
Verbindungszüge zwischen den Epidermiszellen sich hinschlängeln 
zu sehen. Die Coccenanbäufungen an der verletzten Haut bestan¬ 
den auch nicht ausschliesslich aus Streptococcen, sondern waren, 
wenn auch ein Vorwiegen derselben nicht zu läugnen ist, mit 
grösseren oder kleineren Staphylococcen vermischt. Ebenso¬ 
wenig wie bei der Haut das Vordringen und die Vermehrung der 
Streptococcen durch das Sauerstoffbedürfniss derselben oder die 
Sauerstoffwirkung zu erklären ist, ebensowenig sind diese beiden 
Factoren bei dem von der Lunge mitgetheilten Befunde als Ur¬ 
sachen anzusehen. Bei der Lunge fanden nämlich E. und H. die 
Streptococcen 

’) Wiener med. Bl. 4, 1886. 


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Mit dem Streptococcus des Erysipel 
gefundene nicht identisch, da jener sich 
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112 


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1. an den Kreuzungspunkten der verdickten und zellig infil- 
trirten alveolaren Scheidewände und 

2. in einer überaus zarten Gowebswucherang, welche sich 
in das Lumen der Alveolen, dieselben zum Theil obliterirend, 
vorbaute. 

Weit eher erscheint es gerechtfertigt, zu vermuthen, dass 
sowohl an die blosgolegten Hautstellen, als in das Alveolen- 
Lumen die Streptococcen nicht von innen heraus dorthin vorge¬ 
drungen, sondern von aussen an jene Stellen herangetreten seien. 

Besonders das ausserordenlich starke Auftreten jener Strepto¬ 
coccen in den Lymphräumen des Darmes, zumal au jenen Stellen, 
welche des Epithels beraubt erschienen, weist darauf hin, dass 
jene Mikroorganismen im Darm zunächst ihre Ansiede¬ 
lung gewonnen und von hior aus in den Lymphbahnen sich 
weiter verbreitet haben. 

Der Art dieser Verbreitung entspricht es auch, dass in der 
Haut, wie in der Leber, die grösseren Gefasse selbst bacterien- 
frei befunden wurden, die Gefässwäude jedoch von zahlreichen 
Ketten durchzogen sind. Dass von der Lymphbahn aus ein Ueber- 
gang in die Blutbahn erfolgen kann, und in Folge dessen auch 
in den kleinsten Blutgefässen sich Streptococcen vorfinden, dürfte 
nicht Wunder nehmen. Hineingelaugt in den Darm sind diese Coceen 
wahrscheinlich durch das hinabgeschluckte Nasensecret, welches 
durch seine längere Stagnation in der Nase bei den mit Coryza 
behafteten Kindern genügend Zeit und Gelegenheit zur Ansiede¬ 
lung jener Coccen gegeben hat. Das zufällige Eindringen der 
Streptococcen dürfte es auch erklären, dass das Auffinden der¬ 
selben kein constantes ist, d. h. weder bei allen hereditär syphi¬ 
litischen Individuen, noch bei allen Organen ein und desselben zu 
finden ist. 

In dieser Ansicht, dass die Streptococcen nur ein mehr zu¬ 
fälliger Befund seien, wurde ich umsomehr bestärkt, als ich in 
einem mit reichlichen Papeln besetzten Hautstückchen, welches 
einem hereditär-syphilitischen Kinde intra vitam excidirt wurde, 
zur Zeit als das Exanthem in höchster Blüthe stand, keine Strepto¬ 
coccen oder Mikroorganismen nachzuweisen im Stande war. 

Andererseits glückte es, in einem Knochen, welcher bei der 
mikroskopischen Untersuchung durchaus nicht die Merkmale here- 


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Streptococcen bei hereditärer Syphilis. 


113 


elitärer Syphilis bot, dessen Verkuöcherungszouo vollkommen ge¬ 
radlinig verlief, Streptococcen in reichlicher Anzahl genau au 
ebendenselben Stellen, wie bei hereditärer Syphilis zu linden, d. h. 
die Getasse des Periosts, die Gewebsspalten desselben, sowie der 
Markranm waren mit reichlichen deutlichen Coccenketten un¬ 
gefüllt. 

Wir haben also bei einem syphilitischen Produkt einen ne¬ 
gativen, bei einem gesunden Knochen einen positiven Befund — 
eine Thatsache, die den Befund als einen mit dem Wesen der 
hereditären Syphilis nicht zusammenhängenden darthut. 

Die Annahme, dass die Streptococcen nur einen zufälligen 
Nebenbefund bilden, wird auch noch dadurch bestärkt, dass bei 
der Untersuchung von Produkten der erworbenen Syphilis in brei¬ 
ten Condylomen, in luetischer Leber, in abgeheilten Gummen der¬ 
selben niemals jene Bacterienform nachweisbar war. Sollte aber 
der Streptococcus bei hereditärer Syphilis als Krankheitserreger 
derselben anzusehen sein, so müsste er sich auch bei der erwor¬ 
benen Lues vorfinden; denn es besteht kein Grund, anzunehmen, 
dass diese beiden in ihrem Verlaufe mit völlig gleichartigen Er¬ 
scheinungen einhergehenden Erkrankungen durch verschiedene Mi¬ 
kroorganismen hervorgerufen sein konnten. 

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass in dom Blute jener 
hereditär syphilitischen Kinder, bei welchen ein Hautstückchen 
excidirt wurde, keine Bacterien zu finden waren. Von einem auf 
Agar gebrachten excidirten Hautstückchen wuchsen nach einigen 
Tagen Diplo- und Vierer-Coccen. 

Während also die Streptococcen als Virus der hereditären 
Lues mir keine Bedeutung zu haben scheinen, scheint mir doch 
andererseits die Annahme, dass sie nur als bedeutungslose, post¬ 
mortal aufgetretene Nebenbefunde anzusehen seien, bei der so 
überaus reichlichen und in allen Fällen typisch wiederkehrenden 
Vertheilung ausgeschlossen. Auch die sonst so schwierige Ent¬ 
scheidung, welcher von beiden bisher bekannten Arten von Strep¬ 
tococcen sie hinzuzurechnen sind, ob dem Fehleisen’schen Ery- 
sipelas, den Rosenbach’schen pathogenen oder anderen Strepto¬ 
coccen, ist hier nicht leicht zu treffen. Weder der Umstand, dass 
erstere fast nur in den Lymphräumen, noch die Thatsache, dass 
letztere als „pyogene“ sich in Eiterherden vorfinden, kann als 

Vierieijahresschrift f. Dermatol, u. Sypb. 1887. 8 

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CU o t / c fi. 


gonügeudos Charaktcristicum angesehen werden. Wenigstens be¬ 
richtet v. Noorden'), dass Reinculturen von Streptococcen, welche 
er dem Blut und Eiter ciuor in Folge von Erysipel entzündeten 
Sehnenscheide entnommen hatte, ihrer Wirkung nach einen Ueber- 
gang zwischen Erysipelas und pyogenen Kettencoccen darstellten. 
Auch von anderer Seite sind in letzterer Zeit zahlreiche Mitthei¬ 
lungen über das Vorkommen von Streptococcen im menschlichen 
Organismus gemacht worden, welche weder Rotblauf noch Eite¬ 
rung erzeugten und somit beweisen, dass die Kenntniss der 
Kettencoccen noch nicht abgeschlossen ist. Aber wie auch immer 
sich die Charakteristik dieser Mikroorganismen noch heraussteilen 
wird, soviel geht aus allen Beobachtungen hervor, dass diesel¬ 
ben den Verlauf von Krankheiten stets in der schwer¬ 
wiegendsten Weise complicirt haben. 

Es darf hier vielleicht die Hypothese ausgesprochen werden, 
dass überhaupt erst diese „Mischinfection“ den bösartigeu Verlauf 
sonst benigner Erkrankungen bedingt. Ferner ist vielleicht die An¬ 
nahme berechtigt, dass Organismen, welche dem gesunden Körper 
einverleibt, gar keine oder ganz unbedeutende Erscheinungen verursa¬ 
chen, weil normale Gewebe und Gewebsflüssigkeiten einen ihnen un¬ 
günstigen Nährboden darstellen, im kranken Körper stärkere patho- 
geuo Eigenschaften entwickeln, iudem die von einer Infection (einer 
acuten oder constitutionellen Erkrankung) bereits abgeschwäehten 
und vorbereiteten Gewebe die Entwickelung der Mikroorganismen 
gestatten oder begünstigen und so unschädliche Bacterien in 
schädliche vorwandeln. *) Dann kommt es zu einer derartig mas¬ 
senhaften Entwickelung der Streptococcen, dass Blut- uud Lyroph- 
gefässe von ihnen vollständig ausgefullt werden und alle Gewebe 
von ihnen strotzen. 

Wie dem abor auch sei, es scheint mir nicht unberech¬ 
tigt, diese Streptococcen - Septicämie als die Todesursache 
für viele Fälle der Lues hereditaria anzusehen; wenigstens wird 
sich auf diese Weise der Exitus solcher luetischer Säuglinge, 
welche sonst nur geringe Symptome ihrer constitutionellen Er¬ 
krankung zeigen, eher begreifen lassen; in anderen Fällen freilich 

') Berlin. Klin. Wochenselir. 20. 1886. 

2 ) Dunin. Arch. f. klin. Med. 39. 1886. 


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Streptococcen hei hereditärer Syphilis. 


115 


ist der syphilitische Process selbst uud dio durch ibu bewirkten 
Organveränderungen ohne Zweitel für den letalen Ausgang ver¬ 
antwortlich zu machen. 

Aber selbst wenn die Entwickelung der Kottencoccen beim 
luetischen Individuum noch nicht bis zu dem Grade universeller 
septicämischer Durchseuchung gediehen ist, auch dann ist ihre 
Bedeutung für den Verlauf der Erkrankung meiner Anschauung 
nach nicht ganz belanglos. Besonders ihr Auftreten im Knochen¬ 
mark legt es nahe, gewisse Epiphysen und Gel enkerkran- 
kungeu luetischer Kinder auf sie zurückzuführen. Schon Heub- 
ner *), welcher in den bisherigen Erklärungen dieser Proccsso 
keine Befriedigung fand, wies darauf hin, dass kaum etwas an¬ 
deres übrig bleibe, als eine zweite Infection anzunehmen, welche 
mit Vorliebe syphilitische Kinder betrifft und sich an den Kno¬ 
chenenden localisirt. Er selbst war noch nicht in der Lage, die 
Infectionsträger nachzuweison; jetzt aber, nachdem wir die Be¬ 
kanntschaft der Streptococcen bei der hereditären Lues gemacht 
haben, wird bei weiteren einschlägigen Untersuchungen der Beweis 
tür die Richtigkeit seiner Annahme wohl nicht ausbleiben. 

Die Annahme einer secundären Infection der syphilitischen 
Kiuder durch Streptococcen wird gestützt durch gleichartige Be¬ 
funde bei anderen Infectionskrankheiten. 

So fand Weichselbaum*) bei ulceröser Endocarditis, 
sowohl in den erkrankten Klappen, als auch in metastatischen 
Herden, im Blut und Urin neben pyogenen Staphylo- auch Strep¬ 
tococcen; 

Rindfleisch 3 ), Hammer*), Hochsinger und Schiff 5 ) 
bei Mycosis fungoides Kettencoccen in zahlreichen Capillarge- 
fässen des Papillarkörpers, der Cutis und des subcutanen Binde¬ 
gewebes, in den Lymphgefässen, in Lunge und Leber, sowie als 
diffuse Infitration des jungen Bindegewewebes sowohl frei als in 
den Zellen; Dunin bei Abdominal-Typhus 6 ), zu welchem eite- 

') Virchow’s Arch. Bd. 84. pag. 263. 

s ) Wien. med. Wochenschr. 41. 1885. 

*) Deutsche med. Wochenschr. 15. 1885. 

*) W(Inburg. Klinik. II. 1886. 

*) Diese Viertelj. 1885. 

') loco cit. 

7 r, * 


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Ui otze ». Streplororren bei licre<litarcr Syphilis. 


rige Entzündungen der Parotis des inneren Ohres, des Biudege- 
webes binzugetreten waren, pyogene Staphylo- und Streptococcen; 

Löffler'), Heubner-Babrdt*), Crooke 3 ), Fraenkel- 
Freudenberg 4 ) bei Scarlatina in diphtheritischen Membraneu, 
im Tonsillen-Eiter, Gelenkinhalt, Blut, Submaxillar-Drüsen, Milz. 
Niere und Leber die Kettencoccen. 

Die Eingangspforte fftr diese Streptococcen sieht Dunin 
beim Abdominal-Typhus im Verdauungscanal, Fraenkel-Freu¬ 
den borg beim Scharlach in den durch den Scarlatina-Process 
afficirten Bachenorganen. In gleicher Weise ist es gestattet, bei 
der hereditären Lues, welche so ausserordentlich häufig mit Co- 
ryza, mit Entzündungen der Nasenrachen- und Gaumenpartien 
einherläuft, die Ansiedelung der Streptococcen zunächst in jenen 
Gegenden anzunehmen und durch Hinabschlucken der dort gebil¬ 
deten Secrete die Weiterverbreitung derselben im Organismus sich 
zu erklären. 

Haben wir demnach in den Streptococcen auch nicht den 
Erreger der hereditären Syphilis zu erblicken, so doch immerhin 
einen für gewisse Symptome und für den tödtlichen Ausgang in 
Betracht zu ziehenden Factor anzuerkennen. 

Es ist dies zwar, wie mir (und Prof. Neisser) wohl 
bewusst, vor der Hand nur eine Hypothese, aber wie uns scheint, 
eine so wohl gestützte, dass weitere diesbezügliche Untersuchungen 
lohnend erscheinen dürften. 

') Reichsgesundheitsamt. II. 1884. 

Berlin, klin. Wochenscbr. 44. 1884. 

J ) Fortschr. d. Med. 20. 1885. 

*) Archiv, f. Kinderheilk. VII. 6. 


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Aus dem path.-anat. Institute des Prof. Kundrat in Wien. 

Syphilis haemorrhagica neonatorum. 

Von 

Dr. Franz Mradek, 

Dorent für Syphilis an der UnWprsitÄt in Wien. 

(Mit Tafel IV und V.) 

Die hämorrhagische Diathese Neugeborener beschäftigt seit 
drei Decennien die betbeiligteu ärztlichen Kreise und es muss 
hervorgehoben werden, dass viel Fleiss und Mühe aufgeweudet 
wurde, zur Klärung dieser pathologisch so sehr complicirten Frage. 
Brst die technischen Hilfsmittel der neueren Zeit, die den Fort¬ 
schritt in den medicinischen Wissenschaften so sehr gefördert 
haben, brachten auch einiges Licht in die Aetiologie dieser Krank¬ 
heit, so, dass wir heutzutage mehrere pathologische Processe 
kennen geleint haben, welche die so häufige Erscheinung von 
Blutungen der Neugeborenen mit Sicherheit erklären. Um Raum 
und Zeit zu ersparen, wollen wir von den üblichen erschöpfenden 
Literatursauszügen absehen, zumal solche in nahezu jeder einschlä¬ 
gigen Arbeit bisher mit grosser Sorgfalt zusammengestellt sind 
und wenden uns übersichtshalber den einzelnen pathologischen 
Vorgängen zu, welche am häufigsten die Hämorrhagien im 
frühesten Kindesalter zu veranlassen pflegen. 1 ) 

') Näheres darüber siehe: Epstein „Blatangen im frühesten Kindes- 
alter“, Oest. Jahrbach für Pädiatrik 1876, p. 119. 

Range „Die Krankheiten der ersten Lebenstage“, Stuttgart bei 
Enke. 1885. 

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M r a ? e k. 


Die häufigste Ursache dieser iu verschiedene Organe und 
Gewebe beobachteten Blutaustritte bildet die Septikämie. 

Die septische Infection soll nach einzelnen Beobachtern 
schon in Utero vermittelt werden können, ohne dass der mütter¬ 
liche Organismus dabei Symptome einer so schweren Erkrankung 
zeigen müsste. Sicher aber droht dem Neugeborenen diese Gefahr, 
wenn die Mutter zur Zeit der Entbindung schon septisch erkrankt 
war. Der Abnabelungsact, die weitere Wundbehandlung geben 
neben vielen anderen Eingangspforten beständig die Möglichkeit 
einer septischen Infection ab. 

Eine weitere nicht minder beachtenswerte Erkrankung, die 
sich durch zahlreiche Ecchymosen in die verschiedensten Organe 
oder starke Blutungen aus dem Nabel-, sowie Magen-, Dann- 
und Gehirnblutungen schon makroskopisch auszeichnet, ist die 
von Buhl 1861 entdeckte acute Fettdegeneration des Her¬ 
zens, der Leber und der Nieren. Die Kinder gehen entweder 
rasch unter den Erscheinungen der Asphyxie oder allmälig unter 
Vorantritt verschiedener Blutungen, icterischer Verfärbung an 
Collaps zu Grunde. Nur mikroskopisch ist die erwähnte Entartung 
festzustellen und von anderen Processen zu unterscheiden. Die 
Krankheit ist ihrem Wesen nach noch nicht ganz aufgeklärt und 
erinnert an septische Processe. 

Des Weiteren wäre die aus den verschiedensten Ursachen 
hervorgegangene Asphyxie der Neugeborenen zu erwähnen, 
welche zu Ecchymosen an den Lungen, am Herzen, den Gehirn¬ 
häuten etc. führt und durch den charakteristischen Lungenbefund 
ausgezeichnet ist. 1 ) Icterus gravis mit Blutungen will ich 
nicht in Betracht ziehen, da es kein selbstständiger Krankheits- 
process, sondern vielmehr eine Folge anderer Erkrankungen 
darstellt. 

Neben den erwähnten Processen fiel aufmerksamen Beob¬ 
achtern schon lange das häufige Zusammentreffen von here¬ 
ditärer Syphilis und Hämorrhagien auf. Schou Bären¬ 
sprung verzeichnet solche Fälle. Epstein (1. c. p. 142 u. ff.) 
lässt durcbblickeu, dass die hereditäre Syphilis als Ursache der 
Blutung vielfach angesehen werden müsse und spricht die Ver- 

') Das Nähere siehe: Schoeder, (Jeburtshlf. p. 698. 


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SyphiiU haemorrhagica neonatorum. 


119 


muthung aus, dass eine möglicherweise bei derselben verkom¬ 
mende Capillargefässerkrankung das Zustandekommen der Hämor- 
rhagien begünstige. Nach ihm hat Behrend’), gestützt auf mehrere 
klinische und zwei durch Sectioneu bestätigte Beobachtungen den 
ursächlichen Zusammenhang der hereditären Syphilis mit den häu¬ 
figen bei ihr vorkomraenden Blutaustritten ausgesprochen und für 
solche Fälle die Benennung „Syphilis haemorrhagica neonatorum“ 
vorgeschlagen. 

Viele Aerzte erachten das unläugbar häufige Zusammen¬ 
treffen von hereditärer Syphilis und Hämorrhagien für kein zufäl¬ 
liges, vielmehr als einen Beweis, dass die Syphilis die Ursache 
der Hämorrhagien sein müsse und schliessen sich somit der An¬ 
sicht Behrend’s an. Es fehlt aber auch nicht an zahlreichen 
Zweiflern, die sich dieser Auffassung gegenüber skeptisch verhal¬ 
ten, directe Beweise hiefür beigebracht wissen wollen, ja selbst 
diese ätiologische Ursache der Blutungen ganz für unmöglich 
halten. 

Als schon diese Arbeit fertig war und vor dem Drucke 
nochmals durchgesehen wurde, kam mir eine von Dr. FischP) 
publicirte Arbeit in die Hände, welche ebenfalls auf G rund nega¬ 
tiver histologischer Befunde die Existenzberechtigung der 
Syphilis haemorrhagica neonatorum als einer eigenen Krankheits¬ 
form in Abrede stellt. 

So bestechend es erscheinen mag, beim Studium einer so 
schwierigen Frage nochmals die Fälle aus der Literatur zu aua- 
lysiren und zu sammeln, so halte ich es doch für eiue vergebliche 
Mühe, da die wenigsten brauchbare Sectionsbefunde liefern, alle 
zusammen aber nach keinem einheitlichen Principe durchgearbeitet 
sind, um als Grundlage irgend welcher Schlüsse oder statistischer 
Merechnungen zu dienen. 

Die Basis meines anatomischen Studiums der hereditären 
Syphilis bilden 160 von mir protokollirte Fälle von Seetiouen 


') Deutsche Zeitschrift für prakt. Medicin i878, Nr. 25 nml 2t». 

*) Aus Prof. Epstein's Kinderklinik „Zur Kenntniss der hämorrha¬ 
gischen Diathese hereditär-syphilitischer Neugeborener mit besonderer Rück¬ 
sicht anf das Verhalten der kleinen Gefasst'.' Arch. f. Kinderheilkd. 8. Rd. 
pag. 10. 


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J20 


Mraöek. 


Todtgeborener, jedoch nicht macerirter Früchte und Neugeborener, 
die entweder kurz nach der Geburt oder in wenigen Tagen ge¬ 
storben sind. Die grössere Anzahl dieser so frühzeitig verstorbenen 
hereditär syphilitischen Kinder stammt von nachweisbar syphili¬ 
tischen Müttern und beträgt 132 Fälle. Unter diesen letzteren 
wegen der Syphilis der Mütter unter möglichst ungün¬ 
stigen Verhältnissen gezeugten und getragenen Kindern 
fand ich die Fälle mit Blutaustritten in einer beträcht¬ 
lichen Zahl (ein Drittel) vertreten. Die Vorgefundenen Blu¬ 
tungen waren aber so verschieden, dass man schon makroskopisch 
nach der Vertheilung der Blutung die Fälle in zwei Gruppen 
trennen muss. Die eine grössere Gruppe umfasst 23 Fälle, bei 
denen die Blutaustritte auf wenige Körperstellen oder 
uur einzelne Organe beschränkt waren, dagegen zeichnet sich 
die kleinere 19 Fälle betragende Gruppe durch die allgemeine 
Verbreitung der Hämorrhagien aus. Die ersteren sind blos 
als Fälle von Blutungen bei Syphiliti sehen, letztere jedoch 
meiner Ansicht nach als Syphilis haemorrhagica neonatorum 
oder die eigentliche hämorrhagische Diathese in Folge 
von hereditärer Syphilis zu bezeichnen. 

Wir begegnen unter den Fällen der ersten Gruppe Blu¬ 
tungen, die ich übersichtshalber in mehrere Unterabteilungen 
einreihen möchte und zwar: 

1. Blutungen, durch Syphilis einzelner Organe 
bedingt. 

Es sind dies am häufigsten Blutaustritte am Respiration s- 
tractus bei verschiedenen Gradeu der Infiltration der Lungen. Ferner 
capillare Gehirnblutungen mit Encephalitis, Ompholorrhagien in 
Folge syphilitischer Erkrankung der Nabelgefüsse, wie sie zuerst 
Oedmanson gefunden und Zilles *) in einer höchst beachtens¬ 
werten Arbeit jüngst abgebildet hat. Hieher gehören endlich 
auch Magen- und Darmblutungen in Folge der Syphilis der Leber.’) 
Wenn auch solche Blutungen durch die syphilitische Erkraukung 

') S ä x i n g e r, Mitteilungen aus der gynäk. geb. Klinik zu Tübin • 
gen, 1885, 2. Heft: Zilles’ Studien Ober Erkrankungen der Placenta und 
der Nabelschnur bedingt durch Syphilis. 

*) Kundrat und Widerhofer, Krankheiten des Magens und des 
Darmes. 1880, pag. 68. 


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Syphilis haenK*rrliagir;i neonatorum. 


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einzelner Organe herbeigeföhrt wurden, so ist ihr Charakter ein 
localisirter und daher kann man auch für solche Fälle von einer 
allgemeinen hämorrhagischen Diathese in Folge von Syphilis he- 
reditaria nicht sprechen. 

2. Blutungen bei Fällen von acuten intercurrireu- 
den Erkrankungen bei hereditär syphilitischen Neu¬ 
geborenen. 

Haut-, Lungen-, Darmblutungen etc. in Folge Sepsis des 
Kindes und der Mutter. Ueberdies ist es eine anerkannte That- 
sache, dass die ohnehin schwachen hereditär syphilitischen Kinder 
wegeu der häufig vorhandenen wunden Stellen auf der äusse¬ 
ren Haut grosse Empfänglichkeit für septische Iufectionen haben, 
wie es auch Dr. Kolisko in seinem Artikel ’) hervorhebt und im 
weiteren Sinne der septischen und pyämischen Erkrankungen ver¬ 
standen wissen will. 

Unter meinen drei Fällen von Nabelblutungen findet sich einer, 
der übrigens bei luetischen Kindern öfters als bei anderen Neu¬ 
geborenen vorzukommen pflegt, nämlich eine jauchige Nabelent¬ 
zündung, welcho, da sie infectiösen Ursprunges ist, hierher zu 
rechnen wäre. Dieser Fall ist analog jenem von Petorsen*) ver¬ 
öffentlichten und kann niemals zur Entkräftung eines ursäch¬ 
lichen Zusammenhanges zwischen hereditärer Syphilis und den 
durch sie selbst bedingten Blutungen herangezogen werden. 

3. Endlich gehören in diese Gruppe Fälle von heredi¬ 
tärer Syphilis, bei denen die Hämorrhagien aus zufälli¬ 
gen, oft nur vorübergehendenStörungen entstanden sind. 

Um nur einige Beispiele aüzuführen, orinnere ich au die 
Asphyxie mit ihren gleich für gesunde wie syphilitische Neuge¬ 
borene geltenden Entstehungsursachen. Es dürften ferner hier 
eiugereiht werden Hämorrhagien bei schwachen, anämischen, lue¬ 
tischen Kindern, welche vielleicht auf dieselbe Art zu Stande 
kommen, wie sie Dr. v. Kogerer 1 ) für Ecchymosen bei cachec- 
tischen Individuen angenommen hat. 

') Mikrococcenbefund bei Lues congenita. 1886. Wiener raed. Blätter, 
p. 09 und 135. 

*) Viertelj. f. Demi. u. Syph. 1883, p. 507. 

’) Zur Entstehung der Hauthämorrliagien. Zeitschr. f. kl. Med. Bd. X. 


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122 


Mrncek. 


Schliesslich muss mau an dieser Stelle verschiedener Pro- 
cesse gedenken, welche entweder zur Blutdissolution oder zu einer 
bisher noch nicht nachweisbaren, oft nur vorübergehenden Alte¬ 
ration der Gefässwände führen, welche wir neben der hereditären 
Syphilis autreffeu können. Diese selbst kann höchstens als eine 
die Functionen des kindlichen Orgauismus schwächende und die 
Disposition zu intercurrirenden Störungen steigernde Ursache an¬ 
gesehen, jedoch nicht ffy das Zustandekommen etwaiger Blutun¬ 
gen bei diesen Processen verantwortlich gemacht werden. Wir 
sind zu der Annahme, dass oft nur vorübergehende Störun¬ 
gen, deren Nachweis uns nicht immer gelingt, zu Blutungen 
führen können, berechtigt, wenn wir uns der mannigfachen beleh¬ 
renden Erörterungen des Prof. Klebs erinnern, welche er in 
dem Vorträge ‘) „Locale Circulationsstöruugen“ vorgebracht hat. — 
Ich fasse nochmals das Gesagte in Kürze zusammen und betone, 
dass weder die localisirten Hämorrhagien, in Folge der syphiliti¬ 
schen Erkrankung einzelner Organe, noch aber viel weniger die 
sub 2 und 3 erwähnten als eine allgemeine durch hereditäre Sy¬ 
philis bedingte hämorrhagische Diathese aufzufassen sind, noch 
weniger aber dazu dienen sollten, eine solche gänzlich in Abrede 
stellen zu wollen. 

Nach diesen kurzen Andeutungen über die beschränkten 
Blutungen bei hereditär syphilitischen Neugeborenen, deren gründ¬ 
liche Bearbeitung entweder Pathologen vom Fach oder einem 
noch grösseren Materiale Vorbehalten bleibt, wollen wir uns der 
zweiten Gruppe zuwenden. 

Syphilis haemorrhagica neonatorum. 

Diese umfasst 19 Fälle allgemeiner ausgebreiteter Blutun¬ 
gen. Bei der Sichtung dieser Fälle ging ich strenge vor und habe 
alle jene ausgeschieden, die nur einen Verdacht auf eine audere 
Erkrankung, als die hereditäre Syphilis aufkommen Hessen. Um 
aber jedem Einwando zu begegnen, sind von den Assistenten des 
Institutes, Dr. Kolisko und Dr. Paltauf in den letzten vier Fälleu 
Untersuchungen auf Mikroorganismen iu Schnitteu und frisch ge- 

') Tagbl. dur Naturforseh.-Vers. 1885, p. 21(5 u. fl'. 


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Syphilis liaemorrliagica neonatorum. 


123 


macht worden, welche sämratlich, wie ich mich selbst auch über¬ 
zeugen konnte, negativ ausgefallen sind. 

Bevor ich jedoch zu den protokollarischen Aufnahmen selbst 
fibergehe, erachte ich es für zweckmfissig, einige erläuternde 
Bemerkungen vorauszuschicken. 

Mein Material wurde mir aus dem, dem pathologischen In¬ 
stitute zuwachsenden überlassen, indem entweder die klinisch von 
dem Prof. Kundrat oder seinem Adjuncten Dr. Zemann secir- 
ten Leichen sainmt dem aufgenommenen Protokoll mir zur Yer- 
fügung gestellt wurden, oder die Leichen jener Kinder, welche 
nicht zur Section bestimmt waren, mir zur eigenen Untersuchung 
zugewiesen wurden. Die Befunde an den Müttern habe ich mit 
Erlaubniss der Vorstände der Gebäranstalten, der Herren Profes¬ 
soren Späth, v. Braun-Pernwald und G. Braun unter Beisein 
der klinischen Assistenten vor oder nach der Entbindung aufge¬ 
nommen, wo es nöthig war die Wöchnerinnen stets unter Be¬ 
rücksichtigung der nöthigen autiseptischen Cautelen auch öfters 
besucht. 

Die Ergebnisse der von mir vorgenommenen Untersuchungen 
der Wöchnerinnen sind am Ende eines jeden Sectious-Protokolls 
verzeichnet. 

Die wegen des Raumersparnisses in gedrängter Kürze ab¬ 
gefassten histologischen Befunde bilden den Schluss einer jedeu 
protokollarischen Aufnahme. Diesen ist eine Uebersichtstabelle 
beigefugt, in der die Befunde in einzelnen Worten verzeich¬ 
net sind. 

Die von mir nach den Sectionen zur histologischeu Unter¬ 
suchung bestimmten Leichentheile wurdeu in Müllerische Flüs¬ 
sigkeit gelegt, mit Alkohol nachgehärtet und je nach Bedarf ent¬ 
weder aus freier Hand oder in Celloidin eingebettet, mit dem 
Mikrotom geschnitten. Die Schnitte mit Alauncarmin oder Hä- 
matoiylin und Eosin gefärbt und in Canadabalsam eingeschlossen. 
Es wurden im Ganzen 472 Dauerpräparate angefertigt, abgesehen 
von den frischen Untersuchungen des Blutes, des HerzHeiscbes, 
der Capillaren der Gehirnhäute und des Mesenteriums. 


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M r a £ e k. 


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Sectionsprotokoll 1/VH. 5. April 1882. 

Sec. Dr. Zein ann. 

Kind, weiblichen Geschlechtes, 2450 Gramm schwer, 45 (Jtm. lang, 
am Ende der Schwangerschaft geboren, einen Tag alt. Der Körper massig 
genährt, ziemlich kräftig gebaut, leicht icterisch, mit ausgebreiteten, dun* 
kelvioletten Todtenflecken auf der Rückseite versehen. Die Haut des Rumpfe? 
besonders an der vorderen Bauchwand mit zahlreichen, bis stecknadelkopf¬ 
grossen Petechien bezeichnet. 

Weiche Schädeldecken blutreich, in grosser Ausdehnung ecchymosirt. 
Zwischen Dura matcr und dem mit ihr fest verwachsenen Schädeldach? 
zahlreiche, bis linsengrosse Hämorrhagien, besonders längs der grösseren 
Gefässe der Dura. Innere Meningen zart, blutreich. Das Gehirn sehr weich. 

Die Schilddrüse klein. In der Luftröhre ziemlich viel Schleim; die 
Schleimhaut geröthet. Die Thymusdrüse blass, an einzelnen Stellen von 
stecknadelspitzgrossen, dichtgedrängten, weisslichgelben Herden durchsetzt. 
Beide Lungen frei, ziemlich blutreich, stellenweise atelectatisch. Die Pleura 
im Bereiche des Unterlappens ecchymosirt. Im Herzbeutel spärliches, klares 
Serum. Das Herz schlaff, seine Klappen zart. An der Wurzel der grossen 
Gefässe einzelne, punktförmige Ecchymosen auf dem Pericard. 

Die Leber blutreich, etwas dichter. Die Milz leicht vergrössert, derb, 
blutreich. Beide Nieren blass; im Zellgewebe des Nieren-Hilus beiderseits 
reichliche Hämorrhagien. Harnblase contrahirt. 

Die Magen- und Darmschleimhaut mässig geröthet. Das retroperito- 
neale Zellgewebe hie und da von kleinen Hämorrhagien durchsetzt. 

Das Lumen der Nabelgefässe sehr eng; in den letzteren einige Tropfen 
dünnen, flüssigen Blutes. Knochen normal. 

Die Mutter, Marie T., ist im März 1882 von der syphilitischen Ab¬ 
theilung entlassen worden. Zur Zeit der Geburt, am 3. April 1882, war sie 
behaftet mit Maculae majores per totam cutem dispersae, papulae luiu- 
riantes labiorum majoruni. Dieselbe war das erste Mal schwanger und hat am 
Ende des neunten Lunar-Monates geboren. Der Geburtsverlauf, sowie da? 
Wochenbett boten nichts Besonderes dar. 

Mikroskopischer Befand. 

Haut: Hämorrhagien zwischen den Fettläppchen dos Unter- 
Imut-Zellgewebes. Zellvermehrung in den äusseren Gefässschichten 
kleinerer Gefässe. 

Carotis: Ecchymosen der Adventitia; Wucherung der Intima. 

Lunge: Hämorrhagio in einem Thoile der Alveolen, stellen¬ 
weise Atelecta-e und Infiltration mit schwieliger Wucherung der Ge¬ 
fässe im Parenchym. 


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Syphilis liaeiuorrlidgicü neonatorum. 


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Niere: Häuiorrhagie in das lockere Zellgewebe der Calices, die 
Gefasse nicht verändert. 

Leber: Bedeutende Bindegewebe- und Zellwucherung den Portal- 
Gefässen folgend, den Gallengängcn angehörig. Die Leberzellen selbst 
in starker Proliferation, die grösseren stellenweise mit Pigment in 
Körnchen. 

Herz : Musculatur unverändert, die grösseren Gefässe im Sulcus 
longit. normal. 

Sectionsprotokoll 2/VIH. 9. April 1882. 

Sec. Prof. Kundrat. 

Kind, männlichen Geschlechtes, Frühgeburt, 7. L.-M., 1500 Gramm 
schwer. 35 Ctm. lang. Der Körper von der Grösse eines ö'/tUionatlichen 
Fötus mit ausserordentlich zarter, fast durchsichtiger, wie ödeinatöser Haut, 
die im Gesicht weich, greisenhaft gefaltet, an den übrigen Theilen, beson¬ 
ders am Rumpfe durch leichtes Oedem des subcutanen Zellgewebes gespannt, 
glänzend ist. und besonders über dem Abdomen von zahllosen, kleinen 
Blutaustritten durchsetzt ist. Der Bauch stark kugelig, aufgetrieben, ge¬ 
spannt. 

Die Hirnhäute sehr blutreich, von einzelnen Blutaustritten durchsetzt; 
das Gehirn blutarm. 

Die Lungen gegen die Ränder etwas lufthaltig, hellrotb, mit einzelnen 
kleinen Ecchymosen bezeichnet; ebenso der Herzbeutel, das Herz schlaff, blass. 

Die Leber sehr gross (beiläufig wie bei einem reifen Kinde), dick, 
plump, dicht. Ihre Kapsel getrübt, an drei Stellen über der Convexität 
weisslieh, dicht; diesem entsprechend die untenliegenden Parenchymschichten 
in ein speckig weisscs, scharf abgegrenztes Gewebe umgewandelt, auch 
—nst in dem sehr dichten und blassen Parenchym undeutlich begrenzte, 
auf der Schnittfläche als in Form von Pünktchen und Streifen hervortre¬ 
tende. grauliche Gewebszüge, die gegen die Porta stärker entwickelt er¬ 
scheinen. 

Die Milz sehr gross, plump, dick, dicht und braunroth. 

Die Nieren blass. Magen und Darm normal. 

In der Bauchhöhle einige Gramm gelben von Fibrinflocken durch¬ 
setzten Serums. Das Bauchfell getrübt, im grossen Netzbeutel verdichtet; 
■ias subseröse Zellgewebe besonders um das Ligamentum teres ecchymosirt. 
An allen Knochen, besonders den Rippenknorpeln, den Epiphysen-Grenzen 
weisslichgelbc, dichte, spröde Linien. Das Zellgewebe zwischen den Muskeln 
am Rumpfe gleichfalls von Blutaustritten durchsetzt. 

Die Mutter, Franziska G., 22 Jahre, hat das erste Mal ein asphyk- 
tUches, 7 L.-M. getragenes Kind geboren und bot am 10. April nachfolgende 


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126 


M r * c e k. 


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syphilitische Erscheinungen dar: Papulae luxuriuntes in praeputiu clitoridis; pa- 
pulae gyratae serpiginusac in inen tu; pustulae capitis; papulae regredientes 
in tonsillis et arcubus; sderadenitis universalis. 

Selbe wurde am 11. auf die syphilitische Abtheilung transferirt. 

Mikroskopischer Befund. 

Bauchhaut: Rundzellen • Anhäufung um die kleinen Gefässe 
im subcutancn Zellgewebe. Starke Erweiterung einzelner Gefäss- 
schlingen, Blutung zwischen die Fottläppchen oder auch im Corium 
um die Schweißdrüsen. 

Leber: Hochgradige Wucherung an kleinsten Stellen der Kapsel 
der Leber. Bindegewcbszügo und Kleinzellen-Wucherung im Leberparen¬ 
chym, nämlich um die Portalzweige, aber mehr den Gallengefässen 
angehörig. 

Dünndarm: Starko Hyperämie aller Gefässe der Darmwand. 
Frisch untersucht die Capillaren der Pia und des Netzes, zeigen sich 
stellenweise stark Fettkörnchenhältig. 


Sectionsprotokoll 3/XIV. 25. Mai 1882. 

Sec. Prof. Kund rat. 

Zwilling, weiblichen Geschlechts, kam als zweites lebend am Ende des 
sechsten Fötalmonates zur Welt und starb nach circa zehn Minuten. Der 
Körper ist entsprechend gross. Das subcutane und intermnscnläre Zellgewebe 
in ganzer Ausdehnung leicht ödematös, hie und da von kleinen Blutaus- 
tritten gesprenkelt. Das Gewebe der Schädelschwarte sulzig, von grösseren 
Blutaustritten durchsetzt. Die Schädelkuochen dicker, dichter, die inneren 
Gehirnhäute sehr blutreich, ödematös, gewulstet, das Hirn blutarm, sehr 
feucht. 

Beide Carotiden in der Adventitia ecchymosirt. 

Lungen lufthültig, besonders in den Unterlappen etwas weisser und 
dichter, wie fein porös. Das Herz schlaff, das Blut dünnflüssig, blass. 

Die Leber kugelig, blassbräunlich, derbe, ihre Kapsel mit feinsten, 
durchsichtigen Körnchen besetzt. Das Parenchym blassgelb, braun, dichter, 
von einzelnen in Gruppen stehenden, hellgelben, feinen Streifen im linken 
Lappen durchsetzt. Um die Porta ist ein förmlicher Ring dichten, weissen. 
schwieligen Gewebes. 

Milz gross, dichter, blutreich. 

Darm mit Meconium gefüllt. Im Magen und den beiden oberen Je¬ 
junalschlingen Luft. Die Nieren blass. An der Grenze des Diaphysenknocbens 
des Femur und der vorderen Rippenknochen eine zackige, weissgelbe Linie. 


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Syphilis hannorrliagica riCMiKiloruni. 


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Der Zwiilingslötus gleichen Geschlechtes weit kleiner, hochgradig 
icacerirt. 

Die Mutter J. G., 25 Jahre alt, gibt an, dass die Infection und He- 
fruchtung fast in dieselbe Zeit, Ende Deceniber falle. Im Februar und Marz, 
somit etwa zwei Monate nach der Ansteckung zeigten sich die ersten Wun¬ 
den an den Genitalien, gegen welche blos örtlich eine Salbe angewendet 
wurde. Dieselbe war behaftet zur Zeit der Entbindung mit nachfolgenden 
Krscheinungen der Syphilis: Papulae luxuriantes cumulatae ad nates si- 
nistras anteriores, erosae in labiis omnibus et in perinco. Seleradenitis in- 
ipiinalis, sinistra major, dextra minor multiplex. Dieselbe starb am 7. Juni 
an dein Puerperalproccss. Bei der Section fand man neben erwähnten Zeichen 
von Syphilis noch die übrigen Drüsen des Körpers geschwellt, grösser und 
härter, ausserdem adhärente Placentareste. 

Mikroskopischer Befund. 

Lunge: Dem hinteren Antheile entnommene Stücke /.eigen 
gleichmässig Infiltration, stellenweise von Hämorrhagion durchsetzt 
mit Verdickung der Gefasse, namentlich in den äusseren Schich¬ 
ten. Mitunter kann man das Blut in der verdickten Wandung des 
Gefässos zwischen der Adventitia und der Media nachweiscn, an an¬ 
deren zwischen den mächtigen Bindegewebslagern der Adventitia. 

Leber: Interlobuläre Bindegewebswucherung, ebensolche um die 
Portal-Gefässe, in welch’ letztere Blutaustritte stattgefunden haben, 
die sich bis in das Leber-Parenchym erstrecken. Starke Hyperämie in 
der Umgebung. 

Milz: Reichliche Bindegewcbs-Wucherung im Reticulum. 

Carotis: Starke Vascularisation in der Adventitia, stellenweise 
Hämorrhagion, in denen man Züge von Vasa vasorum erkennen 
kann. Stellenweise Endothelwucherung, Zellenvermehrung in den Vasa 
vasorum. Im Zellgewebe der Carotis ähnliches Verhalten der kleinen 
Gefässe. 

Sectionsprotokoll 4/XXX. 17. Juli 1882. 

Sec. Dr. Mracck. 

Das Kind männlichen Geschlechtes, 2000 Gramm schwer. Anfangs des 
neunten Fötalmonats; starb zwei Stunden nach der Geburt. Allgemeine 
Decke des Körpers blass, das Zellgewebe, namentlich an Händen und Füssen 
ödematös. Die Haut allüberall, besonders aber am Thorax und im Epiga- 
strium von zahlreichen, punktförmigen Ecchymosen besetzt. 

Das Gehirn blutreich. 

Die Thymus etwas derber. 


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M r a c c k. 


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Die Lungen stellenweise lufthaltig. Das Herz und die grossen Gefässe 
normal; das Herzfleisch blass. Der Unterleib aufgetrieben; Leber gross, 
derbe, misst an der unteren Fläche von rechts nach links 1t Ctm., von 
vorne nach hinten im Bereiche des rechten Luppens 8 Ctrii. Auf ihrer Ober¬ 
fläche und auch im Durchschnitte sieht man auf blassbraunem Grunde viele 
weissliche, nicht scharf abgegrenzte Flecken. In der Mitte des linken 
Lappens und an der Basis des rechten finden sich bedeutende Schwielen 
um die Portalgefässe. 

Die Milz 7 Ctm. lang, ihre Pulpa weicher. Das Pancreas sehr derbe. 
Die Lymphdrüsen um den Kopf des letzteren und im Mesenterium auffallend 
gross, die Nieren gross geschwellt, in ihrer Kindensubstanz bis ins Weiss¬ 
liche erblasst; die erblassten Partien auf der Schnittfläche hervorspringend 
dichter. An den Epiphysengrenzen der Extremitätenknochen Osteochondritis. 

Die Mutter, L. Z., 24 Jahre alt, inlicirte sich als Wärterin auf 
der syphilitischen Abtheilung im Jahre 1880 und hat ihre syphilitischen 
Erscheinungen (Exanthem mit Psoriasis palmaris und plantaris) kaum oder 
nur local behandelt. Zur Zeit der Entbindung bot sie nur mehr nachfol¬ 
gende Erscheinungen: Scleradenitis cervicalis multiplex cubitalis et axillaris 
sinistra eminens, inquinalis minor, cicatrix in police sinistro ex infectione. 
Erste Entbindung 1876, ein gesundes Kind, welches nach zwei Jahren starb ; 
zweite Entbindung 17. Juli 1882. 

Mikroskopischer Befund. 

Haut: Kernreiche Bindegewebs-Wucherung durchzieht mit dick¬ 
wandigeren Gefässen das Unterhaut-Fettgewebe. Kleinste Hämorrhagien 
in der Nähe der Schweissdrüsen. 

Leber: Die Portal-Gefässe in mächtige schwielige Bindegewebs¬ 
fasern bis in die kleinsten Verzweigungen gehüllt. Die Portal-Venen 
erscheinen auffallend enge. Starke Vascularisation in diesen Schwielen 
mit Blutaustritten in und um dieselbe. Leberzellen in Proliferation, 
zeigen zwei bis sechs Körner. 

Milz: Die Gefässe sind in einem dicken Balkengewebe, und 
ihre Wandung ist von demselben nicht differenzirbar, ihr Lumen 
sehr eng. 

Pancreas: Starke Bindegewebsvermehrung mit Blutungen in 
das schwielige Gewebe zwischen den Drüsenläppchen mit Gefässwand- 
verdickung und Verengerung dos Lumen. 

Thymus: Hyperämie in den Gefässen mit Blut Extravasat im 
Zellgewebe zwischen den Läppchen. 

Nieron: Zellenwucherung und Bindegewebszunahmo in der Rin¬ 
den- und Pyramidensubstanz. 


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Syphilis haemorrhapica neonatorum. 


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Sectionsprotokoll 5/XXXI. 19. Juli 1882. 

Sec. Prof. Eandr&t. 

Knabe, 1450 Gramm schwer, 34 Ctm. lang, eine halbe Stande post 
partnm gestorben. Der Körper normal gebildet and genährt. Die allge¬ 
meine Decke blassroth, allenthalben wie leicht ödematüs infiltrirt, über dem 
Abdomen mit kleinen punktförmigen Blutaustritten bezeichnet. Am Gesicht 
in der Umgebung der Lider, den Extremitäten, besonders den Unterschenkeln 
nnd Vorderarmen, sowie Händen und Füssen mit kleinlinsengrossen, blau- 
röthlichen Infiltraten besetzt, über denen die Epidermis theils aufgelockert, 
theils abgängig ist, so dass an letzteren Stellen die Lederliaut geröthet 
blosliegt. Das Kopfhaar blond, das Gesicht leicht gedunsen, Brustkorb ge¬ 
wölbt, Unterleib halbkugelig ausgedehnt, sehr hart gespannt, der Rest der 
Nabelschnur kunstgerecht unterbanden, dick, auffallend stark in seiner Sülze; 
der Hodensack leer, zusammengezogen. Schädel von gewöhnlicher Grösse; 
seine Knochen auffallend dicht und dick. 

Die inneren Hirnhäute blutreich, stark ödematös infiltrirt. Das Gehirn 
von normaler Bildung, sehr blutarm, auffallend dicht; in den Hirnhöhlen 
klares Serum. An beiden Stirnbeinhälften, seitlich dem Coronarrande je eine 
fast kreuzergrosse Stelle, an der der Knochen käsig infiltrirt ist und wo 
unter der Dura eine fast 1 Mm. dicke, gelbgrünliche, starre Schichte lagert. 

Die Schilddrüse blutreich. 

Die Thymusdrüse starr, oberflächlich scharf gelappt, von derben, 
käsigen, in Form bis kleinerbsengrossen Knoten hervortretenden Infiltraten 
durchsetzt, von denen einige im Centrum zerflossen sind. 

Beide Lungen voluminös, starr, blassweiss, nur wenig, aber ziemlich 
gleichmässig lufthältig, mit theils halbkugelig protuberirenden oder etwas 
im Centrum eingezogenen Knoten besetzt. Ihr Parenchym entsprechend 
diesen von erbsengrossen, käsigen, knotenförmigen Infiltraten und daneben 
von zahllosen bis stecknadelkopfgrossen, weisslichen und weicheren Knöt¬ 
chen durchsetzt, die kleinen lobulären Infiltraten gleichen. Einzelne der 
grösseren sind an kleinen centralen Stellen erweicht. An der rechten Lunge 
über dem hinteren stumpfen Rande sind mehrere Lvmphgefässe von gelb¬ 
lichen Massen obturirt als verästigte, knotige Stränge durch die Pleura 
durchschimmernd. 

Herz schlaff, strotzend mit von schwärzlichen Flocken durchsetztem, 
dicklichem, himbeergeleeartigera Blute erfüllt. Das Herzfleisch erbleicht. 

Bei Eröffnung des Baucbraumes fällt auf, dass derselbe bi3 zur Hälfte 
von der enorm vergrösserten Leber ausgefüllt ist, die nahezu bis zur Nabel¬ 
linie hinabreicht. Linkerseits lagern unter ihr weitausgedehnte Dünndarm¬ 
schlingen, die an ihrer Oberfläche mit gelblich durch das Bauchfell durch- 
schimmernden flachen Knoten besetzt erscheinen und um diese mit eiterigem 
Exsudat bedeckt und verklebt sind. Rechterseits findet 6ich unter den nur 
wenig ausgedehnten Schlingen eine scharfwinkelig geknickte, mit ihren 

Viertel Jahresschrift i. Dermatol u. Sypb. 1887. 9 

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II r a c e k. 


beiden Schenkeln innig verwachsene Schlinge, die dem untersten lleum an¬ 
gehört. 

Im Magen nehst etwas Luft gallig gefärbter Schleim. 

Der gesammte Dünndarm am dichtesten in seinem ausgedehnten 
oberen jejunalen Thcile mit kleineren, bis linsengrossen, starren, gelblichen 
speckigen Infiltraten besetzt, die unregelmässig über die Dannfläche zer¬ 
streut, über das Niveau der Schleimhaut leicht protuberiren, in den untersten 
Partien auf diese und die Submucosa beschränkt, in den oberen stellen¬ 
weise durch die Dicke der Darmwand greifen und so jene angegebenen In¬ 
filtrate unter der Serosa bilden. Einzelne der Infiltrate sind in den ober¬ 
flächlichsten Schichten in der Ausdehnung eines Stecknadelkopfes und 
darüber nekrosirt, andere tiefer zerfallen und haben so seichte, am Grunde 
speckig belegte Substanz Verluste gebildet. Hie und da findet sich auch ein 
Infiltrat um eine Peyer’sche Plaque, leicht das Niveau der Schleimhaut 
überragend, während die Plaque dagegen wie eingesunken reticulirt er¬ 
scheint. In der oben angegebenen verwachsenen Schlinge sind zwei mit 
solchen schildförmigen härtlichen Infiltraten besetzte Stellen innerhalb 
der beiden Schenkel aussen verwachsen. Das eingedickte Meconium in die¬ 
ser Schlinge ist mit einer graulichen Schichte abgcstosseuen Epithels be¬ 
deckt, streckenweise sind auch auf anderen Partien im Dünndarm, wo die 
Infiltrate dichter stehen, förmlich croupöse, dichte Schleimschichten auf¬ 
gelagert. 

Die Mesenterialdrüsen stark geschwellt. 

Die Leber blassbraun, dichter, plumprandig dick. 

Die Milz aufs Doppelte vergrössert, dichter, braunroth. 

Das Pancreas gross, dicht, entlang dem oberen Bande mit nicht scharf 
abgegrenzten, weissen, gelblichen Knoten besetzt. Die Nieren in ihrer Binde 
sehr erbleicht, gelockert. 

Die Hoden vor dem Leistencanal in der Bauchhöhle gelagert. 

Die Inquinaldrüsen dunkel geröthet, gelockert. 

Die Knochen an den Diaphysenenden gelblicbweiss, theils körnig 
brüchig, theils zerfliessend weich; auch das Periost um diese Stellen käsig 
infiltrirt, gelockert, um das obere Ende der Diaphyse des linken Ober¬ 
schenkels eitrig zerflossen. 

Die Mutter, K. I., 31 Jahre alt, zur Zeit der Entbindung behaftet 
mit: Scleradenitis universalis modica. Defectus pigmenti cutanei circumscripti 
(Leukopathia syphilitica) in thorace, collo, nuchae et in abdomine(ex exanthemate 
maculoso regresso,) Papulae cicatrisatae in mucosa labii oris superiori, re- 
gredientes in arcu palatopharyngeo sinistro. Infiltratio areuum et tonsillarum 
discissarum cum catarrho pharyngis modico; defluvium capiHorum capitis. 

Erste Entbindung vor vier Jahren; Kind starb nach drei Monaten. 
Zweite Entbindung 22. März 1881; reifes Kind starb nach zwei Monaten-, 
Beide Graviditäten angeblich von einem Manne. Dritte Entbindung am 19. Juli 


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Syphilis hacmorrhagica neonatorum. 


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1882; Knabe, volle sieben Monate getragen, gestorben eine halbe Stunde 
nach der Geburt. Diese Schwangerschaft rührt von einem zweiten Geliebten 
der Wöchnerin her. 

NB. Vorliegender Fall wurde in der Arbeit „Enteriitis bei Lues hc- 
reditaria“, Vierteljahresscbr. f. Dennat. und Syph. 1883, pag. 215 u. ff. an¬ 
geführt und die Gelassverhältnisse auf Taf. III, Fig. 1, 2, 3 und Taf. IV, 
Fig. 4 näher dargestellt. 

Mikroskopischer Befund. 

Haut: Verdickung in der Gefässwand mit Zellen-Infiltration im 
subcutanen Bindegewebe in der Nähe der Gefässe. Inquinaldrüseu 
kleinzellig infiltrirt, Hyperämie und Blutung in der Umgebung derselben. 

Lunge: Durchwegs infiltrirt, stellenweise sehr dichte Infiltra¬ 
tion, Hyperämie in den Capillaren, Wucherung in den grösseren Ge- 
fässen, Blutaustritt in das infiltrirte Parenchym. 

Thymus: Infiltration und Abscessbildung mit hochgradiger 
Gefässbetheiligung. Hämorrhagio im intralobulären Bindegewebe. 

Carotis: Ungleichmässige Infiltration um die Vasa vasorum, 
stellenweise sind dieselben hyperämisch. 

Leber: Portalgelasse, nämlich die Gallengänge, von einem 
kernreichen, wuchernden Bindegewebe umgeben, das Leber-Parenchym 
normal, hie und da in starker Proliferation der Leberzellen. 

Milz: Stellenweise hochgradige, kleinzellige Wucherung mit 
Bindegewebszunahme, so dass jede Structur darin untergegangen ist. 

Pancrcas: Interstitielle Bindegowcbsneubildung mit schwie¬ 
liger Wucherung in der Advcntitia der darin verlaufenden Gefässe. 
Capillaren stark erweitert. Blutaustritte in die Schwielen zwischen den 
Drösenelementen. 

Hochgradige Darm-Syphilis mit interessanter Gefässentartung, 
wie schon oben angeführt, bereits abgebildet und beschrieben in die¬ 
ser Zeitschrift. 

SectionsprotokoU 6/XLVIIL 2. September 1882. 

Sec. Dr. M r a c e k. 

Kind weiblichen Geschlechtes, 2150 Gramm schwer, 42 Ctm. lang; im 
nennten Lnnarmonate gehören, starb nach fünf bis sechs Standen. Der 
Körper gnt entwickelt; die Haut mit zahlreichen Ecchymosen am Halse and 
am Abdomen, namentlich in den Inquinalgegenden besät. Blasse Todten- 
flccke am Rücken. Der Hand- and Fussrücken ödematös. Die Nabelschnur 

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M r a c e k. 


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kunstgerecht unterbunden, deren Geiässe normal. Im Unterhautzellengewehe 
als auch im Zellgewebe des Mediastinums zahlreiche Ecchymosen. Die 
Drüsen der Inquinalgegend vergrössert, dunkelbraun, ebenso die am Halse. 
Die Pleurahöhlen enthalten wenige Gramm blutiggefärbten Serums. Die Pleura 
costalis, namentlich aber die des Diaphragmas, sowie jene beider Lungen 
mit zahllosen Ecchymosen durchsetzt. 

Beide Lungen zum Theile lufthaltig, beim Durchschneiden blutig¬ 
schaumige Flüssigkeit entleerend, lassen nirgends eine Infiltration nach- 
weisen. 

Die Thymus von normaler Consistenz, mit einigen Ecchymosen an 
der Oberfläche. Das Pericardium am Herzen und an den grossen Gefässen 
von zahlreichen blutgefüllten Gefässzweigen durchzogen und mit Blutaustritten 
hie und da durchsetzt, welch letztere selbst in das Myocardium reichen. Das 
Herzfleisch selbst blass, wenig consistent. 

Der Peritoneal8&ck von circa 10 Gramm klaren Serums erfüllt und 
von zahllosen Ecchymosen an seinen parietalen Theilen durchsetzt. 

Die Leber misst in der Richtung von rechts nach links 9 Ctm. Ihre 
Kapsel um das Ligamentum Suspensorium verdickt. Durch dieselbe schim¬ 
mern an der ganzen Oberfläche der Leber stecknadelstichgrosse, weissliche 
Pünktchen. Die Consistenz der Leber etwas derbe. Das Parenchym im 
Durchschnitte gelbbraun. Um die Cava zahlreiche Ecchymosen, im Leberge¬ 
webe längs der Portalgefässe allenthalben Schwielen. In der Gallenblase 
schleimige, zähe Flüssigkeit. 

Die Milz 6 Ctm. lang, grösser, dichter. Der Peritonealüberzug des 
Magens, des Dünndarms, stellenweise yon Ecchymosen durchsetzt-, auch im 
Mesenterium finden sich zahlreiche Blutaustritte vor. Das Pancreas normal. 
Im Magen zähe, schleimige und grünliche Flüssigkeit-, seine Schleimhaut 
wenig ecchymosirt, ebenso die Schleimhaut des Darmes. Die Mesenterial¬ 
drüsen mässig vergrössert., am Durchschnitte gelatinös glänzend. 

Die Nieren blass, im Uebergange der Pyramiden und im Becken 
ecchymosirt. Nehennierenkapsel blass, verdickt. Das lockere Zellgewebe des 
Beckens, die Schleimhaut der Vagina, der Vaginalportion von zahllosen, 
grösseren Ecchymosen durchsetzt. Das Periost der Röhrenknochen ecchymo¬ 
sirt. Die Knochcnknorpelgrenze scharf, jedoch gelblich entfärbt. Das Kno¬ 
chenmark sehr stark hyperämisch. 

Die Mutter, A. H., 26jährige Magd, war behaftet mit: Papulae 
luxuriantes in labio majori utroque et circa anum-, scleradenitis inquinalis 
bilateralis multiplex et cervicalis. Die erwähnten Geschwüre sollen angeblich 
erst seit einem Monate bestehen. Erste Entbindung war vor sechs Jahren. 
Frühgeburt; zweite Entbindung vor einem Jahre-, reifes Kind, gestorben 
nach sechs Wochen; dritte Entbindung ersten October; jede Schwangerschaft 
soll von einem anderen Manne herrühren. 


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Syphilis haemorrhagica neonatorum. 


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Mikroskopischer Befund. 

Carotis: Blutung mit Kernvermehrung in den Vasis vasorum 
in der Adventitia. 

Herz: Infiltration der Adventitia grösserer arterieller Gefäss- 
stämme, Wucherung in den Wandungen kleinerer Gefässe; Hämor- 
rhagie in das Myocard. 

Leber: Bindegewebswucherung mit starker Betheiligung der 
Gefasswände und Blutung aus hyperämischen Capillaren in das Par¬ 
enchym. 

Milz: Hyperämie und Bindegewebszunahme in der Kapsel, in 
der Pulpa und um die Gefässe. 

Darm: Vasculäre, perivasculäre Entzündung und Blutung in der 
Sabinucosa und an der Insertionsstelle des Mesenteriums. 

Niere: Venöse Stase in der Pyramidensubstanz, Blutungen 
um arterielle Gefässe in der Binde, Blutungen in das lockere Zell¬ 
gewebe des Hylus und der Nierenkapsel. 

Sectionsprotokoll 7/LI1. 7. October 1882. 

Sec. Dr. Mracek. 

Die Frucht männlichen Geschlechtes; im sechsten Lunarmonate todt 
geboren, 720 Gramm schwer, 30 Ctm. lang. Die Haut des Abdomens mit 
Eccbymosen durchsetzt. In der Pleura pulmonalis zahlreiche grössere Hä- 
morrhagien, kleinere im Parenchym und uro die grossen Gefässe im Hylus. 

Die Lungen an der Basis stellenweise weisslich, derb, infiltrirt. Herz 
blass, normal gebildet. 

Die Leber gross, braun, mit zahlreichen, stecknadelstichgrossen Punkten 
an der Oberfläche, welche durch die Kapsel durchscbimmern, mit derselben 
zum Tb eil abgezogen werden können, ohne in ihr selbst zu liegen. Dieselben 
sind sowohl an der Oberfläche über die ganze Leber gleichmässig zerstreut 
als auch im Parenchym im Durchschnitte sichtbar. 

Die Milz massig vergrössert. 

An den Knochen nichts Abnormes. 

Die Mutter, K. J., 26 Jahre alt, behaftet mit: Papulae luxuriantes 
confluentes erosae in facie externa labii maj. sin. dextrique posterioris et in 
perineo anteriori fere toto. Scleradenitis inquinalis sinistra eminens, dextra 
multiplex; scleradenitis colli et epimastoidea; defluvium capillorum. 

Erste Entbindung 5. October 1882. 


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Mracck. 


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Mikroskopischer Befund. 

Lunge: Hyperämie mit Ectasie capillarer Gefässe, wcisse Pneu¬ 
monie, Wandwucherung grösserer Gefässe und stellenweise hochgra¬ 
dige Verengung im Lumen. 

Blutungen aus den kleinen Gefässchen in das Parenchym, in¬ 
terstitiell und interlobulär. Ferner in das Bindegewebe um die grossen 
Gefässe im Hylus. 

Leber: Hyperämie, leichtere schwielige Verdickungen der Portal- 
Gefässe, Gallengänge in ihren Wandungen bedeutend verdickt, miliare 
Knötchen aus Rundzellen - Wucherung in der Kapsel und im Pa¬ 
renchym. 

Milz: Kapselverdickung und Bindegewebsznnahme in der Pulpa. 

Herz: Im Fleische blass, sonst nicht entartet. (Frisch untersucht.) 


SectionsprotokoU 8/LXIL 5. November 1882. 

Sec. Prof. Kund rat. 

Das Kind männlichen Geschlechtes, 1520 Gramm schwer, 32 Ctm. 
lang, zwei Tage alt; sein Körper normal gebildet, entsprechend entwickelt. 
Die Haut blass, sehr zart, am Rumpfe und an den Extremitäten mit feinsten, 
punktförmigen, rothen Stipchen, an der Streckseite der Vorderarme, dm 
Handrücken, der Knöcbelgegend und besonders an beiden Plantae mit grös¬ 
seren, hanfkorngrossen bis knffeebohnengrossen, blauen Flecken bezeichnet, 
geschwellt; in dem subcutanen Zellgewebe diesen entsprechend hämorrhagisch 
infiltrirt, in der Umgebung üdematös, an der Planta in so hohem Grade, 
dass diese polstei ähnlich geschwellt und in ganzer Ausdehnung suffundirt 
erscheint. Auch in der Haut am Rücken sehr dicht stehende Petechien und 
unter ihr zahlreiche hanfkorngrosse Blutaustrittc, welche derselben ein tu¬ 
berös-höckeriges Aussehen und Anfühlen geben. 

Die Schädelschwarte von einzelnen kleinen Ecchymoscn durchsetzt, 
sonst blass. Der Schädel von gewöhnlicher Dimension. Die Knochen ziem¬ 
lich dick und dichter. Die inneren Hirnhäute zart, blutarm, dem linken 
Stirnlappen entsprechend mehrere im Knochen selbst befindliche Hämorrha- 
gien. Das Gehirn blutarm ; in der linken kleinen Hirnhemisphäre am hinteren 
Rande unter der Rinde zwei erbsengrosse, rundliche, hämorrhagische Herde. 
Um den Mund und die Nase eine blutige Flüssigkeit ausgetreten, solche 
auch mit Schleim untermengt in der Mund- und Rachenhöhle; in den Luft¬ 
wegen blutiger Schaum. Die Schleimhaut des harten Gaumens suffundirt. 

Die Lungen gross, blutreich, ödematös; die rechte in ihrem Ober¬ 
lappen, die linke in ganzer Ausdehnung von kleinen ausgebreiteten, unre¬ 
gelmässigen, nicht scharf abgegrenzten, wie schwarzroth infarcirten Herden 


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Syphilis hacmorrha^ica neonatorum. 


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durchsetzt (Thromben). Pleuren dicht ecchymosirt. Im Herzbeutel blutiges 
Serum-, das Herz im subpericardialen Gewebe um die Coronargefässe in 
breiten Strecken snffundirt. Die Blutung erstreckt sich längs der grossen Ge- 
fässe ins Mediastinum. Das Herzfleisch blass, fettig, gelblich. 

Die Leber dichter, blutreich, von feinsten, weisslichen, nicht scharf 
abgegrenzten Flecken auf der Schnittfläche gesprenkelt. 

Die Milz etwas grosser, dichter. Das Pancreas normal. Der Magen 
von einer mit Milch untermengten, braunblutigen Schleimmasse erfüllt. 
Seine Schleimhaut blass. Der obere Theil des Jejunums von Gasen ausge¬ 
dehnt. Das Ueum mit Meconium gefüllt. Der Dickdarm leer. Der Peritoneal¬ 
überzug des gesammten Darmes roth gefleckt, von stecknadelkopf- bis hanf¬ 
korngrossen Blntaustritten an der Subserosa und grösseren nur bläulich 
durchschimmernden, in den tieferen Schichten durchsetzt. Letztere finden 
sich besonders zahlreich und gross in dem mit Gas erfüllten oberen Jeju¬ 
num an der convexen Seite, in deutlicher Ausbreitung in den Gebieten ein¬ 
zelner Arterien. 

Nieren blass, gelblich, wie geschwellt. 

Die Hoden vor dem äusseren Leistenring; ihre Scheidenhaut mit 
blutiger Flüssigkeit erfüllt, von Hämorrhagien gesprenkelt, ihr Parenchym 
geschwellt, schwarzroth. 

Die Lymphdrüsen in den Inquinalgegenden gross, markig, einzelne 
von den mesenterialen leicht geröthet; auch die axillaren Drüsen erbsen¬ 
gross. Die Musculatur sehr erbleicht, frei von Blutung, nur der linke Ster- 
nocleidomastoideus von Hämorrhagien dicht durchsetzt. An den Oberschen¬ 
kelknochen eine P5—2 Mm. dicke, gelbe, harte Schichte; an der Diaphy- 
sengrenze auch an den Rippen breite, gelbe Zonen; die Knorpelgrenzen 
leicht graulich, stark gezackt. 

Die Mutter, G. K., 33 Jahre, befand sich seit vier Wochen auf der 
syphilitischen Abtheilung mit Papulae ad genitalia et Syphilis maculosa. 
Erste Entbindung. 

Mikroskopischer Befand. 

Kleinhirn: Hyperämie der Meningen and der Capillaren in 
der Gehirnsubstanz mit Blutungen aus denselben. 

Haut von der Planta: Infiltration mit Hämorrhagie im sub- 
cutanen und intermusculären Zellgewebe. — Ecchymosen um die 
Sch weissdrüsen. 

Bückenhaut: Stark hyperämische Capillaren im Fettgewebe 
und Blutungen grösserer venöser Gefässe mit massig infiltrirten Wan¬ 
dungen. 

Carotis: An der Abzweigung der Externa von der communis 
Blutungen aus Capillar-Gefässen. 


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Mra2ek. 


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Herz: Blutungen um grössere Gefässe im Sulcus coron. longit. 
ant. in das Pericardium und in das Herzfleiscli. Venöse Hyperämie, 
stellenweise Stase. 

Lunge: Schwielige Veränderungen der Gefässwandutigen, Lumina 
sehr enge, Thrombus in einem grösseren Gefässstamme, Infarct im 
Parenchym. 

Leber: Bindegewebswucherung im Parenchym mit stellenweiser 
starker Kernanhäufung. 

Milz: Kapselverdickung mit adventitieller Bindegewebszunahme 
arterieller Gefässe. 

Dünndarm: Blutungen in der Subraucosa, Hyperämie ein¬ 
zelner Gefässe. 

Hoden: Hochgradige Blutung zwischen dio Vasa seminifera 
und im Zellgewebe des Nebenhodens. Wucherung der Wandungen 
der venösen Gefässe bis zum Verschlüsse des Lumens, arteriell ' 1 
Gefässe nicht verändert, zeigen ein weites Lumen. 

Sectionsprotokoll 9/LXVIL 27. November 1882. 

Sec. Dr. Mra?.ek. 

Das Kind männlichen Geschlechtes aus dem achten Lunarmonate, mit 
kunstgerecht unterbundener Nabelschnur, 2100 Gramm schwer, 40 Ctm. 
lang. Das subcutane Zellgewebe des unteren Abdomens und der unteren 
Extremitäten ödematös. Der Unterleib stark gespannt, aufgetrieben. In der 
Haut des Gesichtes, des Halses und der unteren Bauchgegend punktförmige 
llämorrhagien; confluirende solche im Epigastrium. 

Die Gehirnhäute den Schläfelappen entsprechend, namentlich aber 
entlang der Sylvischen Furche getrübt verdichtet, die Gehirn Substanz dar¬ 
unter nicht verändert-, sonst fühlt sich aber das Gehirn beim Betasten 
dichter an. 

Die Lungen mit einigen Ecchymosen unter der Pleura besetzt. Ihr 
Parenchym auffallend blutarm. Am Rande und im Bereiche des rechten 
Unterlappens von hellrother Farbe. 

Das Herz erweitert, schlaff; in seinen Höhlen flüssiges, rothbraunes 
Blut; in seinem Fleische gelblich entfärbt und sehr leicht zerreisslich; an 
mehreren Stellen unter dem Pericardium und im Myocardium selbst grössere 
und kleinere Blutaustritte. 

In der Bauchhöhle bei 0’3 Liter klaren Serums. Das Peritonäum, 
namentlich aber das Mesenterium an vielen Stellen getiübt. Diese Trübangen 
erweisen sich mikroskopisch als eine typische kleinzellige Infiltration mit 
Fettentartung der stärker infiltrirten Stellen; die Iufiltrate treten häufen- 


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Syphilis haemorrha^ica neonatorum. 


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weise anf. Die Gefasse sind nicht erheblich verändert. Alle Drüsen de9 
Mesenteriums dentlich, bis zur Erbsengrösse infiltrirt. 

Die Leber (von rechts nach links gemessen beträgt 9*5 Ctm., von 
vorne nach hinten 6'5 Ctm.) sehr derb, an der Oberfläche chagrinirt, stellen¬ 
weise vertieft, eingezogen und ihre Kapsel getrübt, im Durchschnitte dunkel¬ 
braun, mit zahlreichen, lichteren Feldern gesprenkelt. Die grösseren Portal¬ 
stämme von rnässigen, gelblichen Bindegewebsschwielen umgeben. 

Die Milz 6 Ctm. lang, 4 Ctm. breit: ihre Kapsel an der inneren 
Fläche fast durchaus, an der Aussenfläche wie marmorirt, verdickt und da¬ 
selbst milchig trübe. Das Parenchym dunkelbraun, sehr dicht. 

Beide Nieren dunkelbraunroth, von Hämorrhagien durchsetzt. 

Im Magen zäher Schleim; dieWand unter der Schleimhaut ecchymosirt. 
Der Darm gleichmässig von Meconium ausgefüllt. Die unteren Dünndarmschliu- 
gen zeigen quer auf die Längsrichtung gestellte, röthlicbe, durch das Perito- 
uäura durchschimmernde Stellen, welche in fast gleichmässigen Abständen von 
einander entfernt sind. Der Dickdarm normal. Die Mesenterialdrüsen durch¬ 
wegs vergrössert, so zwar, dass das Mesenterium wie mit grossen Schrot¬ 
uni Erbsenkörnern gespickt aussieht. Das retroperitoneale Zellgewebe, be¬ 
sonders um das Promontorium und im kleinen Becken von grösseren Hä- 
morrhagien suffundirt. Die Stamm- und Extremitätcnmusculatur blass, 
nirgends von Hämorrhagien durchsetzt. Die Knochenknorpclgrenze der Rippen, 
sowie jene der Extremitäten deutlich beginnende Osteochondritis. 

Die Mutter, N. A., 26 Jahre alt, bot zur Zeit der Entbindung fol¬ 
gende Erscheinungen: Verdichtung am Rande des linken, grossen Labium 
mit Haarverlust und Pigmentdefect nach alten Infiltraten; beiderseitige Lei- 
stendrüsenanschwellung, links grösser; die Halsdrüsen ebenfalls grösser; 
Haarverlust an kahlen, areolären Stellen des behaarten Kopftheiles. Pigment- 
lose Flecken von bräunlichen Streifen urasäumt am ganzen Halse und 
Nacken (Leukopathie); stellenweise wenig begrenzte, aber deutliche Atro¬ 
phie der Zungenpapillen nach Papeln an der Zunge; linke Mandel ge¬ 
spalten, grösser. Ausser diesem Befunde findet man bei der Kranken 
Uedem der Füsse, Albumen im Ham. Sie hatte vor und nach der Entbin¬ 
dung je einen eclamptischen Anfall durchgemacht. Erste Entbindung 26. No¬ 
vember 1882. 

Mikroskopischer Befund. 

Haut: Thrombose in einzelnen Gefässen mit Kernvermehrung, 
Blutung aus kleinen Gefässen unweit der Thrombenbildung. 

Carotis: Kernwucherung und Blutungen in der Adventitia. 

Leber: Hyperämie, herdweiso Wucherung im Parenchym -Kapsel- 
Verdickung, jüngere Bindegewebswucherung um die Portalgefässe, 
körniges Pigment in einzelnen Leberzellen. 


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Mracck. 


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Milz: Kapsel- tmd Pulpeninfiltration, mit Betheiligung der 
Gefässe. 

Mesenterium: Blutung in den Drfisenkapseln mit Wucherung 
der Wandungen der Gefässe und Hyperämie in einzelnen venösen 
Zweigen. 

Magen: Hämorrhagio in der Mucosa und angrenzenden Sub- 
mucosa. — Adventitielle Wucherung grösserer Gefässe, kleinzellige 
Infiltration an der Basis der Mucosa, Hyperämie in deren Umgebung. 

Dünndarm: Infiltration in und um die Peyer’schen Plaques, 
Infiltration der Gefässe bis zum Verschluss in den kleineren. Hämor- 
rhagien in dem periglandulären Infiltrate bis in die Zotten, capillare 
Hyperämie. 

Niere: Auffallende Veränderung und Lumenverengung der Ge¬ 
fässe an der Pyramidengrenze, Blutungen in ihrer Umgebung. Periar¬ 
teriitis, schwielige Wucherung um und in der Adventitia, Quellung 
der Media, Proliferation der Intima, höchst enges Lumen. 

Sectionsprotokoll 10/LXXVIII. 5. Februar 1883. 

Sec. Prof. Kund rat. 

Kind weiblichen Geschlechtes, 2450 Gramm schwer, für acht Lunar- 
monate gut entwickelt, einen Tag alt. Kopfhaar bei 2 Ctm. lang, schwan, 
zwischen demselben subcutane, punktförmige Hämorrhagien. Die Haut im 
Gesichte, am Rumpfe und den Extremitäten zeigt einen Stich ins Gelbliche; 
jene der unteren Hälfte des Abdomens ist von striemenförmigen Hämorrhu- 
gien durchzogen; ausserdem finden sich noch Hämorrhagien im Zellgewebe 
der Leistenbeugen, hie und da im intermusculären Zellgewebe der Extremi¬ 
täten, so z. B. an der Tendo Achillis bis zur Ferse, so dass es den Ein¬ 
druck gewinnt, dass neben den spontan entstandenen auch bei stärkerem 
Anfassen oder Aufdrücken Blutaustritte leicht erfolgten. 

(NB. Dieser Einwand ist nach der mikroskopischen Untersuchung un¬ 
zulässig, da dort eine exquisite obliterirende Gefässerkrankung gefunden 
wurde.) 

Um den Sinus frontalis findet sich eine Hämorrhagie. Die Gehirn¬ 
häute stärker gespannt-, die ganze Marksubstanz von capillaren Hämorrha¬ 
gien punktförmig durchsetzt und erweicht, von gelblich-sulzigem Aussehen. 

In der Adventitia der Carotis sind mehrfache Ecchymosen. 

Die beiden Lungen sind lufthältig, in den abhängigen Partien hypo¬ 
statisch ; an drei Stellen der linken und zwei bis bohnengrossen der rechten 
periphere Hämorrhagie und Verdichtung, (Pneumonia alba mit Hämorrhagien 


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Syphilis haemorrtiaglra neonatorum. 


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und Arterienwand Wucherung, welcher Befund makroskopisch einem hämor¬ 
rhagischen Infarcte ähnlich sah). 

Das Herz gut contrahirt, bleich. Thymus normal. 

Die Därme Ton einem grobmaschigen Netze dicker, fibrinöser Fäden 
umsponnen. 

Das Peritonäum nur hie und da leicht injicirt, über der Leber mit 
feinen, punktförmigen, weisslichgrauen, abstreifbaren Massen besetzt, über 
der Milz in ausgedehnteren Strecken trübe, verdickt durch weisse, abstreif¬ 
bare Auflagerungen. 

Die Leber sehr gross, plump, dichter, dunkelbraun, mit leicht gelb¬ 
lichem Stich. Die grösseren Portalvenenverzweigungen vom Hilus ab in 
dicke, gelbliche, sulzigc Massen gehüllt. 

Milz grösser, derb, dunkelbraun. 

Der Magen mässig ausgedehnt, mit punktförmigen, zerstreuten Blut- 
aiütritten unter der Serosa und einer fast hanfkorngrossen in der Mitte der 
Hinterwand. 

Die Därme in den oberen Jejunalschlingen theilweise mit Luft gefüllt 
die unteren contrahirt, beide blass. Die Schlingen des Ileums ziemlich 
strotzend mit zähem Meconium erfüllt; an denselben bis hanfkorngrosse, 
meist an der Convexität sitzende, dunkelgeröthete, infiltrirte Stellen, die 
theils nur röthlich durch das Bauchfell durchschiramern, oder aber durch 
letzteres selbst injicirt und geröthet erscheinen. Der Dickdarm contrahirt, 
in demselben nur Schleim und kein Meconinm. 

Die Nieren in der Rinde bleich, auffallend blass. 

Die Vena umbilicalis mit locker geronnenem Blute erfüllt, innerhalb 
der Leberfurche in den Aussenschichten von punktförmigen Hämorrhagien 
durchsetzt. 

Das Pancreas bleich, normal. Die Mesenterial- und anch alle übrigen 
Lvmphdrüsen geschwellt. Knochenknorpelgrenze an den Extremitäten er¬ 
krankt; 1 Mm. breite, weisse, bröckelige Knochenschichte, an deren zacki¬ 
gen Grenzen die erweichte Knorpelsubstanz folgt; ebenso an den Rippen. 

Die Mutter, H. M., 24 Jahre, hot zur Zeit der Entbindung folgende 
Reste abgelaufener Syphilis: Defectus pigmenti cutanei, foimae gyratae 
«icatricesque ad commissuram posteriorem labiorum majorum et in perineo. 
Rhagas infiltrata ad anum non tantum ex partu (Ulcus). Papula crusta 
tecta in facie interna labii oris superiori cicatrisans indurata. Tonsillae ambo 
diseissae, valde hypertrophicae, dextra cicatricibus superficialiter obsessa; 
defectus pigmenti cutanei in nucha et trunco ex exanthemate. H. gibt an, 
T °r einem Jahre an Halsschmerzen nnd Kopfweh durch längere Zeit, jedoch 
ohne Fieber, gelitten zu haben. Erste Entbindung vor 3’/* Jahren, Knabe, 
lebt und ist gesund; zweite Entbindung 4. Februar, Mädchen, acht Lunar¬ 
monate, gestorben nach 24 Stunden. Das Kind hat die Brust genommen. 
Meconium soll keines abgegangen sein. 

NB. Pater tuberculosi obiit 


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M r a 2 e k. 


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Mikroskopischer Befund. 

Gehirn: Infiltration in der Eindensuhstanz an den Meningen, 
in der Nähe der Sylvischen Furche, zahlreiche capillare Blutungen 
in die an das Infiltrat grenzende Gehirnsubstanz. 

Carotis: Hie und da einige rothe Blutkörperchen um die Va?a 
vasorum in der Adventitia mit keiner erheblichen Veränderung. 

Lunge: Schnitte aus dem Unterlappen lassen beginnende, 
weisse Pneumonie, Blutungen und bindegewebige Schwielen der grös¬ 
seren Gefässe nachweisen. 

Mittlerer Lappen: Weiter fortgeschrittene weisso Pneumonie 
mit Stauungs-Hyperämie und Blutung. 

Leber: Herdweise Blutungen im Parenchym, bedeutende 

Wucherung um alle Gefässe, die Lumina verengt, starke Wucherung 
gegen die Oberfläche der Leber zu. Nabelvene in der Leberfurch* 
zeigt Blutungen in die äusseren Bindegewebsschichten aus Capillaren. 

Milz: Starke Bindegewebswucherung, die Gefässe begleitend mit 
Blutung in der Schwiele. 

Dünndarm: Infiltration um die Plaques, Hyperämie und Infil¬ 
tration der kleinen Gefässe in der Submucosa, in letzterer sowohl als 
auch zwischen einer Muskelschichte Blutaustritt. 

Achillessehne mit Haut- und Unterhautzellgewebe: 
Blutung aus den kleinen Gefässen zwischen die Sehnenbündel, 
welche stellenweise starke Kernwucherungen zeigen. — Im subcutanen 
Zellgewebe ein grösseres durch Wandwucherung im Lumen stark ver¬ 
engtes Gefäss mit Blutung in die äusseren Schichten und dessen 
Umgebung. 

Sectionsprotokoll 11/LXXXI. 24. Februar 1883. 

Sec. Prof. Kundrat. 

Neugeborenes Kind weiblichen Geschlechtes, 3500 Gramm schwer. 
48 Ctin. lang, 12 Stunden alt, wohlgenährt; Hände und Ffisse leicht öde- 
matös geschwellt. Die Haut in ganzer Ausdehnung, namentlich aber im 
Gesichte, an Händen und Füssen dunkel cyanotisch verfärbt, mit besonders 
am Rücken zahlreichen stecknadelkopf- und darüber grossen Hämorrhagien 
in den oberen Cutisschichten bezeichnet. Kopfhaar lang, dicht, blond. 

Schädel mittlerer Grösse, normal geformt. Hals kurz, gelenkig. Brust¬ 
korb breit. Unterleib sehr stark ausgedehnt, gespannt. 

Schädelknochen ziemlich dicht und dick, sehr blutreich. Die inneren 
Hirnhäute und das Gehirn enorm cyanotisch; erstere leicht ödematös, 


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Syphilis hacmorrhagiea neonatorum. 


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etzteres in der Harksubstanz der Hinterlappcn von kleinen Blutaustritten 
icht gesprenkelt. Am reckten Hinterhirn, an der Stria corneae unmittelbar 
nter dem Ependym ein fast klein erbsengrosscr, dichter, nicht scharf ab- 
;egrenzter, grauröthlicher Knoten, der leicht nach dem Ventrikel protu- 
►erirt. Die Plexus choroid. sehr blutreich, in den Unterhörnern suffundirt. 

Die Lungen etwas collabirt. in den grösseren, hinteren Antheilen 
■erdichtet; in einzelnen peripheren, zerstreuten Läppchen wie hämorrhagisch 
nfiltrirt. Das Herz strotzend ausgedehnt vom dunkelflüssigen Blute, in 
.einem Fleische erbleicht und gelockert. 

Um die Milz und die anliegenden Daimschlingen einzelne Fibrinfäden. 

Die Leber enorm gross, sehr dick und plumpraudig, sehr dicht, beim 
Einsebneiden knirschend, icterisch, braun, blutreich. Das Zellgewebe um 
die grösseren Portalgefässe mässig verdichtet, asbestartig glänzend. 

Milz enorm gross, dicht. Magen und Darm mässig ausgedehnt; im 
Magen glasiger Schleim. Die Magenschleimhaut mit über stecknadelkopf¬ 
grossen Hämorrhagien bezeichnet. Die Dünndarmschleimhaut sehr stark 
geröthet und geschwellt. Im untersten lleum zähes, fest haftendes Meconium -, 
im Dickdarme weicheres. 

Beide Nieren in der Rinde erbleicht. Sexualorgane normal. 

Die Vena umbilicalis in ihren Scheiden von Hämorrhagien gespren¬ 
kelt. Arteria umbil. im Nabelstrange sehr eng. In der Bauchaorta und 
Carotis Hämorrhagien. Knochen der Extremitäten an den Epiphysengrenzen 
eine bei 2 Mm. breite, gelbliche, nach dem Knorpel zackig begrenzte 
Schichte. Die angrenzende Knorpellage etwas durchsichtiger aber noch fest. 
Der Epiphysenknorpel von einzelnen tief in denselben greifenden Gefässcn 
durchzogen. Das Periost an den Epiphysengrenzen mit einer dicken, wei¬ 
chen. blutreichen inneren Schichte ausgestattet. Der Ossificationskcrn in der 
unteren Epiphyse des Oberschenkels gelblich verfärbt. 

Die Mutter, K. K., 29 Jahre alt, zeigt Nachfolgendes: Cicatrices 
devatae, in centro depressae in margine posteriori labiorum majorum; 
defectus pigmenti in areolis circularibus circumscriptis in facie interna 
labii majoris dextri. Scleradenitis inguinalis bilateralis, multiplex, eminens. 
Erste Entbindung vor 2 Jahren, Abortus 7 Monate-, Zweite Entbindung vor 
1 Jahre, Abortus 8 Monate; Dritte Entbindung 23. Februar, Mädchen, leben¬ 
dig, reif- nach 12 Stunden gestorben. (Die beiden letzten Graviditäten sind 
'on einem anderen Mann als die erste.) 

Mikr oskopischer Befand. 

Gehirn: Boden des dritten Ventrikels: Zelleninfiltration, Hyper¬ 
ämie und capillare Hämorrhagie. 

Carotis: Wucherung der in den adventitiellen Schichten befind¬ 
lichen kleineren Gefässe, Blntung in die Adventitia der Carotis und 
nm dieselbe. 


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M r a c e k. 


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Arteria iliaca communis mit Lumbardrüsen: Kleiner- 
Gefässchcn im Zellgewebe um die Drüsen, hypcrämisch. — Die lliati 
selbst an dieser Stelle normal. In einer höher gelegenen Serie vor. 
Schnitten deutliche Wucherung in und um die Vasa vasorum. 

Leber: Junges Bindegewebe um die Gallengänge und Pfortader 
äste, stark vasoularisirt hie und da mit Blutaustritten; die Lebcrzelkt 
enthalten rostfarbiges Pigment. In der schwieligen Wand der Nabel¬ 
veno, in der Leberfurcho aus capillaren Gofässen stärkere Blutungen. 

Nabel: 12 Stunden post partum ira extraabdominalen Autlinl 
die Gefässe contrahirt mit Blutgerinnsel im Lumen. 

Milz: Eecento Zelloninfiltration, um die Gefässzweige ira Pa 
renchym. — Dasselbe sehr blutreich, sowie im Pall 10. 

Magen: Hämorrhagie aus Capillargefässen in die Submucosa. 
Hyperämie aller Gefässe. 

Ileum: Beginnende folliculäre Infiltration mit Betheiligung der 
hyperämischen Gefässe. In der Nähe der Peyersclien Plaques leichtt 
Blutungen. 

Jejunum: Hypcrämisch normal. 

Sectionsprotokoll 12/OXIV. 24 September 1883. 

Sec. Dr. Mracek. 

Kind männlichen Geschlechtes, 1600 Gramm schwer, 24 Standen alt. 
icteri8ch gefärbt mit punktförmigen Hämorrhagien an den Händen und 
Fingern, in der Nähe beginnender Pemphigusblasen, aber auch ausserhalb 
der letzteren. Unter den weichen Schädeldeckcn ausgebreitete Hämorrhagien. 
Im Parenchym beider Lungen, an deren Peripherie mehrere erbsengross-: 
Hämorrhagien. Die Lungen theilweisc lufthältig, zum grösseren Theik 
infiltrirt. 

Im Endocardium Ecchymosen. Das Herz gross, bleich, leicht zer- 
reisslich. Frische mikroskopische Untersuchung des Herzfleischer 
ergibt: Fettknötchenanhäufung um die Sarcolemmazellen, ebenso in den 
Wandungen der Capillaren, sowie in der Adventitia der grösseren Geflsse. 
Die Querstreifung der Musculatur erhalten. 

Die Leber (von rechts nach links misst 10 Ctm. von vorne nach 
hinten 7 Ctm.) gross, dicht, mit zahlreichen, weissen Pünktchen unter der 
Kapsel. Das Parenchym gelbbraun. Um die Portalgefässe grosse Schwielen, 
welche mit. den im Parenchym der Leber sitzenden, gelben Knoten fast 
Zusammenhängen. Am Rande des linken Leberlappens ein ähnlicher, gelb¬ 
licher Knoten, der nicht sehr scharf vom übrigen gelbbraunen Parenchym 
abgegrenzt ist. Die Gallenblase von einem vollkommen klaren, dünnen 


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Syphilis haemorrhagira neonalorum. 


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Fluidnm ausgefflllt. Im Ligamentum hepatouinbilicale Ecchymoseu. Milz 
sehr gross, 8 Ctm. lang, dunkelbraun, dicht. 

Im Magen dunk^schwarzes, mit Schleim untermischtes, geronuenes 
Blut. Im Jejunum an mehreren Stellen in der Wandung Haraorrhagien. 
Der Inhalt grünlich, schleimig. Im Ileum weisslicher, schaumiger Inhalt. 
Das Epithel überall abgängig, besonders an den Plaques; die letzteren 
treten mehr hervor uud sind reticulirt. Im Dickdarm Reste von Mcconium. 
Die Nierenbecken erweitert, im Parenchym kleine Hämorrhagien. 

Im subcutanen Zellgewebe, am Thorax, an den Extremitäten Häm»r- 
rliagien-, ebenso auch zwischen der Musculatur und in dieser selbst. Die 
Knorpelknochenfugen an den Rippen und den Extremitäten zeigen deut¬ 
liche Osteochondritis. 

Die Mutter, W. E., 28 Jahre alt, bietet folgende Erscheinungen: 

Papulae luxuriantes dyplitheriticae ad labia omnia; sclcradenitis ingui¬ 
nal» et universalis. Die Wöchnerin gibt an, im zweiten Monate der Gravi¬ 
dität den Ausschlag bemerkt zu haben. 

Erste Entbindung vor einem Jahre; das Kind lebt. Zweite Entbindung 
am 24. September 1883, Knabe 1600 Gramm schwer, 7. Lunarmonat, hat 
last 24 Stunden gelebt. 

Mikroskopischer Befund. 

Haut: Perivasculäre Entzündung und Hämorrhagie um die 
grösseren Gefässe im subcutanen Fettgewebe. 

Lunge: Infiltration und stärkere, mitunter erst beginnende Hä- 
morrhagie in di« Alveolen einzelner Läppchen. Auch starke Infiltra¬ 
tion ohne Blutung. Hochgradige venöse Hyperämie der grossen Stamm¬ 
blutungen um schwielig verdickte Gefässe. 

Herz: Frisch untersucht. (S. oben Sectionsprotokoll.) 

Leber: Die Portalgefässe umgibt eine bindegewebige Schwiele, 
die angrenzend an das Leberparenchym noch aus jung wucherndem 
Bindegewebe besteht und als solches die kleineren Aesto in die Leber¬ 
substanz begleitet. Da und dort in der Nähe der Schwiele ist eine 
Blutung im Parenchym, eine die makroskopsich angegebene gelbliche 
Verfärbung darstellend. Die nicht entarteten Leber-Zellen enthalten 
körniges, dunkles Pigment. 

Vena umbilicalis in der Leberfurche zeigt Blutung aus den 
Gefässen in den Aussenschichten. 

Milz: Kleinzellige Wucherung im Parenchym, Hyperämie, Kapsel- 
verdickung. 

Magen, Pylorus-Antheil: Venöse Hyperämie und Erweiterung 


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der Capillaren der Schleimhaut, nämlich in der Höhe der Falten 
desselben. 

Magen, grosse Curvatur: Normale Gefässverhältnisse, die Ar¬ 
terien stärker contrahirt, die Venen führen Blut. 


Sectionsprotokoll 13/CXX. 7. November 1883. 

Sec. Dr. Mracek. 

Das erste der Zwillinge lebend in der Hinterbanptlage, zweite Stellung, 
zur Welt gebracht, 1080 Gramm schwer, 31 Ctm. lang, ist eine Stunde 
nach der Geburt gestorben. Die Haut zart, hie und da scharf umschrieben, 
beginnende Infiltration (Pemphigus). 

Unter der Kopfschwarte stärker hämorrhagisch suffundirt. Im Unter¬ 
hautzellgewebe, am Halse, besonders am Nacken grössere Hämorrhagica, 
kleinere solche im Zellgewebe um die Leistendrüsen. 

Das Gehirn anämisch. Die beiden Seitenventrikcl von Blutgerinnseln 
ausgefüllt. Links von der Medulla oblongata bis über das Halsmark, zwi¬ 
schen der Arachnoidea und Dura eine bedeutende Hämorrhagie. Thymus 
normal. In der Adventitia der Carotiden Ecchymosen. Beide Lungen an 
den vorderen Bändern luftbältig, hinten atelectatisch, von kleineren, peri- 
bronchialen Infiltrationsherden durchsetzt und mit subpleuralen-Ecchymosen 
bezeichnet. Herz normal gebildet, blass. Der Bauch aufgetrieben. Im Ab¬ 
domen 2—3 Dg- Ascites-Flüssigkeit. Um die Milz und deren Kapstd be¬ 
deutende Fibringerinnsel. 

Die Leber (9 Ctm. von rechts nach links, 7 Ctm. von vorne nach 
hinten) hoch gekuppelt, füllt den ganzen Oberbauchraum aus. Am Durch¬ 
schnitte braun, von zahlreichen, grauweissen, nicht scharf abgegrenzten 
Herden von Linsen- bis Erbsengrösse durchsetzt, sehr hart. 

Die Milz dunkelbraun, 6 Ctm. lang, dicht. Die Mesenterialdrüser 
nicht erheblich gross. Der Darm normal. Im Ileum und Dickdarm zähe» 
Meconiuro. Die Leistendrüsen braunroth, um dieselben das lockere Zell¬ 
gewebe von Hämorrhagien durchsetzt. An den Extremitätsknochen deutlich 
der erste Grad der Wegnerischen Degeneration nachweisbar. 

Das zweite Kind, weiblichen Geschlechts, hochgradig macerirt. 
760 Gramm schwer, 27 Ctm. lang. 

Die Mutter, T. Z., 19 Jahre alt, das erste Mal schwanger, zeigt 
deutliche Reste von Syphilis, als: Elevirte, vernarbte Papeln an den grossen 
Schamlippen, besonders rechts und an den Nates; beiderseitige Leisten¬ 
drüsenschwellung, auffallender links. Dieselbe wohlwissend und über ihren 
Zustand unterrichtet, machte flissentlich keine Angaben über das Entstehen 
und die Dauer ihrer Erkrankung. 


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Syphilis baemorrhagica neonatorum. 


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Mikroskopischer Befand. 

Haut von der Leistengegend: Gofässwandverdickung durch 
Zellenwucherung derselben im Unterhaut-Fettgewebe and Blatang in 
dessen Umgebung. Intermascaläre Hämorrhagie aas Capillargefässen 
an einem anderen Präparate. Ebenso die Lyrophdrüsenkapsel und die 
Drüsensubatanz selbst von Hämorrhagie durchsetzt. Venöse Stauung. 

Carotis, untere Halsgegend: Starke Hyperämie, Adventitia- 
Verdickung der kleineren, von der Carotis abzweigenden Arterien. 
Mittlere Halsgegend: Zwei Centimeter höher gelegene Schnitte zeigen 
Blutung aus den hyperämischen Vasa vasorum in die Adventitia- 
Schichte der Carotis. 

Lunge: Infiltration mit Betheiligung der Gefässe; venöse Stauung 
und Blutung in das Parenchym (in das lockere, interstitielle Gewebe 
desselben). 

Leber: Bindegewebszunahme um die Portaläste, vorwiegend um 
die Gallengänge, Hyperämie der kleinen Gefässe. Um die Pfortader, 
Blutungen in das Leberparenchym. 

Sectionsprotokoll 14/CXLI, 24. Mai 1884. 

Sec. Dr. Mracek. 

Kind, weiblichen Geschlechtes, 2650 Gramm schwer, 47 Ctm. laug, 
drei Stunden post partum gestorben, gut entwickelt und genährt, mit einem 
beträchtlichen Panniculus adiposus. Das Gesicht gedunsen, ödematös, mit 
Ecchymosen derart besät, dass es fast einen Stich ins Blaugraue darbietet. 
Die übiige Hautfarbe icterisch, auffallend blass. Die Extremitäten mässig 
Ödematös. Der Unterleib aufgetrieben, hart. Die Nabelschnur regelrecht 
unterbunden, sonst normal. Im Ligamentum hepatoumbilicale wenig flüssiges 
Blut. Die weichen Schädeldecken blutig suffundirt. In dem subcutanen Zell¬ 
gewebe der Lider, der Stirnhaut, des Gesichtes zahlreiche, kleinere linscn- 
grosse und auch grossere Blutaustritte; ebensolche zwischen den Muskeln 
der Oberschenkel, daselbst etwas dichter stehend. Grössere Hämorrhagien 
befinden sich im subcutanen Zellgewebe fast des ganzen Rückens. Die Ge¬ 
hirnhäute leicht blutig suffundirt Das Gehirn anämisch. Die TbymuB nor¬ 
mal. In der Carotis auffallende Ecchymosen. 

Die Lungen zum Tbeil lufthältig, mit zahlreichen Ecchymosen in 
der Pleura. 

Das Herz normal gebaut, in seinem Fleische blass, leicht zerreisslich 
Die grossen Gefässe, namentlich die Wurzel der Aorta in der Advcntitia 
von zahlreichen Ecchymosen gesprenkelt. 

Die Leber gross, dicht, füllt den grossen Raum im Epigastrium aus, 

Virrteljahmschrifl f. Dermatol, u. Syph. 1886. 10 

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so dass die grosse Milz unter den linken Lappen zu liegen kam, und zwi¬ 
schen beiden der Magen sich vorfand. Im Durchschnitt ist das Leberparen- 
chym serpentingrün, von Zügen der die Portaläste begleitenden Bindege¬ 
webswucherungen durchsetzt. 

Die Milz, 80 Gramm schwer (10 Ctm. im Längendurchmesser), ange¬ 
wachsen, von rothbrauner Farbe, plump, die Pulpa kaum ausstreifbar. Pun- 
creas dichter, nicht erheblich gross, die Drüsenläppchen deutlich kenntlich. 
Im Magen weisser, zäher Schleim. Der Dünndarm stellenweise stark injieirt. 
von zähem fest anhaftenden Mcconium erfüllt. Die Mesenterialdrüsen grösser 
bis erbsengross. Die Knochenknorpelgrenze ist durch eine weissc Linie, 
welche nicht besonders zackig verläuft, markirt. Die Knochensubstanz da¬ 
runter spröde, hart, bröckelig. Die Knorpeln massig injieirt, nicht erweicht. 

Die Mutter, S. K.. bot zur Zeit der Entbindung deutliche Reste 
der Syphilis, an welcher sie vor drei his vier Jahren auf der syphilitischen 
Abtheilung durch vier Wochen behandelt wurde. Die vorhandenen Erschei¬ 
nungen sind folgende: Cicatrices circulares, albicuntcs in facie externa labii 
majoris sinistri pusterioris; scleradenitis inguinalis bilateralis durissiina 
eininens. Erste Entbindung vor acht Jahren, das Kind lebt. Zweite Ent¬ 
bindung vor sechs Jahren, Kind gestorben. Beide Kinder in der Ehe ge¬ 
zeugt. Dritte Entbindung als Witwe 22 Mai. Kind reif, gestorben nach 
drei Stunden. 


Mikroskopischer Befand. 

Stirn haut und Augenlid zeigen stärkere Blutaustritte ohne 
typisch in den Präparaten getroffene Gefässerkrankung. 

Carotis: In den äusseren Schichten der Adventitia-Gefässe 
strotzend von Blut, welches da und dort extravasirt ist. 

Cruralis: Hyperämische Gefässe in der Adventitia, eine klei¬ 
nere Arterie im Zellgewebe neben dem grossen Gefässe zeigt sich 
thrombosirt. Blutungen in das lockere Zellgewebe um die grossen 
Gefässe. 

Aorta: Wurzeln der vom Herzen abzweigenden grossen Gefässe. 
Die Vasa vasorum prall mit Blut gefüllt. An den äussersten Schichten 
der Adventitia Blutaustritte. 

Herz: Die Coronar-Gefässe, auch die venösen Zweige zeigen 
Wandverdickung. Hyperämie und Blutung im Myocard. 

Lunge: Schwielige Pleura-Verdickung, desgleichen in den inter- 
lobulären Septis, Blutungen in den Schwielen. 

Leber: Bindegewebszunahme in den Portalgefässen, ähnliches 
Verhalten wie bei Fall XIII. 


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Syphilis haemorrbagica neonatorum. 


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Milz: Kapseln • Verdickung, schwielige Wncliorung um die 
Gefässe. 

Ilcnm: Kleinzellige Infiltrationen in der Subinncosa, nament¬ 
lich am die daselbst byperämischen Gefässe. 

Sectionsprotokoll 15/CIL. 27. Jänner 188b. 

Sec. Prof. Kund rat. 

Der Körper 1950 Gramm schwer, 45 Ctm. lang, leicht ödematös. Die 
Haut gespannt, blass, durchscheinend, zart, mit in Gruppen stehenden punkt¬ 
förmigen Blutaustritten am Abdomen und mit grösstentheils geplatzten bis 
erbsengrossen Pemphigusblasen an Händen und Füssen bezeichnet. Der 
Schädel von viereckiger Form, tief eingezogener Nasenwurzel. Die Schädel- 
scliwarte blutig, serös, sulzig, infiltrirt, von zahlreichen, grossen Häinorrlia- 
gien durchsetzt. Das Pericrauium fester haftend, anscheinend dicker. Die 
Scbädelknochen dick, dicht, im rechten Scheitelbeine besonders dick, (fast 
2 Mm.) gelblich gefärbt, spröde. Das Gehirn, seine Häute sehr blutreich, 
letztere ödematös infiltrirt. Das Zellgewebe am Halse bis auf die Wirbel¬ 
säule sulzig, serös, infiltrirt, wie die Muskeln dicht, von ausgebreit* ten 
Hämorrhagien durchsetzt. Die Schleimhaut der Mund- und ßachenhöhlc 
ejanotisch verfärbt, letztere im Uebergange in die Luft- und Speiseröhre 
dunkelrotb, aufgelockert, körnig, griesig, gewulstet. 

Die Luftwege frei. Die Thymusdrüse von normaler Grösse, von zahl¬ 
reichen bis hanfkomgrossen Abscessen durchsetzt, dichter. Die Lungen gross, 
starr, nur an den Bändern und gegen die Spitzen und selbst da nur ober¬ 
flächlich luftbältig, sonst blassröthlich, infiltrirt, oft wie fein gekörnt, an 
einer über erbsengrossen, nicht scharf abgegrenzten Stelle am linken Unter- 
lappeD speckig, weiss, über beiden Aussenflächen von den Kippen flach ge¬ 
furcht. In den Bronchien eitrige Flüssigkeit. 

Herz dilatirt, strotzend, mit dunklem, dickflüssigem und halbgeronnc- 
nem Blute erfüllt. Das Herzfleisch blass, in Herden, von denen der grösste 
über linsengross, an der vorderen Wand des linken Ventrikels; Aussenfläche 
protuberirt, speckig, weiss, infiltrirt. 

Die Leber gross, plntnp, blass, dicht, von andeutlich abgegrenzten, 
sehr kleinen, weisslicheu Flecken gesprenkelt. Die grossen Portalgefäs»e 
von schwartig sulzigem Bindegewebe umschlossen. Der linke Ast der Pfort¬ 
ader zu einem weissen, starren Strange umgewandelt. 

Die Milz auf das Dreifache vergrössert, dicht, blutreich. 

Mageu und Darmkanal massig ausgedehnt, starrwandig. Das Bauch¬ 
fell über denselben etwas injicirt. 

Im Magen and oberen Theil des Duodenums schleimige, eitrige Masse. 
Im unteren Theile des Dünndarms und Dickdarms von einer dünnen, grauen 
Schichte umhüllte, zähe Meconiummassen. 

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Bas Pancreas gross, plump, starr, weiss, dicht, keine Spur von Kör¬ 
nung zeigend. 

Die Nieren in der Rinde stark erbleicht und gelockert. Die feinen 
Venen an der hinteren Bauchwand und im Gekröse der Schlingen, sowie 
im Becken stark erweitert. 

Sexualorgane normal. 

Die Röhrenknochen an den Epiphysen mit einer bei 3 Mm. im Fe¬ 
mur breiten, spröden, kernigen, gelben Schichte ausgestattet; ebenso Osteu- 
chundritis der Rippenenden. 

Die Mutter, B. M., circa 28 Jahre alt, Köchin, ledig, zeigte keine 
Horiden Erscheinungen der Syphilis und gab an, dass sic schon zur Zeit 
der Conception und während der ersten Hälfte der Schwangerschaft an ner¬ 
vösen Störungen, und zwar Schmerzhaftigkeit der Brustwirbelsäule und in 
der Schulter und Contractur der zwei mittleren Finger der rechten Hand 
gelitten habe. Auf Einnahme einer Medicin (Jodkali), Einreibungen einer 
grau in Salbe und Elektrisiren ist die Erkrankung seit einigen Wochen ge¬ 
schwunden. Ferner gibt B. an, im Jahre 1880 eine rheuroathoide Erkran¬ 
kung nebst einem Ausschlage durchgemacht zu haben, Ober welche nähere 
Angaben fehlen. 

Erste Entbindung 1877; Kind reif, ein Jahr gelebt. Zweite Entbin¬ 
dung 1880, todtgeborene Frucht; sieben Monate. Dritte Entbindung am 
23. Jänner. Hinterhauptlage, erste Stellung; Kind lebensschwach, nach einigen 
Athemzögen todt. Alle drei Kinder angeblich von einem Manne. Aus dem 
AngefOhrten geht mit der allergrössten Wahrscheinlichkeit hervor, dass B. 
im Jahre 1880 die Syphilis acquirirtc und gleich darauf abortirt bat. Sie 
machte die Erkrankung bis zum Jahre 1884 durch, ohne etwas dagegen 
gethan zu haben, bis sie die nervösen Erscheinungen dazu gezwungen haben, 
die einer antiluetischen Therapie gewichen sind. 

Mikroskopischer Befand. 

Haat der Planta: Hochgradige Infiltration der Catis mit 
sabepidermoidalen Hämorrhagien and Kernwacherang an den Wandun¬ 
gen der Gefässe, Stauung in vielen venösen Gefässen. Blatang im 
intermuscnlären Zellgewebe mit stellenweiser Kernvermehrang. 

Haut aus der Ingainalgegend: Blatang im lockeren Zell¬ 
gewebe am die grossen Gefässe and Drüsen, Kernvermehrang in 
einzelnen Gefässen mit einem recenten Thrombus in dem kleinen ve¬ 
nösen Gefässe. 

Haut vom Oberschenkel mit Muskeln: Kernvermehrung 
in der Adventitia mittlerer Gefässe, Blutungen nm diese oder in deren 
Nachbarschaft in das Zellgewebe. 


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Syphilis haemnrrhagka neonatorum. 


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Zellgewebe, Gefässdurchschnitte etc. in der Höhe des Kehlkopfes: 

Blntnng in der Adventitia der Carotis, contrahirte, aber auch 
angewucherte Gefässe in den Mnskeln, Kemvermehrung und Wand- 
wDchernng. Blntnng ans einzelnen intermusculären Gefässen. 

Znnge: Hochgradige Hyperämie nnd Blntnng in der Mus- 
cnlatnr. 

Lnnge : Unterlappen fast gleichmässig infiltrirt, nnr da nnd 
dort von blutführenden, selbst dickwandigen Gefässen durchzogen, in 
deren Wandung es zur Blntnng kam. — Am vorderen Rande der 
Lnnge derselbe Befnnd. 

Thymus: Das interlobnläre Bindegewebe vermehrt, die Gefässe 
darin hyperämiscb, einzelne Läppchen infiltrirt, noch von erweiterten 
Oefässen dnrchzogen, andere dagegen bereits anämisch nnd im Zerfall 
begriffen. In den abgängigen Partien finden sich schon Abscesshöhlen vor. 

Herz: Schwielige Verdickung des Pericardinms, namentlich nm 
die Gefässe, intermnscnläre Hämorrhagie etc. 

Leber: Eine die Gewebe destrnirende Bindegewebswnchernng 
hüllt die Portaläste ein. Selbst die Lebervenenäste im Parenchym 
sind in eine kleinzellige Wucherung nmgewandelt. Da nnd dort, 
in der Nähe der Vena hepatica Blutungen ins Parenchym, ebenso 
Blntanstritte in nnd nm die an den Portalgefässen befindlichen 
Schwielen. — Die Leberzellen sind in starker Proliferation. 

Milz: Das Rete ist in eine dicke Schwiele nmgewandelt, welche 
das blutreiche Parenchym durchzieht. — Blutungen nm die Milzgefässe 
im Eintritte. 

Pancreas: Hochgradige schwielige Entartung des Organes, dessen 
Kopf mit dem angrenzenden Dünndarm durch neugebildetes Binde¬ 
gewebe in der Kapsel verwachsen ist. Die Gefässverhältnisse sind hoch¬ 
gradig alterirt, nur die grösseren sind noch erhalten, sonst durch¬ 
ziehen die Schwielen lacunenartig erweiterte neugebildete Capillaren. 

Magen: Kleinzellige Infiltrationen der Zottenbasis in der Sub- 
mucosa, fast gleichmässig, sonst aber längs der Gefässe in allen 
Schichten Verdickungen der Serosa. Hyperämien in einzelnen Zotten 
und Blntanstritte aus den erweiterten Capillaren im Pylorns-Antheil. 
— Massige, bindegewebige Verdickung der Adventitia grösserer 
Gefässe. 

Ileum: Kleinzellig gleichmässiges Infiltrat in der Submncosa, 
besonders stark um die Gefässe hervortretend, letztere auch in den 


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Aussenschichten sichtbar, Hyperämie grösserer Gefässe im Me¬ 
senterium. 

Dickdarm: Aehnliches Verhalten wie im Dünndarm. 

Niere: Interstitielles Infiltrat mit Wandverdickung der Gefässe 
an der Pyramidengrenze, daselbst meist ansgebreitete Blutungen in 
das Parenchym. 

Sectionsprotokoll 16/CLL 9. Mai 188». 

Sec. Dr. Zemann. 

Kind männlichen Geschlechtes. Frühgeburt, 2600 Gramm schwer, 
46 Ctm. lang, asphyktisch mit Pemphigusbhisen behaftet geboren, hat einige 
Minuten gelebt. Der Körper schwächlich, die Angenlider ödematös. Auf der 
Haut des Stammes und da besonders auf der des Rückens und der Inguinal¬ 
gegenden zahlreiche, an letzterer Stelle dichtgedrängte, bläulichrothe, bis 
hanfkorngrosse Ecchymosen-, sehr spärliche sind an den Oberarmen und 
Oberschenkeln. 

Beim Abheben der Kopfschwarte erscheinen zahlreiche, meist milliare 
Blutungen im Pericranium. Das Schädeldach dem Alter des Kindes ent¬ 
sprechend, mit der harten Hirnhaut innig verwachsen. Dieses, sowie die 
weichen Hirnhäute blutreich. Das Gehirn massig mit Blut versehen. Im 
Larynx und Pharynx etwas Schleim. Die Schleimhaut blass, mit sehr zahl¬ 
reichen, meist stecknadelspitz- bis stecknadelkopfgrossen Ecchymosen ver¬ 
sehen. Die grösseren finden sich an den Tonsillen und ihrer Umgebung. Sehr 
kleine Ecchymosen auch auf der Schleimhaut des Mundes. 

Schild- und Thymusdrüse von gewöhnlicher Grösse, blass. Im Zell¬ 
gewebe um dieselben einzelne Ecchymosen. Solche auch sehr zahlreich und 
bis über hanfkorngross in der Adventitia der grossen Halsgefässe. besonders 
der Venen. 

Die Lungen frei, in den hinteren Partien wenig lufthältig, blutreich; 
in den vorderen blass, gedunsen. Auf der Pleura beiderseits unregelmässig 
verbreitet einzelne bis balblinsengros.se Blutaustritte. 

Im Herzbeutel einige Tropfen klaren Serums. Das Herz contrahirt. 
Auf dem Pericardium viscerale nur vereinzelnt sehr kleine Ecchymosen 
diese insbesonders an der Wurzel der Gefässe. Der Klappenapparat normal. 
Das Herzfleisch blass. 

Die Leber etwas grösser, blassbraun, dicht. An der Glisson'schen 
Kapsel zahlreiche, kleinste, submilliare Knötchen. In der Adventitia des 
Stammes und der grösseren Aeste der Pfortader ausgebreitetc Blutanstritte. 

Milz von gewöhnlicher Grösse, mässig mit Blut versehen. 

Nieren stellenweise sehr blass, an anderen Stellen fleckig geröthet 
und zwar dieses vorzugsweise die Corticalis betreffend. 


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Magen- und Darmschleimliant blass. Auf erst er er finden sieb sehr 
zahlreiche, kaum stecknadelspitzgrosse Ecchymosen. 

Harnblase contrahirt. 

Bei weiterer Untersuchung fanden sich sehr zahlreiche und ziemlich 
grosse Blutungen im Zellgewebe der Augenhöhlen und der Augenmuskeln, 
in der Adventitia. der Bauchaorta und ihrer Zweige, sowie der Vena oava 
inferior, im intormusculären Zellgewebe der Extremitäten, im Periost der 
meisten Knochen. 

An der Diaphysenfuge des Femur und der Tibia eine gelbliche, un¬ 
regelmässig zackige, morsche Zone. 

Die Mutter, G. A„ zeigt Narben am vorderen Rande der grösseren, 
rechten Schamlippe; Leistendrüsenschwellung beiderseits. Sie gibt an. zur 
Zeit der ersten Entbindung daselbst wund gewesen zu sein. Erste Entbin¬ 
dung 1882, 6. Jänner, Mädchen, 2400 Gramm schwer, 46 Ctm. lang, lebt. 
Zweite Entbindung 8. Mai 1885, ebenfalls Frühgeburt, neunter Lunarmonat, 
asphyktischer Knabe, gestorben nach einigen Minuten, zeigte bei der Geburt 
schon Pemphigusblasen. 

Mikroskopischer Befund. 

Haut: Massige adventitielle Bindegewebsvermehrung. Blutung um 
die Gefässe der Bauchwand. — Kleinzelliges Infiltrat in der Papillar- 
schichte der Planta. 

Carotis; Hyperämie und Blutung in nnd aus den Vasa vasor. 

Arter. iliaca: Aehnliche Verhältnisse wie bei der Carotis. 

Lunge, unterer Rand: Beginnende Infiltration im Parenchym; 

mittlerer Lappen und Spitze ergaben denselben Befund 
überall bis in den Alveolen, znm grössten Theil schmutziges Exsudat und 
mit Blutkörperchen untermischter Inhalt. — In einzelnen nur Blut, — 
zum geringen Tlieile sind sie frei. 

Herz: Pralle Füllung der Capillaren mit Blutaustritten in das 
Myocard. Bindegewebige Verdickung des Pericardium. 

Thymus: Hyperämie der Gefässe mit kleinen Ecchymosirungen 
in das Zellgewebe um dieselbe.' — Blutaustritte zwischen die Läpp¬ 
chen, die Substanz selbst normal. 

Leber: Mässige Schwielen um die Portaläste mit Ecchymosen 
aus erweiterten Capillaren. Längs der kleinsten Aeste kernreicheres 
Bindegewebe; Lebersubstanz stärker hyperämisch, stellenweise von Hä- 
morrhagien durchsetzt. 

Milz: Hyperämie in der Adventitia nnd dem perivasculären 
Bindegewebe der Arteria lienalis mit Ecchymosen. 


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Magen: Starke Hyperämie, massige Blutung aus den Capillaren 
der Zotten. 

Niere: Stellenweise hyperäinisch und ecchymosirt. 

Sectionsprotokoll 17/CLIÜ. 10. November 1885. 

Sec. Dr. Mracek. 

Kind männlichen Geschlechtes, 2950 Gramm schwer, 47 Ctm. lang, 
mit gutem Panniculus adiposus, asphyktisch geboren. Im Gesichte livid, am 
übrigen Körper blass. Die Haut im Gesichte, namentlich an der Stirne und 
um die Ohren, an den Extremitäten und sonst auch hie und da am Stamme 
mit flachen, und nur an der Stirne deutliche Infiltration zeigenden Papeln 
besät, deren Epidermis bereits weiss macerirt lose der Oberfläche anhaftet. 
Ausserdem zeigt die Haut des ganzen Körpers, namentlich aber jene am 
Kopfe, im Gesichte, am Halse, Brust, Abdomen und den Beugeseiten der 
Extremitäten unabhängig von den erwähnten Papeln, zum Theile auch diese 
betreffend zahllose Ecchymosen. Das Gesicht leicht gedunsen. Das Ab¬ 
domen stark aufgetrieben und gespannt, die Haut leicht ödematös. Das 
Scrotum hühnereigross, ödematös, livid durchschimmernd. Die Haut der Füsse 
ebenfalls ödematös. 

Die weichen Schädeldecken, namentlich hart am Schädeldache von 
zahllosen kleineren und grösseren Blntaustritten durchsetzt. Das Gehirn 
stark blutreich und ödematös. In den erweiterten Ventrikeln klares Serum. 

Im Zellgewebe, am Halse und in der Adventitia der Carotiden, 
sowie in der Kapsel der Schilddrüse grössere und kleinere Hämorrliagien. 
Thymus blass, sonst normal. 

Das subcutane Zellgewebe und die Muskeln am Thorax zeigen 
stärkere Hämorrhagien als am übrigen Körper. (Belebungsversuche dürften 
auch da Einiges beigetragen haben.) 

Beide Lungen blass, in punkt- und linienförmigen Zeichnungen luft- 
hältig, durch mechanisches Einblasen bei den Belebungsversuchen. Das 
übrige Parenchym atelectatisch an einzelnen Stellen infiltrirt und hepatisirt. 

Das Herz von normaler Grösse, an den grossen Gefässen und am 
Pericardium in der Nähe det Arteria coronaria Ecchymosen. Das Herzfleisch 
gut contrahirt, sehr blass. In seinen Höhlen (rechtem Vorhof) geronne¬ 
nes Blut. 

Die Nabelschnur frisch, regelrecht unterbunden; ihre Gefässe leer. 
In der Bauchhöhle bei 150 Gramm geronnenen Blutes um die Milz und 
über den Gedärmen angehäuft. 

Die Leber (285 Gramm schwer, 12 Ctm. von rechts nach links, 8 Ctm. 
von vorne nach hinten) fühlt sich fast derb an. Ihr Parenchym lichtbraun, 
dicht, im Durchschnitte glänzend, von gleichmässiger Structur. Die Portal- 


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Syphilis haemorrhagira neonatorum. 


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gefösse hochgradig verdickt, schwielig, hie and da mit Ecchymosen besetzt. 
In der Gallenblase vollkommen klare, schleimige Flüssigkeit. 

Die Milz (50 Gramm schwer, 8 Ctm. lang, 5 Ctm. breit) dunkelbraun, 
ziemlich frei beweglich. Ihre Kapsel am oberen Pol über einen Mm. ver¬ 
dickt; in derselben nahe am Mesenteriumansatz ein 1 Ctm. langer Einriss, 
ans dem, sowie aus dem angerissenen Mesenterium die Blutung bei den 
schaukelnden Belebungsversuchen entstand (durch die Schwere der erkrankten 
Milz, [anäm. necrot. Herd und Einriss in denselben] veranlasst). Das Paren¬ 
chym sehr blutreich, weicher als gewöhnlich. 

Die Gedärme insgesammt sehr blass. Das Jejunum und Ileum an 
zahlreichen Stellen in den Peritonealüberzug injicirt. Diese Stellen entspre¬ 
chen einer stärkeren Infiltration in der Darmwand an Stelle der Peyer’schen 
Plaques. Am Darmlumen sind sie beim Abstreifen des fest anhaftenden 
Meconiums leicht vorragend reticulirt mit grubigen Vertiefungen. 

Beide Samenstränge in Blutcoagula gehüllt. Beim Einschneiden beider¬ 
seits das Zellgewebe des Hodensackes und die Hüllen bis zur Scheidenhaut 
des Hodens stark ödematös; die letztere von Hämorrhagien besetzt. An der 
linken Seite liegt ein mächtiges Coagulum um dieselbe. 

Die Epiphysengrenzen deutlich durch eine 1 Mm. dicke, weissliche, 
isckige Linie bezeichnet; ebenso die Knorpelgrenze an den Rippen. 

Die Mutter, 27 Jahre alt, Magd, zeigte deutliche circumscripte aus 
Papeln hervorgegangene Narben mit Pigmentatrophie und Fehlen der Haare 
an den grogsen Schamlippen, ferner eine vielfache Leistendrüsenschwellung 
and eine leicht« receute Psoriasis der Zunge. Erste Entbindung vor fünf 
Jahren, Kind reif, lebt. Zweite Entbindung 9. November, Kind aspbyktisch 
geboren, gestorben unter Belebungsversuchen. 

Mik roskopischer Befund. 

Kopfhaut: Blutungen aus grösseren subcutanen Gefässen, 
die mässig an den Wandungen infiltrirt sind. 

Stirnhaut: Infiltration des Stratum subpapillare, an der die Ver¬ 
zweigungen der Gefässe auch theilnehmen. Blutungen aus den Gefässen 
des Textus cellulosus an den Grenzen der Muskel. 

Haut von der Inguinalfalte: Subcutane Hämorrhagie, Ver¬ 
dickung und kleinzellige Infiltration in den venösen Zweigen. 

Wadenhaut: Mit tiefer liegenden Gefässen. — Thrombus in 
einer Arterie mit Erkrankung der Wandung und Blutungen in dieselbe. 

Carotis: Blutungen aus den stellenweisen erkrankten Gefässchen, 
im Zellgewebe um die Carotis, Zweige derselben stärker adventitiell 
verdickt. (S. Taf. V, Fig. 4.) 

Lunge: Infiltration des Parenchyms; an den Schnitten im unteren 


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Lappen weisse Pneumonie, Gefässe mit erkrankt. — Subpleurale Ec 
rhymosen, bis in das Parenchym reichend. 

Horz: Thrombose einzelner kleiner Gefässe im Myo- und Peri- 
card, Blutung. 

Leber: Leberzellen enthalten kernig dunkles Pigment, Schwirl* 
um die Portalaste mit Blutungen in diese und das Leberparenchym. 

Milz: Anämisch nekrotischer Herd, am Rande aus syphilitischer 
hochgradigen, kleinzelligen Infiltrationen der Gefasst mit Lumen 
verschliessung. — Hämorrbagie an der Peripherie der Infiltration im 
Parenchym und in der Kapsel. (Risse in den nekrotischen Herd.) 

Dünndarm: Follikel und Plaques in kleinzelligen Wucherungen, 
die auf das submucöse Bindegewebe übergreifen. Betheiligung der 
Gefässe an der Infiltration. — Capillaren an der Peripherie by 
perämisch. 

Samenstrang: Blutung in das Zellgewebe um die Gefässe nnd 
kleinen Aeste. 

Hode: Blutung in die Tuniea vaginalis und die Hodensubstanz 
— Kleinere venöse Gefässe in der Wand körnig, eine desselben durch 
einen Thrombus verschlossen. 

Sectionsprotokoll 18/CLV. 27. November 1885. 

Sec. Dr. Mracek. 

Kind männlichen Geschlechtes, 2500 Gramm schwer, 47 Ctm. lang 
mit gutem Panniculus adiposus. Im Gesichte livid, gedunsen, am K'.rpti 
blass, am Rücken und den unteren Extremitäten leicht livid gefärbt. Pb 
Haut in den Leistenbeugen und an den Schenkeln, namentlich aber an beiden 
Fusssohlen mit kleinsten, stecknndelspitzgrosseu Blutaustritten bezeichnet. Pie 
weichen Schädeldecken im Pericranium von zahlreichen, namentlich an der 
linken Seite und am Hinterkopfe grösser ansgebreiteten und confluirend-n 
Hämorrhagien durchsetzt. 

Die harte Hirnhaut im Sichelfortsatze, ferner dem ganzen Hinter¬ 
haupte entsprechend mit Hämorrhagien durchsetzt, an letzterer Stell'' 
zwischen dem Knochen und der Dura lag eine mehrere Gramm betragend' 
Menge geronnenen Blutes. Die zarten Hirnhäute stark mit geschlän¬ 
gelten Gefässen versehen, hochgradig hyperämisch und blutig imbibirt 
Zwischen diesen und dem kleinen Hirn, ferner um die Medulla oblongat» 
und die Vierhügel befindet sich eine ausgebreitete, in die Gehirnmasr 
greifende Hämorrhagie. Das Gehirn selbst feucht, weich, blutleer-, in beid<» 
Seiten entrikeln ist ebenfalls eine leichte im dritten und vierten eine be¬ 
deutende Blutungi Die Carotiden zart; die Schilddrüse normal, ebenso <li> 


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Svpbilis haemorrhafrica neonatorum. 


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Thymus; letztere mit weniger leichten Blutaustritten in der Kapsel be¬ 
zeichnet, sonst anämisch. 

Beide Lungen an wenigen Stellen der vorderen Antheile lufthfiltig; 
ler grössere Theil aber namentlich nach hinten ateleclatisch und hepatisirt. 
An der Peripherie der Hinterlappen einige bis in das Parenchym reichende 
subplenrale Blutungen von Linsengrösse. Das Herz contrahirt, in seinem 
Fleische erbleicht, leicht zerreisslich, sonst aber, wie auch die grossen Gefnsse 
normal gebildet. 

Der Bauch aufgetrieben, mit einer eingetrockneten Nabelschnur in 
seiner Mitte; fühlt sich in dem oberen Antheile fast bis zur Insertion des 
Nabels hart an. Der Unterleib von Gasen ausgedehnt. Das Peritoneum nur 
massig injicirt. 

Die Leber 12 Ctm. von rechts nach links, 8 Ctm. von vorne nach hinten 
messend füllte den ganzen oberen Bauchraum vollständig ans. Ihre Ober¬ 
fläche war an kleineren und grösseren, unregelmässigen Feldern der oberen 
und unteren Fläche schmntzigblassgrünlich verfärbt; die übrige Leber gelb¬ 
lichbraun. Die ganze Leber hochgekuppelt, fühlt sich überall derb an. Am 
vorderen Rande nahe der Eintrittsstelle des Ligamentum hepatoumbilicale 
sieht inan an einer solchen grünlich entfärbten Stelle zahlreiche, stecknadel- 
k<.pfgrosse Pünktchen. Im Durchschnitte ist das Parenchym gelblichbrann -, um 
die Verästelung der Pfortader gegen die untere Fläche der Leber zu, ist 
das Parenchym an einer mehrere nCentimeter grossen, unregelmässigen 
Schnittfläche grünlich verfärbt, von Bindegewebsschwielen durchsetzt und 
mit zahllosen, weissen, milliaren Pünktchen in ähnlicher Weise, wie in dem 
erwähnten Rande, besetzt. 

Die Gallenblase enthält eine schleimige, farblose Flüssigkeit. 

Die Milzkapsel von Fibrinauflagerungen eingehüllt. Die Milz selbst 
unterhalb der Leber gelegen, 7'/ 2 Ctm. lang, 5 Ctm. breit, gross dick und 
dicht, ihr Parenchym trocken, dunkelbraun, im Durchschnitte gleichmässig 
glänzend. Das Pancreas normal. 

Dor Magen contrahirt. in seiner Höhle wenig schanmig schleimiger 
Inhalt. Das Jejunum und der obere Theil der Ileuinschlingen anämisch von 
Gasen ausgedehnt eine eitrig-schleimige Flüssigkeit enthaltend, die unteren 
Ileumschlingen an mehreren Stellen, den Peyer'schen Plaques entsprechend, 
injicirt, sonst ziemlich zusammengezogen, wenig gallig gefärbte flüssige 
Fäcalmassen enthaltend. Der Dickdarm nahezu ganz mit fest haftendem, 
wie ein Pfropfen die Höhle ausfüllendem Meconium erfüllt. 

Die Nieren stellenweise in ihrer Rinde erblasst; die Harnblase leer. 
Der Hodensack von Hühnerei-Grösse, ödematös, bläulich durchschimraernd; 
die Decken stark durchtränkt; der Samenstrang ausserhalb der Bauchhöhle 
und die Tunica vaginalis von Hämorrhagien durchsetzt. Die Hoden dunkel- 
roth. Im Unterhautzellgewebe der beiden Leistengegenden, in jenen der 
unteren Extremitäten, besonders aber in der Planta Ecchymosen. 


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Zwischen der Masculatar am Oberschenkel and am Unterschenkel all- 
überall zahllose Blutaustritte. Die Knochenknorpelfugen bei 1 Mm. breite, 
gelblich entfärbte Linien. Das Periost um die obersten Schichten beider 
Ober- und Unterschenkelknochen stark hyper&misch. 

Die Mutter, S. J., 30 Jahre, ist behaftet mit: Pap. exulc. in lab. 
maj. Mac. major papulis intermixtae per totarn cut. dispersae. Scleradenitis 
utiiversalis. Erste Entbindung Kind reif, jetzt 18 Monate alt. Zweite Ent¬ 
bindung 84. November 1885, K. 9 L.-M. in Fusslage erster Stellung geb., 
starb nach weniger als zwei Tagen. — Geburtsdauer 12 Stunden. 

Mikroskopischer Befand. 

Kopfhaut: (Taf. V. Fig. 2.) Alle venösen Gefässe an den 
tiefen Schichten des Pericraninm zeigen verdickte Wandangen durch 
Kernvermehrang in denselben and Blatang in deren Umgebung aus 
Capillaren. — Die arteriellen Gefässe sind normal. 

Ingainalfalte: Blutungen aas kleinen, massig infiltrirten Ge 
fässchen in das trockene Zellgewebe und um die Drüsen. — Ver 
dickung grösserer venöser Gefässe. 

Schenkelhaut mit Muskelschnitten: Blutaustritt im sub- 
cutanen Fettgewebe, starke Hyperämie und stellenweise Kernvermeh¬ 
rung in den Gefässzweigen. 

Carotis: Hyperämie und Blutung im periadventitiellen Zellge¬ 
webe der Carotis. Verdickung der Adventitia kleinerer Arterien. 

Lunge: Weisse Pneumonie, Gelassverengung, Hämorrhagie 
subpleural und interstitiell. 

Leber: Ausgobreitete Obsolescenz im Parenchym; daselbst blut- 
gefässreiches, faseriges Bindegewebe, in welchem Zellen- und Kern¬ 
anhäufungen als makroskopisch sichtbar gewesene weisse Knötchen 
eingestreut sind. Diese Knötchen haben, wie ich mich durch Serien- 
Schnitte überzeugen konnte, die Länge von 2 Mm. und vielleicht einzelne 
darüber. — Die Peripherie dieser obsolescirten Partie, die bei der 
Section grün aussah, zeigte noch Pigment in den Residuen der Leber¬ 
zellen eingeschlossen. Das relativ gut erhaltene Leberparenchym war 
von wucherndem Bindegewebe längs der Gallengänge und der Portal- 
äste durchsetzt. 

Die Nabelvene in der Leberfurche zeigte keine erheblichen 
Veränderungen. 

Vas deferens: Hochgradige Zelleninfiltration der kleinen und 
mittleren Gefässe mit Blutungen aus den Capillaren. 


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Syphilis haemorrhagira neonatorum. 


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Hoden: Aehnliche Verhältnisse der Gefässe, wie im Samenstrang, 
Hyperämie nnd reiche Blntnng im Hoden and Nebenhoden. 

Sectionsprotokoll 19/CLVL 6. Mai 1886. 

Sec. Dr. Mracek. 

Kind männlichen Geschlechtes, frühgeboren (9. L.-M.), schlecht genährt, 
hat IS Stunden gelebt. Körper 45 Ctm. lang, 2300 Gramm schwer. Die 
Haut blassgelb gefärbt, hängt mit Ausnahme der Unterschenkel schlaff und 
faltig vun dem Körper, die kunstgerecht unterbundene Nabelschnur lässt 
keine Veränderung nachweisen. Ihre Arterien enthalten Blut. Am behaarten 
Tbeile des Schädels zwischen und unter die weichen Schädcldeckcn sind 
kleinere und confluirende grössere Blutaustritte erfolgt, meistens den 
venösen Gelassen folgend. An der linken Seite der Brust schimmern 
bläulich längliche, subcutane Blutaustritte durch die Haut durch. Sonst am 
Hake, am Rumpfe und allen Extremitäten unzählige kleinere und grössere 
striemenförmige und in ganzen Platten zusammenhängende Hauthämorrhagien. 
Die Hohlhand weist nur punktförmige, dagegen die Fusssohlen durchwegs 
confluirende livide Blutungen auf. An den Sohlen sind einige Stellen wie 
angedeutete Pemphigusblasen vorhanden gewesen. 

Die Schädelknochen sind hin und wieder mit Blutaustritten bezeichnet, 
welche den Eiutrittstellen der Periost-Gefässe entsprechen. So fanden sich 
solche unter dem Pericranium als auch nach dem Abziehen der Dura an 
der inneren Scbädelfläche vor. 

Die inneren Hirnhäute an der Convexität des GroBshirns sehr feucht, 
blutreich und blutig imbibirt; an den Seiten und der Basis des Gehirns von 
Hämorrhagien durchsetzt. Das Kleinhirn und die Med. oblongt. trennt von 
den Gehirnhäuten eine 4—5 Mm. dicke gleichmässig überall vertheilte 
Blutung. Ebensolche Blutung zum Theil mit der erwähnten im Zusammen¬ 
hänge stehend, fand man um die Sella turcica und längs der grösseren 
Gefässe gegen die Scbläfenfurchen vor. Die arteriellen Gefässe starr weisslich, 
wie durchscheinend, die venösen von Blut strotzend und geschlängelt. Das 
Gehirn blutleer, sehr feucht, fast zerfliessend, seine Ventrikel von locker ge¬ 
ronnenem Blut erfüllt. 

Das Zellgewebe am Halse von zahllosen Hämorrhagien durchsetzt, 
auf der rechten Seite um die jugul. extr. eine grössere Blutung. Die Caro- 
tiden zartwandig, ohne Blutaustritte. 

Die Schilddrüse klein blass, ebenso die Thymus, nur das Zellgewebe 
hie und da von Blutaustritten bezeichnet. 

Der Kehlkopf und die Trachea normal, die Schleimhäute blass, feucht. 

Beide Lungen in den vorderen Antheilen blass, lufthältig, in den 
hinteren unteren hie und da luftleer infiltrirt und blutreich. Unter der Pleura 
cost. und visceralis zahlreiche bis erbsengrosse Blutaustritte. Ebensolche 
finden sich am Durchschnitte im Parenchym selbst vor. 

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158 


M r u c e k. 


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Im Herzbeutel wenig klares Serum. Das Pericard, pariet. et viscerale 
weist viele Blutaustrittc auf. Am Herzen selbst finden sich solche längs 
der Coronargcfässe. Diese letzteren sind hyalin glänzend starrwandig. 
Das Herzfleisch gelblichbraun, leicht zerrcisslich. Das Herz schlecht contrahirt. 
sonst normal gebildet, in seinen Hohlen ein schmutzigweisses, bräunliche 
flüssiges Blut. Die Klappen und die grosseren Gefässe normal. 

Der Bauch leicht aufgetrieben, im Epigastrium tastet man die grössere 
harte Leber durch. 

Das Bauchfell nicht erheblich verändert, blass. Die Leber gross, derb, 
dicht am Durchschnitt fleischfarbig glänzend. Die Portalgefässe von massiger 
Schwiele umgeben. Das Ligmt. hepatoumbilic. mit mehreren Blutaustritten 
in der gelblich blassen Wand bezeichnet. Die Gallenblase enthält weisse 
schleimige Flüssigkeit. Die Milz gross, derb, braun. Das Pancreas dicht, 
klein, sehr blass. 

Der Magen enthält Schleim, mit braunem Blute untermischt. Die 
Schleimhaut von zahllosen Blutaustritten bezeichnet. 

Das Jejunum blass, gashaltig, durch seine Serosa an zahllosen Stellen 
mit Hämorrhagien bezeichnet. Das Ilcum ebenfalls von Hämorrhagien ge¬ 
sprenkelt, enthält ein zähes, dickes Meconium. Beim Abstreifen des Meco- 
niums gehen die lose anhängenden Epithelien ab und sind schon stellen¬ 
weise an mehr injicirten Schleimhautpartien abgängig. 

Der Dickdarm zumeist noch mit Meconium gefüllt, von zahlreichen 
Blutungen in der Wand durchsetzt. 

Am Beckeneingang und im kleinen Becken dasselbe nahezu ausfüllend 
lagert dunkelgeronnenes Blutcoagulum. 

Beide Nieien gross, namentlich die linke. Am Durchschnitt von Blut¬ 
gerinnseln und wenig klarer Flüssigkeit so angefüllt, dass die Cortical- 
Substanz nur noch in Form einer '/, C'tin. betragenden Hülse die (Joaguk 
des Hylus und der Calices umhüllt. Nebennieren normal. 

(Hydronephrose, interstitielle Entzündung, Blutung, Gelässwand- 
erkrankung.) 

Beide Hoden im Hodensack von mächtigen Blutgcrinnseln cingehullt. 
welche längs des Samenstrauges bis in das Becken hinaufreichen. 

Die Musculatur und das Zellgewebe überall von Blutungen durchsetzt. 

Die Rippen und Epiphysengrenzen lassen eine gerade, deutlich weib¬ 
liche Linie erkennen. Das Knochenmark blutig, ebenso stellenweise da- 
Periost von Blutaustritten gesprenkelt. 

Frisches Blut: mikroskopisch untersucht Dr. Paltauf (aus dem 
Heizen). 

Viele weisse Blutkörperchen, ziemlich viel körniges gelbes Pigment 
und rothe Blutkörperchen mit Fortsätzen, und ausserdem rothe kernhaltige 
Blutzellen. 

Die Mutter, 46 Jahre, Magd, gut körperlich, jedoch wenig geistig 
entwickelt. Eine Bluteranlage oder sonstige Cachexie ist nicht vorhanden. 


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Syphilis haemorrhagica neonatorum. 


159 


Sie gibt an, dass sie dreimal von verschiedenen Männern schwanger geworden 
sei and in folgenden Zeiträumen geboren habe: Das erste Mal 1879 ein 
reifes Kind, welches 2'/* Monate lebte, das zweite Mal 1884 eine todtfaulc 
Frucht im achten Monate, und das letzte Mal am 3. Mai 1886 im neunten 
L.-M. Diese Entbindung war eine protrahirte, 30 Stunden. Das Kind kam 
in secundärer Beckenendlage nach gemachter Wendung durch äussere Hand¬ 
griffe auf den Steiss. 

Von einer Syphiliserkrankung ist ihr nichts bekannt, sie gibt jedoch 
zu, öfters an den Genitalien wund gewesen zu sein und sich nur durchs 
Waschen geheilt zu haben. 

Objectiver Befund: Am Bande des rechten grossen Labium sind zwei 
bohnengrosse, elevirte, weissliche haarlose Narben, eine dritte, jedoch grössere, 
flache und stralilige Narbe befindet sich an der Aussenseite der grossen 
linken Schamlippe, und eine viertclguldcnstückgrosse flache an der linken 
Nates gegen den After zu. 

Scleradenitis. inq. bilat. mltiplx. minor durissima. 

Mikroskopischer Befund. 

Gehirn: Die Gefässe der Sylvischen Furche, namentlich die 
arteriellen, zeigen eine Vordickung der Adventitia, welcho einen auf¬ 
fallend hyalinen Glanz ohne wesentliche Structur hat. Aus den Capil- 
laren und kleinen Gefässen der Gehirnhäute Blutaustritt. 

Kopfhaut: zeigt die in Tafel IV abgebildeten Verhältnisse. — 
Nur umgibt die verdickten, venösen Gelasse nicht überall die 
Blutung. 

Haut von der Brust: Haut vom Unterschenkel und mehreren 
anderen durch Blutung bezeichneten Stellen zeigt überall dort, wo 
man venöse Gefässe in den Schnitten bekam, verschiedene Grade der 
Wucherung in den Wandungen und Verschluss des Lumen. — Die 
in der Umgebung dieser Gefässe Vorgefundenen kleineren Zweige, sind 
entweder mitinfiltrirt oder sie sind frei, erweitert und vom Blute 
strotzend erfüllt. Wie Tafel V, Fig. 1 abgebildet, sind blos venöse 
kleinere Stämme krank, von denen einer gerade an einer tbrombosirten 
Stelle vom Schnitte getroffen wurde. Fig. 3, zeigt endlich das Ver- 
hältniss, wie sie sich im intormusculären Zellgewebe aller jener Stellen 
darbieten, wo es zu Blutungen in die Muskeln gekommen ist. 

Carotis: Vasculäre und perivasculäre Wucherung der Vasa 
vasorum mit Blutung in die Adventitia, Kernvermehrung in den Wan¬ 
dungen, so auch im Zellgewebe um die Carotis, daselbst auch Ec- 

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160 


M r a c e It. 


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chymosen. — Die Bauchaorta vor der Theilungsstelle und Iliaca 
zeigen Ecchymosirungen iu der Adventitia. 

Lungen: An mehreren Schnitten von verschiedenen Stellen 
entnommen, zeigt sich recentere lobuläre Infiltration in einzelnen 
Läppchen. — Schwielenbildung in den interlobulären Septis mit starker 
Verdickung der Gefasswände. Blutungen in einzelnen Lobulis in den 
Alveolen, sowie in die Schwielen um die Gefässe. 

Herz: Die Arter. coron. sind in der an der Arter. Sylvii be¬ 
schriebenen Weise verändert. — Bedeutende Blutungen umgeben die 
Gefässbündel und dringen in das Myocard. 

Leber: Diffuse Hepatitis mit Schwielenbildung um die Portal¬ 
äste, Blutungen in die Schwielen, Hyperämie des Parenchyms. 

Milz: Bindegewebige Wucherung von der Kapsel und vom Bete 
ausgehend. 

Pancreas: Schwielige Verdichtung des Bindegewebes um grös¬ 
sere Gefässe. — Blutungen in das lockere Zellgewebe aus Capillareu. 

Magen und Darm: Submncöse Gefässe sind von kleinzelliger 
Wucherung umgeben. Blutungen in die Schleimhaut und Submucosa. 

Nieren: Interstitielle Nephritis, nicht gleiclimässig überall 
ansgebildet, Blutungen um die Gefässe der Kapsel und im Nie¬ 
renbecken. 

Blasenhals: Blutung in die Submucosa aus Capillaren, Hyper¬ 
ämie und Stauung daneben. 

Samenstrang: Hochgradige Blutung, welche die Capillaren 
kaum erkennen lässt und auch die Verhältnisse in grösseren Gefassen 
wesentlich beeinflusst, so dass der Druck von aussen die zum Theile 
infiltrirteu Gefässe vollständig verengt erscheinen lässt. 


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Uebersichts - Tabelle. 


Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887. 


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162 


1» ra«ck. 


















I’ancreas 


163 


i n d e 


Dann Lungen Herz Hirn 


Hämorrhagien 



Infiltrate schlaff weich 


jHaut, Schädeldecken, aui 
d.Dura.Pleura, Wurzel d. 
Inf. g. Getäss., Pericrd., Hylm 
d. Nieren, retmper. Zellg 
Advent, d. Carotis. 


part. 

atelect. 


schlaft' blutarm — 


Haut, Hirnhäute. Lun¬ 
gen, Herzbeutel, Gross. 
Netz, intennuseuläre 
Zellgewebe. 


— Infiltrate schlaff 


ödem., Subcut. intorinusc. Zellg 
blut- Schädelschwarte, 
ai in Carotid, Lungen, Leber. 


n , e n ll4 • i , , Haut, Portalgelschwiele, 
blass blutreich derber ».n n T i 

I liyinus,Pancreas, Leber 


PiÜiim „aa.ir Haut, Dünndarm 

Enteritis ^ blutarm Abscss. (Subinucosa) Lung< 

Gumma ' ^ ‘ Th * ,nus 


— Oedein. blass 


— infiltrirt blass 


ödem. suffund. 

Hänmr- fettig, blutaim 
rhagien gelblich 


schlaft', 

Enteritis Anämie zcrreiss- 


(jehirnh. 


dichter 


30gl 


Haut, Pleura, Thymus, 
Herz, Cava, Mesente¬ 
rium, Magen, Nieren, ■ 
Knochen, Carotis, Leber. I 


Haut, Lungenpleura, 
Lungenparenchym, 
Leber. 


Haut, Gehirn, Gaumen, 
Pleura, Herz, Darin, 
Hoden, Lungen. 


Haut, Pleura, Pericard, 
Myocard, Magen. Nieren. 
Kotroperiton. Zellgeweb., 
Carotis, Exantb. 

griginal from / 

harVard university 









I 



Syphilis der Mutter 






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53 

Form 

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der äusseren 

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Syphilis 

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Erscheinung, d. 
secund. Stad. 

10 im Schwinden. i2_fo 
gen. an. or. 

II. pep. 


1! 


LXXXI 


1. Grd. 


abgelaufen 

UI. pep. 

9 

9. 

im lO.f 

48 

3050 

12 St. 

pap. lux. gen. 

II. pep. 

7 


— 

1600 

24 St. 

abgelf. secund. 
Syphilis 

10 

6 

31 

1080 

7*-i 


Stick ias Gelklicke 
a. i. ab. Kirfrrklft. 


Oedem. Hände 
und Fflsse 



Pemphig. Osteo- 

- chond. 

Icterisch 2. Grd. 





































Syphilis haemorrhagira neonatorum. 


165 


^Kindes 

Hämorrhagien 

Mil* 

. 1 

sr. 

rt 

u 

C 

cS 


Lungen 

Herz 

Hirn 

tr. 

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S 

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r 

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derb . 

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i 

i 

Infiltrate 

Enteritis 

weisse 
Pneu in. 

Inf. 

bleich, 
conti all. 

En- 

cephlts. 

— 

Haut, Kopf, Abdom., 
Extr., Gehirn, Lunge, 
Vena umbilicalis. 
Leberparenchym. 

sf-Lr 
gr< ss, 
dicht 

— 

bleich, 

locker 

Infiltrat 

— 

Haut, Kopf, Rumpf, 
Eitr., Hirnhäute, Lunge. 
Magen, Vena umb., 
Carotis, Bauchaorta. 

r- 

irr^-ss 

— 

Enteritis 

inf. 

bleich 

— 

— 

Haut, Lunge, Jejunum, 
Magen, Extr., Rumpf. 
Schädel, Muskeln. 
Nieren. 

er« «ss. 
«J^rb 

— 

— 

inf. 


an lim. 

— 

Haut, Kopf, inguin. 
medulla oblong., Lunge, 
Leber. 

gr.«s, 

’ dicht 

dichter 

inj., infilt. 

Partielle 

Infiltr. 

blass, 

Hämorrh. 

Schwiele 

blass 

— 

Haut, Schädel, Extr., 
Abdom., Muskeln, Lunge, 
grosse Gefässe, Herz. 

y —- 

dicht 

gross. 

plump. 

starr 

Enteritis 

weisse 

Pneum. 

dilat. 

blass, 

gumma 

ödemat. 

Abs- 

cess 

Haut, Muskeln, Herzfl., 
Lungenmuskel, Lunge, 
Nieren. 

— 

— 

— 

Mikrosk. 

massige 

Infiltr. 

blass 

anäm. 

~ 

Haut univers., Pharynx. 

Larynx, Halsorgane, 
Lunge, Herz, gr. Gefässe, 
Niere, Pfortader, Periost. 


■ 

■ 


D 


1 

Haut, Zellgewebe, Kopf, 
Rumpf, Hodensack, 
Advent.d.Gelass., Lunge. 
Herz, Bauch hoble. 

sehr 


inj. 

atelect. 

inf. 

bleich. 

contrah. 

Häm. 

feucht. 

blutleer, 

weich 


Haut n. Zellgewebe, 
Gehirn, Thymus. 
Lunge, Hoden. Carotis. 

sehr 

crr<»^» 

dicht 

— 

Katarrh. 

Hämor- 

rhagien 

Hämorrh 

Infiltr. 

Schwiel. 

bleich, 

schlecht 

contrah. 

Häm. 

feucht. 

blutleer. 

weich 

— 

Haut. Gehirn, Lunge. 
Herz, Darm, Magen, Hod., 
Musk.,Zellgew.,liberal 1. 
Nieren, Adv. gr. Gefässe. 


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16G 


M r a £ eit. 


Die Mutter zur Zeit der Entbindung. 

Wie schon oben angedeutet, machen die eben einzeln ange¬ 
führten neunzehn Fällo ein Siebentel jener 132 Fälle aus, welche von 
syphilitischen Müttern herstammen. Wenn wir summarisch die Mütter 
dieser ueuuzehn Fälle oiner näheren Betrachtung unterziehen, so er¬ 
gibt sich, dass die Zeit der Austeckung und der Conceptiou zehnmal so 
ziemlich zusammeufällt. Die eben erwähnten zehn Mütter waren 
durchwegs mit exquisiten secundär syphilitischen Erscheinungen 
als Papeln an den Genitalien und am After, maculopapulösen Sy¬ 
philiden der äusseren Haut, Drüsenanschwellungen u..s. w. be¬ 
haftet und betreffen die Fälle 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 18. 

Neun Mütter waren schon vor der Conception syphilitisch 
krank uud boten im Wochenbette zur Zeit der Entbindung nur 
noch lteste von Narben, Pigmeutflecken, Drüsenanschwellungen an 
den classischen Stellen als Zeichen dor abgelaufeuen Syphilis dar. 
Diese sind die Fälle 9, 11, 13, 14, 15, 16, 17, 19. Eine autisy- 
philitische Behandlung ist in keinem Falle, zwei kaum nennens¬ 
werte kurze Zeit dauernde therapeutische Versuche ausgeuommen, 
durchgeführt worden. Den meisten war die Natur der Krankheit, 
mit der sie behaftet waren, entweder gar nicht bekannt, oder es 
haben einzelne absichtlich keine genügende Auskunft geben wollen, 
um sich theils vor ihren Nachbarswöchnerinnen nicht zu compro- 
mittireu, theils aber sich der bei florideu Syphiliserscheiuungen 
gebräuchlichen Transferirung auf die syphilitischen Abtheiluugeu 
zu entziehen. Es sind somit die angeführten Zahlen mehr dem 
objectiven Befundo als den auamnestischen Daten der Wöclme- 
rinuen entnommen. Irrungen könnten sowohl bei der Abschätzung 
dor Dauer der Gravidität als auch bei der Bestimmung des Zeit¬ 
punktes der Ansteckung mit Syphilis unterlaufen sein, können aber 
kaum einen Zeitraum betragen, der wesentlich iu die Wag¬ 
schale fällt. 

Der Ernährungszustand war bei allen Wöchnerinnen ein 
guter zu uenueu und ich konnte niemals eine auffallende Auämie 
oder sonstige Krankheitserscheinuugen eruiren. Das Puerperium 
verlief ungestört bis auf einen Fall, iu dem die Wöchnerin elf 
Tage nach der Entbindung an Endometritis etc. in Folge adhä- 
renter Placentareste gestorben ist. Die grössere Anzahl der Wöcli- 


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Syphilis haemorrbagka neonatorum. 


107 


uerinnen haben schon mehrmals geboren und es siud bei deu vor¬ 
angehenden Entbindungen eutweder raaeerirte Früchte zur Welt 
gekommen, oder es hat erst vor der letzten Gravidität die Infec- 
tion mit Syphilis stattgefunden. 


Nähere Betrachtung der Kinder. 

Was nun die Neugeborenen anbelangt, so wäre Folgendes aus 
den Protokollen hervorzuheben. 18 Kinder kamen lebend zur Welt, 
nur eines war todt geboren, 10 starben in etwa '/» Stunde nach der 
Geburt, 8 haben 10—40, eines darunter sogar 46 Stunden gelebt. Der 
Tod erfolgte bei allen, wie man mir mitgetheilt hat, unter rascher 
Abnahme der Kräfte in relativ kurzer Zeit. Zweimal sind unsere Kin¬ 
der Zwillingen entnommen, deren Zwillingsbrüder aber macerirt zur 
Welt kamen. Lebensschwache, das heisst 6—7 Monate blos getragene, 
kaum 1500 Gramm schwere Früchte waren nur 5, die übrigen 14 
wogen zwischen 2—3000 Gramm und waren Frühgeburten aus 
dem neunten Lunarmonate oder ausgetragene Kinder. 

Leichte Oedeme der Hautdecken, mitunter blos an den Hän¬ 
den und Füssen, konnte ich bei der Section vierzehnmal con- 
statireu, fünfmal zeigte die Haut eine leichte icterische Färbung. 
Die Obductionsbefunde ergaben die verschiedensten Grade bekannter 
syphilitischer Veränderungen, zumeist an mehreren Orten zugleich, 
so dass man diese Fälle zu den schwersten Formen der here¬ 
ditären Syphilis rechnen muss. Mit Pemphigus syphiliticus kamen 
8 zur Welt und ich konnte nähere Beziehungen der Blutaustritte 
zu dieser Syphilisform nicht wahrnehmeu. Von den inneren Or¬ 
ganen zeigte die Leber constant hohe Grade von Hepatisis bis zur 
Obsolescenz des Parenchyms und dreizebumal schon makrosko¬ 
pisch wahrnehmbare, schwielige Bindegewebs-Wucherung längs der 
Portalzweige und den daneben verlaufenden Gallengängen, arteri¬ 
ellen Gefassen und Nerven. Ebenso war die Milz im Ansehen 
gross und dichter, mit häufig mikroskopisch nachweisbarer, hoch¬ 
gradiger syphilitischer Infiltration ihrer Gefässe und bedeutenderen 
Biudegewebswucherung der Kapsel und des Netzes. Die Wagneri¬ 
sche Epiphysen-Erkrankung kam 17 Mal vor und zwar zwölfmal 
erster Grad, viermal zweiter, einmal dritter Grad. 


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108 


Mra v o k. 


Die Lungen waren IG Mal infiltrirt und zwar von einem 
nur mikroskopisch nachweisbaren Grade (derselbe kam nur zwei¬ 
mal vor) bis zur deutlichen weissen Pneumonie, einmal sogar mit 
Verkäsung und theilweiser Erweichung des Infiltrates. (5/31.) 

Die Darmsyphilis konnte ich zehnmal constatiren, meist diffus, 
filier ganze Darmabschnitte, einige Male sogar über den ganzen 
Darmtractus ausgebreitet. 

Die Pancreas-Syphilis kam dreimal vor, eben so oft die In¬ 
filtration der Nieren. Die Thymus-Erkrankung kam viermal vor. 
letztere zweimal als Infiltrat, zweimal bereits zu sogenaunteu Ab- 
soessen ausgebildet. 

Das Gehirn zeigte sich neunmal blutarm, viermal feucht und 
ödematös, selten blutreich und zweimal infiltrirt mit capiHaren 
Blutungen unter dem Ependym des dritten Ventrikels. Ein auder 
Mal sass die Infiltration au deu Meningen in der Nähe der Syri¬ 
schen Furche. 

Das Herz endlich war 13 Mal blass, neunmal schlaff und 
schlecht contrahirt, darunter zweimal blos in leichterem Grade 
fettig entartet. 

Befunde an den Gefässen. 

Die Seltenheit der positiven Befunde an den isolirt ver¬ 
laufenden oder nur durch ein lockeres Zellgewebe mit den 
Nachbarorgaueu verbundenen grösseren Gefässstämme bei he¬ 
reditärer Syphilis steht in keinem Verhältnisse zu der Schwere 
der bei dieser Krankheit vorkorameuden Organerkrankungen. Mit 
Ausnahme der heute zweifelsohne anerkannten Erkrankung der 
Nabelgelasse und der von Chiari beschriebenen Endarteriitis 
eines füufzehnmonatliclien Kindes (Wiener med. Wochensekr. 
1881. Nr. 17 u. 18) sind meines Wissens keine Gefasser- 
kraukungcn bei hereditärer Syphilis beschrieben worden und 
kommen auch de facto kaum vor. Dies gilt wohl nur von den 
makroskopisch wahrnehmbaren Veränderungen grosser Gefässstämme. 
denn die kleinen Zweige, namentlich aber das Capillar-System 
findet man öfters bei deu Untersuchungen hereditärer syphiliti¬ 
scher Produkte deutlich erkrankt. Es ist auch a priori nicht au- 
zuuehmen, dass das circulireude Syphilisgift die in ihrer Ent- 
wiekoluug erst, begriffenen zarten Zweige nicht alteriren sollte. Es 


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Syphilis linemorrhnpifn nronalonim. 


109 


wird wohl so wie bei anderen Processen von der Intensität des 
auf die Gefässe ausgeübten Reizes von Seite des Coutagiums der 
Grad der pathologischen Veränderungen abhängig sein, nur dürfte 
der zarte Organismus des Kindes eher unterliegen, bevor es zu 
greifbaren vorgeschrittenen pathologischen Veränderungen in aus¬ 
gebreitetem Masse kommt. 

Die in den infiltrirteu Organen, z. B. Lunge, Darm vor¬ 
kommenden Gefassveränderungen könnte man so erklären, dass 
man das Uebergreifen des Processcs auf die Gefässwaud, also eine 
secundäre Erkrankung des Gefässes auuimmt, wie es C'oruil und 
Ranvier 1873 (Manuel d’histol. Pathol.) für Gefässe, welche sich 
iu der Umgebung von Wunden, Ulcerationon uud iudurirteu Bin- 
degewebsraassen befinden, naebgewieseu haben. Nach ihnen fand 
dasselbe für andere Processe, nämlich chronisch interstitielle Ent¬ 
zündungen parenchymatöser Organe u. s. w. Friedländer, Ewald, 
Wolfart, Thoma u. a. Dieses Uebergreifen der entzündlichen 
Affectionen auf die Gefasswände sehen wir bei den syphilitischen 
Initial-Sclerosen, wo sich solche an der Peripherie des Knotens be¬ 
findlichen Gefässe an der kleiuzelligeu Infiltration betheiligen. 
Bei der hereditären Syphilis aber ist das Verhalten der Gefässe 
nämlich der kleineren ein anderes. Ich möchte diese als den An¬ 
fang der Erkrankung odor als den Kein der Infiltrations-Zustände 
ansehen, was wohl bei ganz frischen Aufaugsstadieu. aber nicht 
mehr später, wodurch die Infiltration die ursprüngliche Structur 
der Gewebe verdeckt wird, nachzuwoisen ist. Aehnliches Verhalten 
fand ich häufig vor und habe bereits darauf bei der Darmsyphilis 
aufmerksam gemacht. (Diese Zeitschrift. 1883, pag. 223.) 

Ob die Gefässe allerorts und in allen Fällen gleichmässig 
sich an der Erkrankung betheiligen oder ob die Gefäss-Erkraukuug 
höheren Grad annehmeu kauu, bevor sie sich auf die Umgebung 
ausbreitet, kann ich nach meineu Erfahrungen nicht endgiltig be¬ 
antworten. Bei der Syphilis haemorhagica neonatorum möchte ich 
mich der Ansicht hinueigen, dass das Gefässsystem in gewisseu 
Organen wohl zuerst erkrankt, jedoch bald mit der Erkraukung 
der Parenchyme sich vereinigt, hingegen au anderen Stellen lange 
Zeit hindurch als das einzig krankhaft veränderte Gebilde bestehen 
bleiben kann. 


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170 


M r a c p k . 


Die auffallendsten Veränderungen zeigen die kleinen und 
mittleren venösen Geiasse, in geringerem Grade ist ihre Wandung 
kernreicher uud verdickt, in höherem Grade deutlich angewuchert 
(s. Taf. IV uud V, Fig. 1 und 2). Das Lumen ist stets verengt, in 
höherem Grade gänzlich verschlossen, somit entweder wenig oder 
gar kein Blut mehr enthaltend. Zugegeben, dass diese zellig in- 
filtrirten venösen Gefässe noch einer Contraction fähig siud, finde 
ich es plausibel, dass die Wucherung der Wände des Gefässes auf 
Unkosten des Lumen stattfinden muss. Es beweisen dies über¬ 
dies jene venösen Gefässe eines und desselben Falles, welche we¬ 
niger oder kaum noch nachweisbar in ihren Wandungen erkrankt, 
somit contractionsfähig sind, und deren Lumina entweder mit 
Blut weuig erfüllt oder auch einfach leer und deren Wände zu- 
samraengefallou, unregelmässig, faltig aussehen, daher sie es nicht 
durch Coutractiou zu diesem Grade der Verengerung gebracht 
haben. Ich gebe ferner zu, dass einzelne dieser erkrankten ve¬ 
nösen Gefässe, in deren Umgebung es zu grösseren Blutaustritten 
gekommeu ist, einen Druck von der Peripherie erleiden können, 
begreife aber nicht, wie der Druck gar so gleichmässig von allen 
Seiten stattgefundeu hätte, dass die verdickten Wandungen immer 
starre, fast regelmässige Kreise in dem sie umgebenden Blute dar- 
stellen können. Es spricht ferner für die Teudenz zur Obliteration 
dieser Veneu der Befund, dass in vielen, fast ganz verschlossenen 
Gelassen an ihrer Peripherie keine Blutung, somit auch keine 
Compressiou stattgefundeu hat und der hohe Grad der Verenge¬ 
rung des Lumens durch einfache Contractiou nicht entstanden sein 
konnte. Solche veränderte Veneu finde ich im verschiedenen Grade 
bei den einzelnen Fällen, jedoch immer so, dass der Zustand der 
Infiltration der Wandung eines Falles in vielen Gofässen einander 
in gewisser Beziehung ähnlich sieht. So haben einmal noch juuge 
Kerne die Verdickung der Wandung verursacht, ein anderes Mal 
konnte man schon deutlichere bindegewebige Veränderung der 
Wandungen constatireu. Es scheint somit, dass im letzteren Falle 
im intrauterinären Leben schon länger die Erkrankung sich vor¬ 
bereitet hat, als in dem ersteren. Endlich muss ich noch liiuzu- 
fügen, dass der Grad der Verengerung in allen Veneu eines Falles 
nicht ein gleicher war. Solche veränderte Veneu fand ich iu der 
Schädelschwarte im Unterbaut-Fettgewebe dos Stammes und der 


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Syphilis haem'»rrhasrira neonatorum. 


171 


Extremitäten, im intermusculären Zellgewebe, io der Submucosa 
des Darmes, im Samenstrauge und in vielen anderen durch Blut¬ 
austritte bezeichnet^ Stellen. 

Die in das Gelass eiumflndenden postcapillaren Venau und 
iu der nächsten Nähe befindliche Capillareu findet mau im aus¬ 
getretenen Blute oder in seiner Umgebuug mit intiltrirt, oder 
ohne ein sichtbares Lumen durch die Blutung zusammeugedrückt 
vor. Die weiter entfernt liegenden nicht erkrankten und mit dem 
Blutaustritte nicht in directer Berühruug stehenden capillareu 
Netze und kleinen Stammelten sind dagegen auffallend stark mit 
Blut iujicirt. 

Die dabei Vorgefundenen Blutaustritte halten mit der Wand- 
vmlickung und Lumeuvereugerung gleichen Schritt, und mau 
findet sie bei leichten Graden auch weniger ausgebreitet vor. Bei 
höherer Erkrankung des Gewisses jedoch ist die Blutung nur daun 
geringer, wenn andere weuiger erkrankte, benachbarte, venöse Ge¬ 
wisse den Ausgleich der Circulation vermittelt haben. Die minder 
erkrankten Venen solcher Bezirke sind strotzend mit Blut auge¬ 
füllt, und nicht selten konnte ich iu einem oder mehreren Gefass- 
durchsclmitteu eine deutliche Stase mit der charakteristischen 
Bl utkörperchen-V eräuderung nach weisen. 

Dass diese geschilderten Infiltrationszustände nur venöse und 
nicht auch arterielle Gefasso betreffen, beweisen die Taf. V, Fig. 1 
und 2 abgebildeten Durchschnitte, wo die Arterien ganz frei, 
die hiezugehörigen Venen hingegen die kleinzellige Infiltration ihrer 
Wandungen mit bedeutenderer Verdickung derselben erkennen 
lassen. Ganz grosse Gelassstämme blieben von dieser Krankheit 
verschont. 

Die mittleren arteriellen Getasszweigo, so die Aesto der Ca¬ 
rotis, Femoralis, die kleinen Arterien des Samenstrauges, die Co- 
ronar-Arterien des Herzens und andere haben eine auffallend glän¬ 
zend verdickte Adventitia, mitunter auch eine breitere Media 
gezeigt. Eine Infiltration konnte ich au den solcher Art veränderten 
und schon makroskopisch durch ihre Starre und grau schimmernde 
Wandung auffallenden Gefässeu nicht nachweiseu. Dagegen haben 
die arteriellen Gelasse der Lungen und solche der Nieren au der 
Pyramidengrenze bedeutende Adventitia- und Media-Vordickuug mit 


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M r ii f k. 


einem mitunter vollkommen verschlossenen Lumen neben der In¬ 
filtration des Parenchyms gezeigt. 

Durch die häufigen Ecchymoseu in der Adventitia grösserer 
Gefässe, z. B. der Carotis, Bauch-Aorta, Cruralis, Nabelvene ver¬ 
anlasst, untersuchte ich in zahlreichen oft in Serien angelegten 
Schnitten die durch Blutung bezeichneten Gefassabschuitte und 
fand vielfach die Vasa vasorum streckenweise kernreicher, nicht 
selten durch eine deutliche perivasculäre Infiltration ausgezeichnet 
(s. Taf. V, Fig. 4), das Lumen der erwähnten Stellen war deutlich 
verengt, an anderen von angestautem Blute strotzend gefüllt. Ein 
ähnliches Verhalten zeigten viele Capillareu und kleine Gefäss- 
stämmcheu im Unterhaut-Zellgewebe, im intermusculäreu Binde¬ 
gewebe etc. neben der schon erwähnten Erkrankung der mittleren 
und kleinen Venen (Taf. V, Fig. 3). Man sieht in solchen quer- 
getroffeneu Stämmchen eine deutliche Kernvermehruug und ein 
kaum nachweisbares Lumen. Längsgetroffene Züge unterscheiden 
sich gauz auffallend von den nicht erkrankten Segmenten solcher 
Gefässe durch die Kernvermehrung in und um die Gefasswände. 

Als Nebenbefunde dieser geschilderten Gefässveräuderun- 
gen, gleichsam als Beleg für die hochgradige Alteration des 
Gefässsystems fanden sich in vielen erkrankten venösen Ge- 
fässzweigen mehrerer Fälle frische und sogar schon organisirte 
Thrombosen vor. (S. Taf. V, Fig. 1 b.) Ausserdem kamen 
vereinzelte Fälle von leichterer Endarteriitis an der Carotis. 
Cruralis und Iliaca vor. (17/151.) Es erübrigt mir noch zu be¬ 
tonen , dass die geschilderten Befunde nicht allen Gefassen 
eiues Bezirkes in gleichem Masse zukameu, ja nicht einmal iu 
gleichem Grade in einem und demselben Gefdsszweige überall 
gefunden werden konuten. Darnach scheint es mir, dass nur 
streckenweise die Gefässe mehr alterirt sind und dass es unter 
den später noch zu erwähnenden Verhältnissen in diesen Gebieten 
vorzugsweise zu Blutaustritten kommt. 

Blutungen und deren Zustandekommen. 

Aus makroskop. und mikroskop. Befunden konnte ich nachfol¬ 
gende Tabelle über den Ort und die Häufigkeit der Blutaustritte 
zusammenstellen: 


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Syphilis lueuiorrli jgnd iiennuDirum 


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1. Haut- und Unterhaut-Zellgewebe 19. 

2. Lungen und Pleura 18. 

8. Herz und Pericardium 10. 

4. Gehirn und seine Häute, Schädeldecke, intermusculäres 
ZeUgewebe, Nieren, je 7. 

5. Adventitia der Carotis 7. 

Andere grosse Gefässe 6. 

6. Leber 6. 

7. Die Mageuwand 5. 

8. Darmwand und Thymus, Hoden, Samenstraug, Portal-Ge- 
fässe und Umbilical-Vene je 4. 

9. Retroperitoneales Zellgewebe 3. 

10. Netz und Medulla oblongata, Schleimhaut der Mund¬ 
höhle, Knochen und Periost je 2. 

11. Pancreas, Adventitia der Cava je 1. 

Die meisten der eben angeführten Blutaustritte waren Eechy- 
mosen von Hirsekorn- bis Linsengrösse und darüber striemen- 
förmig längs der erkrankten Gefässe oder in deren Nähe abge¬ 
lagert. Das Blut trat bei Diapedesim aus Capillaren und kleinen 
Venen aus. Selten fehlte, wie es beim Zustandekommen solcher 
Blutungen nothwendig zu sein scheint, die Hyperämie oder selbst 
Stase in den weniger erkrankten benachbarten Gefässen. 

Alle Blutungen waren frisch, das heisst prämortal entstanden, 
wie man sich an der Farbe und Gestalt der rothen Blutkörper¬ 
chen und dem Mangel jedweden freien Blutpigmentes in don Ge¬ 
weben überzeugen konnte. 

Grosse Blutungen, die nur durch Rhexis grösserer Ge¬ 
fässe entstanden sein konnten, kamen auch einige Male vor. So 
fand ich Blutergüsse um die Medulla oblongata und in die Seiten¬ 
ventrikel in drei Fällen 13, 19, 20, von denen einer in der Haupt¬ 
lage zweite Stellung geboren wurde, die anderen zwei aber pro- 
trahirte Geburten von 12—30 Stunden durchgemacht haben. Alle 
drei aber haben eine ausgebreitete Gefässerkrankung aufzuweisen. 
Ausserdem fand ich grössere Blutungen um den Samenstrang und 
die Hüllen des Hodens (18, 20) neben hochgradiger Obliteration 
der meisten venösen Getässe des Samenstranges. Einmal daneben ein 
150 Gramm betragendes Coagulum in der Bauchhöhle aus einem 
Einriss des hochgradig erkrankten Milzrandes. Allemal sind forcirte 


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M r .. < .• I 


Belebungsversuche au den Kinderu gemacht worden, die die 
schwere Blutung um den Samenstrang und die Hüllen des Hodeus 
sowie den Milzeinriss zur Folge hatten. Endlich waren in dem einen 
Falle grössere Blutungen in uud um das l as deferens in die Hoden, 
in die Nierenkelche und in das kloiuo Becken, alle nach protra- 
hirter Geburt, in secundärer Beckenendlage, nach gemachter 
Wendung durch äussere Handgriffe auf den Steiss, jedoch bei 
einer hochgradigen Gefässentartung fast aller Gelasse diese.- 
Falles (10). Schliesslich wären noch grössere Blutungen auzu- 
führen, im Zellgewebe des Rückens, der Augenhöhlen und unter 
die Sehädelschwarto, aus nicht näher eruirbaren äusseren Veran¬ 
lassungen bei den Geburten dieser Fälle. 

Nach diesen Befunden sehe ich mich veranlasst, die schwe¬ 
ren Blutungen so zu erklären, dass ich die Gefässerkran- 
kung als Bedingung, die äussere Gewalt als nächst ver¬ 
anlassende Ursache der G efass-Ruptur und der schweren 
Blutungen hinstelle. 

Die zahllosen und kleinen Ecchvmosen können nur 

* 

während oder nach der Geburt entstanden sein, da sie eben reeente 
Blutungen sind uud die Mehrzahl der Kinder (10), sub partu oder 
bald nach der Geburt starb. Es liegt also nahe, die nähere Ur¬ 
sache derselben, abgesehen von den prädisponirenden localeu 
Verhältnissen der Gelass- und Parenchym-Erkrankungen, welche 
nur bestimmend für Zahl und Ort der Blutung sind, in einer 
allgemeinen Circulationsstörung zu suchen, unter deren Einfluss 
sie eintraten. 

Zunächst kommt in Betracht, dass diese Blutungen auftreten 
unmittelbar oder bald nach ßistirung der fötalen Circulation, also 
bald im oder nach dem Momout, wo im Kinde durch die Atli- 
mung dio Circulation unterhalten werden muss und nur daun er¬ 
halten bleibt, wonn zunächst die Athmung eine regelrechte und 
ausgiebige ist, was eine normalo Beschaffenheit der Athmungs- 
organe voraussetzt. Nun aber linden sich eben in diesen Fällen 
schwere, sehr oft derartige Veränderungen in den Lungen, welche 
abgesehen von allen anderen noch störend einwirkenden Verhält¬ 
nissen schon für sich allein eine normale Function ausschliessen. 
Ueberdies finden sich daneben noch Veränderungen, manchesmal 
am Herzen, fast ausnahmslos solche in der Leber. Es ist also 


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S a \|»iiili> lw*in<*rrlt,tgi<,i um. 


17ö 

schon daraus erklärlich, wie bei diesen Veränderungen, zumal mit 
Systirung der fötalen Blutströmung unter Steigerung derselben in 
den Lungen durch die Athmung und Verlangsamung in der Leber 
Circulationsstörungen sich einstellen können. Dazu kommt noch 
die solchen Kindern zukommende, durch ihre constitutionelle Er¬ 
krankung bedingte Schwäche und endlich wohl auch die nicht 
gering anzuschlagende Veränderung in den Capillar-B ezirkou und 
Wurzelgebieten der Venen. 

Es muss so unter dieser iusufficienteu Thätigkeit der die 
Circulation unterhaltenden Organe zu einer rascher oder lang¬ 
samer fortschreitenden Abschwächung der Circulation kommen, 
die eben in jenen Gebieten, wo durch locale Veränderungen die¬ 
selbe schon erschwert oder hochgradig gestört ist, unter Stauung 
zur Diapadese und Blutung führt. 

So erklärt es sich auch, dass diese localen, die Circulation 
störenden Veränderungen in den Gefässen, welche doch durch 
längere Zeit im Fötal-Leben sich ausgebildet, während diese zu 
keinen Blutungen Veranlassung gaben, nach der Geburt aber und 
zwar so rasch, dass eine Zunahme derselben in dieser Zeit un¬ 
möglich ist, Blutungen herbeiführen. Denn nicht eine Steigerung 
der localen Störungen in Erhöhung der mechanischen Hindernisse 
und der Gefasswanderkrankung, sondern eine hinzu tretende 
Schwäche der Circulation veranlasst die Blutungen. 

Zum Schlüsse wiederhole ich nochmals, was ich am Ende 
meines in der Section für Dermatologie und Syphilis der 50. Na¬ 
turforscherversammlung in Berlin gehaltenen Vortrages sagte: 

Der Grad der mütterlichen Syphilis erzeugt in manchen 
Fällen intrauterine Gelasserkrankungen am kindlichen Organismus 
indem in den Capillargefassen, den Vasis vasorum, den kleinen 
und mittleren Venen und Arterien an vielen Bezirken und vielen 
Organen des Körpers sich Krankheitsprodukte ablagern, in Folge 
deren es local zu Circulatiousstörungen kommt, die bei gewissen 
die Circulation im Allgemeinen erschwerenden Momenten rasch 
zu Blutaustritten führen. Ich finde die bestehenden Benennungen 
solcher Fälle als Syphilis haemorrhagica neonatorum oder 
hämorrhagische Diathese in Folge von hereditärer Sy¬ 
philis auf Grund meiner Befunde gerechtfertigt. 


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M r ,\ c e k. Syphilis haeinorrliy j. r iru in*r>naloruiD. 


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Erklärung der Abbildungen auf Taf. IV und V. 

Taf. IV. Vergr. Hartnack Oc. III. Obj. IV. Kopfschwarte Pall 19/156. 
Im Fettgewebe hart am Pericranium liegt ein von ergossenem Blute (d) oin- 
gescblossenes venöses Gefäss, welches in seinen Wandungen (c) kleinzellig 
infiltrirt und verdickt ist, überdies ein bedeutend verengtes, noch Blut füh¬ 
rendes Lumen zeigt. Der Schnitt traf zugleich eine einmündende postcapil- 
lare Vene (6), welche weithin zellig infiltrirt, inmitten der Blutung vielleicht 
auch comprimirt ist, jedenfalls aber nur in dem peripbersten Theile noch 
ein freies Lumen besitzt. Die Capillargefässc der Haut sind theils frei, 
tbeils sieht man auch eine perivasculäre Kernvermehrung. Das Lamen der 
meisten kleinen Gefässchen ist leer. In der Nähe des Blutergusses ( d ) im 
subcutanen Zellgewebe sind arterielle und yenöse Gefässschlingen (a, a). 
zum Theil leer, zum Theil aber von angestautem Blute erfüllt. Ausser der 
grösseren Blutaustritte um das infiltrirte, verengte Gefäss sind noch klei¬ 
nere Blutaustritte um die Drüsen und die Gefässverzweigungen sichtbar. 

Taf. V, Fig. 1 stellt ein Gefässbündel von Oberschenkelgefassen dar 
(Fall 19/156). Die Arterie ist normal, dagegen die begleitenden Venen in 
den Wandungen verdickt, kleinzellig infiltrirt, worunter die eine bei (6) 
durch einen schon organisirten Thrombus verschlossen, die andere ( b ') noch 
Blut im Lumen zeigt. 

Bei (c) ist ein Segment eines Venenstammes sichtbar. Um dieses Ge¬ 
fässbündel sind mehrere kleinere Gefässchen mit infiltrirten Wandungen, 
sowie mehrere Blutaustritte im Zellgewebe sichtbar. 

Taf. V, Fig. 2 (Fall 18/155). Ein Gefässpaar aus der Kopfschwarte. 
Normale Arterie ( a ), kleinzellig infiltrirte Vene ( b ) mit noch mehreren klei¬ 
neren Gefässzweigen und Blutaustritt in der Umgebung. 

Taf. V, Fig. 3 stellt einen Querschnitt durch einen Muskel (6 6) des 
Unterschenkels vom Fall 19/156 dar. Zwischen den Muskelbündeln sieht 
man quer und längsgetroffene infiltrirte und obliterirte kleinere Gefässe 
und Capillaren (« a) mit den Blutaustritten in das in der Nähe der er¬ 
krankten Gefässe befindliche intermediäre Bindegewebe. 

Taf. V, Fig. 4. Ein Segment der Carotis dextra (Fall 17/153) mit 
vasculärer und perivasculärer kleinzelliger Infiltration der Vasa vasornm 
und der periadventitiellen kleinen Gefässästchen und Blutung zwischen die 
Schichten der Adventitia, als auch in das lockere Zellgewebe um die Carotis. 


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Viri1fljtihrr#scltrin f. Denn uloloyic u.Syphi / ts, Jnhrtj. 1X87 


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Origiralfrcr * 

HARVARD UNIVERS1TY 


Bericht ober die Leistungen 

auf dem 

Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 


Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887. 

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I. 


Bericht über die Verhandlungen der Section für 
Dermatologie und Syphilis auf der 59. Versammlung 
deutscher Naturforscher und Aerzte zu Berlin vom 
18.—24. September 1886. 

Zusammengestellt von Dr. Heinrich MflUer in Berlin. 


I. Sitzung: Sonnabend, den 18. September 3 Uhr Nach¬ 
mittags. 

Der Einführende, Geh. Medicinalrath G. Lewin (Berlin) eröffnet 
die zahlreich besuchte Versammlung im Auditorium XII der Univer¬ 
sität mit folgender Ansprache: 

Geehrte Herren! Mir ist der ehrenvolle Auftrag geworden, die 
Section für Dermatologie und Syphilis zu eröffnen. Ich thue dies mit 
freudig erfülltem Herzen, zumal mir hierbei zugleich die Gelegenheit 
geworden ist, uns zu unserem ersten Geburtstage zu gratuliren. Es 
ist gerade ein Jahr her, dass wir in Strassburg aus der Taufe ge¬ 
hoben sind. 

Diese Emancipation unserer Disciplin von der inneren Medicin 
und Chirurgie, aus deren Rippen wir erwachsen sind, ist koine unbe¬ 
rechtigte, sie beruht auf dem Principe unserer Zeit, der Arbeitsthei- 
lung, mit dem Motto „im kleinsten Punkte die grösste Kraft“ zu 
concentrircn. 

Ja, meine Herren, dies haben wir gethan, wir haben gearbeitet, 
und dadurch hat unsere Disciplin stark an Umfang zugenommen, 
doch nicht blos an Umfang zugenommen, sio hat sich vertieft und 
hinauf geschwungen zur Höhe einer wissenschaftlichen Doctrin. So 
sind unsere anfangs kleinen Flügel zu Fittigen ausgewachsen, wir 

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Bericlil der Seclion fQr Dermatologie und Syphilis 


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sind flügge geworden und haben nns berechtigt gefühlt, nns ebenso 
selbstständig zu constitniren, wie dies nnsere Schwester-Disciplinen 
schon längst getban haben. 

Betrachten wir nnsere Vergangenheit, so haben wir die Ent¬ 
wicklung durcbgemacht, welche jede Disciplin zur Selbstständigkeit 
durchlaufen muss. 

ln der ersten Zeit kam es darauf an, ein fruchtbares Ackerland 
zu erwerben, d. h. Material zu schaffen, Krankheitserscheinungen, 
Symptome genau zu studiren, sie zu gruppiron, und aus den geord¬ 
neten Gruppen klinische Bilder hervorzuheben, klar, präcis charakte- 
risirt, scharf differential diagnostisch begrenzt. 

Den Postulaten dieser Periode der Empirie ist, glaube ich, hin¬ 
reichend Genüge geleistet. Wir stehen nun inmitten einer höheren 
Aufgabe, die wir zu lösen aber erst nur begonnen haben, ich meine 
das Studium der allein sicheren Unterlagen jedweden klinischen Wis¬ 
sens, so auch des unserigen, der Anatomie und Physiologie, um in 
deren tieferen Schachten die sicheren Fundamente unseres Wissens za 
legen, woraus allein auch nur eine rationelle Therapie entstehen kann. 

Man ist immer noch berechtigt, ja ich will zugeben, es kann 
auch verdienstvoll sein, neue Krankheitsbilder zu entdecken, aber 
werthvoller als diese Richtung, sich zu erschöpfen in minutiöser Auf¬ 
suchung minimaler Differenzen in der Form, Gestaltung und Gruppi- 
rung bekannter Efflorescenzen, werthvoller als diese Richtung scheint 
es mir zu sein, ein Verständniss der feineren anatomischen Verhält¬ 
nisse zu erstreben, die tieferen biologischen Bedingungen zu studiren 
und die Relation der einzelnen pathologischen Processe zum Gesamtst- 
Organismus klar zu legen. 

Auf diesem Wege bleiben wir in Fühlung nicht allein mit der 
Anatomie und Physiologie, sondern auch mit allen Zweigen des kli¬ 
nischen Wissens und zwar im Verhältnisse der Endosmose und Ex¬ 
osmose, so dass wir nicht allein wissenschaftliche Bereicherung von 
anderen Disciplinen empfangen, sondern aucli wirklich werthvolle For¬ 
schungen ihnen wiedergeben. 

Auf diese Art muss es uns zuletzt gelingen, nicht allein die 
Sympathie unserer Collegen zu erhalten und zu mehren, sondern 
auch die volle Anerkennung des Staates zu erringen und dadurch 
die ganze Stellung an der Universität zu erhalten, welche unsere 
Schwester-Disciplinen, wie die Gynäkologie, Neurologie und Ophthal- 


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der 59. NaUirforscber-Vcrsamnilung zu Berlin 1886 


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mologie besitzen. Es handelt 3ich hier nicht um Personen, sondern 
um Principien, es gilt die Wörde der Disciplin, deren Anerkennung 
wir anf unsere Fahne geschrieben haben, und für die wir kämpfen. 
Konnte mir doch bis jetzt Keiner bestreiten, dass z. B. die Erkennung 
der Erkrankung eines Organes, etwa der Augen oder Nerven, weniger 
wichtig sei, als die Kenntniss der Krankheit, welche alle Organe 
oft in ominöser Weise ergreift, welche, wie die Syphilis, dadurch noch 
grosse Bedeutung erhält, dass sie nicht selten verheerend auf die 
Nachkommenschaft einwirkt. 

So rufe ich Ihnen, geehrte Herren, denn schliesslich ein herz¬ 
liches Willkommen zu und habe nur noch zwei Bitten an Sie zu 
stellen. Erstens versichert zu sein, dass wir uns aufrichtig freuen, 
Sie in so grosser Anzahl hier in Berlin begrössen zu können, zwei¬ 
tens, Nachsicht üben zu wollen, wenn wir Berliner mehr empfangen, 
als vielleicht geben. Sind wir doch schon längst gewohnt, dass die 
Fortschritte der Medicin nicht an den stolzen Namen einer grossen 
Universität gebunden sind — aus den kleinsten Universitäten, aus den 
Studirzimmern praktischer Aerzte kleiner Städte ist uns schon manche 
Bereicherung zugekommen. 

Es wird nunmehr für diese Sitzung Herr G. Lewin (Berlin), 
für die nächste Herr Pick (Prag) zum Vorsitzenden gewählt. 

Als Schriftführer fungiren die Herren: L. Lewinski (Berlin), 
0. Boer (Berlin) und 0. Bosenthal (Berlin). 

Hierauf spricht 

Herr P. 0. Unna: Ueber Anatomie und Pathogenese der Urti¬ 
caria simplez und pigmentosa. 1 ) 

Der Vortragende beobachtete vor 2 1 / 2 Jahren bei einem zwei¬ 
jährigen Knaben eine seit dem dritten Lebensmonate bestehende Ur¬ 
ticaria pigmentosa. Es waren etwa 40 typische Efflorescenzen vor¬ 
handen, in deren Bereiche Quaddeln sowohl spontan aufschossen, als 
auch durch einfache Beize zu erzeugen waren, während die gesunde 
Haut diese Urticaria factitia nicht zeigte. Zwei Papeln wurden zum 
Zwecke histologischer Untersuchung exstirpirt. 

*) Die Beferate über die in diesen Bericht aufgenommenen Vor¬ 
träge sind, abgesehen von unwesentlichen Acndcrungen, Autorreferate der 
betreffenden Herren Vortragenden. Ref. 

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Bericht der Scetion für Dermatologie und Syphilis 


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Vortragender bespricht sodann zunächst die Befunde der früheren 
Autoren: Thin, G. und F. E. Hoggan, Colcott Fox und Pick, 
welche Papeln der Urticaria pigmentosa untersuchten. Die drei erste* 
ren stimmen in ihren Darstellungen darin überein, dass sie eigen¬ 
tümlich grosse, klare Zellen in grosser Menge in ein aufs höchste 
rareficirtes Bindegewebe eingelagert sein lassen. Thin und Fox halten 
dieselben für gewöhnliche, Hoggan für ödematöse Granulations- resp. 
Wander-Zollen. Letzterer fand kein freies Oedem wie Fox. Das 
Pigment versetzen diese Autoren grösstenteils oder ausschliesslich 
in die Oberhaut. Die Befunde von Pick weichen von den erwähnten 
weit ab, indem derselbe Pigment und Blutextravasate in der Cntis 
constatirte, von Pigment in der Oberhaut, Oedem und eigentümlichen, 
geschwulstartig angeordneten Zellen aber nicht spricht. 

Herr Unna fand an den exstirpirten Papeln zunächst wie Thin, 
Hoggan, Fox, ein der Cutis kappenförmig aufgesetztes, rareficirtes 
Bindegewebe, erfüllt von eigenartigen, polygonalen, grossen Zellen; 
ausserdem aber constatirte er zwei Zustände an seinen Präparaten, 
indem an vielen Schnitten (Quaddelzustand) dieses rareficirte Binde¬ 
gewebe ödematös gespreizt, von Lücken durchsetzt erschien, welche 
an anderen (ungereizter Zustand) fehlten. Das Oedem sass also zwi¬ 
schen den Zellen (mit Fox gegen Hoggan), das Pigment lediglich 
in der Oberhaut. Die specifischen eingelagerten Zellen erwiesen sich nach 
auf das verschiedenste variirten Tinctionsraethoden als Mast zellen, 
die Erhebung der persistirenden Papel also als eine reine Mast¬ 
zellengeschwulst. 

Zur Urticaria simplex übergehend, bespricht Vortr. zunächst 
kritisch die Geschichte ihrer Anatomie, speciell die Ansichten von G. 
Simon, Hebra, Neumann, Rindfleisch, Cohnheim, Renant, 
Vidal, Auspitz, Schwimmer. Aus dieser Uebersicht geht nur so 
viel hervor, dass die Urticari; quaddel ein auf Nervenreiz entstandenes, 
von vasomotorischen Störungen begleitetes Oedem sehr flüchtiger Na¬ 
tur ist. Genaue Beobachtung lehrt aber noch weitere Eigentümlich¬ 
keiten der Quaddel. Es besteht ein elastisches Oedem, dessen 
Wegdrücken durch ein in der Nähe liegendes Hinderniss erschwert 
wird. Weiter zeigt sich in merkwürdigem Contrast zu dem zähen 
Verharren des Exsudates an dem Orte seiner Entstehung, ein ra¬ 
scher Schwund der Quaddel auf gewisse chemische oder toxische 


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der 59. Naturforscher-Versammlung zu Cerlin 1886. 


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Beize. Offenbar steht das Hinderniss der Lymphabfuhr unter Nervon- 
commando. 

Eine künstlich durch Brennnessel auf mensclilicher Haut er¬ 
zeugte Quaddel zeigt folgenden Befund: Oberhaut, Knäueldrüsen, 
Haarbälge und Muskeln sind völlig normal. Oie einzige pathologische 
Veränderung findet sich in der Cutis, besonders ausgeprägt in deren 
unterem Abschnitt in Form von ovalen grossen Spalten und Lücken, 
welche theils erweiterten Lymphgefässen, theils auf das höchste er¬ 
weiterten Lymphspalten entsprechen. Dieses Oedem nimmt von der 
unteren Cutisgrenze nach oben und unten hin ab. Die Hauptlücken 
finden sich in der Umgebung der grossen Blutgefässe. Wanderzellen 
und Mastzellen sind der Norm gegenüber nicht vermehrt. Im Gegen¬ 
satz zur Urticaria pigmentosa, wo sicli das Oedem hauptsächlich in 
dem oberflächlich gelegenen rareficirten Bindegewebe ansammelt, sitzt 
das Oedem der gewöhnlichen Quaddel zumeist an der unteren Cutis¬ 
grenze, so lange keine secundären Processe zur Quaddelbildung hin- 
zutreten. Der Vortr. zeigt nun, dass die Annahme eines Spasmus 
der grösseren Hautvenen, welche normalerweise der Lymph- 
resorption dienen, sowohl die histologischen, wie alle klinischen Details 
der Quaddelbildung ausreichend erklärt und gibt, auf dieser Hypo¬ 
these fassend, eine möglichst erschöpfende Theorie der Quaddel¬ 
bildung. 

Eine Discussion über diesen Vortrag findet nicht statt. 

II. Sitzung: Montag, den 20. September, 1 Uhr Nachmittags. 

Vorsitzender: Herr Pick (Prag). 

Stellvertretender Vorsitzender: Herr Kaposi (Wien). 

Herr Tonton (Wiesbaden): Demonstration von Xanthompräparaten. 

Der Vortragende gibt einige kurze Erläuterungen zu seiner De¬ 
monstration mit Beziehung auf seine Arbeit: Ueber das Xanthom 
(Vierteljahressohr. fürDermat. und Syphilis 1885). Es sind zehn Prä¬ 
parate aufgestellt, von denen die sieben ersten dem flachen Xanthom 
der Augenlider, die drei anderen dem Fall von universellem Knöt- 
chenxanthom entstammen. Ucbersichtspräparate (mit Indulin und Ve¬ 
suvin oder Boraxcarmin doppoltgefarbt) zeigen das gegenseitige Ver- 
hältniss d»r faserigen Bestandteile der Geschwulst zu den zelligen, 


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184 


Bericht der Section für Dermatologie und Syphilis 


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besonders den Xanthomzellen. Die übrigen geben theils Aufschlags 
über die Herkunft der Xanthomzellen von Bindegewebszcllen, theils 
lassen sie die Xanthomzellen im noch fetthaltigen oder im entfetteten 
Zustande, sowie in ihren verschiedenen Abarten (pigmentirte Xanthom¬ 
zellen, xanthomatöse Riesenzellen) erkennen. Ein Präparat zeigt meh¬ 
rere in Confluenz begriffene grosse Xanthomzellen. 


Es wird ein Brief des Herrn Petersen (Petersburg) verlesen, 
in welchem er die bisher angewandten Tripperspritzen verwirft und 
dafür den von ihm ausgestellten Urethral-Irrigator empfiehlt. 


Herr Neisser (Breslau) stellt den einstimmig angenommenen 
Antrag: Die in Berlin versammelte Section für Dermatologie und Sy¬ 
philis beschliesst, sich auch auf dem Wiesbadener (Kongresse als 
Section zu constituiren. Herr Dr. Touton aus Wiesbaden wird be¬ 
auftragt, den Geschäftsführern des Wiesbadener Congresses diesen Be¬ 
schluss zu übermitteln. 

Herr E. Schwimmer (Budapest): Heber Tuberculose der Haut 
und Schleimhäute. (Der Vortrag findet sich unter den Originalien 
dieses Heftes.) 

Discussion: 

Herr Doutrelepont (Bonn) erinnert daran, dass der tuberculose 
Process auch in anderen Organen klinisch different verlaufe, so z. B. in 
den Gelenken, wo er ebenfalls Jahre lang localisirt bleiben könne. Man 
müsse doch sagen, Tuberculose sei da, wo man Tuberkclbacillen finde, 
welche weiter verimpft wieder Tuberculose erzeugen. Nun habe er selbst in 
40 Fällen von Lupus diese Bacillen mit Sicherheit nachgewiesen und zahl¬ 
reiche Experimente bewiesen, dass durch Verimpfung von Lupus Tubercu¬ 
lose hervorgerufen werde. Koch habe die Lupusbacillen in sechzehn Ge¬ 
nerationen gezüchtet, ohne einen Unterschied derselben von Tuberkelba¬ 
cillen constatiren zu können. Darnach müsse man entschieden Lupus und 
Tuberculose für identisch halten. — D. verweist noch auf das von ihm dem 
internationalen Congresse zu Kopenhagen über die Frage erstattete Referat. 

HerrLassar (Berlin): Es kann wohl kaum einem Zweifel begegnen, 
dass in der That zwischen Lupus und Tuberculose ganz bestimmte klinische 
Unterschiede bestehen, welche, unbeschadet der vielfachen Aehnlichkeiten, 
und gleichartigen Eigenschaften beider Processe, eine Trennung derselben 
berechtigt erscheinen lassen. Das diagnostische Verwerthen des Bacillus 
mag vielleicht für den Lupus später von grösserem Werth werden, für die 


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• der 59. Naturforscher-Versammlung zu Berlin 1886. 


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pathologische Auffassung aber bedeutet sein Vorkommen einstweilen weiter 
nichts, als dass der Lupus wahrscheinlich ebenso wie die Tuberculose und 
vielleicht die Syphilis an eine bacilläre Grundlage gebunden ist. Dafflr, dass 
der Lupusbacillus genau dasselbe sei, wie das Tubcrkelvirus fehlt der Be¬ 
weis. Wohl aber ist andererseits zu erwarten, dass man zwischen den ver¬ 
schiedenen, auf den ersten Blick auch bezüglich ihrer Rcactionen überein¬ 
stimmenden Bacillenformen mehr und mehr unterscheiden lernt und nicht 
bei dieser Gelegenheit in denselben Fehler verfallt, wie seiner Zeit als das 
Auftreten von Riesenzellen die Identität der heterogensten Processe bedeu¬ 
ten sollte. Im Augenblicke, wo man zwischen dem bei Lupus Vorgefundenen 
und dem Tuberkelbacillus einen mikroskopischen oder culturellen Unter¬ 
schied feststellt, wird die Annahme der Einheit dieser Processe ihren we¬ 
sentlichsten Stützpunkt verlieren und man wird wieder, wie bisher, in ihnen 
namentlich anatomisch verwandte, aber doch selbstständige Krankheits- 
fonnen erblicken. 

Herr Lewinski (Berlin) weist darauf hin, dass die klinisch diffe¬ 
renten Erscheinungen nicht ohne Weiters den Rückschluss auf eine Ver¬ 
schiedenheit in dem Wesen krankhafter Processe gestatten. So zeigten 
die acute Miliartuberculose und die chronische Lnngenphthise gewiss 
ganz verschiedene Krankheitsbilder und doch gebürten beide unzweifelhaft 
zusammen. 

Herr Geber (Klausenburg) widerspricht der Annahme des Vortra¬ 
genden, dass der Lupus sich immer zunächst auf der äusseren Haut ent¬ 
wickle und von dieser erst auf die Schleimhaut übergreife. Die Krankheit 
könne vielmehr auch primär auf der letzteren entstehen. Was das Vorkom¬ 
men der Tuberkelbacillen beim Lupus betreffe, so habe er sie allerdings 
häufig vermisst, doch wolle er hier eines Falles von Lupus hereditarius ge¬ 
denken, bei dem er sie unter ganz eigenthümlichen Umständen vorfand. Es 
wurden bei dem betreffenden Kinde Knötchen des Gesichts zuerst vergeb¬ 
lich auf Tuberkelbacillen untersucht-, als aber ein Jahr später bei demsel¬ 
ben ein Tumor albus auftrat, dessen Secret die Bacillen enthielt, fanden 
Mch solche nunmehr auch in einem der Lupusknötchen. G. hält die ganze 
Angelegenheit noch nicht für abgeschlossen. 

Herr N e i s s e r (Breslau) glaubt den Ansichten des Vortragenden in 
verschiedenen Punkten widersprechen zu müssen. Erstens sei er der ent¬ 
schiedenen Meinung, dass die lupöse Infection ungleich häufiger von den 
Schleimhäuten als von der äusseren Haut ausgehe. Freilich sei es sehr 
schwierig, diesen primären Lupus der Schleimhaut als solchen zu erkennen; 
gewöhnlich werde die mit Krustenbildung und Eiterung einhergehende 
Affection auf der Nasenscbleimhaut z. B. jahrelang für ein Eczem, ein so¬ 
genanntes scrophulöscs Eczem, gehalten, bis der Process nach der äusseren 
Haut vordringe, sich hier als Lupus documentire und nun erst ermögliche, 
auch die bisher falsch gedeutete Erkraukuug der Schleimhaut in ihrem wah- 


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Bericht <ler Scrtion für Dermatologie und Syphilis 


reu Charakter zu erkennen. Sodann betont N. ira Gegensatz zu Schwim¬ 
mer die ausserordentlich häufiere Combinalion des Lupus mit echter Tuber- 
culose resp. Scrophulose. Die ungemein sorgfältigen Untersuchungen von 
Block haben bis zur Evidenz, wenigstens für das Breslauer Material, 
diese Beziehung festgestellt, ein Factum, welches um so wichtiger erscheine, 
als man auch sonst bis jetzt keine Berechtigung habe, einen Unterschied 
zwischen den Bacillen der Tuberculose und den beim Lupus gefundenen an¬ 
zunehmen, da alle mit beiden Bacillenarten angestellton Versuche die Iden¬ 
tität ihrer Eigenschaften ergehen haben. Die Möglichkeit, dass es sich beim 
Lupus um abgeschwächtes Tuberkelvirus handle, will N. durchaus nicht be¬ 
streiten, doch fehle für diese Hypothese zur Zeit jede thatsächliche Unter¬ 
lage. N. steht nach wie vor auf dem Standpunkte, dass der Lupus gleieli- 
werthig sei den auch in anderen Organen (Knochen, Gelenken, Lungen etc.) 
beobachteten chronischen, tuberculösen Processen. Der Gegensatz zwischen 
Lupus und Hauttuberculose sei nicht grösser, wie der zwischen einer einer 
seit» mit Schwielenbildung abheilenden, andererseits zu acuter Phthise füh¬ 
renden Lungentuberculose. 

Herr Kaposi (Wien) behauptet ebenfalls, dass Lupus an J*r 
Schleimhaut, namentlich der Nase und des Rachens, sehr häufig primär 
vorkomme. Betreffs seiner Ansicht über das Verhältniss zwischen Tubercu¬ 
lose und Lupus erinnert er an seine eingehenden Ausführungen auf dein 
Kopenhagener Congress. Er betont besonders nachdrücklich die Wichtigkeit 
des Festhaltens an der klinischen Unterscheidung zwischen beiden Proces¬ 
sen für die Diagnose. Wenn man, wie angegeben wurde, nicht selten 
Eczem diagnostocire, wo es sich um Lupus handle, den man nur noch nicht 
zu erkennen in der Lage sei, so liege der Fehler nicht in der Sache; bei 
sorgfältiger Prüfung und Beobachtung sei die Diagnose sicher zu stellen. 
Der klinische Unterschied zwischen echter Tuberculose der Haut und Lupus 
sei so gross, dass man letzteren wohl eher mit Syphilis oder Lepra ver¬ 
wechseln könne. Es sei daher vollkommen gerechtfertigt und nothwendig. 
dass man vorläufig, so lange die Identität beider Processe nicht stringenter 
bewiesen sei, als bisher, vom klinischen Standpunkte aus an der Unterschei¬ 
dung von Lupus und Tuberculose fcsthalte. 

Herr G. Lewin (Berlin) bestätigt die Beobachtung Sc hw im me r's. 
dass Tuberculose meist primär in den Schleimhäuten auftrete. Gleichzeitig 
macht er darauf aufmerksam, dass Geschwüre, namentlich syphilitische, aut 
der Zunge, im Pharynx und Larynx eines Tuberculösen erst durch dessen 
Sputa tuberculös inficirt werden können. Solche Ulcerationen widerstehen 
alsdann der antisyphilitischen Behandlung, ja vergrüssern sich unter ihr 
bisweilen. Einen derartigen Fall aus seiner Klinik führt L. an. 

Herr Schwimmer steht den Ausführungen Lassar’s am nächsten. 
Doutrelepont gegenüber weist er auf die Unsicherheiten hin, welche ge- 


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der 69. Naturforscher-Versammlung zu Berlin 188*». 


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legentlich der Untersuchungen über die Syphilisbacillen zu Tage getreten 
seien. Habd man doch auch eine Verwechslung zwischen Sinegma- und Tu¬ 
berkelbacillen nicht für ausgeschlossen erklärt. An seiner Ansicht von der 
Seltenheit des primären Schleimhautlupus hält er fest. 

Es spricht hierauf: 

Herr Geber (Klausenburg): Ueber Granuloma fungoides. 

Der Vortragende weist zunächst darauf hin, dass sich während 
des letzten Jahrzehntes die Beobachtungen betreffs dieser Krankheit 
ausserordentlich gemehrt haben, dass aber nichts destowoniger Man¬ 
ches an dem so eigenartigen Processe unaufgeklärt geblieben ist, 
Anderes zu lebhaften Gegensätzen geführt hat. Gerade der letztere 
Umstand veranlasst© ihn, das vorliegende Thema zum Gegenstände 
einer Besprechung, respective einer etwaigen Discussion zu wählen. 
Seit seiner ersten Publication hat er zwei neue Fälle dieser Erkran¬ 
kung zu beobachten Gelegenheit gehabt, deren ersten er im Jahre 
1883 der Klausenburger medicinisch-physikalischen Gesellschaft vor¬ 
stellte. Er betraf einen circa sechzigjährigen Landmann, der sich am 
10. März desselben Jahres, von einem, über den ganzen Körper ver¬ 
breiteten, angeblich seit einem Jahre bestehenden, unstillbaren Jucken 
geplagt, aufnehmen liess. Die Diagnose lautete zunächst: Eczema 
chronicum capillitii et trunci; doch fiel schon damals auf, dass sich 
auf dem sonst ziemlich gleichmässig verbreiteten, diffusen squamösen 
Eczem hier und da, über dem Brustbein, am Kücken, in der Scroto- 
Feinoralfalte scharf umschriebene, nässende Stellen markirten, die 
das Niveau der umgebenden Haut um 1‘/j bis 2 Millimeter über¬ 
ragten. 

Trotz der sorgsamsten und in der verschiedensten Weise modi- 
ficirten Behandlung liess sich das unablässige Jucken nicht dauernd 
heben und wenn auch einige der erhabenen, nässenden Stellen flach 
wurden, von der Peripherie her sich überhäuteten und fast bis zur 
Unkenntlichkeit abblassten, so traten statt ihrer Nachschübe auf 
gesundem oder schon in gleicher Weise erkrankt gewesenem Boden in 
einer Zahl auf, welche die der schwindenden Efflorescenzen entschie¬ 
den übertraf. 

Aber auch die Intensität des Ausschlages hatte sich inzwischen 
gesteigert; ein grosser Theil der erhabenen Stellen war in die Dauer* 
form übergegangen, hatte ein drüsig papilläres Aussehen gewonnen 

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Bericht der Scction für Dermatologie und Syphilis 


und an Umfang zugonommen. So war (wie zwei horumgereichto Ab¬ 
bildungen erkennen lassen) eine geschwulstartige Erhabenheit in der 
Gegend des Brustbeines während zweier Monate um 5 Mm., eine 
andere in der Lendengegend um 7, eine frisch entstandene in dir 
Achselgegend im Verlaufe eines Monates um 3'/ 2 Mm. gewachsen. 
Inmitten des einen knotigen Infiltrates trat nekrotischer Zerfall, wie 
bei einem Furunkel auf, welchem hartnäckige Geschwürsbildung folgte. 

Ueber die Bedeutung des Leidens konnte nunmehr kein Zweifel 
mehr sein; die Excision eines Knotens verweigerte der Pat. leider. 
Untersuchung des Blutes zeigte in demselben keine abnormen Bestand- 
theile; die Zahl der rothen Blutkörperchen betrug in Cmm. 3,754.260 
und ihr Verhältniss zu den weissen war wie 1: 28. Hiernach ist die 
Annahme einer lymphatischen Leukämie, welche namentlich franzö¬ 
sische Forscher vertreten, für diesen Fall wenigstens sicher auszu- 
schliessen. — Das Allgemeinbefinden des Kranken war durch das lästige 
Jucken erheblich gestört. Fieber zeigte sich selten und die Tempe¬ 
ratur stieg dann nie über 38'3° C. Dor Urin war stets frei von ab¬ 
normen Bestandtheilen. 

Nach 8'^monatlichem Aufenthalte im Krankenhause wurde 
Patient auf sein Verlangen in ungeheiltem Zustande entlassen. Es 
ging ihm dann die ersten Monate sehr schlecht; indess etwa ein 
halbes Jahr später begann das Leiden spontan sich zu bessern, indem 
einzelne Knoten resorbirt wurden, andere, die geschwürig zerfallen 
waren, vernarbten und nach weiteren drei Monaten waren sämmtlichc 
Erscheinungen geschwunden. Noch neuerdings sah Vortr. den Mann 
wieder und konnte sich von dem Bestände der Heilung überzeugen. 

Bei der zweiten Kranken, einer sechsundreissig jährigen Frau, 
begann das Leiden vor fünfzehn Jahren mit einem fast über den 
ganzen Körper verbreiteten Jucken, das mit einem squamösen Eczcm 
vergesellschaftet war. Die Krankheit, auf welche therapeutische Ein¬ 
griffe bestenfalls einen ganz vorübergehenden Einfluss übten, zeigte 
öfter spontane Remissionen, doch war Pat. innerhalb jener fünfzehn 
Jahre nur zweimal ganz frei von Jucken und Ausschlag und zwar 
unmittelbar nach einer überstandenen schweren Variola und dann 
nach einer Pneumonie. 

Als Vortr. die Kranke im November 1885 das erste Mal zu 
Gesicht bekam, machte der Ausschlag den Eindruck einer Combination 
von Psoriasis vulgaris und Eczema chronicum, obwohl eine, über grosse 


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fler 59. Nalurforsrlier-Vcniaminlunp zu Berlin 1886. 


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Strecken sich ausdehnende Verdickung, Steifheit und anscheinende 
Verkürzung der Haut, auch die Diagnose einer Sclerodennia univer- 
salis nicht völlig von der Hand weisen liess. Neben den letzter¬ 
wähnten Erscheinungen zeigte sich an der Streckseite der Glied¬ 
massen und an verschiedenen Stellen des Stammes ein theils flächenhaft 
ansgebreitetes, theils auf scharf umschriebene, geröthete, mit Schrunden 
besetzte Stellen beschränktes, intensives Schuppen. Von der Pat. 
selbst wurden tief im Corium eingebettete Knötchen von normaler Farbe 
als Quelle ihres Juckens bezeichnet; dieselben zeigten sich bei weiterer 
Beobachtung identisch mit allmälig zum Vorschein kommenden hasel- 
bis wallnussgrossen, röthlichen Erhabenheiten, die meist persistirten 
und, wenn sie zu schwinden schienen, stets ein geringes Infiltrat 
zurückliessen. 

Um zunächst die das Krankheitsbild coraplicirenden Beizungs¬ 
zustände zu beseitigen, wurde die Pat. zwischen Bettlaken gelegt und 
mehrere Wochen hindurch mit Oleum jecoris aselli äusserlich behan¬ 
delt. Die Haut wurde in Folge dessen geschmeidiger, die Schrunden 
überhäuteten sich, die Schuppenbildung liess nach, das Jucken wurde 
etwas geringer und es traten nunmehr allenthalben thalergrosse, oder 
durch Confluenz bis mehrfach flachhandgrosse, eczematöse Stellen 
hervor, die sich aber den üblichen Behandlungsweisen gegenüber ganz 
aussergewöhnlich hartnäckig erwiesen, auf den geringsten Reiz hin 
wieder erschienen und mit jeder Exacerbation umfangreicher, derber 
und erhabener wurden. 

Die schon erwähnten Infiltrate zeigten vielfach ganz ähnliche 
Rückbildungsvorgänge, ohne völlig zu verschwinden. Bei der weiteren 
Entwickelung nahm der Ausschlag immer mehr das Aussehen und die 
Eigenschaften einer chronischen Urticaria an, wobei durch Confluenz 
mehrerer Efflorescenzen allerlei Kreisformen entstanden. Rückbildung 
trat nun immer seltener ein, vielmehr persistirten die Bildungen meist, 
vergrösserten sich in allen Dimensionen und gingen früher oder 
später, indem sie erweichten, ans dem entzündlichen Reizstadium in 
das des Zerfalles über. 

Als die Kranke nach siebenmonatlicher Behandlungsdauer ent¬ 
lassen wurde, war in Folge der durch das fortwährende Jucken 
gestörten Nachtruhe und eines häufig auftretenden Gastricismus auch 
das Allgemeinbefinden ein recht schlechtes. 

Die histologische Untersuchung excidirter Knoten zeigte im 


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190 


Bericht der Secliou für Dermatologie und Syphilis 


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Stratum papillare ein reticulirtes Gewebe, wie es Vortragender schon 
in seiner ersten Publication beschrieben hat. Directe Uebertragungen 
von Blut und von Schuppen der eczematösen Stellen anf Mensch 
nnd Thiere blieben völlig resultatlos. Die Ueberimpfung von viscidem 
Secret auf Pleischinfuspeptongelatine-Platten liessen bei 37—38 5 
schon nach 24—36 Stunden einen graulichen Schimmer zeigende 
Hügelchen entstehen, welche in den folgenden drei bis vier Tagen sich 
peripherisch vergrösserten, vom Ende der ersten Woche ab aber die 
Gelatine verflüssigten. In Eprouvetten ergaben Impfungen mit dem¬ 
selben Materiale Culturen mit zarten stalactitenähnlichen Fortsätzen, 
die sich als solche von Staphylococcus aureus erwiesen. Die Aussaat 
auf Kartoffelscheiben fiel negativ aus. Dagegen fand Vortragender 
an mikroskopischen Präparaten, die nach Gram’s Methode behandelt 
und mit Oelimmersion und Abbe’scher Beleuchtung (Obj. 14, Oc. 3) 
untersucht wurden, sowohl zwischen den Bindegewebsfibrillen, wie 
auch um die Blutgefässe Mikrococcen, Diplococcen und Streptococcen, 
von 0*5 —6 0 fi Durchmesser. Dass dieselben aber Blutgefässe throm- 
bosirt hätten, konnte trotz sorgfältigster Prüfung nicht constatirt 
werden. 

Da nun Reinculturen zu keinem Ziele führten, Ueberimpfungcn 
nicht hafteten, da ferner die Coccen unabhängig von den übrigen 
Erscheinungen anzutreffen waren und an Grösse sehr variirten, be¬ 
trachtet Vortragender die gefundenen Mikroben als accidentelle, welche 
für das Wesen des fungoiden Processes jedenfalls keine pathogenetische 
Bedeutung haben. 

Herr Köbner (Berlin): Ueber Myoosis fungoides (Alibert). 

Der Vortragende hat in den letzten Jahren zwei Varietäten 
dieser von ihm früher unter dem Namen der „multiplen beerschwamm¬ 
ähnlichen Papillarge8chwülste“ in die deutsche medicinische Literatur 
cingeführten und den Granulationsgeschwülsten eingereihten Krank¬ 
heit beobachtet, nämlich eine umschriebene, mehr sesshafte und eine 
in ausgebreiteten Eruptionen auftretende Form, welch letztere nach 
wechselnder Resorption einiger und immer vermehrtem Aufschiessen 
neuer Knoten, sich über den ganzen Körper ausbreitet, und durch 
Ulcerationen und massenhafte Absonderung aus den Geschwülsten, 
durch erschöpfende Diarrhöen odor auch Darmblutungen zu Cachexie 
oder, wie in seinem letzten Falle durch Nephritis zur Urämie führt. 


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der 19 . NMurforsrher-Vcrsamniluiig zu Berlin 1PPf>. 


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Er bezweifelt, dass die ersterc Form (nach Vidal und Brocq) kein 
entzündliches Vorstadium habe, sondern „tumeurs d’emblöe“ darstelle 
und dass sie eher noch letaler verlaufe, als die universelle. Sein 
einschlägiger, der Berliner mediciniscben Gesellschaft 1883 demon- 
strirter, sowie sein 1864 aus Paris beschriebener Fall zeigten jenes 
Vorstadium auf das deutlichste in der Nähe der einzelnen, zerstreuten 
Tomoren. Auch gelang es dem Vortragenden zum ersten Male einen 
solchen Fall zu heilen und zwar durch Arsenik innerhalb drei 
Monaten. 

Nach kurzer Darstellung des Verlaufes der zweiten, häufigeren 
Varietät in vier Stadien resumirt der Vortragende die mikroskopische 
Structur dieser Geschwülste als auf chronischer Entzündung beruhend 
•Infiltration massenhafter, zuerst um die subpapillaren Gefässe, später 
längs des gesammten Gefässnotzes des Coriums bis in das Fettgewebe 
angehänfter Lymphkörperchen resp. Granulationszellen zwischen den 
Bindegewebsfasern und mit äusserster Verdrängung derselben unter 
gleichzeitiger Wucherung der fixen Bindegewebszellen). 

Weder diese Structur, noch vor allem die klinischen vom Vor¬ 
tragenden besonders geltend gemachten Eigentümlichkeiten berechtigen 
zur Verwechslung mit allgemeiner Sarcomatosc (Port, Kaposi). 
Solche unterscheidenden klinischen Merkmale sind: die rapide Ent¬ 
wickelung viel seltener auf gesunder als auf schon entzündotor Haut, 
das intensive Jucken, die leichte Abstreifbarkeit der Epidermis, das 
massenhafte Nässen, die Fähigkeit partieller oder totaler Resorption 
sowohl der flachen Infiltrate des zweiten Stadiums, als der Knollen 
des dritten, der meistens oberflächliche Zerfall und die Möglichkeit 
rascher, therapeutisch erzielbarer Vernarbung auch bei ausnahmsweise 
tieferer l'lceration, sowie die völlig benigne Verheilung nach Excision 
selbst noch innerhalb der Geschwulstmasse. Anatomisch sind als 
Todesursachen zu constatiren: Complicationen seitens der Lungen, 
d (, s Darmkanals oder der Nieren, hie und da nur die vorgeschrittenste 
Cachexie ohne besondere Organbefunde, wahrscheinlich öfter als bisher 
angenommen Septikämic; dagegen findet man keine Geschwulst¬ 
metastasen. 

Auch dio Richtigkeit der Anschauung Ranvier's und seiner 
Schüler, welche die Krankheit als „Lymphadenic cutanec“ der Leu¬ 
kämie und Pseudoleukämie zur Seite stellt und sich dabei lediglich 
auf das bindegewebige Reticulum in den Hauttuinorcn stützt, bestreitet 


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192 


Bericht der Section för Dermatologie und Syphilis 


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der Vortragende. Weder sind in diesen die Zellen untereinander so 
gleich wie in Lymphdrüsen, noch gleicht das netzförmige Stroma 
wirklich dem der letzteren, noch findet man, ausser im Stadium der 
Cachexie, Leucocythose des Blotes oder die für Leukämie charak¬ 
teristischen Milz-, Drüsen* und Knochenveränderungen. Gleichwohl kann 
der äussere Habitus dieser Krankheit mehr als Kaposi bei Beschrei¬ 
bung eines Falles von leukämischen Tumoren der Haut annimmt, derart 
durch letztere vorgetäuscht werden, dass de Amicis hinter einer 
typischen Beobachtung von Mycosis fungoides einen classischen Fall 
von Leukämie der Drüsen, Milz, Knochen und Haut als vermeintlich 
gleichartig und zur Stütze von Banvier’s Lehre beschreibt und ab¬ 
bildet. Auch der von Kaposi für die Leukämie der Haut gewählte 
Name Lymphodermia perniciosa ist unzweckmässig, weil zur Ver¬ 
wechslung der Diagnose mit Mycosis fungoides geeignet; allein passend 
erscheint die Bezeichnung Leukämia cutis. 

Des Vortragenden Untersuchung seiner beiden Fälle auf Bac¬ 
te rien fiel in, mit sämmtlichen neueren Färbungsmethoden, besonders 
auch derjenigen von Gram und von Lustgarten behandelten 
Schnitten von jüngeren und grösseren Tumoren, die beide Male bei 
Lebzeiten vor dem Auftreten irgend welcher Ulcerationen am Körper 
exstirpirt waren, im zweiten Falle überdies an 9 hör. post mort. 
excidirten, negativ aus. Schon deshalb kann Herr Köbner anck 
seinen von Saft und Gewebe einiger (mikroskopisch mit negativem 
Resultate untersuchter) Hautknoten auf Nährgelatine gezüchteten 
Staphylococcen keinen Werth beilegen, obgleich sich dieselben bis in 
die vierte Generation rein fortpflanzen Hessen. Sie erwiesen sich über¬ 
dies als Culturen von Staphylococcus aureus, während andere ans 
einer entzündlich geschwollenen, die Lymphe aus dem Hautbezirk 
desselben Knoten beziehenden Lymphdrüso, sowie aus der (fettig 
degenerirten) Niere gezüchteten Culturen Staphylococcus albus dar¬ 
stellten — also vulgäre und untereinander verschiedene Coccenarteu, 
deren erste auch Hochsinger und Schiff, aber aus einem „ulce- 
rirten Granulom“ gleichwie aus einer Schuppe einer Eczemplaque ihrer 
Patientin gezüchtet und abgebildet, aber für pathogen erklärt hatten. 
Ebensowenig beweisend ist ihre jüngste Züchtung einer angebHchen 
Reincultur von Bacillen aus einer monatelang aufbewahrten, früher 
ausnahmslos in allen Generationen Coccen fortpflanzenden und auch 
bei der neuesten Aussaat nur Coccen enthaltenden Muttercultur. Ge- 


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•k*r 59. Naturforscher-Versammlung zu Berlin 1886. 


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websstücke von Hautinfiltraten, welche an nnmittelbar zuvor durch 
Schwefelcalcium enthaarten und nach multipler Scarification mit jenen 
Bacillen eingeriehenen Hautstellen von Kaninchen schon am nächsten 
Tage erschienen waren, zeigten gar wieder lediglich Coccen, ebenso 
die Beinculturen von Schüppchen jener arteficiellen Hautinfiltrato der 
Kaninchen. Hochsinger’s Abbildungen und Beschreibungen von haupt¬ 
sächlich intracellulär liegenden Coccen, von diffuser Coccenbestäubung 
der Bindegewebsfasern erklären sich nach Ansicht des Vortragenden 
zum Theil durch Granula in den Lymph- und den epithelioiden Zellen, 
die trotz Gram's Methode blaugefärbt bleiben, theils durch Mast¬ 
zellen oder selbst Farbstoffniederschläge. Die wirklichen Streptococcen¬ 
ketten aber, welche Rindfleisch ausschliesslich in den Blut¬ 
gefässen, Hammer nach ihm, an demselben Fallo auch in den 
Lymphgefassen — niemals wie Hochsinger auch jetzt wieder 
angibt, im Gewebe — von Hauttumoren, sowie in den Blutgefässen 
einer Lymphdrüse, der Lungen und Nieren entdeckt haben, sind an 
der Hand der älteren Untersuchungen von Wassili eff und Zie- 
macki (über Mikrococconcolonien in den Blutgefässon bei septikämi- 
schen Erkrankungen) als bei einer nach unzähligen Ulcerationcn und 
sehr hohem Fieber an Septikämio gestorbenen Person, deren Leiche 
überdies vorgeschrittene Fäulniss selbst der Lungen und des Rücken¬ 
markes zeigte, als secundär resp. postmortal entwickelt anzusehen. 
Unter Hinweis auf sein bereits am 1. September in den „Fortschritten 
der Medicin“ bezüglich seiner histologischen und bactoriologischen 
Ergebnisse publicirtes Rcsume und auf die umfangreiche, alsbald in 
der „Deutschen mcd. Wochenschrift“ (Nr. 39 und 40) erscheinende 
Pablication seiner neueren Beobachtungen mit allen klinischen und 
pathologisch-anatomischen Details, schloss der Vortragende mit der 
Bemerkung, dass er trotz seiner Beanstandung der bisherigen 
Micrococcenbefunde als irgendwie beweiskräftig, gleichwohl, aber nur 
aus klinischen Gründen, zumeist wegen der Analogie im Verlaufe 
namentlich der zweiten universellen Varietät mit der Lepra, das Leiden 
für eine chronische Infectionskrankheit halte und dass er den, den 
gesammten Symptomencomplex sofort in Erinnerung bringenden und 
vor Allem, wie Besnier urgirt hat, international gemeinverständlichen 
Namen Alibert’s: Mycosis fungoides der Bezeichnung Granuloma 
fungoides, die auch auf manche rein locale, traumatisch entstandene 
Granulationen passe und nicht einmal, wie die seiner Zeit von ihm 

Vierteljabresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887. 13 

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Bericht der Seition für Dermatologie and Syjrtiüis 


selbst provisorisch gewählte, die Mnltiplicität betone, mit mehreren 
neueren Autoren vorziehe. 

Es folgt die 

Discussion 

über die beiden vorausgegangenen Vorträge: 

Herr N e i s s e r hatte bei Untersuchungen, welche Herr C h o t z e n 
auf der Breslauer Klinik anstellte, Gelegenheit in drei Fällen von Granu¬ 
loma fungoides die Anwesenheit von Coccen zu constatiren. Dieselben fan¬ 
den sich jedoch stets nur an solchen Theilen der Knoten, welche ihrer nor¬ 
malen Epithelbedeckung beraubt waren. Hier bildeten sie von aussen mehr 
oder weniger in die Tiefe hineinwuchernde Züge, in denen sie in unregel¬ 
mässiger Weise zu dichten Haufen gruppirt waren; eine typische Anordnung 
als Staphylococcus oder Streptococcus war nicht zu erkennen. In den tiefe¬ 
ren Schichten des Knotens waren trotz sorgfältigster Durchsuchung nirgends 
Bacterien zu sehen. N. hält daher jene Coccenbefunde für rein accidentelle. 
Was die von Schiff angelegten Culturen betrifft, so habe er vor l'/ : Jah¬ 
ren eine ihm von jenem Herrn selbst gütigst übergebene Cultur zu unter¬ 
suchen Gelegenheit gehabt und schon damals in derselben zwei Formen 
constatiren können, erstens einen kurzen feinen Bacillus, der auf Agar-Agar 
mit schmutzig gelber Farbe wächst, zweitens Mikrococcen, die meist zu 
zweien in länglicher Form aneinander liegen; ihr Verhalten auf Agar-Agar 
und Gelatine ist allerdings ein eigentümliches, und N. glaubt nicht, dass 
diese Coccenform unter den bisher näher beschriebenen sich vorfindc. Er 
behält sich darüber nähere Mittheilung vor, ist jedoch nicht der Ansicht, 
dass diese Coccen etwa in einem ätiologischen Zusammenhänge mit dem 
Granuloma fungoides stehen. — Den Namen Granuloma fungoides hält er 
K ö b n e r gegenüber für einen durchaus guten; er gebe jedenfalls weniger 
leicht zu Missverständnissen Anlass, als das Wort Mycosis, unter welchem 
man gewohnt sei, mehr den ätiologischen Begriff „Pilzkrankheit“, als die 
äussere Form „pilzähnlich“ zu verstehen. 

Herr Schiff (Wien) bleibt bei der Ansicht, dass die von ihm und 
Hochsinger beschriebenen Mikroorganismen, von denen er mikroskopische 
Präparate und Culturen demonstrirt, zu der Erkrankung in wesentlicher 
Beziehung stehen. 

Herr G. Lewin hat zwei Fälle von Framboesia fungoides beobachtet. 
Er fand Hypertrophie des Stratum granulosum, welches an einzelnen Stellen 
gegen sechs übereinander liegende Schichten bildete, sowie eine mächtige 
Zunahme des Papillarkörpers, über welchem bedeutendes Granulationsge¬ 
webe lag. Im Bindegewebe zeigten sich zarte reticuläre Bildungen. Patho¬ 
gene Mikroben hat er in den unzerfallenen knolligen Tumoren nicht gefun¬ 
den. Zum tieferen Verständniss der Krankheit empfiehlt er das Studium der 
in den tropischen Gegenden Afrikas epidemischen Framboesia s. Yaws. 


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der 59. Natürforsfhcr-Yersamnilurp zu Berlin 18£6. 


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Dass diese Krankheit dort infectiös sei, wahrscheinlich durch vorhandene 
Mikroben, dafür spreche die MittbeiluDg englischer Autoren, nach der zur 
Zeit der Leibeigenschaft Negerinnen, welche sich durch Wartung ihrer kran¬ 
ken Kinder der Arbeit entziehen wollten, nach den von Yaws vorzüglich 
heimgesuchten Gegenden gingen, um dort ihre Kinder inficiren zu lassen, 
,for to get the yaws“. 

Herr Köbner betont zum Schluss, dass auch Impfungen mit seiosem 
Secret, sowie mit Gewebe und Blut einer Geschwulst seines ersten Kranken 
an diesem selbst ein negatives Resultat ergeben haben. 

Es spricht nunmehr 

Herr Michelson (Königsberg): Heber die galvano-chirurgischen 
Depilations • Methoden. (Eine diesen Gegenstand behandelnde 
grössere Arbeit wird unter den Originalen des nächsten Heftes 
erscheinen.) 

Discussion: 

Herr Karewski (Berlin) betont, dass bei genügender Beherrschung 
der Technik in der galvanocaustischen Methode diese der elektrolytischen 
völlig gleicbzustellen sei, dass beide aber nicht vor Recidiven schützen, 
weil es einfach unmöglich sei, jedes Haar genau in der Richtung und bis 
zur Tiefe der Papille absolut sicher zu treffen. 

III. Sitzung: Dienstag, den 21. September, 1 Uhr Nachmittags. 

Vorsitzender: Herr Doutrelepont (Bonn). 

Stellvertretender Vorsitzender: Herr Caspary (Königsberg). 

Vor der Tagesordnung demonstrirt 

Herr G. Lew in Zeichnungen von Granuloma fungoides und 
zwar von zwei eigenen Fällen, und von denen der anderen Autoren, 
die er zur Uebersicht für seine klinische Vorlesung hat anfertigen 
lassen. Ausserdem erklärt er mehrere mikroskopische Präparate, theils 
eigene, theils solche, welche Prof. v. Trautvetter in Warschau ihm 
gütigst übersandte. 

Herr Shoemaker hat seinen Vortrag über Hamamelis virgi- 
nica in englischer Sprache eingesandt. 

Als erster Gegenstand der Tagesordnung folgt der Vortrag des 

Herrn G. Behrend (Berlin): lieber die klinischen Grenzen der 
Alopecia areata. 

Anknüpfend an die Discussion, welche über Alopecia areata 
auf der vorjährigen Naturforscherversammlung in Strassburg geführt 

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wurde (s. Viertcljahrcsschr. 1885, p. 667), und in welcher v. Seh¬ 
len und Lassar die ohne Widerspruch aufgenorameno Behauptung 
aufstollten, es gebe eine Alopecia areata entzündlichen Charakters, 
weist der Vortr. nach, dass diese Vorstellung keineswegs neu sei, 
dass sie die Ansicht des Mittelalters darstelle und nur durch theo¬ 
retische Speculationen in die Wissenschaft hineingelangt war. Denn 
während Colsus unter Area nur diejenigen Formen circumscripteu 
Haarausfalles progressiven Charakters verstand, bei denen die Haut 
weder Böthung, noch Schuppenbildung zeigte, wurden von den spä¬ 
teren Schriftstellern diese Symptome nach und nach hinzugedeutelt, 
bis erst Will an wieder an der Hand klinischer Thatsachen darthat, 
dass das, was Celsus als Area bezeichneto, einen circumscripteu 
Haarausfall progressiver Natur bei sonst vollkommen normaler Haut 
darstellt, und dass überall, wo Böthung und Schuppcnbildung den 
Haarausfall begleiten, andere Krankheitsformen vorliegon. Diese Auf¬ 
fassung sei auch bis heute massgebend gebliobeu. 

Wie nun einerseits die Ansicht von einer entzündlichen Form 
der Alopccie durch rein theoretische Speculationen in die Wissen¬ 
schaft gelangte, so sprechen andererseits klinische Thatsachen gegen 
das Vorkommen einer solchen, in erster Beihe das Factum, dass 
überall, wo die Kahlheit von Entzündungserscheinungen begleitet ist, 
eine Begeneration des Haarwuchses immer erst nach Beseitigung der 
letzteren stattfindet, dass die Kahlheit in diesen Fällen also ein 
Symptom secundärer Natur und secundärer Bedeutung ist, während 
sie bei der Area im Sinne des Celsus und Willan’s zugleich Symp¬ 
tom und Krankheit selber darstellt. 

Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Grenze zwischen dem 
Eczem, dem Lupus erythematosus und dem Herpes tonsurans des be¬ 
haarten Kopfes resp. dos Bartes einerseits und der Alopecia areata 
andererseits zu ziehen, wobei zu berücksichtigen bleibt, dass bei 
Herpes tonsurans, sobald er längere Zeit bestanden hat, die Entzün- 
dungsersclieinungen zuweilen vollkommen schwiuden, und alsdann eine 
mit Haarstümpfen besetzte, oft nur ganz wenig schuppende Stelle 
von normaler Farbe zurückbleibt, die, wenn cs sich um blonde Haare 
handelt, bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck einer Area 
horvorrufen kann, und vielleicht oft genug mit einer solchen ver¬ 
wechselt worden ist, da dio abgebrochenen, also pilzhaltigcn Haare 
übersehen werden, und die Haare, welche aus dem Follikel heraus- 


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der 59. Naturforsflier-Versanimlung zu Berlin 1880. 


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gezogen werden, keine Pilze enthalten. Zndem gibt es Fälle von un¬ 
zweifelhaftem Herpes tonsurans, bei welchem überhaupt nur ganz 
vereinzelte Haare pilzhaltig sind. 

Hit der besprochenen Frage steht auch die Mikrococcenfrage 
Alopecia areata, die von Thin und von Sehlen wieder angeregt 
worden ist, im Zusammenhang. Wenn man die Geschichte der Area 
nach dieser Richtung durchforscht, so ergibt sich, dass diese Mikro¬ 
parasiten dieselben sind, welche schon Malassez 1874 entdeckt 
und als die Ursache der Alopecia areata angesehen hat; aber anch 
schon 30 Jahre früher (1843) war von Gruby ein Pilz gefunden 
worden, den man in den Vierziger- und Fünfzigerjahren allgemein 
für die Ursache der Area hielt, eine Ansicht, von der man freilich 
albald ebenso allgemein wieder zurückgekommen ist, wie auch von 
dem Areapilz Malassez’s, der in den Untersuchungen v. Sehlen’s 
als neuer Pilz wieder auflebte. Thatsächlich kommt derselbe Coccus 
an gesunden Haaren, wie an solchen bei Alopecia areata, sowie auf 
der normalen Epidermis vor, so dass man beispielsweise nicht sagen 
kann, wie dies v. Sehlen thut, der eine Coccus gehöre der Area, 
der andere dem Eczem an, und dass sich von diesem Gesichtspunkte 
aus keine Grenze für die Alopecia areata ziehen lässt. 

Zum Schlüsse zeigt Vortr. Agar-Culturen von Haaren, die von 
gesunder Kopfhaut entnommen waren, von Knotenhaaren aus den 
Achselhöhlen, sowie von Haaren solcher Personen, die an Alopecia 
areata litten, und zwar stammten die letzteren theils von der Peri¬ 
pherie der Areastellen, theils waren es nachgewachsene Haare. Allo 
zeigten dieselben, theils gelben, theils grauweissen Cocccncolonien; 
an einzelnen fanden sich auch ziegelbrauue, rehfarbene und rosen- 
rothe Colonien. 

Herr Joseph (Berlin): Experimentelle Untersuchungen über die 
Aetiologie der Alopecia areata. 

Vortr. hält sich auf Grund einer Reihe von Experimenten, welche 
er im physiologischen Institute des Herrn Geh. Rath Du Bois-Rey- 
mond mit gütiger Unterstützung der Herren Dr. Gad und Prof. 
Fritsch angestellt hat, für berechtigt, die Alopecia areata als 
eine Trophoneurose, als eine von der Affection trophischer Nerven 
abhängige Erkrankung aufzufassen. 


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Bericht der Section für Dermatologie und Syphilis 


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Bei Katzen, welchen das Spinalganglion des zweiten HhIs- 
nerven mitsammt einem Stöcke der hinteren und der vorderen Wurzel 
exstirpirt war, stellte sich nach 5, 7, 11, 12 bis 27 Tagen ein eigen- 
thümlicher Haarausfall ein. 

Es zeigten sich nämlich an einer oder an mehreren circurn- 
scripten, etwa 20-pfennigstückgrossen Stellen im Ausbreitungsgebiete 
des N. occipitalis major, rainor und auricularis magnus, auf einer 
makroskopisch normalen Haut, an welcher weder eine auffällige. Röthe 
noch Blässe zu bemerken war, die Haare in runden, ovalen od*-r 
etwas länglichen Territorien gelichtet. In Kurzem trat an diesen 
Stellen eine vollkommene Kahlheit ein, und schliesslich hatten die 
kahlen Flächen die Grösse eines 50*Pfennig- bis Markstückes. 

Durch herumgereichte Photographien und Holzschnitte werden 
die Localisationen dieser kahlen Stellen, welche am deutlichsten bei 
doppelseitigen Operationen hervortreten, demonstrirt. 

Weder gröbere Sensibilitätsstörungen, noch Jucken, noch eine 
Pilzerkrankung wurde an den kahlen Flecken gefunden. 

Diese herdweise, scharf umschriebene Kahlheit fasst Vortr. als 
auf trophischer Basis entstanden, als ein Produkt rein trophischer 
Innervationsstörung auf. Der Beweis für die Existenz einer gesonderten 
Fasergattung der trophischen Nerven ist hierdurch erbracht. 

Die mikroskopische Untersuchung der kahlen Stellen bestätigte 
diese Annahme. Es fand sich nämlich eine Atrophie der Haarpapille, 
verbunden mit einem vollkommenen Fehlen des Haares selbst und 
der frühere Standort desselben wurde nur kenntlich gemacht durch 
eine mehr minder starke Pigmcntvcrthcilung. Mitunter fanden sich 
auch nur noch der M. arrector pili und die Talgdrüsen erhalten. 
Mikroskopisch zeigt sich also das Bild der reinsten Atrophie. 

Die Experimente sind ausserdem aber noch für die Dermatologie 
insoferne beachtenswerth, als der beschriebene Haarausfall eine grosse 
Aehnlichkeit mit der Alopecia arcata hat, nicht etwa mit der 
Alopecia ncurotica, bei der es meist nur zu einer Verdünnung 
des Haarwuchses kommt, und wo, wenn totales Defluvium eintritt, 
die kahlen Stellen durchaus unregelmässig sind, Erscheinungen, 
welche bei den Versuchsthieren nicht beobachtet wurden. 

Die Experimente hab,en ausserdem aber auch Aufschluss über 
einige im Auftreten dor Alopecia areata merkwürdige Erscheinungen 
gegeben. 


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der 69. Naturforscher-Versammlung zu Berlin 1886. 


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Zunächst fragte man nach dem Grunde, weshalb die primäre 
trophoneurotische Affection in wunderbar zweckmässiger Weise gerade 
diejenigen Stöcke im Verlaufe der Nervenfasern befalle, welche zu¬ 
sammen das jedesmalige nahezu kreisförmige Gebiet einer Area ver¬ 
sorgen, wobei es also Vorkommen müsste, dass Theile aus der Mitte 
eines Nerven erkrankt sind, dessen peripherische Endungen noch in 
normaler Weise functioniren. 

Der Grund hierfür ist jedenfalls darin zu suchen, dass im 
Gebiete des zweiten Halsnerven für die trophischen Fasern „ge¬ 
meinschaftliche“ und „ausschliessende“ Bezirke bestehen, so 
dass nach der Nervendurchschneidung nur im Gebiete der ausschlies- 
senden Bezirke der Haarreichthum verloren geht. Dass nun nach 
Durchschneidungen an der oben erwähnten Stelle diese peripheren 
trophischen Störungen eintraten, kommt wohl daher, dass hier mit 
den Spinalwurzeln keine Gefässnerven austreten, während nach peri¬ 
pheren Nervendurchschneidungen vielleicht immer ein Antagonismus 
zwischen trophischen und Gefässnerven eine wichtige Rolle spielt. 

Alsdann fehlte früher eine Erklärung für das Uebergreifen der 
wachsenden Area in das Gebiet neuer Hautnerven. Eine Analogie hierfür 
findet sich in einem Experimente des Vortr., in welchem nach doppel¬ 
seitiger Operation sich nicht nur im Gebiete des zweiten Halsnerven 
sondern auch im Trigeminusgebiete und zwar im ersten Aste bilateral 
symmetrisch kahle Flecke einstellten. Die Vermittlung ist hier durch 
die aufsteigendo Wurzel des Trigeminus gegeben, wolche sonach als 
trophische Leitungsbahn aufzufassen ist. 

Zum Schlüsse bespricht Vortr. noch einige Thatsachen, welche 
uns die Klinik für die trophoneurotische Natur der Alopecia areata 
an die Hand gibt. 

Nachtigal hat an den kahlen Stellen eine mehr oder woniger 
starke Verfeinerung und Erhöhung der Sensibilität beobachtet. 

Michelson erhielt von einem Patienten, welcher eine beson¬ 
ders auffallende bilaterale Symmetrie der kahlen Flecke zeigte, eines 
Tages ganz spontan folgende Angabe: Vor Beginn des Haarausfalles 
habe er etwa ein Vierteljahr lang täglich auf einem Sopha im Sitzen 
geschlafen und sei dann oft darüber aufgewacht, dass er in der 
Hautfläche der Scheitelgegend, mit wolcher er gegen das Sopha an- 
lehnte, die Empfindung des Eingeschlafenseins (Unempfindlichkeit, 
Kriebeln) bemerkt habe. 


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Ke rieht der Section für Dermatologio und Syphilis 


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Ausserdem ist eine Beobachtung von E. Wagner interessant: 
Bei einer Kranken, welche an Alopecia areata litt, blieben, als die¬ 
selbe zufällig Masern acquirirte, die kahlen Stellen von dem Exan¬ 
them verschont. Es ist dies eine schöne Analogie damit, dass bei 
Hemiplegikern, welche an einer aenten Infectionskrankheit, z. B. 
Scarlatina oder Morbilli erkrankten, das Exanthem die gelähmten 
Theile freiliess. 

Mehr Beachtung verdient auch der Punkt, auf den von Kopp 
neuerdings hingewiusen ist, dass nämlich für viele Fälle vorherge- 
gangeno Traumen von wesentlicher Bedeutung sind. Vortr. weist auf 
die Analogie mit der „Railway-spino“ hin. 

Sonach hat das Experiment die Existenz trophischer Nerven 
und die Abhängigkeit einer Form des Haarausfalles von trophischen 
Nervenaffectionen sicher constatirt, Sache der Klinik wird es nun 
sein, die pathologisch-anatomische Basis für die Nerven Veränderungen 
bei der Alopecia areata zu geben. 

Vortr. weist noch darauf hin, dass man nach seinen Experi¬ 
menten dem Spinalganglion zunächst noch keine zu grosse Bedeutung 
werde beizulegen haben, da die trophischen Nerven immerhin auch 
durch die vorderen Wurzeln, von denen ein Stück ebenfalls exstirpirt 
war, verlaufen könnten. 

In der 

Discussion 

zu den beiden vorausgegangenen Vorträgen spricht zunächst 

Herr Lewinski sein Befremden darüber aus, dass die Durch* 
schneidung einer sensiblen Wurzel keine Sensibilitätsstörungen in den zu¬ 
gehörigen Hautstellen zur Folge gehabt habe, wie man dies doch nach einer 
allgemein anerkannten Grundlehre der Physiologie hätte erwarten müssen. 
Ohne die Experimente des zweiten Vortragenden im geringsten anzweifeln 
zu wollen, möchte er doch über diesen Punkt gern eine Aufklärung hören. 

Herr Michelson: Ausgangspunkt älterer und neuerer Forschungen 
über die Aetiologie der Alopecia areata seien mehrfach Krankheitsfälle ge¬ 
wesen, in welchen cs sich zwar um herdweise Kahlheit, aber nicht um jene 
Form derselben gehandelt habe, für welche die Bezeichnung Alopecia areata 
(Area Celsi) seit Jahrzehnten im Gebrauch ist. Das klinische Bild dieser 
Aflection biete eine Reihe markanter Züge. Mit Recht sei von dem ersten 
Vortragenden besonders nachdrücklich betont, dass in allen Stadien der Er¬ 
krankung entzündliche Erscheinungen vollkommen fehlen. Diese Thatsache 
stehe mit der Annahme einer parasitären Aetiologie im Widerspruch, da 


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der 59. Ntlurfomher-Versammlung zu Berlin 1886. 


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nach Allem was wir wissen, das cutane Gewebe auf die Einwanderung pa¬ 
thogener Organismen ausnahmslos durch dermatitische Symptome reagirt. 
M. wolle nur noch eine andere sehr charakteristische Eigentümlichkeit der 
Alopecia areata hervorheben, nämlich die Art, wie sich die kahlen Flächen, 
mit Haaren wieder zu decken pflegen. (Auftauchen von „Haar-Inseln“ etc. 
Näheres in v. Ziemssen's Handb. d. Hautkrankb. Bd. II, S. 131 u. 132.) 
Zur Erläuterung legt Redner eine Anzahl von Photographien vor. Dieser 
Modus der Haar-Restitution erinnere an die unregelmässige Art der Wie¬ 
derbehaarung, die er selbst nach experimenteller Verletzung von Haut- 
Nerven an der im Ausbreitungsbezirke derselben vorher rasirteu Kaninchen- 
haut habe zu Stande kommen sehen. Durch Nerven-Traumen Haarausfall 
zu erzielen, sei ihm nicht gelungen, indess habe Joseph mit anderer Me¬ 
thodik experimentirt. Wenn sich die Richtigkeit der Beobachtungen des 
letzteren bestätigen sollte, so habe damit die trophoneurotische Theorie der 
Alopecia areata die solide Grundlage gewonnen, an der es ihr bisher fehlte. 
Man könne auch die bilaterale Symmetrie der Areae zu Gunsten der neuro¬ 
tischen Theorie geltend machen; wie Schulthess und Wyss, fiel M. diese 
allerdings nicht constante Erscheinung in mehreren Fällen, deren Photo¬ 
graphien er demonstrirt, auf; ganz exquisit war sie in dem von Joseph 
erwähnten Fall des Uhrmachers Sch. vorhanden. Auch die besonders wäh¬ 
rend des Initialstadiums nicht selten auftretenden Parästhesien im Bereich 
der erkrankten Hautbezirke weisen auf eine Mitbetheiligung des Nerven¬ 
systems bin. 

Zu Gunsten der parasitären Theorie habe man hauptsächlich angeführt: 
1. Die concentri8che Ausbreitung der Areae, 2. die angeblich, in einigen 
Fällen beobachtete Contagiosität, 3. die Wirksamkeit antimycotischer Be¬ 
handlungsmethoden. Das peripherische Fortschreiten der Areae scheine 
schwer vereinbar mit der Angabe v. Sehlen’s, dass die pathogenen Mikro¬ 
organismen ihren Sitz ausschliesslich in der inneren Wurzelscheide des 
Haares haben; übrigens sei auch die innere Wurzelscheide für die Ernäh¬ 
rung des Haares gar nicht so wichtig, dass eine Einwanderung der Para¬ 
siten in dieselbe eine Sistirung der weiteren Haarproduction zur nothwen- 
digen Folge haben müsse. Hinsichtlich der behaupteten Contagiosität lehrt 
M.'s eigene, sich auf ein nicht unbeträchtliches Beobachtungsmaterial er¬ 
streckende Erfahrung, dass Ansteckung selbst da ausblieb, wo die aller- 
günstigsten Bedingungen für eine solche vorhanden waren (vergl. den Vor¬ 
trag: Die Symptomatologie der Alopecia areata. Referat: Monatsh. f. prakt. 
Dermat. 1886, Nr. 2); er sei von der Nichtübertragbarkeit der Krankheit 
auf das festeste überzeugt und vermuthe, dass in den wenigen literarisch 
bekannt gegebenen Fällen ansteckender Alopecia areata eine Verwechslung 
mit torpiden Formen der Mycosis tonsurans (Liveing's trichophytäre Alo- 
p«cia, „bald tinea tonsurans“; Tilbury Fox’ tinea decalvans) stattge¬ 
funden habe. 

Es existirten ein paar Angaben über Erkrankung von Gliedern der- 

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Belicht der Serlion Oir Dermalologic und Syphilis 


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selben Familie an Area Celsi; seitens der Anhänger der parasitären Theorie 
sei versucht worden, auch diese Fälle im Sinne der Contagiosität zu ver- 
werthen. In seiner eigenen Praxis habe M. nur zwei derartige Beispiel»* 
kennen gelernt. Die eine Beobachtung betraf Vater und Sohn ; letzterer war 
erwachsen und lebte zur Zeit der Erkrankung schon lange nicht mehr im 
elterlichen Hause. Noch schlagender ist die zweite Beobachtung. Durch die 
Güte eines Collegen wurde M. vor einiger Zeit die elfjährige Nichte des 
früher von ihm (M.) in Volkmann’s Sammlung klin. Vortr. Nr. 120 be¬ 
schriebenen Patienten Sohf mit einer frisch entstandenen Area zngeffihrt. 
das kleine Mädchen hatte aber seinen, seit vielen Jahren auswärts lebenden 
Onkel überhaupt noch niemals gesehen. 

Der Wirksamkeit antiparasitärer Mittel endlich könne gar keine 
weiskraft beigemessen werden; denn es sei anerkannt, dass die benignen 
Fälle von Alopecia areata nicht selten auch ohne jede Behandlung in ver* 
hältnissmässig kurzer Zeit zur Heilung gelangen. 

Was nun die, bei Alopecia areata von verschiedenen Forschern ge¬ 
fundenen Pilze anbelangt, so hätten die bezüglichen Entdeckungen einer 
unbefangenen Nachprüfung noch niemals Stand gehalten, v. Sehlen’s Area- 
Coccen, um nur auf diese einzugehen, gehörten nach Bizzozero’s, Bor- 
doni - Uffreduzzfs und M/s eigenen Untersuchungen (Fortschr. d. Med. 
1886, Nr. 7) zu den Epipbyten der normalen Haut; mikroskopische Prä¬ 
parate, die dies erhärten, wird M. in einer der nächsten Sitzungen 
vorlegen. 

Herr Doutrelepont spricht sich, auf Untersuchungen seines Assi¬ 
stenten, Dr. Bender, fusscnd (Deutsche med. Wochenschr. 1886, Nr. 46) 
ebenfalls gegen die pathogene Natur der v. Sehlen’schen Coccen aus, 
welche er nicht blos bei Alopecia areata, sondern auch bei völlig gesundem 
Haarwuchs gefunden und gezüchtet hat. — Ebenso erklärt sich 

Herr Neu mann (Wien) gegen die Anschauung von der parasitären 
Natur der Alopecia areata. Nie ist es ihm gelungen, Pilzeleraente bei dieser 
Krankheit zu finden. Er macht ferner auf den hist ausnahmslos die Alopecia 
areata begleitenden Schwund des Hautpigmentes an den afficirten Stellen, 
in Folge dessen dieselben durch ihre weisse Farbe von der sie begrenzen¬ 
den gesunden Haut beträchtlich differiren, aufmerksam. Namentlich an den 
kahlen Stellen des Bartes seien diese Verhältnisse sehr deutlich zu beob¬ 
achten. Diese Momente, gleichwie die herabgesetzte Sensibilität der er¬ 
krankten Partien sprechen mehr für einen nervösen Ursprung der Alo¬ 
pecia areata. 

Herr v. Sehlen war nicht der Meinung, dass die von ihm gefunde¬ 
nen Coccen in dem Sinne specifischo seien, dass nur sie den Haarausfall 
bewirken könnten. Auch wendet er sich nicht gegen die trophoneurotisclie 
Natur der Krankheit, meint aber, dass die Nervenaffection allein nicht zum 
Zustandekommen der Alopecia areata genüge, sondern dass dazu die Coccen 
eine nothwendige Hilfsursache bilden. 


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der 59. Nalurforst lipr-Yersamnilmip zu Berlin 19*0. 


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Herr Weise fragt, wie man die Erfolge der Antiparasitiea gegen die 
Alopecia areata erklären wolle, wenn man den parasitären Ursprung der 
Krankheit läugne. Er hat an sich seihst die Erfahrung gemacht, dass die 
Haare an den kahlen Stellen unter dem Gebrauche solcher Mittel alsbald 
wieder zu spriessen begannen. 

Herr Helwers sah in einem Falle, in dem sämmtliche Kopfhaare 
ausgefallen waren, nachdem die verschiedensten anderen therapeutischen 
Versuche nicht zum Ziele geführt hatten, sehr prompten Erfolg von Pilo¬ 
carpin, in mittleren Dosen innerlich gebraucht. 

Herr Joseph bemerkt auf die Frage Lewinski’s, dass er gegen¬ 
über den sonst gegen die Existenz von tropbisehen Nerven vorgebracliten 
Ein wänden nur habe constatiren wollen, dass bei seinen Katzen keine grö¬ 
beren Sensibilitätsstörungen bestanden, ob feinere, lasse sich bei den sehr 
unempfindlichen Thieren selbst mit manometrischen Blntdiuckuntersuchungen 
nicht genau eruiren. 

Es folgt der Vortrag des 

Herrn Oberländer (Dresden): Ueber Elektroendoskopie bei Harn- 
röhrenstricturen. 

Mittelst der bisherigen Methoden, die männliche Harnröhre zu 
beleuchten, ist cs nicht gelangen, anatomische Details, die zum voll¬ 
kommenen Verständniss der pathologischen Vorkommnisse auf der 
Schleimhaut daselbst nöthig waren, zu erkennen. Die vom Vortr. ver- 
vollkommnete Nitze-Leiter’sche Methode ermöglicht, die betreffen¬ 
den Stellen beliebig stark nnd bis zn einer Intensität, welche dem 
Sonnenlichte gleichkommt, zn beleuchten. Am häufigsten handelt es 
ach im praktischen Falle nm den chronischen Tripper mit 
Ausgang in Stricturbildnng, die Vortr. znm speciellen Gegen¬ 
stand seines Stadiums gemacht hat. Zur besseren Veranschaulichung 
hat er die von ihm beobachteten und in dieser Weise zuerst be¬ 
schriebenen einzelnen Arten der Erkrankung zehn bis zwölffacli ver¬ 
größert, in Aquarellfarben gemalt, namentlich auch um zu zeigen, 
wie sicher man durch das Elektroendoskop die feinsten pathologischen 
Details unterscheiden kann. Besonders charakteristisch für die ein¬ 
zelnen Arten ist das Verhalten der Schleimdrüsen, ein Geginstand, 
von dem man bis jetzt so gut wie nichts wusste, ferner die Art und 
Weise der Narbenbildung u. A. 

Vortragender unterscheidet: 

1. Eine Leistenstrictur, der am wenigsten tiefe und räum¬ 
lich beschränkteste Procoss. 


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Bericht der Scrtion für Dermatologie und Syphilis 


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2. Eine maschenförmige Narbenstrictnr mit Epithel- 
abschnppung, oberflächlich, sehr ansgebreitet, weniger in die Tiefe 
gehend. 

3. Eine maschenförmige Narbenstrictnr mit hoch¬ 
gradigem Gewebsschwnnd, ein pathologischer Process, der dem 
vorigen ähnlich, aber sehr viel mehr ausgebildet ist. 

4. Eine trockene Strictnr mit Epithelproliferation, 
wo der Entzündungsprocess oberflächlich weniger sichtbar ist und 
besonders dadurch charakterisirt, dass die Schleimbildung der Drüsen 
an diesen Stellen aufgehört hat. Die Schleimdrüsen sind durch patho¬ 
logisch verändertes Secret verstopft und bilden oft kleine Follikel, 
dio man deutlich durchfühlen kann. 

Anschliessend an seine Beobachtungen hat der Vortragende eine 
von den bisherigen Methoden abweichende und originelle Behandlungs¬ 
weise. Alle auf die Schleimhaut gebrachten Mittel dringen nicht in 
die Tiefe, wo der eigentliche Sitz des krankhaften Processes ist. 
Vortragender ist von dem alten ärztlichen Grundsatz ausgegangen: 
innerhalb einer alten Entzündung eine neue zu erregen, um die alte 
zum Verschwinden zu bringen. Durch die beschriebenen Processe 
verliert die Schleimhaut stets ihre Elasticität, es werden also beim 
Ausdehnen derselben die erkrankten Stellen und zwar nur diese zu¬ 
nächst einreissen. 

Die erkrankten Partien der Schleimhaut und des angrenzenden 
Theils des Corpus cavemosum urethrae sind bei den meisten Arten 
dieser Entzündungen mit einer feinkörnigen Wucherung dicht durch 
setzt, in welcher die betreffenden einzelnen Gewebstheile nach und 
nach, entsprechend der Intensität und dem Alter des Processes voll¬ 
kommen untergegangen sind. Diese Massen haben ihre sehr starke 
natürliche Elasticität verloren und reissen beim Dehnen ein. Das 
letztere geschieht mit vom Vortragenden construirten Dilatatorien 
(Nr. 294 der Ausstellung der Berliner Naturforscherversammlung), 
die sich von den bisher gebrauchten durch besonders praktische 
Construction und dadurch auszeichnen, dass sie nur mit Gummi- 
überzügen gebraucht werden. Die Dilatation, welche, wenn sie erfolg¬ 
reich sein soll, weit über die bisher gewohnten Masse hinaus ausge¬ 
übt werden muss, ist in der richtigen Weise gehandhabt, eino durch¬ 
aus ungefährliche und auch ohne Cocain zumeist schmerzlose Operation. 
Die Verheilung der eingerissenen Stellen wird durch dirocte Cauteri- 


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der 59. Nalurforsrher-Versaromlung zu Berlin 1886. 


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sirungen und ebensolche Ausspülungen mit der Kathotorspritze be¬ 
schleunigt. Dieser Heilungs- und Vernarbungsprocess wird ebenfalls 
durch fünf Aquarelldarstellungen in derselben Grösse wie die vor¬ 
hergehenden erläutert. (Der Vortrag wird in grösserer Ausführlichkeit 
in einem der nächston Hefte dieser Vierteljahresschrift erscheinen.) 

Discussion. 

Herr G. Lewin fragt den Vortragenden, wie er die von ihm gezeich¬ 
neten Bilder der Urethra gewonnen habe. Dieselben stellen die Harnröhre 
mit ihren Drüsen in einer Continuität vor, wie man sie durch das Endoskop 
nicht erhalten könne. Ihm fiel ausserdem die eigenthümliche Lage der 
Schleimdrüsen, die doch wahrscheinlich die Littrö’schen darstellen sollen, 
dadurch auf, dass sic nur gruppenweise situirt seien, was der Wirklichkeit 
nicht entspreche. 

Herr Oberländer erwidert, die erwähnten Drüsen seien Littrö’sche, 
das Eigenthümliche der Erkrankung bestehe eben im gruppenweisen Befal¬ 
lenwerden derselben. Die vorgezeigten Bilder seien schematisch nach oft ge¬ 
sehenen Befunden angefertigt und als Schulfälle der einzelnen Arten von 
Erkrankungen zu betrachten. 

Her Fürstenheim (Berlin) dankt dem Vortragenden, ohne auf das 
Sachliche seiner Ausführungen eingehen zu wollen, dafür, dass er gerade 
dieser Section die Wichtigkeit der Endoskopie der Harnröhre, welche von 
mancher Seite noch immer nicht genügend gewürdigt werde, vor Augen 
geführt habe. 

Herr Schuster (Aachen): Das Verhältniss des Erysipels zur Syphilis. 

(Der Vortrag findet sich unter den Originalien der Vierteljahresschr. 
1886, S. 825.) 

Discussion. 

Herr Schwimmer kann einen directen specifischen Einfluss des Ery¬ 
sipels auf Lupus und Syphilis nicht anerkennen. Den Fällen gegenüber, in 
welchen eine heilende Einwirkung zu beobachten war, hat er nicht wenige 
gesehen, wo sie ausblieb. So erinnert er sich speciell eines Falles von aus¬ 
gebreitetem Lupus des Gesichts, über den ein Erysipel hinwegging, ohne 
ihn zu beeinflussen. Aehnliches sehe man häufig genug auch bei syphili¬ 
tischen Affectionen. 

Herr Zülzer hat seit längerer Zeit (v. Ziemssen’s Handbuch 
zweite Auflage) den Standpunkt vertreten, dass wir im cutanen Erysipel 
ein Mittel besitzen, welches in eminentem Grade geeignet ist, Hautaffec- 
tionen der verschiedensten Art schnell zur Heilung zu bringen. Wunden 
mannigfacher Natur, selbst lange bestehende und 6tark degenerirte, bessern 
sich oft rapid oder heilen, wenn ein Hauterysipel über sif binzieht. Das¬ 
selbe gilt vom Lupus, vorausgesetzt, dass nicht mechanische Hindernisse 


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Perirlit der bedien Tür Dermatologie and Syphilis 


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dem Eindringen des Erysipels in das starb infiltrirte Gewebe entgegen- 
steben. Auf syphilitische Affectionen sehr differenter Art wirkt keine 
allgemeine oder örtliche Behandlung so schnell günstig ein, wie das 
Erysipel. Gar nicht selten erstreckt sich sogar sein Einfluss auf solche Lo- 
calisationen der Syphilis, die weit vom Sitze des Erysipels entfernt sind. 
Z. führt Fälle an, wo sogar gummöse Auftreibungen zum Verschwinden ge¬ 
bracht wurden. Aus diesen Gründen hat er warm die Anwendung der Ioo- 
culation des Erysipels zu therapeutischen Zwecken empfohlen. Indessen ist 
hierbei zweierlei zu erwägen. Einerseits kann nicht iu Abrede gestellt wer¬ 
den, dass nach Ablauf des Erysipels Recidive des vorher bestandenen Lei¬ 
dens Vorkommen. Andererseits bedroht der Rothlauf doch das Leben, be¬ 
sonders bei Kachektischen, in hohem Grade. Die Fälle haben sich erheblich 
gemehrt, in denen ein Erysipelas inoculatum, sei es durch absichtliche 
Impfung mittelst der Coccenculturen oder mittelst erysipelatöser Oedem- 
flüssigkeit, sei es durch zufällige Uebertragung hervorgerufen, tödtlich 
endete. Wenn wir aber deshalb dieses wichtige therapeutische Agens nur 
mit höchster Vorsicht und vielleicht nur in denjenigen Fällen anwenden 
dürfen, wo Carcinome oder rasch wachsende Tumoren, die dem Messer nicht 
zugänglich, an bedenklichen Stellen sitzen und dergleichen, einen raschen 
Eingriff nothwendig machen, so ist doch das Studium des Inoculations-Ery- 
sipels- schon deshalb dringend zu empfehlen, weil wir dadurch wahrscheinlich 
einen näheren Einblick in die Vorgänge erlangen, durch welche in den an¬ 
geführten Fällen die Heilung eingeleitet wird. Kennen wir doch eine Reibe 
von Agentien, welche, wenngleich nicht so intensiv, in ähnlicher Weise 
wirksam sind; dahin gehört der Einfluss jeder stark fieberhaften Aflfection 
auf gewisse Hautleiden. Ferner kann eine durch mechanische oder chemische 
Reize hervorgebrachte Entzündung zur schnellen Heilung von Wunden 
mannigfacher Art beitragen. Jodpräparate, energisch eingerieben, bewirken 
rasche Verkleinerung von Drüsentumoren. Nicht weniger wichtig zu gleichem 
Zwecke ist die Anwendung der Elektricität, worüber Z. kürzlich eine vor¬ 
läufige Mittheilung machte. Was namentlich beim Hauterysipel im Vorder¬ 
gründe steht, ist wohl die durch dasselbe gesetzte Lähmung der vasomoto¬ 
rischen Nerven, die an den Donders’-Snellen’schen Versuch erinnert, wo¬ 
nach bei Lähmung des Sympathicus Entzündungsreize eine zwar hochgradige 
aber schnell ablaufende Reaction veranlassen. Ebenso heilen Verletzungen 
des Kaninchenohres nach Durchschneidung des Sympathicus ungleich schneller 
als bei unversehrter Nervenwirkung. Gerade mit Rücksicht auf diese Verhält¬ 
nisse eröffnet die Pathologie des Erysipels neue Gesichtspunkte. 

Herr Neu mann bestreitet nicht, dass das Erysipel auf die localen 
Processe der Syphilis, namentlich tertiäre, oft von augenfälligem Einflüsse 
sei. Ueber die naut verbreitete, syphilitische Exantheme werden durch den 
Rothlauf vorübergehend gebessert, treten jedoch nach dem Ablaufe desselben 
wieder hervor. Auf das constitutionelle Leiden an sich sei das Erysipel ohne 
jeden Einfluss. Es habe demnach nur eine ähnliche voi übergehende Wir- 


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der 59. Nat'irfonchcr-VersaminluDp zu Berlin 18S6. 


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kotig, wie andere acute nnd allgemeine Erkrankungen, z. 6. Pneumonie, 
Variola u. A. 

Herr G. Lewin hat nicht allein hei den mit hohem Fieber einherge¬ 
henden Infectionskrankheiten, wie Erysipelas, Typhus etc. syphilitische 
Affectionen, selbst Tumoren condylomatöser Natur, schwinden sehen, son¬ 
dern bisweilen auch im normalen Puerperium. Jedoch kehrten in allen 
Fällen später die syphilitischen Erscheinungen zurück. Dagegen hat L. 
einen wirklich nachhaltigen Einfluss des Erysipels auf gangränöse Bubonen 
mehrfach beobachtet. Selbst solche, welche lange Zeit jeder Therapie wider¬ 
standen hatten, heilten schnell nach Eintritt des Erysipels. Er versuchte 
deshalb zu der Zeit, als man Erysipelmikroben noch nicht kannte, eine 
Infection solcher Kranken durch Zusammenlegen mit Erysipelkranken und 
auch durch directe Impfung mit dem Secret herbeizuführen, doch schlugen 
alle Versuche fehl. L. möchte nicht, wie behauptet wurde, solche Heilung 
als durch vasomotorische Processc vermittelt ansehen. Wenn man einen 
Nerveneinfluss annehmen wolle, so würde dieser wohl eher auf die trophi- 
»chen Nerven zu beziehen sein. 

Herr Köbner schliesst sich den Ausführungen Neumann's voll¬ 
kommen an, findet dagegen den präsumirten Einfluss trophischer Nerven 
durch nichts begründet. 

4. Sitzung: Mittwoch, den 22. September, x jfi Uhr Nacli- 

m ittags. 

Vorsitzender: Herr Neumann (Wien). 

Stellvertretender Vorsitzender: Herr Köbner (Berlin). 

Herr E. Arning demonstrirt mikroskopische Präparate 
von Lepra, welche den bisher noch nicht erbrachten Nachweis des 
Vorhandenseins von Bacillen in den Nerven bei reinen Formen von 
Lepra anaesthetica führen. Es waren in drei Fällen kleine Stücko 
aus dem verdickten Nervus ulnaris exstirpirt worden. In zweien der¬ 
selben handelte es sich um ältere Erkrankungen, in dem dritten um 
eine frische acute Neuritis. Die Bacillen fanden sich in den Binde- 
gewebsscheiden zwischen den Nervenfasern. 

Präparate von einem anderen Falle demonstriren die mitunter 
relativ kurze Incubationsdauer der Lepra. Die Kranke war eine junge 
Dame, welche aus einem leprafreien Staate Nordamerikas nach den 
Hawaii’schen Inseln kam. Acht Monate nachher bemerkte sie an der 
Haut des Vorderarmes ein rothbraunes, leicht schuppendes Knötchen, 
das sich stetig vergrösserte, um nach l‘/ 2 Jahren einen thalergrossen, 
in der Mitte mit atrophischer Haut verheilten, einem papulös-drei- 


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Bericht der Section für Dennalologic und Syphilis 


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nären Syphilide ähnlichen Herd zu bilden. Sowohl die centrale atro¬ 
phische Haut, als auch die Papeln selbst zeigten eine totale An¬ 
ästhesie, die tief in das subcutane Gewebe hineinreichto. In excidirtcn 
Knötchen waren Leprabacillen im Granulationsgewebe ohne Schwierig¬ 
keit nachzuweisen; überdies Hess eine später auftretende Neuritis 
ulnaris über die Diagnose keinen Zweifel. A. hält es nicht für wahr¬ 
scheinlich, dass die Ansteckung immer von der Haut aus stattfinde; bei 
dom überaus reichen Material, welches ihm auf den Hawaii’schen 
Inseln zu Gebote stand, konnte er niemals etwas einem Primäraffect 
Aohnliches finden; viel eher sei anzunehraen, dass die Infection ähn¬ 
lich wie bei der Tuborculose zu Stande komme. 

Weitere Präparate beziehen sich auf die Untersuchungen, welche 
Vortragender über die Erhaltung und Vermehrung der Leprabacillon 
ausserhalb des Organismus anstellte, indem er Leprastücke in allerlei 
fauligen Flüssigkeiten monatelang bei einer ziemlich constanten Tem¬ 
peratur von etwa 25° C., wie das Klima von Honolulu sie bietet, 
aufbewahrte. Die massenhaft vorhandenen, sporonreichcn Bacillen 
zeigen tinctoriell wie morphologisch, sowohl einzeln, wie in der 
Gruppirung, vollständig alle charakteristischen Eigenschaften der 
Leprabacillen. Selbst in einer Leiche, welche drei Monate unter der 
Erde gelegen hatte, fanden sich enorme Mengen der Bacillen. 

Herr v. Sehlen demonstrirt ein Präparat von Alopecia areata zur 
Begründung seiner parasitären Theorie und zeigt Photographien, von deuen 
er hofft, dass sie auch Michelson von der richtigen Deutung der Krank¬ 
heit als Area Celsi überzeugen werden. 

Herr Michelson erwidert, dass eine Photographie die feineren Ver¬ 
änderungen der Haut doch nicht in einer Weise wiedergeben könne, welche 
eine sichere Diagnose ermögHche. 

Herr Behrend hebt v. Sehlen gegenüber hervor, dass der Ort, an 
welchem dieser die Coccen gefuuden habe, gegen ihren Einfluss auf den 
Haarausfall spreche. Er fand die Coccen im oberen Theile des Follikels, ein 
Haarausfall sei aber nur dann möglich, wenn die veranlassende Ursache auf 
die Matrix des Haares an der tiefsten Stelle des Follikels oder auf die Pa¬ 
pille einwirke. 

Hierauf spricht: 

Herrr Mracek (Wien): Ueber Syphilis haemorrhagica neonatorum. 1 

(Der Vortrag, welcher durch Demonstration mikroskopischer Prä- | 
parate erläutert wurde, erscheint unter den Originalabhandlungen J 
der Viorteljahrosschrift.) 

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der 59. Naturforscher-Versammlung zu Berlin 1886. 


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Discussion. 

Herr Behrend freut sich Aber die, seine eigenen, vielfach angefoch¬ 
tenen Beobachtungen anf Grand anatomischer Untersuchungen bestätigenden 
Mittheilungen des Vortragenden und erörtert die Frage, warum Hämorrha- 
gien bei der Syphilis der Kinder und kaum bei der der Erwachsenen ge¬ 
funden werden. Er glaubt, dass dies in der Verschiedenheit des Organismus 
liege und dass die grosse Zartheit des kindlichen Coriumgewebes und der 
geringe Widerstand, welchen es den Gefässen biete, die Ruptur der letzteren 
begünstige. Dafür spreche auch die Häufigkeit der Teleangiectasicn im kindli¬ 
chen Alter, welche später, wenn das Coriumgewebe resistenter geworden sei, 
oft von selbst wieder verschwänden. 

Herr M racck will seine Fälle nicht verwechselt sehen mit solchen, 
wo es sich um das Hämorrhagisch werden eines Exanthems bandelt. Seine 
Fälle betrafen ganz regellos zerstreute, intrauterin entstandene Blutungen, 
für deren Erklärung die an den Gefässen gefundenen Veränderungen genü¬ 
genden Aufschluss geben, ohne das9 man zu Hypothesen seine Zuflucht zu 
nehmen brauche. 

Herr Finger (Wien) macht auf das Vorkommen kleiner Hämorrha¬ 
gica in Primäraffecten aufmerksam; hier finde man auch die vom Vortra¬ 
genden beschriebenen Gefässveränderungen. 

Herrn G. Lewin fiel es auf, dass man in den interessanten Präpa¬ 
raten des Vortragenden nicht alle pathologischen Veränderungen an den 
Gelassen findet, welche die zu Hämorrhagien führende Form der syphilitischen 
Arteriitis obliterans bei Erwachsenen darbietet. Es scheine namentlich die 
Membrana fenestrata weniger afficirt zu sein und besonders hebt L. hervor, 
dass zwischen dieser Membrana elastica und dem Endothel keine solche 
Anhäufung ovaler Kerne in körniger Substanz stattgefunden und zu einer 
Abhebung letzterer, wie bei der obliterirenden syphilitischen Gefässentzün- 
dung geführt habe. Die dennoch eingetretene Blutung beruhe vielleicht auf 
der mangelnden Resistenz des die Gefässe umgebenden Bindegewebes, 
welches, wie Behrend eruirt habe, bei Neugeborenen eine geringere sei 
als bei Erwachsenen. 

Es folgt der Vortrag des 

Herrn Lipp (Graz): Ueber die Behandlung des frühesten Stadiums 
der Syphilis. 

Der Vortragende erinnert daran, dass auf dem fünften Congresse 
für innere Medicin zu Wiesbaden im laufenden Jahre die „Behand¬ 
lung der Syphilis“ auf der Tagesordnung stand und dass zwei der 
hervorragendsten unserer Fachgenossen darüber Bericht erstatteten. 
Dessenungeachtet glaube er nach einem kurzen Intervalle in einer 

Vierieijahresschrift f. Derm. u. Syph, 1887. 14 


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Beridil »lcr Scclion für Dcrinalologric uml Svpliili* 


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Versammmlung deutscher Aerzte zur „Behandlung der Syphilis in 
ihrem frühesten Stadium“, d. i. in jenem, in welchem sie sehen 
diagnosticirbar ist, sprechen zu sollen, da er Versuche über diesen 
Gegenstand schon in den Jahren 1884 und 1885 anstellte und nicht 
zu erwarten sei, dass er in nächster Zeit über .ein reichlicheres Ma¬ 
terial verfügen werde. 

Es könne nicht bezweifelt werden, dass die Behandlung der 
frühesten Stadien der Syphilis zum Zwecke der Verhütung oder Ab- 
Schwächung constitutioneller Symptome wenig ausgebildet und sehr 
mangelhaft sei. Bezüglich ihrer örtlichen Behandlung gebe cs nur 
wenige, sehr viele Differenzen aber bezüglich der regionären und all¬ 
gemeinen Behandlung. Redner erklärt, dass weder die interne, noch 
die percutane Behandlungsmethode für sich allein zum Ziele führen 
würden. Dafür sprechen theoretische und praktische Erwägungen. Es 
sei ein natürliches Princip, dass man das richtig gewählte und dosirte 
Medicamcnt rechtzeitig und am rechten Orte in passender Art anzu¬ 
wenden habe. Dem entspreche die interne und percutane Methode nicht 
in genügendem Masse, wenn es sich um Bekämpfung der Iufection 
des Gewebes und der Körpergegend in der Nachbarschaft der In- 
fectionsstelle, wenn es sich um die regionäre Therapie handle. Hier 
’ sei auch eine rasche Einverleibung des Quecksilbers geboten. Allen 
diesen Erfordernissen entspreche nur die subcutane Injection, durch 
welche es gelinge, die genau berechenbare Menge des Medicamentes 
in schneller Weise in die Nähe und in Contact mit den syphilitischen 
Ansiedelungen zu bringen. Auch die praktische Erfahrung spreche 
für die promptere und raschere Wirksamkeit der Injectionen auf die 
vergrösserten und indurirten Lymphknoten. Daher seien mcrcuriellt 
Injectionen im Lymphgefässgebiete der Inguinofemoralknoten, in näch¬ 
ster Nähe derselben und in geringer Entfernung davon im Lymph- 
gefässgebieto überhaupt von besonderer Wirksamkeit bei Versuchen 
von Abortivbehandlung der Syphilis, ja sie scheinen unentbehrlich zu 
sein. Da cs sich empfehle, die Resorptionswege für das specifischt 
Medicament zu vermehren und die allgemeinen und besonderen Wir¬ 
kungen der Injectionen noch zu verstärken und da andererseits mit 
Injectionen allein gemachte Versuche, die freilich möglicher Weise zu 
spät, zu wenig rasch und wirksam in den einzelnen Fällen angestellt 
wurden, nicht zum gewünschten Ziele führten, so wird vom Vortra¬ 
genden empfohlen, gleichzeitig mit den Injectionen Quecksilber auch 


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aof internem oder percutanem Wege dem Organismus einzu- 
verleiben. 

Selbstverständlich sei eine sehr sorgfältige und wirksame, locale 
nxTcurielle Behandlung. Die Anwendung der üblichen Methoden gegen 
bereits kürzere oder längere Zeit bestehende constitutioneile Syphilis 
genüge zu Zwecken einer Abortivbehandlung nicht. 

Nach den angegebenen Gesichtspunkten wurden 7 weibliche 
Kranke mit syphilitischen Initialerscheinungcn und primären Lymph¬ 
knoten behandelt. Bei zweien derselben sind bisher nach 42 und 92 
Wochen post infectionem, keine Zeichen von constitutioneller Syphilis 
wahrnehmbar. Die Spitalbehandlung begann bei der einen 3—4—4*/.^ 
Wochen, bei der anderen 4*/ a Wochen post infectionem. Bei der 
ersten wurden binnen 6 Wochen 24 Injectionen, jede zu 0'04 Calomel 
und intern 4*0 Hydr. oxydol. tannic., bei der zweiten mittelst In¬ 
jectionen 0-22 Sublimat in l /., Proc. und noch schwächeren Solutionen 
mit Chlornatrium und intern 7’60 Hydrarg. oxydul. tannic. binnen 
5'/ t Wochen im Spital und im unmittelbaren Anschlüsse daran nach 
der Entlassung 2 - 40 dieses Präparates angewendet. Im ersten Falle 
wurde deshalb eine sehr kräftige Calomelinjectionscur gewählt, weil 
die Person sehr kräftig und mit einer sehr starken Initialsclerose 
behaftet war. In beiden Fällen wurde auf Hintanhaltung von Stomatitis 
mericurialis gesehen, was auch erreicht wurde, ferner auf gute Er¬ 
nährung, was besonders hervorgehoben sein soll. Beide Personen sind 
gesund und kräftig. Von den 5 anderen Patienten sind 4 von con¬ 
stitutioneller Syphilis ergriffen worden, 3 sehr schwach, eine zeigte 
reichlichere aber nicht schwere Erscheinungen. 

Der bishor noch nicht erwähnte siebente Fall war eigentüm¬ 
lich. Die Complicationen, chronischer Magen- und Darmkatarrh und 
in Folge dessen Anämie, schon bei der Aufnahme ins Spital vor- 
bandon, erneuerten sich häufig und erzeugten nervöse und andere 
Symptome, so dass eine sichere Beurtheilung dos Falles und eine 
sichere Ausschliessung von Syphilis nicht möglich war. Unzweifel¬ 
hafte Erscheinungen derselben aber waren nicht vorhanden. 

Nun wenigo Worte über die Resultate. Das lange Ausbleiben 
von Zeichen constitutioneller Erkrankung in zwei Fällon ist sehr be¬ 
achtenswert, ein endgiltiges Urtheil lässt sich aber selbstverständlich 
erst in späterer Zeit abgeben. In drei Fällen ist die constitutioneile Sy¬ 
philis etw’as später als es gewöhnlich nach Abortiveuren geschieht, 

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Bericht der Sectiou für Dermatologie und Syphilis 


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aufgetreten und in sehr milder Form. Nur ein Fall bot die gewöhn¬ 
lichen syphilitischen Erscheinungen in reichlicher, aber nicht maligner 
Art dar; ein anderer bleibt für die Benrtheilung zweifelhaft. 

Der Vortragende bemerkt, dass er sich durch diese Resultate, 
welche bessere seien, als sie gewöhnlich durch die Versuche, die Sy¬ 
philis zu coupiren, erreicht werden, zu weiteren und vervollkommnenden 
Versuchen sehr ermuntert fühle und spricht schliesslich die Ansicht 
aus, dass der Behandlung der Syphilis in ihrem frühesten Stadium 
eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden sei und dass sich bei sorg¬ 
samer mercurieller Localbehandlung, bei sehr frühzeitiger und ent¬ 
sprechend wirksamer Behandlung des der Infectionsstelle zunächst 
gelegenen inficirten Gebietes, besonders mittelst subcutaner mercu¬ 
rieller Injectionen und bei gleichzeitiger Anwendung von specifischen 
Mitteln, vorzüglich von Quecksilber, auf anderem Wege (percutane 
und interne Methode) für die hierzu geeignet erscheinenden Krank¬ 
heitsfälle vielleicht bessere Aussichten als bisher eröffnen dürften — 
sei es auf einen abortiven Verlauf oder auf deutliche Abschwächung 
der Syphilis in ihrer constitutionellen Entwicklung und Ausbildung. 

Discussion: 

Herr Geber meint, cs sei sehr schwer, über Syphilisbeh&ndlung iu 
sprechen, weil man sicher sein könne, für jede Erfahrung auf eine Gegen¬ 
erfahrung zu ätossen. Es lasse sich gewiss überhaupt nicht sagen, dass eine 
Methode die richtige sei, vielmehr müsse in jedem Falle streng individu- 
alisirend vorgegangen werden. Er selbst habe z. B. die Erfahrung gemacht, 
dass bei maculösen Ausschlägen Einreibungen, bei papulösen subentane 
Injectionen von vorzüglicher Wirksamkeit seien. Doch dürfe man sich durchaus 
nicht blos nach der Art des Exanthems richten: daneben kämen immer 
noch die Person des Erkrankten und viele andere Erwägungen wesentlich 
in Betracht. 

Herr Köbner erinnert daran, dass der Gedanke, präventiv zu wirken, 
ein sehr alter sei, ja dass man bis in die Sechzigerjahre hinein eigentlich 
gar keiue andere Methode gekannt und geübt habe, als mit dem Auftreten 
des indurirten Schankers die Allgemeinbehandlung eintreten zu lassen. K. 
hat früher Injectionen in die Inguinalgegend gemacht, ist aber davon zurück¬ 
gekommen, weil er sah, dass man mit Iuunctionen dasselbe, ohne die durch 
erstere veranlasste immerhin recht erhebliche Belästigung des Kranken 
erreiche. Die regionäre Behandlung hat er selbst warm empfohlen und aus- 
geübt, auch vermittelst Formamidinjectionen, und gezeigt, dass an den Ein¬ 
stichstellen die Exantheme rascher schwinden. Im Grossen und Ganzen aber 
hat er in seinem Leben nur zwei Fälle gesehen, wo es anscheinend gelang, 


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den Ausbruch der Allgemeinerscheinungen gänzlich zu verhüten. In allen 
anderen Fällen nahm, selbst trotz forcirter Inunctionscnren während der 
Primärperiode, die Syphilis ihren Verlauf; höchstens traten die Erscheinungen 
vielleicht etwas verspätet nnd anormal auf. 

Herr Caspary findet die Bestrebungen des Vortragenden zwar sehr 
rühmlich, glaubt aber, dass die kleine Zahl seiner Fälle keinen bestimmten 
Schluss erlaube. Das gänzliche Ausbleiben von Secundärerscheinungen habe 
er noch in der letzten Zeit in drei typischen. Fällen von Sclerose, die dnreh 
Jahr und Tag beobachtet worden, constatiren können. 

Herr 6. Lewin hat schon seit einiger Zeit folgendes Verfahren bei 
Syphilitischen versucht und auch in seiner Klinik demonstrirt: Eine schwache 
SnblimatlOsung wird in die Sclerose solcher Kranken, welche noch keine 
Allgemeinerscheinungen zeigen, subcutan injicirt. Gleichzeitig werden die¬ 
selben Injectionen in die Umgebung der Lymphdrfisen ausgeführt. Die seit 
diesen Versuchen verflossene Zeit ist noch zu kurz, nm sichere Resultate 
erwarten zu können, doch hat L. schon in zwei Fällen Recidive beobachtet. 
Oie Versuche sollen aber nach dem Vorgänge des Vortragenden fortgesetzt 
werden. 

5-Sitzung: Donnerstag, den 23. September, 1 Uhr Nachmittags. 

Vorsitzender: Herr Li pp. 

Herr Michelson, welcher schon in der vorigen Sitzung im 
Anschluss an die Demonstration des Herrn v. Sehlen ein Schnitt- 
Präparat ans normaler Kopfhaut mit reichlicher Coccen-Entwicklnng 
in den Haarfollikeln gezeigt hat, legt heute eine Reihe weiterer 
Präparate zum Beweise dessen vor, dass die von v. Sehlen bei 
Alopecia areata gefundenen Coccen und Kurzstäbchen zu den normalen 
Epiphyten der Oberhaut gehören. 

Herr Chotzen (Breslau): Streptococcen bei hereditärer Syphilis. 

(Der Vortrag findet sich unter den Originalien der Vierteljahres¬ 
schrift.) 

Discussion: 

Herr Neisser ist zwar ganz der Ansicht des Vortragenden, dass die 
von Kassowitz und Hochsinger gefundenen Streptococcen nicht das 
Gift der Syphilis darstcllen, indess möchte er darauf aufmerksam machen, 
dass sie vielleicht doch wesentliche Beziehungen zu dem Ablauf des ganzen 
KrankheitsprocesseB haben könnten und zwar nach zweierlei Richtungen hin *• 
einmal halte er es nicht für unmöglich, dass die von verschiedenen Autoren, 
z. B. Heubner, Carrington u. A. gefundenen Gelenkeiterungen bei 
Syphilis hereditaria im ursächlichen Zusammenhänge mit den vielleicht 


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IWirlit der Seetinn für Dermatologie und Syphilis 


pyogenen Streptococcen stünden; andererseits sei cs auch denkbar, dasB die 
Streptococcen-Invasion entsprechend den an verschiedenen Thieren beobach¬ 
teten Septikämien eine Mischinfection neben dem Syphilisvirus darstelle, 
so dass vielleicht sogar meist der so schwere letale Verlauf der Lues herf- 
ditaria auf diese Mischinfection zurückzuführen sei. N. hat übrigens üW 
die bei Granuloma fungoides gefundenen Streptococcen eine ganz ähnlich^ 
Anschauung, d. h. die Streptococcen hatten zwar ätiologisch mit dem ur¬ 
sprünglichen Krankheitsprocesse nichts zu thun, seien aber vielleicht wich¬ 
tige Factoren für den Verlauf einzelner Fälle. 

Herr Caspary (Königsberg): Ueber chronische Quecksilberbehand 
lang der Lues. (Der Vortrag findet sich unter den Originalen.) 

Herr Üoutrelepont: Ueber Bacillen bei Syphilis. (Der Vortrat: 
erscheint unter den Originalabhandlungen.) 

Discnssion: 

Herr Bo er (Berlin) bemerkt, dass er monatelang in hunderten vor. 
Schnitten nach Bacillen vergeblich gesucht habe und zwar in syphilitischen 
l’roducten der verschiedensten Art. Er wolle gar nicht bestreiten, dass der 
Lustgarten'sche Mikroorganismus wirklich der gesuchte Syphilisbacillus sein 
mfige: denn gerade sein Eindringen in die Zelle selbst, wie er es in Prä¬ 
paraten von Lustgarten und Dontrelcpont gesehen; lasse auf einen 
directen Zusammenhang zwischen Erkrankung und Bacillen schliessen. Jedoch 
der inconstante Befund in gleichartigen Producten verschiedener syphilitischer 
Fälle berechtige zn der Annahme, dass die Lustgarten'sche Methode um 
den Bacillus nachzuweisen nicht genüge. Auch zwei Fälle von hereditärer 
Syphilis mit wohlausgebildeten Gummaten in Darm und Langen, wurden 
mit negativem Resultate untersucht. — Die Beobachtungen von Tagucchi 
und Disse hält B. nicht für beweisend und den heutigen bacteriolngi- 
schen Erfordernissen durchaus nicht genügend. 

Herr Finger (Wien): Ueber das induratiTe Oedem. (Der Vortrag 
findet sich unter den Originalien dieses Heftes.) 

Discnssion: 

Herr Mracek hat schon während seiner Assistenten zeit, bei v. Sigmund 
das indurative Oedem häufig gesehen und zwar vorwiegend an den grossen 
Schamlippen. Aehnliches hat er aber auch an der Vaginalportion zu bei'- 
acliten Gelegenheit gehabt. So erinnert er sich namentlich eines exquisiten 
Falles, in dem die Sclerose an der Vaginalportion einer Schwangeren sass. 
und von einem derartigen indurativen Oedem gefolgt war, dass erst tiefe 


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.!*r r>9. NaHirforflfhor-V^rsnmmliing zu RHin 1 * 8*1 


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Einschnitte in das Gewebe die Gebart ermöglichten. In einem anderen Falle, 
in welchem das Ocdem recidivirende Papeln an den äusseren Genitalien 
begleitete, mussten bei der Entbindung ebenfalls tiefe Incisionen gemacht 
werden. 

Herr Pick sah Fälle, wie die vom Vortragenden beschriebenen sehr 
häufig. Die Bezeichnung „induratives Oedem“ hält er für nicht glücklich 
erwählt, weil dieselbe bereits für andere Zustände im Gebrauch sei; er hat 
dafür immer den Namen sclerotisches Oedem verwendet, lieber das Zustande¬ 
kommen dieses Symptoms gebe vielleicht die Thatsachc Aufschluss, dass er 
bei Männern immer gleichzeitig eine hochgradige Sclerosirung des dorsalen 
I.ymphstranges des Penis und der Inguinaldrüsen fand, welche wohl das 
Oedem, das sich an die Sclerose anschliesst oder ihr vorangeht, erkläre. 

Herr Neisser fragt den Vortragenden, ob er mit Sicherheit einen 
Zusammenhang der gefundenen Streptococcen mit dem vorausgegangenen 
Erysipel ausschliessen könne. Da der Rothlauf in schweren Fällen nicht 
nur eine Krankheit der Lymphgefässe darstelle, sondern die Coccen hin 
und wieder auch in die Blutbahn gelangten, so sei es denkbar, dass dieselben 
sich in der erkrankten Partie wie in einem locus minoris resistentiae in 
reichlichem Masse festgesetzt und vermehrt hätten. Er erinnert dabei an die 
durch Bockhart experimentell festgestellte Thatsachc, dass der durch die 
Vermittlung der Erysipelcoccen sich abspielende Process eine elephantiastische 
Neubildung des Bindegewebes hervorrufen kann, ein übrigens klinisch sehr 
häufig zu beobachtender und allgemein bekannter Fall. N. wirft also die 
Frage auf, ob nicht das indurative Oedem vielleicht auch nur eine Folge 
dieses in den tieferen Schichten ablaufenden infectiösen Processes sei. 

Herr Schiff ist der Ansicht, dass das indurative Oedem im Wesent¬ 
lichen nur eine accidentelle, die Sclerose complicirende, chronische, phleg¬ 
monöse Entzündung der tieferen Hautpartien darstelle. 

Herr Ncumann bemerkt in Uebereinstimmung mit Pick, dass solche 
indurative Oedeme auch in der Haut über den Inguinaldrüsen Vorkommen 
und dass die bei Sclerosen so oft. indurirenden Dorsallymphgefässe des Penis 
sich gar nicht selten direct in diese indurativen Oedeme der Inguinalgegen d 
verfolgen lassen. 

Herr G ü n t z (Dresden) hat Analoges an einer Sclerose der Lippe 
gesehen. 

Herr Geber schliesst sich den Anschauungen Pick’s an, bemerkt 
aber, dass das, was inan als Lymphstrang zu bezeichnen pflege, immer 
auch die Gelasse einschliesse, dass es sich also nicht blos um Lymphstauung. 
sondern auch um Gefässerkrankung handle. 

Herr Finger erklärt, dass er die Bezeichnung „induratives Oedem“ 
aus Pietät für seinen Lehrer v. Sigmund, der dieselbe zu brauchen pflegte, 
beibehalten habe. Was den Zusammenhang mit dem Dorsallymphstrnng und 
den Drüsenschwellungen betreffe, so halte er diese für consecutive, die sich 
vielleicht auch durch die Einwanderung der Streptococcen erklären Hessen. 


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Bericht der Section für Dermatologie und Syphilis 


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Betreffs der Bemerkungen Neisser's könne er nur wiederholen, dass das 
Oedem bereits drei Monate vor dem Erysipel vorhanden war und sich, 
während das letztere bestand, nicht änderte. Vielleicht sei die Sache eher 
umgekehrt: die Möglichkeit sei immerhin nicht ausgeschlossen, dass von 
dem Scrotum aus, an dem sich schuppende Stellen fanden, die Coccen auf 
an der Nase vorhanden gewesene Rhagaden übertragen worden seien. 

Herr Doutrelepont: Therapie des Rhinoscleroms. 

Vortragender berichtet über einen Fall von Rhinosclerom, den 
er, der bacillären Natur dieser Krankheit Rechnung tragend, sehr 
erfolgreich mit lperc. Sublimat-Lanosinsalbe behandelte. 

Dieser Fall betrifft einen 34 Jahre alten, im übrigen gesunden 
Mann, der nie an einer Hautkrankheit, auch nicht an Syphilis 
gelitten hatte. Genaue Angaben über den Beginn der Erkrankung, 
der in die Mitte des vorigen Jahres fällt, wusste Pat. nicht zn 
machen, da das Leiden ihn anfangs nicht belästigte. Später ge¬ 
brauchte er mehrere Salben und Arsenikpillen ohne jeden Erfolg. 

Als D. am 30. April a. c. den Pat. zuerst sah, war die ganze 
Oberlippe, besonders an der rechten Seite, und an den Nasenöffnungen 
über daumendick geschwollen und in der Tiefe knochenhart. Aehn- 
lieh verhielten sich das Septum mobile und der untere Rand des 
rechten Nasenflügels. Isolirt davon, etwas unterhalb des letzteren, am 
Uebergange zur Backe, befand sich eine 50 Pfennigstück grosse, 
3 Mm. über die umgebende Haut erhabene Infiltration von denselben 
Eigenschaften. Alle diese Stellen waren scharf gegen die normale 
Umgebung begrenzt. Die Schleimhaut der Oberlippe, die Nasen- und 
Rachenhöhle waren frei, die Lymphdrüsen nicht geschwollen, auch 
sonst am Körper nichts Abnormes; von Syphilis keine Spur. 

Pat. machte zuerst zn Hause Einreibungen mit der Sublimat¬ 
salbe, später unter Aufsicht im Hospital, dann wieder zu Hause. 
Als er sich am 13. d. M. wieder vorstellte, war bis auf eine geringe 
Härte am Septum mobile alles zur Norm zurückgegangen. 

Bei der mikroskopischen Untersuchung eines der Oberlippe ent¬ 
nommenen Hautstückes fand D. die charakteristischen Bacillen. 

Herr G. Lewin demonstrirt Zeichnungen und Präparate von 
Hautpigment. 


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der 69. NaturforsrherAVreammluvip zu Berlin 188fi. 


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Herr 0 . Boer: Ueber Favus. 

Der Vortragende legte von einer mit Favns behafteten Hans- 
nians Beincnltnren des Favnspilr.es an, züchtete dieselben durch 
mehrere Generationen hindurch nnd impfte dann zn verschiedenen 
Zeiten mittelst dieser Beincnltnren Mäuse, bei denen stets Favuser- 
kranknng in hohem Grade eintrat. Bei einigen von den geimpften 
Thieren schien der Pilz bis anf den Knochen zu wuchern. 

Das Hauptinteresse lenkt der Vortragende auf das Wachsthum 
dieses Pilzes. Pröf. Schütz hat über Mäusefavus gearbeitet und 
seine Untersuchungen in den „Mittheilungen des Reichs-Gesundheits¬ 
amts“ veröffentlicht. Das Wachsthum verhielt sich, wie auch der Vor¬ 
tragende beobachten konnte, zuerst ganz ähnlich dem beim mensch¬ 
lichen Favus. Fructificationsorgane konnte Schütz nicht nachweisen 
obwohl er hierauf speciell seine Aufmerksamkeit gelenkt hatte. 

Dem Vortragenden ist es nun bei seinen Untersuchungen ge¬ 
langen, den Pilz in den verschiedensten Generationen nach einer 
bestimmten Methode und nach Verlauf einer gewissen Zeit zur Fruc- 
tification zu bringen. Und zwar konnten zweierlei Arten Fructifica¬ 
tionsorgane nachgewiesen werden. Es ist dieses an sich nichts Auf¬ 
fallendes, da bei Schimmelpilzen zwei, drei auch vier verschiedene 
Arten der Früctificirung nach de Bary beobachtet werden. 

Bei der einen Art setzten sich an einen Mycelfaden endständig 
and seitlich kleine runde Knöspchen an, der Faden wurde allmälig 
heller und durchsichtiger, bis er, durch irgend welchen chemischen 
Process wahrscheinlich, sich auflöste und verschwand, so dass die 
Sporen frei wurden. 

Bei der zweiten Art bildeten sich an den Hauptmycelfaden und 
den seitlichen Verzweigungen endständige, keulenförmige Anschwellun¬ 
gen, die schliesslich eine Fächerung deutlich erkennen Hessen. Diese 
sogenannten septirten Sporen zeigten fine, zwei auch drei Septen. 
Die einfach septirten, mit körnigem Inhalt, glichen in hohem Grade 
d«*n Puccinien. 

Vortragender domonstrirt die geimpften Mäuse und legt Mikro¬ 
photographien, sowie Zeichnungen vor. 

Er behält sich vor, auch beim menschlichen Favus seine Unter¬ 
suchungen fortzusetzen und seiner Zeit darüber zu berichten. 


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Ifrrirlit «l«*r Swtirin für Dermal olopir» umt Syphilis 


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Discussion. 

Herr Pick hat gar keinen Zweifel über die Identität des mensch¬ 
lichen und thierischen Favus. Schon vor Jahren hat er llebertragungen von 
Menschen auf Mäuse und umgekehrt vorgenommen, welche Resultate er¬ 
geben haben, die vollständig mit den von Herrn Bo er erzielten überein¬ 
stimmen. 

Herr 0 . Rosentlml (Berlin): Zur mechanischen Behandlung von 
Hautkrankheiten. (Der ausführliche Vortrag wird unter den Ori- 
ginalien des nächsten Heftes erscheinen.) 

Herr Köbner: Schema zur Sammelforschung über Syphilis und 
ihre Behandlungsmethoden. 

Der Vortragende legt ein von ihm entworfenes und benutztes 
Schema für Eintragung der bei Syphilitischen erhobenen Befunde vor 
und fragt die Versammlung, ob sie der Ansicht sei, dass es sich 
verlohnen würde, dasselbe zu promulgiren und vielleicht zur Basis 
einer Sammelforschung zu machen. (Ein diesen Gegenstand behandeln¬ 
der Artikel findet sich unter den Originalabhandlungen der Viertel¬ 
jahresschrift 1886. S. 831.) 


Discussion. 

Herr Ne iss er drückt seine Freude darüber aus, dass der von ihm 
auf dem Wiesbadener Congresse ausführlich erörterte Gedanke, der Statistik 
wiederum einen grösseren Werth beizulegen, von Köbner nun praktisch zur 
Ausführung gebracht wird. Jedoch ist es ihm zweifelhaft, ob der vorgeschla¬ 
gene Weg zum Ziel führen werde. N. ist der Ansicht, dass eine brauchbare 
Sammelforscliung doch nur im kleineren Kreise von Beobachtern, deren Zu¬ 
verlässigkeit und Beobachtungsfähigkeit genügend bekannt ist, mit Nutzen 
durchgeführt werden könne. Es sei ja stets sehr leicht, gewisse Thatsachen 
in der Anamnese, auf die es gerade sehr häufig ankomme, zu eruiren, z. B. 
wie viele Schmiercuren gemacht worden seien; in welcher Weise aber diese 
Cur thatsächlich ausgeführt worden ist, oder in welcher Weise die beliebten 
Pillencuren stattgefunden haben, das sei gewöhnlich nicht festzustellen. Damit 
aber verliere eine solche Angabe auch jeglichen Werth. Die Erfahrungen, 
welche man mit Sammelforsehungen auf anderen Gebieten der Medicin ge¬ 
macht habe, seien nicht gerade sehr ermuthigend, in derselben Weise auf 
dem Gebiete der Syphilistherapie und ihrer Erfolge vorzugehen. Jedenfalls 
halte er eine gründliche Erörterung dieser Frage für sehr wünschenswerth 
und schlage deshalb vor, erst auf der nächsten Naturforsch er- Versammlung 
einen definitiven Beschluss zu fassen. 


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der &9. Naturforsdipr-Vemmmlung zu Berlin 


219 


Herr Zülzer bittet, die Sache doch lieber schon jetzt in Erwägung 
zu ziehen nnd anzubahnen, vielleicht versuchsweise eine Anzahl Exemplare 
des Kübner’schen Schemas drucken und vertheilen zu lassen. 

Herr Lewinski hält für besonders erforderlich, dass bei derartigen 
Forschungen die Stellung der Fragen eine möglichst exacte und ihre Zahl 
eine nicht zu grosse sei. Am zweckmässigsten wäre es wohl, die Fragen anf 
ein engbegrenztes Gebiet 2U beschränken z. B. Ober die Beziehung der Ta¬ 
kes dorsalis oder der progressiven Paralyse zur Syphilis. Er empfiehlt die 
Wahl einer Commission, welche die Fragestellung festzusetzen hätte. 

Herr Geber glaubt ebenfalls, dass es am richtigsten wäre, eine 
Commission ad hoc einzusetzen, welche die Sache bis zn der nächstjährigen 
Versammlung in Wiesbaden vorzubereiten hätte. 

Es wird dementsprechend eine Commission, bestehend aus den 
Herren: Doutrelepont, Köbner (als Obmann), Lewin, Neisser, 
Neumann und Pick gewählt. 


Herr Li pp schliesst hierauf die Versammlung mit einem Rück¬ 
blick auf die Arbeiten der Section und mit herzlichen Worten des 
Dankes für die Herren Vorsitzenden, Schriftführer und alle diejenigen, 
welche zu dem erspriesslichen Verlauf der Verhandlungen beigetragen 
haben. 


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Buchanzeigen und Besprechungen. 


Report of the President of the Board of Health to the Legis¬ 
lative Assembly of 1886. Honolulu, H. J. 1886. (1) 

Leprosy, Roport of the President of the Board of Health 
to the Legislative Assembly of 1886 etc. (2) 

Appendix tho the Report on Leprosy of the President of the 
Board of Health etc. etc. 1886. (3) 

Leprosy in Hawaii, Extracts from Reports of Presidents of 
the Board of Health, Government Physicians and others 
and from official Records. The Laws nnd Regnlations in 
regard to Leprosy in the Hawaiian Kingdom. Honolulu 1886. (4) 
Leprosy in Foreign Countries. Summary of reports fumished by 
Foreign Governments to his Hawaiian Majesty’s Authorities as to 
the prevalenco of Leprosy in India and other Countries, and the 
measures for the social and medical treatment of persons afiflicte.1 
with the disease. Honolulu 1886. (5) 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Die vorstehend angeführten Publicationen des königl. Hawaii’* 
sehen Gesundheitsamtes legen volles Zeugniss ab von der grossen 
Sorgfalt, welche die Hawaii'sche Regierung der öffentlichen Hygieine 
und der Assanirung des Landes zuwendet. Es sind Berichte, welche 
der Minister des Innern, zugleich Präsident des Gesundheitsamtes 
Herr Walter M. Gibson dem legislativen Vertretungskörper erstattet, 
die sich auf eine zweijährig« Periode vom April 1884 bis 31. Man 
1886 erstrecken. Die grossen Schwierigkeiten, mit denen das Hawaii ¬ 
sche Gesundheitsamt einer uncivilisirten und deshalb um so indolen¬ 
teren Bevölkerung gegenüber zu kämpfen hat, werden von dem Mi¬ 
nister und dessen Agenten nicht minder als von den Aerzten in un¬ 
geschminkter Weise dargethan und die Cooperation der Gebildeten 


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Bachanittfen. 


221 


mit dem Amte durch Antheilnahme an seine Bestrebungen und 
durch das gute Beispiel erbeten. Der erste Bericht (1) handelt von 
dem allgemeinen Gesundheitsstande der Bevölkerung, liefert Mortali¬ 
tätstabellen in vergleichender Uebersicht. legt Rechenschaft über die 
Verwendung der dem Amte zur Verfügung gestellten Gelder, bespricht 
die Durchführung schon bestehender Massregeln und macht Vor¬ 
schläge für die Zukunft. 

Das grösste Interesse des Gesundheitsamtes concontrirt sich 
auf die sanitären Massregeln gegen die Lepra. Ueber diese schreck¬ 
liche Krankheit, welche unter der einheimischen Race so sehr ver¬ 
breitet ist, handeln die vier folgenden Schriften. Die erste dieser 
Pnblicationen (2) ist der Bericht des Präsidenten des Gesundheits¬ 
amtes, der ihm obliegt auf Grund des Gesetzes vom 3. Jänner 1865 
aber die Präventivmassregeln gegen die Ausbreitung der Lepra und 
ihn verpflichtet in jeder Session über die Geldgebahrung für diese 
Zwecke Rechenschaft zu legen und solche Aufschlüsse über die Lepra 
zu ertheilen, die von öffentlichem Interesse sind. Herr Walter M. 
Gibson ist an die Lösung dieser Aufgabe mit grosser Begeisterung 
gegangen und hat eine nicht genug zu lobende Energie für die För¬ 
derung der guten Sache entwickelt. Er ist über seine Verpflichtung 
weit binausgegangen und hat in dem Streben seinem Lande zu dienen 
sich Informationen von den Regierungen solcher Länder eingeholt, 
die bereits in der Ausführung prophylaktischer nnd therapeutischer 
Massregeln gegen die Lepra Erfahrungen gesammelt haben und diese 
Informationen in einem Bande (5) publicirt. Er hat es nun als eine 
Dankespflicht betrachtet, die Beobachtungen und Erfahrungen, welche 
in Hawaii gemacht wurden, der Oeffentlichkeit zu übergeben (3, 4). 
Sein eigenes Exposd darf man nur von dem Gesichtspunkte beur- 
tbeilen, dass es für Laien von einem Laien gearbeitet ist, der auf 
Grund fremder, leider vielfach unwissenschaftlicher Informationen 
bemüht ist, für die als richtig anerkannten Massregeln durch popu¬ 
läre Darstellung des Wesens der Krankheit etc. Interesse zu erwecken 
nnd Propaganda zu machen. 

Und da wir diesen „Report“ so auffassen, wollen wir in eine 
kritische Beurtheilung desselben nicht weiter eingehen. Wir wollen 
vielmehr anerkennen, dass er in praktischer Beziehung sehr geschickt 
abgefasst ist und dass der Bericht in der Hauptsache, um die cs 
sich handelt, den Vertretern der widerstrebenden eingeborenen Race 

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Buchanzeigen. 


dio Nothwcndigkeit der Isolirung der Lepröson und die Nützlichkeit 
ihrer Colonisation auf einer für dieselben zweckmässig ausgewählten 
Insel (Molokai) begreiflich zu machen, geradezu fascinirend ist. Die 
Durchführung dieser Massregeln selbst, für welche der Minister den 
König und seinen Hof zu interessiren versteht (s. 3. A Report of 
Her Majesty Queen Kapiolani’s visit to Molokai, by H. K. H. Princess 
Lilinokalani, July 1884) ist von wahrer Humanität geleitet, die in 
den Worten Ausdruck findet, dass der Lepröse . . „should not be 
regardcd as a mere outcast and a bürden to the community“ .. 
und . . „we should continue to threat them and to care for thera in 
a spirit of love and hope. Above all we should try to make tbe 
sufferers as contontet and comfortablo as we can“ (2. S. 38. 39) 
und es ist nur zu wünschen, dass der Zweck der Isolirung nicht 
durch halbe Massregeln vereitelt werde, wie das auf Seite 46, 2, in 
Aussicht gestellte Experiment besorgen lässt. 

Das Supplement, Leprosy of Hawaii (4) ist rotrospcctiven Cha¬ 
rakters. Es enthält vom Jahre 1850 ausgehend dio Geschichte der 
Errichtung und Entwicklung des Gesundheitsamtes, die Sessions¬ 
berichte der Präsidenten desselben, die Sanitätsgesetzgebung betref¬ 
fend die Lepra, Aeusserungen öffentlicher und privater Aerzte und 
einige andero Bemerkungen von geringem Belang. Von grösserem 
Interesse ist der Inhalt des „Appendix“ (3). Soweit derselbe wie der 
des „Supplements“ in theoretischer und praktischer Beziehung 
verwerthbares Material bietet, werden wir auf denselben noch in 
unserem „Berichte“ zurückkommen, hier sei nur so viel bemerkt, 
dass man die Zifferausweise nur cum grano salis aufnehmen darf, 
weil die Bevölkerung selbst der Eruirung der Leprösen Hindernisse 
bereitet, andererseits die Diagnostik (s. die Mortalitäts-Ausweiso) im 
Allgemeinen vielfach unverlässlich ist. . Von den Aeusserungen der 
Laien ganz zu schweigen darf man selbst bei der grösseren Zahl der 
Einzelpublicat»onen, soweit sie rein medicinischen Inhaltes sind, über¬ 
haupt nicht eine kritische Sonde anwenden, man muss den guten 
Willen anerkennen und ihn für die That nehmen. Lobend hervor¬ 
gehoben muss werden der Appendix K. und L. von Dr. Arthur 
Mouritz, der nicht blos die äussere Form landläufiger Sanitäts¬ 
rapporte goborgt hat, vielmehr durch verständige, gute und gewissen¬ 
hafte Angaben und Beobachtungen und vorzügliche tabellarische Zu¬ 
sammenstellungen einen recht schätzenswerthen Beitrag zur Kenntnis« 


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Buckanzeigco. 


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der Lepra in Hawaii geliefert hat. Wir wollen ferner des Berichtes 
(Appendix M.) des kathol. Priesters Rever. J. Damion, a welcher 
seine persönlichen Erfahrungen, die er während eines dreissigjährigen 
Aufenthaltes und Wirkens unter den Loprakrankon in Kalawao gesam¬ 
melt hat, gedenken. Er selbst ist leider, ein Opfer seines edlen Be¬ 
rufes, kürzlich von der Lepra befallen worden, ein Schicksal das 
unser lebhaftes Mitgefühl erweckt und wegen der Nebenumstände 
mancherlei Erwägungen nahelegt. 

Der Bericht des Dr. Arning wird os vorzüglich sein, auf den 
wir in unserer Rubrik über die Leistungen auf dem Gebiete der 
Dermatologie zurückzukommen haben. Es ist der Bericht eines For¬ 
schers, der mit den neuesten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden 
vertraut, sich während eines Zeitraumes von zwei oin halb Jahren 
in Hawaii den Studien der Lepra hingegeben hat und in klinischer, 
pathologisch anatomischer, bacteriologischer, therapeutischer und 
hygienischer Beziehung eine Fülle des Thatsächlichcn, Neuen, 
wissenschaftlich und praktisch Verwerthbaren in conciser Weise 
darbietet. 

Es ist ganz unbegreiflich, dass HerrGibson offenbar in miss¬ 
verständlicher Auffassnng über das Verhältniss dieses Gelehrten zum 
Gesundheitsamte und in Unwissenheit über den Werth und die Trag¬ 
weite derartiger Arbeiten auf die einzige wissenschaftliche Kraft, 
welche dem Gesundheitsamte bei der Lösung seiner schwierigen Auf¬ 
gabe behilflich war, glaubte verzichten zu dürfen und in kleinlicher 
Baucune über die natürliche Weigerung des Dr. Arning noch nicht 
zum Abschluss gekommene Arbeiten in der Publication des Gesund¬ 
heitsamtes zu veröffentlichen, ihm plötzlich unter dem nichtigsten 
Vorwände die kleine Subvention entzog und als sich die angesehen¬ 
sten Aerzto für Dr. Arning einsetzten und eine Anzahl Privater, 
besser als der Minister informirt, sich bereit erklärton, die Kosten 
zu tragen, falls die Regierung dem Dr. Arning das von ihm als 
nothwendig befundene Arbeitsmateriale zusiclmre, auch dioses ver¬ 
weigert. 

Wir bedauern sehr, es aussprechen zu müssen, dass Herr Gibson, 
dessen Bestrebungen wir gerne ungeteiltes Lob gespendet hätten, 
durch diesen Vorgang sein eigenes Land und die Wissenschaft arg 
geschädigt hat. 


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Buctiauzeigcn. 


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Traitd pratiqne et thdorique de la Lepre par Henri Leloir, 
Professcar de cliniqae des maladies cutanöes et syphilitiques ä la 
faculte de mödecine de Lille. Accompagnö d’an Atlas de XXII 
planches originales cn Chromolithographie et en höliogravure etc. 
Paris 1886. A. Delahaye et Lecrosnier. (Pablications du Progrfcs 
Mödical.) 

Besprochen von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Die vorliegende Monographie über eine der interessantesten 
Krankheiten, deren Erörtorung in den letzten Jahren weite Ausblicke 
über die Pathologie der chronischen Infectionskrankheiten eröffnet 
hat, ist die reife Frucht eines langjährigen Studiums, das der Ver¬ 
fasser noch während seiner Dienstzeit an den Pariser Spitälern be¬ 
gonnen, auf zwei Reisen nach Italien und das südliche Frankreich 
erweitert, ganz besonders aber während seines längeren Aufenthaltes 
in Norwegen, wohin er sich im Anftrage der französischen Regierung 
im Jahre 1884 begeben hatte, gezeitigt hat. In mehreren vorausge¬ 
gangenen Publicationon hat Prof. Leloir einzelne Punkte und Fragen 
aus der Pathologie und Aetiologie der Lepra durch eigene Unter¬ 
suchungsresultate wesentlich gefördert, in der vorliegenden Arbeit 
bietet er uns eine umfassende Darstellung der Kenntnisse über die 
Krankheit, wie sie sich auf der Basis der neuesten Forschungen er¬ 
geben haben. Es war ein sehr glücklicher Gedanke, die Bearbeitung 
des Gegenstandes durch vortreffliche Abbildungen und ausführliche 
Krankengeschichten zu illnstriren. Der Leser findet sich dadurch in 
ein Clinicum versetzt, in welchem eine reiche Fülle von Beobachtungs¬ 
material eine allscitige, theoretische und praktische Schulung gestattet. 

Das Buch zerfällt in eilf Capitel. Nachdem der Verfasser eine 
präciso Definition vorausgeschickt hat, und die bisher unter ver¬ 
schiedenen Namen angeführten Formen der Krankheit auf die natur* 
gemässe Basis der vorwiegenden Localisation dor.specifischen Krank¬ 
heitsprodukte (Neubildungen, Leprome) zurückgeführt hat, unter¬ 
scheidet er drei Formen: die tuberculöse (knotige), die nervöse und 
da beide Formen im Verlaufe der Erkrankung sich häufig combiniren, 
oder gegenseitig ablösen, auch noch die dritte Form: die gemischte 
oder vollkommene Lepra. 

Indem wir unsere Uebereinstimmung mit dieser Eintheilung, die 
wir auch in unseren Vorträgen einhalten, aussprechen und gleich dem 
Verfasser die Aufstellung einer maculösen, bullösen, ulcerösen, muti- 


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lirenden etc. Form, auf der Verwechslung von Krankheitsphasen mit 
Krankheitsformen beruhend, als die Quelle der leider noch häufig 
vorkommenden Confusion über die Sache betrachten, müssen wir 
noch unserem Beifall Ausdruck geben, dass der Yerf. sich energisch 
gegen den ferneren Gebrauch der zahlreichen Synonyma ausspricht, 
und dass er für die wissenschaftliche Benennung der Krankheit einzig 
und allein die Bezeichnung Lepra statthaft hält. Im ersten Capitol 
behandelt der Verf. das Stadium prodromorum oder die Invasions¬ 
periode, von den weiteren Capiteln handelt das Cap. 2 von der 
tuberösen Form. Cap. 3 von der nervösen, Cap. 4 von der gemischten 
Form. Cap. 5 bespricht Prognose, Verlauf und Ausgang der Krank - 
keit, Cap. 6 die Complicationen. Sehr ausführlich bespricht der Ver¬ 
fasser im Cap. 7 die pathologische Anatomie der Lepra, im Cap. 8 
die Diagnose, im Cap. 9 Geographie, Geschichte, das epidemische 
Auftreten und die gegenwärtige geographische Verbreitung der 
Krankheit, im Cap. 10 bietet der Verf. eine auch auf sehr werth- 
volle Mittheilungen zahlreicher Aerzte in den Colonien basirte Dar¬ 
stellung der Aetiologie der Lepra und endlich im Cap. 11 eine von 
allen Täuschungen über den erhofften Erfolg freie und objectivo 
Besprechung der bisher angewendeten therapeutischen Massregeln 
gegen die Krankheit. 

Seit der vortrefflichen Bearbeitung der Lepra durch die beiden 
norwegischen Koryphäen und dem herrlichen Atlas von Boeck und 
Danielsen, ist uns kein Werk von so umfassender Darstellung 
über die Lepra bekannt geworden, als das vorliegende. 

Aber seit jenem Werke ist eine so geraume Zeit verflossen, 
während welcher sich die klinischen Beobachtungen so erweitert, die 
histologischen Untersuchungen so epochale Thatsachen zu Tage ge¬ 
fördert haben, dass man es dem Verf. geradezu als ein hohes Ver¬ 
dienst anrechnen muss, die Lücke, welche seither bestanden, durch 
eine so ausgezeichnete Bearbeitung des Gegenstandes ausgefüllt zu 
haben. Leider müssen wir es uns versagen in Details einzugehen 
und an der Hand derselben die Fülle selbstständiger Arbeit darzu- 
thun, die der Verf. in dem Werke documentirt hat. Die objective 
Darstellung in allen noch strittigen Fragen enthebt uns auch der 
Pflicht auf jene Punkte zurückzukommen, bezüglich welcher wir eine 
von der des Autors abweichende Auffassung haben. Wir können das 
umso eher thun, als kein Dermatologe der Lecture dieses Buches 

Vierteljahren lirifl f. Dermatol, u. Syph. 18 &J. jfj 


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Buch anxeige n. 


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wird entrathen können und die Anschaffung desselben für alle Kli¬ 
niker wegen der vorzüglichen Abbildungen sich nützlich erweisen 
dürfte. 

An abstract of lectures on Lepra by J. L. Bidcnkap. l’hysician 
to tho departement for skin-diseasts at thc Rigs-Hospital and lec- 
turer on dermatology at the University of Christiania. Christiania 
Huseby & Co. 1886. 

Angez<‘igt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Der Verf. bietet, in der kleinen Schrift einen Abriss seiner 
Vorträge über die Lepra in recht klarer und übersichtlicher Weise. 
Nach einem kurzen historischen Ueberblick und mit Beibehaltung 
der Eintheilung von Boeck und Danielsen und Verwerfung der 
Aufstellung anderer Formen als der der tuberösen und nervösen Form, 
bezüglich welcher häufig eine Combination stattfinde, bespricht der 
Verf. die Symptomatologie der Krankheit mit Berücksichtigung der 
gewöhnlichen Prodromal - Erscheinungen sowie der verschiedenen 
Localisation der specifischcn entzündlichen Noubildungsprocesse 
in den O'rgansystemcn und einzelnen Organen und deren Verlauf 
und Ausgänge. In der Auffassung des pathologisch-anatomischen 
Befundes schliesst sich der Verf. den Anschauungen derjenigen 
an, welche den Process als eine specifische Entzündung auffassen, 
die durch den Bacillus Leprae hervorgerufen wird. Bezüglich der 
Streitfrage über die Lagerung der Bacillen spricht der Verf. seine 
eigene Ansicht nicht aus. Für diejenigen, welche die früheren Ar¬ 
beiten des Verf. über die Lepra kennen, wird es interessant sein zu 
sehen, dass der Verf. nunmehr die Heredität nicht mehr als das 
einzige ätiologische Moment hinstellt, vielmehr die Infection ganz 
besonders hervorhebt. Bezüglich der Therapie wird die Erfolglosigkeit 
aller auch der neuestens angepriesenen Mittel angegeben und ein 
symptomatisches Verfahren empfohlen. 

Vorlesungen Aber Pathologie und Therapie der Syphilis von 

Prof. Dr. Eduard Lang, Vorstand der syphilitisch-dermatologischen 
Klinik an dor Universität Innsbruck. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1886. 

Angezeigt von Prof. F. J Pick in Prag. 

Von dem vorliegenden Werke hat die erste Hälfte, welche 
schon im Jahre 1884 und die ersto Abtheilung der zweiten Hälfte, 


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Buchanzeigen. 


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die im Jahre 1885 erschienen ist auf Seite 395 dieser Vierteljahres¬ 
schrift des Jahrganges 1885 ihre Würdigung erfahren. Die Ein¬ 
schränkung der Empfehlung, welche damals gemacht wurde, kann 
nun entfallen, denn der restliche Theil des Buches von der 25. Vor¬ 
lesung an, schliesst sich würdig den Vorhergehenden an. Gut Ding 
braucht Weile und ein gutes Werk ist es, das der Verf. geboten. 
Um zunächst ergänzend vorzugehen, müssen wir anführen, dass im 
Cap. (Vorlesung) 25 von der gegenseitigen Beeinflussung der Syphilis 
mit anderen krankhaften Vorgängen und der syphilitischen Kachexie 
gesprochen wird, die 26. und 27. Vorlesung der Pathologie der 
hereditären Syphilis, die 28. bis 31. Vorlesung die Therapie der 
Syphilis abhandelt, und dass sich an dieselbe 76 Ordinationsformeln 
anschli essen. 

Ueberblicken wir das ganze Werk, so müssen wir ganz beson¬ 
ders anerkennen, dass der Verf. es vortrefflich verstanden hat, den 
Stoff anzuordnen und gleichmässig zu vertheilen, dass er die Literatur 
beherrscht hat und aus derselben alles Werthvolle herangezogen und 
eigenartig verarbeitet hat. In dieser individuellen Darstellung werden 
allerdings anch solche Momente zu finden sein, über welche man 
anderer Ansicht sein wird als der Verfasser, indessen betreffen diese 
zumeist solche Fragen, die eben im Flusse sind, weshalb wir auf 
die Erörterung derselben hier nicht eingehen können. Auch wollen 
wir es nicht zu streng nehmen einerseits mit der skeptischen Dar¬ 
stellung, andererseits mit der gläubigen Approbation fremder Beob¬ 
achtungen, weil zu deren Prüfung ihm das eigene Beobachtungs- 
materiale gewiss fehlte oder nicht ausreichte. Dies bezieht sich z. B. 
auf seine Ansichten über den Weg der Verbreitung und Depötbildung 
der Syphilis, über die Symptoraengruppe der hereditären Lues und 
über die Therapie der Initialsymptome. Obwohl der Titel Vorlesungen 
ein rein äusserlicher ist, vielmehr dem Inhalt und der Form nach 
die Abtheilung in Vorlesungen nur an Stelle der Abtheilung in Ca¬ 
pital oder Paragraphe diente, ist die Abfassung doch eine sehr klare, 
gemeinverständliche und lebendige und wir wiederholen deshalb unsere 
Empfehlung des Buches auf das Wärmste. 


Le$ons sur la Syphilis professees ä l’höpital Saint-Sauveur par 
Henri Leloir, professeur de clinique des maladies cutanöes et 

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Uuchanzeitren. 


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syphilitiques ä la facultö de mödecino de Lille. Paris. A. Delahaye 
et Lecrosnier. 1886. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Der Verf. hat seine in Progrös mödical erschienenen und in 
unseren Berichten referirten Vorlesungen nunmehr in einem selbst¬ 
ständigen Buche zusammengefasst und vielfach ergänzt und verändert 
erscheinen lassen. Leloir ist ausgezeichnet durch die selteno Ver¬ 
einigung eines gediegenen Forschers und ausgezeichneten Lehrers, er 
steht nicht unter dem Banne einer Schule, er will selbst Schule 
machen. Seine Sprache und Darstellungsweise ist so lebhaft, dass 
die Lecture seiner Vorlesungen fast so fesselnd wirkt, wie das ge 
sprochene Wort. Nachdem wir bezüglich des Inhalts auf die Referate 
unseres Blattes verweisen können, erübrigt uns nur das Erscheinen 
der Vorlesungen in einer separaten Ausgabe zu signalisiren. Der Ver¬ 
fasser, der ein guter Kenner der deutschen Literatur ist, übermittelt 
in dieser Publication seinen Landsleuten auch die Errungenschaften 
deutscher Forschungsresultate in vorzüglicher Weise. 

Der Mikroorganismus der gonorrhoischen Schleimhauterkrankun¬ 
gen. „Gonococcus—Noisser.“ Von Dr. Ernst Bumm, Privatdocent 
an der Universität Würzburg. Mit vier lithographischen Tafeln und 
einer Tafel in Lichtdruck. Zweite ergänzte und vermehrte Ausgabe. 
Wiesbaden 1887, J. F. Bergmann. 

Angezeigt vom Privatdocenten Dr. Einest Finger in Wien. 

Der in dieser Zeitschrift (1885, S. 635) bereits augezeigten 
ersten ist rasch eine zweito Auflage gefolgt. Indem wir somit auf die 
Besprechung der ersten Auflage hinweisen können, erübrigt es uns 
nur die „Ergänzungen und Vermehrungen“ dieser zweiten Ausgabe 
zu besprechen, die in der That reichlich und wesentlicher Natur sind. 
Zwei Punkte waren es vor Allem, die den Leser der ersten Auflage 
nicht völlig befriedigten, vielleicht leise Zweifel aufkommen Hessen, 
cs waren dies die Fragen der Cultur und Impfung. Gegenüber den 
so widersprechenden Resultaten andorer Autoren, hatto B. wohl Cul- 
turen erhalten, die positiven Impferfolg gaben, gewisse charakteristi¬ 
sche Eigentümlichkeiten zeigten, doch keimten diese Culturen nur 
spärlich, Aufzüchtungen von Generationen blieben vergebens, cs war 
eben die sichere Methode der Cnltivirung noch nicht gegeben, diese 


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stets noch mehr weniger dem Zufall preisgegeben. Ebenso liess sich 
gegen die eine positive Impfung, bei der eine zweite Generation zur 
Verwendung gekommen war, doch mancher Zweifel und Einwand er¬ 
heben, so sehr B. selbst diese zu entkräften suchte. 

Alle diese Einwände sucht die zweite Auflage mit einwurfsfreien 
Culturen und Impfungen zu beantworten. Als Culturboden benützt B. 
nun ausschliesslich menschliches Blutserum, das er in der Weise ge¬ 
winnt, dass er sofort nach der raschen Abnabelung des Neugebornen 
und Durchtrennung des Nabelstranges das sich bei jeder Wehe aus 
der Nabelvene entleerende Blut in Gläschen auffängt. Er gewinnt so 
40—60 Cctr. eines Blutes, das weder vom Kinde noch der Mutter 
verwerthbar, nach Koch’s Methode sterilisirt und erstarrt, als gutes 
Nährmaterial dient. Der von allen Verunreinigungen möglichst freie 
blennorrhagische Eiter, den man den untersten Partien der Urethra 
entnimmt, wird nun — aber nicht in Form von Strichen oder Stichen 
— sondern in Form von Tropfen und Klümpchen auf möglichst starres 
Blutserum gebracht, die Gläschen einer Temperatur von 33—37° C. 
ausgesetzt. Nach 18 —24 Stunden sieht man makroskopisch noch keino 
Pilzwucherung, wohl aber ist das nun fadenziehende blennorrhagische 
Secret, wie in eine Delle in das Blutserum eingesunken. Untersucht 
man aber dieses Secret, so findet man dasselbe, falls Wachsthum ein¬ 
getreten ist, von grossen, weitverzweigten Basen von charakteristi¬ 
schen und wohlansgebildeten Coccen durchsetzt. Dieses fadenziehende 
Secret wird, behufs Weiterimpfung auf zart gelatinirtes Blutserum in 
nicht zu dünner Schichte übertragen und erhält man so die ersten, 
auf dem Blutserum wachsenden Pilzrasen, die flach, glatt und dünn 
sich dadurch charakterisiren, dass sie mit ungemein zackigen und 
buchtigen, steil abfallenden Bändern vorschreiten. Begressive Meta¬ 
morphose tritt rasch ein, weshalb häufige Weiterimpfung nothwendig 
ist. Diese frühzeitige regressive Metamorphose gibt auch den mikro¬ 
skopischen Präparaten der Gonococcen, gegenüber anderen Staphylo- 
coccen etwas Charakteristisches. Neben gut gefärbten jungen, findet 
man stets auch alte, knollige oder zu Detritus zerfallende, nicht tin- 
gible Exemplare. Das von Neisser angegebene Vermehrungsschema 
ist stets deutlich. Uebertragungen auf andere gelatinirte oder Agar- 
nährböden gibt auch bei Körpertemperatur kein Wachsthum. Auf zart 
gelatinirtem Hammel- oder Kinderblutserum ist das Wachsthum spär¬ 
lich. Ausserhalb ihres natürlichen Nährsubstrates sind die Gonococ- 


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cen gegen die geringsten Schädlichkeiten ausserordentlich empfindlich. 
Zusätze der gebräuchlichen Antiseptica in Concentrationen, tief unter 
der gebräuchlichen, stören das Fortkommen. Rückschlüsse aus diesen 
Ergebnissen auf die im Epithel wachsenden Coccen sind natürlich 
nicht gestattet. 

Mit einer zwanzigsten Generation einer so gewonnenen Gonococ- 
cenreincultur hat nun B. eine Impfung in eine weibliche Urethra vor- 
genommen, nach zweitägiger Incubation eine in typischer Weise ver¬ 
laufende Urethralblennorrhöe, deren Secret reichlich Gonococcen anf- 
wies, erhalten, die in der ersten Woche des Bestandes sehr acut»- 
Symptome zeigte und nach dreiwöchentlichem Bestände durch Ipjec- 
tionen einer Sublimatlösung (1 : 10.000) im Verlauf von weiteren vier¬ 
zehn Tagen geheilt wurde. Nebst den aus der ersten Auflage bekannten 
Tafeln zeigt Tafel V, Figur 15 und 16 photographische Aufnahmen 
der oben geschilderten Reinculturen. 

Atlas der Hautkrankheiten von Dr. Isidor Neumann, Professor 
der Dermatologie und Syphilis an der k. k. Universität in Wien. 
V. Lieferung. Wien. Wilhelm Braumüller. 1886. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Die sechs Tafeln von Abbildungen, welche das fünfte Heft dieses 
auf zwölf Lieferungen mit 72 Tafeln veranschlagten Atlas bilden, ent¬ 
halten die Abbildungen von Impetigo herpetiformis (Taf. 9), Tuber- 
culose der Haut (Taf. 50), Lupus vulgaris (Taf. 51), Keloid (Taf. 60). 
Spontane Hautgangrän (Taf. 61), Sarcom der Haut (Taf. 63). Je nach 
der Natur des Gegenstandes sind die, mit Ausnahme von Taf. 9, 
welche C. Henning gearbeitet hat, von J. Heitzmann in Chro¬ 
molithographie ausgeführten Tafeln mehr oder weniger geeignet, auch 
ohne begleitenden Text die Diagnose für den Kenner unzweifelhaft zu 
machen. So die herrliche Darstellung des Keloids und eines Falles 
von Lupus der Extremitäten. In dieser Weise sind sie geeignet, den 
Mangel eines vorhandenen lebendigen Lehrmaterials zu ersetzen und 
von grossem Werthe. 

Dagegen müssen wir die Abbildungen von Tuberculose und Sarcom 
als wenig entsprechend bezeichnen. Das Bild dieses schön frisirten Mannes 
mit dem sorgfältig gepflegten Barte stimmt nicht entfernt zu der Schwere 
der Krankheit, deren im vorgeschrittenen Stadium auftretendes Symptom 


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er darbieten soll. Hier muss allerdings der erläuternde Text ergänzend 
eintreten, ebenso wie für das Verständniss der Abbildung eines Falles 
von Sarcom, die alles Mögliche darstellen könnte. Diesen erläuternden 
Text besorgt Isidor Ne um an n in sehr gelungener Weise. Er geht dabei 
„nach beliebten Mustern“ vor, sein specielles Vorbild ist der Text 
von Hebra zu seinem grossen Atlas. Allein die Zeiten haben sich 
sehr geändert und wenn es uns gestattet wäre, einen wohlgemeinten 
Rath auszusprechen, so würden wir wünschen, dass im Text mehr 
Gewicht gelegt werde auf die Mittheilung des im Bilde wiedergege- 
benen Falles, auf die genaue Besprechung der bildlich dargestellten 
Symptome, während die Erörterungen der im Einzelfalle vorgeführton 
Krankheit im Allgemeinen füglich unterbleiben könnten. Bei dieser 
Auffassung der Aufgabe des Textes würde der Atlas als Lehrmittel¬ 
behelf um so mehr gewinnen, als die Ausstattung desselben von Seite 
der Verlagshandlung nichts zu wünschen übrig lässt. 

Die Lebersyphilis, ein Beitrag zur Symptomatologie derselben von 
Dr. Louis Peiser. Leipzig, Gustav Fock. 1886. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Ein Fall von Lebersyphilis, den P. an der Erlanger Klinik unter 
Prof. Strümpell zu beobachten Gelegenheit hatte, bot die Veranlas¬ 
sung, den Versuch zu machen, die am meisten charakteristischen 
Krankheitserscheinungen zu einer Gruppe zu vereinigen, um ein mög¬ 
lichst klares Bild der Krankheit festzustellen. Durch genaue Schilde¬ 
rung dieses Falles und Heranziehung von 34 Fällen aus der Litera¬ 
tur sucht der Verfasser dieses Ziel zu erreichen, ohne jedoch zu einem 
besseren Resultate zu kommen, als dem leider bisherigen, dass die 
Diagnose nur dann gerechtfertigt sei, wenn das Individuum noch an¬ 
dere unzweideutige Zeichen constitutioneller Syphilis darbietet, wobei 
übrigens nicht vergessen werden sollte, dass öfters Coincidenz von 
Syphilis mit Lebererkrankungen, die nicht auf Basis der Lues ent¬ 
standen waren, beobachtet werden. 

Krankheiten der Zunge. Von Heinrich T. Butlin. Deutsch bear¬ 
beitet und herausgegeben von Dr. Julius Beregszäszy, Assistenz¬ 
arzt an der allgemeinen Poliklinik in Wien. Mit acht chromolitho- 


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graphirten Tafeln und drei Holzschnitten. Wien 1887, Wilhelm 
Braumöller. 

Angezeigt von Prof. F. J. Pick in Prag. 

Es war ein sehr glücklicher Gedanke der Verlagshandlung und 
des Uebersetzers, Butlin’s Monographie dem deutschen Publikum zu¬ 
gänglicher zu machen. Die monographische Behandlung der Krank¬ 
heiten der Zunge entspricht einem praktischen Bedürfnisse und 
wurde vom Verfasser in anerkennenswerter Weise gelöst. Obwohl 
fast ein Drittel des Buches über Gegenstände handelt, welche wie 
die gutartigen und bösartigen Geschwülste und deren operative Be¬ 
handlung in das Gebiet der Chirurgie gehören und in den Handbü¬ 
chern derselben ausreichende Besprechung finden, hat es der Verf. 
dennoch verstanden, auch nach dieser Kichtung hin dom Gegenstände 
viele sehr beachtenswerthe Momente abzugewinnen. Der Schwerpunkt 
der Arbeit und das Hauptverdienst derselben liegt in der Bearbei¬ 
tung jener grossen Zahl von Krankheitserscheinungen, die unter den 
abenteuerlichsten Namen beschrieben sich als Flecke und Plaques, 
Knoten und Knötchen abgehandelt finden. Wir bedauern, dass der 
Verfasser mit Namen wie Psoriasis, Ichtliyosis nicht tabula rasa ge¬ 
macht hat, sie sind nur geeignet Missverständnisse hervorzurufen. 
Weniger befriedigt sind wir von der Besprechung der parasitären 
Affectionen der Zunge, mit denen der Verfasser etwas stiefmütterlich 
umgegangen ist. Der Therapie wurde eine grosse Sorgfalt zugewendet, 
ein Umstand, welcher den Nutzen des Buches für den praktischen 
Arzt sehr erhöht. Der Uebersetzor ist seiner Aufgabe vollkommen ge¬ 
recht geworden und hat dem Texte einige werthvolle Notizen beige- 
fügt. Wir sind überzeugt, das Buch worde sehr anregend wirken und 
empfehlen dasselbe angelegentlichst. 


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Varia. 


Dr. Albert Michaelis t 

Am 13. November 1886 starb zu Pressburg Dr. Albert Mi¬ 
chaelis, (Generalarzt a. D. in seinem 62. Lebensjahre. Michaelis, 
mter seinen militärärztlichen Collegen hochgeschätzt, hat sich in 
früheren Jahren eifrigst mit dem Studium der Syphilis beschäftigt 
and ein gutes Compendium der Syphilis geschrieben. Als Mitarbeiter 
an der Vierteljahresschrift hat er sich durch mehrere Arbeiten be¬ 
tätigt. die ihm ein ehrendes Andenken sichern. 


Wir bringen zur Kenntniss, dass das Hawaii’sche Consulat 
n Wien gerne bereit ist, an die hiefür sich Interessirenden, einzelne 
Eiemplare des in diesem Hefte zur Besprechung gelangten Sanitäts- 
berichtes, soweit der Vorrath reicht, gratis zu überlassen. 


«!. l?e)ifrrruter’»chf Kurhtlr«cker«*l (M. Hairer) In Wien. — 


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Originalabhandlungen. 


Vierteljabresschrift f. Dermatol, u. Syph. 1887. 


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Feber die galvano-chirurgischen Depilations- 

Methoden. 

Von 

l>r. Paul Miclielson in Königsberg. 

(Mit sechs Abbildungen im Texte.) 


Die Aufforderung, an abnormer Stelle gewachsene Haare zu 
beseitigen, tritt an den Arzt heran: 

1. In jenen Fällen, in welchen falsch stehende Wimpern den 
Augapfel irritiren. 

2. Wenn eine reichlichere Entwicklung stärker pigmentirter 
Haare an sonst haarlosen, der Sitte nach uubekleidot getragenen 
Hautstellen, besonders im Gesicht von Frauen stattgofundou und 
den betreffenden Personen ein auffälliges und nach den herr¬ 
schenden Begriffen unschönes Aussehen gegeben hat. 

Die Unzulänglichkeit der Resultate, welche die bis dahin 
üblichen Methoden der Trichiasis-Behandlung lieferten, regte im 
Jahre 1875 den amerikanischen Augenarzt Michel in St. Louis 
zu dem Versuche an, den Mutterboden der in falscher Riehtuug 
Uervorsprossenden, gegen den Augapfel gekohlten Cilien durch 
Elektrolyse zu zerstören. Der Erfolg war vortrefflich. 

In die dermatologische Praxis wurde die von Michel er¬ 
sonnene elektrolytische Depilations-Methode von seinem Freunde, 
und Landsmann Hardaway 1877 eingeführt. Dass das ihr ge¬ 
spendete Lob kein übertriebenes sei, bestätigten in schneller Folge 
die Amerikaner Piffard, G. H. Fox, J. C. White, G. Heitz- 
mann, J. Th. Jackson, Duhring, A. Jacoby u. A. Auch 
aus Europa liegen bereits mehrfache günstige Urtheilo vor. 

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M i r li o I s o n. 


Dermatologen (Hoitzmann und Brocq) an ihren Nadeln, damit 
sie nicht zu tief eindringen, eine Arretirungs-Marke anbringen. 
Beide Massnahmen erscheinen mir entbehrlich. 

Fio . ,, Man kann die für die Operation zu 

i benützenden Nadeln mittelst eines, durch 

ein Stück Gummischlauch isolirten Kupfer¬ 
drahtes in directe Verbindung mit den 

J Leitungsschnüren der Batterie bringen. Die 

meisten Autoren ziehen indess die Verwen¬ 
dung eines ad hoc cnstruirten Nadelhalters 
vor. Die Buchse desselben pflegt aus einem, 
mit einem äusseren Schraubengang versehe¬ 
nen Cylinder zu bestehen, der in drei oder 
vier federnde Bisse ausläuft; zwischen diese 
wird die Nadel hineingesteckt und dann 
dureh eine auf die Buchse aufgeschraubte 
T Hülse, ganz wie bei den gewöhnlichen Hii- 

pti kelhaken der Damen, fixirt. Bei meinen: 

i || eigenen Nadelhalter (Fig. 1) umfassen frei 

|—1| an dünnen isolirten Drähten in S-Gelenken 

I 11 peudelnde kurze, leichte Schraubenklemmen 

_|p von oxydirtem Messing die Nadeln. Die auf 

diese Weise erzielte Beweglichkeit gestattet 
es, auch an schwer zugänglichen Körper- 
' || stellen, z. B. dem Lidrande und der Sub- 

! j| mentalgegend, die Nadel in jeder beliebigen 

I' 1 Richtung eiuzustossen. Mit einem Halter. 

/ jj bei welchem die Nadel fest im Hefte steckt. 

/ 1 | ist das, wie auch Heitzmann hervorhebt, 

/ 1 1 oft gar nicht möglich. Gewöhnlich wird 

1 | mein Nadelhalter mit zwei Klemmen ge- 

H | liefert, so dass eventuell eine gleichzeitige 

\ jjf / Behandlung zweier Haarbälge stattfinden 

\j? J kann. Will man die Galvanopuuctur nur 

^ 65ä,s5SS<c ^ mit einer Nadel ansführen, so stört die 

andere Klemme, die mau in diesem Falle leer hinabhängen 
lässt, durchaus nicht. Den Griff des Nadelhalters liebt der 
Eiue etwas düuner, der Andere etwas dicker; der Eine lässt 


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GalvanA-chirur^isrlio DopiUlions-Methmlen. 


211 


ihn von Knochen, Elfenbein, Hartgummi oder Holz, der An¬ 
dere von Messing anfertigen, — all das ist unwesentlich; uur 
müssen die Metall - Condnctoren mit einem isolirenden Lack 
überzogen sein, da andernfalls, bei nicht ganz trockener Hand 
des Operateurs, der galvanische Strom auf dessen eigenen Körper 
abgelenkt wird. — Unna hat seinen Nadelhalter mit einem ein¬ 
fachen und praktischen Feder-Contact versehen; G. Behrend 
und ich sind ihm darin gefolgt. Die Amerikaner, deren Instru¬ 
mente einer solchen Vorrichtung entbehren, bewirken, wie er¬ 
wähnt, Stromschluss und Stromöffnung einfach dadurch, dass sie 
den Patienten die Anode aufsetzen resp. abheben heissen. — Pif- 
fard verband eine Convex-Linse mit seinem Handgriff, eine 
Combinatiou, die, wie ich annehme, nur von hypermetropischen 
Aerzten benutzt werden dürfte; ob diese nicht bessor daran thäten, 
auf die Ausführung einer Operation überhaupt zu verzichten, die 
so hohe Ansprüche an das Sehvermögen des Arztes macht, bleibe 
unerörtert. — Brocq’s Heft endlich besteht aus einem nur 1*5 Ctm. 
langen und 2 Mm. dicken Metallcylinder, auf welchem die Nadel 
festgelöthet ist. 

Ein ebenso verschiedener Geschmack wie in Bezug auf das 
andere Instrumentarium herrscht auch hinsichtlich der galvani¬ 
schen Batterien. Die für unsere Zwecke geeigneten Apparate 
brauchen keinen starken Strom zu geben; es ist jedoch wünschens- 
werth, dass sie eine möglichst grosse Constanz besitzen. Die am 
meisten verbreiteten, mit dem bekannten Chromsäure-Gemisch zu 
füllenden Tauch-Batterien geben zwar anfänglich einen relativ 
starken Strom, bald aber erlahmt ihre elektromotorische Kraft. 
Wegen ihrer ausgezeichneten Constanz habe ich die von J. C. 
Schloesser in Königsberg construirte Aetzkali- (Lalande-) Batterie 
schon früher empfohlen. Eine kürzlich von meinem Collegen Dr. 
Hugo Falkenheim mit dem Hirschmann’schen absoluten Gal¬ 
vanometer ausgeführte Prüfung hat gezeigt, dass, während die 
Batterie über vier Stunden im Schluss blieb, sich die Stromstärke 
nicht um eine Spur verringerte. 

Bei dem auf meine Veranlassung für die Zwecke der elek¬ 
trolytischen Behandlung von Hautkrankheiten zusammengestellten 
neuen Modell dieser Batterie (Fig. 2) befinden sich in einem Maha¬ 
gonikasten von 20 Ctm. Höhe, 21 Ctm. Breite und 28 Ctm. Länge 

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M i c li v I s o n. 



15 Elemente; jedes derselben (Fig. 3) besteht aus einem cylindri- 
schen Glasgefass von 14 Ctm. Höbe und circa 3’5 Ctm. Durch¬ 


messer und enthält au einem isolirten verkupferten Eisendraht (Ed) 
einen mit Kupferoxyd gefüllten Eisenbecher ( Eb ) (-)- Pol); der 


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Galvano-chirurgisrhc DcpHations-Mothodcn. 


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negative Pol wird von einer an isolirtem Zinkdralit ( Z <!) befestigten 
Zinkscheibe (Zs) gebildet. Als erregende Flüssigkeit dient eine 
Lösung von 350 Gr. Kali causticum in einem Liter destillirteu 
Wassers, mit welcher die Gläser bis zu etwa zwei Drittel ihrer 
Höhe gefüllt werden. Da die Aetzkalilösuug durch die 
Kohlensäure der Luft leicht zersetzt wird, ist es zweckmässig, sie 
vor der Berührung mit der Luft durch eine aufgegossene Petro- 
leumschicht (P) — circa G Ccm. 3 

pro Element — zu schützen. __ S/ 

Ausserdem ist das Glasgefäss 
durch einen Kautschukpfropf (A'/>) Hl 

verschlossen. Zwei in demselben a| 

enthaltene Oeflhungeu gewähren 

sowohl dein Eisen- wie dem Zink- Kp 

drahte des Elementes Durchlass. _ 

Während ersterer mit dem Zink- _ rej a 

stabe seines Nachbarelementes Ml » ' P 

verbunden ist, ragen die oben 

mit einem Gewinde versehenen 

Zinkdrähte über dio horizontale 

Deckplatte der Batterie hinaus _ I 

und endigen in messingenen Step- ~ ~~'B == \ 

sein (St). Am Stromwender der 

Batterie sind je zwei längere und 

kürzere Leitungsschnüre ange- Z* - ^H H 

bracht. Erstero sind zur Verbin¬ 
dung mit den Elektroden be- 
stimmt, letztere setzeu mit¬ 
telst der an ihnen befestigten 
hutförmigeu Klemmen (Fig. 2 , 

Kl, Kl, Kl) („Stöpselschalter“) die gewünschte Zahl von Ele¬ 
menten in Function, und zwar geschieht das einfach in 
der Weise, dass die Hutklemme der einen Schnur aut 


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ftl i c Ih* I s o n. 


Elemente ändern, ohne den Strom zu unterbrechen. Hat man 
z. B. 10 Elemente mit dem einen Ende der zweiarmigen Lei¬ 
tungsschnur eingeschaltet und will den Strom verstärken, so setzt 
man den Stöpselschalter des anderen Endes dieser Schnur auf 
4 11, 12 etc. auf. Selbstverständ¬ 

lich muss die Hutklemme von 
Nr. 10 demnächst entfernt wer¬ 
den. —Wie aus vorstehender Be¬ 
schreibung erhellt, ist die Hand¬ 
habung der Schloesser’schen 
Aetzkali-Batterie überaus ein¬ 
fach. Wird eine Abnahme der 
Stromstärke bemerkbar — was 
indess erst nach vielmonatli¬ 
chem häufigem Gebrauche der 
Fall sein kann — so unterliegt die 
Instandsetzung der Batterie und 
Neufüllung der Elemente keiuer 
Schwierigkeit. Näheres hierüber 
besagt die jedem Apparate bei¬ 
gegebene Gebrauchsanweisung. 

Zur Ausstattung der Batterie 
gehören: 

1. Zwei Handgriffe aus Ma¬ 
hagoniholz, auf die sich a) zwei 
Platten-Elektroden von 3'5, resp. 
7 Ctm. Durchmesser, b) zwei 
Voltoliui’sche Hefte mit Pla¬ 
tinspitzen (zur elektrolytischen 
Zerstörung von Warzen und 
Mälern) aufschrauben lasseu. 

2. Mein Nadelhalter (Fig. 1). 

Mein Operationsstuhl. 3. 15 Zapfen rei bah len. 

Nicht gerade unentbehrlich, aber besonders für die Fälle 
sehr wünschenswerth, in denen Haare der Submental- und Sub- 
maxillargegend zerstört werden sollen, ist ein mit einer geeigneten 
Kopfstütze versehener Operationsstuhl (Fig. 4). Auf diesem, wie 
auf jedem anderen Stuhl wird der Patient so placirt, dass die zu 



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Galvano fhinirpisrhr Dopilalions-Molhodcn. 


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behandelnde Hautpartio gilt beleuchtet ist und sich in gleicher 
Höhe mit dem Auge des gegen übersitzeuden Operateurs 
befindet. 

Während bei der Hypertrichosis-Behandlung Assistenz voll¬ 
kommen unnöthig ist, kann man sich die Trichiasis-Behandlung 
dadurch erleichtern, dass man einem Gehilfen die Aufgabe zu- 
weist, das Lid, an dem operirt wird, vom Bulbus abzuziehen. 

Welche Erscheinungen treten nun nach der elektrolytischeu 
Inangriffnahme eines Haarbalges an der Haut zu Tage? 

Versenkt man die mit dem negativen Pol der Batterie ver¬ 
bundene Nadel, der Haarrichtung folgend, in den Follikel und 
schliesst den Strom, so lässt sich zuvörderst meistens eine momen¬ 
tane Röthung der die Follikelmündung umgebenden Haut beob¬ 
achten; stets folgt ein Erblassen derselben, in der Regel begleitet 
von Schwellung, so dass dann das Bild einer in ihrem Centrum 
von einem Haar durchbohrten Quaddel entsteht. Bald sieht mau 
auch ein wenig Schaum aus der Mündung der Haartasche aus- 
perlen. Lässt man den Strom noch etwas länger eiuwirken und 
übt nun einen leisen Zug mit der Cilienpincette aus, so überzeugt 
man sich, dass die meisten derart behandelten Haare ausseror¬ 
dentlich leicht diesem Zuge folgen. 

Ein winziger rother Fleck, ein Knötchen, bei intensiverer 
Strom Wirkung ein kleines, mit hämorrhagischem Serum gefülltes 
Bläschen, das noch im Laufe des Tages verschorft; Pustelbildung 
nur ganz ausnahmsweise, hauptsächlich wohl nach zu starker Ein¬ 
wirkung des galvanischen Stromes; eine mit der Empfindung er¬ 
höhter Wärme und einem gewissen Spaunungsgefühl verbundene 
mehr diffuse Röthung und Schwellung der Haut, wenn auf einem 
beschränkten Gebiet eine grössere Zahl von Haarbälgen fehler¬ 
hafter Weise behandelt wurde — das etwa sind die dermatitischen 
Symptome, welche sich an den uns interossirenden Eingriff anzu- 
schliessen pflegen. 

Heitzmann allerdings gibt an, dass er bei zart gebauten 
lymphatischen Frauen zuweilen eine Disposition zur Pustelbildung 
sah; bei „Frauen von schlechtem Aussehen mit fast lederartiger 
Haut 14 käme es gelegentlich sogar zu furunkelähnlichen Infiltraten; 
derartige Infiltrate entständen auch, wenn die Nadeln nicht mit 
der grössten Sorgfalt reingehalten werden. Nach Hardaway 


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M i c h o 1 s o n. 


soll die örtliche Reizbarkeit durch drei bis vier Mal inoerhalb j 
der nächsten zwölf Stunden nach der Operation ausgeführte heiss?» j 
Waschungen von etwa viertelstündiger Dauer sich erheblich ab* 
stumpfen lassen. 

Das Verbleiben des Haares in seinem Follikel ist für «iea 
Ablauf der dermatitischen Symptome ohne alle Bedeutung. Hat 
man darauf verzichtet, das Haar mit der Piucette auszuzieheu. 
so fällt es oft schon an dem Tage der elektrolytischen Behaoti- 
lung oder au einem der nächsten Tage beim Waschen oder einer 
anderen zufälligen energischeren Berührung aus; in anderen Fällen 
sitzt es in dem entstandenen Schorfe eine Woche oder länger fest 
und löst sich erst gemeinsam mit diesem von seinem Mutter* 
boden. Dass das spontane Ausfallen zugleich als zuverlässig^ 
Zeichen für den Erfolg der Behandlung angesehen werden darf; 
liegt auf der Hand. i 

Subjectiv macht sich die Wirkung der Elektrolyse durch 
eine unangenehm stechende Empfindung bemerkbar, und zwar ia 
desto höherem Grade, je grösser die angewandte Stromstärke. 
Auch ist die Schmerzhaftigkeit an den verschiedenen in Frage 
kommenden Hautpartien keineswegs gleich. — Ohumachtsanßlle ; 
sah ich zweimal im Gefolge der elektrolytischen Depilation eiii- 
treten, bei einem anämischen zehnjährigen Mädchen, das we^n 
einer circumscripten Hypertrichose der Stirngegend in meine Be¬ 
handlung getreten war und bei eiuem, an Trichiasis leidenden, 
schwächlichen zwanzigjährigen Manne, den mein College, der 
Ophthalmologe Heisrath mir überwiesen hatte. Beide Male hau- ' 
delte es sich um erste Sitzungen. Di e elektrolytische Depilation ■ 
von Wimpern ist, wie ausdrücklich hervorgehoben werde« 1 
muss, übrigens unter allen Umständen viel empfindli- | 
eher, als die von Haaren der Bartgegend und sollt' 
daher stets mit möglichst schwachen Strömen versucht werden. 

Was nun das Aussehen der Haut nach dem Ablauf der ; 
Entzündungserscheinungen aubelangt, so macht sich nur gau: 
ausnahmsweise eine Pigmententwicklung bemerkbar. In den von 
Hardaway beobachteten Fällen war dieselbe stets vorübergehender 
Art. G. Th. Jackson jedoch sah dunkelbraune Pigmentflecke, die 
in der Umgebung der Follikelmünduug entstanden waren, einige 
Monate hindurch persistiren; ob sie dann verschwanden, ist in 



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Galvano-chirurgische Depilations-Methoden. 


247 


der Abhandlung, der ich dieses Citat entnehme, nicht gesagt. 
Auch G. P. Unna hatte nach mündlicher Mittheilung im ver¬ 
gangenen Jahre einen solchen Pall unter Augen; derselbe betraf 
eine Dame, deren Hirsuties von einem Curpfuscher elektrolytisch 
behandelt war. Unna verordnete eine Salbe aus Hydr. bichlort. 0‘2, 
Bismuth oxychlorat. 20, Unguent. Ziuc. 20 0, unter deren Ge¬ 
brauch die Pigmentation ziemlich bald zurückging. 

Dpr Regel nach markiren sich durch feine, blasse, nur bei 
genauer Betrachtung erkennbare, grübchenförmige Narben die 
Stellen, an welchen früher oin Schorf gesessen hatte. Nur Wenigen 
wird es gelingen, Bartwuchs bei Frauen auf elektrolytischem Wege 
absolut ohne Hinterlassung sichtbarer Spuren zu zerstören. Wenn 
aber einer unserer Dermatologen bei dom ersten Versuche mit 
dem gleichen Verfahren „grössere Substanzverluste“ erzeugte, 
welche „wegen der nachträglichen Narbenbildung über weitere 
Strecken entstellend gewesen wären“, so dürfte es statthaft sein, 
— mit G. H. Fox — dies nicht sowohl der Operationsmethode, 
als der Unorfahrenheit des Operateurs zur Last zu legen. 

Iu dem uaturgemässen Wunsch, recht bald ein deutliches 
Resultat seiner Bemühungen zu sohen, ist gerade der Anfänger 
■jeueigt, zu starke Ströme anzuwendeu. Mau kommt aber auch 
mit schwachen Strömen zum Ziel, wenn man sie nur hinreichend 
lauge eiuwirken lässt und wird für dieses langsamere und ge¬ 
duldigere Vorgehen, wie orwähnt, durch die geringere Empfind¬ 
lichkeit der Procedur und die geringere entzündliche Reaction der 
Haut belohnt. Während ich früher 20—30 Elemente meiner 
Lalande-Batterie in Thätigkeit setzte, benütze ich jetzt nicht mehr 
als 10 — 15, für die Beseitigung von Augenwimpern sogar nur 
•'«-8, höchstens 10. Bei Schluss durch das Hirschmann’sche abso¬ 
lute Galvanometer, welches einen Widerstaud von 500 Siemens’- 
?chen Einheiten repräsentirt, geben 5 Schloosser’sche Lalande- 
Elemente, wie Dr. Hugo Falkenheim feststellte, 0 Milliamperes, 
10 Elemente 12 und 15 Elemente 21 Milliamperes Stromstärke. 
Selbstverständlich verringert sich der Galvaüometerausschlag er¬ 
heblich, sobald der aussorordentlich grosse Widerstaud des mensch¬ 
lichen Körpers iu den Schliessuugsbogen eingeschaltet wird. 
Führten wir die an dem negativen Pol befestigte Stahlnadel in 
einen der Barlhaarfollikel der Kinngegend ein und Hessen eine 


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Michels«.* n. 


angefeuchtete, mit Flanell und Leinwand überzogene Platten- 
Elektrode von 3 Otm. Durchmosser au die Volarfläche der Hand 
andrücken, so zeigte das Galvanometer eine Stromstärke von 
etwa 0’5 Milliampero bei 10, von etwa 1—125 Milliampere bei 
15 Elementen. Ob die Galvanopuuctur nur an einem Haarbalge 
oder an zweiou gleichzeitig vollzogen wurde, ist dabei fast gleicli- 
giltig. Durch Benützung einer Plattou-Elektrode von 7 Ctm. 
Durchmesser wurde die Stromstärke ungefähr verdoppelt; eine 
weitere, sehr beträchtliche Steigerung derselben konnte durch die 
Verwendung der grossen zuugentormigeu Hirschmann’scheu Nacken- 
Elektrode bewirkt werden, nämlich bis 4*75 Milliamperes bei 

15 Elementen; bei 20 Elementen mit 7 Milliamperes Stromstärke 
wurde die Schmerzhaftigkeit von der Versuchsperson bereits als 
unerträglich bezeichnet. Zur Lockerung oines vorher fest einge- 
pflanzteu reifen Barthaares waren bei einer Stromstärke von circa 
1 Milliampere mindestens 75, von circa 2 Milliamperes nur 45 
bis 00 Secundeu erforderlich. 

Lustgarten fand, dass bei einer Stromstärke von */ a —1 
Milliampere bereits eine Einwirkungsdauer von 20—30 Sekunden 
den Effect der radicalen Epilation herbeiführte; die Divergenz 
zwischen seinen und unseren Versuchsergebnissen dürfte dadurch 
genügend orklärt sein, dass der Adhäsions-Modulus des Haares 
individuell und regionär sehr verschieden ist. 

Baratoux operirte anfänglich mit 2—3, später sogar mit 
5—8 Milliamperes Stromstärke; dass er die Anästhesirung durch 
subcutaue Injeetion von zwoipereentiger Cocainlösung für wünschens¬ 
wert erklärt, darf nicht Wunder nehmen. Wenn aber Brocq augiebt, 
bei Anwendung der von ihm gewöhnlich in Function gesetzten 

16 Chardin’schen Elemente habe die Stromstärko 12—20 Milliam¬ 
peres betragen; es soi ihm indessen zulässig erschienen, die elek¬ 
trolytische Depilation mit noch stärkeren Strömen, von 22—24 
Milliamperes auszuführen, so kann ich nur annehmen, dass eiu 
Irrthum im Ablesen der Galvanometer-Scala diesen Beobachtim- 
gen zu Grunde liegt. Von den anderen Autoren hat, wie es 
scheint, Niemand galvanometrische Untersuchungen angestellt. 
Ein ungefähres Bild davon, mit wie ganz verschieden starken 
Strömen gearbeitet wird, kann man sich aus den sehr erheblich 
von einander abweichenden Mittheilungon über die für die Wirk- 


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Galvano-chirurgische Depilations-Methoden. 


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sambeit der Operation nothwendige Zeitdauer machen. Während 
beispielsweise Brocq zur Beseitigung der feinen Wangenhaare 
3—6 Secunden, der stärkeren Haare der Bartgegend 8, höchstens 
35 Secunden genügen, braucht Heitzmann für ein Wollhaar eine 
volle Minute, für ein kräftiges Barthaar aber durchschnittlich 
drei Minuten. 

Worauf beruht nun die depilatoriselie Wirkung der in Rede 
stehenden Behandlungs-Methode? 

Nach einer früher von Heitzmanu ausgesprochenen Ansicht: 
Auf einer durch die erhöhte Temperatur der Nadel bedingten 
faustischen Wirkung. Da Heitzmanu in seiner neueston, zu An¬ 
fang dieses Jahres erschienenen Arbeit die Irrthümlichkeit dieser 
Auffassung thatsächlich anerkennt, würde es kaum der Mühe 
verlohnen, dieselbe hier zu erörtern, hätte das erwähnte Theorem 
nicht auch Eingang in einzelne unsrer Lohrbücher gefunden. Es 
ist das um so auffälliger, als vor 16 Jahren bereits V. v. Bruns 
hervorbob, wie an den benützten Nadeln keine Spur von Tempe¬ 
raturerhöhung wahrnehmbar sei und zugleich den experimentellen 
Beweis lieferte, dass alle im Gefolge der Elektrolyse auftrotenden 
Vorgänge auf rein chemischem Wege zu Stande kommen, haupt¬ 
sächlich dadurch, dass sich, unter Zersetzung der die Gewebe 
durchträukenden Flüssigkeit, am negativen Pol Wasserstoff und 
Alkalien, am positiven Sauerstoff und Säuren ansammeln. Die 
Lockerung des Haares in seiuer Tasche, das Austreten von alka¬ 
lisch reagirendem Schaum, der bei mikroskopischer Untersuchung 
leicht erkennbare abnorme Luftgehalt des Haares nach unserer 
Operation — all das wird durch die chemische, aber nicht durch 
die thermische Theorie erklärt. — Modificirt man das vorhin bespro¬ 
chene Verfahren in der Weise, dass man die Pole vertauscht und 
eine Stahlnadel statt an der Kathode an der Anode befestigt, so 
kommt es zu keiner Gasentwicklung. Der freiwerdende Sauerstoff 
verbindet sich sofort mit dem Metall der Nadel und oxydirt das¬ 
selbe, so dass sie ein dunkles, rauhes Aussehen gewinnt; zugleich 
bildet sich in Folge der Entstehung von Eisenchlorid ein punkt¬ 
förmiger brauner Fleck an der Galvanopunctur-Stelle. 

Bedarf es unbedingt einer bis zur Ausätzung des Follikels 
gesteigerten Stromwirkung, um die Productivität der Haar-Matrix 
zu zerstören? Ich glaube diese Frage verneinen zu dürfen. Theo- 


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Miclielso n. 


retisch könnte man sich leicht vorstellen, dass an den, im Wir¬ 
kungsbereich der Galvanopunctur-Nadel gelegenen Geweben eine 
radicale Veränderung ihrer vitalen Functionen vor sich geht, noch 
ehe es zu einer eigentlichen Coagulation gekommen ist. In meh¬ 
reren Fällen hat man nach Behandlung mit percutaner Elektro¬ 
lyse Geschwülste „durch einfaches Zusammensinken und Schwin¬ 
den- ohne Schorfbildung oder Eiterung heilen sehen. Es liegen 
aber auch Erfahrungen vor, welche für die Entscheidung der obigen 
Frage in unserem Sinne von noch directerer Wichtigkeit sind. Erstens 
steht es fest, dass nicht alle Hautstellen, au denen eine erfolgreiche 
Behandlung der Follikel stattgefunden hatte, später durch Narben¬ 
bildung gekennzeichnet sind. Sodann wurde von mir mit Sicherheit 
beobachtet, dass beim Operiren mit relativ starken Strömen gele¬ 
gentlich ausser dem direct in Angriff genommenen Haar auch ein 
oder das andere Nachbarhaar ausfiel, ohne dass an dessen Follikel 
überhaupt eine Veränderung äusserlich erkennbar geworden wäre. 

Dass die Aetzwirkuug den Erfolg am besten verbürgt, 
darüber allerdings kann ebensowenig ein Zweifel obwalten, wie 
in Bezug darauf, dass in nächster Nähe der Nadel die Wirkung ! 
der Elektrolyse stets am intensivsten ist. Das Bestreben, inner¬ 
halb des Follikels bis zur Papille vorzudriugen, erscheint daher 
unter allen Umständen gerechtfertigt. Aber wie schwierig ist seine 
Realisirung! In Bezug auf die Länge der einzelnen Haarbälge 
bestehen bei den verschiedenen Personen grosse Differenzen. Durch 
den Standort der Haare sind bei einem und demselben Individuum 
weitere, nach ' allgemeiner Erfahrung keineswegs sicher taxirbare 
Unterschiede bedingt. So gibt Brocq an, dass sich bei seiner 
Patientin die Bulbi der schräge eingepflauzteu Haare der Wan- 
genhaut in einer Tiefe von ‘l x j., —3‘/ a Millimeter, der perpendi- 
eulär stehenden Haare in einer Tiefe von 3—4'/ s Millimeter 
befanden. 

G. Bohrend sucht sich über die Follikellänge in der 
Weise zu vergewissern, dass er au dem zu entfernenden Haar 
einen leichten Zug mit der Pincette ausübt; hierdurch wird dessen 
Umgebung in Kegelform emporgehobeu, und zwar sei der Kegel 
bei oberflächlich sitzenden Haaren hoch mit schmaler, bei tiefer 
inserirten flach mit breiter Basis. Ob die gegen den Werth dieser 
Probe von Karowski geltend gemachten Gründe zutreffen, mag 


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Galvano-chirurgische Depilations-Methoden. 


251 


hier dahingestellt bleiben. Aber auch wenn das nicht der Fall 
wäre, könnte Behrend durch sein recht umständliches Vor¬ 
gehen nur einen ungefähren Anhalt gewinnen. Beim Son- 
diren des Haarbalges mittelst der Galvanopunctur-Nadel empfin¬ 
det man nun einen etwas grösseren Widerstand, sobald die Spitze 
derselben in die subepitheliale Bindegewebsschicht gelangt. Mit 
diesem, freilich subtilen Merkzeichen werden sich, wie ich ver- 
muthe, die meisten Operateure nach wie vor begnügen, in dubio 
aber die Nadel lieber zu tief (worin gar kein grosses Risico liegt) 
als zu oberflächlich appliciren. 

Für die Abschätzung der Richtung des Haarbalges bildet 
die Stellung, welche der extrafolliculäre Schaftabschnitt zum Haut- 
Niveau einnimmt, einen nicht ganz werthlosen Anhaltpunkt. Bei 
der Trichiasis-Behandlung fällt auch dieser Anhaltpunkt fort, da 
die Follikel in dem geschrumpften Lidrandgewebe die unberechen¬ 
barsten Abbiegungen erfahren haben. 

Jedenfalls wird dem Operateur durch die Anforderung, die Pa¬ 
pille direct zu treffen, eine recht heiklo Aufgabe gestellt. Wäre es 
unumgänglich nothwendig, sie zu erfüllen, dann würde meines Er¬ 
achtens die Zahl der erfolglos behandelten Haare noch beträchtlich 
grösser sein, als sie thatsächlich ist. Aber es dürfte nach dem vorhin 
Gesagten erlaubt sein, die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit 
zu statuiren, dass eventuell die blosse Nähe der Galvanopunctur- 
Nadel genügt, die Productivität der Haarmatrix zu vernichten. 

Uebereinstimmung existirt darin, dass die elektrolytische 
Behandlung nicht an allen Haaren von vorneherein erfolgreich ist, 
dass jedoch einem wiederholten Angriff nicht eins derselben auf 
die Dauer zu trotzen vermag. Der Procentsatz der nach erstma¬ 
liger Behandlung wiederwachsenden, respective nicht ausfallenden 
Haare wird sehr verschieden — auf mindestens 10 Percent, auf 
höchstens 50 Percent — veranschlagt. Hauptgrund für die „Re* 
cidive“ — wenn ich diesen nicht ganz correcten Ausdruck gebrau¬ 
chen darf — ist zweifelsohne eine zu geringe Intensität der elek¬ 
trolytischen Einwirkung — mag nun der Fehler in Anwendung 
eines zu schwachen, respective zu frühzeitig geöffneten Stromes 
oder in unzweckmässiger Einführung der Galvanopunctur-Nadel 
bestehen. Dass nach meinem Dafürhalten das Resultat der Ope¬ 
ration — besonders wenn es sich um Beseitigung dicht stehender 

Vierteljahresschrift L Dermatol, u. Syph. 1887. 17 


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M i c h e 1 s o n. 


Haare handelt — auch durch die Benützung der Cilienpincette 
beeinträchtigt werden kann, habe ich oben bereits erwähnt. 

Von Heitzmann, Jackson u. A. wird behauptet, von 
Hardaway geleugnet, dass, nach Beseitigung der reifen, die feinen 
flaumartigen Haare, theilweise wenigstens, zu einer kräftigeren Ent¬ 
wicklung gelangen. 

Gegen den vermeinten Nachwuchs von Barthaaren, der eine 
Folge des zunehmenden Alters ist, gewährt natürlich auch die 
elektrolytische Behandlungsmethode keinen Schutz. 


Die Discussion, welche sich in der Berliner medicinischen 
Gesellschaft an den zu Anfang vorigen Jahres von G. Behrend 
über dauernde Beseitigung abnormen Haarwuchses gehaltenen 
Vortrag knüpfte, gabKarewski Gelegenheit, für die Ausfüh¬ 
rung der Badical-Depilation mittelst Galvanocaustik eine Lanze 
zu brechen. Auf Köbner’s Anregung hatte er sich während der 
letzten Jahre um die Ausbildung dieser Methode bemüht und 
glaubte, dieselbe nunmehr der Elektrolyse gegenüber als einen 
nicht nur ebenbürtigen, sondern sogar überlegenen Concurrenten 
hinstellen zu können; ihre wesentlichsten Vorzüge sieht er darin, 
dass sie viel weniger schmerzhaft sei lind einen viel geringeren 
Zeitaufwand erfordere. 

In einer später in der deutschen medicinischen Wochen¬ 
schrift erschienenen ausführlicheren Publication „Zur Therapie der 
Hypertrichosis“ beurtheilt Karewski das elektrolytische Verfahren, 
wie es scheint, bereits objectiver als in seinen damaligen Aus¬ 
lassungen. 

Wenn der genannte Autor annimmt, dass vor Köbner’sund 
seinen eigenen Versuchen Niemand die Galvanocaustik zur Be¬ 
handlung der Hypertrichosis in Anwendung gezogen habe, so beruht 
das,auf einem Irrthum. Bereits I. Neumann construirte ein eigenes 
Instrument (Figur 5) zur punktförmigen Galvano-Cauterisation 
bei der Hypertrichosis- und Lupustherapie. H. v. Hebra empfiehlt 
in seinem Lehrbuch ausdrücklich und offenbar aus eigener Erfah¬ 
rung die Galvanocaustik für die Behandlung der circumscripten 
Hypertrichosis und proclamirt bei dieser Gelegenheit dieselben 
Principien, auf die auch Karewski mit Recht Gewicht legt, 


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Galvano-chirurgische Depilations Methoden. 


253 


nämlich: Operiren mit möglichst feinen Cauteren und Yertheilung 
der frischen Brandschorfe über eine ausgedehntere Hautfläche. In 
einer 1881 publicirten Abhandlung hatte James C. White die 
.Galvanocautery, applied within the hair follicle“ als ein von 
amerikanischen Dermatologen ersonuenes und geübtes, in seinen 
Erfolgen übrigens unzuverlässiges („unreliable“) Verfahren be¬ 
zeichnet und in seiner im vorigen Jahre in Unua’s Monatsheften 


Fig. 5. 



veröffentlichten (aus anderen Gründen von Karewski sogar ci- 
tirten) Arbeit warnt Hardaway vor der galvanocaustischen De¬ 
pilation, welche „viel zu viel Nachbargewebe zerstöre, Abscesse 
und entstellende Narben hervorrufe“. 

Karewski selbst übrigens sah in dem Gesichte einer Dame, 
deren Hirsuties er galvanocaustisch beseitigt hatte, drei Keloide 
entstehen, ein unliebsames Ereigniss, das er indess nicht als di- 
recte Folge seinor Operation betrachtet, sondern als Produkt einer 
wahrscheinlich durch vielfache chemische und mechanische Mal- 
trätirung hervorgerufeuen abnormen Irritabilität der Haut. 

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254 


M i c h el s o n. 


Herr Karewski hat die Güte gehabt, einen Galvano- 
cauter nach dem Modell des seinigen für mich nacbarbeiten 
zu lassen. Das Instrument besteht, wie nebenstehende Figur 6 zeigt, 
aus einem 1 Decimeter langen Doppelleitungsstab mit in rechtem 
Winkel schnabelförmig abgobogenem Vorderende; in letzteres ist eine 
Schleife von feinem nicht ganz 0 2 Millimeter dickem Platin- 

drabt als Brenntheil eingeschraubt. 
Die Spitze dieser Schleife ist behufs 
Erlangung grösserer Stabilität in einen 
Glastropfen eingeschmolzen. Eine Con- 
tactvorrichtung besass das mir über¬ 
sandte Instrument nicht; man war also 
genöthigt, entweder einen Assistenten 
an der Batterie auf Commando Strom¬ 
schluss und -Oeffnuug bewirken zu lassen 
oder den K a r e w s k i’schen Handgriff auf 
einen zweiten, mit einer derartigen Vor¬ 
richtung versehenen, aufzusetzen, wo¬ 
durch das Ganze oine recht unhandliche 
Form erlangte. — Es darf übrigens 
wohl daran erinnert werden, dass Cau- 
teren mit beweglichen Brenntheilen 
schon durch V. v. Bruns in die gal- 
vanocaustische Technik eingeführt sind 
(s. d. Galvano-Chirurgie, S. 33 u. 34); 
in dem Kataloge des Instrumenten- 
Fabrikanten Eugen Al brecht in Tü¬ 
bingen vom Jahre 1878 ist als Fig. 17 
auch ein einfach und praktisch con- 
struirter Doppelleitungsstab abgebildet. 

Ich habe mit Benützung des Karewski’schen Instrumentes 
— als Batterie diente mir Voltolini’s vortrefflicher galvanocau- 
stischer Apparat — bei einer bärtigen Frau, der ein Theil der 
Gesichtshaare bereits auf elektrolytischom Wege beseitigt war, die 
galvanocaustische Behandlung versucht und kann zuvörderst be¬ 
stätigen, dass der ciica 1 Ctm. lauge Karewski'sche Spitzen¬ 
brenner — vorausgesetzt, dass er sich nicht verbiegt— in eine 
genügende Tiefe, ohne zu erlöschen, eindringt. Dass die Schmerz- 



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GaUano-chirurgische Depilations-Methoden. 


255 


haftigkeit der galvanocaustischen Procedur geringer sei als die 
der elektrolytischen wurde von meiner Patientin in Abrede ge¬ 
stellt. Die reactive Entzündung iu der Umgebung der verschorften 
Hautstellen war nicht erheblich. Sofort nach der Operation bilde¬ 
ten sich öfters rings um die Einstichstelle Quaddeln von aller¬ 
dings grösserem Umfange, als nach der Galvanopunctur; nur aus¬ 
nahmsweise trat Blasenbildung auf. Die Quaddeln verschwanden 
innerhalb der nächsten Stunden, während die Blasen im Laufe 
des Tages zu festen Schorfen eintrockneten, auch ohne dass ich 
die von Karewski empfohlenen Zinkeinpuderungen anwandte. Nie¬ 
mals kam es zur Entstehung auffälliger Narben. (Selbst¬ 
verständlich war die Vorschrift, nicht zu schuell hintereinander 
nahe benachbarte Follikel in Angriff zu nehmen, genau befolgt 
worden.) 

Den wesentlichsten Mangel des galvanocaustischen Verfah¬ 
rens sehe ich in der Leichtigkeit, mit der sich alle Brennspitzen 
von genügender Feinheit verbiegen. Schon beim leisen Andrücken 
des kalten Platindrahts an die Follikelmündung verändert die 
Karewski’sche Schleife oft ihre Gestalt und Richtung; nach dem 
Hinausziehen aus dem Stichkanal findet man sie fast ausnahms¬ 
los mehr oder weniger erheblich deformirt. Um diesen Uebelstand 
zu vermeiden, soll man nach Karewski die Brennspitze in 
Weissglühhitze versetzen, noch ehe sie in Contact mit der Haut 
gebracht ist. Die Befolgung dieses Vorschlags involvirt andere, 
sehr erhebliche Inconvenienzen. Der weissglühende dünne Platin¬ 
draht schmilzt nämlich an der atmosphärischen Luft in sehr kurzer 
Zeit und hat auch gerade der Umstand, dass Karewski sich 
„auf einen grossen Vorrath von fertigen Brennern respective auf 
oft wiederholte Reparaturen“ angewiesen sah, diesen Autor veran¬ 
lasst, bewegliche Brenntheile zu verwenden. Durch das im Ver¬ 
laufe der Sitzung öfters erforderliche Herausnehmen der zerschmol¬ 
zenen und Einschrauben der neuen Platinspitzen in den Handgriff 
wird aber ein unangenehmer Zeitverlust bedingt, und nun gar, 
wenn man sich aus Ersparnissrücksichten dazu entschliesst, die 
Schleifen aus vorräthig gehaltenem Draht selbst zu formen! 

Der weissglühenden, galvanocaustischen Nadel ist nachge¬ 
rühmt worden, dass sie „so zu sagen in die Cutis hineinfällt“. 
Für die Wirksamkeit der Depilationsmethode würde diese Eigen- 

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256 


M i r |) H s o n. 


schaft in der That sehr schätzenswerth sein, falls man dessen 
sicher wäre, die Haartaschen unter allen Umständen zu treffen. 
Aber wo sind die Schützen, die nie das Schwarze fehlen, auch 
wenn die Gefahr, dass die Kugel im Laufe schmilzt, sie der Buhe 
im Zielen beraubt? Und mit dem Treffen der Follikelmündung allein 
ist es noch lange nicht gethan! Das galvanocaustische Verfahren 
kann zweifellos nur dann Erfolg haben, wenn die Brennspitze in 
directen Contact mit der Papillo gebracht wird. Um dies zu erzielen, 
müsste im voraus bereits die Platinspitze eine der Richtung des 
Follikels genau entsprechende Biegung besitzen und während des 
Eindringens in die Haut heibehalten. Von einem Versuche, den 
Follikel mittelst der Glühnadel zu sondiren, kann natürlich gar 
keine Rede sein, und wenn das selbst möglich wäre, würde es 
an dem Wegweiser fehlen, der uns bei der elektrolytischen Depi¬ 
lation zu Hilfe kommt, denn der Glühdraht sengt, bevor er in 
die Balgmündung eindrihgt, den das Hautniveau überragenden 
Theil des Haarschaftes ab. 

Thatsächlich ist, soweit meine eigene Erfahrung reicht, die 
Zahl der „Recidiv-Haare“ nach der Anwendung der Galvanocau- 
stik erheblich grösser, als nach der Anwendung der elektrolytischen 
Depilationsmethode. _ 

Literatur. 

') v. Bruns, Victor. Die Galvano-Chirurgie, Tübingen 1870. 

2 ) *Michel, Charles E. Trichiasis and Distichiasis; with and 
improved method for their radical treatment. — St. Louis Clinical 
Record, Octobor 1875. 

3 ) *Piffard, Henri G. An Elementary Treatise on Diseases of 
the Skin. Page 307. Mac Millan & Co., March 1876. 

% ) *Hardaway, William A. Case of a Bcarded Woman.—St. 
Louis Medical and Surgical Journal, November 1877. 

i ) *Hardaway, William A. The Treatment of Hirsulies. — 
Transactions of American Dermatological Association, August 1878. 

*) *Michel, Charles E. Trichiasis and Distichiasis; Reflec- 
tions upon Their Nature and Pathology; with a Radical Method of 
Treatment. — St. Louis Courier of Medicine, Febr. 1879. 

: ) Fox, George Henry. On the Permanent Removal ofHair by 
Electrolysis. — New-York Medical Record, March 1879. 


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Galvano-chirurgische Depilations-Methoden. 


257 


*) Neumann, Isidor. Lehrbuch der Hautkrankheiten. 5. Auflage, 
Wien 1880. 

9 ) *Hardaway, William A. The Permanent Removal of Super- 
fluous Hairs by Electrolysis. — Philadelphia Medical Times, Febr. 1880. 

,# ) *Butler, John. The Permanent Removal of Superfloons 
Hair by Elektrolysis. — New*York Medico - Chirurgical Quarterly, Oc- 
toher 1880. 

“) *Chisholm, Julian J. Treatment of Wild Hairs, More 
Especially by Electrolysis. — Maryland Med. Journal, April 1881. 

’*) White, James C. The Use of Electrolysis in the Treatment 
of Hirsuties. — Boston Medical and Surgical Journal, May 1881, 
p. 412 und 413. 

13 ) *Duhring, Louis A. An Instrument for the Removal of 
Snperfluous Hairs. — Amer. Journ. of Med. Science, Juli 1881. 

,% ) *Hayes, Pliuy S. The Removal of Hairs by Electrolysis. 
— St. Louis Med. Surg. Journal, Nov. 1881. 

i5 ) *Heitzmann C. Remarks on Acido-galvano-cautery for Epi¬ 
lation. — St. Louis Courier of Medicine, January 1882. 

,# ) Fox, George Henry. The Permanent Removal of Hair by 
Electrolysis; Report of Cases. — New-York Med. Record, March 1882. 

,7 ) *Benson, A. On the Treatment of Partial Trichiasis by 
Electrolysis. — Brit. Med. Journal, December 1882. 

,s ) Nieden, Adolf. Klinische Monatshefte für Augenheilkunde, 
Bd. XX, S. 131, 1882. 

19 ) Piffard, Henry G. An Improved Instrument for the Re¬ 
moval of Snperfluous Hairs. — Journal of Cutaneous and Venereal 
Diseases, March 1883 (s. auch Beck’s illustr. Monatsschr. f. ärztl. 
Polytechnik 1883, S. 160). 

* # ) *Hardaway, William A. Electricity in the Treatment of 
Diseases of the Skin. — St. Louis Courier of Medicine, June 1883. 

*') Hebra, H. v. Die krankhaften Veränderungen der Haut. 
Braunschweig 1884. 

a? ) Michels on, Paul. Ueber abnorme Haarentwicklung beim 
Menschen. Schriften d. physik.-Ökonom. Gesellschaft zu Königsberg, 
Bd. XXV, 1884. 

**) Jackson, George T. Snperfluous Hair; the Russian Dog- 
faced Boy, and Facial Hirsuties in Women. — New-York Med. Re¬ 
cord, May 1885; S.-A. 


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258 


MI c b e 1 1 o n. Galvano-chirurgische DepiUtioni-Metboden. 


24 ) "'Rohe, George H. Experience with Electrolysis in Dermato- 
logical Practice. — Philadelphia Med. Times, Angnst 1885. 

* s ) Unna, P. G. Monatshefte f. prakt. Dermatologie, Bd. IV 
S. 366, ff. 1885. 

* # ) Hardaway, William A. Die Radicalbehandlnng der Hyper- 
trichosis mittelst Elektrolyse. — Ibid. S. 317 ff. 1885. 

2T ) Michelson, Pani. Die Elektrolyse als Mittel zur radicalen 
Beseitigung an abnormer Stelle gewachsener Haare. — Berlin, klin. 
Wochenschr. Bd. 22, Nr. 42 und 43, 1885, und durch Abbildungen 
vervollständigter Abdruck, Berlin 1886. 

28 ) "‘Möller, Max. Ueber Radical-Epilation mittelst galvanischen 
Stromes. — Wiener Medicinische Presse. Nov. 1885. 

® 9 ) *Brown, A. M. The Removal of Hairs and Warts by Elec¬ 
trolysis. — Cincinnati Medical and Dental Journal, Dec. 1885. 

30 ) Heitzmann, C. Die dauernde Entfernung von Haaren 
mittelst Elektrolyse. — New-York medicin. Presse, Bd. I, Nr. 1, 
December 1885. 

31 ) Behrend, Karewski, Lassar, Köbner, 0. Rosenthal. 
Sitzungsbericht der Berlin, med. Gesellsch. vom 20. Januar 1886. 
— Berlin, klin. Wochenschr. Bd. 23, Nr. 8 und 9. 

32 ) Behrend, Gustav. Ueber dauernde Beseitigung krankhaften 
Haarwuchses. — Ibid. Nr. 11. 1885. 

33 ) "‘Amory, Robert. Electrolysis and its Therapeutical Appli¬ 
cations. — Boston Medical and Surgical Journal, December 1885. 

34 ) "‘Smith, G. The Removal of Superfluous Hairs by Electro¬ 
lysis. Birmingham Medical Review, December 1885. 

35 ) Baratoux, J. De 1’ epilation par la galvanocaustique 
chimique. — Revue m6dicale fran^aise et tftrangfere, 13. Mars 1886. 

36 ) Brocq, L. De la destruction des poils par 1’ Ectrolyse. — 
Extrait des Bulletins et mömoires de la societö mSdicale des Höpi- 
taux de Paris 1886. 

37 ) Karowski. Zur Therapie der Hypertrichosis. — Deutsche 
medicin. Wochenschr. 1886, Nr. 34; S.-A. 

M ) Lustgarten, Sigmund. Bemerkungen über Radical-Epila¬ 
tion mittelst Elektrolyse. — Wiener medicin. Wochenschrift 1886, 
Nr. 36. S.-A. 

Die mit * bezeichneten Arbeiten sind dem Verfasser im Original 
nicht zugänglich gewesen. 


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Zur mechanischen Behandlung von Haut¬ 
krankheiten.') 


Von 

Dr. 0. Rosenthal in Berlin. 


Es ist ein allseitig anerkanntes Verdienst unseres Altmeisters 
Hebra, die Aufmerksamkeit auf die locale Behandlung der Haut¬ 
krankheiten gelenkt und dieselbe in das richtige Fahrwasser ge¬ 
leitet zu haben. Und wenngleich stets von neuem die innerliche 
Darreichung von Heilmitteln — und zwar gewöhnlich von solchen, 
deren Wirksamkeit sich bei äusserlicher Anwendung bewährt hat 
— empfohlen wird, so ist ihre Einwirkung theils eine proble¬ 
matische, weil zu gleicher Zeit ein erprobtes, äusseres Heilver¬ 
fahren eingeleitet wird, theils ist ihre Empfehlung nicht im Stande, 
eine ernste, objective Kritik zu ertragen. Und mit Ausnahme an¬ 
erkannter, oder derjenigen Mittel, die bei allgemeinen constitutio- 
nellen Leiden oder bei organischen Erkrankungen in Anwendung 
gezogen werden, haben von allen innerlich zu nehmenden Mitteln 
nur wenige mehr als ein schnell vergängliches Eintagsleben ge¬ 
fristet. Dagegen brauche ich z. B. nur Un na’s*) Carbolsublimat- 
schmiercur gegen Lichen ruber, der, wie wir Alle wissen, bislang 
nur der innerlichen Medication zugänglich war, zu erwähnen, um 
darzuthun, dass das Gebiet der äusseren Anwendung von Heil¬ 
mitteln sich von Jahr zu Jahr vergrössert. Und welchen Auf- 

') Nach einem in der Section für Dermatologie nnd Syphilis der 
59. Naturforscher-Versammlung zu Berlin gehaltenen Vortrage. 

*) Ueber Heilung des Lichen ruber ohne Arsenik, von P. G. ünna. 
Monatah. f. prakt. Dermat. 188t. Nr. 1. 


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Rosenthal. 


Schwung hat nicht gerade in den letzten zehn Jahren diese Behand¬ 
lungsmethode in unserer Disciplin genommen! Abgerechnet von 
den zahlreichen neuen, wirksamen Mitteln, die ich an dieser Stelle 
gewiss nicht aufzuzählen brauche, ist vor allen Dingen das Be¬ 
streben zu Tage getreten — und man muss es anerkennen, auch 
mit Erfolg gekrönt worden — die Medicamente mit der Haut in 
einer für den Patienten schonenden, bequemen, aber auch wirk¬ 
samen Weise in andauernden Contact zu bringen. Hierfür brauche 
ich nur den Arzueigelatineverband von Pick 1 ) und Unna*), die 
Anwendung des Traumaticin als Befestigungsmittel von Auspitz*), 
die Pastenbehandlung von Lassar 4 ) und Unna 5 ) und — last 
not least — die Salben und Guttaperchapflastermulle von Unna*) 
anzuführen. 

Gleichen Schritt mit dieser Entwicklung durch die Art, die 
Mittel äusserlich zu appliciren, ihre Wirksamkeit zu erhöhen, hielt 
auch die mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. Bekannte 
Methoden, die auf anderen Gebieten der Heilkunde vortheilhafte 
Verwendung finden, wurden herangezogen, neue Verfahren, neue 
Instrumente wurden ersonnen. 

Die Elektricität, auf unserem Gebiete schon seit langen 
Jahren gegen alle möglichen Aflectionen vielfach empfohlen, ange¬ 
wendet und wieder verlassen, findet immer wieder lebhafte Für¬ 
sprecher, die zur Nachprüfung ihrer Angaben herausfordern. So 


’) Die therapeutische Verwendung arzneihaltiger Gelatine bei Haut¬ 
krankheiten. Monat8h. f. prakt. Dermat. 1883, Nr. 2. — Ueber den Arznei¬ 
gelatineverband und die locale Behandlung des Eczems. Prager med. 
Wochenschr. 1883, Nr. 6. 

*) Unna und Beiersdorf. Leimglycerin als Constituens in der Der- 
matotherapie. Monatsh. f. prakt. Dermat. 1883. Nr. 2. 

*) Ueber die Application von Arzneistoflen auf die Haut in dünnen, 
festhaftenden Schichten. Wiener med. Wochenschr. 1883, Nr. 30, 31, 49. 

*) Monatsh. f. prakt. Dermat. 1883, Nr. 4. 

*) Eod. loc. 1884, Nr. 2 und 3. 

') Der Salbenmull verband. Ein Beitrag zur Behandlung des Eczems. 
Berl. klin. Wochenschr. 1880, Nr. 35. — Ueber die therapeutische Verwen¬ 
dung von Salben und Pflastermullpr&paraten. Berl. klin. Wochenschr. 1881, 
Nr. 27. — Guttaperchapflastermulle. Monatsh. f. prakt. Dermat. 1882, Nr. 1. 


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Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


2G1 


haben z. B. Moncorvo und Silva Aranjo*) und mit diesen in 
Zusammenhang stehend, Vieira de Mello 3 ), den galvanischen 
Strom — und zwar mit gutem Erfolge — in 150 Fällen von 
Elephantiasis Arabum örtlich in der Weise angewendet, dass sie 
eine mit dem negativen Pole in Verbindung stehende Kupferplatte 
unter die Fusssohle der erkrankten Extremität legten, während 
sie eine mit dem positiven Pol in Verbindung stehende Schwamm¬ 
elektrode auf das mit Salzwasser angefeuchtete Bein applicirten. 

Die Methode der Elektrolyse, die von jenseits des Oceans 
zu uns kam und die zuerst von Michel in St. Louis gegen 
Tricbiasis empfohlen und dann, zur Beseitigung abnorm reich¬ 
lichen Haarwuchses, von Hardaway*) und George Henry Fox 4 ) 
weiter ausgebildet wurde, hat sich — davon lieferte uns wieder 
in diesen Tagen der concinne Vortrag des Collegen Michelson 
einen deutlichen Beweis — fest bei uns eingebürgert. Auch gegen 
andere Affectionen, so z. B. von Hardaway 5 ) gegen Acne rosacea, 
von Leplat®) gegen Angioma faciei, von Bohrend 7 ) gegen Lupus 
vulgaris, hat dieselbe Verwendung gefunden, und in der jüngsten 
Zeit ist gegen letztgenannte Affection von Gärtner und Lust¬ 
garten 8 ) eine Modification dieser Operation, die elektrolytische 
Flächenätzung, empfohlen worden. 

Ein tieferer oder vielmehr schmerzhafterer Eingriff besteht 
in der Anwendung der Galvanokaustik, die gegen Lupus Hebra 9 ) 


’) Note communiqule au Congrfes internat. dVlectr. de Paris en 1881 
(Uniaö medica Rio-de-Janeiro 1882, Nr. 12). Journ. de Therapeut. 10. Jan- 
vier 1872. 

*) Da elephancia, Rio-de-Janeiro. G. Leuzinger et Filh. edit. 1884. 

*) Zweite Jahresversammlung der amerikanischen dermatologischen 
Gesellschaft. August 1878. s. Ref. in Vierteljahrschr. f. Dermat. 1878, p. 595. 

*) The medical Record 1882, vol. 21, Nr. 10. 

s ) Dritte Jahresversammlung der amerikanischen dermatologischen 
Gesellschaft. Aug. 1879. s. Ref. in d. Vierteljahrschr. f. Dermat. 1879, p. 605. 

*) Soc. möd. chir. de Lifcge 1885. s. Ref. Monatsh. f. prakt. Dermat. 
1886, Nr. 11, p. 497. 

7 ) Sitzung der Berliner medicinischen Gesellschaft v. 20. Jan. 1886, 
s. Ref. in der Berl. klin. Wochenschr. 1886, Nr. 8. 

•) Wiener med. Wochenschr. 1886, Nr. 27, 28. 

•) Neumann, Wochenbl. d. Zeitschr. d. k. k. Ges. d. Acrzte in Wien, 
1861, Nr. 23 und 24. 


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262 


Roseothal. 


zuerst im Jahre 1861 in Anwendung zog, und in dem für unsere 
Disciplin wenigstens ziemlich identischen Gebrauch des Thermo¬ 
kauters. Nachdem Neu mann 1 ) u. A. zu diesem Zwecke einen 
besonderen Brenner hatte anfertigen lassen, ist es als ein wahrhaft 
nennendes Verdienst des ebenso hervorragenden als liebenswürdigen 
französischen Dermatologen Ernest Besnier*) zu bezeichnen, die 
Aufmerksamkeit der Fachgenossen durch eingehende, sachgemässe 
Würdigung, Vervollständigung des Instrumentariums und Aus¬ 
bildung der Operationstechnik wieder auf dieses Heilverfahren 
gelenkt zu haben. 

Mit dem scharfen Löffel, der sich, ich darf sagen fast täg¬ 
lich gegen eine Anzahl von Affectionen in der Hand jedes sich 
mit Hautkrankheiten beschäftigenden Arztes befindet, ist der Name 
Volkmann’s*) auf das innigste verbunden, der demselben im 
Jahre 1870 allseitigen Eingang verschaffte. Dieses Instrument hat 
durch Balmanno Squire*), Auspitz s ) und Besnier 6 ) verschiedeno 
Aenderungen und Verbesserungen in seiner Form erfahren, um es den 
vielfachen an dasselbe zu stellenden Anforderungen entsprechender 
zu gestalten. 

Gestatten Sie mir, an dieser Stelle gleich eine nicht allseitig 
genügend gewürdigte Methode meines unvergesslichen, unserer 
Wissenschaft so früh entrissenen Lehrers Auspitz') zu erwähnen, 
der den in Jodglycerin getauchten dreikantigen Stachel des von 
ihm modificirten scharfen Löffels in die einzelnen Knötchen des 
Lupus einstach und so neben der mechanischen noch eine che¬ 
mische Einwirkung erzielen wollte. Um diesen Zweck den Absichten 
seines Urhebers gemäss besser zu erreichen, hat Schiff 8 ) ein 

') Lehrbach der Hautkrankheiten. Wien 1880, p. 463. 

*) Le lnpuB et son traitement. Annal. de Denn, et de Syph. T. IV, 
1883, p. 402. 

’) Sammlung klinischer Vorträge. 1870, Nr. 13. 

*) Med. Times and Gaz. 26th aug. 1876. 

5 ) Ueber die mechanische Behandlung von Hautkrankheiten. Viertel- 
jahrschr. f. Dermat. u. Syph. 1876, p. 586. 

•) l. c. p. 396. 

7 ) 1. c. 

*) Zur Behandlung des Lupus. Vierteljahrschr. f. Dermat. u. Syph. 
1880, p. *47. 


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Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


263 


neues, kleines Instrument angegeben, während Kohn 1 ) zu diesem 
Behufe den Stachel und den Stiel des scharfen Löffels durch¬ 
bohren liess. 

Und wenngleich Dubini*) in Mailand im Jahre 1865 zuerst 
mit dem Baunscheidt’schen Lebenswecker Stichelungen bei Lupus 
vorgenommen hatte, so ist Volkmanu 3 ) auch als der Urheber 
desjenigen Verfahrens zu betrachten, das inzwischen das vollste, 
uneingeschränkteste Bürgerrecht in unserer Disciplin erworben hat: 
das der Scarificationen. Während Volkmann, wie Sie Alle wissen, 
mit einem spitzen, schmalen Messer hunderte und tausende Ein¬ 
stiche bei lupösen Infiltraten oder geschwollenen oder vasculari- 
sirten Partien des Lupus ausfuhrte, hat Balmanno Squire 4 ) mit 
einer Staarnadel lineare Incisionen in das erkrankte Gewebe ge¬ 
macht. Vidal s ) vor Allem und nach ihm auch Besnier*) ist 
aber das Verdienst nicht abzusprechen, die Methode verbessert 
und die Indicationen zu ihrer Anwendung erweitert zu haben. 
Zur Ausführung dieses Operationsverfahrens sind eine grosse Anzahl 
von Instrumenten angegeben worden, die entweder nach dem 
Prineip von Nadeln oder nach dem von Schröpfköpfen oder wiederum 
nach dem, mehrere Klingen — bis zu 16, glaube ich, hat man 
zu diesem Behufe vereinigt — neben einander zu befestigen 
und zu gleicher Zeit einwirken zu lassen und so die Operation 
schneller und weniger schmerzhaft ausführen zu können, ange¬ 
fertigt und mit den verschiedensten Namen belegt wurden. Es 
sei mir gestattet, einzelne derselben, die Aufzählung soll auf 
Vollständigkeit keinen Anspruch erheben, anzufuhren. Hebra liess 


*) Beitrag zur Behandlung des Lupus. Vierteljahrschr. f. Dermat. u. 
Syph. 1884, p. 84. 

*) Rapport, annual dei malati, di malat. cutan. curat, ncll. spec. 
compart. dell'osped. maggiore di Milano anno 1865. 

*) 1. c. 

4 ) On lupus disease of the skin, and its treatment by a new method. 
London 1874. 

*) Thfese de F. Lelongt. Du lupus, anat. path. et traitement par 
la mdthode des scarific. lindaires. Paris 1877. — Trait. du lupus par les 
H'arific. lin. not. lue ä l’Acad. de m<5d. de Paris. Union mddicale 3öme sdr. 
annde 1879. 

*) Ann. de Derm. et de Syph. 1880, p. 700. 


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264 


H o s e n t h a I. 


eine mit einem Abaptiston versehene Stichellanze anfertigen, Ernst 
Veiel 1 ) beschrieb ein aus sechs Lanzetteu zusammengesetztes 
Instrument, dessen Anwendung er eine Chlorzinkätzung folgen 
liess, Balmanno Squire bediente sich später seines aus kurzen, 
hxirten Klingen zusammengesetzten „multiple scarificator“, Vidal 
benutzte ein der Desmarres'schen Discisionsnadel fast ähnliches 
doppelschneidiges kleines Scalpell, Sherwell 2 ) verwendete seinen 
aus neun Nadeln zusammengesetzten, mit drei Fingergriffen ver¬ 
sehenen „Cutipunctor“, Shoemaker 3 ) in Philadelphia demonstrirte 
in der dermatologischen Section des achten internationalen medi- 
cinischen Congresses zu Kopenhagen sein zu obigem Zwecke ange¬ 
fertigtes „Dermatone“, Lang 4 ) bildete in seinen Vorlesungen über 
Pathologie und Therapie der Syphilis ein aus 22 Messerchen 
durch Federkraft zu bewegendes Instrument ab. Am besten scheint 
mir allen Anforderungen, vor Allem denen der Antiseptik das 
von Pick*) in jüngster Zeit angegebene Scarificationsmesser und 
Lupotom zu entsprechen, das aus fünf doppelschneidigen, leicht 
auseinander zu nehmenden und in ihrer gegenseitigen Entfernung 
zu verändernden Messern besteht. 

Es erübrigt nur noch, Ihnen eine mechanische Methode, die 
Massage, anzuführen, von der allerdings in den Lehrbüchern für 
Hautkrankheiten, so viel mir bekannt ist, nichts zu finden ist, 
trotzdem, wie ich glaube, derselben eine gewisse Zukunft auch 
auf diesem Gebiete vorausgesagt werden kann. In der Literatur 
sind ebenfalls nur spärliche, zerstreute Angaben über diese Art 
der Behandlung vorhanden. So finde ich eine Notiz aus dem 
Jahre 1869, wo Bourguet*) entstellende Narben mit schwedischer 
Heilgymnastik, d. h. durch Reiben, Drücken und Verschieben der 

') Zur Therapie des Lupus und des Lupus erythematodes. Arcb. f. 
Dcrm. und Syph. 1873, p. 279. 

l ) New-York dermatol. Society, 25. Nov. 1879, s. Arch. of Dermatol. 
1880, p. 151. 

*) S. Bericht in d. Viert, f. Derm. u. Sypli. 1884, pag. 445. 

') Wiesbaden, Verl. v. J. F. Bergmann, 1884—1886, p. 510. 

4 ) Viertelj. f. Dcrm. u. Syph. 1886, 3. H., p. 409. In dieser Arbeit 
erwähnt der Verfasser ein von Wolff in Strassburg herr&hrcndes, auf ähn¬ 
lichen Principien beruhendes Instrument. 

') Bullet, de Thörapeut. 1869. 


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Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


265 




/ 


V 


Narben durch die Finger, behandelt hat. Shoemaker') empfahl 
auf dem internationalen Congresse zu Kopenhagen die Massage 
gegen eine grosse Anzahl von Affectionen, von denen man sicherlich 
einen Theil für diese Art der Behandlung nicht geeignet halten 
würde, und wenngleich ich davon entfernt bin, die Angaben dieses 
Collegen zu bezweifeln, so muss ich doch gestehen, dass derartige 
Massenempfehlungen leicht das Gegentheil des gewünschten 
Zweckes hervorrufen. Dagegen ist die von Hans v. Hebra*) 
befürwortete Anwendung dieser Behandlung bei Elephantiasis 
Arabum einleuchtend und verständlich. 

Gestatten Sie mir nun, auf eine von mir seit Jahren in 
vielen Fällen mit gutem Erfolge geübte Methode des Näheren 
einzugehen. Dieselbe ist eigentlich nicht neu, da sie sich aus 
zweien bereits hier erwähnten Arten der Behandlung zusammen¬ 
setzt. In kürzen Worten handelt es sich um die Anwendung 
multipler Scarificationen gefolgt von Massage. Ich werde mir 
erlauben, Ihnen den Vorgang dieser Operation jetzt ausführlicher 
zu schildern, und bitte nur im Voraus um Vergebung, falls ich 
bei dem Wunsche, möglichst deutlich zu sein, den einen oder 
den anderen bekannten Funkt dabei berühre. Es werden also 
zuerst durch das erkrankte Gewebe und senkrecht zu demselben 
parallele, dicht bei einander stehende lineare Einschnitte gemacht, 
die in allen Bichtungen durch viele unter sich gleiche Systeme 
von Incisionen durchkreuzt werden. Das so behandelte Gewebe 
sieht nach Beendigung dieses Vorgangs nach einem trefflichen 
Vergleiche Besnier’s wie der Schatten einer Federzeichnung 
aus. Die durch diesen Eingriff hervorgerufeno oft ziemlich starke 
Blutung wird sofort, da eine stärkere Entziehung von Blut nicht 
beabsichtigt wird, durch aufgelegte, fest gegengedrückto Stückchen 
von Verbandwatte, die man sich vorher zurechtgolegt hat — 
Schwamm habe ich aus leicht verständlichen Gründen nio ver¬ 
wendet — zum Stillstand gebracht, was stots ohue Anwendung 
von Stypticis, höchstens durch das Auflegen frischer oder etwas 
dickerer Lagen von Watte gelingt. Handelt es sich um ein 
grösseres Gebiet, z. B. um die Nase oder um die Nase und die 


’) 1. c. 

*) Die Elephantiasis Arabani. Wiener Klinik 1885, Heft VIII a. IX. 


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266 


R o s e n t h a 1. 


Wange, so wird dasselbe in mehrere (3—5) Abtheilungen getheilt, 
und in jeder derselben nacheinander die Operation in gleicher 
Weise vorgenommen. Die zur Hämostase auf die schon incidirten 
Theile aufgelegte Watte fixirt man dann selbst mit der linken 
Hand oder lässt sie in geeignetem Falle durch den Patienten 
selbst halten. Ist die Blutstillung beendigt oder fast beendigt, 
so schliesst sich sofort der zweite Theil der Behandlung, die 
Massage, an. Es werden die betreffenden Gebiete, und zwar steht 
am besten der Arzt hinter dem Patienten, mit einem oder meh¬ 
reren Fingern — es können hierbei auch beide Hände zu gleicher 
Zeit benützt werden — durch langsame, unter Umständen all- 
mälig stärker werdende, möglichst centripetale Bewegungen 
während ungefähr 5—10 Minuten gestrichen oder bei vorhandenen 
umschriebenen Knoten mit einer oder zwei Fingerspitzen vibrirende 
oder circuläre Bewegungen ausgeführt. Hierzu Vaseline zu ver¬ 
wenden, ist nicht nöthig, da die incidirten Partien stets noch 
reichliches, leicht blutig gefärbtes Serum absondern; im Gegentheil 
pflege ich fast stets hierzu etwas frische, nicht befeuchtete Watte 
zu verwenden, die von dem hervorsickernden Secret benetzt wird 
und dasselbe sofort aufsaugt. Nachdem das Gesicht, denn hierum 
handelt es sich fast stets, gereinigt ist, kann der Patient — und 
die Meisten haben das auch gethan — seiner Beschäftigung nach¬ 
gehen, ohne dass es nöthig ist, irgend einen Verband anzulegen. 
Nur bei kaltem, rauhem Wetter habe ich eine gewisse Vorsicht 
üben lassen. Ich will hier sofort anführen, dass ich dadurch, dass 
die scarificirten Theile unbedeckt bleiben, niemals — und Sie 
werden aus meinen casuistischen Mittheilungen ersehen, dass ich 
die Operation bereits ziemlich häufig vorgenommen habe — den 
kleinsten Zwischenfall erlebt habe. 

Nur auf einzelne Punkte möchte ich noch besonders auf¬ 
merksam machen. Ich lege Werth darauf, keine Stichelungen 
oder etwa nur eine Serie paralleler Incisionen, wie es in den 
meisten deutschen Handbüchern angegeben ist, vorzunehmen. Bei 
etwaigen Vergleichen, die ich angestellt habe, oder die mir Pati¬ 
enten durch eine frühere in erwähnter Weise ausgeführte Behandlung 
darboten, bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass der beab¬ 
sichtigte Endzweck vollständiger, schneller und auch dauerhafter 
durch die in allen Richtungen gemachten Scarificationen erreicht 


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Mechanisch»* Behandlung der Hautkrankheiten. 


2f>7 

wird. Zur Ausführung habe icb mich stets eines kleinen, feinen, 
scharfen Sealpells bedient, in der Meinung, dass bei den natür¬ 
lichen Unebenheiten des Gesichts oine einigormassen geschickte 
Hand jedes noch so sinnreiche Instrument nicht nur zu ersetzen, 
sondern zu übertreffen vermag. Selbstverständlich ist das aber 
nur Sache subjectiver Neigung. Ueber die Längo und die Tiefe 
der Ineisionen ist nicht viel zu sagen; dieselben richten sich nach 
lern Wesen der Affeetion und der beabsichtigten Wirkung; nur 
las mag erwähnt werden, dass unter gegebenen Umständen z. B. 
au der Wange dieselben 1 Ctm. und darüber lang ausgeführt 
werden können. Ein Urtheil über diese letzten Punkte gewinnt 
man erst, wenn man die Operation selbst vornimmt. Was den 
Schmerz anbetrifft, so ist derselbe grade nicht als gering zu 
bezeichnen; nichtsdestoweniger habon sich die Patienten, und 
besonders solche, die bereits in anderweitiger, absolut sachver¬ 
ständiger Behandlung gewesen waren, derselben gern unterworfen: 
ich erwähne diesen Umstand nur, weil mir derselbe am deutlichsten 
zu Guusten der Methodo zu sprechen scheint. Andererseits habe 
ich z. B. ein Mädchen von ungefähr 10 Jahren, die hereditär mit 
einer Neigung zu Acne rosacea belastet war — die Grossmutter 
väterlicherseits hatte angeblich eine ausgesprochene Kupferuase 
gehabt, der Vater, der aus guten Kreisen der Gesellschaft stammte, 
und nie dem Alkohol in besonderer Weise gehuldigt hatte, bot 
das absolute Bild einer wulstigen, stark hypertrophischen Trinker¬ 
nase — und bei der bereits zahlreiche Gofässoctasien auf beiden 
Wangen sichtbar waren, in dieser Weise behandelt, ohne dass die 
kleine Patientin den geringsten Schmerz äusserte. — Von der 
localen Anästhesie habe ich aber stets Abstand genommen, da 
dieselbe, wie hinlänglich bekaunt ist, selbst schmerzhaft ist, das 
Aussehen einer Affeetion verändert, und sich nur schwer auf eine 
längere Zeit ausdehnen lässt. Sichtbare Narben bilden sich in 
Folge der Behandlung niemals; es ist sogar häutig schwer, schon 
nach Beendigung des Eingriffs eine Anzahl der vielfachen Ein¬ 
schnitte zu sehen. 

Auch über die Häufigkeit, wie oft die Operation vorgenommeu 
werden kann oder muss, lässt sich eine bestimmte Angabe nicht 
machen; es hängt das absolut von der Individualität des Patienten 
und von dem Wesen und der Ausbreitung dos Leidens ab. So 

Vicrtc!jahre=sclirift f. Dermatol, u. Svpli. 1887. Jg 


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268 


Rosentbal. 


kann man z. B. bei einer ausgebreiteten Sycosis täglich kleinere 
Bezirke vornehmen, oder z. B. bei einer noch nicht besonders 
entwickelten Acne rosacea acht Tage warten, bis der durch deu 
ersten Eingriff hervorgerufene Reiz verschwunden ist. 

Nun will ich noch in kurzen Worten über die Affectiouen 
selbst berichten, die dieser Behandlungsmethode zugänglich sind, 
und bei denen ein Erfolg zu verzeichnen war. 

Bei der Acne vulgaris war ich in der Lage, die Operation 
in vier Fällen vorzunehmen: es waren das Patienten, bei denen 
das Leiden sich über das ganze Gesicht ausdehnte und in Folge 
der vielfachen entzündeten Knoten, Pusteln und Comedonen zu 
arger Entstellung geführt hatte. Hier handelt es sich darum, dem 
stagnirendon Socret der zahlreich verstopften Talgdrüsen und dem 
Eiter der vielfachen perifolliculären Abscosse einen schnellen, aus¬ 
giebigen Ausweg zu verschaffen und so die Eutzündungserschei- 
nungen zum Schwinden zu bringen. Aus deu wenigen Fällen einer 
so enorm häufigen Affection, die ich hier anführe, werden Sie 
ersehon, dass ich nur unter den dringendsten Umständen zu einem 
eingreifenderen Verfahren, das allerdings eine relativ schnelle 
Aenderung im Aussehen des Patienten hervorruft, geschritten bin. 
Dass nebenbei aber, wo es der Fall erheischt, vom scharfen Löffel, 
oder von erweichenden Salben und Pasten, von denen die zwei- 
bis fünfprocentige Wisinutlipaste bei diesem Leiden ebeuso wie 
bei Sycosis und Eczemen als besonders empfehlenswerth erscheint, 
vom Schwefel, von Waschungen mit auf das feinste zerriebenem 
Marmor, und von anderen eventuell inneren Mitteln Gebrauch 
gemacht wurde, halte ich der Erwähnung kaum für werth. 

Bei der Acne rosacea dagegen tritt die empfohlene Behand¬ 
lungsmethode in ihr eigenstes Gebiet. Ob es sich hierbei um 
einfache ectasirte oder neugebildete Gefässe handelt, oder ob 
es bereits zu Stauungserscheinungen, zu ödematösen Knoten¬ 
bildungen gekommen ist, oder ob die Krankheit endlich in 
ihr drittes Stadium getreten ist und zu hypertrophischen Zu¬ 
ständen, zur Neubildung gallertartigen Bindegewebes mit Aus¬ 
dehnung und Hypertrophie der Talgdrüsen geführt hat, in allen 
diesen Phasen ist die Anwendung der Methode indicirt und führt 
fast stets zu guten Resultaten. Den geringsten Erfolg schienen 
noch diejenigen Fälle zu ergeben, bei denen es sich um eine helle. 


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Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


269 


diffuse Röthung der Nase handelt, wie sie z. B. bei chlorotischen 
juugeu Mädchen vorkommt. Dagegen waren Fälle, wo die Nase 
bereits grössere wulstige Dimensionen zeigte, und wo man bisher, 
wenn überhaupt eine Behandlung eingeleitet wurde, zu Excisionen 
oder zu grösseren chirurgischen Eingriffen schritt, dieser Behandlung 
zugäugig und zeigten nach Beendigung der Cur, die allerdings 
von Seiten des Patienten und des Arztes Geduld erfordert, ein 
absolut menschenwürdiges Ausseheu, das sie der Gesellschaft 
wieder zugänglich machte. Selbstverständlich wird damit die 
Neigung zu Kecidiven nicht beseitigt. Zur Unterstützung wurden 
neben erweichenden Salben und Cosmeticis vor Allem das von 
Kaposi besonders empfohlene empl. mercur. vorwendet, deren 
Anwendung stets Nachts geschah. Ueberhaupt ist es nach meiner 
Ueberzeuguug eine Hauptaufgabe des Dermatologen, wenn irgend 
möglich, jedes färbende Mittel, so z. B. die noch so oft gebrauchte 
Jodtinctur, sowie jeden Verband am Tage --- und das lässt sich 
uoch viel häufiger ausführen, als es in Wirklichkeit geschieht — 
im Gesichte zu vermeiden, um die Patienten nicht aus ihrer 
Thätigkeit, aus ihrem Beruf herauszureisseu. 

Die Wirkung der Scarificationen und der nachfolgenden 
Massage ist bei dieser Affection folgende: Die Gelasse werden 
gespalten, die Hyperämie des Gewebes wird durch locale Blut¬ 
entziehung verringert, die entzündeten Thcile werden auf diese 
Weise entlastet. Das Oedem wird mechanisch entfernt und auf 
die peripheren Nerven und Gefässe wird ein Reiz ausgeübt, der 
die Resorption der pathologischen Produkte befördert. Die durch¬ 
schnittenen Gelasse veröden und werden wahrscheinlich zu Binde¬ 
gewebsfasern umgewandelt. 

Was die Sycosis anbetrifft, so wurde diese Behandlungs¬ 
methode hauptsächlich in denjenigen Fällen in Anwendung ge¬ 
zogen, wo der Process im langsamen, chronischen Verlaufe sich 
über grosse Flächen ausgebreitet hatte und zahlreiche, dicht an¬ 
einander stehende Pusteln auf entzündeter Basis vorhanden waren, 
oder wo es bereits zu ausgebreiteten Infiltrationen gekommen 
war. Es zeigte sich dann häufig, dass sich der Eiter aus den 
künstlich gemachten Oeffuungen wie aus einem Siebe entleerte. 

Nicht minder werthvoll oder eigentlich in noch viel höherem 
Massstabe zeigte sich die Behandlung bei der Sycosis parasi- 

18 * 


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270 


Rosenthal. 


taria von Erfolg begleitet. Es ist Ihnen bekannt, dass wir seit 
Jahren eine Epidemie von Herpes tonsurans in Berlin haben, so 
dass ein ausgiebiges Beobachtungsmaterial zur Verfügung stand, 
z. B. seit Januar 1883 waren unter 144 Fällen dieser Affection 
34 Fälle von Sycosis parasitaria in meiner Behandlung. Bei dieser 
Krankheit kommt es bald zur Ausbildung grösserer oder kleinerer 
entzündlicher Knoten, sowie zur Hervorbringung von Infiltraten 
und sich gegen die Nachbarschaft scharf abgrenzender, breiter, 
fungöser, harter Tumoren, die theils mit intacter, nur mit weni¬ 
gen Pusteln durchsetzter Epidermis bedeckt sind, theils der 
schützenden Hautdecke beraubt sind und nässen. Unter diesen 
Fällen waren eine Anzahl bereits anderweitig ausgiebig behandelt 
worden. Der für die Patienten lästigen, oft wochenlang vorgeblich 
gemachten Kataplasmeu, bei denen sich der Trychophyton tonsu¬ 
rans gut entwickelt, und der von Lesser') und Saalfeld 2 ) em¬ 
pfohlenen bei Tag und Nacht zu applicirenden Umschläge von 
4 procentigem Carbolöl habe ich mich stets entrathen können. 
Zur Unterstützung wurde, wie bei der Sycosis vulgaris, eben¬ 
falls die ausgiebigste und sorgfältigste Epilation vorgeuommen. 
sowie neben dom nächtlichen Gebrauche von erweichenden Salben 
(des alten guton Ung. diachyl. Hebr. etc.) eine 10 procentige 
spirituöse Salicyllösung, die zweimal täglich eingepinselt wurde, 
in Anwendung gezogen. 

Wegen seiner unangenehmen Nebenwirkungen wurde in sehr 
vielen Fällen vom Chrysarobiu, dessen Wirksamkeit über allen 


') Eine augenbl. herrschende Epidemie v. Herp. tunsur. Deutsche 
med. Wochenschr. lSSti, Xr. 0. 

: ) Aus der Poliklinik des Prof. Kühner: Eine lang dauernde Epi¬ 
demie von Mycosis tonsur. in Berlin. Berl. klin. Wochensehr. 188<>, Xr. 3‘.'. 

Die in dieser Arbeit den Barbieren von Prof. Köbncr gegebenen 
Rathschläge sind, wie mir scheint, mit Bezug auf drei noch mögliche In- 
fedionsheerde nicht ausreichend: 1. und das ist der Hauptpunkt, mit Rück¬ 
sicht auf die Hände der Barbiere seihst, die fast stets, ungewaschen, an 
einem und demselben feuchten Handtuehc abgetrocknet werden. 2. Mit Be¬ 
zug auf den Seifnapf, in dem jeder noch so häufig ausgekochte Rasirpinsei 
wieder inficirt werden kann und 3. mit Bezug auf den Streichriemen, 
auf dem das Messer während des Actes des Rasircns häufig wieder ge¬ 
schärft wird. 


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Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


271 


Zweifel dasteht, Abstand genommen; dahingegen wurde das Su¬ 
blimat als Seife oder Waschwasser, besonders zur Nachbehand¬ 
lung häufig benützt. Den scharfen Löffel 1 ), der in diesen Fällen 
recht schmerzhaft ist und bei vorhandenen Infiltraten zu Narben¬ 
bildung Veranlassung gibt, habe ich in den beiden Arten der Sy¬ 
cosis entbehren können; dagegen glaube ich vom vorsichtigen Ra- 
siren entschieden einen Vortheil gesehen zu haben. Selbstver- 
>tändlich sind auch die beiden Stadien der Operation, so oft es 
nöthig erschien, einzeln in Anwendung gezogen worden. 

Vom Lupus erythematodes habe ich drei Fälle nach 
obiger Art mit positivem Erfolge behandelt: es waren das Pa¬ 
tienten, welche die von Auspitz*) eingehend beschriebenen Ueber- 
gaugsformeu von Acne rosacea und Lupus erythematodes dar- 
boten. Dagegen widerstand ein Fall, bei dem die AfFection sich 
über den linken Handrücken, sowie über den zweiten und dritten 
Finger derselben Hand ausdehnte, diesen, allen Eingangs dieser 
Arbeit erwähnten und vielfachen medicaracutösen Behandlungs¬ 
methoden. 

Auch ein Fall von Keloid schien mir unter dieser Behand¬ 
lung der Besserung entgegenzugehen; leider entzog er sich der 
definitiven Beobachtung. 

Lupus vulgaris scheint mir nach den Beobachtungen 
von Aubert 3 ), der nach Iucisionen zwei seiner Patienten au 
Miliartuberculose respective an tuberculöser Pleuritis verlor, 
wegen der von ihm und Besnier 4 ) hervorgehobenen Gefahr 
der Autoinoculation und der Autoinfection der Scarificationsme- 
thode nicht mehr zugänglich zu sein, und nur der Einwirkung 
des scharfen Löffels und des Galvano- resp. des Thermokauters, 
und zwar beide nacheinander oder auch einzeln angewendet, 
unterzogen werden zu dürfen. 

’) Aaspitz 1. c. 

Behrend. Beitrag zur Behandlung der Acne disseminata und der 
Sycosis. Deutsche med. Wochenschr. 188t, Nr. 20. 

*) 1. c. 

*) Le traitement du lupus ä 1" Antiquaille. Annal. de Dermat. et de 
Syphil. 1883. 

♦) 1. c. 


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272 


Rosenthal. Mechanische Behandlung der Hautkrankheiten. 


Bei anderen Affectionen, so z. B. bei chronischem Eczem, 
Psoriasis etc. kaun ich die in dieser Arbeit auseinandergesetzte 
Art des Eingriffs nicht befürworten. 

Wenn ich daher zum Schluss meine Ausführungen zusam¬ 
menfasse, so dürfte sich die Methode der Incisionen gefolgt von 
Massage überall da empfehlen, wo es dämm zu thun ist, die 
durch umschriebene Stasen oder Entzündungen der Haut hervor- 
srebrachten pathologischen Produkte zu eliminiren oder zur Ke- 
sorption zu bringen, die Blutcirculation anzuregeu, und narbige 
oder in Schrumpfung begriffene Gewebe zu dehnen. 


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Impetigo herpetiformis. 

Von 

Prof. M. Kaposi in Wien. 
(Hiezu Tafel VI, VH, VIII, IX und X.) 


Die kurze, aber präcise Schilderung, welche Hebra im 
Jahre 1872 von der zuerst von ihm beobachteten und als Impe¬ 
tigo herpetiformis bezeichneten Krankheit im Anschluss au 
die Beschreibung von Hautkrankheiten entwirft 1 ), welche er „wäh¬ 
rend der Schwangerschaft, dem Wochenbette und bei uterinalkran¬ 
ken Frauen“ beobachtet hat, scheint nicht für die Dauer genügt 
zu haben, um allseitig die Vorstellung von der Eigenart dieser 
Krankheit lebendig zu erhalten, trotzdem schon damals und in 
der Folge 2 ) Hebra in Einem die Verschiedenheit dieser Krank¬ 
heit von allen Herpesformen betont hat, als hätte er die Verwir¬ 
rung der kommenden Tage vorausgesehen. Freilich lag in den 
Vorgängen seiner unmittelbaren Umgebung bereits genügender 
Anlass zu solcher Voraussicht. In dem nach Originalien von Bä¬ 
rensprung und Hebra bei Enke in Erlangen 1867 erschienenen 
Atlas der Hautkrankheiten, 1. Lieferung, fand sich auf Taf. VIII 
die Abbildung eines solchen Falles nach Bärenspruug, der von 
diesem als eine eigenthümliche Art von „Herpes circinnatus“ 
und „Erythema annulare“ bezeichnet worden war. Mit Aus¬ 
nahme dieses und eines zweiten von Auspitz gehörten alle bis 

‘) Wiener med. Wochenschrift 1872, Nr. 48. 

*) Hebra nnd Kaposi. Lehrbuch der Hautkrankheiten. 2. Aufl. 
I. Th., pag. 655 und Hebra, Atlas der Hautkrankheiten (Tafeln von 
Eifinger und Heitzmann). IX. Lief. Taf. 9 u. 10. Text pag. 111. 


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Kaposi. 


dahin zur Beobachtung gelangten Fälle der Hebra’scbeu Klinik 
an und Neumann, Auspitz und Geber, sowie ich, der ich an 
der citirten Beschreibung im Lehrbuche und im Texte des Atlasses 
Theil hatte, wir alle hatteu, vermöge unserer damaligen Bezie¬ 
hungen zur hiesigen Klinik, selbstverständlich bei unseren Be¬ 
schreibungen nur dieselben Fälle im Auge, die Hebra selber 
seiner Beschreibung der Krankheit zu Grunde gelegt hatte. 
Neumann hatte aber für dieselbe den Namen „Horpes pyaemi- 
cus s. puerperalis“ vorgeschlagen'), Auspitz dagogen „Herpes 
vegetans“.*) 

Wie Neumann, der in den späteren Jahren die Bezeich¬ 
nung Impetigo herpetiformis aufuahm, bei seinen ersten Namens- 
wahleu sich durch die äussere Aehnlichkeit mit Herpes hatte be¬ 
stimmen lassen, so war Auspitz durch die Beobachtung der den 
Process complicirendeu papillären Wucherungen nicht nur zu der 
erwähnten Bezeichnung „Herpes vegetans“ verführt worden, son¬ 
dern sogar zu der Aeusserung, dass der Process mit den „beer- 
schwammähnlichen multiplen Geschwülsten“ von Köbner und 
der Mycosis fungoides von Alibert und Bazin Aehnlichkeit 
habe. Ja sogar die durch Geber im Jahresberichte der dermato¬ 
logischen Klinik von 1871 veröffentlichte Beschreibung eines 
Falles von eben dieser Klinik ist, wie die noch zu erwähnenden 
Arbeiten Duhring's lehren, benützt worden, um die Verwandt¬ 
schaft der Impetigo herpetiformis mit Herpes zu beweisen, da 
Geber dort nur von „Bläschen“ spricht. Freilich kann dem aul- 
merksamen Leser nicht entgangen sein, dass Geber (1. c. p. 310) 
nur „gelbliclnveisse, grauliche oder auch mit gelblicher, undurch¬ 
sichtiger Flüssigkeit gefüllte Bläscheu“ also Pustelchen erwähnt, 
d. i. Efflorescenzen, die eben keinem Herpes angeboren. 

Es steht mir nicht zu, die Richtigkeit der Diagnose Anderer 
zu bezweifeln. Allein insoferne uns doch das Recht zukömmt, ohne 
Rücksicht auf die „Diagnose“ uns aus der überlieferten Beschrei¬ 
bung von Kraukheitsorscheinuugen ein Urtheil zu bilden, darf ich 
der Meinung Ausdruck geben, dass manche später als „Impetigo 
herpetiformis“ publicirte Krankheitsfälle nicht diese, sondern 


1 ) Lehrbuch der Hautkrankheiten 1873, pag. 187. 

2 ) Arch. f. Demi. u. Syph. 1869, pag. 246. 


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Impetigo herpellformls. 


275 


Pemphigus oder Herpes waren, gerade so, wie Hebra eine ge¬ 
genteilige Verwechslung bezüglich des obou erwähnten Falles 
von Herpes circinnatus Bärenspr ung’s aussprach. So scheint es 
mir kaum zweifelhaft, dass ein von C. Hcitzmann als Impetigo 
herpetiformis einer 52jährigen Frau beschriebener Fall'), bei dem 
später grosse Pemphigusblasen auftrateu, von vornherein nicht 
Impetigo herpetiformis, sondern Pemphigus circinnatus war. Und 
nicht minder muss ich bekennen, dass ein von Pataky (Assistent 
Geber’s) au einem jungen Manne beobachteter Fall von „Impetigo 
herpetiformis“ 3 ) nach seiner Beschreibung mir die Vorstellung 
eines Erythetiia multiforme vesiculosum (et Herpes Iris et circin¬ 
natus) erweckt. 

Von Dr. Friedrich Schwarz liegt aus demselben Jahre 1880 
die Beobachtung eines Falles von „Impetigo herpetiformis“ vor 3 ) von 
einer 46 Jahre alten, damals nicht schwangeren Frau, bei der im 
November 1885 die ersten gruppirten Pustelchen an der Mund- 
schleimheit auftraten, alsbald unter Schüttelfrösten solche an der 
Mamma und am übrigen Körper folgten, vom 28. December ab aber 
grosse Pemphigusblasen uud am 30. December, also in sehr ra¬ 
pidem Verlaufe, der Tod eintrat. 

Wie schon aus diesen Anführungen zu entnehmen, hat die 
Vorstellung einer Verwandtschaft oder Aebnlichkeit der Impetigo 
herpetiformis mit Herpes und Pemphigus alle Beobachter beein¬ 
flusst und wenn vielleicht hierdurch diagnostische Irrthümer ver¬ 
anlasst sein mochten, so muss eben die Aebnlichkeit unter den 
genannten Processen sehr gross sein, und die Möglichkeit ihrer 
Verwechslung oder Identificirung um so näher liegen, je mehr 
das Vorkoramniss vereinzelt, oder je mehr in dem betreffenden 
Falle Symptome in den Vordergrund treten, die den genannten 
Krankheitsformen gemeinschaftlich sind. 

Schon diese Möglichkeiten lassen eine Klärung in dieser 
Frage erwünscht erscheinen. Noch dringender wird eine solche, 
seitdem Duhring in einer seit dem Jahre 1884 fortlaufenden 

*) Arch. of Derm. 1878. Jan. 

! ) Wr. med. Blätter 1886, Nr. 20. 

*) Wr. med. Blätter 1886, Nr. 27. 


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Kaposi. 


Reibe vou Publicationen *) sieb bemüht, die selbstständige kli¬ 
nische Bedeutung der Impetigo berpetiformis Hebra zu verwi¬ 
schen und diese als eine blosse Variante, die „pustulöse“ („a pu- 
stular Variation“), einer Krankheitsform darzustellen, die er als 
„Dermatitis herpetiformis“ bezeichnet wissen will. 

Schon Besnier hat energisch Verwahrung eingelegt*) gegen 
die Art, wie Duhriug in seiner Dermatitis herpetiformis ihrer 
Bedeutung nach verschiedene Krankheitsprocesse, die Impetigo 
herpetiformis mit inbegriffen, zusammeuwürfelt und die Charak¬ 
teristik der hier in Betracht kommenden Processe gegen einander 
abschwächt, ohne jedoch für seine Dermatitis herpetiformis selber 
ein meritorisches Merkmal geben zu können, und Besnier be¬ 
weist nur neuerdings seinen bekannten richtigen klinischen Takt, 
wenn er die wohlcharakterisirte Impetigo herpetiformis nicht ge¬ 
gen die dunkle und wesenlose Dermatitis herpetiformis eintau- 
schen will. 

In der That erhellt aus den Arbeiten Duhring’s, beson¬ 
ders der ausführlicheren „Dermatitis herpetiformis“ im Journ. of 
the Amer. Med. Assoc. Aug. 30. 1884, dass derselbe Herpes Iris 
et circinuatus, Pemphigus circinnatus und pruriginosus und Im¬ 
petigo herpetiformis unter dem obigen Namen zusammenfasst, 
indem er Processe, die nur durch Erytheme und Blasen charak- 
terisirt sind, die er niemals bei Schwangeren oder Wöchnerinnen 
und ebenso oft bei Männern, wie bei Frauen angetroffen (1. c. 
pag. 3, Sep.-Abdr.), die durch viele Jahre in sich wiederholenden 
Ausbrüchen auftraten, also durchwegs Formen, denen die wesent¬ 
lichsten Merkmale der Impetigo herpetiformis abgehen, mit dieser 
und untereinander identisch und als Formen der Dermatitis her- 
petiformis darstellt. 

Unter solchen Umständen dürfte es gerechtfertigt erschei¬ 
nen, wenn ich cs versuche, auf Grund meiner eigenen Beobach¬ 
tungen die Charaktere der Impetigo herpetiformis nochmals und 


*) Dermatitis herpetiformis: its relation to so-called Impetigo herpe¬ 
tiformis, The Amer. Journ. of medical Sciences, Oct. 1884 n. m. A. glei¬ 
chen Inhalts. 

*) Annales de Dermat. et de Syphil. Septemberheft 1884 und April¬ 
heft 1885. 


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Impetigo berpetlformU. 


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etwas prägnanter zu betonen und die Bichtungen anzugeben, nach 
welchen die Auffassung sieb leicht verwirren kann. 

Zunächst muss festgehalten werden, dass in dem Namen 
„Impetigo herpetiformis“ unverrückbar die Charaktere aus- 
bedrückt sind, welche einer Eruption eigen sein müssen, wenn sie 
als diesem eigentümlichen Processe entsprechend betrachtet werden 
soll. Impetigo bedeutet Pusteln, das ist mit Eiter gefüllte 
Efflorescenzen; „herpetiformis“ soll aber, wie in der ursprüng¬ 
lichen Beschreibung von Hebraja hervorgehoben wurde'), nur aus- 
drückeu, dass die eitrigen Efflorescenzen gleichwie beim Herpes 
angeordnet sind, das ist in Gruppen und Streifen und dass die 
Eruption gleichwie bei Herpes bei centraler Involution peripher 
fortschreitet. Es wäre also vielleicht noch besser gewesen, von 
vornherein „Impetigo circiunata et Iris“ zu sagen, denn dann 
wäre vielleicht die Vorstellung eines „Herpes“ gar nicht aufge¬ 
kommen, und es sollte ja nur die Art der Anordnung und Aus¬ 
breitung ausgedrückt werden. Mit Herpes hat aber die Impetigo 
gar nichts gemein. Denn zum Begriff Herpes gehören acut auf¬ 
tretende, in Gruppen und Kreisen gestellte Bläschen, d. i. mit 
klarem Serum erfüllte, durchsichtige Efflorescenzen, die erst nach 
Stunden und Tagen trübe, eitrig werden, zugleich mit dem Ein¬ 
tritte der anderen Zeichen der Involution. 

Bei Impetigo tauchen von vornherein eiterhältige 
Bläschen auf und immer nur solche, während des gan¬ 
zen Krankheitsverlaufes. 

Wenn also dieser Typus der Efflorescenzbildung nicht zu¬ 
gegen ist, dann ist auch, wenn die anderen Symptome mit deuen 
der Impetigo herpetiformis übereinstimmen, eben nicht dieser 
Process zugegen, sondern ein anderer. 

Diese anderen Symptome beziehen sich auf Loealisation, 
Ausbreitung der Hauterkrankung, auf die Schleimhautaffection, 
Fieber, Schüttelfröste, Coincidenz mit Gravididät und Puerperium, 
acuten oder subacuten Verlauf und letalen Ausgang. All diese 
Momente können in übereinstimmender Weise, wie bei Impetigo 
herpetiformis, zugegen sein und dennoch haben wir es mit letz¬ 
terer Krankheit nur zu thun, wenn der früher erwähnte Grund- 


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Kaposi. 


Charakter ausgeprägt ist: sofort eiterige —und wie wir gleich 
hinzufiügeu wollen — miliare Pustelchen — Impetigo. 

Wenn auch die morphologische Eigenschaft der EfHorescou- 
zen schon lauge nicht, wie zur Zeit Willau’s, ausschliesslich als 
Charakteristicum für einen Krankheitsprocess angesehen wird, 
sondern, besonders seit Hebra's in Rokitausky-Skoda'schei 
Schule wurzelnder Auffassung, neben jener und, was implicite 
gilt, neben der pathologisch-anatomischen Eigenschaft der ört¬ 
lichen Gewebsveränderung, auch der Verlauf, d. i. Ursache. 
Entwicklung, Ausgang, die „Geschichte“ des Processes als Ganzes 
im Auge behalten werden muss und für deu Charakter einer 
Krankheit entscheidet, so ist doch das Festhalten an die morpho¬ 
logische Eigenschaft und die anatomische Bedeutung der Effloro- 
scenzen für die Beurtheilung eines Processes niemals gleicligiltig. 
ja sogar vielfach au und für sich entscheidend. 

Wenn z. B. acut auftreteude und dem Ausbreitungsgebiete* 
eines Spinalnerven entsprechende Gruppen von Knötchen als 
Herpes zoster diagnosticirt werden müsson, so ist dies correct, 
trotzdem dem Herpes nur Bläschen entsprechen, wofern nur in 
gegebenem Falle die anatomischo Grundlage solcher Knötchen 
deutlich Entzündung erkennen lässt, und dass boi typischer Stei¬ 
gerung dieser Entzünduug aus den Knötchen Bläscheu geworden 
wären, und dass weiters nur in dem specielleu Falle die Entzün¬ 
dung auf massiger Höhe stehen geblieben, die Exsudation es 
nur zur Knötcheubildung uud zu einer „abortiven“ Zostereruption 
gebracht hat. Wenn aber in gloicher Ausbreitungsweise Knötchen 
entstünden, die anatomisch als dichtes Zellinfiltrat des Coriums 
sich erkennen Hessen, oder von vornherein (eiterhältige) Pusteln 
in gleicher Vertheilung, daun wird Niemand Zoster diagnosticiren. 
sondern vielleicht papulöse und pustulöse Syphilis. 

Bei anderen Krankheiten ist der Charakter der Effloreseenz 
absolut für jene entscheidend, so z. B. bei Lichen ruber planus 
das Knötchen von der bekannten Beschaffenheit: miliarer Grösse, 
polygonal, platt, in der Mitte punktförmig gedellt, wachsartig 
glänzend, sehr derb, von feinem rothen Saume an der Basis be¬ 
grenzt. Wenn nun ausnahmsweise pemphigusähnliche Blasen auf¬ 
tauchen, wie ich und Andere gesehen, oder grosse kugelige Kno- 


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Impetigo herpeliformU. 


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ten, wie in meinem Falle von Lichen ruber monileformis') oder 
dem später von Ed na beobachteten analogen Falle *), so wird 
man in dem Festhalten an die typischen Efflorescenzen die Grund¬ 
lage für die richtige Diagnose und die Sicherheit gegen einen 
Irrthum finden. 

Und so kehren wir nun uach dioser mir nothwendig er¬ 
schienenen Abschweifung zurück zu unserer Impetigo berpeti- 
formis. 

Zum Charakter derselben gehören: 

1. miliare, primär als solche auftauchende, ober¬ 
flächliche, d. i. Epidermoidalpustelchen. 

2. Dieselben erscheinen durchwegs, d. i. während des gan¬ 
zen Verlaufes und an jeder Eruptiousstello in der gleichen Form 
und Weise. 

3. Sie sind stots iu Gruppen und Haufen gestellt, und 

4. dieselben Efflorescenzen erscheinen in Nachschüben an 
der Kaudpartie eines älteren coufluirenden oder verkrustenden, 
oder sich ablösenden Herdes in ein und mehrfacher Reihe auf 
entzündlicher Basis, während im Centrum sofort, oder nach 
kurzem Stadium des Nässens, Ueberhäutung stattfindet und nie¬ 
mals Ulceratiou und Narbenbildung. 

Man besehe sich nun die Abbildungen auf Tafel VI, VIII, 
IX und X, welche nur einen kleinen Bruchthoil unserer Fälle 
von Impetigo herpetiformis wiodergeben, ob auch nur an einer 
Stelle eine Abweichung von dem geschilderten Typus wahrzu¬ 
nehmen ist. 

Nun gehören nach den vorliegenden Erfahrungen noch an¬ 
dere wesentliche Momente zur Charakterisirung dieser Krankheit: 
Das ausschliessliche Vorkommen bei schwangeren 
Frauen oder Puerperis, das begleitende, durch Schüt¬ 
telfröste markirte Fieber, gewisse Prädilectionsstollen der Lo- 
calisation. wie Genito-Crural-Region, Mammae, Mundschleimhaut 
u. A. und endlich der — mit einer Ausnahme — im ersten 
Ausbruche oder in den Recidivon beobachtete letale Verlauf. 

Obgleich nun allo diese Momente mit zur Charakteristik 

') Diese Vierteljaliresschr. 1886, pag. 571. 

*) Sitzungsber. d. k. Gcsellsch. d. Aerzte. Budapest, 27. Nov. 1886. 


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Kapo s i. 


des Krankbeitsbildes der Impetigo herpetiformis geboren, so sind 
einzelne derselben in vielen Beziehungen nicht eonstant nach der 
Zeit oder Intensität etc. So z. B. kann anfangs oder zeitweilig 
das Fieber fehlen, die Localisation die Schleimhaut früher als die 
allgemeine Decke betreffen und hier z. B. die Mammae oder 
Achselhöhlen früher als die Genito-Crural-Region. Sicher ist nur, 
dass die Form, Natur, Anordnung und Ausbreitung der miliaren 
Pustelchen, der Efflorescenzen der geschilderten Art, nicht fehlen 
werden, sobald Impetigo herpetiformis vorliegt. 

Selbst das nosologisch sicherlich wichtigste, weil höchst wahr¬ 
scheinlich in der Ursache wurzelnde Moment der Krankheit, das aus¬ 
schliessliche Vorkommen bei Schwangeren und Wöchnerinnen karm. 
wie meine Erfahrung mich gelehrt, fehlen und es bleibt sodann 
als einziges Charakteristicum der Impetigo herpetiformis die be¬ 
sprochene Eigenthümlichkeit der Hauteruption zurück; die milia¬ 
ren, gruppirten und in circinnärer Fortschreituug auftauchenden 
Pustelchen. 

In dem nun mitzutheilenden Krankheitsfalle fand ich Im¬ 
petigo herpetiformis bei einem männlichen Individuum. 
Niemals vorher ist solches beobachtet, oder auch nur vermutlich 
oder für möglich gehalten worden. War ja nach don vorausge¬ 
gangenen Erfahrungen das Vorkommen eonstant au ein weibliches 
Individuum und au dessen Schwangerschaft oder Puerperium ge¬ 
bunden, so dass sich sogar hieran naturgemässe ätiologische 
Schlussfolgerungen knüpften. Hier, in diesem ersten und ausuahms- 
weisen Falle, war es nur die charakteristische Erscheinung der 
Hauterkrankung, welche mich zur Diagnose Impetigo herpetifor¬ 
mis veranlasste und zwar sofort, als eben nur die ersten Merkmale 
derselben Vorlagen. Der weitere Verlauf hat die Richtigkeit der Auf¬ 
fassung, die Uebereinstimmung des Krankheitsverlaufes mit dem 
bei Schwangeren und Wöchnerinnen beobachteten, in jeglicher 
Beziehung bestätigt. 

Ein Fall von Impetigo herpetiformis in mare. 

Am 1. Mai 1884 wurde der 20jährige Taglöhner, Anton Hau- 
salik auf Zimmer Nr. 60 der Klinik und Abtheilung für Hautkranko 


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Impeiigo berpetiformis 


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aufgenommen. Dorthin war er von der I. raed. Abtheilung, wo er 
eine Wuche vorher (24. April) aufgenommen worden war, mit der 
Bemerkung: „Intertrigo et Eczema scroti“ transferirt worden. Die 
Krankheit, Schwellung, Schmerz und Nässen, soll vor vierzehn Tagen 
begonnen haben. Als Ursache seines Spitalseintrittes war aber ange¬ 
geben worden, dass er seit zwei Wochen an Krämpfen gelitten habe. 
Von diesen wurde «aber während seines bisherigen Spitalsaufenthaltes 
nichts wahrgenommen. 

Status praesens: Patient klein von Statur, schlecht genährt, 
exquisiter Oxykephale, mit Anoia leichten Grades. Perineum und 
Scroturn, dieses bis zur Kindskopfgrösse geschwellt, geröthet, mit 
schildförmigen Krusten bedeckt, nach deren Entfernung das Bete auf 
gcrötheter Basis zu Tage liegt und wässerig seröses Nässen statt- 
findet. In der Tiefe des Schenkel-Leistenbuges die Haut roth und 
nässend. Totnp. 37'2, 38. 

Therapie: Thjmol-Umschläge. 

3. Mai: Temp. 38*4, 37’8. 

4. Mai: An diesem Tago sah ich den Kranken zum ersten Male. 
Die Affection hatte sich nach Angabe meiner Hilfsärzte, die eben¬ 
falls, wie die Herren von der I. med. Abtheilung, ein Eczema inter- 
trigo vor sich zu haben wähnten, von der Tiefe des Leislenbuges 
nach der vorderen und inneren Schenkelfläche und nach hinten gegen 
die Crena ani mehr ausgebreitet. Dieselbe erscheint als eine die 
genannten Kegionen, also hauptsächlich die Tiefe des Schenkel-Leisten- 
buges und der Afterspalte betreffende Köthung und massige Schwel¬ 
lung der Haut, die stellenweise nässte, oder mit dünnen lamel- 
lösen Krusten bedeckt war, gegen die gesunde Haut der Nachbarschaft 
aber sich durch einen fingerbreiten, rothen Saum scharf abgrenzte, 
auf welchem, in mehrfachen Reihen dicht gedrängt, hirsekorn- bis 
>tccknadelkopfgrosse, mit eiterigem Inhalt gefüllte Bläschen, Pustel¬ 
chen, standen. Eben so das Integumentum ponis stark ödematös ge¬ 
schwellt, geröthet und mit dichtgedrängten, Senfkorn- bis stecknadel¬ 
kopfgrossen Pustelchen bedeckt. Temp. 39; 39. 

An der allgemeinen Decke des übrigen Körpers keinerlei Krank- 
koitserseheinungen, eben so wenig in den inneren Organen. 

Auf Grund der beschriebenen Form von Hauterkrankung, 
die ich allerdings bis dahin nur an weiblichen, schwangeren und 
puerperen Personen gesehen hatte, und weil ich bei koincr anderen 


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Kaposi. 


Krankheit diese Form der Eruption je gesehen, machte ich, trotzdem 
es sich hier um ein männliches Individuum handelte, die Diagnose: 
Impetigo herpetiformis und ordnete an, den Krauken auf das 
klinische Zimmer Nr. 33 zu transferiren, weil mir hier die tägliche 
Besichtigung desselben besser möglich war. 

5. Mai. Temp. 38*6, 38. 

6. Mai. Die Gegend des Os sacrum diffus gerüthet; einzelne Erythem- 
Flecke an den Schultern, dem vorderen Thorax und der Baucliwand; an der 
letzteren fanden sich auf erythematösor Basis Pustelgruppeu bis zu Linnen- 
grosse, nebst isolirten bis hanfkorngrossen Eiterbläschen. 

Pat. wird auf das klinische Zimmer Nr. 33 transferirt. 

Temp. 37*8, 38*1. Puls 118. 

Nachmittag: Sensoriuin benommen. Patellarreflexe erloschen. Fuss- 
sohlenreflexe herabgesetzt. Hautsensibilität sehr vermindert; im Bereiche 
der Ober- und Unterschenkel bis zum Sprunggelenke werden selbst tiefe 
Nadelstiche nicht percipirt, noch Reflexe ausgelöst; diese erfolgen aber bei 
Nadelstichen auf Hand- und Fussrücken. 

Patient klagt über Gefühl von Pamstigsein in den Unterextremitäteii. 
über zeitweiliges Einschlafen derselben. Temperaturssinn erhalten. Nirgends 
Druckempfindlichkeit der Wirbelsäule; des Nachts unwillkürliche Stulii- 
und Urinentleerung. 

Im Harn geringe Menge Eiweiss; relativ bedeutender Indicangehalt. 

7. Mai. Temp. (zweistündlich gemessen) 37*8, 37*6. 

Zunge trocken, rissig; Patient sonmolent; promptes Auftreten der 
Trousseau’schen Streifen. 

Die linke Glutcalgegend nach auswärts bis zum Trochanter, dem 
Tuber ossis ischii, nach aufwärts bis in die Hohe der Spina anterior supe- 
rior, nach rechts und ca. 4 (Jtm. nach auswärts von der Afterkerbe intensiv 
gerüthet, nur hie und da kleine Hautinseln von normaler Farbe zwischen 
sich einschliessend. 

Die erythematösen Partien dicht besetzt mit theils einzeln stehenden, 
theils mohnkorngrossen, theils durch Confluonz erbsengrossen Pusteln. 
Vereinzelntc Herde, die aus einer centralen, circa linsengrossen Borken¬ 
scheibe bestehen, von einem peripheren Ringe- dicht und fast bis zur 
Confluenz an einander gedrängt stellender, bis hanfkorngrosser Pusteln 
umgeben, das Ganze von einem circa 2 Mm. breiten, hellrothen, ent¬ 
zündlichen Halo umsäumt, linden sich an der Streckseite im oberen Drittel 
des Oberschenkels, etwas zahlreicher und charakteristischer zerstreut auf 
den unteren Bauchpartien. 

8. Mai. Temp. 37*9, 38*2. 


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Impetigo herpetifonnis. 


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Eine streifenförmige Excoriatiou, durch Kratzen entstanden, an der lin¬ 
ken Schulter, besetzt mit Pustelchen, wobei die ganze Excoriation von einem 
hellrothen Halo umsäumt ist. 

Nach rechts und circa 2 Ctm. nach abwärts vom Nabel ein etwa 
erbsengrosser Plaque, bestehend aus einer beiläufig hanfkorngrossen, cen¬ 
tralen Borke und einem peripheren Kranz miliärer Pusteln. 

Circa 4 Ctm. nach abwärts von diesem drei weitere, in einer Geraden 
stehende, charakteristische Efflorescenzreihen, sowie einzelne zerstreut stehende 
am linken Oberschenkel, im Inguinaldreieck. 

Der Kranke etwas weniger somnolent als die letzten Tage und mehr 
traitabel. Es wird daher neuerdings eine genaue Untersuchung der inneren 
Organe vorgenommen. 

Links vorn in der Supra- und Infraclaviculargegend der Schall etwas 
kürzer als rechts. 

Rückwärts an beiden Spitzen etwas kürzerer Schall. 

Links rückwärts oben bronchiales Athmen. 

Herzdämpfung plessimetergross. 

Leber, Milz, normal. 

Im Bauehraume keine freie Flüssigkeit nachzuweisen. 

Abdomen nicht druckempfindlich. 

Integumentum penis et scroti stark verdickt, blassroth gefärbt. 

Phimosis; Balanitis. 

Zunge trocken, rissig. 

Eiweiss- und Indicangehalt des Harnes haben zugenommen. Unwill¬ 
kürlicher Stuhlgang. 

Nachmittags dreimaliges Erbrechen einer galligen Flüssigkeit. 

9. Mai. Temp. 37*7, 37*8. Puls 96. 

Entsprechend der Crena ani die Haut, beiderseits circa 4 Ctm. nach 
auswärts, der obersten Epidermisschichten beraubt, zeigt durch Vertrock¬ 
nung des ausgetretenen Serums einen Stich ins Bräunliche. 

Weiter nach aussen und zwar in einer Ausdehnung von circa 8 Ctm. 
hellroth, das Rete blosgelcgt, lebhaft nässend. 

Ueber dem rechten.Trochanter, über dem Tuber ossis ischii dextri, 
dem vorderen oberen Darmbeinstachel, an jenen Stellen also, die dem 
Drucke ausgesetzt sind, die aus den confluirten Pusteln entstandene Eiter¬ 
decke zum Theil abgehoben. 

Scrotum und Penis mit dünnen, grossblätterigen Schuppen bedeckt. 
Auftreten von flüchtigen Erythemen an den verschiedensten Stellen 
des Stammes; dieselben sind an Partien, die sich gegenseitig drücken, per¬ 
manent, so an der Innenseite der beiden Kniegelenke, den Malleollis 
internis. 

Der die einzelnen Pustel-Plaques und grösseren Herde begrenzende 
rothe Halo hat sich, besonders auf der rechten Seite, entsprechend dem Tro- 
Vi^rtHjdhressfhrift f. Dnrmatol. u. S>pli. 1887. 

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284 


Kaposi. 


chanter und dem gestern noch normalen Theile zwischen diesem und der 
Spina anterior superior ausgebreitet. 

An dieser Stelle, sowie nach aufwärts am Stamme, nach abwärts an 
der Beugeseite des rechten Oberschenkels, bis zu einer vom Trochanter zum 
Sitzknorren gezogenen Linie, Auftreten zahlreicher, neuer circa erbsengrosser 
Gruppen, deren aus Kreissegmenten bestehender Contour deutlich die Zu¬ 
sammensetzung aus einzelnen Pustelchen erkennen lässt. 

Parallele, circa 2--6 Ctm. lange streifenförmige Kratzet fecte, 
die von einem rothen Halo umsäumt sind, über dem Condylus der lin¬ 
ken Tibia und der Spina der rechten. 

Am inneren Condylus des linken Femur eine circa bolinenerosse Ex- 
coriation in Folge von Kratzen, an deren unterem Rand bereits deutlich 
miliare Eiterbläschcn zu erkennen sind. 

An der Innenseite des linken Oberschenkels in seinem oberen Drittel 
mehrere ganz charakteristische, kreisrunde, kirschenkerngrosse, mit der 
centralen Borke, dem Pustelkranzc, dem umsäumenden Halo versehene 
Plaques. 

Unwillkürliche Stuhlentleerung. 

10. Mai. Temp. 37’3, 38*5. 

Die Gegend über dem Kreuzbein, die Gefässe mit der vertrockneten 
Eiterdecke bedeckt. 

Die periphere helle Rötlie ist nicht weitergeschritten. 

Neue, sehr charakteristische Efflorescenzen nach rechts vom Nabel 
unmittelbar neben den älteren, die sich durch centrale Borkenbildung 
und peripherisches, kreisförmiges Weiterschreiten des Pustelkranzes ver- 
grüssert hat. 

Neue, tiefe, streifenförmige Kratzeflcetc an beiden Ober- und Unter¬ 
schenkeln, und in der Gegend der Kniegelenke. 

Des Nachts sehr aufgeregt. Pat. war schlaflos, delirirte. 

11. Mai. Temp. 39, 38*8. Puls 112. 

Zahlreiche neue Kratzeficetc an den unteren Extremitäten, der Achsel* 
und oberen Thoraxgegend. 

Auf den älteren Exeoriationen, am Condylus internus femoris schies¬ 
sen neue, stecknadelkopfgrosse Pusteln, im Kreise, oder dicht gruppirt. auf. 

Frische, von Kratzcfteeten unabhängige Efflorescenzen in den beiden 
Hypogastrien und über der Symphyse. 

Nachschübe an der Innenseite beider Oberschenkel, im Penis-Scrotal- 
Winkel, entstanden durch peripherische Ausbreitung der erythematüsen 
Röthung, die nun mit stecknadelkopfgrossen Pusteln bedeckt ist. 

Der Process erstreckt sich heute auch auf die bis dahin weniger 
ergriffene linke Glutealgegend, so dass heute die Partie von der Spina 
anterior sup. nach abwärts zum Trochanter, von hier zum Tuber ischii 
nach aussen hin, nach oben bis zu einer von der einen Spina anterior sup 
bis zu der gegenseitigen gezogenen Linie intensiv gerüt-het, und gegen das 


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Impdigo berpeliformis. 


285 


Centruin zu mit theils frischen confluirten Eiterbläschen, theils mit einer 
dünnen, durch Vertrocknung der älteren Efflorescenzen entstandenen Kruste 
bedeckt. In der Peripherie der ganzen Fläche finden sieh die Eiterbläschen 
gleich aufgestreuten Perlen, ganz isolirt, wenn auch dicht nebeneinander 
(siehe Taf. VI). 

Nach aufwärts von der früher bezeichueten oberen Grenze einzelne 
bis haselnussgrosse, vollkommen isolirte Plaques von dem früher geschil¬ 
derten charakteristischen Aussehen. 

Die Untersuchung ergibt: 

Links hinten die Symptome einer beginnenden Pleuritis, Milzdäm¬ 
pfung beginnt an der achten Rippe. Nirgends eine Druckempfindlichkeit 
der Wirbelsäule zu constatiren. 

Motilität in den unteren Extremitäten unversehrt. 

12. Mai. Temp. 37*5, 38. Puls 116 (irregulär). 

Die seit gestern bestehenden Excoriationen an den unteren Extremi¬ 
täten dicht in ihrer ganzen Peripherie besetzt mit Pustelchen. 

Die Gesässgegend erscheint heute in ihrer ganzen Fläche mit Auf¬ 
nahme der mit einem Pustelwalle versehenen oberen Grenze glatt, lividruth, 
trocken, ohne Krusten oder Efflorescenzen. 

Die Pustelkränze am Abdomen vergrössern sich durch peripheres 
Weiterschreiten. 

Eiweiss und Indican im Harn haben beträchtlich zugenummen. Fus>s- 
reflex heute etwas lebhafter beim absoluten Fehlen des Patellarreflexes. 

Sopor. 

13. Mai. Temp. 37*3, 37 2. Puls 113. 

Pat. tief comatös. 

Im Gesichte, und zwar hier besonders reichlich, ebenso am Stamme 
eine intensive Urticaria-Eruption mit schön ausgesprochenen Quaddeln. 

Auf der Streckseite der Vorderarme, dem Handiücken, eine diffuse 
Rothung wahrnehmbar, die auf Fingerdruck gänzlich abblasst. 

Erythem der Fusssohlen, des inneren Fussrandes, in Form von 
theils scharf begrenzten, ziegelroth gefärbten, flach erhabenen, auf Druck 
abblassenden Flecken, theils in Form von diffusen, auf grössere Strecken 
ausgebreiteten Röthungen, entstanden durch Confluenz der ersteren. 

Die Kratzeffecte an den unteren Extremitäten alle in die charakte¬ 
ristischen kreisrunden Impetigo-Plaques urogewandelt. 

An beiden seitlichen Thoraxpartien neue kleinere und bis tlialer- 
grosse, durch intensive Schwellung der Basis knotig vorspringende rotlie 
Plaques, deren Kuppen dicht mit stecknadelkopfgrossen Pustelchen be¬ 
deckt sind. 

Auf der Haut des Rückens dehnt sich der Process gleichfalls nach 
aufwärt« aus. 

Spec. Gewicht des Harnes 1009, im Sediment Eiterkörperchen nebst 
eiuzelnen Epithelzellen. 

19* 

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286 


K apo 9 L 


14. Mai. Temp. 37*5, 38. Puls 120. 

Dicht gedrängt stehende neue Urticariaquaddeln am Thorax, den 
oberen Extremitäten, inclusive dem Handrücken; an den unteren Extremi¬ 
täten nur auf die beiden Fussrücken beschränkt, ausserdem im Gesichte, 
etwas weniger zahlreich an der Bauchhaut. 

Auf den gestern in Folge des intensiven Juckens und des hiedurch 
veranlassten Kratzens entstandenen Excoriationen sind heute die schon oft 
wiederholt erwähnten Pustellinien und Umsäumungen von miliaren Pusteln 
zu sehen. Stetige periphere Ausbreitung mit vom Centrum aus weiter¬ 
schreitender Borkenbildung der älteren Herde. 

Pat. klagt über intensives Jucken. Singultus; das Sensorium freier. 
Nachmittag fast ‘/«stündliches Erbrechen einer gallig gefärbten Flüssigkeit. 
Der ganze Körper, mit Ausnahme der vorderen Thoraxpartie, auf der die 
Reste der Urticaria in Form von schmutzig gelbrothen Flecken zu sehen 
sind, bedeckt mit theils grossen, thcils kleinen charakteristischen Plaques. 

15. Mai. Temp. 36*5, 37. 

Die Plaques auch auf deu beiden seitlichen Thoraxpartien aufgetre¬ 
ten; die älteren vergrössern sich stetig. 

Das Erythem erstreckt sich rückwärts bis zu den unteren Schulter¬ 
blattwinkeln. 

16. Mai. Temp. 37, 37*2. Puls 112. 

Auf der Haut des Gesichtes der Process in Rückbildung begriffen; 
die Haut daselbst lebhaft rotli, doch trocken. Schuppen und Krusten sind 
abgefallen. 

Die Haut fühlt sich pergamentartig an. 

Heute auch die Haut des Thorax mit Effiorescenzen bedeckt, so dass 
der Process jetzt Bauch* und Thoraxhaut ohne Unterbrechung occupirt. 

Neue Urticaria-Eruption auf den oberen Extremitäten. 

17. Mai. Temp. 37*5, 38 5. Puls 120. 

Confluenz der noch isolirten auf der Bauchhaut befindlichen Plaques 
durch Aufeinanderstossen ihrer Ränder. 

Im Laufe des Tages wiederholtes Erbrechen. 

Gegen Abend hochgradige Aufregung. Pat. klagt über unerträgliches 
Hitzegefühl; delirirt. Morphiuminjeetion. 

18. Mai. Temp. 37*5, 38 5. Puls 120. 

Am Rücken haben sich bis gegen die Schulterblätter hin, auf dem schon 
früher bestandenen gerütheten Grunde, Plaques mit dem peripheren Pustel¬ 
kranz gebildet. Desgleichen die charakteristischen Effloresccnzen auf den 
dem Drucke ausgesetzten Hautpartien über den beiden Cristae scapulae. 

Gegen Abend neuerdings grosse Unruhe. 

Unwillkürliche Entleerung des Stuhls und Urins. 

19. Mai. Wird wegen drohendem Decubitus über dem Kreuzbein ins 
Wasserbett transferirt. 

Temp. 37*8, 38. 


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Impetigo herpetiformiü. 


287 


20. Mai. Temp. 37, 37. Puls 92 (klein). 

Alle Eiterpusteln gesellwunden; an den Stellen, wo die einzelnen Pla¬ 
ques noch deutlich zu erkennen waren, ist nur eine rothe, der obersten 
Epiderinisschichten beraubte Fläche zu sehen. Urticaria vollkommen ge¬ 
schwunden. Sensorium benommen. 

21- Mai. Temp. 364, 37*9. Puls 132. 

Auftreten neuer grieskornähnlicher, dicht gedrängter, theils periphe¬ 
risch stehender, zum Theil aber auch die Area der früheren Fläche ein¬ 
nehmender Pusteln; besonders charakteristisch auf den stets von Wasser 
bespülten Partien des Abdomen, der Haut über den Trochanteren, den Ober¬ 
schenkeln, dem Rücken. 

Entsprechend der neunten Rippe, gerade über ihrer grössten Convc- 
xität, eine streifenförmige, circa 4 Ctni. lange, diffus in die normale Haut 
übergehende Suffusion. 

Pat. comatös. 

Nachmittags zweimaliges Erbrechen. 

Gegen Abend hochgradige Aufregung bei vollkommener Bewusst¬ 
losigkeit. 

Injcction einer halben Spritze einer 2percentigen Morphiurnlösung. 

Die Aufregung hält bis gegen 5 Uhr Morgens an. 

Von da an collabirt der Kranke und um halb 2 Uhr Nachmittags am 
tt. Mai erfolgt der Exitus letalis. 

Obductionsbefund (Prof. Kund rat). 

Diagnose: Impetigo herpetiformis. Tuberculosis peritonei 
c. peritonitide purulenta. Ulcera impetiginosa oesophagi. Oxy- 
cephalia. Osteophytes ad superficiem internam cranii. Hydro- 
cepbalus chronicus. 

Körper klein, schwächlich, sehr mager. Die allgemeine Decke blass. 
Am Rumpfe zu beiden Seiten des Thorax und über dem Abdomen erbsen- 
bis bohnengrosse braune Flecken, über denen die Epidermis leicht ab- 
schülfernd ist. Die Oberhaut schuppt sich daselbst in grossen unregel¬ 
mässig rundlichen bis handtellergrossen Partien ab, die auf einer röthlichen 
und infiltrirten, mit bis stecknadelkopfgrossen, dicht stehenden, gelblichen, 
am Rande halb abgelöst erscheinenden Borken besetzten Cutis gela¬ 
gert sind. 

Ausserdem in der Gegend der oberen Brustapertnr, an der Streck¬ 
seite des Oberarmes, in der Gegend des linken Knies unregelmässige, bis 
vierkreuzerstückgrosse Stellen, an denen die Haut lederartig braun ver¬ 
trocknet, die Epidermis darüber abgängig ist. 

An den Händen und noch mehr an den Füssen die Epidermis mace- 
rirt und abgehoben. 


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288 


Kaposi. 


Der Schädel gethtirmt, mit flacher, hoher Stirne, stark vorspringen¬ 
dem Gesicht, Hals dünn, Brustkorb lang. Unterleib eingezogen. 

Die Schädeldecke blass. 

Der knöcherne Schädel hat: 

49*50 Ctm. Umfang, 17*3 Ctm. Länge, 14*5 Ctm. Breite, 5 — 6 Mm. 
im Stirntheil bis 1 Ctm. dick. 

Die Kranz- und Pfeilnaht in ganzer Ausdehnung abolirt. 

Die Stirnbeinschuppe, die vordere Hälfte der Scheitelbeine, die obere 
Peripherie der Scheitelbeinhöcker bis zur Lambdanaht und der hinterste 
Schädelantheil vor der Spitze des Hinterhauptes mit einer blutreichen, 
feinwarzigen Osteophytschichte überzogen. 

Die innere Schädelkapsel von weissen federbuschartigen ausstrahlen¬ 
den Streifen durchsetzt. 

Die Gegend der grossen Fontanelle, entsprechend der Mitte der Pfeil¬ 
naht, mit feinwarzigen, ganz weissen dichten Osteophyten bedeckt. Am 
Schädeldach seicht ausgeprägte, an der Schädelbasis sehr tiefe Impressio- 
nes. Die inneren Meningen, entlang dem vorderen Band der Fontanell- 
gegend, stark verdickt, milchig getrübt, sonst- zart, in den venösen Gef&ssen 
mässig injicirt. 

Das Gehirn ziemlich blutreich, feucht, von weicher Consistenz; die 
Ventrikel etwas erweitert. 

Schilddrüsen im rechten Lappen wenig vergrößert, der linke hühner- 
ei gross. 

In der Luftröhre etwas eitriger Schleim. Schleimhaut des Kehlkopfe* 
und der Trachea blass. 

Desgleichen die Schleimhaut des harten Gaumens, dagegen die des 
Velum, der Uvula und hinteren Rachen wand gernthet, geschwellt; das Epi¬ 
thel aufgelockert, am Gaumen einige seichte, hirsekorngrosse Substanzver¬ 
luste, die nur das Epithel betreffen. 

Im Oesophagus (Taf. VII), etwas unterhalb der Theilungsstelle 
der Trachea, mehrere in gleicher Höhe stehende, bis linsengrosse, seichte 
Substanzvcrluste mit gerötheter Umgebung und einem vom nekrotischen 
Epithel gebildeten Rande. 

Gegen die Cardia zu, theils auf der Höhe der Falten, theils längs- 
gestellt, 2 — 3 Ctm. lange, 4—5 Mm. breite, zackig begrenzte Substanzver¬ 
luste, mit zum Theil festhaftender nekrotischer Epithelsehichte; daneben 
auch einzelne stecknadelkopfgrosse, rundliche Geschwüre, sonst die Oeso- 
phagusschleimhaut normal. 

Die Lungen frei, vorne gedunsen, hellroth, in den hinteren Antheilen, 
in den grossen Gefässen von dunkelrothem Blute strotzend, in beiden Pleura¬ 
säcken freie Flüssigkeit. 

Im Herzbeutel gelbliches Serum, das Herz mässig contrahirt, etwas 
starr, in seinen Höhlen etwas flüssiges Blut und üdematüse Fibringerinnsel. 


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Impetigo herpctiformis. 


289 


Klappen zart. Die Aorta im aufsteigenden Theil kaum fin¬ 
gerbreit. zart, sehr dünnwandig. 

Die Leber mit dem Zwerchfell und die Gedärme untereinander durch 
mit zarten, zum Theil käsigen Knötchen durchsetzten Pseudomembranen 
verlöthet. die noch freien Antheile des Bauchfelles injicirt und geröthet. 

Das Bauchfell im kleinen Becken und den anschliessenden Theilen 
der vorderen Wand dicht von bis hanfkorngrossen, käsigen Knötchen 
durchsetzt. 

Im ganzen Bauchranme vertheilt. eine eitrige, trübe Flüssigkeit; die 
Leber etwas geschwellt, blassbräun, wie ödematös. Die Milz mit dem Zwerch¬ 
fell verlötbet, von in Gruppen stehenden Tuberkeln besetzt, in welchen die 
Pseudomembranen besonders dicht von Hämorrhagien durchsetzt sind und 
so dunkelrothe Höfe um dieselben bilden; die Milz sonst klein, braun, 
blass, derb. 

Im Magen gallig gefärbte, schleimige Flüssigkeit; die Schleimhaut 
bis auf (inzelne injicirtc Stellen blass. Das grosse Netz geschrumpft, mit 
einer der untersten lleumschlingen verwachsen; dicht tuberculisirt; an der 
Verwachsungsstelle ein grösseres Conglomerat von Knötchen, zum Zerfliessen 
erweicht. In den Gedärmen spärliche chymöse und fäculente Stoffe; die 
Schleimhaut gewulstet; im Dünndarm etwas injicirt. 

Die Nieren schlaff, in der Rindensubstanz erweicht, geschwellt. 

Die Venenstämme injicirt. 

Harnwege normal, blass, die Blase in der hinteren Wand auf der 
Höhe der Falten injicirt und von Hämorrhagien gesprenkelt. 

Hoden und Samenblasen sehr klein, uormal. Haut des Scrotum hoch¬ 
gradig. die des Penis leicht infiltrirt. 

Die bronchialen, mesenterialen und retroperitonealen Drüsen frei von 
Tuberculose. 

Die harte RQckenmarkshaut mit den zarten Häuten im Cervicaltheil 
verklebt ; das Rückenmark daselbst breit, glatt, wie schwappend. Im Durch¬ 
schnitt zeigt sich an diesem Theil an Stelle des Centralcanales ein 3 bis 
4 Mm. weiter, bis 6 Ctm. langer scharf begrenzter Hohlraum. Sonst im 
Rückenmarke nichts Abnormes. 


Der vorausgehend geschilderte Krankheitsfall hat also viel 
Interessantes an Erscheinungen dargeboten. Die hervorragendste 
unter denselben war die vom Anbeginn bis zum Lebensende ste¬ 
tig und unter Fieber-Paroxysmen sich wiederholende Eruption von 
circinnär fortschreitenden Plaques miliärer Pustelchen auf entzün¬ 
deter Basis. Durch dieselbe hat sich der Process in Ueberein- 
stimmung erwiesen mit den bis dahin beobachteten Fallen von 


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290 


Kaposi. 


Impetigo berpetiformis schwangerer und puerperer Frauen und 
musste die Krankheit auch als solche angesehen werden. 

Eigentümlich waren diesem Falle noch andere markante 
Erscheinungen: an der Haut, die im späteren Stadium erschie¬ 
nenen Erytheme, Urticaria und das heftigo Jucken; ferners die 
Störungen der Hautinnervation, die tonischen und klonischen 
Krämpfe; weiters das ebenfalls der Spätperiode ungehörige Er¬ 
brechen, die bei der Obduction erwiesene Tuberculose des Bauch- 
felles und schliesslich die auf voraiisgegangeue Meningitis spinalis 
im Cervicaltheile des Rückenmarkes zurückzuführende Verklebung 
der Rückenmarkshäute. 

Ein jeder epikritische Versuch die Beziehungen der einzel¬ 
nen der geschilderten Krankheitserscheinungen herauszufinden uud 
dieselben zu einer geschlossenen Kette von Ursache und Wirkling 
zu fügen, dürfte nach dem gegenwärtigen Stande unserer Kennt¬ 
nisse an unübersteiglichen Hindernissen scheitern. 

Wenn wir nämlich die Erscheinungen der Impetigo herpeti- 
formis, welche in der ersten Hälfte der Krankheitsdauer aus¬ 
schliesslich und in reiner Form Vorlagen von den übrigen Sym¬ 
ptomen losgelöst betrachten, so fehlt uns auch bezüglich desselben 
eine sichere Grundlage für ihre Erklärung in Anbetracht dessou, 
dass die bisher beobachteten Fälle und Obductionen uns eine 
solche nur in geringem Masse zu bietou vermochten. 

Die schubweise und unter Fieber-Paroxysraen erfolgende 
Eruption von Eiterherden, als welche ja, wenn auch minimaler 
Form, die Pustelcheu der Impetigo herpetiformis zu betrachten 
sind, haben schon den ersten Beobachtern den Gedanken an 
einen pyämischen Process nahe legen müssen und um so mehr, 
als in der Gravidität und dem Puerperium der ausschliesslich 
von diesom Proeesse betroffenen Personen anatomische Ursacheu 
dafür am leichtesten supponirt werden konnteu. In dem seinerzeit 
von Neumann vorgesclilageuen Nameu Herpes pyämicus drückt 
sich ja bereits diese Vorstellung aus. 

Allem die bisherige Geschichte dieser Krankheit hat nur in 
drei Fällen, in dem Befunde von Endometritis uud Peritonitis eine 
Basis für die Annahme eines pyämischen oder septicämischen 
Processes, in den anderen aber keinerlei anatomischen Beweis für 
eine solche Beziehung geliefert. 


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Impetigo herpetiformis. 


291 


Au unserer Klinik sind bis jetzt 13 Fülle vou Impetigo 
herpetiformis beobachtet wordeu, indem ich eineu (14.) Fall 
eines Mannes aus dem Jahre 1885, der nicht genügend constatirt 
werden konnte, aber doch in den „Bericht 11 gelaugte, ganz ausser 
Rechnung lasse. 


Diese 13 Fälle betrafen 12 weibliche, durchwegs tbeils 
schwangere Personen, theils Wöchnerinnen und nur 1 Mann und 
vertheilen sich auf die Zeit bis zum Jahre 


1872 

1877 

1879 

1880 
1881 

1883 

1884 


mit 

5 

Fällen, Weiber, 

davon 

4 rost., 1 geh. 

r 

1 

Fall, Weib, 


1 - - 

r* 

1 

, Weib, 


— 1 geh. 

T 

1 

„ Weib, 


- 1 n 

V 

3 

Fällen, Weiber, 


3 gest., — 

V 

1 

Fall, Weib, 

« 

r „ - 

r> 

1 

„ Manu, 

r) 

i * - 


zusammen 13 Fälle, 12 Weiber, 1 Manu, 10 gest., 3 geh. 

Die Heilungszifter von 3 reducirt sich aber auf 1. 

Eine Kranke (B. B.) befand sich nämlich im Jahre 1880 
wegen Impetigo herpetiformis an der Klinik, wohin sie nach ihrer 
Entbindung, am 10. März 1880, gebracht worden war und ver- 
liess dieselbe am 24. März 1880 geheilt. Das folgende Jahr 1881 
wurde sie am selben Datum, 11. März, nachdem sie von Zwillin¬ 
gen entbunden wordeu war, wieder mit Impetigo herpetiformis 
auf die dermatologische Klinik gebracht, die sie an demselben 
Datum wie das Jahr vorher, 24. März, aber nicht geheilt ver- 
liess, sondern als mortua. 


Eine «andere Patientin aus dem Jahre 1881 (K. R.), die 
während ihrer Erkranku g an Impetigo herpetiformis an der Kli¬ 
nik Abortus einer macerirten Frucht erfuhr und ebenfalls mit Toi 
abging, hatte nach ihrer Angabe genau dieselbe Form von Haut¬ 
krankheit schon während zwei vorausgegangener Schwangerschaf¬ 
ten (1879 und 1880), aber ausserhalb des Spitales durchgemacht, 
war also auch zweimal von dem Uebel genesen. Die dritte Er¬ 
krankung hatte allerdings ihren Tod zur Folge. 

Von den zwei noch erübrigenden, früherher als geheilt an¬ 
geführten Kranken habe ich keine mehr zu Gesicht bekommen. 
Die eine fällt in die Zeit vor 1872 in meine Dienstzeit als Assi- 


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292 


Kaposi. 


Stent und war auf dem Zimmer (31) nach einer Recidive gebei t 
entlassen worden. Die zweite gehört dem Jahre 1878 an und hat 
aus schweren Symptomen im continuirlichen Wasserbette ihre 
Genesung erlangt. Ich glaube, dass es diese ist, welche nach An¬ 
gabe H. Hebra’s 1 ) ebenfalls in einer Recidive gestorben ist. 

Es ist also auch Genesung von der Impetigo herpetiformis 
möglich, aber wie man ersehen kaun höchst selten und dass für 
die Betreffenden jede neue Gravidität die Gefahr für eine neue 
Erkrankung und die Wahrscheinlichkeit eines letalen Ausganges 
mit sich bringt. 

Von der grossen Zahl der vorgekommenen Obductiouen haben 
nun kaum drei Anhaltspunkte für die Annahme eines vom Uterus 
ausgehenden pyämischen oder sopticämischen Processes — sonst 
durchwegs uegatives Resultat ergeben. Positiv lautet, wie ich 
glaube, von allen nur zwei. In dem Falle der B. Br., welche in 
ihrer zweiten Erkrankung an Impetigo herpetiformis im Jahre 
1881 verstorben ist: Septicämie mit acuter Schwellung 
der Milz auf das Vierfache aus jauchig-eitriger Endo¬ 
metritis und in dem durch Auspitz von der dermatologischen 
Klinik referirten Falle: Endometritis, Oophoritis, Metro¬ 
salpingitis, Peritonitis. 

Bei den meisten ist zugleich mehr minder vorgeschrittene 
Bright’sche Nierenerkrankung vorgefunden worden. Wie aber die 
Harnuntersuchungen gelehrt haben, scheint die Nierenerkrankung 
erst im Verlaufe der Impetigo herpetiformis sich jedesmal ent¬ 
wickelt zu haben. 

Berücksichtigen wir nun den vorliegenden ersten Fall bei dem 
männlichen Individuum, so wäre vielleicht die tuberculose Peri¬ 
tonitis als die Quelle des Resorptionsfiebers und der metastasiseben 
Pusteleruption zu betrachten. Allein wie viele Fälle von Tubercu¬ 
lose des Peritoneums sind bereits bei Personen beiderlei Geschlech¬ 
tes gesehen worden und doch ist noch in keinem Impetigo her¬ 
petiformis gefunden worden. 

Die Untersuchungen des Pustelinhaltes der Impetigo herpe- 
tiformis-Kranken haben bis nun keine Anhaltspunkte für die An¬ 
nahme einer etwa von aussen erfolgten bacteritischen Infection 

*) Die krankh. Veränderungen der Haut, pag. 198. 


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Impetigo herpetiformis. 


293 


ergeben. Von den drei im Jahre 1881 gleichzeitig an der Kliuik 
gelegenen Fällen hatte nur einer in auffälliger Menge Bacterieu, 
Coccen und Vibrionen im frischen Pustelinhalt gezeigt, die ande¬ 
ren nicht und eine gleiche Tnconstanz haben die anderen Fälle 
der letzten Jahre in dieser Beziehung ergeben. Abgesehen davon 
gestattet ein solcher Befund keinerlei Schlussfolgerung, insolange 
keine specifische pathogene Morphe durch Reincultur und das 
Experiment erwiesen ist, nachdem ja innerhalb der Epidormis- 
schichten normaler Weise solcher Mikroorganismen viele vorhan¬ 
den sind. 

Somit würde man sich sehr geneigt fühlen zu jener An¬ 
schauung zurückzukehren, welche in der Puhlication Hebra’s aus 
dem Jahre 1872 angedeutet zu sein scheint, dass die Hauter¬ 
krankung der Impetigo herpetiformis ebenso als eine Aeusserung 
reflectorischer Nerven- und Gefassreizung entstehe, wie die da¬ 
selbst in solchem Sinne angeführten Formen von Pigmeutation 
(Chloasma), Urticaria und Pemphigus (Herpes) gestationis, schwan¬ 
gerer, puerperer und mit Erkrankungen der iuueren Sexualorgane 
behafteter Personen. Denn, wenn Hebra au jener Stelle sich auch 
jeder muthmasslichen Aeusserung über die Ursache der Impetigo 
herpetiformis enthält, so lehnt er die Mittheilung über diesen 
eigentümlichen Process doch an die erwähnten Krankheitsfor- 
men an. 

In der That finden sich auch als Begleiterscheinungen der 
Impetigo herpetiformis Erytheme und Urticaria. Nicht jedesmal 
allerdings, aber in dem von uns beschriebenen Falle waren die¬ 
selben sehr intensiv und ähnlich hochgradig auch in dem dem 
Jahre 1877 augehörigen und in unserem Jahresberichte durch 
Geber mitgetheilten Fall, der überhaupt dem bei unserem männ¬ 
lichen Kranken von allen mir bekannten, am meisten glich. Denn 
es gab da neben Urticaria und Erythemen ebenfalls intensives 
Jucken, klonische Krämpfe, Parese der rechten oberen Extremität, 
Opisthotonus, hartnäckiges Erbrechen. 

Allein, wenn ich meinen Beobachtungen trauen darf, so 
haben sich alle diese Erscheinungen jedesmal erst allmälig im 
Verlaufe der bereits bestandenen Impetigo herpetiformis einge¬ 
stellt und das Auftreten all der geschilderten Nebensymptome, 
sowie das der erhöhten Hautreizbarkeit, der verstärkten Sehnen- 

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294 


Kaposi. 


reflexe, der Muskelkrämpfe und Lähmungen macht mir viel mehr 
den Eindruck, als wären sie secundär, durch die von Seite der 
intensiven Hautaffection veranlasst.e hochgradige Irritation des 
Centralnervensystems, namentlicli der vasomotorischen Centren, 
aber auch anderer Ganglien hervorgerufen, ähnlich wie die gleichen 
sensitiven und motorischen nervösen Erscheinungen, bei ausge¬ 
dehnten calorischen oder medicamentösen Verletzungen und Ver¬ 
brennungen der Haut. Denn in den ersten Wochen des Processes. 
uud in vielen Fällen durchwegs, fehlen solche Erscheinungen. Die 
charakteristischen Symptome der Impetigo herpetiformis sind aber 
stets von Anbeginn an fertig entwickelt und bleiben constant bis 
gegen das Lebensende des Betroffenen. 

Bemerkenswerth ist aber auch, dass Urticaria und Erythem, 
da wo sie zugegen, nicht etwa die anatomische Basis für die 
Pusteleruption der Impetigo herpetiformis abgeben, im Gegen¬ 
sätze zu Pemphigus, wo die Blasen bekanntlich sich gerade auf 
der Basis von Erythem und Urticaria erbeben. Erytheme und 
Urticaria laufen bei Impetigo herpetiformis nur nebenher. Die 
Pusteln der Impetigo herpetiformis entwickeln sich stets auf 
diffus entzündlich infiltrirter, nicht auf einfach erythematöser 
Grundlage. 

Eine nebensächliche Rolle spielen auch die papillären Wu¬ 
cherungen, welche in dem Berichte von 1862 (unsere Taf. VIII) 
mitgetheilten Falle, sonst aber kein zweites Mal gesehen worden 
sind. Solche finden sich ja auch bei Pemphigus vulgaris, circin- 
natus, crouposus und foliaceus. 

Wenn aber nach dieser, meiner Beobachtung entsprechenden 
Darstellung, Urticaria und Erytheme, so wie Papillome kein cou- 
stantes und wo sie zugegen, nur ein secundäres uud consecutives 
Symptom bei Impetigo herpetiformis darstellen, dann erübrigt 
wieder nur die Eingangs beschriebene Form und Verlaufsweise 
der Hauterkrankung, die eigentümliche, von Fieber-Paro- 
xysmen begleitete Eruption miliärer Pustelgruppen 
und Kreise, als ein Voikommniss, das keinem der anderen 
Dermatitis - Formen zukommt, und daher uns bestimmen muss, 
in derselben insolange das Charakteristicum einer besonderen 
Krankheit — Impetigo herpetiformis — zu sehen, als nicht 


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Impetigo herpetiformis. 


295 


weitere Erfahrungen eineu ätiologischen oder nosologischen Zu¬ 
sammenhang derselben mit anderen Dermatitisformen ergeben. 

Vor der Hand bin ich auch geneigt, mit Rücksicht auf die 
pustulöse (eiterige) Beschaffenheit ihrer Etfloresceuzen und die 
erwähnten drei Obductionsbefunde (zwei Endometritis und Peri¬ 
tonitis, einer tuberculöse Peritonitis) die Impetigo herpetiformis 
als einen pyämischen Process zu betrachten. Ich hoffe, dass in 
vorkommenden Fällen die Untersuchung nach den möglichen 
Quellen der Pyämie und Metastasen noch genauer als bisher, und 
mit Benützung der besseren neueren Methoden geschehen wird 
können. 

Darnach bin ich auch der Meinung, dass die Diagnose 
Impetigo herpetiformis festgehalten werden muss gegenüber 
allen ähnlichen, d. h. unter ähnlicheu Bildern der Configuration 
und Ausbreitung sich darstellenden Processen, die aber durch 
Bläschen und Blasen charakterisirt siud, also besonders Herpes Iris und 
circinnatus und Pemphigus pruriginosus et circinnatus. Insbeson¬ 
dere bezüglich des letzteren möchte ich bemerken, dass derselbe 
oft nur in der Formation kleiner gruppirter Bläschen erseheiut, 
nach deren Verkrustung und Abstossung durch peripheren An¬ 
schub erst circinnäre und später grosse Felder rother oder pigmen- 
tirter Haut umkränzeude serpiginöse Bläschensäume entstehen. Und 
zwar tritt bei manchen Personen der Pemphigus von Haus aus in 
dieser Form auf, oder nur in manchen Nachschubs- oder Recidiv- 
Perioden, während in anderen Perioden die grossen Blasen des 
Pemphigus vulgaris da sind. 

Nur aus dem Grunde, weil die Unterscheidung zwischen den 
letztgenannten vesiculösen und bullösen Formen selber in man¬ 
chen concreten Fällen schwierig fällt, die bisher zwischen diesen 
beobachteten pathologischen Grenzen nioderzureissen, wieBulkley, 
D uh ring secundirend, empfiehlt ‘) und alle diese, mitsammt allen 
ungewöhnlich aussehenden, grossblasigen Eczemeu und dazu noch 
die pustulöse Impetigo herpetiformis durch eine in Nichts klarere 
Sammeldiagnose „Dermatitis herpetiformis” zu decken, kann ich in 
keiner Weise gerechtfertigt, noch für die anzustrebende genauere 
Kenutniss dieser Processe förderlich finden. 

') Journ. of cutan. and ven. dis. April 1886. 

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Kaposi. Impetigo herpetiformis. 


Aber auch nicht praktisch. Denn wir wissen zwar über die 
Ursache der Impetigo herpetiformis noch nichts, aber auch nicht 
mehr über die Ursache oder die Ursachen des Pemphigus und 
des Erythema multiforme sammt Herpes Iris. Allein unsere auf 
gewissenhafte Beurtheilung der vorliegenden Krankheitserscheiuun- 
gen gegründete specielle Diagnose enthält doch eine grosse innere 
Wahrheit, einen Ausspruch über den speciellen K rankbeit s- 
Verlauf und die Bedeutung für den betroffen en Kranken. 

Ein Fall von „Herpes Iris“ mag noch so intensiv und uni¬ 
versell erscheinen, die Diagnose bedeutet cyclischer Verlauf und 
keine Gefahr für den Kranken. Die Diagnose „Pemphigus“ be¬ 
sagt unbestimmt langer, vielleicht das ganze Leben hindurch zie¬ 
hender Verlauf und mit jedem Ausbruch Lebensgefahr; und Im¬ 
petigo herpetiformis bedeutet nach den bisherigen Erfahrungen 
imminente Lebensgefahr und fast unabwendbaren Tod. 

Und da wir in der Lage sind, beim Festhalten an die ge¬ 
wonnenen Kenntnisse der Krankheitserscheinungen solche Unter¬ 
scheidungen zu machen, die Krankheitsprocesse zu diagnosti- 
ciren, finde ich es nicht rathsam diesen Besitz an realem Wissen, 
so spärlich er sein mag, gegen noch so reich ausgestattete Ver¬ 
muthungen aufzugeben, denn hier wäre dann sicherlich das Bessere 
der Feind des Guten. 


Erklärung der Abbildungen. 

Taf. VI. Fall des Hansalik vom Jahre 1884 (vid. Text pag. 280). 

„ VII. Oesophagus desselben Kranken mit Impetigo-Pustelehen und Ge¬ 
schwüren. 

„ VIII. Abbildung des Falles vom Jahre 1862. (Erster Beobachtungstall.' 

Im Jahresberichte von 1862. pag, 94. 

„ IX. Fall vom Jahre 1871. Jahresbericht, pag. 310. 

„ X. Fall vom Jahre 1877. Beschrieben im Jahresberichte der Klinik, 

pag. 269. 


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i'irrtrijah/rssekrift /' Dtrmntnloyir u .Syphilis, Jnhrtj 1887. 


Ta f. VII 













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Kaposi: Jinpetij? Ksipehrcrmas 






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Heber „Skerljevo“. 

Ein Reisebericht 

von 

Dr. Maximilian v. Zeissl, 

UniversitAts-Docenten in Wien. 


In verschiedenen Ländern wurde mau um die Mitte des 
18. Jahrhunderts auf eigentbümliche, seuchenartig auftretende 
Krankheitsformen, welche namentlich die Haut ergriffen, aufmerksam. 
Diese Krankheitsformen wurden von den verschiedenen Aerzten 
verschieden gedeutet und in Folge dessen mit verschiedenen Namen 
belegt. Bald wurden diese Krankheitsformen als eine Abart des 
Aussatzes, bald wieder als degenerirte Syphilis angesehen und 
dieser Auffassung entsprechend von den Aerzten als Leproide oder 
Sypbiloide bezeichnet. 

Ausserdem belegton aber sowohl die Aerzte als auch die 
Laien die Krankheit mit dem Namen des Landesgebietes, in 
welchem dieselbe aufgetreten war, und wählte man zur Bezeich¬ 
nung der Krankheit den Namen derjenigen Orte, in welchen sie 
am häufigsten vorkam. 

So sprach man in Norwegen und Schweden von der Radesyge, 
in Holstein und Jütland von der Holsteinischen, Ditmarsischen 
oder Marschkrankheit und von der Jütländischen Krankheit. 
Ausserdem finden wir noch die Bezeichnung littauisches und kur¬ 
ländisches Syphiloid, in Schottland finden wir die Bezeichnung 
Sibbens, in Oesterreich-Ungarn spricht man von der Skerljevo 
(vom Dorfe Skerljevo in Croatien). Für analog mit der Skerljevo 
verlaufende Krankheitsproqesse wurden auch die Bezeichnungen 
Mal di Fiume, Mal di Fucine, Mal di Grobnigg, Mal di Ragusa 


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298 


v. 7 e iss I. 


und Mal di Breuo, sowie Margherizza gebraucht. In Süddalmatien, 
in Bosnien und der Herzegovina, sowie in Serbien gebrauchte und 
gebraucht die Bevölkerung auch jetzt noch für die endemisch 
auftretende und mit Skerljevo identische Krankheit den Ausdruck 
Frenga oder Fronjak, während in Siebenbürgen, der Bukovina und 
in Rumänien der Ausdruck Boala gebraucht wird. Für das gleiche 
Leiden wird in Griechenland die Bezeichnung Spirokolon, Orchida 
oder Franzo gebraucht. In Amerika sprach mau von einem cana- 
dischen Syphiloid. 

Bei genauer Untersuchung all der unter den erwähnten 
Namen angeführten Krankheiten ergab es sich, dass es sich bei 
denselben um nichts auderes als Syphilis, und zwar um meist 
wenig oder gar nicht behandelte Syphilis handelte, und dass 
ausser den Syphilis-Fällen sowohl von weniger geschulten Aerzten 
als auch von der Bevölkerung selbst solche vulgäre Gesehwür- 
processe mit diesen Namen bezeichnet wurden, welche leicht mit 
Syphilis verwechselt werden können. 

In Croatien wurden vom Jahre 1800—1850') von der öster¬ 
reichischen Regierung zu wiederholten Malen energische Massregeln 
ergriffen, um namentlich in Croatien, im Triester und Krainer 
Gebiete, sowie in Dalmatien die Bevölkerung von dieser Krankheit 
zu befreien. 

Diese Bemühungen der Regierung waren thatsächlich von 
einem so glänzonden Erfolge begleitet, dass im Jahre 1859 die 
Skerljevo-Krankheit in dem Triester, Krainer und croatischen 
Gebiete als erloschen bezeichnet werden konnte. Ebenso erlosch 
in Ragusa und in dem von domseiben eine halbe Stunde entfernten 
Breno durch die zu diesem Zwecke eingeschlagenen Massnahmen 
allmälig die Skerljevo-Krankheit. 

In neuester Zeit nahm jedoch in bestimmten Districten 
Dalmatiens die Anzahl der mit dem sogenannten Skerljevo Be¬ 
hafteten so zu, dass die ziemlich beträchtliche Anzahl der Kranken 
abermals die Aufmerksamkeit der Regierung erregte und dieselbe 
veranlasste, umfassende diesbezügliche gesetzliche und hygienische 
Massregeln anzuorduen. 

Die Berichte, welche über diese in einzelnen Districten 

') Siehe Lehrbuch der Syphilis von Prof. Dr. H. und Dr. M. v. Zeissl. 


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,Skerlje?o. u 


209 


Dalmatiens herrschende Endemie Vorlagen, legten die Vermu- 
thung nahe, dass es sich in Dalmatien um nichts Anderes, als wie 
um endemische Syphilis handle. Diese Yermuthung wurde natürlich 
noch wesentlich dadurch erhöht, dass schon vor Jahren von einem 
so hervorragenden Fachmanne, wie v. Sigmund gewesen, die als 
Skerljevo bezeichnete Krankheit für endemische Syphilis erklärt 
worden war. Es konnte sich also nur darum handeln, neuerlich 
zu constatiren, ob auch jetzt wieder, wie schon aus deu berich¬ 
teten Krankheits-Erscheinungen zu vermuthen war, thatsächlich 
wieder eine Syphilis-Endemie vorliege, oder ob nicht etwa eine 
iu ihren äusseren Erscheinungen mit der Syphilis ähnliche Erkran¬ 
kung in Dalmatien zum Ausbruch gekommen sei. 

Um mir hierüber durch eigene Anschauung ein Urtheil 
bilden zu können, entschloss ich mich, eine Reise in das durch¬ 
seuchte Gebiet Dalmatiens zu unternehmen, und da ich durch 
Herrn Hofrath Professor v. Schneider erfahren hatte, dass auch 
im Oecupationsgebiete, nämlich in Bosnien und der Horzegovina 
eine mit dem Skerljevo identisch sein sollende endemische Krank¬ 
heit, nämlich der Frenjak herrsche, so entschloss ich mich, meine 
Iieise über die genannten Länder nach Dalmatien anzutreten. 

Die von mir auf meiner Reise gemachten Beobachtungen 
will ich in nachstehenden Zeilen veröffentlichen. 

Von dem hohen k. k. Ministerium des Innern mit entsprechen¬ 
den Empfehlungen ausgerüstet, trat ich am 17. October 1886 meine 
Studienreise an. Nur durch diese Empfehlungen und die nachdrück¬ 
liche Unterstützung, welche ich von der Landesregierung von Bosnien 
und der Herzegovina, sowie von allen k. k. und autonomen Be¬ 
hörden Dalmatiens erfuhr, war es mir möglich, in verhältniss- 
mässig kurzer Zeit eine grosse Anzahl von Skerljevo - Kranken 
und Skerljevo-Verdächtigen zu untersuchen. Ara 17. October trat 
ich meine Reise an und begab mich zunächst direct nach Sara¬ 
jevo, wo ich am 18. October Abends anlangte. Daselbst besuchte 
ich das Vak uv-Spital, in welchem mir von Herrn Primararzt 
Dr. Bayer vier Kranke vorgestellt wurden, welche an Frenjak i. e. 
Syphilis litten. Die Kranken waren zwei Männer und zwei Weiber. 

Fall 1. F. H., 30 Jahre alt, gibt an, seit drei Jahren krank zu sein. 
Ab ich den Kranken untersuchte, bemerkte ich, dass die rechte Tonsille 
Vierteljahresschrift f. Dermatol, u. Sypb. 1887. gO 


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▼. Zelssl. 


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vollständig fehlte. Dieselbe war durch einen Geschwürsprocess in circa 
14 Tagen vollständig zerstört worden and war, als ich den Kranken unter¬ 
suchte, in der rechten Tonsillamische ein unregelmässig zackiges, noch theil- 
weise speckig belegtes, aber unter der mereuriellen Frietionscur und der 
eingeschlagenen Localbehandlung sich reinigendes syphilitisches Geschwür 
nachweisbar. Sonstige Zeichen von Lues vermochte ich an diesem Kranken 
nicht nachzuweisen. Hingegen theilte mir Herr Dr. Bayer mit, dass auch 
die Frau dc6 in Rede stehenden Kranken wegen Syphilis in Privatbehand¬ 
lung stehe. 

Der zweite Fall betraf einen Mann von 24 Jahren. Derselbe gibt an 
seit einem Jahre krank zu sein. Die Angaben des Kranken lassen vermuthen, 
dass in diesem Falle ein uleerirender syphilitischer Primäraffect in der Urethra 
gesessen. Zur Zeit, als ich den Kranken untersuchte, fand ich die Uvula 
mächtig geschwellt, an ihrer rechten Seite etwas exulcerirt, das ganze 
Velum stark geröthet und gleich der Uvula geschwollen und vor derselben 
perforirt. An der hinteren Rachenwand fanden sich zahlreiche kleinere 
Geschwürchen. Der Kranke, bei dem Infiltration der linken Lungenspitze 
bestand, wurde mit gutem Erfolge einer Schmiercur unterzogen. 

Die beidon im Vacnvspitale nntergebrachten Weiber zeigten 
folgende Erscheinungen: Bei der einen fanden sich noch deutliche 
Pigmentreste an den Unterschenkeln, welche von einer abgeheilten 
Rupia syphilitica herrührten. Dieses Syphilid war unter der Anwen¬ 
dung der Schmiercur geschwunden. 

Die zweite Kranke zeigte am rochton grossen Labium eine hasel- 
nussgrosso syphilitische Initial Sklerose. Die Lymphdrüscn in beiden 
Inguinen waren multipel und indolent geschwellt und sassen auf den 
kleinen und grossen Labion zahlreiche zerfallende Papeln. 

Sowohl Herr Landossanitätsrath Dr. Unterlugauer als auch 
Primararzt Dr. Bayer und Regimentsarzt Dr. Valerian thcilten mir 
mit, dass namentlich vor der Occupation in Bosnien und der Herzogo- 
vina sowohl von türkischen Aerzten, als auch von Quacksalbern for- 
cirte Qucck8ilborcuren, namentlich Quecksilberräucherungen gegen 
Syphilis (Frenjak) ausgeführt wurden. 

Am 20. October fuhr ich über Tartschin nach Konitza. Daselbst 
stellte mir Herr Regimentsarzt Dr. Käuffer eine Frenjak-Krankc vor. 

Dieselbe heisst L. und soll nach ihrer Angabe noch nicht ganz 
30 Jahre alt sein. Sie selber gab an, dass sie bis zu ihrem 18. Jahre ge¬ 
sund gewesen. In ihrem 18. Lebensjahre entstand plötzlich eine Perforation 
des weichen und harten Gaumens. Diese Erscheinungen heilten uuter der 
Behandlung eines Geistlichen und eines türkischen Arztes. Welcher Art diese 


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,SkerIjevo.“ 


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Behandlung gewesen, vermag sie nicht zu sageu. Im Jahre 1878 ging sie 
ein Verhältnis« mit einem österreichischen Soldaten ein und gebar einen, 
gegenwärtig sieben Jahre alten Knaben, welcher sich bei der von mir vor- 
jenoinmenen Untersuchung als vollständig gesund erwies. Im Jahre 188 1 
traten bei der Mutter neuerliche Erscheinungen der Syphilis auf. Es erfolgte 
Zerstörung des knöchernen und knorpeligen Nasengerüstos. Bei der von mir 
vorgenommenen Untersuchung fand ich das Septum nasi abgängig und aus¬ 
gedehnte Perforation des weichen und harten Gaumens. Die letzte Erkran¬ 
kung im Jahre 1883 wurde durch die Behandlung des in Konitza damals 
anwesenden Regimentsarztes zum Stillstände gebracht. Ueher den Gesund¬ 
heitszustand ihrer Eltern vermag die L. keine Auskunft zu gehen. Eben¬ 
sowenig vermag sie es, mit Bestimmtheit zu sagen, oh schon vor ihrem 
b. Lebensjahre an ihr irgendwelche Erscheinungen der Syphilis von den 
Aerzten wahrgenommen worden seien. Wahrscheinlich ist cs, dass 
man es hei diesem Weibe mit Lues hcreditaria tarda zu 
tkun hatte. 

Donnerstag den 21. 7 a 7 Uhr Morgens brach icli von Konitza 
auf, um nach Mostar zu fahren. Um 10 Uhr Morgens traf ich in 
Jablonica ein, wo Herr Regimentsarzt Dr. Hermann die Güto hatte, 
mir eine Frenjak-Kranke vorzustellen. 

D. T. war 28 Jahre alt und Frau des Strassenräumers von Jablo¬ 
nica. Da dieselbe zur Zeit meiner Untersuchung an Gesichts-Erysipel litt, 
suchte ich sie in ihrer Wohnung auf. Dieselbe bestand aus einem Raume, 
welchen wir euphemistisch mit dem Namen Zimmer belegen wollen. Das¬ 
selbe war l 1 /, Klafter breit, 2 Klafter lang und 1 Klafter hoch. In der 
Mauer befand sich eine l 1 /, Schuh grosse Oeffnung, welche durch ein Fenster 
verschlossen war, das sich nicht öffnen liess. Die Lüftung der Wohnung 
konnte daher nur durch die Thüre geschehen. Irgend eine Heizvorrichtung 
fand sich in diesem mit Steinfliessen gepflasterten Raume nicht. Die Frau 
lag, in ihre schmutzigen Kleider gehüllt, mit einer sehr schmutzigen Kotze 
bedeckt, auf einer elenden Kukurutzstreu und theiltc ihre Wohnung mit 
ihrem Mann und zwei Kindern. Die Frau selbst zeigte ein ausgebreitetes 
charakteristisches zerfallendes, grossgummöses Syphilid an der rechten 
Gesässgegend und kleine Geschwürchen an der Schleimhaut der Nase. Von 
diesen letztgenannten Geschwürchen war das Erysipel ausgegangen. 

Diese zerfallenden Gummen an dem rechten Gesäss waren unter der 
vom Herrn Regimentsarzt Dr. Hermann eingeleiteten antiluetischen Cur 
in Heilung begriffen. Die Kranke theiltu mir und Herrn Regimentsarzt Dr. 
Hermann mit, dass ihr Mann niemals krank gewesen sei. Wie lang sie 
selbst krauk sei, vermochte sie nicht mit Sicherheit anzugehen. Glücklicher¬ 
weise kehrte zufällig der Mann nach Hause zurück, und vermochte ich daher 
auch ihn zu untersuchen. Derselbe gab an, niemals an seinem Genitale 

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v. ZeissL 


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krank gewesen zu sein. Ebenso behauptete er, dass er nie an einer Hals-, 
Rachen- oder Nasenaffection gelitten habe. Besonders hob er hervor, dass 
er sich niemals mehr habe schnäuzen müssen als wie ein anderer Mensch. 

Aber wie so oft, bewährte sich auch hier das alte und wahre Sprich¬ 
wort: „Quilibet Syphiliticus mendax“. Bei der Inspection der Mundhöhle 
zeigte es sich, dass der grösste Theil des Velum molle abgängig, und die 
Reste der rechten Hälfte des Velum molle an die hintere Rachenwand an- 
gelöthet waren. Die knöcherne Nasenscheidewand war in grosser Ausdehnung 
perforirt. Die knorpelige Nasenscheidewand war nur so weit zerstört, dass 
die Nase noch ihre äussere Form beibehalten konnte. An den Genitalien, sowie 
an dem übrigen Körper, war bei dem Manne nichts von Lues nachweisbar. 
Beide Kranke gaben an, dass sie weder von Aerzten noch von Curpfusehern 
behandelt worden seien. Die Frau hat ihrem Manne zwei Kinder geboren, 
von denen das ältere gegenwärtig sieben Jahre alt ist. Zur Zeit, als ich 
die Kinder untersuchte, zeigten dieselben keine Zeichen von Lues. Das sieben 
Jahre alte Mädchen, das schon die zweiten Schneidezähne trug, zeigte Ker¬ 
bung derselben. Herr Regimentsarzt Dr. Hermann hatte dieses Kind im 
Verlaufe des Winters 1886 von Geschwüren an der Zunge und an der 
Schleimhaut des harten Gaumens durch eine Jodbehandlung befreit. Die 
D. T. ist immer unregelmässig menstruirt und soll der Blutabgang immer 
sehr stark sein. Ueber den Zeitpunkt der Infection des Gatten sowohl als 
wie des Weibes, war nichts zu eruiren. Die im Nebenhause wohnenden 
Verwandten der Frau D. T. erwiesen sich bei der von mir vorgenommenen 
Untersuchung als gesund. 

Nach eintägigem Aufenthalte in Mostar traf ich am 23. October 
nach mehrstündiger Wagenfahrt in Libuski ein und untersuchte in 
Gegenwart des Herrn Bezirksamtes Dr. Wodynski die nachstehend 
angeführten Kranken. 

1. M. Katba, 18 Jahre alt, katholisch, ledig, gibt an, dass ihre Eltern 
bereits gestorben sind, und dass ihr über die Gesundheitsverhältnisse der¬ 
selben nichts bekannt sei. Als Kind soll sie nie krank gewesen sein. Die 
gegenwärtigen Krankheitserscheinungeu sollen sich allmälig seit ihrem 
15. Lebensjahre entwickelt haben. Die Uvula war abgängig, das Velum an 
die hintere Rachenwand angelöthet, so dass eine sehr beschränkte Communi- 
cation zwischen dem oberen und unteren Anthcile des Nasenrachenraumes 
besteht. Die Epiglottis war stark verdickt. Ein Theil der rechten Hälfte 
derselben fehlte und machte der Rest der Epiglottis den Eindruck, als wie 
wenn er von den Seiten zusaminengedrückt wäre. Er erschien starr, glänzend; 
gleichzeitig bestand eine Strictur des Larynx. Die Lymphdrüsen waren mul¬ 
tipel geschwellt. Sonstige Erscheinungen abgelaufener Lues, oder neue Erup¬ 
tionen derselben waren nicht nachweisbar. 


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2. P. Ivan, 23 Jahre alt. Derselbe gal) an. sich vor vier Jahren bei 
Aasübung eines Coitus inficirt zu haben. Als ich ihn untersuchte, konnte 
ich noch die Reste eines grossmaeulösen recidivircnden Syphilides wahrnohmen. 
Dr. Wodynski hatte wenige Wochen früher an demselben Kranken Papeln 
aru Scrotom und ad anum beobachtet. 

3. Hamid Omis, 18 Jahre alt, unverheiratet, gibt an, seit sechs Jahren 
krank zu sein. Der Krankheitsprocess begann, als er kaum das 12. Lebens¬ 
jahr vollendet hatte, an der Nase. Seine Eltern und Brüder verweigerten 
die Untersuchung, sollen aber nach Angabe des Kranken gesund sein. H. 0. 
selbst zeigt bei der von mir vorgenommenen Untersuchung folgenden Krank¬ 
heitszustand: Das knöcherne und knorpelige Nasengerüste, die knöcherne, 
knorpelige und häutige Nasenscheidewand, sowie ein Theil der Nasenflügel 
waren vollständig zerstört. Ich fand colossale Zerstörung der Innenfläche 
der rechten Wange, eines Theiles der rechten Ober- und Unterlippe in ihrer 
ganzen Dicke. Die Uvula war abgängig, und war die Innenfläche der rechten 
Wange fast in ihrer ganzen Ausdehnung in eine Geschwürsfläche umge¬ 
wandelt. Am Stamme und an den Extremitäten waren keine Erscheinungen 
der Lues zu sehen; hingegen konnte ich am Kranken multiple Lyinph- 
•irüsenschwellung nachweisen. Dr. Wo dyn ski hatte den Kranken schon einige 
Zeit einer antiluetischen Behandlung mit Jodkalium unterzogen und hatte 
"ich der Zustand des Kranken rapid gebessert. Kaum hatte der Kranke aber 
gesehen, dass die Heilung in kurzer Zeit erfolgen würde, entzog er sich 
auch schon der Behandlung und bot hei der von mir vorgenonnnenen Unter¬ 
suchung das oben erwähnte, erschreckende Bild dar. Die Ober- und Unter¬ 
lippe waren in ihrer rechten Hälfte so weit durch den Geschwürsprocess 
zerstört, dass die Zähne, vom oberen und unteren Schneidezahn der rechten 
Seite bis zum oberen und unteren zweiten Backenzahn der rechten Seite 
frei zu Tage lagen. 

4. N. Allia, 30 Jahre alt, Türke, ledig, wurde Herrn Dr. Wodynski 
und mir als Frenjak - krank vorgeführt. Derselbe litt an Caries und an 
zahlreichen Abscedirungen der Lymphdrüsen. Zeichen von Lues waren nicht 
vorhanden. 

5. M. G., 30 Jahre alt, Türke. Derselbe leugnet, sich je an den Ge- 
schlechtstheilen inficirt zu haben. Am Penis waren keinerlei Zeichen be¬ 
stellender oder abgelaufencr Geschwtirsprocesse nachweisbar. Der Kranke 
verbreitete einen furchtbaren Gestank aus der Nase. Die knorpelige und 
knöcherne Nasenscheidewand ist in grosser Ausdehnung perforirt. An der 
Zungeuschleimhaut fanden sich oberflächliche Geschwürchen und ist der 
Process an der Zunge und in der Nase im Weiterschreiten begriffen. Am 
Gesässe befinden sich zahlreiche Narben. Sein Weib und seine Kinder sollen 
gesund sein; eine Untersuchung derselben war nicht möglich. Der Kranke 
gab an, seit fünf Jahren verheiratet zu sein. Seine Eltern sollen ebenfalls 
gesund sein. Wann die zur Zeit, als ich ihn untersuchte, nachweisbaren 


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v. Zeiisl. 


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luetischen Erscheinungen begonnen hatten, vermochte der Kranke nicht 
anzugeben. 

6. J. S., 30 Jahre alt, Türke. Derselbe gibt an, seit 10 Jahren ver¬ 
heiratet zu sein. Er zeugte 4 Kinder. Die zwei ersten Kinder waren im 
Alter von 9 Monaten gestorben; woran ist nicht zu eruircn. Die zwei 
später geborenen Kinder, sowie seine Frau sollen gesund sein. Die gegen¬ 
wärtig bestehenden Krankheitserscheinungen sollen vor sechs Jahren be¬ 
gonnen haben. Am Genitale will er nie krank gewesen sein. Als ich ihn 
untersuchte, fand sich ein grossgummöses Syphilid an der Haut über dem 
rechten Schulterblatt, Narben in der Haut der Nasenspitze und fanden sich 
an der allgemeinen Bedeckung der Nase mehrere zerfallende Gummatu. 
Ebensolche waren auch an der Haut der rechten Schläfengegend nachweis¬ 
bar. Die Nasenschleimhaut war verdickt. Die Uvula sowie die Are. palatus 
pharyngei sind abgängig. Ein Rest der linken Velum-Hälfte ist an die 
hintere Rachenwand angclöthet. An der Schleimhaut des harten und an 
den Resten der Schleimhaut des weichen Gaumens fanden sich kleine, aus 
zerfallenden Gummen hervorgegangene Geschwüre. Der rechte Hode ist 
wesentlich vergrössert, schwer, und Hydrokelen-Flüssigkeit in mässiger 
Quantität nachweisbar. Es bestand Orchitis syphilitica dextra. 

7. M. Ibroc, 35 Jahre alt, unverheiratet, Türke, zeigt keinerlei Zei¬ 
chen von Lues, hingegen verkäsende.linksseitige Epididymitis. 

8. G. C., 41 Jahre alt, 11 Jahre verheiratet. Derselbe ist einst 
türkischer Soldat gewesen. Den jetzt an ihm sichtbaren Erkrankungs¬ 
erscheinungen ähnliche sollen seit zwei Jahren bestehen. Sein erstes Kind 
starb mit drei Monaten, das zweite ein ein halb Jahre alt, das dritte über¬ 
lebende Kind, welches zur Zeit, als ich es untersuchte, sieben Jahre zählte, 
erwies sich als anämisch und hatte häufige Fiebcranfälle (Intermittens). 
Die oberen und unteren Schneidezähnc (das Kind hatte bereits die Zähne 
gewechselt) waren gekerbt. Erscheinungen der Syphilis waren an dem Kinde 
nicht nachweisbar. Die Frau des G. C., eine Türkin, konnte natürlich nicht 
untersucht werden. Der G. C. selbst zeigt an seinem rechten Arme, an der 
allgemeinen Bedeckung desselben ein wohl charakterisirtes grossgummöses 
Syphilid. Sonstige Erscheinungen der Syphilis waren an ihm nicht nach¬ 
weisbar, nur an der Unterlippe fanden sich epitheliale Trübungen. 

9. F. F., 50 Jahre alt, ehemaliger türkischer Soldat, ist seit 25 Jahren 
mit zwei Frauen verheiratet. Er zeugte fünf Kinder. Zwei Knaben und zwei 
Mädchen sind am Leben. Ein zwei Jahre altes fünftes Kind starb an 
Diarrhöe. Die überlebenden Kinder, sowie die beiden Frauen sollen gesund 
sein. Vor 15 Jahren acquirirte der genannte F. F. ein Geschwür am Penis, 
welches alsbald von einem Ansschlage gefolgt wurde. Wegen dieser Er¬ 
krankung wurde er von türkischen Aerzten mit Quecksilberräucherungen 
und Jodkalium behandelt. Viel später — wann vermag er nicht genau an¬ 
zugeben — machten sich die jetzt an ihm bestehenden Erscheinungen 


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,SkerIjevo.“ 


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geltend. Es besteht nämlich eine ausgebreitete Perforation der Nasen¬ 
scheidewand; an der hinteren Hachenwand und dem einstigen Standorte 
der Tonsillen entsprechend finden sich aosgcbreitete Narben. Per Process 
ist gegenwärtig noch nicht abgelaufen. Am Penis fanden sich zwei lichter 
gefärbte Stellen. 

10. M. C. ist seit 30 Jahren verheiratet. Sein jüngstes Kind, welches 
jetzt 10 Jahre alt ist, ist gesund. Die älteste 2ö Jahre alte Tochter war 
bis zu ihrer Heirat gesund und wurde dann von ihrem Manne inficirt. 
Ausser diesen 2 Kindern hatte er noch 7 Kinder, welche er im Alter von 
i bis 10 Jahren verlor. An welchen Krankheiten vermag er nicht anzu¬ 
geben. Er selbst erkrankte im fünfzehnten Jahve seiner Ehe. Die Krank¬ 
heit zeigte sich angeblich zu gleicher Zeit am Genitale, am Munde und im 
Rachen. Er wurde damals angeblich durch längere Zeit mit Jodkalium be¬ 
handelt. Die gegenwärtig an ihm wahrnehmbaren Zeichen vorausgegangener 
und noch bestehender Syphilis sollen seit fünf Jahren, während welcher 
Zeit er sich verschiedenen aber niemals consequent fortgesetzten Behänd- 
lungsmethoden unteizog, bestehen. Er zeigt Narben, aus serpiginösen Ge¬ 
schwüren hervorgegangen am rechten Unterschenkel. Am linken Unter¬ 
schenkel finden sich pigmentirte Narben. Desgleichen Narben in der Haut 
über dem Ellbogen der linken oberen Extremität. Die linke Ulna ist in 
ihrem unteren Drittel doppelt so dick als die der anderen Seite. In der 
Haut des rechten Vorderarmes finden sich Narben nach serpiginösen Ge¬ 
schwüren. Die Cubitaldrüsen sind beiderseits geschwellt, ebenso die Maxil- 
lardrüsen und die Cervicaldrüsen. In der Mund- und Rachenhöhle sind 
keine Erscheinungen der Lues nachweisbar. 

Ausser diesen — deutliche Zeichen von Lues darbietenden Kran¬ 
ken — wurden mir in Törkenhäusern vier Personen als frenjakkrank 
vorgeführt, von welchen die eine an Tumor cerebri, zwei an Myelitis 
und das vierte Individuum, ein 64 Jahre altes Weib an einer links¬ 
seitigen Lähmung in Folge Apoplexie litten. Bei all diesen vier In¬ 
dividuen konnten nicht nur keinerlei Zeichen von Lues nachgewieseu 
werden, sondern erfuhren Dr. Wodynski und ich schon aus der 
Anamnese, dass die Kranken niemals irgendwelche Symptome der 
Syphilis dargeboten hatten. In dem vier Stunden von Libuski ent¬ 
fernten Caplina stellten sich noch drei Individuen am 24. October 
Morgens als frenjakkrank vor. Das eine derselben litt an malignem 
Lymphome, das zweite an Caries, das dritte Individuum 


H. A. V., 60 Jahre alt, erwies sich als syphilitisch. Er soll seit 
20 Jahren krank sein. Er inficirte sich in Folge eines unreinen Coitus am 
Penis. Ausser ausgebreiteten Zerstörungen der Nasenscheidewand waren 
keine Zeichen von Syphilis an ihm constatirbar. 


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v. Z e i s s I. 


Nachdem ich die hier angeführten Kranken untersucht hatte, 
reiste ich am 24. October mit dem Lloyd-Dampfer von Motkowitsch 
nach Spalato, von welch letztgenanntem Ort ich die Reise durch das 
dalmatinische Skerljevo-Gebiet antrat. Die jetzt in Dalmatien herr¬ 
schende Skerljevo-Endemie betrifft namentlich die Bezirke Spalato, 
Sinj und Knin. Im Bezirke Spalato finden sich Skerljevo-Kranke in 
den Gemeinden Muc und Almissa. Im Bezirke Sinj kommen verein¬ 
zelte Fälle im Orte Sinj selbst, dann in Lucane, Bitelic und Satric 
vor. Eine beträchtlichere Anzahl von Fällen findet sich in Potravlje 
und die zahlreichsten Fälle kommen in der zum Bezirke Sinj ge¬ 
hörigen Gemeinde Verlica vor, und zwar in den Orten Verlica, Kosore, 

V 

Civljane, Podosojo, Kievo, Maovice, Cetina, Jezevic, Garjak, Koljane, 
Otisic, Matkovine und Kukar. Im Bezirke Knin finden sich Skerljevi- 
tische, namentlich in den Orten: Vrbnik, Kovacic, Kniskopolje, 
Raljane, Markovac, Ridjane, Orlic, Sternica, Polaca, Biskupia, Makro- 
polje, Plavno, Zagrovic, Radusic, Ocestovo, Golubic, Biosif, Kadina 
glavica, Kanjane, Otavice, Baljke, Mirilovicpolje, Cavoglave, Kljake, 
Umljanovic, Mosec, Zitnic, Patrovoselo, Radonic, Mirilovic, Zajovir, 
Gradaz, Rusi6, Kriske, Oklai und Ciklak. ‘) 

Die ersten Skerljevo-Kranken fand ich in dem Orte Kressovo. 
welcher zur Gemeinde Almissa gehört. In Kressovo wurden mir 
mehrere Skerljevitische und deren Angehörige vorgestellt und zwar 
zwei Mädchen und fünf Männer. Die von mir in Kressovo Unter¬ 
suchten ergaben die folgenden Befunde: 

12. P. C. war 22 Jahre alt. Die Angaben über das Mädchen machte 
der sie begleitende Vater. Derselbe gibt an, dass sowohl er als seine Frau 
gesnnd seien, nur habe seine Frau wiederholt an Knochenschmerzen ge¬ 
litten. Sein erstes Kind sei die Herrn Dr. Kar am an und mir vorgestellte 
P. C. gewesen. Die nach dieser Tochter geborenen 6 Kinder sollen gesund 
sein. Zwei dieser nach der P. C. geborenen Kinder und zwar zwei Brüder 
von denen der eine um ein Jahr, der andere um zwei Jahre später geboren 
wurde, fand ich bei der von mir vorgenommenen Untersuchung gesund. 
Die vier anderen Geschwister konnte ich nicht untersuchen. Wie lange die 
P. C. selbst deutliche Symptome der Syphilis darbietet, vermochte ich nicht 
zu eruiren. Bei der von mir vorgenommenen Untersuchung zeigte sie zahl¬ 
reiche zerfallende Gummata der allgemeinen Bedeckung der Wangen und 
der Nase, eine grosse Perforation der knorpeligen und knöchernen Nasen- 

') Diese Angaben verdanke ich den Herren Bezirksärzten Dr. Sime- 
t i n und M al v i c h. 


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„Skcrljevo “ 


307 


Scheidewand und Perforation des weichen Gaumens. Pas Zäpfchen fehlte 
vollständig. Piese Kranke war bisher noch keinerlei Pohandlnng nnter- 
zogen worden, und war dieselbe wenige Tage, bevor Herr Pr. Kar am an 
und ich sie zu untersuchen Gelegenheit hatten, Oberhaupt zum ersten Male 
von einem Arzte, nämlich von dem Gemeindearzte untersucht worden. 

Beiläufig acht Tage vor meiner Ankunft in Kressovo waren die 
hier beschriebenen Kranken durch die Gendarmerie entdeckt worden. 
Hätte die Gendarmerie diese Kranken nicht eruirt, so wäre es den¬ 
selben durchaus nicht beigefallen, ärztliche Hilfe zu suchen und 
illustriren diese Fälle zur Genüge, wie durch die Indolenz der Be¬ 
völkerung gegen die Krankheit die Ausrottung derselben erschwert 
wird. Den Vater der P. C., welcher auf das energischeste versicherte, 
dass er niemals syphilitisch inficirt gewesen sei, untersuchte ich auf 
das genaueste. Thatsächlich zeigte er keinerlei Zeichen, welche auf 
Lues hätten gedeutet werden können. Bei der Inspicirung des Penis 
fand ich jedoch das Bändchen vollständig abgerissen und dort., wo 
sich dasselbe einst an die Vorhaut befestigt hatte, fand sich eine 
sehr deutliche Pigment-Atrophie, wie man eine solche namentlich an 
solchen Hautstellen zu finden pflegt, an welchen früher ein syphi¬ 
litischer Primäraffect gosessen hatte. Auf die Frage, wioso das Fre- 
nulum abgerissen sei, behauptete «der Vater der P., er habe sich 
diese Verletzung beim Aufspringen auf ein Pferd zugezogen. Nun 
wäre irgend eine andere Verletzung am Penis oder am Scrotnm beim 
Aufspringen auf ein Pferd ganz gut denkbar, aber ganz auszuschliessen 
ist, dass sich jemand heim Aufspringen auf ein Pferd so gewaltsam 
die Vorhaut hinter die Eichel zurückschiebt, dass er das Frenulum 
vollständig ahreisst. Und selbst, wenn man schon an einen derartigen 
Einriss des Frenulum glauben würde, so müsste man doch wohl 
nach 23 Jahren noch Beste desselben vorfinden können, besonders 
wenn der Kranke angibt, dass nach dem erfolgten Einriss keine 
Verschwärung stattgefunden hatte. Man muss daher in diesem Falle 
schliessen, dass obwohl der Vater der P. jede Infection läugnete, 
er doch vor der Zeugung der P. einen Geschwürsprocoss am Penis 
überstanden hatte, welcher das Bändchen zerstörte und welcher 
Syphilis nach sich zog. Dass nun das älteste Kind Syphilis ererbte, 
während die nachfolgenden Kinder gesund blieben, ist ja nichts Er¬ 
staunenswertes, indem wir es häufig sehen, dass syphilitische Eltern 
zunächst ein oder auch mehrere luetische Kinder zeugen nnd end- 


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308 v. Zeissl. 

lieh nachdem die Syphilis in ihnen vollständig erloschen, eine ge- 
snnde Nachkommenschaft in die Welt setzen. Ausser der P. C. 
wurde noch 

13. deren Onkel S. C. vorgestellt. Derselbe zeigte ein dicht ge¬ 
drängtes, sehr schön ausgehildetes, wohl charakterisirtes, theilweise in 
serpiginöse Geschwüre sich umwandelndcs grossgummöses Syphilid. Derselbe 
gab an, dass er schon vor seiner Verheiratung an Syphilis gelitten habe. 

14. Seine älteste Tochter J. C., 15 Jahre alt, soll nach der Angabe 
ihres Vaters bis zu ihrem 12. oder 14. Lebensjahre, genau weiss es der 
Vater nicht, gesund geblieben sein. 2—3 Jahre vor meiner Untersuchung 
soll an der allgemeinen Bedeckung des Mädchens ein Exanthem aufgetreten 
sein. Dieses Exanthem heilte an einzelnen Stellen ohne ärztliche Behand¬ 
lung mit Hinterlassung ausgebreiteter Narben, während an anderen Stellen 
neue Efflorescenzen auftraten. Dieses Exanthem zeigte sich in seiner frischen 
Eruption auf die Streckseite des linken Ober- und Vorderarmes localisirt 
und musste als grossgumraöses Syphilid angesprochen werden. Auf der Beuge¬ 
seite der obereu linken Extremität hatte sich an der Stelle der früher be¬ 
standenen zerfallenden Gummen eine Narbe gebildet, welche durch ihre 
Schrumpfung eine Beugung des linken Armes im Ellbogengelenke fast bis 
zu einem spitzen Winkel veranlasste. Veränderungen der das Ellbogen¬ 
gelenk constituirenden Knochenenden konnte ich nicht constatiren. Die 
jüngeren Geschwister dieser J. C. hatte der Gemeindearzt für gesund 
erklärt. 

15. Ein dritter Bruder des zuerst erwähnten S. C., welcher unver- 
verheiratet und 42 Jahre alt war, gab an, schon seit langer Zeit in Folge 
eines unreinen Beischlafes syphilitisch und niemals längere Zeit antiluetisch 
behandelt worden zu sein. Als ich ihn untersuchte, war er mit einem 
ausgebreiteten grossguminösen Syphilide, welches auf die Haut des Stam¬ 
mes und die Haut der Extremitäten localisirt war, behaftet. 

Nachdem ich diese Kranken nntersneht hatte, kehrte ich mit 
Herrn Bezirksarzt Dr. Karaman nach Sinj zurück, um am anderen 
Morgen mit Herrn Bezirksarzt Dr. Malvich die Skerljevo-Visite in 
den Orten Verlika und Kievo mitzumachen. In Verlika untersuchte 
ich in Gegenwart des Herrn Dr. Malvich und des Gemeinde¬ 
arztes Dr. Skrivanic 23 Männer, 23 Weiber und 5 Kinder, in toto 
51 Personen, welche am sogenannten Skerljevo litten und ausserdem 
10 gesunde Angehörige dieser Skerljevitischen. Alle diese Personen 
zeigten entweder deutliche Zeichen abgelaufener Syphilis oder be¬ 
standen frische Erscheinungen derselben, welche der sogenannten 
gummösen Periode der Syphilis angehörten. Alle diese Kranken 
zeigten entweder ausgeheilte oder in Heilung begriffene oder im 


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,Sker!jevo.“ 


309 


Portschreiten begriffene Gummata. Bei den älteren Individuen war 
die Syphilis acquirirt worden, die jugendlichen Individuen hatten 
dieselbe von ihren Eltern ererbt. Alle in Verlika von mir unter¬ 
suchten Personen zeigten thoils grössere, theils geringere Defccte des 
weichen und harten Gaumens, Perforation der knöchernen und knor¬ 
peligen Nasenscheidewand sowie ein Theil der Kranken totale Zer¬ 
störung der Nase darbot. In einem Falle fand sich bei einem Weibe 
ein Gumma der Mamma. Ausser Erkrankungen der Gesichtsknochen 
konnte ich an diesen 51 Syphiliskranken nur an einem Individuum 
Erkrankung der Röhrenknochen nachweisen, und zwar bei einem 
Knaben von sieben Jahren. 

Derselbe heisst S. Ij. (Fall 16). Er trug Gummata in der Haut über 
dem rechten Schulterblatt, es bestand linksseitige Gonitis, rechtsseitige 
Periostitis der Tibia und Periostitis des rechten Seitenwandbeines. 

Die Mutter des Knaben zeigte ebenfalls Zeichen gummöser Lues; leider 
konnte nicht eruirt werden, ob die Mutter schon zur Zeit der Geburt des Kindes 
Zeichen der gummösen Syphilis darbot. Erwähnen will ich von diesen 5t 
Fällen noch eine Frau, Namens B. Maria Z. (Fall 17). Dieselbe zeigte Zer¬ 
störung des Velum, Geschwüre an der hinteren Rachenwand und ein aus¬ 
gebreitetes gummöses Syphilid ain Stamme, das Kind, welches sie säugte, 
erwies sich zur Zeit als ich es untersuchte, gesund. 

Von den in Verlika untersuchten Skerljevo-Kranken hatte ein 
Mann neben seiner Syphilis Scabies, ein Knabe litt an Prurigo und 
ein 70 Jahre alter Mann an Pruritus senilis. 

Am Donnerstag den 28. October untersuchte ich in Kievo 33 
Personen. Von diesen litten 24 Personen am sogenannten Skerljevo, 
9 waren gesunde Angehörige der Skerljevitischen. Von den 24 Per¬ 
sonen waren zur Zeit, als ich sie untersuchte, 11 insoferne gesund, 
als sich an ihnen nur abgelaufene Syphilis aber keine frischen 
Eruptionen constatiren Hessen. 14 zeigten schwerere oder leichtere 
Erscheinungen der gummösen Periode der Syphilis. Auch bei allen 
in Kievo untersuchten Kranken betrafen die luetischen Erscheinungen 
die Mundhöhle und den Rachen, den Nasenrachenraum und die 
Nase. Erkrankungen der Gelenke und der Knochen konnte ich auch 
hier nur in sehr wenig Fällen constatiren. 

Ein Weib zeigte bei gleichzeitiger Perforation der Nase Nekrose 
des Stirnbeines. 

Bei einem 40 Jahre alten Weibe (Fall 18), welches im innern obern 
Quadranten der linken Mamma ein Hautgumma trug, fand sich am linken 


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310 


▼. Z c i s 9 1. 


Unterschenkel ein Fistelgang, welcher in der Höhe der Spina tibiae be¬ 
ginnend gegen die Patella hinführte. Diese fühlte sich mit der Sonde 
untersucht allenthalben glatt an. Ballotement der Patella war nicht nach¬ 
weisbar und vermochte ich mit der Sonde nicht in das Gelenk zu dringen. 
Die Kranke behauptete, dass sie noch nie früher behandelt worden war. Sie 
stand zur Zeit ihrer Untersuchung im 40. Lebensjahre und will die Krank¬ 
heit von ihrer Mutter geerbt haben. Die ersten Krankheitserscheinungen 
sollen in ihrem 10. Lebensjahre aufgetreten sein. Damals erfolgte Spontan¬ 
heilung. Die jetzt geschilderten Erscheinungen sollen seit einem Monate 
bestehen. Sie gebar drei Kinder, von denen das eine mit 11 Monat, das 
andere mit einem Jahr und das letzte mit drei Jahren starb. Der Mann 
soll angeblich gesund sein. 

Von Kiovo begab ich mich nach Knin. 

In Knin selbst stellten sich mehrere Personen vor, welche 
siimmtlich der gummösen Periode der Syphilis ungehörige Erschei¬ 
nungen zeigten. Auch bei diesen Skerljevitischen betraf die Erkran¬ 
kung zumeist die allgemeine Bedeckung, sowie die Schleimhaut der 
Mund-, Rachen- und Nasenhöhle. 

Erwähnenswerth sind zwei Fälle, welche eine Mutter und ihre 
Tochter betrafen. 

Die Mutter (Fall 19) G. Z. zeigte eine durch Syphilis verursachte 
Narbe der hinteren Rachen wand. Die Tochter erkrankte in ihrem fünfzehn¬ 
ten Lebensjahre und bot eine Perforation der knöchernen und häutigen 
Nasenscheidewand sowie des harten Gaumens dar. Bei der von mir vorge¬ 
nommenen Untersuchung erwiesen sich sowohl Mutter als Tochter als ge¬ 
heilt. Leider war nicht mit Sicherheit zu eruiren, in welchem Gesundheits¬ 
zustände sich Vater und Mutter des Mädchens zur Zeit der Zeugung des¬ 
selben befanden. 

Von Knin begab ich mich zunächst nach Vrbnik. Daselbst 
sollte nämlich ein Skerljevitischer im Sterben liegen. Thatsächlich 
fand ich daselbst in einer elenden Hütte 

(Fall 20) einen 44jährigcn Mann S. N. Derselbe zeigte ausgebreitete 
Narben an der allgemeinen Bedeckung des Stammes und der Extremitäten, 
vollständige Zerstörung des weichen und eines grossen Theiles des harten 
Gaumens und vollständigen Verlust der Nase. Die hintere Rachenwand 
zeigt weisse, strahlige Narben. Die Lider des linken Auges sind vollständig 
unter einander verwachsen, der bewegliche Bulbus atrophisch. Der luetische 
Process ist zur Zeit der von mir vorgenommenen Untersuchung vollständig 
abgeschlossen gewesen. Der Kranke gab an, dass er in seinem 14. Lebens¬ 
jahre an Lues erkrankt sei. Nach kürzeren und längeren Intervallen traten 


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^Skerljevo “ 


311 


immer wieder Recidiven der Syphilis auf. Das letzte Recidiv soll an ihm 
am 22. Juli 1885 constatirt worden sein. Er wurde am 30. August 1885 
in das Krankenhaus in Sebenico aufgenommen und von dort nach 18tägiger 
Behandlung am 17. October geheilt entlassen. Als ich ihn untersuchte, 
waren ausgebreitete Cavernenbildungen, namentlich der linken Lunge nach¬ 
weisbar, und d&rfte der Kranke jetzt schon seiner Lungenphthisis erlegen sein. 
Seine Frau und seine zwei Kinder, von denen das ältere ein Mädchen von 
14 Jahren war, fand ich gesund und sehen alle drei Personen blühend aus. 
Auch der jüngere Bruder des S. N. war gesund. Hingegen. litt die Frau 
desselben, also die Schwägerin des S. N. in früheren Jahren an Lues. Es 
fanden sich nämlich bei dieser ausgebreitete Narben an der Schleimhaut 
des weichen und harten Gaumens, sowie an der hinteren Rachenwand. Die 
Frau hatte acht Kinder geboren, welche alle kurze Zeit nach der Geburt 
starben. Wie und wann sie Syphilis acquirirte war nicht eruirbar. 

Von Vrbnik fuhr ich zunächst nach Zujenak am Amselfelde, 
wo sich 14 Personen mit sogonanntom Skerljevo behaftet vorstellten, 
die alle an Lues litten. Am Samstag, den 30. October hatte ich Gele¬ 
genheit in Ponte di Gradaz 21 Skorljevitische zu untersuchen. Von diesen 
boten einzelne Fälle einiges Interesse, und will ich dieselben etwas 
ausführlicher mittheilen. 

Eine Frau, welche sich als skerljevoverdächtig vorstellte, war die 
T. M. Dieselbe war 40 Jahre alt; sie behauptete immer gesund gewesen 
zu sein. Sie hatte mit 22 Jahren geheiratet und im vierten Jahre ihrer Ehe 
ihr erstes und einziges Kind geboren. Die Periode soll immer regelmässig 
gewesen sein. Die T. M. gab an, dass sowohl sie als ihr Gatte gesund ge¬ 
wesen und niemals an Syphilis gelitten hätten. Der Mann, der verreist 
war, konnte nicht untersucht werden. An der Frau selbst konnte ich that- 
Ȋchlich keine Zeichen der Lues wahrnehmen. Ihre Tochter S. A. hingegen, 
welche 14 Jahre alt war, erwies sich als schwer syphilitisch. Wie die Sy¬ 
philis bei dem Kinde begonnen und wann die ersten Erscheinungen der¬ 
selben bei dem Kinde deutlich sichtbar wurden, vermag die Mutter nicht 
anzugeben. Das Mädchen zeigte eine grosse Perforationslücke des weichen 
und harten Gaumens. Spärliche Reste des Gaumensegels sind an die hintere 
Kachenwand angelöthct. Die Geschwüre an der hinteren Rachenwand 
reichten hoch hinauf, fast bis an die Schädelbasis. 

Die Nase ist eingesunken, das knorpelige und knöcherne Septum 
fehlen, die Nasenbeine sowie das häutige Septum sind erhalten. Von der 
Mitte des linken Oberarmes bis zur Mitte des linken Vorderarmes findet 
inan an der Streckseite der genannten Extremität serpiginöse, aus zerfal¬ 
lenden Gummen hervorgegangene Geschwüre. An der Beugeseite fand sich 
von der Mitte des linken Oberarmes bis zur Mitte des linken Vorderarmes 
reichend, eine stringirende Narbe, welche — ähnlich wie bei der Kranken 


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312 


v. Zeissl. 


in Kreschowo — den Vorderarm zum Oberarm im spitzen Winkel beugte 
und die Streckung vollkommen verhinderte. Die coinplete Beugung 
im Ellbogengelenke der linken Seite ist möglich. Eine Veränderung der 
das Ellbogengelenk constituirenden Knochen konnte ich nicht wahr¬ 
nehmen. Das rechte Kniegelenk erwies sich als geschwellt, die Vertie¬ 
fung auf beiden Seiten der Patella war vollständig geschwunden. Die 
Patella ballotirte deutlich. Die Kranke empfand beim Drucke auf das Knie¬ 
gelenk keinen Schmerz und geht auf einen Stock gestützt relativ gut. Die 
linke Tibia war in ihrer Mitte etwas verdickt. Die Kranke stellte sich das 
erste Mal in Ponte di Gradaz vor und wurde zur Aufnahme in das Spital 
nach Sebencio gesendet. Sehr wahrscheinlich war in diesem Falle die Er¬ 
krankung des rechten Kniegelenkes durch Syphilis bedingt. In welcher 
Weise die Kranke die Syphilis acquirirt hatte, ist bei dem Umstande, als 
der Vater nicht untersucht werden konnte, nicht mit Sicherheit anzugeben, 
jedoch ist es mit der grössten Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass auch 
in diesem Falle hereditäre Syphilis vorlag. 

Alle diese 21 Kranken, welche an sogenanntem Skerljevo lei¬ 
den sollten, hatten sich als syphilitisch erwiesen. Ein Kranker, der 
glaubte, dass er ebenfalls an Syphilis leide, war mit einer Fistula ani 
behaftet, zeigte aber keinerlei Erscheinungen, welche hätten auf Lues 
gedeutet werden können. 

In Dernis stellten sich 7 — angeblich skerljevitische Krauke — 
vor. Von diesen waren 6 thatsächlich mit Skerljevo, i. e. Syphilis, be¬ 
haftet, während ein Kranker an Epithelial-Carcinom der Nase litt. 
Einiges Intcresso boten die Angaben eines Mannes, welcher sich mit 
seinen zwei syphilitischen Kindern vorstcllto. 

Der Manu (Fall 22) hiess A. D., ist 46 Jahre alt und wohnt in Bi- 
jocic, er hat drei Kinder, sein ältester Solm dient gegenwärtig in der k. k. 
Armee, sein zweites Kind ist die mir vorgestellte 18jährige Tochter, sein 
dritter Sprössling, der mir vorgcstcllte 13jährige Sohn. Seine Frau soll 
angeblich gesund sein. Der A. D. gab an, dass er nach der Geburt seines 
ältesten gesunden Sohnes sich — während seine Frau noch im Wochenbette 
lag — syphilitisch inficirte, und dass er damals ein Geschwür an seinem 
Penis beobachtete. Wegen seiner Syphilis wurde er von einem Empiriker 
behandelt. Seine nach dieser Behandlung gezeugte 18jährige Tochter, sowie 
der zweite 13 Jahre alte Sohn, erbten die Syphilis ihres Vaters. In welchem 
Lebensjahre der Kinder die ersten Erscheinungen der Syphilis an denselben 
auftraten, vermag er nicht anzugeben. Doch behauptet er, dass beide Kinder 
in den ersten Lebensjahren gesund gewesen wären. Das Mädchen zeigte 
eine vollständige Zerstörung des weichen Gaumens, von dem nur einige 
spärliche Beste an die hintere Bachenwand angelöthet waren. Der Knabe 


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,SkerijeTO.“ 


313 


zeigte eine Perforation der Nasenscheidewand und Verlust der Uvula. Der¬ 
selbe war erst sechs Wochen früher nach viernionatlichcr Behandlung aus 
dem Krankenhause zu Sebenico entlassen worden. Zur Zeit als ich den 
Knaben untersuchte, schien der Process abgeschlossen. Die Narben waren 
-ehr blass, und keine neue Eruption naehweisbar. 

Im Krankenhausc zu Scbeuico selbst fand ich acht Weiber und 
fünf Männer, welche an sogenanntem Skerljevo litten. 

Alle zeigten deutliche charakteristische Zeichen der Lues, welche 
sich in Form von Gummen auf der allgemeinen Bedeckung oder auf 
der Schleimhaut der Naso und des Rachens ausprägten. Von Sebe¬ 
nico begab ich mich nach Zara und von dort nach Fiume, woselbst 
ich im Krankenhause auf der Abtheilung des Primararztes Herrn Dr. 
Grossich eine mit Lupus vulgaris behaftete Kranke vorfand. Wie 
mir die Herren Primarärzte Dr. Catti und Dr. Gros sich mit¬ 
theilten, war dieso Kranke schon früher von anderen Aerzten be¬ 
handelt worden. Da man damals die unrichtige Diagnose Skerljevo 
i. e. Syphilis gestellt hatte, war die Kranke wiederholt aber ohne 
jedweden Erfolg einer antiluetischen Behandlung unterzogen worden. 
Des Interesses halber begab ich mich noch nach Bukari, um diesen 
Ort des einstigen kroatischen Skerljevogebietes kennen zu lernen. 

Auf meiner Reise durch die genannten Länder hatte ich Gele¬ 
genheit 171 Personen zu untersuchen, welche am sogenannten Skerl¬ 
jevo leiden sollten. 82 Männer und 83 Weiber orwiesen sich syphi¬ 
litisch, während die restirendon 6 Personen theils chronische mit 
Geschwürsbildung, theils ohne eine solche cinhorgohendc Erkran¬ 
kungen nicht syphilitischer Natur zeigten. In allen diesen Fällen 
war von den dortigen Aerzten, welche die Kranken untersucht hatten, 
wie ich ausdrücklich constatiren muss, die richtige Diagnose ge¬ 
stellt worden. Dieso grosso Anzahl von Kranken, welche ich zu 
untersuchen Gelegenheit hatte, hat mich gelehrt, dass mit dem 
Namen Frenjak oder Frenga und Skerljevo keinerlei neue oder wenig 
gekannte Erkrankungsformen bezeichnet werden, sondern dass es sich, 
wie schon weiland v. Sigmund constatirt hatte und auch alle Col- 
legen, die ich in Dalmatien, der Horzegovina und Bosnien zu sprechen 
Gelegenheit hatte, mit Sicherheit aussprechen, bei Skerljevo und 
Frenjak um nichts anderes als wie um Syphilis handelt, und zwar 
theils um acquirirte, theils um ererbte Syphilis. Leicht zu begreifen 
ist es, dass namentlich von den Laien in früheren Jahrzehnten, zu- 


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y. Zeissl. 


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weilen aber auch von weniger geschulten Aerzten Erkrankungspro- 
cessc, welche leicht mit Syphilis verwechselt werden können, wie 
Tuborculose der Zunge, Lupus vulgaris und Krebs, hie und da eben¬ 
falls für Skerljevo gehalten werden mochten. 

Wie ist es nun zu motiviren, dass Frcnjak und Skerljevo als 
Syphilis aufzufassen sind. In allen den zahlreichen Fällen von Skerl¬ 
jevo und Frenjak, die ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, handelte 
es sich um solche Krankheitserscheinungen, welche sowohl in ihrem 
äusseren Aussehen, als in ihrem Verlaufe alle charakteristischen 
Merkmale derjenigen Krankheit an sich trugen, welche allgemein als 
Syphilis bezeichnet wird. Und zwar handelte cs sich in der über¬ 
wiegenden Majorität der Fälle um zerfallende Gummata i. c. soge¬ 
nannte tertiäre Syphilis. Unter den 171 erwähnten Kranken fanden 
sich nur drei, welche Erscheinungen der sogenannten condylomatösen 
oder nach Ricord der secundären Periode der Syphilis darboten. 
Zwei Kranke, welche Erscheinungen der condylomatösen Periode der 
Syphilis darboten, befanden sich im Vakuv-Spitale zu Serajewo. In 
einem Falle handelte es sich, wie schon erwähnt, um ein Weib, 
welches eine sogenannte Rupia syphilitica, wolchc beträchtliche 
Pigmentflecko zurückliess, zeigte, während das zweite Weib am 
rechten grossen Labium einen zerfallenden syphilitischen Primär- 
affect und an beiden grossen und kleinen Labien zahlreiche zerfal¬ 
lende Papeln und indolente Leistendrüsenschwollungen zeigte. Einen 
dritten Kranken, welcher ebenfalls Symptome sogeuamiter sccundäror 
Lues darbot, und zwar nässende Papeln am Scrotum, fand ich in 
Libuski. Allo anderen Kranken, welche ich zu untersuchen Gelegen¬ 
heit hatte, boten gummöso Affoctioncn der Nase, des Nasenrachen¬ 
raumes, des Kehlkopfes, oder der allgemeinen Bedeckung des Stam¬ 
mes, des Kopfes, des Gesichtes und der Extremitäten dar. Relativ 
seltenor war das Knochengerüste von der Syphilis i. e. Skerljevo er¬ 
griffen. Erkrankungen der Brust- oder Baucheiugeweide oder Er¬ 
krankungen dos centralen Nervensystems oder der Sinnesorgane in 
Folge der in Rede stehenden Krankheit hatte ich unter diesen 171 
Kranken nicht zu finden Gelegenheit. Wie erwähnt boten fast alle 
diese Kranken theils frische, theils abgelaufeno Procosse der soge¬ 
nannten gummösen Periode der Syphilis dar. 

Die Diagnose auf Syphilis müsste aus folgenden Gründen ge¬ 
stellt werden: 


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^kerljevo.' 


315 


Die an der allgemeinen Bedeckung des Körpers vorhandenen 
Hantefflorescenzen charakterisirten sich dadurch, dass sie theils 
grössere theils kleinere Knoten waren, welche, wenn sie sich als 
grössere Knoten darstellten, vom subcutanen Zellgewebe ausgingen. 
Diese Knoten vergrösserten sich allmälig und schmerzten wenig auf an¬ 
gebrachten Druck. So lange die Knötchen verschiebbar sind, zeigt 
die darüber liegende Hautstelle keine sichtbaro Veränderung. Mit dem 
allinäligen Wachsthum des Knötchens verlöthet sich dasselbe endlich 
mit der darüberliegendon Haut, welche kupferroth oder lividblau ge¬ 
färbt wird. Allmälig kommt es zu centralem Zerfall, und erfolgt 
Durchbruch der Haut an einer oder mehreren Stellen, jo nachdem ob 
• in isolirter Knoten oder mehrere confluirende Knoten Vorlagen. 

Aus diesen Knoten entwickelten sich meist nierenförmige Ge¬ 
schwüre, welche die Tendenz zum Weiterschreiten zeigten. Diese 
Knoten in der Haut, welche zu einer so rapiden und langandauern¬ 
den Geschwürsbildung geführt hatten, zeichneten sich noch, wie wir 
•las bei Syphilis gewöhnlich finden, durch fast ganz schmerzlose Ent¬ 
wickelung aus. Was die kleinen, vom Cutisgewebe selbst ausgehenden 
Knoten anlangt, so kamen dieselben, wie wir das zu sehen gewohnt 
sind, meist mit den grösseren Knoten combinirt an einem und dem¬ 
selben Individuum vor. In einzelnen seltenen Fällen fanden sich aber 
an den untersuchten Individuen nur solche kleinere, rothbraun ge¬ 
färbte, scharf umschriebene Efflorescenzen vor, welche in schlangen- 
förmigen, kreisförmige Linien bildenden, oder in scheibenförmigen 
Gruppen beisammen standen. Auch diose kleineren Knoten zoigten die 
Tendenz zum Zerfall. Unter dio sie bedeckende glänzende Epidermidal- 
deeke wird eine geringe Menge seröser, trüber Flüssigkeit ergossen, 
welche mit der abgehobenen Epidermis zu einer Schuppenkruste er¬ 
starrt. Dadurch wird die Oberfläche des Knotens abgeplattet. Entfernt 
man diese Schuppenkruste, so erscheint der Knoten an seiner Oberfläche 
glänzender, und tritt neuerlich viscide Flüssigkeit aus, welche zu einer 
dünnen Kruste vertrocknet, unter welcher allmälig ein in die Cutis eindrin¬ 
gendes Geschwür entsteht, welches dem Umfang des ehemaligen Haut¬ 
knotens entspricht. So lange der Zerfall andauert, ist die Kruste 
leicht abhebbar. Sobald der Zerfall aufhört, wird dio Kruste derber, 
fester, adhärenter und fällt endlich ab, und hinterlässt eine dunkelbraune, 
pigmentirte deprimirte Hautstelle. Diese knotenförmigen Geschwülste 
muss ich nach ihrem Aussehen und nach ihrem Verlaufe, und bei 

Vicrlcljalircssclirifl f. Deriualol. u. Syph. 1887. 21 


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316 


▼. Zcissl. 


dem weiteren Umstande, dass dieselben in der Regel symmetrisch auf 
beiden Körperseiten angeorduet waren, und von anderen deutlichen 
Zeichen von Syphilis begleitet wurden, als grossgummöse und als 
kleinguramöse Syphilide bezeichnen. 

Was die Zerstörungen an der Schleimhaut des weichen Gaumens, 
an der hinteren Rachenwand und an der Nase betrifft, so konnte man 
hiebei nur an vier Krankheitsprocesse denken, und zwar an Krebs, 
an Rhinosklerom, an Lupus und an Syphilis. Bei dem Umstande, dass 
die Erkrankung meistcntheils jugendliche Individuen betraf, bei wel¬ 
chen Krebs überhaupt selten vorkommt, bei dem Umstande, dass di«* 
Processe, so weit sie die Zunge, den weichen Gaumen, die Nase, di«* 
hintere Rachenwand etc. betrafen, vollständig schmerzlos verliefen, 
bei dem weiteren Umstande, dass der Krebs niemals in so kurzer 
Zeit so colossalc Substanzverluste setzt, wie sie bei den in Rede 
stehenden Kranken sich vorfanden, musste man mit um so grösserer 
Sicherheit die Krebserkrankung ausschliessen, als deren Geschwüre 
niemals von selbst heilen, während die Geschwüre, welche in Folge des 
sogenannten Skcrljevo Vorkommen, Tendenz zur Spontanheilung zeigen. 

Was das Rhinosklerom — eine erst in neuester Zeit genauer 
studirte, (durch einen ihm eigenthümlichen Mikroorganismus bedingte) 
Erkrankung — anlangt, so konnte man auch an diese Krankheit 
nicht denken. Diese Krankheit tritt so selten auf, dass man in den 
grossen Krankenhäusern Wiens im Verlaufe eines Jahres nur zwei bis 
drei Fälle zu sehen Gelegenheit hat; ausserdem stammte die Mehr¬ 
zahl der mit dieser Krankheit behafteten Individuen entweder aus 
der österreichischen Provinz Galizien oder aus Russisch-Polen, wäh¬ 
rend der geringere Contingent dieser Kranken aus anderen österrei¬ 
chischen Provinzen stammte. Ebenso kommt diese Krankheit hie und da 
in Brasilien, sowie in der spanischen Provinz Galicien vor. Diese Krank¬ 
heit charakterisirt sich dadurch, dass in der Regel zunächst die Nase, 
und zwar die Nasenflügel oder die Naseuscheidewaud ergriffen werden. 
Der Process pflegt dann auf die Ober- in seltenen Fällen auch auf 
die Haut der Unterlippe überzugreifen. Gleichzeitig pflegt auch die 
Schleimhaut der Nase, der Mund- und Rachenhöhle von dem Krank¬ 
heitsprocesse betroffen zu werden. 

Die Nase bekommt eine oigenthümliche, sehr beträchtlich harte Con- 
sistenz so «lass man di«* Empfindung hat. als wenn die häutigen Nasenge¬ 
bilde aus Elfenbein gefertigt, wären, so hart, starr und unbeweglich fühlen 




Go« *gle 


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„Skerljevo.“ 


317 


sie sich an. Durch fortschreitende Verdickung wachsen die Nasen¬ 
gebilde auch nach innen und auf einander zu, so dass der Nasen¬ 
eingang verengt und endlich vollständig verlegt wird. Während aber 
bei Skerljevo d. i. Syphilis der rasche Zerfall die Regel ist, ist bis¬ 
her in der ganzen Literatur ein einziger von H. v. Zeissl beobach¬ 
teter und von mir genauer beschriebener Fall verzeichnet, in welchem 
das Rhinosklerom in beträchtlicher Weise ulcerirte. In der Regel 
kommt es bei Rhinosklerom selbst während auf vielo Jahre sich er- 
-tmkendem Verlaufe niemals zur Ulceration oder zu irgend einer der 
retrograden Metamorphose angehörigen Veränderung. Höchstens kommt 
•'s stellenweise zu flacher Excoriation, sehr selten zu weicherer Con- 
jistenz. Der Gaumenbogen erscheint narbig glänzend, oft als starrer 
Strang, und kommt es im Verlaufe der Zeit oft zu einem vollständigen 
Verschwinden des Gaumensegels und zur Verlöthung desselben mit 
der hinteren Rachenwand ähnlich wio bei der Syphilis. Es entstehen 
auch bei dem Rhinosklerom an der Schleimhaut linsen- bis pfennig- 
crosse aber immer nur ganz flache Erosionen des Velum,.die ähnlich 
wie syphilitische Geschwüre aussehon, aber nie wie diese einen Entzün¬ 
dung«- oder Infiltrationsdamm zeigen, und sich niemals zu tieferen Ge¬ 
schwüren umbilden. In seltenon Fällen kommt es zur Durchlöcherung 
des Gaumensegels. Die ausserordentliche Härte, das nahezu vollstän¬ 
dige Ausbleibeu von Erweichung und Ulceration, der Umstand, dass 
sich diese Erkrankung gegen Insulte indifferent verhält, und dass 
gegen diese Krankheit jedwede antisyphilitischo Behandlung erfolglos 
bleibt, sichert vom klinischen Standpunkte aus uns schon genügend, 
dass wir es bei der Skerljevo nicht mit dem selten vorkommenden 
Rhinosklerom zu thun haben. Bemerken will ich noch, dass bei allen 
Kranken, die ich in Dalmatien sah, man nur bei einer einzigen, 
welche sich in Verlica vorstellte, im ersten Momente an Rhinosklerom 
denken konnte, weil sich bei dieser Kranken die Nase etwas härter 
anfühlte. Bei genauer Untersuchung zeigte sich diese Härte aber 
durch eine Narbe, welche ein vorausgegangencr syphilitischer Ge- 
schwürsprocess an der Nase hervorgerufen hatte, bedingt. 

Was den Lupus vulgaris anlangt, so kann dieser thatsächlieh 
zur Verwechslung mit Syphilis und in Folge dessen auch mit der 
•Skerljevo Veranlassung geben. Der Lupus vulgaris wird auch that- 
siichlich und wurde, wie schon seiner Zeit v. Sigmund, als er das 
Skerljevogobiet bereiste, angab, hie und da mit Skerljevo verwechselt. 

21 * 


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318 


v. Zeis&L 


Ein jeder Syphilodologe muss zugeben, dass es Fälle gibt, in 
welchen er sich erst nach längerer Beobachtnngszeit aassprechen kann, 
ob er es mit Syphilis oder mit Lnpns vulgaris za than habe. 

Bei einiger Konntniss der Hautkrankheiten und der Syphilis 
wird man aber die Differontialdiagnose gar bald mit Sicherheit stellen 
können. 1. Wird die Differentialdiagnose, wenn es sich um Erkran¬ 
kung der Nase an Lupus oder Syphilis handelt, namentlich dadurch 
wesentlich erleichtert, dass bei der Syphilis die Zerstörung in der 
Kegel von dem Innern der Nase, vom knorpeligen oder knöchernen 
Nasengerüste ausgehend, diesos zerstörend und nach aussen fort¬ 
schreitend, erst später die Nasenflügel und die Nasenspitze ergreift. 
Der Lupus hingegen schreitet in der Kegel von der häutigen Be¬ 
deckung der Nase ausgehend vor, und erst dann, wenn die Nasenflügel, 
die Nasenspitze und das Septum cutaneum verloren gegangen sind, 
wird auch das knorpelige Nasengorüste ergriffen. Ausserdem ist noch 
zu erwäluien, dass während bei der Syphilis Perforation des harten 
Gaumens und des Vomer sehr häufig Vorkommen, dieselbe bei Lupus 
niemals beobachtet wird, dass überhaupt, wenn der lupöso Process 
die Nase ergriffen hat, diese mehr durch Schrumpfung als wie durch 
Consumtion verkleinert wird. Ausserdem wird, wenn man in einem 
gegebenen Falle auch nicht momentan in der Lage ist, eine sichere 
Diagnoso zu machen, doch innerhalb vierzehn Tage bis vier Wochen 
der Nachschub neuer Lupusknötchen die Differontialdiagnose sicher 
stellen. Hiezu ist noch zu erwähnen, dass die Syphilis don Ohr¬ 
knorpel äusserst selten zerstört, während der Lupus relativ häufig 
eine Comsumtion des Ohrknorpels herbeiführt. 

Ich muss mich also dahin aussprecheu, dass bei dem Um¬ 
stande, dass die Erscheinungen an den als skerljevitisch Bezeich- 
neten mit grosser Raschheit und schmerzlos auftraten, bei dem 
Umstando, dass wenn die Krankheitsprodukte zu Geschwürsprocessen 
führten, sie so rapid zerfielen, wie wir es bei syphilitischen Gummen 
zu sehen gewohnt sind, bei dem Umstände, dass bei allen Kranken, 
welche mit Zerstörung der Nase, des weichen und des harten 
Gaumens etc. behaftet waren, charakteristische begleitende Er¬ 
scheinungen der Syphilis an der allgemeinen Bedeckung oder an 
anderen Organen oder Organtheilen constatirt werden konnten, 
bei dem Umstände, dass sich in der Mehrzahl der Fälle die 


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f SkerljeTo.“ 


319 


Ursache der Entstehung der Krankheit durch directe Uebertragung 
von einem Individuum auf das andere oder durch Vererbung 
nachweisen liess, bei dem Umstande, dass bei allen diesen Kranken, 
wenn sie mit Quecksilber- oder Jod-Präparaten behandelt worden 
waren, eine rapide, wenn auch oft nur temporäre Heilung eintrat, 
— Skerljevo nichts anderes ist als wie acquirirte oder vererbte 
Syphilis. Die Syphilis-Endemie in Dalmatien, in der Herzegovina 
und in Bosnien — es mag sich um erworbene oder um ererbte 
Syphilis handeln — tritt hauptsächlich unter dem Bilde der 
gummösen Form der Lues auf. 

Dass wir bei dieser Endemie in Dalmatien, welche gar keine 
Unterschiede von der endemischen Syphilis in Schottland und 
anderen Ländern darbietet, so häufig das Bild der gummösen 
Syphilis, welche die Spätform der Lues ist, constatiren können, 
liegt darin, dass bei solchen Individuen, welche an erworbenem 
Skerljevo litten, entweder gar keine oder eine unzweckmässige, oder 
eine ungenügend lange Behandlung stattgefunden hatte. 

Ausserdem tragen hiezu gewiss noch die eigentümlichen 
klimatischen Verhältnisse Dalmatiens, wie die Bora, gegen welche 
selbst sehr warme Kleidung einen nur geringen Schutz gewährt, 
die Vernachlässigung des Leidens durch die Indolenz der Bevöl¬ 
kerung, die mangelhafte Nahrung und der geringe Sinn der Be¬ 
völkerung für Reinlichkeit bei. In den Hütten der Skerljevitischen 
welche ich zu besuchen Gelegenheit hatte, fand ich gewöhnlich 
Mensch und Vieh gemeinsam einquartiert. Die Kleidung wird, 
wenn überhaupt, nur äusserst selten gewechselt. Die meisten der 
von mir untersuchten Kranken starrten von Schmutz und mehr 
als wie die Hälfte war mit Kopfläusen, zum Theil mit Gewand- 
läusen behaftet. Ein halbwegs regelrechtes Bett oder auch nur 
eine reinliche Streu bekam ich bei den Besuchen in den Häusern 
der Skerljevitischen fast nie zu sehen. In der Regel legen sich 
die Kranken nur in ihren Mantel gehüllt auf den Fliessen ihrer 
Häuser zum Schlafe nieder, und nur höchstens die Hände und 
das Gesicht waschend verlassen sie des andern Morgens wieder 
ihre Wohnung. Dieses äusserst unzweckmässige hygienische Ver¬ 
halten und die mangelhafte Ernährung tragen gewiss dazu bei, 
dass die Schwere der Erkrankung erhöht wird. 

Was das oft plötzliche Auftreten von Geschwürsprocessen 


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v. Z e i s s I. 


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anlangt, welche zur Perforation der Nasenscheidewand, des weichou 
und harten Gaumens bei jugendlichen Individuen, namentlich bei 
solchen, welche eben mannbar werden, führen, ohne dass in früherer 
Zeit Symptome der Skerljevo i. e. Syphilis vorausgegangen sind. 
so muss man solche Fälle als Lues hereditaria tarda bezeichnen. 

Unter Lues hereditaria tarda verstehe ich ererbte Syphilis, 
welche erst längere Zeit (1—19) Jahre nach der Geburt ausschliess¬ 
lich mit Tertiärformen zum Ausbruch kommt, ohne dass früher ander«* 
Erscheinungen der Lues vorausgegangen. Diese Spätformen be¬ 
dingen namentlich Zerstörungen der Nase, des weichen und harten 
Gaumens, und entwickeln sich bei solchen Individuen noch eigen¬ 
tümliche Erkrankungen einzelner Organe oder Organtheile. So findet 
man nicht selten Periostitiden namentlich der langröhrigen Knochen, 
parenchymatöse Keratitiden — eigentümliche, zuerst von Hute hi n- 
son beschriebene Deformationen der bleibenden Schneidezähne—und 
Erkrankungen des Mittelohres. 

Ausserdem erscheinen solche an Lues hereditaria tarda leidend«* 
Individuen in ihrem Wachsthume und in ihrer ganzen Körperentwick«*- 
lung wesentlich zurückgeblieben. Ein 17jähriges Mädchen oder ein 
17jähriger Jüngling machen oft d«»n Eindruck eines 10—12 Jahre 
alten Kindes. Bei Mädchen sind die Brüste fast vollständig un¬ 
entwickelt, bei Knaben die Hoden äusserst klein, bei beiden Ge¬ 
schlechtern sind die Schamhaare wenig, oft gar nicht entwickelt. 
Der Schädel zeigt in seinem Knochengerüste ganz eigentümliche, 
namentlich von Parrot, und Fonrnier des genaueren präcisirte Formen. 

Alle diese Erscheinungen mit Ausnahme der Keratitis und der 
Mittelohrerkrankungen, von welchen letzteren ich aus meiner eigenen 
Erfahrung aussagen kann, dass sie relativ seltener als Begleiterschei¬ 
nungen der hereditären Syphilis Vorkommen, hatte ich Gelegenheit, 
bei den von mir in Dalmatien untersuchten hereditär-luetischen Indi¬ 
viduen zu constatiren. Die Lues hereditaria tarda ist eine von allen 
Autoren anerkannte Thatsache und ist es allen Autoren bekannt, 
dass Kinder, welche von syphilitischen Eltern gezeugt werden, zur 
Zeit ihrer Pubertät, oft auch schon früher, plötzlich von Symptomen 
tertiärer Syphilis befallen werden, und dass solche Kinder zunächst 
an Zerstörungen der Nase, des harten und weichen Gaumens erkran¬ 
ken, ohne dass die Eltern anzugeben wissen, dass die Kinder unmittel- 


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.,Skerljevo. 1 ’ 


321 


bar oder kurz nach der Geburt Zeichen von Syphilis dargeboten hätten. 
Während nun alle Autoren die Lues hereditaria tarda an und für 
sieh anerkennen, gehen ihre Anschauungen nur insoferne auseinander, 
als die einen behaupten: Jedes Kind, welches mit Lues hereditaria 
tarda behaftet ist, müsse extra uterum früher oder später nach der 
erfolgten Ausstossung aus dem Mutterleibe Erscheinungen der Lues 
dargeboten haben, die zweiten hingegen sagen, dass solche Kinder, 
welche mit Lues hereditaria tarda behaftet sind, die Syphilis in utero 
überstanden haben können und extra uterum keinerlei Erscheinungen 
derselben dargeboten haben müssen. Die dritte Ansicht, der auch ich 
mich anschliesse, ist die von Virchow vertretene. Virchow spricht 
sich nämlich dahin aus, dass die Lues hereditaria tarda selbst noch 
bei der Geburt latent sein kann, und sagt weiter: „Man wird deshalb 
noch nicht schliessen dürfen, dass sie im Blute enthalten sei, sondern 
es wird natürlicher sein, das als richtig anzunehmen, was uns die 
Autopsien lehren, dass in inneren Theilen die Infectionsherde ver¬ 
borgen liegen. Ehe diese anderen Theile in der Art inficiren, dass die 
Eruptionen äusserlich sichtbar werden, darüber können Tage und 
Wochen vergehen, ja sogar Jahre. Die sogenannte Syphilis congenita 
tarda mag immerhin zwei, fünf, zehn Jahre und noch länger ge¬ 
brauchen, ehe sie Formen annimmt, welche dem Arzte äusserlich 
erkennbare diagnostische Merkmale bieten (Eruption), innerhalb ist 
sie gewiss in bestimmten Krankheitsherden, schon bei der Geburt 
vorhanden. Hier handelt es sich nicht um congenitale Prädispo¬ 
sition, sondern um congenitale Krankheit.“ Auf jeden Fall 
ersieht man aus dein hier Angedeuteten, dass es ein sehr häufiges 
Vorkommen ist dass Kinder, welche von einem syphilitischen Vater 
oder einer luetischen Mutter oder gar von einem syphilitischen Eltern¬ 
paar gezeugt wurden, zur Zeit ihrer Pubertät plötzlich von Gummen 
(tertiären Erscheinungen) der Syphilis befallen werden, ohne dass 
sicher constatirt werden kann, dass bei denselben Individuen Erschei¬ 
nungen der Syphilis vorausgegangen sind. Es ist auch, wie die 
hundertfältige Erfahrung lehrt, durchaus nicht nothwendig, dass zur 
Zeit, wo an den Kindern, welche von ihren Eltern die Lues ererbten, 
manifeste Erscheinungen der Lues auftreten, irgend welche Reste vor¬ 
ausgegangener Syphilis an den Eltern nachweisbar seien, oder dass 
an den Eltern noch deutliche mit den Erscheinungen an den Kindern 
übereinstimmende Eruptionen der Syphilis vorhanden sein müssen. 


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t. Zeis sh „Skerljevo“ 


Diese, nur Bekanntes wiederholende kurze Skizze wird wohl 
genügen, die von manchen Aerzten geäusserte Ansicht zu wider¬ 
legen, dass Skerljevo deshalb eine andere Krankheit wie Syphilis 
sein müsse, weil plötzlich jugendliche Individuen, die früher immer 
gesund schienen, von Skerljevo befallen werden. 

Zum Schlüsse kann ich nur nochmals betonen, dass es für 
mich nach den von mir gemachten Beobachtungen keinem Zweifel 
unterliegt, dass Frenjak, Frenga und Skerljevo verschiedene Namen 
für ein und denselben Erkrankungsprocess, nämlich die Syphilis 
sind. Von Laien werden, wie ich mich zu überzeugen Gelegenheit 
hatte, die verschiedensten, mit Syphilis in gar keinem Zusammen¬ 
hänge stehenden länger dauernden Erkrankungen, wenn dieselben 
auch ohne jedweden Verschwärungsprocess verlaufen, als Skerljevo 
oder Frenjak bezeichnet. Der Syphilis ähnliche Erscheinungen dar¬ 
bietende Erkrankungen der Haut und der Schleimhäute, wie Lupus, 
Carcinom, mögen zu einer Zeit, wo in den von mir bereisten 
Ländern noch nicht so geschulte Aerzte wie jetzt zu finden waren, 
zu unliebsamen Verwechslungen Veranlassung gegeben haben. Wie 
ich mich selbst zu überzeugen Gelegenheit hatte, und wie mir 
auch von den verschiedenen Herren Collegen bestätigt wurde, 
heilt die als Skerljevo bezeichnete Krankheit rapid unter anti¬ 
luetischer Behandlung sowohl mit Jod- als mit Quecksilberpräpara¬ 
ten. Dies ist gewiss eine wesentliche Bestätigung, dass die Deutung 
der objectiven Krankheitserscheinungen als Syphilis richtig ist. 

Zum Schlüsse sei es mir gestattet, allen Herren Collegen, welche 
mich auf meiner Studienreise in so liebenswürdiger und bereitwilliger 
Weise unterstützten, meinen wärmsten Dank zu sagen. So namentlich Herrn 
Landessanitätsrath Dr. Unterlugauer, den Herren Regimentsärzten: Dr. 
Valerian, Dr. Käufer, Dr. Hermann-, Kreisarzt Dr. Kurinaldi; Be¬ 
zirksarzt Dr. Wodynski; Bezirksarzt Dr. Nagy; Herrn Dr. Mazzi jun.; 
Bezirksarzt Dr. Karninan; Bezirksarzt Dr. Malwich, Bezirksarzt Dr. 
Simetin; Gemeindearzt Dr. Skrivanic und den Herren Primarärzten 
Dr. Vranizzan, Dr. Catti und Dr. Grossich. Herrn Hofrath Professor 
v. Schneider erlaube ich mir für die vielfache Anregung und Unter¬ 
stützung bei den Vorstudien zu meiner Reise an dieser Stelle meinen er¬ 
gebensten Dank auszusprechen. 


-xx 


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lieber Tabellen zum Aufzeichnen der 
localisation der Hautkrankheiten. 


Von 

Prof. Dr. Rob. Campana in Genua. 


Im dritten Hefte 188G dieser Yierteljahresscbrift hat Herr 
Prof. Pick ein praktisches und nützliches Mittel zur genauen 
Aufzeichnung der Localisation von Hautkrankheiten, wie er sagt, 
nicht allein wegen ihrer Beziehung zum Nervensystem vorge¬ 
schlagen. 1 ) 

Ich zolle dieser Idee, die den Zweck hat, das Studium der 
Hautkrankheiten in ihrer grossen Veränderlichkeit in Sitz und 
Ausdehnung, in ihren Beziehungen zum Nervensystem und in 
ihrer Vielgestaltigkeit möglichst objectiv zu gestalten, umsomehr 
Beifall, als ich mich selbst seit sieben Jahren, wie aus einer 
Mittheilung, die ich bei Gelegenheit des Congresses der italieni¬ 
schen medicinischen Gesellschaft in Genua 1880 gemacht habe, 
hervorgeht, ähnlicher Tabellen zur Aufzeichnung der Krankenge¬ 
schichten an der von mir geleiteten Klinik bediene. Meine da¬ 
malige Mittheilung besagt, dass ich die Topographie der einzelnen 
Hautausschläge, soweit dieselben nicht äusseren localen Ursprungs 
sind, auf Figuren (Mann und Frau in ihrer Vorder- und Rückseite) 
auftragen lasse, welche mit grösster Genauigkeit die einzelnen 
Hantnervengebiete wiedergeben. Ich wollte damit nicht sagen, 
dass alle Ausschläge, die eine gewisse Beziehung zur Verbreitung 
der Hautnervengebiete aufweisen, durch deren Einfluss entstehen, 

*) Ueber Localisationstabellen bei Hautkrankheiten. Ein didactischer 
Behelf. Von Prof. P. J. Pick in Prag. 


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C a m p a n a. Localisations-Tabellen. 


sondern nur die Thatsaclie selbst andeuten, und wenn möglich 
durch solche schematische Figuren deren Häufigkeit bestimmen. 
So habe ich auch bei der einige Jahre später erfolgten Mitthei¬ 
lung eines Falles von Lepra (Italia medica 1883) die Beschrei¬ 
bung durch zwei Figuren der auf ein Viertel reducirten Tabellen 
illustriren können. 

Gegenwärtig habe ich schon ein reiches Material gesam¬ 
melt, das ich im nächsten Jahre bedeutend vermehrt zu sehen 
hoffe, um dann einige summarische Resultate mittheilen zu 
können. 

In den letzten Jahren habe ich die Figuren zur Aufnahme 
besagter Localisationeu vervielfacht, indem ich die Originale aus 
dem Heiberg’scheu Atlas benützte. 

Allein, wenn diese vervielfachten Figuren eine genauere Auf¬ 
nahme einer Eruption ermöglichen, so erreichen sie andererseits 
nicht den Zweck, den man im Auge behalten muss, ein statisti¬ 
sches Resultat zu gewinnen, indem ein Vergleich zwischen so 
vielen in verschiedenem Massstabe gezeichneten Figuren nicht 
leicht möglich ist. 

Aus diesem Grunde halte ich es mit Herrn Prof. Pick für 
vorteilhafter, sich nur zweier Figuren zu bedienen, von denen 
die eine die Vorderseite, die andere die Rückseite des Körpers 
wiedergibt. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch auf eine andere Idee 
zurückkommen, die ich in meiner Klinik zu verwirklichen bestrebt 
bin, die Idee nämlich, die chromatische Scala der Anthro¬ 
pologen als Vergleichungsmittel für die pathologischen und 
physiologischen Hautfärbungen anzuwenden, damit die Bestimmung 
der Farben nicht zu sehr der Willkür des Beschreibenden über¬ 
lassen bleibe. Jene Tafel ist freilich arm an rothen Farben, aber 
man könnte einige binzufügen, und so eine vollständige Tabelle 
herstellen, die dann Tabula chromatica morborum cutis 
genannt werden könnte. 


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Bericht ober die Leistungen 

auf dem 

Gebiete der Dermatologie und Syphilis. 



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I. 

Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 
der Vaccinationslehre. 

(Redigirt von l)r* M. B. Freund, Docent in Breslau.) 


Die Vaccination im Allgemeinen. 

Kitt Th. Wert und Unwert der Schutzimpfungen gegen Thierseuchen. — 
Berlin bei P. Parey. 1886. 

Kitt schickt seiner ausführlichen Darstellung der verschiedenen 
Schutzimpfungen gegen Thierseuchen ein kurzes Capitel über die Vaccina¬ 
tion, das Prototyp aller Schutzimpfungen, voraus. Er gibt einen gedrängten 
historischen Abriss der Jenner'schen Entdeckung, berührt das Abhängig- 
keitsverhältniss der Kuhpocken von der Variola oder Vaccina humana, 
skizzirt den Impfvcrlauf, befürwortet die jetzt allgemein bevorzugte Ver¬ 
wendung der animalen Lymphe (wegen Vermeidung von Infectionen und 
Lymphemangel) und hebt schliesslich die unumstösslichen statistischen Be¬ 
weise für die allerdings nur beschränkte und durch rechtzeitige Revaccina- 
tion zu erneuernde Schutzwirkung, sowie die Haltlosigkeit der impfgegne- 
riseben Argumente und die Berechtigung des Staates zum Impfzwange her¬ 
vor. „Es ist das Recht eines Vaters, der seine Kinder zu erziehen hat, 
damit sie sich selbst und ihre Umgebung vor Schaden bewahren.“ 

Interessant ist Kitt's Ansicht von dem Werthe der Vaccination im 
Vergleich zu dem der neuerdings versuchten Thierschutzimpfungen: „sie ist 
und bleibt“, meint er, „vielleicht die einzige Schutzimpfung, deren vollen 
Werth ihr die Zukunft sichert, während die meisten der Schutzimpfungen 
gegen Thierseucben zwar momentan einen enthusiastischen Willkomm er¬ 
fahren, aber einer gründlichen Prüfung nicht Stand haltend gleich Kometen 
kommen und gehen“. Desinfection und Absperrungsmassregeln thun den Blat¬ 
tern ihrer rapiden Verbreitung wegen nur in beschränkter Weise Einhalt, 
während die dem Boden französischer Forschung entkeimten Neuerungen, durch 
Schutzimpfung Thierseuchen zu bekämpfen, nur für solche Länder als Noth- 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


behelf dienen, in welchen ein Deckmantel für die Unterlassungssünden auf 
dem Gebiete der Seuchenpolizei willkommen ist; sie sind aber überflüssig, 
zum Theil sogar schädigend, falls sie in gut veterinärpolizeilich organisir- 
ten Ländern wie Deutschland Eingang finden würden. 


Geschichte der Impfung. 

Pfeiffer L. Die Schutzimpfungen des vorigen Jahrhunderts. Ein Beitrag 
zur Literaturgeschichte der Blattern- und Kuhpockenimpfung. — Nr. 1 l 
des Correspondeuz-Blattes des Allg. ärztl. Vereins von Thüringen. 1886. 

Verf. zeigt durch eine Reihe bisher nicht beachteter literarischer 
Belege, dass Jenner seine Entdeckung nur machen konnte auf den Schul¬ 
tern der älteren Inoculatoren und Thierimpfer, deren Erfahrungen der Vao 
eination den Boden geebnet. Von Thierschutziinpfungen sind vor Jenner 
geübt worden, soweit bis jetzt zu ermitteln, ausser der Impfung der ganz 
sporadischen Kuhpocken: die Inoculation der Rinderpest, der Schafpocken, 
der Druse der Pferde. Bei weiterer Aufmerksamkeit werdeu sich noch manche 
einschlägige Beobachtungen aus der früheren Impfliteratur finden. Jenner 
und Sacco hatten mit Vorliebe die Schutzimpfungen an jungen Hunden 
gegen die Staupe geübt, auch ist Jenner'» Kenntniss vön den Ho in ersehen 
Impfversuchen mit Masernblut (1790 auf Anregung Monro’s in Edinburg 
ausgeftihrt) und von den noch früher geübten Inoculationen mit Pesteiter 
wohl anzunehmen. Auch die Schutzkraft der Vaccine war schon vor Jenner 
in den Meiereibezirken Englands, in Deutschland (Jobst Böse bei Göttingen, 
1769), Jütland und Holstein fPl et t zu Schön weide, 1792), in Frankreich und 
nach den Reiseberichten Humboldt’s den Indianern in Mexico, nach Rieh 
den Kurden, nach Li vingstone den Bakuanern u. s. w. bekannt. Ganz 
besonders aber hat die 1721 in Europa eingeführte und 1740 allgemein 
geübte Blatterninoculation der Jenner’schen Vaccination in ihrer Bedeu¬ 
tung als Pockenschutzmittel und in ihrer technischen Ausführung vorge¬ 
arbeitet. Die Schafpockenimpfung und die Impfung der Rinderpest sind 
vor Jenner in vielen Ländern durchaus systematisch geübt worden und 
haben zu vielen allgemeinen Erfahrungssätzen bezüglich der Technik und 
Wirkung der Impfungen geführt, so bezüglich der Schafpockenimpfung: 
dass die Schutzimpfungen meist einen gutartigeren Verlauf nahmen, als 
die durch natürliche Weise acquirirten Pocken, dass durch baldige Massen- 
impfung eine drohende Ansteckung verhütet und in bereits befallenen Heer- 
den die Durchseuchung auf die Dauer von 3—4 Wochen eingeengt werden 
konnte, ferner: dass durch fortgesetzte Verimpfung der Ovine durch 
mehrere Generationen von Schafen die Wirkung eine immer mildere 
werde. Bei der Rinderpestimpfung wurden nach Tode (Kopenhagen) im 
Jahre 1872 Controlimpfungen ein Jahr nach der Impfung mit negativem 
Erfolge gemacht. Haue (1801) berichtet von älteren derartigen Impfungen 


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der Vaccinationslehre. 


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aus den Jahren 1778—1781. Es hatte sich herausgestellt, dass der Impfstoff 
(Nasenschleim eines kranken Thiers) am vortheilhaftesten von (cutan) geimpf¬ 
ten Thieren zu entnehmen ist. Hier tritt uns mithin die Thatsache der 
Mitigation des Giftes durch die Verpflanzung in die Haut entgegen, die ja be¬ 
kanntlich auch für die Pockenmaterie gilt. Auch wurde erkannt, dass junges Vieh 
weniger schwer durch die Impfung erkrankt, als älteres. Diesen allgemeinen 
Gesichtspunkten fügt Pfeiffer die „Literaturbelege, die Impfungen des 
vorigen Jahrhunderts betreffend“, hinzu*, dieselben beziehen sich auf vor- 
jenner'sche aus den Jahren 1713 — 1796 stammende Schriften über Kuh¬ 
pocken und Kuhpockenimpfung aus der englischen, deutschen und franzö¬ 
sischen Literatur, und auf solche über die Inoculation der Blattern, der Schaf¬ 
pocken, der Rinderpest und der Druse der Pferde. 


Technik und Hygiene der Impfung. 

1. Deutl Jos. Die Impfung mit animaler Lymphe. — S.-A. aus: Oesterr. 
Monatsschr. f. Thierheilkunde Nr. 5 und 6. 1885. 

2. Coester* Zur obligatorischen Einführung der Kälberimpfung. — Eulen- 
berg’s Vierteljahresschr. f. ger. Med. u. öffentl. Sanitätswesen. N. F. 
45. Bd. 1. Hft. Juli 1886. III. Versch. Mittheiluugen S. 179. 

3. Meyer S. B. Die öffentlichen Impfungen im Kr. Heilsberg i. J. 1885, 
ausgeführt mit animaler Lymphe. Ibd. 

4. Schmidt F. D. und Wolffberg S. Eine Modification der Rcissner’schen 
Methode zur Gewinnung animalen Lymphstofts. — Ein aseptisches Impf¬ 
besteck. Berl. Kl. W. 1886/21. 

5. Pfeiffer L. Anleitung zur Herstellung und Verwendung der animalen 
Lymphe. — P. Börners Reichsmedicinal-Kalender für 1887. 

6. Derselbe. Ueber die Nothwendigkeit einer thierärztlichen Unter¬ 
suchung der Impfkälber. — Corresp.-Blätter d. allg. ärztl. Vereins von 
Thüringen Nr. 10. 1886. 

7. Pissin* Ueber den jetzigen Standpunkt der animalen Vaccination in 
Deutschland. — Vortrag i. d. hyg. Section der 59. Naturforscher- 
Versammlung. D. med. Wochenschr. 1886. Nr. 44 u. 45. 

8. Voigt L. Soll man auf einen oder auf beide Arme impfen? Antwort 
auf die Ein würfe von Dr. Chalybaeus. — D. med. W. 1880/43. 
S. 767. 

9. Fickert. Bericht über das Impfinstitut Frankenberg in Sachsen. — 
Vierteljahresschrift für üflentl. Gesundheitspflege. 18. Bd. 2. Hft. 1886. 

Die Mittheilungeu Deutl’s (1) behandeln das rein Technische der 
Animallymphe - Production und Bereitung. D. steht der städtischen Anstalt 
in Linz zur Erzeugung animalischer Vaccine seit deren Errichtung int 
Jahre 1881 vor. Es ist von grossem Werthe zu erfahren, dass auch er nach 
vielfachen unbefriedigenden Versuchen (1881 nur 57 pc. Haftung der er- 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


zeugten Lymphe, 82 schon 71 pc. und erst 1883 und 1884 99’75 pc.) in 
den wesentlichsten Beziehungen zu den jetzt allgemein üblichen Methoden der 
Impfung und Lymphebereitung gekommen. Deutl urgirt die zweckmässigste 
Einrichtung des Kälberstalles, der kühl, 10 — 12® R. (bei einer Tempe¬ 
ratur über 16® R. bleibt die Lymphe nicht so lange haftbar, wird früher 
faul, auch sind die Pusteln weniger ergiebig), gut ventilirbar, nicht feucht 
oder dumpfig sein, einen stark abfallenden Ccmentboden mit Lattenauflage 
und reichlicher Streu aus Hafer- oder Gerstenstroh haben und öfter mit 
einer Mischung von Gyps, Chlorkalk und Kalium liypermaug. desinficirt 
werden soll. Vier bis acht Wochen alte (Kuh-) Kälber eignen sich am 
besten. Nur 40—50 Insertionen (Kreuzschnittchen, aus 2 Ctm. langen 
Schnittchen durch 5—6 nur 1 Ctm. lange rechtwinklig gekreuzt) sollen 
auf der rasirten Bauchfläche gemacht werden. Bei grösserer Impffläche wird 
die Lymphe weniger gut und reichlich und das Kalb erkrankt leichter. Der 
Ertrag an Lymphe reicht für 400—600 Impflinge (ä 4 Impfstellen). Die 
Einreibung der Lymphe in die Kreuzschnittchen muss sehr sorgfältig ge¬ 
schehen. Das Kalb erhält 7—8 Liter frische, kuhwarme nnd nicht abge¬ 
rahmte Milch mit 3—4 pc. Fettgehalt aus einer Flasche mit Gummipfropfen 
und 8 — 40 rohe Eier in 3 — 5 Mahlzeiten. Auch das ganz gesunde Kalb 
erhält täglich eine Gabe von Pulv. Dov. 1*0 mit Sulpli. Chinin. 0’01, bei 
Neigung zu Durchfall, zwei bis drei solche Gaben, weniger Milch und 
mehr Eier, bei Durchfall gar keine Milch, sondern 18 — 20 Stück rohe Eier 
per Tag. Früh und Abends wird die Körpertemperatur des Kalbes gemes¬ 
sen, bei einer Stalltemperatur unter 16® R. dasselbe mit einer, bei sehr 
niedriger Temperatur (unter 8 0 R.) mit zwei Wolldecken ohne Bauchgurt zu¬ 
gedeckt und täglich ein- oder zweimal mit Bürste und Kamm geputzt. Täglich 
wird das Impffeld abgewaschen. So wurden die früher häufigen Darmka¬ 
tarrhe fast ganz verhütet und die Pustelentwicklung uud das Lyinphe- 
erträguiss war überaus befriedigend. Drei- bis viermal 24 Stunden nach der 
Impfung ist der Pustelinhalt für die Menschenimpfung geeignet, vier- bis 
fünfmal 24 Stunden (wenn an Stelle der Decke schon ein dünner Schorf getre¬ 
ten) zur Weitcriinpfung auf Kälber. Letztere soll von Kalb zu Kalb geschehen, 
längstens mit 4 Tage aufbewahrter Lymphe. Zur Abnahme der Lymphe 
wird nach Reinigung des Impffeldes die Sperrpinccttc angelegt, dann au der 
Basis der Pustel parallel der Pincette mehrere Einschnitte bis in die obere 
Schichte der Lederhaut gemacht, um das gestaute Blut austreten zu lassen 
(das mit reinem Tuche abgetupft wird) und nun erst die Pusteln abgeschabt. 
Solche auf rothlaufartiger Haut sind zu vermeiden, da von ihnen auch 
Rothlauf und andere üble Zufälle bei den geimpften Kindern ausgeheu. Der 
abgeschabte Pockenbrei wird in homöopathische Fläschchen gebracht, mit 
2—3 Theilen eines Gemisches von Glycerin mit natr. Sulpli. (50 : 1) ver¬ 
setzt und fein verrieben und dann in Fielen oder auf andere Weise aufbe¬ 
wahrt. Bei Luftabschluss an kühlem dunklem Orte bleibt die so präparirte 
und aufbewahrte Lymphe durch ca. 14 Tage verwendbar und haftungs- 


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der Yacciuationslehrc. 


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fähig'). Aeltere Lymphe ist wegen der Möglichkeit der Zersetzung nicht 
rathsam. Je grösser die Menge des Pustelgewebes ist, desto sicherer haftet 
die Lymphe. Die Anstalt in Linz bezieht die Impfkälber von einem Vieh¬ 
händler gegen ä 6 fl. Leihgebühr. (Die Untersuchung der geschlachteten 
Thiere vor Verwendung der Lymphe scheint in Linz nicht stattzufinden. 
Ref.) Dcutl impft nur mit sog. originärer Lymphe, die er beim Beginn 
der Impfzeit und später auch zeitweise, wenn nicht direct von Kalb auf 
Kalb geimpft werden kann, aus Rotterdam bezieht. Die öffentliche Impfung 
der Kinder geschieht in Linz in der Kälberimpfanstalt direct vom Kalbe. 
Versendet wird die Glycerin-Emulsion. Neue Anstalten sollten zwei Jahre 
keine Lymphe abgeben, sondern die erzeugte nur selber verimpfen, um 
ihren Werth erst zu prüfen und eventuell zu verbessern. Bei täglichem Be¬ 
darf von 600 Portionen Lymphe, was für eine Provinz von etwas über 
t Million Einwohner ausreicht, bedarf es permanent mindestens 6 Kälber. 
Die Einrichtungskosten einer Anstalt für solchen Bedarf würden sich auf 
nicht viel über 5000 fl. belaufen. 

Während Deutl die sorgfältigste Einübung des gesammten Anstalts¬ 
personals und eine nach allen Seiten hin zweckmässige Einrichtung der 
Impfanstalt für unbedingt erforderlich hält, vertreten die beiden folgenden 
Mittheilungen einen gerade entgegengesetzten Standpunkt. 

C o e s t e r (2) will durch seine Mittheilung zeigen, „wie schon au? 
privaten Mitteln die Ausübung der Kälberimpfung für keinen praktischen 
Arzt mehr Schwierigkeiten in sich birgt“, wie in engem Kreise jeder Arzt 
mit Leichtigkeit selbst die zum Impfen seines Bezirks benötbigte Lymphe 
sich billiger und in derselben vorzüglichen Beschaffenheit herstellen kann, 
als ein Staat, dass die Kosten für besonders angestellte und honorirte 
Aerzte, das Aufsichts- und Wartepersonal für die Kälber, Porto für Schreib¬ 
werk und, was die Hauptsache ist, Neubauten zur Aufnahme der Kälber 
und Räume zum An- und Abimpfen bei den von ihm geübten Verfahren 
gänzlich wegfallen. Dieses „seit fünf Jahren etwa, aber erst in diesem Jahre 
mit tadellosem Erfolge durchgeführte“ Verfahren C.’s nun besteht darin, 
dass das Impfkalb in C.’s Pfcrdestall (in der Stadt) untergebracht und in 
einer mit Heu ausgelegten Futterkrippe, „an deren Beinen die Extremitäten 
der Thiere ganz gut und sicher gefesselt werden können,“ geimpft und 


') Diese Lymphebereitung, insbesondere die Verreibung des Breies zur 
Emulsion ist bei weitem nicht so sorgfältig, wie z. B. von Wese he in Bern¬ 
burg, der Stunden auf die Verreibung verwendet. Wenn Deutl trotzdem 
eben so gute Erfolge hat, so liegt der Grund in der geringeren Verdün¬ 
nung, in der Verwendung höchstens 14 Tage alter Emulsion und wohl 
auch in der Entnahme des Materials aus Einzelpocken und nicht von Impf- 
flächen. Ref. 

Vierleljahresschrift f. Dermatol, u. Sypb. 1887. 22 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


abgeimpft wird. „Für die Wartung und Fütterung des Kalbes wird nichts 
berechnet, weil meine Dienstleute dieselbe besorgen.“ Die Gesaiuintkosten 
pro Kalb belaufen sich auf 3 Mark Leihgeld und 8, 10 Mark Milch. Das 
eigentliche Impf- und Lymphebereitungs-Verfahren ist das gewöhnliche: 
Inoculiiung einiger 30 Einzelinsertionen mit 3 Röhrchen humanisirter Lymphe 
(auf circa 3 Ctm. langen Schnitten, mit kurzen Quersehuittchen gekreuzt), Ab¬ 
kratzen der entwickelten Pocken nach fünf Tagen, den Tag der Impfung 
nicht mitgerechnet, Verarbeitung der ganzen krümeligen Masse zur Gly¬ 
cerinemulsion, „wozu man oft eine recht bedeutende Zeit bedarf“. Bei der 
Impfung wie Abimpfung antiseptische Massnahmen. Schlachtung des Kalbt s 
bald nach der Abnahme der Lymphe. C. hat mit dem von einem Kalbe 
gewonnenen Lymphbrei drei Tage nach der Abnahme 113 Kinder geimpft, 
111 mit ganz ausgezeichnetem, 1 mit zweifelhaftem, 1 (iljährigcs Mädchen) 
ohne Erfolg. C. hält für jeden Kreis und für die Impfcampagne 10 Kälber 
für ausreichend, die also 81 Mark kosten würden, glaubt, dass von etwas 
erweiterten solchen ländlichen Impfstellen die grossen Städte mit Leichtig¬ 
keit jahraus jahrein mit Impfstoff bedient werden können und dass sich 
überall wenn nöthig zwei Aerzte finden dürften, die im Interesse einer so 
wichtigen Neueinrichtung die geringe Mühe auf sich nehmen würden, im 
Zeiträume eines Monates je fünf Kälber zu besorgen. Eine einmalige Probe¬ 
impfung und Lympheabnahrne unter Leitung eines Geübten dürfte genügen, 
um die Impfärzte zu instruiren. Schliesslich gibt C. gern zu, dass an dem 
Gesagten noch manches verbesserungsbedürftig sein dürfte. Das ist allerdings 
der Fall und zwar gerade bezüglich der Hauptsache — nämlich der Lymphe- 
production. Auch Ref. hat (in seiner Schrift: „Die animale Vaceination in 
ihrer technischen Entwicklung etc., Breslau 1887, bei E. Morgenstern) auf Grund 
eigener Erfahrungen und unter Hinweis auf die Einrichtungen in Weimar und 
Frankenberg die Verbindung der öffentlichen Kälberimpfinstitute mit Land- 
wirthschaften für sehr wohl durchführbar, ja in manchen Beziehungen (vor 
allem mit Rücksicht auf die geeignetste Pflege der Impfthicre) für em¬ 
pfehlenswert her erklärt, als die selbstständigen Anstalten, aber hält gegen¬ 
über den Anforderungen einer geregelten Abwickelung des öffentlichen 
Impfgeschäftes doch eine feste Organisation der gesammten Lympheprodtic- 
tionsverhältnisse für unerlässlich, weil sonst allenthalben Störungen und un¬ 
zureichende Erfolge bei den Impfungen zu gewärtigen sind. Es ist ein un¬ 
billiges und von der Mehrzahl der Aerzte auch unerfüllbares Verlangen, 
monatlich auch nur je fünf Kälber zu impfen, abzuimpfen uud die Lymphe 
zu bereiten, „wozu man oft eine recht bedeutende Zeit bedarf“. Auch sind 
alle, diese Geschäfte, abgesehen von dem Zeitverlust, den sie verursachen, 
an bestimmte Stunden gebunden, die der praktische Arzt heim besten Willen 
nicht immer innehalten kann. (Vgl. Rcissner: „Weitere Erfahrungen 
über getrockneten Kälberimpfstoff.“ D. med. Wuchenschr. 1881/48.) Es ist 
auch nach allseitiger übereinstimmender Erfahrung ein Irrthum, wenn 
C. eine einmalige Probeimpfung und Lympheabnahme unter Leitung eines 


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der Vaccinationslelire. 


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Geübten zur Erlernung der Thierimpfung für ausreichend hält. Wie alle 
auch noch so eiulachen chirurgischen Verrichtungen, setzt auch die Kälber- 
impfung eine gewisse Dexterität und sichere Beherrschung einer Menge an¬ 
scheinend unbedeutender, aber für den Erfolg ausschlaggebender Massnahmen 
voraus. Voigt bemerkt mit Recht, dass sich die Zeit der Einübung neuer 
Impfärzte gewöhnlich durch Misswachs der Kälberpocken kenntlich machte. 
Alle neuen Institute haben über Unsicherheit im Lympheertrage zu klagen 
gehabt, die erst mit der Uebung der Impfer verschwand, und Coester selbst 
sagt, dass er erst nach fünfjähriger Uebung zu tadellosem Erfolge gekommen. 
Was sodann den Kostenpunkt anlangt, so ist derselbe doch keineswegs im 
Allgemeinen nach den Cocster’schen Verhältnissen zu normiren. Weder 
ein eigener Stall noch das nötbige Personal zur Wartung und Fütterung 
der Kälber und zur Hilfeleistung hei der Impfung und Abimpfung stehen 
gewöhnlich zur Verfügung und Gefälligkeiten lassen sich dauernd nicht in 
Anspruch nehmen, sind auch unzuverlässig. Bei den denkbar einfachsten 
Hinrichtungen in Weimar und Breslau kam denn auch jedes Kalb dennoch 
auf circa 20—30 Mark zu 6tehen. Und endlich würde bei so privaten Veran¬ 
lagungen die regelmässige Beschaffung geeigneter Impfkälber sehr oft 
unmöglich sein. Ref. hat das in Breslau sattsam erfahren (siehe die oben 
citirte Abhandlung) und Meyer in Heilsberg (siehe das folgende Referat) 
klagt über die anhaltenden Schwierigkeiten, die ausreichende Zahl von 6 
Bit 8 Wochen alten Kälbern zu beschaffen. Dazu kommt die grosse Ver¬ 
legenheit, in die der seinen Lymphebedarf selbst producirende Privatarzt 
gerathen würde, falls ihm ein Kalb gar keinen Ertrag lieferte, was bekannt¬ 
lich nicht selten ist. Mit solchen Einrichtungen also, wie sic Coester 
empfiehlt, ist die allgemeine animale Vaccination nicht durchzuführen. Es 
bedarf unbedingt eines genügend geschulten und eingeübten Impfpersonals, 
dein auch die erforderliche Zeit zur Verfügung steht, eines zweckmässig, 
wenn auch noch so einfach eingerichteten Impflocals, einer sicher zur 
Diposition stehenden Hilfskraft und sicherer Lieferung der geeigneten Impf- 
thiere. Ref. glaubte mit Rücksicht auf die bevorstehende Einrichtung öffent¬ 
licher Impfinstitute in Preusscn, für die ein fester einheitlicher Plan noch 
auszustehen scheint, die Haupterfordernisse für dieselben gerade den durch 
ihre Einfachheit 60 verlockenden Vorschlägen Coester's gegenüber hervor¬ 
heben zu sollen. 

Meyer (3) hat auch im Jahre 1885, wie schon 1884 (siehe dessen 
1. Bericht in d. Zeitschrift, Heft 4, 1884, S. 301 ff.) die öffentlichen Impfungen 
iui Kieise Heilsberg (mit Ausnahme von 300 mit human. Lymphe voll¬ 
zogenen Wiederimpfungen) mit selbst gezogener Animallymphe ausgeführt. 
Er hatte, wie schon erwähnt, Schwierigkeiten, die ausreichende Zahl ge¬ 
eigneter Kälber zu erlangen, „weil die Laudwirthe meist die Kälber, welche 
sie nicht für ihre eigene Wirtbschaft erziehen wollen, sofort nach der 

Geburt an den Fleischer verkaufen“. Er hat auch in diesem Jahre nur vier 

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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


brauchbare Impfkälber erwerben können, die aber, da jedes derselben 80 
bis £5 Röhrchen ä 15 bis SO Impfungen lieferte, für 1427 Erstimpfungen 
und 788 Wiederimpfungen ausreichten. Die Impfung der Thiere geschah 
mit 60 bis 65 grossen Kreuzschjiitten, theils mit animaler theils mit buma- 
nisirter Lymphe, es wurde ein Watteverband angelegt, der durch eine Lein¬ 
wandbinde befestigt wurde, die Lympheabnahme erfolgte nach vier ein halb 
Tagen durch Abschaben der abgeklemmten Pocken. Der abgeschabte Brei 
wurde zu Pissin'schem Glycerin-Extract (ohne Salicylsäurezusatz) verarbeitet, 
das noch nach etwa 11 Wochen, in einem Falle bei drei Kindern noch 
nach 13*/* Monaten wirksam war. Von den 1427 Erstimpfungen hatten 
Erfolg 1289 beim ersten Male, 74 beim zweiten Male und 26 beim dritten 
Male. Impfsteril blieben 16 Kinder beim ersten Male, 21 beim zweiten Male 
und 1 Kind beim dritten Male. Der Gesammterfolg betrug demnach 97*14 pc. 
(gegen 97*2 pc. im Jahre 1884). Von den 788 Wiederimpflingen zeigten 
Erfolg 718 beim ersten Male, 29 beim zweiten Male und 4 beim dritten 
Male. Impfsteril blieben 29 beim ersten Male, 7 beim zweiten Male und 
1 beim dritten Male. Der Gesammterfolg war mithin 95*3 pc. (gegen 
94*2 pc. im Jahre 1884). Der Schnitterfolg bestand in den meisten Fällen 
bei den Erstimpflingen in kräftiger rechtzeitigcr'Entwickclung sämmtlicher 
einfacher Impfschnitte (bei normal entwickelten Kindern acht am linken 
Oberarme, jeder von 1 Ctm. Länge, mit Zuführung von recht viel Lymphe 
und langem Offenhalten durch Anspannung der Haut). Bei den Wieder¬ 
impflingen kamen mehrfach frühzeitig eingetrocknete Abortiv-Pusteln vor, 
auch mehrmals eine spätere Entwicklung (am 8. oder 9. Tage), wobei die 
Pusteln klein und saftlos, im Uebrigen aber normal gebildet waren. „Krank¬ 
heitserscheinungen von irgend welcher Bedeutung sind nach den Impfungen 
nicht eingetreten“, nur ab und zu stärkere Röthung der Haut und ent¬ 
zündliche Schwellung des Unterhautzellgewebes, auch leichtere Fieberbe¬ 
wegungen, alles ohne weitere Gefährdung der Kinder. Bezüglich der Impf¬ 
erfolge muss Ref. hervorheben, dass die Lyraphcemulsion nach den neuesten 
Mittheilungen (s. des Ref. oben citirte Abhandlung) insofern bessere Re¬ 
sultate erzielt, als mit ihr schon bei der ersten Impfung der Procentsatz 
des Gesaminterfolges des von Meyer verwendeten Extractes erzielt wurde. 
Bei nicht sofortiger Wiederholung der Impfungen hätte letzteres eine an¬ 
sehnliche Anzahl Kinder ungeschützt gelassen. 

Schmidt und Wolffberg (4) weisen auf die Gefahren der Sepsis 
und des Früherysipels „bei Verwendung des animalen Impfstoffes und ab¬ 
hängig von diesem“ hin, auf die Schwierigkeit, die conservirte Lymphe 
frei von Infectionsstoffen zu halten, und glauben, dass die Reissncr’sche 
Methode der sofortigen Trocknung und Pulverisirung des unter antiseptischen 
Cautelen gewonnenen Impfstoffes diesem Erforderniss am meisten entspreche. 
Dem Verfahren stand aber bisher die Schwierigkeit entgegen, kleinere 
Pulvermengen abzugeben. Um das zu ermöglichen, vermischen S. und W. 


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der Yacclnatlonslehre. 


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das gewonnene Vaccinepnlver mit der fünf- bis zehnfachen Menge reinem 
gepulvertem Dextrin, mit oder ohne Zusatz einer kleinen Menge von Natr. 
bicarb., so dass von einem Kalbe bis zu 15 Gramm Impfstoff gewonnen 
wird, der in Portionen von 0*05—(M 5 (zu 3—5 Impfungen ausreichend) in 
Glasröhrchen versendet wird. Er hält sich mindestens sechs Monate unver¬ 
ändert wirksam. Sodann geben S. und W. ein coinpendiöses antiseptisches 
Impfbesteck (von Franz Müller in Bonn zu beziehen) in Beschreibung und 
Abbildung bekannt, das alle zur Impfung nöthigen Utensilien enthält. Was 
jene Verreibung des Vaccinepulvers anlangt, so hatte Beissner selbst 
(laut seiner Mittheilung in der D. med. Wochenschr. 1881, 48: „Weitere Er¬ 
fahrungen über getrockneten Kälberimpfstoff“) vor, „Versuche über eine Ver¬ 
dünnung der getrockneten Vaccine durch Zusatz eines indifferenten Pflanzen¬ 
oder Mineralpulvers in Angriff zu nehmen“, aber zu dem Zwecke eine zu 
starke Wirkung seines Vaccinepulvers, welche er nicht selten in der Form 
starker Entzündung in der Umgebung der Pusteln, hie und da auch durch 
das Auftreten kleiner Furunkel in der Nachbarschaft beobachtete, abzu¬ 
schwächen. 

Pfeiffer (5) gibt eine sehr übersichtliche, historisch geordnete 
Zusammenstellung der auf die Herstellung und Verwendung der ani¬ 
malen Lymphe bezüglichen Utensilien und Massnahmen. Er bespricht 
zuerst das Instrumentarium. Die bisher angewendeten Instrumente bedingen 
wesentlich die im Vergleich zur humanisirten Lymphe ungünstigeren Erfolge. 
Wie die Verimpfung conservirter und noch mehr die verdünnter (humani- 
sirter) Lymphe statt der einfachen Nadel schneidende Instrumente zur An¬ 
legung grösserer Contactflächen bedingte, so ist dies für den animalen Stoff' 
noch unentbehrlicher: ein gleichmässiger Erfolg ist nur auf grösser ange¬ 
legten Schnitten zu erzielen und diese verlangen kräftig gebaute Instrumente, 
deren Schneide mehr stumpfwinkelig oder „rund“ geschliffen sein muss, um 
damit klaffende, nicht zu tief eindringende und nicht zu stark blutende 
Impfstellen anlegen zu können. Das Heft des Instrumentes soll bleistift¬ 
artige Länge haben, damit die Hand des Impfers bei Massenimpfungen 
nicht leicht ermüde. Der leichten Säuberung wegen soll das ganze Instrument 
ans Metall und glattflächig sein. Bei Verwendung solcher Impfmesser, 
Anlegen genügend grosser Contactflächen und Verwendung der ganzen Pocke 
(in den bekannten pulverigen oder breiigen Conserven) ist das Impfresultat 
dem mit humanisirter Glycerinlymphe erzeugten gleich, steht aber noch dem 
bei Impfung von Arm zu Arm nach. Der Beschreibung ist eine Abbildung 
der gebräuchlicheren neueren, für animale Impfung berechneten Impf¬ 
messer, auch des für die Flächenimpfung der Kälber brauchbaren drei- 
und fünfklingigen Rostrais, der von Voigt gebrauchten Quetschpincette 
und des scharfen Löffels von Fischer beigefügt. Pfeiffer skizzirt 
alsdann die hauptsächlichsten, heute geübten Methoden der Kälber- 
impfnng and Abimpfang, sowie der Lymphebereitang and Verwen- 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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düng. Die italienische (Neapolitaner oder Mailänder) Methode, deren 
Eigentümlichkeit im Ausschneiden der Kälberpocken und Verwendung 
des von diesen abgeschabten Breies im frischen Zustande oder in einer 
Glycerinconserve (steife Paste oder mehr flüssig in verschieden starken 
Haarröhren) besteht, wird in Deutschland nur in Strassburg von Dr. En in ge r 
neben der (bald zu besprechenden) holländischen Abimpfung in der Modi¬ 
fikation geübt, dass die bei jedem Kalbe angelegten Impfflächen an dem 
vom Fleischer „genickten“ und damit empfindungslos gemachten Thiere im 
Ganzen abgetragen werden und der von ihnen abgeschabte Brei zu Glycerin 
conserve verarbeitet wird. Die Abnahme der Lymphe ohne Ausschneiden 
der Pusteln, vielmehr durch Anlegen einer Quetschpincette an der Basis 
der Pustel und Abschöpfen der ausschwitzenden Lymphe mit einer scharfen 
Lancette führte Lanoix (Paris) 1865 ein; indem er aber nur den Presssaft 
verimpfte, hatte er viele Fehlerfolge. Die zweckmässigste Abnahme der 
Kälberlymphe ist die aus der italienischen und der Lanoix’sehen combinirte 
sogenannte holländische Methode des Abschabens der ganzen Pocke über 
der Quetschpincette (Be zeth-Rotterdam, 1871). Sie ist jetzt mit Anwendung 
des scharfen Löffels (nach Reissn er-Darmstadt) vielfach auch ohne vorherige 
Anlegung der Pincctte in Deutschland allgemein eingeführt, wo Einzel¬ 
pockenimpfung geübt wird. Pfeiffer beschreibt alsdann die von ihm zuerst 
(188$) eingeführte Flächenimpfung sammt der'zu ihr gehörigen Abimpfuirg, 
gibt die Vorschriften zur Herstellung der jetzt gebräuchlichen Conserven 
(Reissner’sches Impfpulver mit der eben geschilderten Wolffberg- 
Schmidt’ sehen Modification, Mailänder Paste. Pissin’scher Extract. 
Glycerin-Emulsion, welche letztere er für das beste Präparat erklärt), 
empfiehlt zur Animpfung der Kälber die Kinderlymphe (die — im Gegen¬ 
satz zur Cowpox- und namentlich der Retrovaccine-Lymphe — jederzeit 
auf dem Kalbe haftet, leicht zu beschaffen ist, viel haltbarer als animaler 
Stoff ist und eine Einschränkung des Betriebes der animalen Impfanstalten 
auf die eigentliche Impfzeit ermöglicht) und stellt schliesslich die 
durchschnittlichen Betriebskosten und Erträge einer Reihe von Instituten 
zusammen. — Eine sehr zeitgemässe Abhandlung ist die L. Pfeiffer’s: 
Ueber die Nothwendigkeit einer thierärztlichen Untersuchung der Impf¬ 
kälber (6). Der Verf. zeigt, dass die Mehrzahl der möglicherweise übertrag¬ 
baren Krankheiten entweder ohne Weiteres am Impfthiere zu erkennen ist, 
hauptsächlich an einer 40° C. übersteigenden Aftertemperatur (so der 
Milzbrand, die Septicämie und Pyämie, Diphtherie), oder eventuell auf 
dem Menschen nicht haftet (so das Virus der Rinderpest, der Maul- und 
Klauenseuche). „Das Erysipel kommt beim Rinde überaus selten vor und 
nach den vorliegenden Erfahrungen sind auch Complicationen der Ver¬ 
impfungen animalen Stoffes mit wirklichem Erysipel nur sehr selten be¬ 
obachtet worden.“ Syphilis haftet nicht auf dem Rinde — was für die Ver¬ 
wendung von Retrovaccine von grosser Bedeutung ist; auch Rotz nicht. 
Actinomycose ist bei Kälbern noch nicht beobachtet, auch eine Uebertragung 


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diT Vaccinalionslehre. 


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auf den Menschen bei der Natur dieses Infectionsstoffes kaum zu fürchten. 
Anders liegt das Yerhältniss bei der (der croupö3en Pneumonie wahr¬ 
scheinlich identischen) Lungenseuche, namentlich wahrend ihres nicht zu 
diagnosticirenden Stadium occultum. Die Uebertragbarkeit der Tuberculose 
durch die Impfung ist zwar bis jetzt nicht durch das Experiment zu er¬ 
härten, insofern weder in der Lymphe Phthisiker Bacillen nachweisbar 
gewesen (L. Meyer, L. Strauss, Josserand, Acker), noch eine tuber- 
culöse Infection von der Cutis aus gelang (Bollinger, Acker, Schmidt), 
aber die neuerdings bekannt gewordenen Fälle von zufälligen Allgemein- 
infectionen von Hautwunden aus (Tscherning, Lehmann) sind von nicht 
zu unterschätzender Bedeutung. Die bei Kälbern zwar sehr selten (1:34.000) 
vorkommende Tuberculose erscheint meist in einer bereits sehr weit vor¬ 
geschrittenen Form der Allgemeininfection, die der Miliartuberculose des 
Menschen gleich zu achten ist, bei der bekanntlich Bacillen im Blute nach¬ 
gewiesen sind. Da nun die Kälberlymphe stets mit relativ viel Blut ver¬ 
mischt ist, so sind perlsüchtige Impfthiere principiell auszuschliessen. Nicht 
infectiüse Krankheiten der Kälber (Anämie, Wassersucht, Gelbsucht, Leber¬ 
egel, acute Entzündungen, Diarrhöe, Windbauch u. dgl.) haben eine nur 
indirecte, d. h. den Lympheertrag schädigende Bedeutung. Diese Erfahrungen 
rechtfertigen die Forderung einer thierärztlichen Untersuchung der Impf¬ 
thiere vor der Impfung und der Schlachtung derselben behufs genauer 
Untersuchung ihrer inneren Organe (insbesondere Milz, Lungen, Nieren, 
Leber, Bauchfell, Brustfell, Lymphdrüsen) nach der Abimpfung. Bei nicht 
thunlieher Schlachtung „wird die thierärztliche Controle des Thieres sich 
mindestens bis zur völligen Abstossung der Impfschorfe auszudehnen haben, 
also noch circa 14—20 Tage nach der Impfung. Ob inzwischen die ge¬ 
wonnenem Lymphe verwendet werden darf, das ist noch eine offene Frage“. 

Pissin (7) polemisirt in seinem Vortrage gegen die Impfung der 
Kälber mit humanisirter Lymphe, also gegen die Retrovaccination und die 
Verwendung der so gewonnenen Retrovaceine, wie gegen die Variolation 
der Thiere, also die Herstellung sogenannter Variolavaccine. Die Retro-. 
vaccine verwirft er wegen der möglichen Ueberimpfung menschlicher Krank¬ 
heitsstoffe und als deren Folge des Verlustes des Impfzwanges. Bei der 
Retrovaccination sei die Möglichkeit aus den Pusteln erster Generation 
Syphilis, Tuberkeln und Scropheln auf den Impfling zu übertragen nicht 
ausgeschlossen. Selbst wenn die Cautelen, welche die Reichsimpfcommission 
vom Jahre 1884 für die Abnahme und Verwendung der (humanisirten) 
Lymphe verschreibt, auch für die Weiterimpfung derselben auf Thiere aus¬ 
gedehnt würden, würden viele Leiter von Thierimpfanstalten nicht die nöthige 
Auswahl in den menschlichen Stammimpflingen treffen. Pis sin würde aber 
auch die gesundeste Kinderlymphe nicht verwenden. .Die Retrovaccination 
sei auch gar nicht nothwendig, wenn auch ein im Verhältnis zu den 
Kindern viel höherer Procentsatz von Kälbern (circa fünf Procent) dem 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


Virus der Kuhpocken gegenüber sich rcfractär erweist. Warum sollte eine 
bei Menschen taugliche Animallymphe bei den Thieren versagen? Bei der 
Variolation der Impfthierc sei die Gefahr vorhanden, auf die Kinder die 
Menschenpocken zu übertragen. Pissin's Methode der Kälberimpfung ist 
die Einzelpockenimpfung mittelst Kreuz- und Längsschnitte. Die Flächen¬ 
impfung verwirft er wegen der Unsicherheit in der Beurtheilung der 
erhaltenen Pusteln, der Mitnahme minderwerthigen Stoffes und der zu 
grossen Verletzung der Thiere. P. erzielt durchschnittlich 2000 Portionen 
Lymphe vom Kalbe. Dieselbe wird zu Glycerin-Extract (das sich für Einzel¬ 
impfungen besonders eignet) und neuerdings auch zu Emulsion verarbeitet, 
deren Haltbarkeit sich über zwei Monate bewährt hat. Die Kinder impft 
P. mit gut imprägnirten Längsschnitten, nicht mehr mit Kreuzschnitten. 
Die Impfthiere müssen vor Verwendung der Lymphe geschlachtet werden. 
Den Protest Piss in’s gegen die Retrovaccination der Kälber anlangend, 
so wird derselbe so lange wirkungslos bleiben, als die von dieser prognosti- 
cirten Gefahren nur rein theoretisch construirt und nicht vielmehr sei es 
experimentell, sei es aus der Erfahrung erhärtet sind. Dass syphilitisches 
Virus von einem syphilitischen Stammimpfling auf ein Kalb übertragen, 
hier rein mechanisch — ohne Fuss zu fassen — auf oder in den Impf¬ 
stellen bis zur Abnahme unverändert liegen bleibt, um dann der abge¬ 
nommenen Pustel beigemengt zur Verimpfung auf Kinder zu gelangen, das ist 
eine Annahme voller innerer Unwahrscheinlichkeiten. Ein Uebergang der Tuber¬ 
kelbacillen in die Lymphe Phthisischer ist bis jetzt nach den schon zahlreichen 
Untersuchungen nicht nachzuweisen gewesen. Zudem sind doch gewiss die 
Mittheilungen, die Pissin über die ihm von mehreren Leitern öffentlicher 
Thierinipfanstalten ausgesprochene Sorglosigkeit in der Auswahl der mensch¬ 
lichen Stammimpflinge für die Impfthiere macht, im Grossen und Ganzen 
ohne Belang. Wenn aber Pissin fragt, warum Animallymphe, die auf dem 
Menschen gut gewirkt, nicht ebenso bei ihrer Fortführung auf den Thieren 
haften ■oll, so ist zu erwidern, dass der physiologische Grund solcher Ver¬ 
schiedenheit allerdings vor der Hand nicht anders zu präcisiren ist, als 
ganz allgemein durch die Verschiedenheit und zwar spcciell durch die bes¬ 
sere Beschaffenheit des menschlichen im Vergleich zum thierischen Nähr¬ 
boden; aber soweit ist das Factum auf Grund allgemeiner Erfahrung zwei¬ 
fellos, dass die frische humanisirte Lymphe sicherer auf dem Kalbe haftet, 
als die animale. Einer Warnung endlich gegen die Erzeugung und Verwendung 
von frischer Variolavaccine bedarf es nicht: die Herstellungsschwierigkeiten 
verbieten eine Regelmässigkeit oder auch nur häufigere Verwendung solchen 
Produktes von selbst und zudem ist, wie Referent, (in seiner oben citirten 
Arbeit) nachgewiesen zu haben glaubt, ein Bedürfnis solcher „Auffrischung“ 
des Impfstoffes nicht vorhanden. 

L. Voigt (8) antwortet den ihm von Chalybaeus gemachten Ein¬ 
wendungen gegen die von ihm (Voigt) befürwortete Einarmimpfung (s. den 


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der Vaccinationslehre. 


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ersten Bericht dieser Zeitschrift, Jahrg. 1886, 4. Hft., 2. Hälfte): diese Impf¬ 
methode sei in der grosseren Hälfte Deutschlands, ebenso in Dänemark, 
Norwegen, England, Frankreich, Italien, Nordamerika etc. bei kleinen Kindern 
üblich. In England pflegt man nur zwei ziemlich grosse Pusteln auf den linken 
Arm zu setzen; in Schweden sind sechs bis acht Stiche Vorschrift; in Sachsen 
werden auch nur sechs Schnitte auf beide Arme vertheilt. „Warum sollten 
wir in Hamburg mehr als sechs Schnitteben machen?“ Die Schnittpustel sei 
auch viel grösser als die Stichpustel, so dass auch die geringere Zahl ersterer 
(in Hamburg durchschnittlich 5. 7 von sechs Schnittchen ä '/• Ctm. Länge) 
keine schwächliche Impfung bedeute. Angesichts der mancherlei Unzuträglich¬ 
keiten und Nachtheile bei der Zweiarmimpfung für Impflinge wie Pflegeper¬ 
sonal, — Unzuträglichkeiten, wie sie nach dem Jahresbericht über das 
sächsische Impfwesen von 1885 auch in Sachsen nicht ausbleiben — plaidirt 
Voigt auch für eine freiere Fassung der betreffenden Vorschrift in dem 
demnächst zu erwartenden Impfgesetz, der Art, „dass die weit und breit 
bewährte mildere Methode des Impfens auf nur einen Arm mindestens 
ebenso empfohlen sei, als die beiderseitige Impfung“. Voigt schlägt folgende 
Fassung des betreffenden Paragraphen vor: „Bei der Erstimpfung impft man 
in der Regel auf den Oberarm mit sechs bis zwölf Schnittchen, um im 
Durchschnitt fünf bis zehn Pusteln zu erzielen. Man mache höchstens sechs 
Schnitte an einem Oberarme, die etwa 2 Ctm. von einander entfernt und 
'/. Ctm. lang geführt werden. Bei Ucbertragung humanisirter Lymphe von 
Arm zu Arm genügt der Impfstich; bei Verwendung energischer animaler 
Conserven oder bei sehr jungen Kindern mache man (im obigen Rahmen) 
weniger und kleinere Insertionen als bei den älteren Kindern oder bei Ver¬ 
impfung schwächerer Conserven.“ Referent betont — in Uebereinstimmung 
mit Chalybacus —noch einmal (siehe diese Zeitschr. 1886, 4. Heft, 2. Hälfte, 
S. 859), dass das Entscheidende in dieser Frage lediglich die Sicherheit und 
Vorhältigkeit des Impfschutzes sei. Grössere Unbequemlichkeiten des Impf¬ 
lings würden nichts bedeuten, wenn dabei die Pockengefahr verringert würde. 
Ein sicherer Schutz .aber hängt ebenso zweifellos von der Zahl der Inser¬ 
tionen ab und nach den bisherigen Erfahrungen sind zehn Insertionen die 
Zahl, die den Schutz bis zur Wiederimpfung am sichersten garantirt. Diese 
Zahl bezog sich indess auf Stichinsertionen und Voigt hat Recht, die Schnitt- 
pusteln in ihrer Wirkung auf den Organismus höher zu veranschlagen. Von 
diesem Gesichtspunkte aus wäre somit eine Verringerung der Insertionen 
wohl zulässig, aber es muss der Erfahrung überlassen bleiben, zu entschei¬ 
den, ob nicht die */ t Ctm. langen Impfschnitte — im Vergleiche zu den 
Impfstichen — in der Regel oder häufig eine so bedeutende Reaction setzen, 
dass ihre Vertheiluug" auf zwei getrennte Impffelder rathsam wäre. Bis 
dahin mag die von Voigt befürwortete gesetzliche Latitude bezüglich des 
Impfmodus gelten. Nor ist bei der Wahl desselben der Werth der zu ver- 
impfenden Lymphe nicht mit in Anschlag zu bringen, weil er sich vorher 
nicht sicher bestimmen lässt. 


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Bericht Über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Fickert berichtet in seiner Mittheilung (9) über die Resultate des 
Frankenberger Institutes während der Impfsaison 1885. Das Institut hat 
an 144 öffentliche Impfärzte des Rcg.-Bez. Zwickau 4304 Röhrchen, ausser¬ 
dem noch zahlreiche Röhrchen an Privatärzte abgegeben, im Ganzen Stoff 
für ca. 51.000 Impfungen. Diese Lymphmenge wurde erzielt von 36 Kälbern, 
von denen aber zwei impfsteril waren. Der Gosammtertrag an Lymphe von 
denselben betrug 114*9 gr., auf ein Kalb entfällt nach Abzug der zwei 
Fehlimpfungen durchschnittlich 3*38 gr., im Minimum 0*4 gr., im Maximum 
8*3 gr. Frische und am sechsten oder zu Beginn des siebenten Tages ab¬ 
genommene humanisirte Lymphe ergab auf den Thieren die besten Erfolge, 
thierische Lymphe wurde nie über zehn Tage alt verwendet; sie hatte zwei 
mal gar keinen, in weiteren 60 pc. nur dürftigen Erfolg. Die Insertionen ge¬ 
schahen theils auf Schabflächen, theils auf einzelnen, theils auf dicht neben 
aneinander gemachten Schnitten, die 1 bis 2 Cm. von einander entfernt 
waren. Die flächenartige Ausbreitung der Efflorescenzen ergab zwar grosse 
Quantitäten, aber eine nur wenig haltbare Lymphe. Auf wenig zahlreichen 
Schnitten brachte rechtzeitig abgenommene humanisirte Lymphe recht kräf¬ 
tige, saftige Pocken. Die Abnahme der Lymphe geschah nach 96 bis 
115 Stunden, an wärmeren Tagen zeitiger. Fickert bereitet aus dem ab- 
genommenen Brei durch sorgfältige Verreibung die sogenannte Glycerin- 
Emulsion ohne jeden conscrvirendcn Zusatz und füllt sie in Glasrührehen 
von ca. 0*1 gr. Capacität, jedes genügend für 12 bis 15 Impfungen, lieber 
3329 Röhrchen gingen Wirkungsanzeigen ein. Danach wurden von Erst¬ 
impfungen 23.546 mit und 1139 ohne (= 4.8 pc.) Erfolg, von Wieder¬ 
impfungen 16.589 mit und 1347 ohne (= 8*1 pc.) Erfolg ausgeführt. 
Die Gesammtkosten des Institutes incl. der Remuneration für den Vorstand 
und den Assistenten betrugen 3460 Mark. Von nächster Saison an werden 
die Impfkälber nach Abnahme der Lymphe geschlachtet werden. 


Die Impflymphe. 

Baraggi, Carlo. Süll’ essenza del contagio vajoloso e su altri punti della ezio- 
logia e della patogenesi del vajolo. — Gazetta degli ospitali No. 4, l>. 
1885. — Virchow-Hirsch’ Jahresbericht pro 1885, I. Bd., 2. Abtli.. 
S. 307. 

Auch bei diesen neuen Untersuchungen Ober den Mikrococcus variolae 
ergaben Culturen in Fleischbrühe und auf Gelatine einen Coccus, der dem 
Mikrosporon Cohn’s und Klebs’s entsprach. Derselbe vermehrt sich nicht 
unter 20—24® C. und zeigt in Gelatine langsame, in Bouillon sehr lebhafte 
Bewegung. Schon die Papel enthält ihn, die Pustel vom dritten bis siebenten 
Tage aber in grösster Menge und von virulentester Wirkung. Auch im 
Monate und Jahre alten Schorfe bleibt er lebensfähig. Im eiterigen Stadium 
der Pustel ist er Bchwer nachweisbar. B. berichtet über erfolgreiche Ver- 


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der Vaccinationslehre. 


341 


impfung der Coccen fünfter Generation auf zwei Hospital-Kranke. Dies 
wäre die erste erfolgreiche Verimpfung einer über die zweite Generation 
hinausgeführten Reincultur des Vaccine-Coccns und zwar auf Menschen. 
Bekanntlich hat Voigt einen positiven Erfolg nur mit einer zweiten 
Cultur und nur bei einem Kalbe erzielt, (s. I. Ber. in dieser Ztschr., Jabrg. 
1886, Heft 4, Hälfte 2, S. 844.) 

Guttmanu P# Bacteriologische Mittheilungen über Variola. 1 ) — Protokoll der 
Berliner med. Gesellschaft über die Sitzung am 13. October 1886. — 
D. med. Wochenschr. 1886, 42 und 43, S. 742, resp. 758. 

G. eultivirte aus dem Pustelinhaltc zweier Pockenkranker auf verschiede¬ 
nen Nährböden (Agar-Agar, Gelatine, Bouillon, erstarrtes Blutserum) in einem 
Theile der Versuche Colonien von Staphylococcus pyogenes aureus und weisse 
Colonien, die sich von Staphylococcus pyogenes albus durch ilire biologischen 
Eigenschaften und nichtinfectiöse Wirkungen unterschieden, iin zweiten Poeken- 
falle „noch andere Organismen“. Durch diese Befunde ist wohl das Eitrigwerden 
der Pusteln, nicht aber „die so stark und so rasch erfolgende Contagion der 
Variola“ zu erklären. — Mit anderen Worten, das specifische Pockencon- 
tagium ist bis jetzt nicht gefunden. In der Discussion über Guttmann’s 
Mittheilungen weist Fürbringer auf die analogen Befunde VoigCs in der 
Vaccine und Variola-Vaccine hin. Der aus ersterer eultivirte Mikroorganismus 
habe sich bei Kälberimpfungen als pathogen erwiesen (s. diese Zeitschrift, 
1886. 4. Heft, 2. Hälfte, S. 839 ff.). M. Wolff theilt mit, er habe schon 1884 
aus dem serösen Inhalte von Pockenpusteln und aus Stücken derselben, 
sowie aus Vaccinebläschen, hier neben verschiedenen anderen Formen, den 
Staphylococcus pyog. aur, dargestellt. Den specifischen Krankheitserreger habe 
er nicht gefunden, auch den von Voigt gezüchteten Mikroorganismus halte 
er nicht für das specifische Contagium. 

Derselbe# Bacteriologische Mittheilungen über Varicellen. — Vortrag in 
der Berliner med. Gesellschaft am 27. October 1886. — Ibd. 1886/44, 
S. 778. 

Im wasserhellen Inhalte eines Falles von Varicellen fand G. drei 
Ooccenarten: den Staphyl. pyog. aur., einen weissen, die Gelatine nicht ver¬ 
flüssigenden, nicht pathogenen, und einen rasch wachsenden, erst grüne, 
dann gelbe Culturen bildenden, ebenfalls nicht pathogenen Coccus. Letzterer 
ist mit keinem % bisher bekannten Organismus identisch. G. nennt ihn Sta- 
phyloeoceus viridis flavescens. Der getrübte Inhalt eines zweiten Falles ergab 
{in zwei Gläsern von sieben) den Staphylcoccus aureus und viridis flavescens. 
In einem dritten Falle entwickelten sich wiederum aus dem wasserhellen 
Inhalte (in einem Agarglase unter sechs) der oben genannte weisse Orga- 

*) Die später erschienene ausführliche Veröffentlichung dieser und 
der folgenden Untersuchungen in Virchow’s Archiv, Bd. 106 und 107, kann 
erst im nächsten Bericht Berücksichtigung finden. 


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342 


Bericht Über die Leistungen auf dem Gebiete 


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nismus und ein schwachgelblicher. G. glaubt, dass noch andere Coccenarten 
in den Varicellen Vorkommen. Er hat Impfungen am Menschen nicht ange¬ 
stellt, hält aber die gefundenen Organismen für die einzige Ursache der 
Varicellen. Der Staphyl. pyog. aur. „muss jedenfalls ein Bläschen, bezw. 
eine Pustel erzeugen, aber auch die anderen — nicht pathogenen — Orga¬ 
nismen können in gewisser Beziehung zu den Varicellen, resp. zu der Eiter¬ 
bildung stehen. Auch im Eiter sind neben den pathogenen Organismen fast 
immer andere vorhanden“. In der Discussion über G/s Vortrag be¬ 
zweifelt B. Frankel diese Annahme Guttmanns. Den weissen Coccus 
hat er auch aus dem Secret der Angina lacunaris gezüchtet, auch findet 
man ihn in jedem gesunden Pharynx. M. Wolff berichtet von früheren 
Versuchen, er habe im Varicellen - Inhalte gelatineverflüssigende weisse 
und grauweisse Coccenculturen gefunden, die an die bei Variola gefunde¬ 
nen erinnerten. Aber Vaccination nach Varicellen brachte Erfolg. Auch 
hat er Vaccine und Varicellen bei demselben Individuum gesehen. Benda 
hält noch nicht für erwiesen, dass der Infectionsträger bei Varicellen 
überhaupt in die Pusteln übergeht. Zu solcher Annahme liege patii.- 
anat. kein Zwang vor. Nach diesen und den älteren bacteriologischen Unter¬ 
suchungen der Pocken- und Varicellen - Lymphe ergibt sich eine gewisse 
moqdiologische Uebereinstimmung mit den Mikroorganismen der Vaccine, 
sowohl was die Gestalt der einzelnen Elemente, als der Culturen anlangt. 
Auch das Zusammentreffen mehrerer (zwei bis drei), nach ihren Wachsthums- 
verhältnissen verschiedener Coccenarten, ist allen drei genannten Lymphen 
gemeinsam. Offen ist die Frage, ob nicht alle bisher gefundenen Orga¬ 
nismen der untersuchten Lymphen am specifischen Processe betheiligt sind 
— eine Möglichkeit, auf die schon Voigt und jetzt auch Guttmann 
hin weist und die ein merkwürdiges Vorkommniss der Bacteriologie dar¬ 
stellte. Wie vorsichtig man jedoch in der Entscheidung dieser Frage vor¬ 
zugehen hat, lehrt die Geschichte der Untersuchungen des Schweinerothlaufs, 
dessen specifischer Bacillus schliesslich doch aus dem Gemisch mehrerer 
Mikroorganismen rein dargestellt wurde (s. Baumgarten’s Jahresbericht, 
erster Jahrgang 1885, S. 101). Hervorgehoben zu werden verdient noch der 
constante Befund des Staphylocoecus pyog. aureus in den Variola- und 
Varicellenpusteln, und zwar hinsichtlich der Frage nach der Herkunft des¬ 
selben in den geschlossenen Bläschen. Eine Einwanderung von aussen an 
Ort und Stelle ist doch bei den verbreiteten Ausschlägen ausgeschlossen. 
Liegt- hier eine metastatische Verschleppung von den Lungen oder dem 
Verdauungstractus vor? 


Der lmpfproce88 in seinem örtlichen und constitutionellen Ablauf. 

Besnier Jales. Ueber die ßevaccination jugendlicher Individuen und die 
verschiedenen Einflüsse, welche den ßevaccinationserfolg beeinflussen 


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der Vaccinationslehre. 


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können. — Revue mensuelle des maladies de l'enfance. Janv.- u. 
Fevr. 1886. 

Die Revaccinationserfolge bei Schulkindern hängen ab von der Wachs¬ 
thumperiode, der Lebensweise, dem Aufenthalte in Schulräumen. Gewisse 
Krankheiten, z. 6. Typhus, begünstigen, andere, wie Rötbeln oder chronischer 
Natur schwächen den Einfluss der Vaccine. (Ueber die Complicationen des 
Vaccineprocesses handelt ausführlich und klar Bolm: Handbuch der Vacci- 
nation S. 185 ff., Ref.) Das Maximum der Variola- und Vaccine-Empfäng¬ 
lichkeit bei nur einmal (in der frühesten Jugend) Geimpften liegt zwischen 
dem 15.—20. Jahre. Bei Erwachsenen erlischt die Empfänglichkeit [das ist 
zweifellos ein Irrthum') Ref.] Die Wiederimpfung solle obligatorisch sein, 
besonders wo die jungen Leute zusammen wohnen; als Impfstoff sei allein 
Kuhlymphe zu empfehlen. 

Pathologie der Impfung. 

1. Bristowe, Humphry, Hutchinson und Ballard. Bericht über Dr. Cory’s 
Selbstimpfung und Infection mit Lymphe von syphilitischen Kindern. — 
Supplement to the twelfth annual Report of the Local Government 
Board 1882-1883. London 1883. 

2. Notiz über einen Fall von vaccinaler Syphilisirung aus dem Gross- 
herzogthum Baden. — Veröffentl. d. k. Ges.-Amtes. 1886, Nr. 10. S. 134 
und Nr. 51, S. 752. 

3. Lflrmann. Eine Icterusepidemie. Berl. klin. Wocbenschr. 1885, Nr. 2. 

4. Jehn. Eine Icterusepidemie in wahrscheinlichem Zusammenhang mit 
vorausgegangener Revaccination. D. med. Wochenschr. 1885, Nr. 20. 

ö. Gattmann S. — Markus — Heinrich. Erkrankungen nach der Schutz¬ 
pockenimpfung auf der Insel Rügen. — D. med. Wochenschr. 1885 
Nr. 43, 44, 45. 

6. Pogge 0. Zur Pathogenese der Wittower Hautkrankheit. — Ibid. Nr. 49. 

7. Die nach der diesjährigen Schutzpockenimpfung auf der Halbinsel 
Wittow (Rügen) aufgetretene Massenerkrankung. — Veröffentl. des k. 
Ges.-Amtes, 1885, Nr. 24 u. 25. 

8. Gerönne. Ueber Impetigo contagiosa. — Referat in der 31. Conferenz 
d. Med.-Beamten d. Reg.-B. Düsseldorf am 1. Mai 1886. — D. med. 
Wochenschr. 1886 Nr. 30. 

9. MartLneao. Ueber Impfausschläge. — Journal de med. de Paris. 13. 
Dec. 1885, S. 729. 

Wenn wir über den von den vier englischen Autoren (1) genau beob¬ 
achteten und beschriebenen älteren Fall von experimenteller Selbstinfection 

') S. Wolffbcrg: Untersuchungen zur Theorie des Impfschutzes etc. 
Ergänzungshefte zum Centralbl. f. allgcm. Gesundheitspflege, 1. Bd. 4. Hft. 
Bonn 1885. 


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Bericht über ilie Leistungen auf dem Gebiete 


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mit Lymphe syphilitischer Kinder noch referiren, so geschieht es, weil derselbe 
noch nicht die genügende Berücksichtigung gefunden. Es ist die erste expe¬ 
rimentell geglückte Iufcction unter den hunderten von Versuchen, die nach 
dieser Richtung gemacht worden sind (s. Bohn’s Handbuch) und es ist 
höchst bemerkeuswerth und ein Beweis der selteu zutreffenden Bedingungen 
des Zustandekommens einer vaecinalcn Sypliilisirung, dass auch Dr. Cory, der 
Experimentator, erst bei der vierten Impfung positiven Erfolg erzielte. 
Freilich haben auch diese Experimente einen Anhaltspunkt für diese Bedin¬ 
gungen nicht erbracht. Cory wollte die Unschädlichkeit der Lymphe Syphi¬ 
litischer erweisen, wenn kein Blut mitverimpft wird, also die Viennois’sche 
Theorie bestätigen. Um diesen Preis hätte er allerdings seine Gesundheit 
schonen können; denn diese Theorie war schon vor ihm unhaltbar. Die 
Impfungen verliefen folgendermassen. Nach der ersten Impfung von einem 
syphilitischen Kinde (1878) traten nur normal verlaufende Vaccinen auf. 
Die zweite Impfung (am 5. November 1879) au einem syphilitischen Kinde, 
das vier Tage mit Merkur behandelt worden war, war ganz negativ, ebenso 
die dritte (am 11. Mai 1881) an einem einer ordentlichen Merkurbehand- 
lung unterzogenen syphilitischen Kinde. Beim vierten Experimente (am 
6. Juli 1881) liess sich Cory an drei Stellen des Vorderarmes von einem 
noch mit syphilitischen Affectionen behafteten Kinde mit aller Vorsicht 
dass kein Blut der Lymphe beigemischt war, impfen. Es entstanden keine 
Vaccinen, dagegen am 36. Juli (also 21 Tage nach der Vaceination) rothe 
Papeln an den Impfstellen, die am 11. August zu Plaques geworden waren. 
Trotz Excisiou derselben erschien am 31. August Koscola, die vier Tage 
stand, worauf sich Cory einer antisyphilitischen Cur unterzog. 

Den neuesten Fall von Impfsyphilis theilen die Veröffentlichungen des 
k. D. Ges.-Amtes (2) in einer kurzen Notiz mit, in der es nur heisst, dass 
ein Bezirksarzt in Tauberbischofsheim (Grossherzogthum Baden) gegen Ende 
des Jahres 1885 „von dem unehelichen Kinde einer sittenlosen Dirne* ab¬ 
impfte, der Fall aber noch in der Untersuchung schwebe. Seitdem ist Nä¬ 
heres über denselben nicht bekannt gemacht worden, der aber laut obiger 
Notiz jedenfalls der grossen Reihe der sicher vermeidbaren (nach des lief. 
Zusammenstellungen im Acrztl. Vereinsblatt Nov. 1879 von 42 Fällen 25) 
zuzuzähleu .ist.*) 

! ) Seither berichten die Verüff. d. k. Ges.-Amtes 1886, Nr. 51, unter 
Bezugnahme auf „Aerztliche Mittheilungen aus Baden* 1886, 21 und 22 de* 
Weiteren über diesen Fall, dass der Stanmiiinpfling wohl ausserehelich geboren, 
aber der Mutter ein liederliches Leben nicht nachgewiesen werden konnte. 
Das Landgericht Mosbach habe den betreffenden Impfarzt aus Mangel 
genügender Vordach tsgründe in tliatsächlicher Beziehung ausser Verfolgung 
gesetzt. Die Beachtung der gesetzlichen Vorschrift (nicht von unehelichen 
Kindern abzuimpfen) würde nun zwar auch diesen Fall von vaccineller 
Syphilis vermeidbar gemacht haben, immerhin aber ist doch das negative 


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der Vaccinationslelire. 


345 


Eine bisher noch nicht bekannt gewesene Complication der Vaccina- 
tiou — die mit Ikterus — ist, und zwar seltsamerweise in demselben Jahre 
(1885), in zwei verschiedenen Epidemien von Lörmann und vonJehn beob¬ 
achtet worden. Die von L. (3) beschriebene betraf das Personal der Actien- 
Gesellschaft für Masehinen-Schiffsbau und Eisengiesserei „Weser“ in Bremen. 
Die Erkrankungen au Gelbsucht ereigneten sich vom October 1883 bis April 
1884 und es kamen von 1200 bis 1500 Arbeitern 191 zur Beobachtung. 
Einige Erkrankte hatten sich der Behandlung entzogen. Die Erkrankten 
gekurten dem Comptoirpersonal, den Technikern, sonstigen Beamten, den 
Meistern und Arbeitern an, und waren in den verschiedenen Localitäteu 
«ler Fabriksgebäude, ein Theil auch im Freien beschäftigt. Sie wohnten 
theils auf dem Lande, theils in der Stadt. In zwei benachbarten Etablisse¬ 
ments kam kein Fall von Gelbsucht vor. Das benutzte Trinkwasser war gut, 
die Fäcalien - Abfuhr und die Desinfection der Eimeranlagen ordnungs- 
mässig. Ernährungsfehler waren nicht nachweislich, auch waren die Lebens¬ 
verkältnisse der Befallenen ganz verschieden. Die Krankheit begann als 
Magen-, resp. Magen-Darmkatarrh von wenigstens achttägiger, manchmal 
auch liiehrwöchentlieher Dauer. Darnach trat Gelbsucht auf (tief gelb-grünes 
Haut- und Conjunctiva-Colorit, gallenfarbstufffreie Fäces, die sich vielfach 
nach wenigen Tagen wieder normal färbten, Urin ikterisch, gallenfarbstoff-, 
nicht immer gallensäurehaltig). Die Leber war nicht vergrössert, der Pro¬ 
zess verlief afcbril. Hochgradige Abmagerung und Kräfteverfall. Einmal 
Cholämie, kein Todesfall. Lürmann glaubt nun aus statistischen Gründen 
die am 13. August bis 1. September 1883 vollzogene ltevaceination sämmt- 
liclier im Etablissement Angestellten als Ursache des Ikterus ansehen zu 
können. Der Impfung wurden 1339 Personen unterzogen. Von diesen erkrank¬ 
ten unter 1289 am 13. August Geimpften 190, unter 50 vom 14. August bis 
1. September Geimpften 1. Die Impfung geschah durch 6 Aerzte mit hu- 
manisirter Glycerinlymphe, deren Herkunft (sie war vom Apotheker Barba¬ 
rin in Berlin bezogen) nicht bekannt war. Es war gleichgiltig ob die Im¬ 
pfung Erfolg hatte oder nicht; bei den meisten Geimpften war sie erfolg¬ 
los. Unter den vor den Impfteiminen entlassenen und den nach denselben 
Angestellten kam kein lkterusfall vor, wohl aber unter solchen, die kurz 
vor dem 13. August angestellt, und solchen, die kurz vor dem 13. August 
entlassen wurden. Auch die geimpfte Frau und der geimpfte Sohn des 
Portiers wurde gelbsüchtig. Die Incubationszeit zwischen der Impfung und 
dem Ikterus schwankte zwischen 2 bis 8 Monaten. Bis zum Beginne der 
gastrischen Prodromal - Erscheinungen bestand volle Gesundheit. Von 87 
von anderen Aerzten und mit anderer Lymphe Geimpften erkrankte keiner, 
ebenso keiner von 500 nach den Impfterminen bis April 1884 neu einge¬ 
stellten Arbeitern. Lürman sagt: „Die Frage nach der Aetiologie ist nach 

Resultat der ätiologischen Untersuchung eine neue Mahnung der humani- 
sirten Lymphe thunlichst zu entsagen. 


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346 


Bericht über die Leistungen ;iuf dem (jebiete 


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den angeführten Daten wohl nicht leicht zu beantworten. Eine Erklärung für 
diesen sonderbaren Causalnexus zu geben, sehe ich mich vorläufig ausser 
Stande.“ 

Auch für die zweite von Jehn (4) beschriebene, vom August bis zum 
November 1883 (also gleichzeitig mit der Bremer) beobachtete Ikterus- 
epidemie in Merzig war keine in den hygienischen Verhältnissen der Anstalt 
liegende Veranlassung nachweislich. Es wurden von der circa 510 Köpfe 
starken Anstaltsbevölkcruag 144 (circa 30 pc.) ikterisch, 6 Fälle er¬ 
eigneten sich nach der Entlassung aus der Anstalt. Die unter ganz denselben 
Verhältnissen lebenden mit ihren Familien 10 pc. der Gesammtbevöl- 
kerung ausmachenden Beamtenfamilien und Bediensteten wiesen gar keine 
Krankheitsfälle auf. Auch hier gingen in den meisten Fällen deutliche Er¬ 
scheinungen gastrischer Reizung voraus. Diese wie der folgende Ikterus 
verliefen meist leicht. Nur einige Fälle verliefen schwer mit heftigerem 
Fieber, schwereren gastrischen Erscheinungen, Leber- und Milzschwellung. 
Bei einigen Kranken kam es im späteren Verlaufe zu Nephritis mit Ascites 
und allgemeinen Oedemen. Die schwereren Fälle recidivirten, die Fäces ohne 
Gallenpigment, der Urin gallenfarbstoffhaltig. Jehn geht nun alle in der 
Literatur (Fröhlich über Ikterusepidemicn. D. Archiv f. klin. med. 1879 
p. 394) aufgeführte ätiologische Momente für die Entwickelung des epidemi¬ 
schen Ikterus durch und findet, dass sie alle hier nicht zutreffen. So musste _ 
nach anderen, für die spccielle Anstaltsbevölkerung allgemein wirksamen 
Agentien gesucht werden. Die stets bereite vox populi bezeichnete denn 
auch geschäftig eine am 5. bis 6. resp. 21. Mai 1883 vorgenommene all¬ 
gemeine Impfung als die Ursache des Ikterus. In dieser Zeit hatte aller¬ 
dings eine Impfung sämmtlicher Kranker und des mit denselben verkehrenden 
Personales (mit concentrirter Glycerinlymphe von Dr. Meinhofin Pieschen) 
stattgefunden. Der Impfverlauf bot nichts ungewöhnliches. Aber die über¬ 
raschende Analogie, zwischen der Merziger und der Bremer Epidemie 
liessen J. schliesslich dahin kommen, einen Zusammenhang zwischen der 
Impfung und dem Ikterus hier für überaus wahrscheinlich zu halten. Auch 
in Merzig sind alle an Ikterus Erkrankte geimpft worden und die wenigen 
nicht geimpften Kranken blieben verschont. Die Iucubationszeit zwischen 
Impfung und Erkrankung würde sich auf circa vier Monate stellen. Die 
Abhängigkeit des Ikterus von der Pustelbildung zeigt ein umgekehrtes 
Verhältniss, als in Bremen, indem von den mit Erfolg geimpften 40 Per¬ 
cent, von den ohne Pustclbildung Gebliebenen nur 8 Percent erkrankten. 
Völlig unklar ist die Natur des Virus: die Lymphe allein ist bei der Selten¬ 
heit des Vorkommnisses nicht wohl zu beschuldigeu. Man könnte eher an 
das Glycerin, eventuelle Zersetzungen oder Verunreinigungen denken und 
angesichts der verbreiteten Anwendung der Glycerinlymphe zumal bei 
Massenimpfungeu manche der beobachteten Ikterusepidemien, namentlich 
bei Rekruten mit der Impfung in Zusammenhang bringen. Uebrigens ist 


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rler YiicririalionsJekre. 


347 


doch auch an die im Jahre 1883 mit seinen jähen Temperaturwechseln 
vielfach herrschenden Intestinalcrkraiikungen zu erinnern. Die Frage, ob 
es sich in den Bremer und Merziger Fällen um hepatogenen oder hämato¬ 
genen Ikterus gehandelt, ist nicht leicht zu beantworten. Mit Rücksicht auf 
die supponirte Ursache (das Glycerin der Lymphe) und das spätere Fehlen der 
gastrischen Erscheinungen ist der hämatogene Ursprung wahrscheinlich. 

Viel Aufsehens wurde von dem in der Impfzeit des Jahres 1885 auf der 
Halbinsel Wittow (Rügen) zum Ausbruch gekommenen Massenerkrankung an 
Impetigo contagiosa gemacht. Nach den Mitteilungen unter 5 und 7 war der 
Sachverhalt folgender: Iu acht verschiedenen Ortschaften der HalbinselWittow 
erkrankten nach der im Juni 1885 von dem Impfarzt Ebert-Altenkirchen 
ausgeführten Impfung im Ganzen 342 Individuen (zumeist Säuglinge und ältere 
Kinder, und 17 Erwachsene) an einem Hautausschlage in der Form von erbsen- 
bis bulinengrossen Bläschen, die bei den Impflingeu zwischen dem neunten 
bis achtzehnten Tage nach der Impfung und zuerst am Oberarm in der Nähe 
der linpfpocken, dann in weiterer Verbreitung über dem ganzen Körper 
auftraten. Dieselben waren mit klarem, dann sich trübendem Inhalte gefüllt, 
platzten nach einigen Tagen und bildeten Schorfe, die ohne Narben zu 
hinterlassen, abfielen. Entzündung und Infiltration, Juckreiz fehlten oder 
waren sehr gering. Die beobachteten Drüsen schwollen nicht selten raässig 
an. Nur in einem Falle trat Eiterung ein. Der Ausschlag erschien am 
häufigsten im Gesichte, (vor allem am Kinn, Wangen, Mundwinkel, unterhalb 
der Nasenwinkel), dann auf der Rückseite der Unterarme, Hände und Beine, 
sowie auf dem Rücken, vorzugsweise auf der Brustbeingegend, seltener auf 
der vorderen Seite des Rumpfes und der Glieder. In etwa acht Fällen fand 
sich ein ähnlicher Ausschlag auf dem behaarten Theil des Kopfes vor. Bei 
den Erwachsenen war der Ausschlag meist auf die Infcctionsstellen be¬ 
schränkt. Er hatte hohe Ansteckungsfähigkeit: von den Säuglingen wurden 
Geschwister und Eltern, sowie Kindermädchen angesteckt, Schulkinder über¬ 
trugen sie auf Nachbarn. Es bestand nur selten massiges Eruptionsfieber. 
Das Allgemeinbefinden blieb ungestört. Alle Fälle gelangten unter einfachen 
Salbenverbänden zur Heilung. Der Ausschlag charakterisirte sich somit als 
Impetigo contagiosa. Die Impfpusteln waren aber nur in geringen Fällen 
normal, so dass nur von zwei Kindern weiter geimpft werden konnte. Diese 
zwei sowie die Abgeimpften blieben gesund. In den meisten Fällen sind 
die Pusteln nicht gehörig zur Ausbildung gekommen oder bei der Revision 
(am achten Tage) schon geborsten gewesen. Wegen der schlechten Ent¬ 
wickelung der Pusteln hat auch die Narbenbildung zurückgestanden. Epi¬ 
demische Krankheiten oder Ausschläge herrschten zur Zeit der Impfung in 
den betreffenden Gegenden von Rügen nicht, von den Impflingen bot keiner 
äussere Zeichen von Krankheit. Die Impfung (mittelst Stich) soll mit den 
erforderlichen antiseptischen Cautelen vorgenommen worden sein. Zum Ver¬ 
band der Impfwunden wurde reines Oel oder Carbolöl empfohlen. Die Impf¬ 
lymphe stammte aus dem Impfinstitut in Stettin. Sie stammte von zwei 
Yierteljabtesßcbrifi f. Dermatol, u. Sypb. 18S7. 23 


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Bericht Uber die Leistungen auf dem Gebiete 


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Kindern aus Züllchow bei Stettin nnd war mit Thymollösung (1:1000) im 
Verhältnis von 2 (Lymphe): i (Thymol) verdünnt. Die Stammimpflinge 
waren zur Zeit der Lympheabnahme wie bei späterer Revision gesnnd. 
Aber an ihrem Heimatsorte Züllchow litten allerdings — wie anfangs 
October eingeleitete Nachforschungen ergaben — ungewöhnlich viele Kinder 
an Ausschlag oder Schorfen im Gesicht, auf der behaarten Kopfhaut, mit¬ 
unter auch am Handrücken oder den Armen und Beinen. Auch entstanden 
bei einer Anzahl von Kindern, die an anderen Orten mit Lymphe von dem¬ 
selben Stammimpflinge geimpft worden waren, kürzere oder längere Zeit 
nach der Impfung verschiedene Hautaffectionen („eitrige, leicht entzündete 
Flächen, die meist einige Wochen zur Heilung gebrauchten“, „etwas Aus¬ 
schlag“, „ein wenig ausgebreitetes Eczem am Naseneingang“, „ein bläschen¬ 
förmiges Eczem am Oberarm und Halse, das längere Zeit andauerte“, ein 
rupiaähnliches Eczem, welches zur Zeit der nachträglichen Ermittlung 
noch am Kopf und an den Extremitäten nachweislich war“, „kleine eiternde 
und mit eingetrocknetem Eiter incrustirte Gescliwürchen, die mehrere Wochen 
zur Heilung bedurften“). Indess ist die Identität dieser Erscheinungen mit 
der Wittower Krankheit doch zweifelhaft. Derselbe iinplärzt hatte zu 
gleicher Zeit und in derselben Gegend zahlreiche Kinder thcils mit Thier¬ 
lymphe, theils mit aus anderen Quellen bezogener humanisirtcr Lymphe 
geimpft, auch diesen Lymphen das der inficirendeu zugesetzte Glyce- 
rinum purissimum zugesetzt, aber alle diese anderen Impflinge blieben 
ausschlagfrei, während eben nur von den 79 mit der Stettiner Lymphe 
geimpften Erstimpflingen 75 an dem Ausschlage erkrankten. Die zum 
Zwecke der Untersuchung dieser Massenerkrankung von der Staatsregie¬ 
rung nach Rügen entsendete Commission kam übereinstimmend zu der 
Ansicht, dass der Ausbruch der Krankheit mit der Impfung in ursächlichem 
Zusammenhänge gestanden habe. Worin die fehlerhafte Beschaffenheit der 
Lymphe bestanden, darüber war nichts zu ermitteln. Ref. möchte besonders 
den Umstand als massgebend für den Zusammenhang des Ausschlages mit 
der Impfung hervorheben, dass die ersten Ausbrüche der Pusteln stets am 
Oberarm in der Nähe des Impffeldes auftraten. Bezüglich der Herkunft des 
Infectionsstoffes ist doch an den Heimatsort der Stammimpflinge zu denken, 
an dem sehr ähnliche Erscheinungen herrschten. Darauf weisen auch — 
bei der vollkommenen Abwesenheit aller ätiologischen Momente in Wittow 
selbst — die durchaus abnormen Vorgänge bei den Impfungen mit der 
gleichen Stammlymphe an anderen Orten hin. Bei dieser Gelegenheit sei 
auch auf die im Grossen gewiss über Erwarten häufigen Abnormitäten im 
Impfverlauf hingewiesen, die wegen fehlender Beobachtung der Impflinge 
nach deren Revision meist unbekannt bleiben, oder wenigstens nicht registrirt 
werden. So wäre es eben auch bezüglich der grossen Reihe der Störungen 
geschehen, die nach der an mehreren Orten geschehenen Verimpfung der Stet¬ 
tiner Lymphe sich ereigneten, wenn nicht eine amtliche Nachforschung stattge- 
funden hätte. Aehnliche Abweichungen im Impfverlaufc sind sicher nicht 


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der Vaccinationslehre. 


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selten and, wenn dieselben auch in den allermeisten Fällen ohne nachhal¬ 
tige Folgen fflr die Impflinge bleiben, 60 geben sie durch ihre Häufigkeit 

— abgesehen von dem pathologischen Interesse — doch einen kräftigen 
Anstoss zur Ermittelung einer allgemein anwendbaren systematischen Impf- 
antiseptik. 

Markus und Heinrich (5) machen Mittheilungen von gleichen 
ebenfalls epidemisch aufgetretenen Erkrankungen, die nachweislich mit der 
Impfung nicht in Verbindung standen. Ersterer erinnert auch an das gleiche 

— von den Iinpfgcgncrn als Syphilis bezeichnete — Vorkommnis» in Hirs- 
landen und Risbach (Schweiz) im Jahre 1881, das ebenfalls keinen genetischen 
Zusammenhang mit der Impfung batte. 

Pogge(6) hat den Bläscheninhalt eines Wittower Falles von Impetigo 
contagiosa mikroskopisch und bacteriologisch (durch Verimpfung auf Gelatine, 
Kartoffeln und in Bouillon) untersucht. Die erste Entnahme des Inhalts (mit dem 
unteren Ende eines Schwefelhölzchens, das iu einem reinen Fläschchen trans- 
portirt wurde) war allerdings nicht vorwurfsfrei. Eine zweite Sendung befand 
sich in mehreren gut verschlossenen Lymphröhrchen. Eine dritte Portion ent¬ 
nahm P. selbst in Wittow unter aseptischen Cautelen, aber schon von ver- 
schorften Fällen nach Abhebung des Schorfes. Stets fanden sich Coccen (im 
Bouillontropfen in der Form von Diplococcen), die schon durch ihre grosse Zahl 
bewiesen, dass sie dem Krankheitsprodukte angehörteu und nicht von aussen 
zufällig hineingelaugt waren. Alle Gelatine- und Plattenculturen waren unter 
einander gleich. Die Coccen verflüssigten die Gelatine. Auch auf Kartoffeln 
wuchs der Coccus recht gut als erst hellbraune, später dunkelbraune Colonien. 
Die Verimpfung der Bcinculturen auf einen 49 Jahre alten Mann und auf 
P. selbst ergab ein den Wittower Erscheinungen höchst ähnliches Krank¬ 
heitsbild. Eine Uebertragung des Secretes einer künstlich erzeugten Pustel 
auf Gelatine und von dieser auf das verschiedene Nährmaterial gab wieder 
denselben Coccus. P. hält denselben für die Ursache der Wittower Erkrankung, 
will aber die Untersuchung weiter fortsetzen und später des Weiteren 
berichten. 

Gdrönne (8) machte in der 31. Conferenz der Medicinal-Beamten 
des Regierungs-Bezirks Düsseldorf ausführliche Mittheilung von gleichen Er¬ 
krankungen an Impetigo contagiosa, die seit mehreren Jahren an verschie¬ 
denen Orten am Niederrhein und auch im Kreise Cleve in einzelnen Fällen 
vorkamen, im letzteren aber seit den öffentlichen Impfungen im Juni 1885 
(also zur selben Zeit wie in Wittow, Ref.) einen epidemischen Verlauf an- 
nabmen. Im Ganzen kamen 634 Erkrankungen bei Schulkindern in 18 Ort¬ 
schaften des Kreises zur Kenntniss. Unter Hinzurechnung der erkrankten 
nicht schulpflichtigen Kinder und Erwachsenen betrug die Gesammtzahl der 
Eikrankungen über 1000. Form und Verlauf der Affection war im Grossen 
und Ganzen der Wittower gleich. Der benützten Lymphe (conservirte ani- 


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Bericht Uber die Leistungen auf dem Gebiete 


male vom Apotheker Aehle in Bern) kann an der Epidemie keine Schulri 
beigemessen werden; denn sie hatte überall, wo sie zur Verwendung kam, 
eine vorzügliche Wirkung, die Pustclentwicklung war die gewöhnliche, nir¬ 
gend ein anderer Ausschlag an den Impfstellen. (In den Wittower 
Fällen begann der Process stets an dem geimpften Oberarm, ein, wie schon 
bemerkt, wichtiger Fingerzeig für den directcn Zusammenhang jener Er¬ 
krankungen mit der verwendeten Lymphe. Ref.) Ausserdem blieb ein Th eil 
der geimpften Kinder verschont, während viele der früher geimpften, be¬ 
ziehungsweise nicht geimpften Kinder befallen wurden. Eher kann die 
Impfmethode trotz sorgfältiger Reinigung der Impflancctte nach jeder 
Impfung für die Verbreitung des Ausschlages verantwortlich gemacht wer¬ 
den. Die Arme der Impflinge sind häufig nicht rein. Aetiologisch uoch be¬ 
deutungsvoller ist die Anhäufung vieler Kinder im Impflocale, in den 
Nachbarhäusern und Schenken. Tbatsächlich haben an einem Orte (in 
Keckeu) Kinder wegen Eczema impetiginosum (Hebra) bei der Impfung 
Ordinationen erhalten. Jedenfalls sind ausser Reinhaltung der Impflanzetten 
und Reinigung der Impfstellen Impflinge mit Ausschlagformen von den Impf¬ 
terminen auszuscliliessen. Diese Mittheilungen Göronne's sind mit Rück¬ 
sicht auf die andere Art der Entstehung der epidemischen Ausbreitung der 
impetigo contagiosa von grossem Interesse: in Wittow war es höchstwahr¬ 
scheinlich die Lymphe selbst, hier Uebertragung von Person zu Person, 
dort Beginn der Eruptionen in der Umgebung der Impfstellen, hier im Kreise 
Cleve nicht. Aber auch diese Epidemie macht, wie G. mit Recht hervorhebt, 
die Forderung systematischer Antiseptik der Impfung zu einer dringenden. 

Martineau (9) beschreibt (in der Sitzung der Gesellschaft für Gy¬ 
näkologie und Geburtskunde in Paris vom 12. November 1885) ein „poly¬ 
morphes Impferythem“ bei einem 2'/. Monate, anscheinend gesunden, mit 
Kuhlymphe geimpften Kinde. Die normalen Vaccinen gingen am 9. Tage 
auffallend zurück, um einem sich über den ganzen Körper ausbreiten¬ 
den Erythem Platz zu machen. Dasselbe zeigte sich in Reihen von Flecken 
und Papeln, an einzelnen Stellen in ringförmigen Zeichnungen, an den 
Fusssohlen und Haudflächen als „glührotlie“ Flecke. Charpantier hat 
diese Form des Erythem etwa 10 Mal unter 1000 animal geimpften Kin¬ 
dern beobachtet, hauptsächlich bei solchen unter zwei Monaten. Der Aus¬ 
schlag sehe zuweilen einem Masernexanthem völlig ähnlich. Es handle sich 
zweifellos um eine Infection. Dumontpallier meint, dass dieser Ausschlag 
nur bei Erwachsenen und vor Allem nur bei Rcvaccinisten anzutreffen sei. Das 
besondere Befallensein der vola und planta sei durch die daselbst zahl¬ 
reichen Schweissdrüsen zu erklären. 

Die staatliche Administration der Impfung. 

Schmidt G. und LüfTler A. Jahresbericht des Wiener Stadtphysikats über 
seine Amtsthätigkeit, sowie über die Gesundheitsverhältnisse Wiens 


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der Vaccinationsleiire. 


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und der städtischen Humanitäts-Anstalten im Jahre 1883 und 1884. 
Wien 1885 bei W. Braumüller. — Bespr. von M. Pi stör in Viertel- 
jahresschr. für öffentl. Ges.-Pflege. 18. Bd. 3. H. S. 496. 

Pistor hebt aus diesem Berichte die Mittheilungen über die Aus¬ 
führung der Schutzpocken-Impfung besonders hervor. Bekanntlich besteht 
in Oesterreich kein Impfzwang und als Folge davon der häufige Ausbruch 
und die Verbreitung der natürlichen Blattern. Von 1871—80 sind in Wien 
mehr als 9000 Pockentodesfälle vorgekommen, während die Cholera in den 
Jahren 1854, 1855, 1866 und 1873 nur 8725 Menschen hinwegraffte. Die 
Mangelhaftigkeit der Impfung in Wien ergibt sich daraus, dass von den 
1884 lebend geborenen 27102 Kindern im Ganzen 8212 mit Erfolg geimpft 
worden sind. „Von den Wiederimpfungen lässt sich überhaupt kaum spre¬ 
chen“, derselben haben Bich unterzogen: 1882 3074 Personen, 1884 156 
Personen, 1876 sogar nur 105 Personen. Trotzdem ist es dem Physikat 
nicht gelungen, die von ihm vorgeschlagenen Massregeln durchzusetzen, 
nämlich die Wiener Polizeibehörden zu veranlassen, jährliche Nachweisungen 
der bis dahin ungeimpft gebliebenen Kinder einzureichen und den Ange¬ 
hörigen der letzteren die Impftermine durch mündliche und schriftliche Be¬ 
kanntmachung mitzutheilen. Mit Recht hebt Pistor hervor, wie sehr eine 
sachgemässe Regelung der Impfung in Oesterreich (Impfzwang, Revaccina- 
tion bei Anwendung von Kälberlymphe) auch im Interesse der deutschen 
Nachbarländer gelegen wäre. Versuche mit Erzeugung und Verwendung 
animaler Lymphe hat man auch in Wien während der letzten Jahre mit 
gutem Erfolge gemacht. Die Stadt gab dem animalischen Impfinstitute des 
Impfarztes Hay einen jährlichen Zuschuss von 2000 Gulden. 

KOnne. Beitrag zu den neueren Fragen über das Impfwesen. — Aerztl. 
Vereinsblatt, Nov. 1886. 

K. erscheint es „durchaus wünschenswerth, dass sich auch die prak¬ 
tischen Aerzte, zumal diejenigen, die sich mit dem Impfgeschäft eingehen¬ 
der befasst haben“, zu den von der 1884 zur Reichsimpfcommission aufge¬ 
stellten Beschlüssen und Thesen, die ja für die reichsgesetzliche Erledigung 
wie für die erforderlichen Regulativen unzweifelhaft massgebend sein wer¬ 
den, Stellung nehmen. K. selbst thut dies zunächst gegenüber der geplan¬ 
ten obligatorischen Einführung der animalen Lymphe. Wohl sei die Mög¬ 
lichkeit der vaccinalen Syphilisation ein ausreichender Grund, soviel wie 
eben möglich, die Thierlymphe zu verwenden, aber ausnahmsweise solle 
auch die humanisirte Lymphe zulässig sein. Die letzterer theilweise in der 
genannten Commission gemachten Vorwürfe träfen entweder auch die ani¬ 
male (wie die Uebertragung des Erysipels, septischer, eiteriger, ulceröser 
Processe), oder, falls man die Impfthiere schon um der Entwerthung des 
Fleisches zu entgehen, nicht direct nach der Abnahme der Lymphe schlachte, 
sondern noch bis zur Heilung des Impffeldes beobachte, sinke in Folge 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


der nothwendig gewordenen längeren Aufbewahrung der Lymphe deren 
Haftungsfähigkeit. Die unsichere Haftung der animalen Lymphe bleibe 
trotz aller Versicherungen des Reichs-Gesundheitsamtes als wichtiger Vor¬ 
wurf bestehen. „In der Retrovaccination scheint ebensowenig das Heil zu 
liegen, wie in dem möglichst frischen Gebrauch der gewonnenen Lymphe.“ In 
einem grossen Zahlenmaterial mit geringen Fehlimpfungen, wie es verschie¬ 
dene Züchtungsanstalten veröffentlichen, verlieren sich auch recht schlechte 
Einzelntermine vollkommen und das Resultat allgemein schlechter Jahre 
wird schwerlich veröffentlicht. „Diese Inconstanz der Wirkung der animalen 
Lymphe wird wohl allgemein zugestanden werden müssen.“ Künne will 
also, dass mindestens in Zeiten drohender Pocken-Epidemien auch bei den 
öffentlichen Impfungen humanisirte Lymphe erlaubt werde, sobald die vor¬ 
handene animale Lymphe eine Unzaverlässigkeit des Erfolges gezeigt habe. 
Auf diese Einwendungen Künne’s ist zu erwidern, dass das Erysipelas 
verum beim Rinde wahrscheinlich gar nicht, jedenfalls nur in seltenen Aus¬ 
nahmefällen vorkommt (s. das obige Referat über Pfeiffer’s Abhandlung: 
Ueber die Nothwendigkeit einer thierärztlichen Untersuchung der Impfkälber), 
dass also die Schlachtung der Impfkälber — wie in den meisten Anstalten 
geschieht — bald nach der Lymphabnahme geschehen kann (bei der Ein- 
zelpockenimpfnng auch ohne den Fleischwerth zu drücken), dass aber auch 
abgesehen von dieser Zulässigkeit die heutige Lymphpräparation so weit 
ist, dass eine mehrtägige Aufbewahrung dem Impfwerth sicher keinen Ein¬ 
trag tliut. Ueberhaupt aber ist Eünne's Ansicht bezüglich der Haftsicher¬ 
heit der animalen Lymphe eine zu pessimistische. Anstalten, deren Leiter 
sich genügende Uebung der Gesaromttechnik angeeignet und gewissenhaft 
arbeiten, produciren ein Präparat, das allen billigen Anforderungen entspricht, 
z. B. die Hamburger, Bemburger, die Frankenberger, Strassburger, Metzer. Was 
den Werth der Conserven zu beeinträchtigen scheint, ist deren weitere Versen¬ 
dung. Ref. hat desshalb (in seiner Schrift: Die animalische Vaccination in 
ihrer technischen Entwicklung) die Einrichtung von Localinstituten für nicht 
zu grosse Bezirke für nothwendig erachtet, und wenn dieselben eine Zeitlang 
(Deutl verlangt — wohl zu reichlich bemessen — 2 Jahre) im Betriebe gewesen 
und Probeimpfungen gemacht, so ist eine bedenkliche Schwankung in der 
Güte des Produktes nicht mehr zu besorgen. Auch die conservirte humanisirte 
Lymphe lässt vielfach im Stich. Es ist auch nicht zu bestimmen, wann man 
die Nothwendigkeit humanisirte Lymphe zu verwenden für gekommen er¬ 
achten soll. Künne meint: bei drohenden Pockenepidemien, sobald die vor¬ 
handene animale Lymphe eine Unzuverlässigkeit des Erfolges gezeigt habe. 
Aber die nächste Portion des zu verwendenden Stoffes kann sich vollkom¬ 
men wirksam erweisen. Unbeschadet dieser grösseren Zuversicht in die 
Brauchbarkeit der animalen Lymphe ist aber auch Referent der Meinung, 
dass in Zeiten des Misswachses der animalen Lymphe oder von Störungen 
im Betriebe einzelner Anstalten (z. B. io Folge von Erkrankungen einer 
Reihe von Impfthieren) ein Zurückgreifen auf die humanisirte Lymphe vorüber- 


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d(T Vaccinationslehre. 


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gehend nothwendig werden dürfte, aber im Grossen und Ganzen wird die 
animale Vaccination ohne Anstand durchführbar sein, wenn erst die gehö¬ 
rige Anzahl von Anstalten unter tüchtiger Leitung geschaffen sein wird. Künne 
wendet sich sodann gegen den Beschluss der Commission, dass bei Erstimpfun¬ 
gen 3—5 seichte Schnitte von 1 Ctra. Länge an jedem Arme, bei Wieder¬ 
impfungen 5—8 seichte Schnitte anf einem Arm gemacht werden sollen. 
Künne meint, dass die verlangte Zahl der Pocken mit den mitgetheilten 
Beobachtungen, denen zu Folge der Schutz nur bis zur Zahl von 4—5 Pocken 
sich in einem steigenden Procentsatz ausdrücken soll, in Widerspruch 
stehe; man sollte also nur diese letztere Zahl von Impfstichcn vorschreiben 
und lieber eine Impfmethode wählen, die einen möglichst grossen Schnitt¬ 
erfolg garantire. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass eine Reihe von Erfah¬ 
rungen') existiren, nach denen ein zuverlässiger und andauernder Schutz erst 
bei zehn Pocken eintritt, und dass bei jeder Impfmethode häufig eine Anzahl 
der gesetzten Insertionen ausfällt. Künne erklärt sich dann für die von Voigt 
empfohlene Einarmimpfung im Interesse der Impflinge (der erste und auch 
dieser Bericht bringen das pro und contra über diese Frage) und berichtet 
über die in Elberfeld erzielten Irapfresultate mit der daselbst von Dr. Protze 
erzeugten animalen Lymphe, die im Jahre 1885 nicht zufriedenstellend wa¬ 
ren (unter 3808 Erstimpfungen waren 705, also 18'/i Procent ohne Erfolg, 
unter 2429 Wiederimpfungen 727, also fast 30 Procent ohne Erfolg und 
noch viel schlechter wie das Gesammtresultat war das einzelner Termine), 
dagegen 1880 sehr gut ausfielen. Bezüglich der Technik der Impfung em¬ 
pfiehlt Künne die Kreuzschnittchen: in Abständen von etwa 3 Ctm. wer¬ 
den drei kleine Tropfen Lymphe auf den Arin gelegt und durch dieselbe ein 
Horizontalschnitt von 1 Ctm. und auf diesen senkrecht etwa 5 nur */ 4 —*/* Ctm. 
lange Schnitte gemacht. Jedes solche Schnittsystem gibt eine grosse con- 
fluirende Pocke und die Impferfolge waren viel bessere wie bei einfachen 
Parallelschnittchen. Von Nebenerkrankungen sah K ünne Pseudoerysipele, 
stärkere Anschwellung der Achseldrüsen, einmal Abstossung des gesammten 
Impfbodens durch Eiterung — Folgen, die auch bei humanisirter Lymphe 
Vorkommen und die wahrscheinlich von Verunreinigung des Armes zur Zeit 
der Impfung oder nach derselben herzuleiten sind. „In Bezug auf diesen 
letzten Punkt könnte allerdings noch viel gebessert werden.“ Indess be¬ 
zweifelt Künne nach seinen Erfahrungen die Nothwendigkeit streng anti¬ 
septischen Verfahrens. Dem gegenüber muss Ref. auf die Statistik der 
Impf Schädigungen im Deutschen Reiche im Jahre 1882 (s. die oben citirte 
Arbeit des Ref.) hinweisen. Als letzten Punkt bespricht Künne die Vor¬ 
schläge der „Commission“ bezüglich der Beaufsichtigung des ganzen Impf¬ 
geschäftes. Hier muss Ref. in allen Stücken Künne beipflichten, er ist in 
einem Referat im Breslauer Aerzteverein über dieselben Fragen zu durchaus 

') Ueber die nothwendige Zahl der Pusteln bei der Vaccination und 
Revaccination. Von H. Eulenberg. Vj. f. ges. Med. 1873, 1. Hft. 


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Beliebt Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


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gleichen Ergebnissen gekommen, nämlich: dass die vorzugsweise Betrauung 
der beamteten Aerzte mit dem Impfgeschäft unmotivirt sei und die Interessen 
der übrigen Aerzte in ungerechtfertigter Weise schädige, dass die Wahl der 
Impfärzte durch den Staat weder nothwendig noch berechtigt sei, dass da¬ 
gegen die Bestätigung der Remuneration durch die Regierung im Interesse 
der Sache liege. 

Ucke J. Die neueste Phase der Vaccination in Russland. — D. Viertel¬ 
jahresschrift f. öff. Gesundheitspflege. 18. Bd. 3. Heft 1886. S. 487 ff. 

Der Vf. gibt uns eine recht interessante und anschauliche Skizze der bis 
in die neueste Zeit in Russland geübten Praxis der öffentlichen Impfung und 
der jetzt dort geplanten und angebahnten Reform. Von den zwei in den 
West Staaten zum Durchbruch gekommenen und zum Theil Tliat gewordenen 
Principien der Zwangsimpfung und der allgemeinen Einführung der Thier¬ 
lymphe kann in Russland nur die letztere durchgeführt werden. Für die 
Zwangsimpfung fehlen alle Bedingungen: „der ungeheuere Umfang selbst 
blos des europäischen Theiles des Reiches, die Grösse der Bevölkerung, die 
Entwickelungsstufe der Volksbildung und der Administration erlauben 
noch lange nicht, den Gegenstand auch nur annähernd zu beherrschen/ 
Trotz der grossen Sympathien, deren sich die Vaccination stets seitens der 
Regierung zu erfreuen gehabt, machte der Mangel an hinreichendem Impf¬ 
personale die Uebertragung der Impfung an „Bauernburschen“, die auf 
Kosten der Gemeinden im Impfen von Aerzten unterrichtet worden waren, 
nöthig. Bis zum Jahre 1864 impften dieselben allein auf den Dörfern. 
Lanzetten und Lymphe hatte die sogenannte kais. freie ökonomische Gesell¬ 
schaft in Petersburg zu liefern. Die vom Jahre 1864 an in verschiedenen 
Orten errichteten animalen Impfinstitute gingen nach kurzem Bestände 
immer wieder ein, „weil die Dirigirenden ihre Aufgabe viel zu leicht 
nahmen, im Impfen gar nicht oder wenig erfahren waren“. Mit Recht hebt 
Verf. die Werthlosigkcit der von den Bauernburschen gelieferten Impf¬ 
berichte hervor, wie nicht minder die der Impfung selbst, wie sie sich in 
den beständigen Pockenepidemien kundthat. Dazu kam der Umstand, dass 
die Vaccination bei allen religiösen Sectcn des griechisch-katholischen Cultus, 
dessen Anhänger sich nach Millionen belaufen, verhasst war als ein Werk 
des Teufels und sie deshalb überhaupt nicht zulicssen. Die später dem 
Medicinalinspector jedes Gouvernements übertragene Controle erwies sich 
wegen der jedem derselben zufallenden Dörferzahl als undurchführbar und 
sie wurde deshalb nach einiger Zeit aufgehoben. Erst mit der 1864 in 
34 centralen Gouvernements eingeführten Selbstverwaltung konnte man 
hoffen ein geeignetes Organ für eine geordnete Vaccination gewonnen zu 
haben. Aber erst 1886 wurde vom Medicinalrath eine Commission von sechs 
seiner Mitglieder mit der Aufgabe betraut eine Impfordnung für jene Lan- 
destheile, die circa 53 Millionen Einwohner mit 2,710.000 Kinder umfassen, 
auszuarbeiten. „Das Areal (um das es sich handelt) ist ungefähr fünfmal 


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der Vaccinationslebre. 


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grösser als Deutschland, hat aber doch nur 17 Procent mehr Einwohner.“ 
Es zerfällt in 360 Kreise. Die von der genannten Commission entworfene 
Impfordnung nun verlangt allgemeine Einführung der Thierlymphe und zur 
Production derselben bei dem Hospitale jeder Gouvernementsstadt eine 
Thierimpfanstalt, die die Lymphe in der ersten Zeit und für die ersten 
Impfungen in die Kreise (die allmälig eine selbstständige Production über¬ 
nehmen sollen) verschicken und an der hauptsächlich die Impfer unterrichtet 
werden und ein Examen ablegen sollen unter dem Vorsitze des Medicinal- 
inspectors. Die Impfung selbst von den Feldscheerern (junge Leute, die 
in den Feldscheerschulen bei den Gouvernementshospitälern in mehrjährigen, 
mit einem Examen abschliessenden Cnrsus einen zureichenden Grad von 
Wissen und technischer Ausbildung als Arztgehilfen erhalten) übertragen 
werden. Die Bauernburschen sind auf den Aussterbe-Etat gesetzt. Die Aus¬ 
führung der Impfung durch Aerzte ist wegen der zu geringen Anzahl der¬ 
selben und der zu weit auseinander liegenden Bevölkerung unmöglich. 
„Die Aerzte impfen mehr in den Städten und bei Gelegenheit.“ Nach den 
officiellen Berichten vom Jahre 1881 waren in den Landschaften 1007 
Aerzte und 3617 Feldscheercr angestellt, das macht auf den Kreis 3 Aerzte 
und 10 Feldscheerer. Von diesen ist ein Arzt und zwei Feldscheerer als 
beim Kreisstadthospitale stehend für die Praxis der Vaccination ausser 
Acht zu lassen, cs bleiben mithin t Aerzte und 8 Feldscheerer (d. i. 
1 Arzt und 4 Feldscheerer für 100 und mehr Dörfer) zur Disposition. Die 
öffentlichen Impfungen sollen nun in folgender Weise vor sich gehen: sämmt- 
liche Priester eines Kreises haben zu bestimmtem Termine Listen aller im 
abgelaufenen Jahre geborenen und gestorbenen Kinder beim Kreisamt einzu¬ 
reichen. Die Dörfer eines Kreises werden in so viele Bezirke zu je 108 Dör¬ 
fern getheilt, als Aerzte zur Disposition stehen. Alle Gouvernements, 
die mehr solcher Bezirke fassen, als sie Aerzte haben — und sie bilden 
bei Weitem die Mehrzahl — müssten ihr Personal vermehren. Die Zahl 
der impfenden Feldscheerer wechselt nach der Grösse und Ausdehnung der 
Irapfbezirke. Feldscheerer sind in allen Kreisen zureichend vorhanden. Der 
Feldscheerer beginnt nun nach vorgeschriebener Marschroute sein Geschäft 
mit der Impfung eines ihm von der Dorfgemeinde zur Disposition ge¬ 
stellten Kalbes, wenn nöthig zweier, Übergibt die geimpften Thiere der 
Aufsicht der Ortsobrigkeit mit der Angabe, wie sie zu halten, und fährt 
am zweiten und dritten Tage in ein zweites und drittes Dorf zu gleichem 
Zweck. Am vierten Tage kehrt er ins erste Dorf zurück, „findet die Pusteln 
reif (und wenn nicht? Ref.) und impft die zusammengetragenen Kinder, 
am fünften Tage im zweiten, am sechsten Tage im dritten Dorfe. So hat 
er in sechs Tagen die Kinder von drei Dörfern geimpft und wird sich auch 
mit Lymphe für die nächsten Dörfer versorgt haben.“ Nach diesem Schema 
fährt er in seinem Bezirke fort. In jedem Dorfe lässt er eine Notiz über 
die Anzahl der geimpften und nicht geimpften Kinder zurück. Zur Revision 
der Geimpften, eventuell zur Impfung von Impfrestanten reist der Bezirks- 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Vaccin3tionslehre. 


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arzt mit zwei Feldscheerern dem ersten Feldscheer nach und stellt dann 
die Impflisten zusammen. Wegen der zu erwartenden Störungen im Fort¬ 
gange dieser Impfungen sind nur 24 Tage Arbeit im Monat angenommen 
und die Erledigung der öffentlichen Impfung in einem Bezirke von 108 
Dörfern ist auf neun Monate berechnet. Die drei Sommermonate sind weg'en 
der Feldarbeiten frei gelassen. „Im April 1885 erhielten auch die Städte, 
welche die neue selbstständige Verwaltungsform bekommen, eine ihren 
Verhältnissen angemessene Impfordnung.“ Der Verf. glaubt, dass durch diese 
Reform der Vaccination auch der öffentlichen Hygiene im Allgemeinen 
grosse Vortheile erwachsen werden, weil die Aerztc nunmehr bei den regel¬ 
mässigen Besuchen Land und Leute gründlich kennen zu lernen Gelegen¬ 
heit haben werden. „So bringt die Vaccination den Arzt dem Volke und 
das Volk dem Arzte näher. - „Welche Resultate die neue Impfordnung ge¬ 
habt, ist noch nicht zu ersehen; erst in Jahren werden wir die Früchte der 
Reform erwarten können.“ (Dass diese Reform der öffentlichen Impfung in 
Russland einen grossen Fortschritt gegen früher — gegen die Aera der 
Bauemburschen als Impfer — bedeutet, ist zweifellos. Aber abgesehen von 
dem immer noch unzuverlässigen jetzigen Impfpersonal ist die vorgeschriebene 
Beschaffung der (animalen) Lymphe durch letzteres eine für die Gesammt- 
erfolgc der Volksimpfung höchst bedenkliche Massregel. Wenn das vorge¬ 
impfte Kalb missräth — und das passirt bekanntlich durchaus nicht selten 
— so bleibt ein ganzes Dorf ungeimpft oder es ist ein erneutes zweimaliges 
Besuchen desselben Dorfes und ein zweimaliger Impftermin nothwendig. 
Was das bei den grossen russischen Entfernungen heisst (die ja ein Zu¬ 
sammenkommen der Impfpflichtigen aus mehreren Orten unthunlich erscheinen 
lässt), zumal wenn es in mehreren Orten geschehen müsste, liegt auf der 
Hand. Die Folge wird sein, dass auch schlechte Lymphe vielfach in Ge¬ 
brauch gezogen werden wird. Die nachfolgenden ärztlichen Revisoren können 
alle diese Fehlimpfungen picht wieder gut machen, da sie auf Impfungen 
im Grossen nicht eingerichtet sind. Und wo bleibt die Controle der Nach¬ 
impfungen? Diese Beschaffung der Lymphe durch die impfenden Feldscheerer 
ist auch bei den jetzt üblichen dauerhaften Lymphconserven, die ihnen 
fertig geliefert werden könnten, durchaus nicht begründet. Ref.) 


--xx- 


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Venerische Krankheiten. 

(Redigirt von Prof. Ne Inner in Breslau.) 


Allgemeiner Theil. 

1- V. Watraszewfiki. Medicinisch-Statistisclicr Bericht, betreffend die im 
St. Lazarus-Hospital in Warschau im Laufe 188’> hehamielten Kranken. 
— Gazeta !Lekarska Nr. 49, 1886. 

i. Petenten O. Ueher die Verbreitung venerischer Krankheiten unter der 
männlichen Bevölkerung von St. Petersburg. (Vortrag auf dem ersten 
russischen Aerzte-Congress, 8.—12. Jänner 188b.) — St. Petersburger 
med. Wochenschr. 1886. 43. 

3 Sperk« lieber die Massregeln gegen die Ausbreitung der Syphilis in 
Städten und unter der Landbevölkerung in Russland. (Vortrag auf dem 
ersten russischen Aerzte-Congress in St. Petersburg, 8 — 12. Jan. 1886.) 

L Polotebnoff. Massregeln gegen die Syphilisverbreitung unter der Be¬ 
völkerung Russlands. (Vortrag auf dem ersten russischen Aerzte-Con¬ 
gress in St. Petersburg, 8—12. Jänner 1886.) — Russkaja medicina. 
1886 . 13 . 14 . 

5. Potliow (Omsk-Sibirien). Aus den Beobachtungen über Verbreitung der 
venerischen Erkrankungen unter den Soldaten. — Russkaja medicina. 
1886. 7. 

6. Sinaid-Elzin (die Aerztin). Die Prostitution während des Jahrmarktes 
in Nishnij-Nowgorod. (Vortrag auf dem ersten russischen Aerzte-Con¬ 
gress, 8.—12. Jänner 1886.) — Wratsch. 1886. 21 — 23. 

L Herzenstein« Kritische Betrachtung der heutigen Massregeln gegen die 
Ausbreitung der Syphilis in Russland. (Vortrag auf dem ersten russi¬ 
schen Aerzte-Congress in St. Petersburg, 8.—12. Jänner 1886.) 

8. Nikolski W. Einige Bemerkungen über Syphilisverbreitung unter der 
Bauernbevölkerung im Tambow’schen Kreise (Russland). — Wratsch. 
1886 . 41 . 


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358 


Bericht Ober die Leistlingen auf dem Gebiete 


9. Thiry M. La Prostitution (Acaddmie de Medccinc de Belgique). — La 
setnaine medicale 1886, Nr. 31. 

10. Forest Wlllard. Chirurgie der Harn- und Geschlechtsorgane im Kindes¬ 
aller. — Arcli. of Pediatrics 1886, lieft 2, 4. 7, 9. 

11. Palmer E. R. Circumcision under Cocaine. — Medical Record, Sep¬ 
tember 25, 1886. 

12. Kingsley B. P. of San Antonio. Circumcision under Cocain. — The 
Medical Record. New-York, 13. November 1886. 

13. Tapper S. C. Eigin. Oedema of the prepuce. — The New-York me¬ 
dical Journ. Nov. 6. 1886. 

14. Sofflantini G. Di alcunc modificazioni alla operazione del fimosi. — 

Giorn. ital. delle mal. ven. e della pelle. 1886, 5. 

15. Castühon. Contribulion ä Tetudc des Vegetation*. — Thbse ponr le 

doctorat en mddoeine, Paris 1886. 

16 . Hatscbkowski. Zur Therapie der spitzen Condylome mittelst Resor- 
cin. — Russkaja Medicina. 1886. 38. 

v. Watraszewski's (1) statistischem Berichte über die Kranken- 
bewegnng im Lazarushospital dieses noch von König Sigismundus im Jahre 
1597 für „Syphilitische und Careinomatöse“ errichteten Krankenhauses, das 
gegenwärtig Über 400 Betten verfügt und im Königreiche Polen die spe- 
cielle Behandlungsstätte für Venerische und Hautkranke bildet, entnehmen 
wir, dass unter 3383 Kranken mit venerischen Leiden 93 4 Percent (worunter 
an Syphilis 29*3 Percent), mit Haulkrankheiten dagegen 7 - 9 Percent be¬ 
haftet waren und dass die Durchschnittszeit des Verbleibens eines einzelnen 
Kranken im Hospital, die im Allgemeinen 218 Tage betrug, sich für ein¬ 
zelne Krankheitsgruppen folgendermassen vorstellt: für Syphilis 262 Tage, 
local venerische Leiden 16*2, Hautkrankheiten 21*8. 

Petersen (2) macht auf die grosse Verbreitung der Syphilis in 
St. Petersburg, besonders unter den Männern aufmerksam, freilich fehlen 
auch nur annähernd richtige statistische Zahlen, welche einen klaren Ein¬ 
blick in die Verhältnisse der Ausbreitung der Syphilis in Russland geben 
könnten. Der Grund dafür liegt in der" Ungenauigkeit der bisher für Russ¬ 
land gesammelten officiellcn Syphilisstatistik, in welcher ein Unterschied 
zwischen Syphilis, Ulcus molle und Urethritis nicht gemacht und alles für 
Syphilis gerechnet wird. Daher versuchte P. im Alexanderspital im Laufe 
von sieben Jahren die eingelaufenen Berichte zu berechnen; es wurden also 
7631 Genitalkranke behandelt, darunter 87*2 Percent Venerischer: Urethritis 
1432 , Ulcus molle 2766 , Syphilis 2269 . Ferner nimmt er noch die Zahlen 
seiner ambulatorischen Kranken, sowie die Zahlen einiger anderer Berichte 
(aus der syphilidologischen Klinik des Prof. B. Tarnowski, aus der Am¬ 
bulanz des Kalinkinspitals für venerische Krankheiten) und findet, dass 
unter 16.722 Venerischen an Urethritis 33‘6 Percent, Ulcus molle 24’4 Per¬ 
cent und an Syphilis 42'0 Percent litten. 41 Percent unter den behandelten 


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der Syphilis. 


359 


Syphilitikern zeigten frische Infection (von 3894 nur 1596). Diese Zahl ist 
jedoch nicht richtig, da die gebildeten Classen nicht einbegriffen sind. Zum 
Schlüsse verlangt P. für eine einigermassen sichere Statistik die officielle 
Anerkennung folgender drei Punkte: 1. Bestehende Form der Kranken- 
registrirung. 2. Trennung in allen Berichten Urethritis, Ulcus inoJle und 
Syphilis. 3. Es sind drei Krankheitsperioden der Syphilis iiu Berichte zu 
berücksichtigen und dem entsprechend anzugeben, wie viele Patienten an 
frischer Infection, an Kecidiven und an tardiver Syphilis behandelt werden. 

Sperk (3) spricht sich gegen Verfolgung der geheimen Prostitution 
und gegen Verwandlung derselben in eine offenkundige aus, da die Statistik 
erweist, dass fast die Hälfte des Personalbestandes öffentlicher Prostitution 
(44 Percent) in der condylumatüsen Periode der Syphilis stehe. Aus den 
Massregeln, welche er anführt und welche schon bekannt sind, erwähnen 
wir nur einen Rath, nämlich in den Dörfern und den Arbeiter-Convicten 
nur Metalllöffel anzuwenden, da Holzlöffel schwer von Infectionsstoffen zu 
reinigen sind. 

Polotebnoff (4) ertheilt den Rath, die Organisation ärztlicher 
Hilfe für Syphilitiker in grossen Städten einzurichten, möglichst viel 
Special-Spitäler zu eröffnen, welche gleichzeitig als Centren für die Fort¬ 
bildung von Aerzten dienen müssten, damit dieselben sich mit den vene¬ 
rischen Krankheiten und deren Behandlung möglichst genau bekannt ma¬ 
chen könnten. 

Putilow (5) erwähnt unter Anderem, dass die grössten Procente 
venerischer Erkrankungen auf die ersten Dienstjahre fallen und als Maxi¬ 
mum das erste Jahr gelten könne, besonders an Tripper. An Bubonen nach 
einem Ulcus rnolle erkrankten öfters die älteren Soldaten. 

Sinaid Elzin (6) hat auf einem Sanitätspunkt in Nishnji-Nowgorod 
wahrend des Jahrmarktes an 355 Prostituirten 4812 Besichtigungen vorge¬ 
nommen. Von diesen waren 49*3 Percent zum ersten Male, 21*7 Percent 
zum zweiten Male und 10*1 Percent zum dritten Male auf dem Jahrmärkte. 
Urethritis coustatirte Elzin 22 Mal (6*2 Percent), Ulcus molle 2 Mal 
(0*6 Perceut), Ulcus induratum nur 1 Mal (0*2 Percent), Coudylomatöses 
Stadium der Syphilis 18 Mal (51 Percent), Gummöses Stadium 1 Mal 
(0*2 Percent). Die offene Prostitution während des Jahrmarktes wurde von 
circa 700—900 Weibern ausgeübt, ausser einer Menge geheimer Pro¬ 
stituirten. 

Herzenstein (7) hält für sicherste Massregeln gegen die Syphilis¬ 
verbreitung folgende: 1. Organisation der ärztlichen Hilfe auf dem Lande, 
ambulatorische Behandlung und kleine mobile Spitäler, welche jedoch nicht 
durchaus reine Special-Spitäler sein müssen. 4. Für die weibliche Be¬ 
völkerung und Kinder müssten weibliche Aerzte angestellt 


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360 


Bericht tlher die Leistungen auf dem Gebiete 


werden. 3. Ausrüstung fliegender Sanitätscolonnen für die am ärgsten 
inficirten Gegenden. 4. Vermehrung ärztlicher Hilfe in den Fabriken. 
5. Gründung von Wohltbätigkeitsgesellschaften, um Syphilitischen die Be¬ 
handlung zu erleichtern. 6. Popularisation der Syphiliskenntnisse. 7. Alle 
Repressivmassregeln (z. B. Verbot, dass Syphilitiker heiraten u. s. w.) 
sind zu verwerfen. 

Aus den Beobachtungen Nikolskis (8) in den letzten fünf Jahren 
ergibt sich, dass Syphilis im Tambow’schen Kreise circa 15 7 Percent aller 
Krankheiten ausmacht. Säuglinge bis zu zwei Jahren ergeben das Maximum 
der Syphiliserkrankung, und zwar nur in ansteckenden Formen. Hereditäre 
Syphilis ist seltener. Gummöse Syphiliscrscheinuugen beobachtet man ge¬ 
wöhnlich im Jünglings- und Mannesalter. Die Häufigkeit recentcr Erkran¬ 
kungen im Alter von 20 bis 30 Jahren ist fünfmal seltener, als im ersten 
und achtmal seltener als im zweiten Lebensjahre. Mädchen erkranken am 
meisten im 12. bis 15. Lebensjahr, wo sie durch ihre socialen Verhältnisse 
genöthigt, als Pflegerinnen bei Säuglingen angestellt werden und der Gefahr 
entgegenlapfen, sowohl selbst Syphilis zu acquiriren, als auch dieselbe aus 
einer Familie in die andere zu übertragen. Die Ursachen einer solchen Sy¬ 
philisverbreitung liegen in zusammengedrängter Bevölkerung, Armutb, 
Ueberlastung der Weiber mit Feldarbeiten, geringer geistiger Entwicklung 
und mangelhafter Verbreitung einer rationellen Syphilistherapie. Da es 
keine Prostitution in den Dörfern gibt (? Ref.), so sind auch die Mass- 
regeln gegen dieselbe für die ländliche Bevölkerung zwecklos (?). 

K. Szadek (Kiew). 

Die Stadt Brüssel hatte bis zum Jahre 1880 sehr gute Resultate be¬ 
züglich der Einschränkung der Syphilisausbreitung aufzuweisen, weil sie 
eine vorzügliche Sanitätspolizei besass. Diese Verhältnisse haben sich in 
letzter Zeit verändert durch den Einfluss der „Sociötö de Mortalitö publi¬ 
que“, welche die Unterdrückung der Controlle der puellae publicae seitens 
der Aerzte im Auge hat. Thiry (9) erkennt die Nothwendigkeit der Pro¬ 
stitution an, die durch keines der bisher angewendeten Mittel zum Schwin¬ 
den gebracht werden konnte, betont aber zugleich die Wichtigkeit der 
sorgsamen Controlle und der durch die Prostitution verbreiteten Krankheiten. 

Karl Herxheim er. 

In einer Reihe von Artikeln bespricht Willard (10) an der Hand 
einer ausgedehnten Erfahrung eine Reihe von krankhaften Processen 
chirurgischer Natur, von denen wir nur die hieher gehörigen referiren wollen. 
Gangraena penis findet sich fast ausnahmslos in Folge von einschnüren¬ 
den Fäden oder Ringen, deren Entfernung durch das schnell auftretende 
Oedem sehr erschwert wird. Zur Erleichterung empfiehlt Verf. Punction 
der ödernatösen Tlieile. Auch nach Paraphimose soll bisweilen Gangrän 
eingetreten sein, deren Reposition erst nach der Abschwellung der Glans 
möglich wird. Phimosis: Jedes neugeborene männliche Kind hat ein ad- 


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der Syphilis. 


361 


härentes und enges Präputium, welches leicht zu Urinbeschwerden und zur 
Retention von Smegma führt. Es ist daher empfehlenswerth, die Vorhaut 
znrückzuziehen und die Adhäsionen zu sprengen. Man gewinnt in kurzer 
Zeit Uebung darin, jede derartige Phimose zu beseitigen und vermeidet 
fast immer die blutigen Operationen, sowohl die Spaltung, als die voll¬ 
ständige Circumcision. Sind die Adhäsionen stärker, so lassen sie sich mit 
dem Knopf einer Sonde stets lösen. Nach Sprengung der Phimose tritt 
meist eine leichte Entzündung und Schwellung der Vorhaut ein, welche 
aber durch kühlende Umschläge leicht beseitigt wird. Erst bei Knaben über 
12 Jahren ist diese Methode nicht mehr anzuwenden und die Operation 
unvermeidlich. Enuresis ist in den meisten Fällen ein Reflexphänomen und 
geht von localen Ursachen, wie Phimose, Blasenstein etc. aus; in selteneren 
Fällen ist die Ursache in krankhaften Alterationen des Centralnervensystems 
zu suchen, und am seltensten ist Ungezogenheit oder Nachlässigkeit der 
Kinder anzuschuldigen. Die Behandlung hat vor allem auf die Beseitigung 
der Reizursachen hinzuwirken! Die Aufnahme von Flüssigkeiten in den 
Abendstunden ist zu beschränken, eiue regelmässige, nicht zu häufige Ent¬ 
leerung der Blase zu bewirken, eine harte Matratze als Unterlage zu geben, 
und das Ehrgefühl der Kinder in Bezug auf diese Sache möglichst zu 
wecken. Fehlen alle localen Symptome, so wird inan mit Belladonna oder 
Nux vomica, Eisen, Chinin, Ergotin Versuche anstellen; auch constanter 
und inducirter Strom von sehr geringer Stärke wird angewendet werden 
müssen. Am wichtigsten ist und bleibt aber eine ganz genaue physikalische 
Untersuchung der Harnorgane, die häufig wiederholt zum Ziele führen kann, 
wo anfangs ganz negative Resultate erzielt wurden. Toeplitz. 

Palmer (11) wie Kingsley (12) bedienten sich bei Circumcisionen 
subcutaner Injectionen von Cocain, die in das lockere Unterhautbindegewebe 
gemacht, nach sechs Minuten völlige locale Anästhesie erzielten. Die Lö¬ 
sung war eine sechspereentige, die Menge der Injeetionsflüssigkcit, die an 
vier Stellen gleichmässig vertheilt wurde, betrug ein Gramm. Der Wund¬ 
verlauf wurde in keiner Weise durch das Cocain alterirt. Harttung. 

Tappcr (13) empfiehlt für die ambulante Behandlung des Präpu- 
tialödems, wie cs häufig unangenehm complicatorisch bei Ulcerationen, 
Balanitiden etc. einzutreten pflegt, die verticale Suspension des Penis; er 
macht mit Carbol oder Sublimat etc. getränkter Watte eine Art hydro- 
pathische Einwicklung, die er sechs Stunden liegen lässt und bindet das 
mit dieser versehene Membrum an einer Leibbaudage hoch. 

Soffiantini (14) beschreibt ausführlich das von Scarenzio beider 
Phimosis-Operation geübte Verfahren, welches wesentlich darin besteht, 
dass nach dem Abkappen des Margo praeputialis das die Glans kapuzen- 
förmig bedeckende innere Vorhautblatt an der unteren Seite rechts 
oder links vom Frenulum gespalten wird. Durch Umstülpen der da- 


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362 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


durch gebildeten Lappen kutimien die VVundränder aus der verticalen in 
horizontale Lage, wodann sie mittelst Naht mit dem äusseren Blatte 
vereinigt werden. Mau sei durch dieses Verfahren im Stande, jede 
wie immer geartete Verbildung des Präputiums zu beseitigen und erhalte* 
andererseits eine genügend weite, die Eichel zu zwei Drittlieilen bedeckende 
Vorhaut. Dornig*. 

Castilhon (15) gibt eine Zusammenstellung der bisher bekannten 
Thatsachen über die spitzen Condylome bezüglich ihrer Aetiologie, patho¬ 
logischen Anatomie, Diagnose, Symptome, Therapie, der er eilf Beobach¬ 
tungen hinzufügt. Bezüglich der Behandlung glaubt Verf. zwei Classcu von 
Acuminaten unterscheiden zu müssen, die isolirten kleinen und die cuu- 
fluirten grossen, für welche letzteren er Auskratzung empfiehlt. 

Karl Herxheimer. 

Hatsch ko wski (16) verordnet seit 1882 in allen Fällen der spitzen 
Condylome Bestäubungen mit Resorcinpulver per se immer mit Erfolg 
(im Ganzen 34 Fälle). Einen exquisiten Fall beschreibt er genauer und 
behauptet, dass auch die Behandlung der breiten Condylome mittelst 
Resoreinbestäubungen einen günstigen Erfolg habe. Szadek. 

Gonorrhöe und deren Complicationen. 

1. Bockhart« Beitrag zur Kenntniss der Gonoeoccen. — Monatsh. f. prakt. 
Denn. 1886, Nr. 10, pag. 449. 

2. Zeigst, M. v. Ueber den Diplocuccus NeisseFs und seine Beziehung 
zum Tripperprucess. (Aus dem bacteriologischen Institute des Herrn 
Prof. Dr. A. v. Frisch.) — Wiener Klinik, 14. u. 12. Heft. November, 
December, 1886. 

3. Finger« Ueber den Diploeoecus Neisser’s und seine Beziehungen zum 
Tripperprocess. — Wiener ined. Presse 47 u. 48, 1886. 

4. Giovannlni Scbast. (Bologna). Di»* Mikroparasiten des männlichen Harn- 
rührentrippers. — Centralbl. für die med. Wissenseil. 1886, Nr. 48. 

5. Roux Gabriel. Technisches Verfahren der Diagnose der Gonoeoccen. 

— Akademie der Wissenschaften in Paris, 8. November 1886. 

6. Howard Kelly A. Gonorrhoe at tubo-ovarien abscess, laparotuiny, remo- 
val of tube and ovary. — The anierican journal of Obstetries and dis¬ 
eases of women. November 1886. — Transactions ol the obstet-rical 
society of Philadelphia. 3. Juni 1886. 

7. Israel E. Vulvo vaginitis. (Pädiatrische Mittheilungen aus der Kopen- 
hagener Poliklinik.) — Ugeskr. f. Läger 4 R. XIII. 18. 19. 1886. (Ref. 
Jahrb. f. Kinderheilk. XXV, pag. 157.) 

8. Lennander K. G. Ueber purulente Vulvitis bei Minderjährigen. — 
Hygiea 47, 9. pag. 805. 

9. Schwarz E. Die gonorrhoische Infection beim Weibe. — VolkiuaniTs 
Sammlung klinischer Vorträge Nr. 279. 


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der Syphilis. 


363 


10. Wlnslow Randolpb. Report of an epidemic of gonorrhoea contracted 
from rectal coition. — Medical news, 14. August 1886. 

11. Finger. Ueber einen einfachen Apparat zur Behandlung von acuter 
und subacuter Urethritis. — Allgem. Wiener med. Zcitg. 45, 1886. 

12. Geräten (Königsberg). Ueber das zweckmässigste Verfahren zu ure¬ 
thralen Injectionen bei chronischer Gonorrhöe. — Illustr. Monatschr. d. 
ärztl. Polytechnik, 11, 1886. 

13. Meyer. Harnröhrenendoskop. — Deutsche med. Zeitg. 87, 1886. 

14. Barton R. W. Antiparasitäre Behandlung des Trippers. — Miss. Vall. 
med. Monthly. 1886. 74. 

15. Haynes. Baisamum Copaivae bei Conjunctivitis gonorrhoica der Neu- 
* geborenen. — Med. Record, 9. Oct. 

16. Kral Alex. V. Jodoformstäbchen bei Gonorrhöe. Lond. Med. Rec. — 
Medical Age 1886, pag. 449. 

17. Gordon A. Sierra Salvia bei Gonorrhöe. — Medical Age 1886, pag. 456. 
— Northwestern Lancet. 1886, Oct., pag. 17. 

18. Petenten 0. Ueber Gonococccn und Behandlung der Gonorrhöe. — 
Wratsch. 1886. 22. 

19. Lowndes Frcderick. The treatment of orchitis and epididymitis. — The 
ined. record. New-York, 13. Nov. 1886. 

20. Zitrin« Einige Daten über epididymitis pyorrhoica. — Russkaja medi- 
zina 1886, 29. 

21. Fürst (Leipzig). Einige Fälle von Geschwülsten der äusseren Ge- 
schlechtstheile. — Arcli. f. Gynäkol. Bd. 27, Heft 1. 

22. Fränkel A. Demonstration eines Falles von Rheumatismus gonorrhoicus 
mit nachfolgender Discussion. Gesellschaft der Charite-Aerzte in Berlin. 
— Bcrl. klin. Wochenschr. 1886, Nr. 34. 

23. Loeb. Zur Lehre vom sogenannten Tripperrheumatismus. — Sep.-Abdr. 
aus „Deutsche Med.-Zeitung“, 1886, 83, 84. 

24. Smirnoff P. Zur Actiologie der gonorrhoischen Arthritis. — Wratsch. 
1886. 31. 

25. Garcia Andrados« Sublimat injections in gonorrb. cystitis. — The Lan¬ 
cet. August 1886. 

26. Brown. Fluid extract of corn silk in the treatment of Cystitis. — 
—- Medical Age. 21, 1886. 

27. Desnos* Contribution ä Feinde du diagnostic et du traitement de la 
cystite blennorrhagique. — Bull. gen. de ther. 1886, T. 111. p. 

28. Harrlson Reginald. The Cause of urethral fever. — Liverpool med.- 
chir. Journ. Juli 1886. 

29. Hayes P. J. Elcctrolysis for tbe treatment of urethral stricture. — 
Academy of med. in Ireland. 21. Mai 1886. — Lancet. 1886. II. p. 447. 

30. Herman« A case of Lupus, Stricture and Atresia of the Female Urethra. 
— Lancet 1886. Nr. XXI, Vol. II, pag. 976. 

Yierleljahresschntt f. Dermalol. u. ijjjili. 1887. 24 


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364 


Bericht tiber die Leistungen auf dem Gebiete 


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31. Pannö. R^tr^cissement de V urfcthre ancien. Cystite et n^phrite cons£- 
cutive. Tuberculose ultime des Organes urinaires. Mort par ur^mie. — 
Sociätö anatomique Nr. 11. Progrös mtfdical tome III, Nr. 15, 1886, 
pag. 315. 

32. T6denal E. Des retrecissements du meat. — Montpellier medical, 
November 1886, Nr. 5. 

33. Le Fort. Stricturenbehandlung. — Societe de Chirurgie, Juni 1886. 
Revue de Chirurgie, Juli 1886. 

34. Harrisoii Reginald. On the causation and nature of bypertrophy of 
the prostate. — The Lancet Nr. IX, Vol. II, 1886, pag. 389. 

35. Rockwell F. W. Management of cases of enlarged prostate. — North¬ 
western Lancet, 1. November 1886. 

36. Thompson H. On the nature of the so-called Hypertrophie of the pro¬ 
state. — British medical Journ. 1886, Nr. 1329. 

37. Desnos. Recherches sur Tappareil genital des vieillards. Paris 1886. 
— Arch. gönör. de mdd. 1886, II, p. 383. 

38. Ftirbringer. Ueber Sperraatorrhöe. — Deutsche med. Wochenschr. 1886, 
Nr. 42, pag. 730. 

39. Grünfeld* Die Behandlung der Spermatorrhöe. — Centralbl. f. d. ges. 
Therapie, 1886, XI. u. XII. Heft. 

40. Oberländer* Zur Kenntniss der nervösen Erkrankungen am Harnap¬ 
parat des Mannes. Volkmann's Sammlung klinischer Vorträge Nr. SIS, 
1886. 

Bockhart (1) fand in Uebereinstimmung mit Buinm, dass mensch¬ 
liches Blutserum der beste künstliche Nährbodeu für Gonococcen ist, dagegen 
gelang die Reinzüchtung auch auf thierischem Blutserum, am besten auf 
Hammelblutserum (die Details s. im Orig.). Die geeignetste Temperatur 
liegt zwischen 30 und 37 Grad, bei 20—28 Grad sterben entwickelte Cul- 
turen nicht leicht ab, wachsen aber nicht weiter, unter 20 Grad entstanden 
niemals frische Culturen. Eine zweitägige Einwirkung von 40 Grad auf eine 
entwickelte Cultur hemmte zwar das weitere Wachsthum, doch war die 
Cultur nachher noch überimpfbar. Es gelang B. hie und da, Gonococcen 
auch auf gewöhnlichem Agar-Agar-Nährboden zum Wachsthum zu bringen, 
wenn Impfmaterial von einer gut entwickelten Reiucultur genommen.wurde, 
dagegen ist es wohl unmöglich, auf diesem Nährboden Gonococcen aus 
Trippereiter zu züchten. — Durch Untersuchung des Trippereiters kommt 
B. zu folgenden Schlüssen: Die Gonococcen gelangen heim inficircnden 
Beischlaf zunächst auf das Pflasterepithel der Schleimhaut der Fossa navi- 
cularis und vermehren sich hier. Dann dringen sie rasch zwischen den 
Epithelzellen in die Tiefe gegen den Papillarkörper vor, lockern die Epithel¬ 
schicht und bringen viel Epithelien zur Abstossung. Das Secret ist glasig, 
enthält nur Epithelien und freie oder auf den Epithelien sitzende Gono¬ 
coccen. Hierauf beginnt die Reaction des Organismus, die Auswanderung 


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<ier Syphilis. 


365 


weisser Blutkörperchen aus den Gefässen des Papillarkörpers. Secret serös¬ 
eitrig, enthält Eiterzellen, Epithelien und Gonococcen, letztere fast alle 
frei, nur wenige in Häufchenform im Protoplasma von Eiterzellen. Dann 
dringen die Gonococcen in die Saftspalten des Papillarkörpers und später 
auch in die tieferen Schichten der Schleimhaut ein, worauf eine massenhafte 
Auswanderung weisser Blutkörperchen erfolgt, welche Gonococcen in sich 
aufnehmen und nach aussen schaffen. Im Secret fast nur Eiterzellen, nur 
wenige Gonococcen und zwar nur in Häufchenform in Eiterzellen. Lesser. 

Nach einer ziemlich umfangreichen Wiedergabe der den Gonococcus be¬ 
treffenden Literatur kommt Zeissl (2) auf seine eigenen Untersuchungen zu 
sprechen. In 120 Fällen acuter und chronischer Urethritis hat Vf. stets und 
constant Gonococcen nachgewiesen, dagegen fehlten diese in einem von Prof. 
Frisch untersuchten Falle acuter Urethritis. Die Diplococcen Neisser's waren 
aber nicht die einzigen Mikroorganismen, die Vf. im Seerete tripperkranker 
Harnröhren vorfand. So fand er in 11 von 62 Fällen auch Bacillen ver¬ 
schiedener Dimension und Anordnung, von denen Vf. meint, sie hätten mit 
dem Tripperproeess nichts zu thun, sondern seien Fäuluissbacillen. Aehnliche 
Bacillen fand er im Vaginalsecret von Prostituirten, bei der Balanitis der 
Menschen und Hunde, bei welchen er den Syphilisbacilleu analoge Formen 
fand. In dem einzigen Falle, in dem Cunfrontation möglich war, fanden 
sich in dem blcnnorrhagischcn Secret beider Theile Gonococcen. Vf. hat 
weiters sieben Fälle nicht blennorrhagisehen Eiters untersucht, und will in 
diesem Diplococcen, die er als Gonococcen ansieht, gefunden haben. Vf. 
stellt nun zwölf Fragen auf, deren siebente, „Ist die Harnröhre, speciell 
die des Menschen, für Impfexperimente mit Reinculturen besonders geeignet?" 
er dahin beantwortet, die verschiedensten Mikroorganismen könnten sich 
in der Harnröhre ansiedeln und durch ihr Wachsthum irritiren, also Secretion 
erzeugeu. Die Fragen nach der Constanz der Gonococccnfunde, ihrem aus¬ 
schliesslichen und alleinigen Vorkommen bei der Blennorrhöe beantwortet 
Vf. nach seinen oben angeführten Befunden negativ. Weiters führt aber 
Vf. an, Urcthralkatarrhe kämen aus den verschiedensten Veranlassungen 
vor, können selbst durch alleinige zwölfstündige Erection ohne Coitus und 
durch andere dergleichen Momente hervorgerufen werden. Diese Katarrhe 
sollen sich vom Tripper nicht unterscheiden. Vf. kommt daher zum Schlüsse, 
die virulente Natur des Trippers müsse wieder bewiesen werden, und empfiehlt 
zu diesem Zwecke Studien traumatischer und chemisch erzeugter Urethral¬ 
katarrhe und Uebertragung von deren Eiter auf gesunde Urethren. 

Finger. 

Finger (d) wendet sich gegen die von v. Zeissl (s. oben 2.) 
erbrachten Ein würfe gegen die pathogene Bedeutung der Ne iss er" sehen 
Diplococcen. Dass v. Zeissl im Seerete acuter Urethritis ausser den Gono¬ 
coccen auch noch andere Mikroorganismen gefunden hat, ist damit zu er¬ 
klären, dass die Entnahme des zu untersuchenden JSecrettropfens nicht 

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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


mit der nothwendigen peinlichsten Sorgfalt geschehen sein mag. Ausser¬ 
dem dürfe man zur Entscheidung der Frage über die Bedeutung der 
Gonococcen nur solche Patienten heranziehen, deren Harnröhre noch nicht 
instrumenteil behandelt war, denn durch das Einführen von Instrumenten 
können zahlreiche und verschiedene mit der Urethritis ausser Zusammenhang 
stehende Bacterien eingeschleppt werden. Deshalb ist in chronischen Gonor¬ 
rhoe - Fällen fast regelmässig ein Befund aller möglicher Bacterien zu 
constatiren. Ferner will v. Zeissl in sieben Fällen nicht gonorrhöischen 
Eiters Gonococcen gefunden haben, aber die Schilderung seiner Befunde 
sowohl, wie die beigefügten Abbildungen sind durchaus nicht den charak¬ 
teristischen Eigenschaften entsprechend, so dass man, zumal v. Z. auch 
nicht den culturellen Beweis für die Richtigkeit seiner Angaben beibringt, 
wohl daran zweifehl darf, dass die Coccen jenes nicht gonorrhoischen Eiters 
Gonococcen gewesen sind. Damit glaubt F., seien auch die Einwürfe v. Z/s 
gegen die Bedeutung der Gonococcen hinfällig. Chotzen. 

Giovannini (4) kommt auf Grund von Untersuchungen, über deren 
Natur und Methode absolut nichts initgetheilt wird, zu folgenden, wie uns 
scheinen will, etwas gewagten Schlussfolgerungen, i. In dem Schleimeiter 
der Blennorrhagie der männlichen Harnröhre kann man fünf Arten von 
Mikroorganismen unterscheiden, die von einander durch morphologische 
Eigenschaften und besonders durch die Art und Weise der Züchtung getrennt 
werden können, t. Zwei dieser Arten werden auch in der normalen und 
völlig gesunden Harnröhre des Mannes gefunden. 3. Keiner dieser Parasiten 
verursacht Ammoniakfermentation des Urins. 4. Keiner von ihnen erweist 
sich bei Impfversuchen als Mikrococcus pyogenes. 5. Keiner erzeugt, auf 
normale Urethralschleimhaut gebracht, Blennorrhagie. 6. Es gelinge nicht, 
auf festem Nährboden, auch bei Verwendung menschlichen Blutserums, 
einen Mikroparasiten zu züchten, der die dem Gonococcus zugeschriebenen 
pathogenen Eigenschaften besitze, daraus folge, dass es keinen Mikro¬ 
parasiten der Blennorrhagie gibt, oder dass dieser Parasit in den an¬ 
gedeuteten Nährmitteln nicht züchtbar ist, oder darin sehr rasch eine 
Schwächung erleidet. Mit Beweismaterial hält G. vorläufig noch zurück. 

K o p p. 

Der Gonococcus Ne iss er unterscheidet sich, sagt Roux (5), in der 
Mehrzahl der Fälle von anderen Coccen durch seinen besonderen Sitz und 
durch sein häufiges Vorkommen innerhalb der Zellen, doch ist dieser Unter¬ 
schied nicht überall entscheidend. Für zweifelhafte Fälle eignet sich nun 
die Anwendung der Grainschen Methode, da bei derselben alle Coccen ihre 
Farbe behalten haben, bis auf den Gonococcus. Der Gonococcus (und ausser 
ihm gewisse Bacillen, von denen ein andermal die Rede seiu soll) wird 
entfärbt. Hat man daher in zweifelhaften Fällen die Gegenwart von Gono¬ 
coccen durch die Färbung mit Gentianaviolctt oder Methylenblau constatirt, 
behandelt man dasselbe Präparat mit Gramscher Flüssigkeit und sodann 


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der Syphilis. 


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mit Alkohol, nnd sind dann die Coccen ans dem Präparate völlig 
verschwunden, so können es Gonococcen sein. Bleiben sie aber in blauer 
oder violetter Farbe bestehen, so kann man die blennorrhoische Natur 
des fraglichen Leidens bezweifeln und seiner wirklichen Beschaffenheit nach¬ 
forschen. Steinschneider. 

Howard (6) berichtet: Eine 14 Tage verheirathete Frau erkrankt 
an heftigem Cervixkatarrh, Leibschmerzen etc. Diagnose: Uterus-Fibroid, 
fünf Monate palliative Behandlung. Dann wurde ein Tumor an der rechten 
Seite des Uterus constatirt nnd derselbe operativ entfernt, er bestand aus 
dem zum Theil vereiterten Ovarium und der Tuba, welche als eine gemein¬ 
same Cyste imponirten. Der Ehemann hatte drei Jahre vor der Verheirathung 
an einer Gonorrhöe gelitten, die nach seiner Annahme in drei Wochen 
völlig geheilt war; 14 Tage vor der Hochzeit acquirirte er angeblich durch 
ein Trauma eine Epididymitis. Es fehlt leider eine Angabe über bacterio- 
logische Untersuchung des vereiterten Cysteninhalts. Harttung. 

In elf Fällen von Vulvo vaginitis bei Kindern fand Israel (7) bei neun 
das Vorkommen von Gonococcen, von denen in sieben Ansteckung mehr oder 
weniger wahrscheinlich war. Ein Unterschied im Verlauf zeigte sich nicht zwi¬ 
schen den Fällen mit und ohne Gonococcen. Der Einfluss der Behandlung war 
sehr gering, Jodoform nützte nicht viel, dagegen leistete Sublimat 
(1:1500 — 2000) und Höllenstein (1 : 500) gute Dienste. Verfasser ist geneigt, für 
die grosse Mehrzahl der Fälle gonorrhöische Schleimhautaffection anzunehmen. 

Unter zehn Fällen Lennander’s (8), welche im Kinderspitale zu 
Stockholm beobachtet wurden, liessen sich fünfmal Gonococcen nachweisen. 
Im Spitale selbst wurden 18 Mädchen von einer solchen Kranken inficirt, 
und jedesmal waren Gonococcen zu constatiren. Diese Befunde bestätigen 
die Erfahrung, dass die purulente Vulvitis der Kinder häufig auf Tripper- 
infection beruht, und dass man bei der Aufnahme die Genitalien unter¬ 
suchen und die erkrankten Kinder isoliren muss. Toeplitz. 

Schwarz (9) steht durchaus auf Seite derjenigen, welche in dem 
Gonococcus Neisser’s den Träger des Trippercontagiums erblicken. Jedes 
Secret, in dem die Gonococcen Vorkommen, sei infectionsffihig, ein Secret, 
in welchem sie fehlen, sei es nicht. Dieser ätiologischen Auffassung ent¬ 
sprechend entwickelt der Autor seine Anschauungen über Diagnose, Prognose, 
Prophylaxis und Therapie in logischem Zusammenhänge und präciser Form 
dahin, dass die Tripperinfection beim Weibe, besonders bei jung verheiratheten 
Frauen der besseren Stände, häufig durch chronischen, sogenannten latenten 
Tripper des Ehemannes veranlasst ist, dass diese Infection im Gegensätze 
zur ersten Infection bei Männert) in meist schleichender Weise zu Stande 
kommt darum oft anfänglich nicht genügend beachtet wird, so dass erst 
spät consecutive Veränderungen in den weiblichen Genitalien, Störungen 
der Menstruation, recidivirende Perimetritiden und Pelveoperitonitiden, sowie 


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Bericht Uber die Leistungen auf dem Gebiete 


Sterilität, sowohl primäre als secundäre, endlich sogenannte hysterische 
Reflexerscheinungen von Seiten des Nervensystems auf eine retrospective 
Diagnose hinführen. Mit Rücksicht auf die Folgezustände der gonorrhoischen 
Infection beim Weibe steht Schwarz so ziemlich auf dem bekannten, früher 
vielfach angegriffenen Standpunkte N ö ggerath’s. Bei Besprechung der 
Diagnose sowohl der acut als der schleichend auftretenden Gonorrhoe beim 
Weibe betont Sch., ohne die Bedeutung des mikroskopischen Nachweises 
der Gonococcen zu schmälern, doch auch, und zwar besonders mit Rücksicht 
auf das praktische Bedürfniss die klinischen Symptome der Erkrankung. 
Was die Prophylaxis anlangt, muss Männern, die mit chronischem soge¬ 
nanntem latentem Tripper behaftet sind, bis zur völligen Ausheilung des¬ 
selben die Ehe, respective der Coitus im Allgemeinen untersagt werden. 
Doch acceptirt er einen nicht mehr infectiösen granulösen Katarrh der 
Harnröhrenschleimhaut, einen Folgezustand vorausgegangener Gonorrhöe, 
der in gedachter Richtung eine mildere Beurtheilung zulässt ; die Entschei¬ 
dung kann nur durch wiederholte mikroskopische Untersuchung des Secretes 
auf Gonococcen gefällt werden. Bezüglich des therapeutischen Theilcs 
müssen wir auf das Original verweisen. 

Win slow (10) berichtet über ein epidemisches Auftreten von Go¬ 
norrhöe in einem Knabeninstitute in der Nähe Baltimores. Eingeschleppt 
wurde die Erkrankung durch einen älteren Jungen, der sich bei einem 
Mädchen ausserhalb der Anstalt infieirt hatte, die weitere Verbreitung war 
theils auf active, theils auf passive Päderastie zurückzuführen, der sich die 
Knaben zwischen dem 13. und 19. Jahre hingabcn. Von Complicationen 
wurden Epididymitis, Chorda und Tripperrheumatismus constatirt. Die 
Untersuchung des Rectums ergab bei vielen Knaben eine entzündete, ge¬ 
schwellte, rothe, schmerzhafte und leicht blutende Schleimhaut. Unter¬ 
suchungen auf Gonococcen wurden nicht vorgenommen. Ko pp. 

Finger (11) empfiehlt, da die Injectionen mit der Tripperspritze 
nicht mit gleichmässigem Druck und Geschwindigkeit ausgeführt werden, 
parallel der Wand eine circa 500 Gramm fassende Spritze aufzuhängen, 
deren Stempelstange am äusseren Ende eine Gewichtsschale trügt und deren 
Mundstück mit einem circa 1 Meter langen Gummischlauch und bimförmi¬ 
gem Ansatzstücke für die Harnröhrenöffnung versehen ist. Bei acuter 
Urethritis wird nach Ansaugen der zu verwendenden Flüssigkeit der Stempel 
hinausgezogen und die Spritze nur als Irrigator verwendet; bei subacuter 
soll die Flüssigkeit mit einem gewissen Druck injicirt werden, und zu 
diesem Zwecke wird die Gewichtsschale der Stempelstange mit 7tKilo 
belastet. Lieferant: Thürriegel, Wien, IX., Schwarzspanierstrasse o. 

An einem elastischen Katheter wird ein kleiner Gummiballon, wel¬ 
cher die zu injicirende Flüssigkeit enthält, befestigt und nach Einführung 
des Katheters, bis derselbe durch Anstossen an das lig. triangul. urethrae 


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der Syphilis. 


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auf einen grösseren Widerstand stösst, durch leichten Druck auf den Ballon 
die Injectionsmasse in die Harnröhre entleert. Beim Ausfliessen der Ein¬ 
spritzung werden die Secretmassen, welche sich hinter der erkrankten 
Schleimhautpartie angestaut haben, nach aussen befördert. Gegen dieses 
.zweckmässigste“ Verfahren nach Gerdien (12) spricht nur, dass ein mit 
engem Halse versehener Gummiballon hierbei in Anwendung kommt, ein 
Gegenstand, der ausserordentlich schwer zu reinigen und nur zu sehr als 
Infectionsquclle zu fürchten ist, ein Vorwurf, welcher den mit einem Irri¬ 
gator verbundenen Katheter nicht treffen kann. Auch derartige Harn¬ 
röhrenausspülungen mittelst Irrigators, welche G. nur dem Arzte überlassen 
will, kann nach des Referenten Erfahrung der Patient, welchem sie einmal 
gezeigt worden ist, ohne jegliches Bedenken selbstständig ausführen. 

Das Meyer’sche (13) Harnröhrenendoskop, welches eine Modification 
des von Smith construirten zeigt, besteht aus vier gebogenen, sich kreu¬ 
zenden, an dem einen Ende durch einen Ring zusammengehaltenen Drähten, 
welche vorne durch eine Schraube von 1 —7 Mm. Durchmesser von einander 
entfernt werden können. Geschlossen hat das Instrument an der Spitze die 
Weite Nr. 18 der Charrtere'schen Filtere. Das Instrument ist nur 7 Ctm. 
lang und dient daher nur zur Untersuchung des vorderen Harnröhrenab¬ 
schnittes. Durch einen genau einpassenden Metallobturator dient es auch 
zur Vornähme von Aetzungen. Die Beleuchtung geschieht durch Hand- oder 
Stirnreflector. Lieferant: L. Blumberg, Berlin, Wilhelmstrasse 124. 

Chotzen. 

Bar ton (14) empfiehlt innerlich Kreosot, dreimal täglich zwei 
Tropfen und local dreimalige Einführung von Stäbchen aus: Jodof. 0‘6. 
Morph, sulf. 0‘3, Kreosot gtt. X, Ol. Cacao 2'0, M. f. supp, urethr. Nr. 10. 

Lesser. 

Haynes (15). Ein viertägiges Kind hatte von der Mutter, welche 
zur Zeit der Entbindung an Gonorrhöe litt, eine Conjunctivitis acquirirt. 
Die Enzündung bestand seit zwei Tagen; die Hornhaut war mit Eiter be¬ 
deckt, die Lider so stark geschwellt, dass sie nur in der Chloroform-Nar¬ 
kose mit Mühe geöffnet werden konnten. Anfangs waren alle Mittel wir¬ 
kungslos; das Kind magerte zusehends ab und bekam eine heftige Stoma¬ 
titis. Darauf wurde Copaivbalsam an den Schläfen, den äusseren Augenwinkel 
und über den Augenbrauen eingerieben, sowie auch eine Kleinigkeit zwischen 
die Lider gebracht. Das Secret wurde durch kleine, mit Alaun- oder Chlor¬ 
zinklösung getränkte Wattebäusche stündlich entfernt. Die Besserung be¬ 
gann sofort mit der Anwendung des neuen Mittels und nach vier Wochen 
war das Auge geheilt. Toeplitz. 

Krnhl (16) behandelt die Gonorrhöe mit 10 Percent Jodoformvaselin, 
die er verflüssigt in einem dünnen elastischen Katheter einsaugt und nach 
Einführung des letzteren in die Harnröhre ausbläst. Die lebhaften Schmerzen 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


des acuten Stadiums verschwinden in 84 Stunden. Die Methode sei beson¬ 
ders indicirt bei Personen mit leicht irritabler Urethra oder Nieren. 

Gordon (17) sah bei Gonorrhöe gute Erfolge von der internen Ver¬ 
abreichung von Sierra-Salvia-Tinctur, dreimal täglich 20 Tropfen. Er gibt 
sie in Glycerin, mit einem Zusatz von Citronensyrup. Epstein. 

Bumm's Untersuchungen constatiren völlig im Gegensätze zur Mei¬ 
nung De Barry’s einen inneren Zusammenhang der Neisse rischen Gono- 
coccen mit Urethritis. Petersen (18) fand Gonococcen nicht nur in recenten 
Fällen, sondern auch nach einer dreijährigen Dauer der Urethritis. Da nun 
der Verfasser die Gonococcen als Ursache der Trippererkrankung ansieht, 
hält er locale Anwendung antiparasitärer Mittel für die beste Behandlungs¬ 
methode der Urethritis. Er gebraucht in den letzten drei Jahren locale 
Injection der Sublimatlösung (1 :5’000). zugleich mit innerlichem Gebrauche 
Natr. Salicylici, welches leicht in Harn übergehend, denselben desinficirt. 
In den 900 Fällen, welche Verfasser mit Sublimat behandelte, beklagten 
sich nur 4 bis 5 Kranke über starken Schmerz nach der Injection; da nun 
aber dieselben Kranken sich auch beim Gebrauche anderer Präparate be¬ 
klagten, so ist hier eher Individualität als die Curmethodc zu beschuldigen. 
Die Urethralinjectionen heissen Wassers (40—50® C.) nach Krause sind 
als Curmethode, obgleich die Kranken dieselbe gut vertragen, nicht recht 
anwendbar, da sie viel Zeit verbrauchen. Um bei Urethritis gegen Gewebe¬ 
degenerationen, welche die Gonococcen verursachen, zu wirken, empfiehlt 
Verfasser Adstringentia (Plumbum aeeticum, Alaun) und locale Aetzung mit 
Arg. nitricum (5 — 10 Percent) mit Hilfe des Endoskops. Die bis jetzt im 
Gebrauche stehenden Spritzen sind nach des Verfassers Meinung nicht ent¬ 
sprechend, da meistens wegen einer viel zu dünnen Oeffnung dieselben 
einen ungenügenden Injeclionsstrahl geben. Verfasser sucht diese Unbe¬ 
quemlichkeit durch seine Spritze zu ersetzen, die er nach Princip der Irri¬ 
gators eingerichtet. Der Gummischlauch ist von der einen Seite mit einem 
gläsernen olivenförmigen Spritzrohr vereinigt, in welchem sich eine Oeff¬ 
nung von 4—5 Mm. befindet; von der anderen Seite aber mit einer bogen¬ 
förmig gekrümmten Glasröhre endet. Ein Arm desselben wird in eine 
Flasche oder ein Glas mit der Injectionslösung eingetaucht. Das oliven¬ 
förmige Ende wird in die Urethra eingeführt und das Gefäss mit der Lö¬ 
sung in die Höhe gehoben. Auf solche Weise gelingt es, den Druck der 
Injectionslösung nach Wunsch zu reguliren. Szadek. 

Auf Grund einer Statistik von 269 Fällen gonorrhoischer Orchitis 
und Epididymitis, die Lowndes (19) nach Furneaux, Jordan's Vor¬ 
gang (1819) mit Pinselung einer 20percentigen Argentum uitricum-Lösung 
(2 Drachmen auf 1 Unze), Hochlagerung des erkrankten Organs und stricter 
Bettruhe behandelt hat, befürwortet der Autor sehr diese Methode. Um in 
wenigen Tagen eine Restitution zur Norm herbeizuführen, genüge meist 


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der Syphilis. 


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eine einmalige Einpinselnng, selten werde eine zweite nöthig. Die anfangs 
starken Schmerzen gingen bald vorüber, und stünden nicht im Verhältnisse 
za den erzielten Erfolgen! Dass an diesen Resultaten Hochlagerang und 
Bettrahe den wesentlichsten Antheil haben, ist wohl ausser Zweifel, nur 
scheitert die Durchführung einer solchen meist an der socialen Lage oder 
der Einsicht der Erkrankten. Ref. Harttnng. 

Zitrin (20) beobachtete 54 Fälle von Urethritis (31 im Krankenhause, 
23 ambulatorisch) und constatirte einen grossen Unterschied in der Häufig¬ 
keit der Complication desselben mit Epididymitis; in der ersten Kranken¬ 
gruppe trat bei 7 (22'58 Percent), in der zweiten bei 12 (52‘17 Percent) 
Kranken Epididymitis hinzu. Einen so grossen Unterschied im Erkranken 
erklärt Verfasser dadurch, dass ambulatorische Patienten nicht pünktlich 
den Anordnungen des Arztes folgen. Szadek. 

Drei Fälle von Abscessen der Bartholin’schcn Drüsen geben Fürst (21) 
Veranlassung, für die Behandlung derselben nicht nur Incision, sondern 
die Excision eines Theiles der Abscesswand und die Reinigung der Hohle 
mit dem scharfen Löffel zu empfehlen, ein Verfahren, durch das mit Sicher¬ 
heit die Gefahr eines Recidivs vermieden würde. (Es ist nicht ersichtlich, 
weshalb F. vor der Ausschabung noch die theilweise Excision der Abscess¬ 
wand vornimmt, ein gründlicher Gebrauch des scharfen Löffels lässt den 
erstrebten Effect ebenso sicher und bequem erreichen.) Harttung. 

Ein 20jähriger Mann erkrankte an Gelenkschmerzen. Dieselben be¬ 
trafen zunächst ein Hüftgelenk, dann beide Kniegelenke und eine Reihe 
anderer Gelenke und einige Schleimbeutel. Es bestand hohes Fieber und 
rechtsseitige Ischias. Bezüglich der Aetinlogie ist Frankel (22) der An¬ 
sicht, dass, obwohl sich einzelne Metastasen kaum anders als durch das 
specifischc Virus selbst entstanden erklären lassen, doch bei der grossen 
Mehrzahl der Fälle von gonorrhoischem Rheumatismus die Gelenkaffectionen 
zunächst durch den Einfluss des Trippervirus bewirkt werden, und dass 
später Eitercoccen einwandern. In der Discussion erwähnt Sonnenburg 
eines Falles von Caries des Hüftgelenkes im Anschluss an Gonorrhöe, wobei 
Gonococcen im Gelenk nachgewiesen wurden. Der gewöhnliche Ausgang der 
Gelenksentzündung sei Ankylose. Ferner berichtet Henoch über einen Fall, 
der ein lOjähriges Mädchen betraf, mit Gonorrhöe und schmerzhafter Schwel¬ 
lung und Unbeweglichkeit des linken Handgelenkes, welche Symptome nach 
etwa zehn Tagen nach Salicylbehandlung zurückgingen. Köhler und 
Sonnenburg machen auf die Seltenheit des Vorkommens der in Rede 
stehenden Erkrankung bei Weibern aufmerksam. 

Loeb (23) theilt in dieser weiteren Veröffentlichung die Kranken¬ 
geschichte eines Falles von gonorrhoischer Rheumatoiderkrankung bei einem 
13jährigen Mädchen in extenso und einen Fall von Ischias gonorrhoica kurz 


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Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


mit und stellt die Summe der bis jetzt vorliegenden Kenntnisse über die 
in Rede stehende Krankheit in 17 Sätzen zusammen, die sich von denen 
in seiner ersten einschlägigen, in dieser Zeitschrift bereits referirten Arbeit 
(Deutsches Archiv für klin. Medicin, Bd. 38, S. 156) nicht wesentlich untere 
scheiden. Zum Schluss theilt Verfasser drei Fälle mit, die er für rudimentäre 
Formen von gonorrhoischen Gelenkaffectionen hält. Karl Herxheimer. 

In einem Falle von Orchitis gonorrhoica, der sich eine Entzündung 
des Kniegelenkes beigesellte, constatirte Smirnoff (24) Gruppen der 
Neisser’schen Gonoeocccn in der serös-eiterigen Flüssigkeit, die aus dem 
Gelenke entfernt wurde. Die Gonococcen befanden sich auf den Eiterzellen, 
somit können wir hieraus schliessen, dass der Grund der gonorrhoischen 
Gelenkentzündung hauptsächlich in der Entwickelung der Neisser’schen 
Gonococcen liege. Szadek. 

Bei einer eitrigen Cystitis, die sich an eine längere Zeit mit Bal¬ 
samen und Injectionen behandelte Gonorrhöe anschloss, erzielte Garcia 
Andrados (25) mit Sublimatinjectionen, nachdem vorher, nach Guyon’scher 
Methode, mehrfach Argentum nitricum in starker Lösung (1 : 100) hier in 
die Pars prostatica applicirt war, ohne dass eine Besserung eintrat, einen 
glänzenden Erfolg. Mit zwei, mittelst Katheter nicht ohne Schwierigkeiten 
vorgenommenen Blaseninjectionen von 45 gr. bei der ersten, 90 gr. bei der 
zweiten, nach drei Tagen folgenden Injection einer Sublimatlösung 2 pro 
raille, wurde in acht Tagen völlige Heilung erreicht. Verf. empfiehlt für ähn¬ 
liche Fälle warm diese Methode der Behandlung. Harttung. 

Brown (26) verordnete den Fluidextract von Cornsilk, welcher 
bisher bei Blasenkatarrhen nur innerlich zu 10 — 20 Tropfen verschrieben 
wurde, direct zu Blasenausspülungen, indem er einen Theelöffel des Ex- 
tractes in eine halbe Tasse heissen Wassers (also 10*0 : 50*0) aufgelöst in- 
jicirte und die Flüssigkeit so lange als möglich in der Blase zurückhalten 
liess. Der Injection schickte er eine Ausspülung mit warmem Wasser voraus 
und nahm sie nur zwei Mal wöchentlich vor; gleichzeitig liess er drei Mal 
täglich zehn Tropfen einnehmen. In zwei bis neun Wochen erfolgte Heilung. 

Chotzen. 

Desnos (27) fasst den Inhalt seiner durch zahlreiche Krankenge¬ 
schichten illu8trirten Arbeit in folgenden Thesen zusammen: 1. Die gonor¬ 
rhoische Cystitis hat ihren Sitz im Blasenhalse; sie ist stets verbunden mit 
einer Urethritis posterior, aber diese allein ruft nicht sämmtliche Symptome 
der Cystitis hervor. 2. Bei beginnender Gonorrhöe klagen manche Patienten 
über häufigen Urindrang; das baldige Verschwinden desselben und das 
Fehlen anderer Symptome einer Cystitis gestatten, eine solche leicht aus- 
zuschliessen. 3. In chronischen Fällen ist die Differentialdiagnose zwischen 
blennorrhagischer und tuberculöser Cystitis, wenn letztere 9ich an eine alte 
bleunorrhagische Entzündung anschliesst, bisweilen unmöglich. 4. Eine ge- 


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der Syphilis. 


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wisse Zahl der als Cystalgie, Blasenhalsneuralgie geführten Fälle, sind 
schlecht geheilte blennorrhagische Cystitiden; in manchen Fällen bleibtauch 
nach völliger Heilung durch lange Zeit eine schmerzhafte Empfindlichkeit 
bestehen. 5. Die beste Behandlung der acuten Cystitis besteht in tropfen¬ 
weiser Application starker (ein- bis zweipercentiger) Lösungen auf den 
Blasenhals; beim ersten Male tritt lebhafte Reaetion auf, aber die Besse¬ 
rung ist eine rapide. 6. In den chronischen Fällen üben die Blasenaus¬ 
spülungen geringe Wirkung aus und können sogar die Krankheit wieder in 
den acuten Zustand überführen. Die allgemeine Behandlung unterstützt 
wesentlich die unentbehrliche locale. 7. Diese letztere besteht wiederum in 
der Einträufelung von Medicamenten, die auf den Blasenhals gebracht 
werden. 8. Sublimat (1:500 bis 1 :250) schmerzt heftig, wirkt langsamer 
als das Arg. nitr. 9. Das Jodoform, in Oel gelöst oder in Glycerin suspen- 
dirt, ist nicht schmerzhaft; es wirkt etwas langsam und nicht sicher. 10. Das 
Cocain lindert die schmerzhaften Zustände der Blase nur für sehr kurze 
Zeit; dagegen setzt es, einige Minuten vor der Einträufelung auf den Blasen¬ 
hals gemacht, die Schmerzen derselben sehr herab. 11. Das Argentum nitri- 
cum (1 : 50 bis 1 : 10) verdient in jeder Beziehung den Vorzug vor den üb¬ 
rigen Medicamenten. Epstein; 

Nach Harrison (28) ist die Ursache des Urethralfiebers in der Re¬ 
sorption toxischer (Ptomaine-) Substanzen aus dem Urin von einer in der 
Urethra gesetzten Wunde aus zu suchen. Er wendet sich ausführlich gegen 
die gewöhnlichen dieser Auffassung gemachten Einwürfe, dass auch bei ein¬ 
fachem Katheterismus und einfacher Sondeneinführung in die Harnröhre, wo 
sicher die experimentelle Erzeugung einer Wundfläche auszuschliessen sei, 
ferner bei Urininfiltiationen, die stürmischen „Urethralfröste“ vorkämen, und 
empfiehlt schliesslich zur Verminderung der erwähnten Complicationen, 
wenigstens bei der Urethrotomia interna die sofortige Hinzufügung der ex¬ 
ternen Operation und die Blasendrainage durch die äussere Schnittwunde. 
Uebrigens gibt H. auch die Möglichkeit reflectorischer Entstehung der 
Fiebererscheinungen und Fröste zu, und steht somit im Ganzen, sowohl in 
seinen Erklärungen wie in seinen prophylaktischen Vorschlägen auf dem in 
Deutschland seit längerer Zeit wohl ziemlich allgemein eingenommenen 
Standpunkte. Harttung. 

Hayes (29) führt die negative Elektrode einer kleinen galvanischen 
Batterie, wenn möglich, in die Strictur hinein, oder wenigstens bis an den 
vorderen Rand derselben; den positiven Pol ans Perineum oder die Innenseite 
eines Schenkels. Der Strom darf nur so stark genommen werden, dass der 
Pat. ihn spürt, nicht bis zur Schmerzempfindung. Die Sitzung muss alle 
zehn Tage wiederholt werden. In drei von H. genauer angeführten Fällen 
hat er mit dieser Methode sehr ermuthigende Resultate erzielt und empfiehlt 
dieselbe sehr warm auch für complicirte Fälle. Epstein. 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


Bei einer 48jährigen Unipara, welche seit zwölf Jahren an wieder¬ 
holten Urinverhaltungen gelitten hatte, war die Urethra in Form einer Wurst 
ausgedehnt und durch fibröse Stränge völlig verlegt. Dass es sich hier um 
Lupus.handelte, ist aus Hermann’s (30) Angaben nicht ersichtlich. 

Bei einem Kranken, welcher zuerst Strictura urethrae, infolge dieser 
chronische Cystitis und Nephritis bekam und an Urämie zu Grunde ging, 
fand Panntf (31) locale Tuberculose der uropoetischen Organe. Und zwar 
waren nur diejenigen ergriffen, auf welche das Bestehen der Strictur Ein¬ 
fluss hatte, d. i. Prostata, Blase, üreteren und Nieren, während die Vv. se- 
minales, Samenstränge, Nebenhoden und Hoden völlig frei blieben. 

Gaertner. 

Im Jahre 1873 hatte Valette aus Lyon auf die Stenose des Meatus 
aufmerksam gemacht. Tedenat (32) hat in zahlreichen Fällen Gelegenheit 
gehabt zu constatiren, dass diese Missbildung eine bedeutende Einwirkung 
auf die Functionen, sowie auf den Verlauf von Erkrankungen des Urogeni¬ 
talsystems ausübt. Nachdem T. die Mangelhaftigkeit der Literatur in dieser 
Frage ausgesprochen, geht er zur Beschreibung der Stenosen über und theilt 
sie I. in congenitale und II. erworbene. Die ersten zeigen immer mehrere 
Formen: 1. Valvuläre Stricturen. Der Meatus trägt an seiner vorderen 
und hinteren Commissur eine kleine Falte, die letzte etwas höher als die 
erste. Diese können, jede für sich oder zu gleicher Zeit, hypertrophisch sein. 
Am häufigsten ist es die unterste Commissur, welche ergriffen ist und kann 
diese eine Höhe von 5—6 Mm. erreichen. Es wird da ein wahrer Cul-de- 
sac gebildet, der die aus der Harnröhre fliessenden Flüssigkeiten zurück¬ 
hält, und dadurch eine Reizung auf der Schleimhaut der Harnröhre er¬ 
zeugen kann. Seltener ist die Hypertrophie der oberen Commissur, doch hat 
sie auch T. beobachtet. An der Insertionsstelle der Valvulae kann man 
ausserdem noch die Oeffnungen von zwei kleinen Schleimdrüsen beobachten, 
welche sehr oft als Sitz der chronischen Blennorrhöe beim Manne erkrankt 
gefunden werden. 2. Cylindrische Stricturen sind solche, die durch eine regel¬ 
mässige Verdickung des Hamröhrentheiles, der vor der Fossa navicnlaris 
liegt, gebildet sind. Sie coexistiren oft mit den eben beschriebenen. Ihre 
Existenz kann nur durch Sondirung und Exploration mit der Knopfbougie 
constatirt werden. 3. Hypospadische Stricturen. Das Orificium ist in diesen 
Fällen durch eine valvuläre Verschiebung der verdünnten Haut gebildet. 
Indem man diese zurückzieht, entdeckt man eine kleine runde oder auch 
spaltförmige Oeffnung, so klein, dass sie unter Umständen nur eine Borste 
aufnehmen kann. An der Spitze der Glans penis existirt eine Oeffnung, von 
der Grösse des Meatus, welche oben gewöhnlich nicht mit der Harnröhre, 
oder nur durch eine kleine Oeffnung verbunden ist, so dass der Urin durch 
beide Oeffnungen entleert werden kann. 4. Epispadische Stricturen, äusserst 
selten. — II. Erworbene Stricturen sind meistens als Folgezustände von 
Geschwüren oder Operationen, Condylomen etc. vorhanden. Der syphilitische 


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der Syphilis. 


375 


Schanker bedingt nur ausnahmsweise narbige Veränderungen, wohl aber 
der weiche Schanker. Hier kann man auch sagen, dass der Arzt oft viel zu 
tiefgehende Aetzungen vernimmt, worunter als besonders gefährlich zu be¬ 
trachten sind diejenigen, die mit Acid. carbolicum, Sublimat und Hydrarg. 
nitr. oxydul. vorgenommen werden. Ferner können sich noch Stenosen 
bilden in Folge Vernarbung von spontan entstehenden Ulcerationen bei 
Diabetikern. Als Folgen von Stricturen des Meatus beobachtet man eine 
Vergrösscrung der Valvula Guerini, ferner Abscesse der Harnröhre-, bei 
Kindern Convulsionen, die Permeabilität des Urachus kann dadurch unter¬ 
halten werden, es entstehen Entzündungen des vorderen Theiles der Harn¬ 
röhre, ferner spasmodische Contractionen des hinteren Theiles der Urethra, 
der Blase. Dieser Zustand kann eine Incontinentia urinae, oder das Vor¬ 
handensein eines Blasensteines simuliren. Die Incision des Meatus macht 
allen diesen Symptomen ein Ende, Bryant und Lewis Sayre haben sogar 
Paraplegien, Hemiplegien, Muskelcontracturen etc. in Zusammenhang mit 
der Stenose beobachtet, welche durch die einfache Incision geheilt wurden. 
In der Pubertätszeit entstehen Neuralgien des Sameustranges, Herpes pro¬ 
genitalis, spasmodische Contractionen des Crcmaster, sowie solche des Mus- 
calus orbicularis urethrac. Furncux-Jordan, Hayes, van Buren haben 
Fälle von „irritable bladder“ beschrieben, die durch die Hebung der Strictur 
beseitigt wurden. Ausser diesen Störungen der Sensibilität und lleilexmotilität 
des Genitalapparates sind noch die Perturbationen der Genitalfunctionen zu 
betrachten. Die Ercction, die Ejaculation, stehen nicht mehr in ihrem nor¬ 
malen Verhältnis, auch entstehen die gewöhnlichen Complicationen, welche 
eine Entzündung der Harnröhre, wie sie die Strictur des Meatus mit sich 
bringt, und wird die Heilung des Trippers verzögert, sowie die Entwickelung 
von Stricturen der tieferen Theile der Harnröhre begünstigt (bei 115 beob¬ 
achteten Stricturen war 84mal Stenose des Meatus vorhanden). Es folgen 
noch einige Worte über die Technik der Operation, die man mit der Scheere, 
mit dem Civiale'schen Instrument oder mit dem Knopfbistouri vornehmen 
kann. Wolff. 

Iu der Sociötd de Chirurgie berichtet le Fort (33) über seine Be¬ 
handlungsmethode von Stricturen. Er führt eine Leitsonde ein, der sich 
dickere Nummern (9, 15, 21 Charribrc) anschrauben lassen, und die er 
zunächst vierundzwanzig Stunden liegen lässt. Ohne dass irgend eine Gewalt 
angewendet wird, werden dann der Beihe nach die stärkeren Nummern an- 
geschrauht und durchgeführt und iu den meisten Fällen gelingt es in einer 
•Sitzung bis zu Nummer 21 zu kommen. Unter 52 Fällen war le Fort nur 
dreimal gezwungen bei Nr. 9 aufzuhören, zwanzigmal hei Nr. 15; auch in 
diesen Fällen waren nur wenige Sitzungen nöthig, um die stärkste Nummer 
durch die Verengerung zu bringen. Nach der Dilatation soll ein starker 
Verweilkatheter noch vierundzwanzig Stunden liegen und noch eine lange 
Zeit nachher muss systematisch weiter bougiert werden, eine Manipulation, 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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die le Fort dem Patienten übeilässt. Impermeable Stricturen macht sich 
le Fort dadurch zugängig, dass er eine starke Bleisonde, etwa Nr. 15, bis 
zur Strictur führt und dann dort unter einem massigen constanten Druck 
circa zehn Minuten fixirt. Es wird so eine Art Trichter geschaffen, durch 
dessen Höhlung das Leitbougie nachher ohne Gefahren durchdringt. Einmal 
unter seinen 52 Fällen kam es zu Urethralfieber eben weil er aufs sorg¬ 
fältigste Traumen vermeidet, nur dreimal sah er Recidive wieder; von den 
übrigen Kranken glaubt er, dass sie geheilt sind. In der Discussion, an der 
sich Verne uil, Horteloup, Trelat u. A. betheiligen, wird im Ganzen 
die — bei uns wohl allgemein völlig mit Recht verlassene Urethrotomia 
interna als bequemste und unter aseptischen Cautelcn beste Operation em¬ 
pfohlen, natürlich auch mit nachfolgender dauernder Bougierung. Horteloup 
wendet noch die brüske Dilatation an und nach seinen Mittheilungen hat 
er bei diesem Verfahren ernstere Complieationen nicht gesehen; er lässt 
indessen diese Methode nur für die Stricturen ohne Fisteln gelten. Die 
Maissonneuve Urethrotomie verwirft er, weil man nicht die Ausdehnung 
des Schnittes .und die Tiefe desselben controlireu könne. Er selbst bedient 
sich zu seinen Dilatationen eines Katheters, welcher 1 Ctm. von seiner 
Spitze eine olivenförmige Erweiterung hat und von wo sich eine messer¬ 
artige stumpfe Platte verschieben lässt. Diese Katheter werden in vier 
Reihen aufeinanderfolgend (Spitze 7, Olive 10, Platte 12, Charriere bis 20 —23) 
eingeführt und liefern auch wegen ihrer gewissermassen schneidenden Ein¬ 
wirkung an nur zwei Stellen des Narbeueinganges sehr gute Resultate, ohne 
doch Verletzungen herbeizufübren. Die beschleunigte elastische Dilatation 
mit dem Steanfschcn Dilatator wird gar nicht erwähnt. Harttung. 

Harrison (34) hat in einem früheren Aufsatze (Lancet, 6. März 
als diagnostisches Hilfsmittel erwähnt, dass unvollkommene Entleerung der 
Blase als Prodromalsymptom der Prustatavergrösserung auftrete. Nach H. 
ist die Prostata wesentlich als Muskel aulzufassen und ihre Hypertrophie 
ist analog den cuinpensatorischen Hypertrophien in anderen Organen. Ein 
übermässiges Sinken dei Blase im Becken kann zu Prostatavergrösserung 
führen. Diese macht bei dev Mehrzahl der Patienten keine Beschwerden, 
sondern ist für sie nützlich. Auch nach Vereiterung und völliger Zerstörung 
der secernirenden Elemente der Prostata sollen spätere Störungen der sexu¬ 
ellen Functionen niemals auftreten. Gacrtner. 

Unter den drei bei der Behandlung der Prostatahypertrophie ge¬ 
bräuchlichen Medicamenten Ergotin, Jodkali und Ammoniumchlorid ist nach 
BackwilTs (35) Erfahrungen das erste am meisten empfehlenswerth. Er 
gibt dasselbe lange Zeit hindurch in grossen Dosen und legt auf streng 
diätetisches Verhalten, besonders Massigkeit in der Zuführung von Getränken 
während der Behandlung grossen Werth. Instrumentelle Behandlung ver¬ 
meidet er ganz, nur bei Retentionen lässt er elastische Katheter eiuiuliren. 
Er gibt an, auf diese Weise fast stets zum Ziele gekommen zu sein, das 


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der Syphilis. 


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heisst, eine Rückbildung der Drüse erreicht zu haben ; zum wenigsten aber 
habe er allen seinen Patienten Linderung geschafft und ihnen ihr häufig 
höchst qualvolles Leiden erträglich gemacht. Harttung. 

Nach Thompson (36) gibt es vier Classen von Prostatahypertruphien. 
1. Etwa gleichmässige Wucherung des drüsigen und bindegewebigen Theiles: 
Wahre Hypertrophie. 2. Vorwiegende Wucherung des Bindegewebes und 
Rarefaction des Drüsengewebes: Fibröse Hyperplasie. Hierbei können 
auch die glatten Muskelfasern sehr zunehmen: Fibromusculäre Hyper¬ 
trophie. 3. Vorwiegeu der Wucherung des Drüsengewebes, geringere des 
bindegewebigen Stromas: Drüsenbyperplasi e. 4. Gleichmässige Wuche¬ 
rung beider Gewebsarten, aber in circumscripter Gesellwulstform: Locale 
Hypertrophie. Karl Herxheim er. 

Desnos (37) fand bei seinen Untersuchungen dass bei Greisen — 
trotz völliger Impotenz — sehr oft, etwa in der Hälfte der Fälle noch 
Spermatozoen vorhanden sind; so waren sie z. B. sehr reichlich bei einem 
94jährigen Manne. Fehlen die Spermatozoen, so sind meistens die entspre¬ 
chenden Samenwege, besonders der Schwanz des Nebenhodens obliterirt. 
Ursache dieser Obliteration sind, wie es scheint, Varicen des Samenstranges. 
Der Hoden atrophirt bei den Greisen, besonders unter dem Einfluss einer 
Hydrucele. Epstein. 

Fürbrin ger (38) betont zunächst, an seine früheren Veröffent¬ 
lichungen erinnernd, von Neuem die eigenartige Stellung der Mictions- und 
Defäcationsspermatorrhöe, die ein selbstständiges Leiden, nicht das End¬ 
stadium der krankhaften Pollutionen sei und auch diesen gegenüber eine 
ungleich günstigere Prognose habe, lieber die Genese nun derjenigen — 
an Zahl bei weitem überwiegenden — Fälle dieser Form, die in gonor¬ 
rhoischer Vorerkrankung wurzeln, gelang es F. durch die mehrere Jahre 
hindurch methodisch fortgesetzte Untersuchung des Urethralsecrets resp. 
des Harnes bei chronischer Gonorrhöe wichtige Aufschlüsse beizubringen. 
Von 140 diesbezüglich untersuchten Patienten entleerten 29 mit ihrem 
Harne zahlreiche Spermatozoen, ohne sich dieser latenten Spcrmatorrhöe 
irgend bewusst zu sein. In zweien dieser Fälle konnte F. das allmälige 
Anwachsen der latenten zur richtigen Defäcations- und Mictionsspermatorrhöe 
beobachten. Dauernden Schwund der Spermatozoen aus dem Harn sah F. 
nur in zwei Fällen. Beginnende Impotenz konnte, von vier durch Neurasthenie 
complicirten Fällen abgesehen, nur zweimal eonstatirt werden. Mitbetheili¬ 
gung der Prostata, war in den daraufhin speciell untersuchten Fällen stets 
auszuschlicssen. F. glaubt diese von ihm aus der Gruppe der Defäcations- 
sperinatorrhöen herausgehobene Form betrachten zu dürfen als eine ein¬ 
fache Entleerung des Samenblaseninhaltes, die bedingt würde durch die in 
Ftdge der (von der Urethra aus propagirten) chronischen Entzündung ein¬ 
getretene Erschlaffung, Insufficienz der Ductus cjaculatorii, jedesmal ein- 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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geleitet würde durch den hei der Harnentleerung, Defäcation oder sonstwie 
gesteigerten iutraabdoininaleu Druck. Er lehnt es dagegen entschieden ab, 
die Sameneutleerung in den Fällen gonorrhoischen Ursprungs, wie es gemein¬ 
hin geschieht, zu beziehen auf einen vom Mastdarm ausgehenden Reflex¬ 
vorgang und will diese Deutung nur für die Fälle neurasthenischer Dtfaca- 
tionsspermatorrhöe gelten lassen. : Epstein. 

Grünfeld (39) sieht als häufigste Ursache der Sperniatorrhöe ge¬ 
schlechtliche Excesse, zu häufigen Coitus oder Onanie an; durch sie werden 
die Samenbläschen, dann die Prostata, schliesslich das Caput gallinaginis 
afficirt, und zwar entsteht zunächst eine Hyperämie, dann ein Katarrh resp. 
eine Gewebsvermehrung, die Samenbläschen verlieren die Fähigkeit, sich 
für ein verschiedenes Quantum Inhalt entsprechend zu erweitern und zu 
verengern, so dass auf geringe Reize schon (Urinentlecrung, Defäeation, 
obseöne Bilder) Samenabgang erfolgt. Eine weitere Ursache ist der Tripper, 
der die Pars prustatica, dann auch die Samenbläschen krankhaft verändert. 

In der Minderzahl der Fälle bewirkt eine Affection des Nervensystems 
Sperniatorrhöe, vielmehr sind die nervösen Symptome meist das secundäre 
Uebel, die Sperniatorrhöe das primäre. — Die Diagnose gründet sich auf 
den mikroskopischen Nachweis von Spermatozoen im Urin oder im Secret 
selbst, sowie auf den endoskopischen Befund eines Katarrhs der Pars pro- 
stat., auf Schwellung, Vergrösserung, Röthung des Caput gallinaginis. Pro¬ 
gnostisch ist zu bemerken, dass leichte Fälle allein durch richtige Ernäh¬ 
rung und ein geregeltes sexuelles Leben zur Selbstheilung kommen, bei 
tiefergreifenden anatomischen Veränderungen muss neben der allgemeinen 
Behandlung eine locale inaugurirt werden. Bei grosser Empfindlichkeit der 
Genitalorgane, wo schon auf geringe Reize Sperma abgeht, empfiehlt Gr. 
zur Abstumpfung die Sondencur, so dass nach zwei bis drei Einführungen 
immer eine höhere Nummer verwandt wird. Die Sondencur empfiehlt sich 
auch bei hypertrophischen Vergrösserungen des Caput galliuaginis wegen 
der Druckwirkung. Die Fälle mit chronischer Hyperämie des Colliculus 
seminalis passen für den Psychrophor, doch wird hier oft lauwarmes Wasser 
besser vertragen als kaltes. Wichtiger ist die Application adstringirender 
ätzender Mittel im Bereich der Pars prustatica, und zwar mit Hilfe des 
Endoskops, durch das man genau Ort und Grad der Aetzung bestimmen 
kann. Man kann hier mit dem Lapis genau die Stelle, die man ätzen will, 
treffen, oder man ätzt den Samenhügel, der wenig empfindlich ist, durch 
Einführung eines mit lüpercentiger Lapislösuug benetzten Tampons. Bei 
hypertrophischem Samenhügel ist die galvanokaustische Schlinge, durch den 
endoskopischen Tubus eingeführt, zweckmässig. Manchmal ist auch Milch¬ 
säure, Chromsäure, besonders aber eine spirituöse Sublimatlösung, ^/ 4 — 1 Per- 
cent, die durch Imbibition tiefer dringt, anwendbar. Als Adstringens be¬ 
nutzt Gr. Jodtinctur zur Bepinselung des Colliculus seminalis. Solche 
Aetzungen, zwölf bis fünfzehn an Zahl in zwei bis dreitägigen Pausen, * 


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der Syphilis. 


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sind durchaus gefahrlos. Auch die Anwendung des Ulzmann'sehen Harn- 
röhreninjectors, mit dem man ein bis fünf Tropfen einer 5—lOpercentigen 
Lapislösung injicirt, ist bequem. Die allgemeine Behandlung besteht in 
Regelung des Stuhlganges, zweckmässiger ei weissreich er Nahrung, um die 
Kothmasse zu verringern, und je nachdem Eisen, Chinin, Bewegung in 
frischer Luft, milder hydrotherapeutischer Cur (keine kalten Sitzbäder), 
Regelung des sexuellen Lebens und psychischer Einwirkung auf die meist 
deprimirten Kranken. Ein elektrotherapeutisches Verfahren bei Störungen 
im Bereich des Nervensystems ist oft unentbehrlich. (Die locale Elektrisirung 
erwähnt Vf. gar nicht. Ref.) Rieh. Kolm. 

Die Beweise, dass durch geringfügige periphere Reize in und auf 
Schleimhäuten mit empfindlichen Nervenendigungen dem Reiz entsprechend 
unverbältuissmässig grosse nervöse Störungen veranlasst werden, sind in den 
letzten Jahren ausserordentlich vermehrt worden. Oberländer (40) er¬ 
innert an die durch den Reiz von Eingeweidewürmern bei Kindern veran- 
lassten Krampfformen, und das reflectorische Asthma bei Erkrankungen der 
Nascnschleimhaut und die in der täglichen Praxis so häufigen nervösen Leiden, 
welche mit Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane in directem 
Zusammenhänge stehen. Zweck der vorliegenden Arbeit ist es, auf eine 
Anzahl seltenerer, weniger genau gekannter Neurosen des männlichen Harn¬ 
apparates, welche in mehr weniger geringfügigen Veränderungen auf und 
in der Schleimhaut des Harncanals ihre Ursache haben, hinzuweisen und 
dieselben von praktischen Gesichtspunkten aus mit Rücksicht auf Entste¬ 
hung, Symptome, Verlauf und Therapie zu besprechen. — Abgesehen von 
einer hereditär-nervösen Disposition solcher Individuen sind wohl als häufigste 
Ursachen die so oft vorhandenen Residuen vorausgegangener blennorrhoischer 
Erkrankung der Harnröhre zu nennen. Es handelt sich dabei stets um 
chronische Entzündungsformen, deren rasche Diagnose stets nur mit Hilfe 
Nitze-Leiter’schen Urethroskops ermöglicht ist. Ob. unterscheidet im Allge¬ 
meinen zwei Formen dieser Entzündung: eine mit Betheiligung der Drüsen 
und des periacinösen Gewebes und eine zweite, wo eine allgemeine und auch 
herdförmige Betheiligung der Schleimhaut in Form sammtartiger Schwellung 
oder granulärer Hypertrophie betrachtet wird. Der Harn erleidet bei den in 
Rede stehenden Neurosen chemische und quantitative Veränderungen; be¬ 
sonders beachtenswcrth ist die Polyurie, das Vorkommen von Albumen uud 
die Vermehrung der phosphorsauren Salze. Die Behandlung der Grundleiden 
d. i. der objectiv im Harncanal wahrnehmbaren Veränderungen wird aus¬ 
führlich besprochen. Dilatation der Harnröhre, Cauterisationen (1 Percent 
Arg. nitr.) mit der Katheterspritze und dicke Metallbougies werden für die. 
einzelnen Fälle empfohlen. Ausserdem findet in der Behandlung der Neu¬ 
rosen die Anwendung des Winternitz'schen Psychrophors, der galvanische 
und far&dische Strom und die Hydrotherapie Verwendung. Narcotica sind 
nach Möglichkeit zu vermeiden; bei allen rein sensiblen Erscheinungen und 
Vierteljahresschrift f. Denn. u. Sypb. 1887. 25 


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Bericht (Iber die Leistungen auf dem Gebiete 


bei gewissen Krampfforinen wird eventuell das salicylsaure Cocain 0'025 
subcutan gerühmt. Folgende Neurosen werden, grossentheils mit illustriren- 
den Krankengeschichten besprochen: Der chronische Herpes des Präputiums 
und der verschieblichen Haut des Penis, der Herpes der Harnröhrcnschleim- 
haut, cutane Neuralgien der Geschlechts- und Harnorgane, Neuralgien des 
Hodens und Samenstranges, Hyperästhesien der Blasen- und Harnröhren¬ 
schleimbaut und die motorischen Neurosen der hinteren Harnröhrenpaiticn 
des Blasenhalses und der Blasenmusculatur, welche erstere insgesammt mit 
gröberen Störungen in der Urinentleerung verbunden sind. Bezüglich der 
vielfach sehr interessanten Details ist auf das Original zu verweisen. 

K o p p. 


Venerische Helkosen. 

1. Henry F., Simes C. Ueber die Natur des weichen Schankers. — The 
Policlinic. Vol. IV. N. 2. Philadelphia 1886. 

2. Mougcne d© Salnt-Avid* Ueber den nichtansteekenden Schanker de* 
Uterus und seine Beziehung zum weichen Schanker der Vagina — 
These de Paris 1886. 

3. Scott Helm. Subcutaneous treatinent of buboes. Chicago Med. J. and 
Examiner. — Northwestern Lancet. Oct. 1886, pag. 9. 

4. Winslow and Joiich. Note on the occurcncc of gangrenu ol* the scru* 
tum, after the removal of enlarged inguinal glands. (Annals ul Surgery 
1886, 111, pag. 40 ff.) — Ceutralbl. f. Chir. 1886, Nr. 40. 

Simes (1) ist der Ansicht, dass der weiche Schanker nicht stets 
durch die Einimpfung eines spezifischen Virus hervorgerufen werde, sondern 
auch ohne eine solche entstehen kann. Lesser. 

Der Schanker meint Mougeue (2) komme an der Gebärmutter wohl 
selten, doch häufiger vor, als man anzunehmen pflege und befalle meist das 
Collum, zuweilen aber auch die Gebärmutterhöhle allein. Der Schanker der 
Vagina sei meist durch eine vom Schanker der Gebärmutter ausgegangene 
Uebertragung veranlasst, selten umgekehrt. Nur durch Ueberimpfung 
des schleimigeitrigen Ausflusses des Uterus lasse sich die Diagnose des in 
der Gebärmutterhöhle befindlichen Schankers feststellen. Dieselbe führe, 
wie durek zwei Krankengeschichten beleuchtet wird, die Entwicklung wohl 
charakterisier weicher Schanker herbei, wenn das Secret. von Schankern 
in der Gebärmutterhöhle gestammt habe. Steinschneider. 

Scott Helm (3) iujicirt nach gründlicher Punction des Buboneneiters 
mit einer eigens construirten Spritze zunächst, eine Carbollösung um die 
Höhle zu reinigen, und lässt dann eine Einspritzung einer Emulsion von 
Jodol in Acid. ulei ric. folgen. Unter dreiundzwanzig Fällen war diese Be¬ 
handlung nur in einem nicht von Erfolg begleitet. Vortlicile der Methode 
sind, dass erstens keine Narben Zurückbleiben, da^s zweitens bei Ausluh- 


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der Syphilis. 


381 


rung in einem frühen Zeitpunkte, wo erst wenige Drüsen ergriffen sind, 
das Fortschreiten des Processes auf die benachbarten verhindert wird. 

Ep stein. 

Win slow und Jones (4) berichten über vier Fälle von Scrotal- 
gangrän nach Exstirpation erkrankter Inguinaldrüseu. In dreien dieser Fälle 
war weder Erysipel noch septische Phlegmone vorausgegangen. Es musste 
fraglich erscheinen, ob die Gangrän als zufällige Complication oder als mit 
der Drüsenexstirpation zusammenhängend zu betrachten seien. Der Autor 
nimmt das letztere an, lässt es aber unentschieden, ob Störungen in der 
Circulation der Scrotalhaut oder Verletzung trophischer Nerven die directe 
Veranlassung zur Gangrän war. Die Hoden und Sameustränge blieben stets 
von der Gangrän verschont. Ko pp. 

Syphilis. Allgemeine Pathologie. 

1. Bitter. Ueber Syphilis- und Smeginabacillen nebst Bemerkungen über 
die färberischen Eigenthümlichk eiten der Smegma- uud Tuberkclbacil- 
len. — Virch. Arch. Bd. 106, Heft 2. 

t. Brevet. Beitrag zur Kcnntniss der Syphilis. Inaug.-Dissert. — Paris, 
Fcbr. 1886. 

3. Arnaud. Ueber den gegenseitigen Einfluss der Syphilis auf den Dia¬ 
betes und des Diabetes auf die Syphilis. — Thfcse de Paris 1886. 

4. Arnaud. De la syphilis survenant dans le cours du diabetc. — Jour», 
de Mödecine et de Chirurgie pratiques. Tome LVIH, November 1886, 
pag. 509. 

5. Lang E. Syphilis und Krebs. — Wiener med. Blätter Nr. 41 u. 42.1886. 

6. Kaval. Evolution de la syphilis chez les albuminuriqucs. — Journ. 
de Mddccine et de Chirurgie pratiques. Tome LVIII, November 1886. 
pag. 508. 

7. Wiek harn. Note sur l 1 albuminurie survenant dans le cours d’ accideuts 
secondaires d’ originc syphilitique. — Union mödicale 1886, 84. Oct. 

8. Horteloup. Bemerkungen über die syphilitische Albuminurie. — Ann. 
de Dcrm. et de Syphil. 1886, 10. 

Bitter (1) studirte in sehr eingehender und mühevoller Weise die 
von Lustgarten zur Färbung der Syphilisbacillen angegebene Methode 
und berichtet über einige Modificationcn derselben. Bezüglich der Färbungs¬ 
zeit fand er, dass man durch Anwendung höherer Wärmegrade die Zeit 
bedeutend abkürzen könne; bezüglich einer Unterfärbung constatirte er, 
dass die Präparate eine solche sehr wohl vertrugen; ferner dürfe die nach- 
herige Alkoholbehandlung ohne Gefahr für die Bacillen nicht länger als 
30 Secunden dauern. Statt des von L. angegebenen Anilinwasser-Gentiana- 
violctts gebrauchte B. Carboifuchsin und statt der schwefligen Säure Oxal¬ 
säure. Bezüglich der Widerstandsfähigkeit der Smegmabacillcn gegen Säuren, 

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Bericht aber die Leistungen auf dem Gebiete 


mit welcher sich 6. eingehender befasste, muss auf das Original verwiesen 
werden. Von grosserem Interesse ist die Ansicht B.'s, dass es kein absolut 
sicheres differentialdiagnostisches Kriterium für Tuberkel- und Smegma- 
bacillen gebe. Den grössten Werth habe noch die Alkoholbehandlung der 
mit Salpetersäure entfärbten Präparate, welcher die Tuberkelbacillen resi- 
stiren, während die Smegmabacillen dadurch entfärbt werden. 

Karl Herxheimer. 

Drevet (4) gelangt bei einer Zusammenstellung von Angaben der 
bedeutendsten Autoren über die Incubationsdauer der Syphilis zu dem 
Schlüsse, dass dieselbe bislang mit der Annahme von circa drei Wochen 
zu niedrig bemessen ist, da sie sich bis zum 71. respective 90. Tage er¬ 
strecken kann. Die Verlängerung der Incubationszeit kann durch fieberhafte 
Erkrankungen, besonders Typhus bedingt werden; dieselben sind auch im 
Stande, wenn sie nach Auftreten der Initialsklerose den Patienten befallen, 
die Entwicklung derselben aufzulialten und die Secundärerscheinungen ab¬ 
zuschwächen; sobald die erhöhte Temperatur wieder zur Norm herabsiukt, 
ist ein energischeres Wachsthum der Sklerose und intensiveres Auftreten 
der Folgeerscheinungen wahrzunebmen. Chotzen. 

Vorausgegangener Diabetes erschwert den Verlauf der Syphilis. Wenn 
auch nicht sichergestellt ist, sagt Arnaud (3), dass beim Auftreten syphi¬ 
litischer Erscheinungen der Zucker sofort schwinde, so ist doch eine raschere 
Abnahme desselben wahrzunehmen, als bei Diabetes im Allgemeinen der 
Fall. Syphilis kann an und für sich durch Veränderung der Blutmischung 
und Beeinflussung des Stoffwechsels Diabetes herbeiführen. Gummata in der 
Nähe des vierten Ventrikels, welche einen Druck auf das Centrum der 
Zuckerbildung (Claude Bernard) ausüben, können Diabetes veranlassen. 
Als Beweis für diese Behauptung werden zwei ältere Beobachtungen von 
Leudet (Moniteur des Sciences mtfdicales 1860) und von Servantic (Thö6e 
de Paris 1876) reproducijrt. Steinschneider. 

Die Syphilis hat nach Arnaud’s (4) Beobachtungen bei Diabetikern 
eine Tendenz zu uloerösen Formen schon während der Frühperiode und 
nimmt einen galoppirenden Verlauf. So wurde der Schanker eines Diabeti¬ 
kers rasch ulcerös und noch vor Abheilung des Initialaffects traten ulceröse 
Syphilide auf. In einem anderen Falle A.’s war der Primäraffect so ver¬ 
ändert, dass man zuerst an Epithelioma penis, an gangränöses Ulcus molle 
und tertiäres Ulcus dachte. Der Diabetes contraindicirt die antisyphilitische 
Behandlung nicht, doch muss man sie mit der antidiabetischen verbinden. 

Gaertner. 

Während Lang (5) früher glaubte, dass die carcinomatösen Infiltrate 
und Substanzverluste der Schleimhaut Syphilitischer von Anfang an reine 
Carcinomfälle darstellen, und nur mit Syphilis verwechselt werden, über¬ 
zeugte er sich an der Hand gut beobachteter Fälle, dass Carcinom auf 


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der Syphilis. 


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zweifellosen Syphilisprodukten entstehen kann. L. bestätigt daher diese 
schon von Andereu ausgesprochene Ansicht. In einem Falle konnte kli¬ 
nisch der Uebergang eines Substanzverlustes syphilitischer Natur in Car- 
cinnm nebstbei auch die Carcinomentartung der Lymphdrfisen am Unterkiefer 
sichergestellt werden. In einem zweiten Falle war bei noch zweifelhaftem 
makroskopischen Aussehen eines Lippengeschwüres bei einem Syphilitiker 
die mikroskopische Diagnose auf Carcinom zu stellen; da die atypische 
Epithelwucherung im Infiltrate keine andere Deutung zuliess. In einem 
dritten, allerdings für Syphilis keine sicheren Anhaltspunkte bietenden 
Falle war die antiluetische Cur auch von keinem Nutzen und das Lippen¬ 
geschwür war typisches Carcinom. Horovitz. 

Die Albuminurie hat einen bedeutenden Einfluss auf die Schwere des 
Syphilisverlaufs. Die Hautsyphilide treten sehr intensiv auf, nicht disse- 
minirt, sondern oft einander sehr genähert, selbst confluirend. Sie haben 
den Charakter nicht-specifischer Eruptionen, was bei gutartigem Syphilis¬ 
verlauf nicht der Fall ist. Bei den von Raval (6) beobachteten Patienten 
war die Lues stets sehr florid; schon frühzeitig traten schwere Formen von 
Haut- und Schleimhautsyphiliden und Affectionen des Nervensystems auf, 
Erscheinungen, welche der specifischen Behandlung widerstanden. Man hat den 
Nutzen der Mercurbehandlung bei Albuminurikern in Frage gezogen, ja behaup¬ 
tet, dass das Hg Albuminurie hervorrufe und eine bestehende vermehre; dies 
ist nach Four nier's und Gailletou's Untersuchungen unrichtig. Auch bei Ra- 
val’s Kranken wurde die Albuminurie durch das Hg nicht gesteigert und nicht 
einmal die gegen die Nierenaffection gerichtete Behandlung gestört. Jedoch 
muss man die Hg-Ausscheidung sorgfältig überwachen und bei Anzeichen 
von Anhäufung des Hg im Organismus (Salivation etc.) die Cur unterbre¬ 
chen. Man kann jedes Hg-Präparat, wenn es sonst gut vertragen wird, 
anwenden. In manchen Fällen hat sich auch die combinirte Jodkali-Queck¬ 
silberbehandlung bewährt; bei dieser ist zugleich reichliche Milchdiät in- 
dicirt. Gaertner. 

Wickham (7) hat Gelegenheit "gehabt, vier Fälle von Morb. Brightii 
in der irritativen Periode der Syphilis zu beobachten. Die zwei ersten Fälle 
zeigten einen günstigen Verlauf, die zwei letzten einen schlimmen; der 
vierte Fall endigte letal. In den beiden ersten wurde die Heilung durch 
eine mercurielle Cur erzielt; den) dritten Patienten wurden ausser einer 
Verabreichung von Jodkali von 3 Gramm pro die diaphoretische und diure- 
tische Mittel verschrieben, der letzte bekam Sublimatpillen. W. schliesst 
aus seinen Fällen dass: 1. die syphilitische Albiminurie der secundären 
Periode gewöhnlich benigner Natur ist und einer mercuriellen Cur schnell 
weicht. 4. Dass die Albuminurie a frigore (Fälle 3 und 4), welche im Ver¬ 
lauf dieser Periode zugezogen wird, schwere Erscheinungen zeigt, die der 
Hg-Cur nicht weichen. Die Lues, welche bei einem an M. Brightii leidenden 


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384 


Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Patienten ausbricht, zeigt eine aussergewöhnliche Gravität in Folge der 
Nierenläsionen, welche den alten locus minoris resistentiae befallen. 

3. Schliesst Vcrf. aus der mikroskopischen Untersuchung der Niere, dass 
anatomisch syphilitische Läsionen der Niere sich durch die Entwicklung 
einer interstitiellen Nephritis kund geben können. Wolff. 

Im Anschlüsse und im theilweisen Gegensatz zu YVickliam bespricht 
Horteloup (8) einige Fälle von Albuminurie bei recenter Syphilis, deren 
Ursache er aber im Gegensatz zu W. nicht ausschliesslich in der Syphilis, 
sondern auch in anderen Momenten sucht und kommt zum Schlosse: 1. Die 
Syphilis vermag schon in den ersten Monaten ihres Auftretens Albuminurie 
zu erzeugen. 2. Diese Albuminurie ist durch antisyphilitische Behandlung 
leicht zu heilen und hinterlässt keine Spuren. 3. Diese Albuminurie muss 
von jener unterschieden werden, welche im 2. bis 3. Jahr der Syphilis 
auftritt, deren Prognose viel schwerer ist und die leicht in chronische 
Nephritis übergehen kann. 4. Die Syphilis kann durch die „Depression“ 
des Organismus, die sie hervorruft, zu anderen äusserlichen Schädlichkeiten 
prädisponiren und so indirect zur Entstehung einer Nephritis a frigore 
Veranlassung geben. Finger. 


Syphilis. Primäraffecte, Haut. 

1. Malm 0. Bidrag til Tonsillenchankerens Historie. — Norsk Magazin 
for Laegevidenskaben. 1886. 

2. Graarud. 3 Tilfaelde of syfilitisk Infection gjpnnem Tonsillen. (3 Fälle 
syphilitischer Infection durch die Tonsille.) — Tidsskrift for praktisk 
Medicin Nr. 20, Christiania 1886. 

3. Fleischer. Sypbilitic infection by the Razor. — Lancet. 1886. Vol. II. 
Nr. XXI, pag. 988. 

4. Lemmonler. Syphilis, vor 13 Monaten von einem Pflegekind auf eine 
54jährige Frau übertragen, nicht behandelt, vor drei Monaten von 
dieser auf ihren Gatten übertragen. — Ann. de Derm. et de Syphil. 
1886, 10. 

5. Petersen 0. Zur Frage der extragenitalen Syphilisinfection. Ein Fall 
von Ulcus durum der Tonsille. — Wratsch. 1886. 23. 24. 

6. Taylor. Diphtheroid Chancre. New-York derm. Soc. — Journ. of cut. 
and ven. diseases. 11. 1886. 

7. Rabltsch-Bey. Beiträge znr Lehre der syphilitischen Reinfection. — 
Wiener med. Wocbenschr. 1886. 42. 

8. Guranowski. Ein Fall von Schanker im Mittelohre. — Gazeta Le- 
karska 1886, Nr. 20. 

9. Helman. Einige Worte in Betreff des Artikels von Dr. Guranowski 
u. d. T. „ein Fall von Schanker im Mittelohre“. — Gazeta Lekarska 
1886, Nr. 25. 


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der Syphilis. 


385 


10. Guranowski. Antwort auf den Dr. Hciman’schen Artikel u. d. T.: 
„Einige Worte in Betreff des Artikels von Dr. Guranowski“ be¬ 
titelt: „Ein Fall von Schanker im Mittelohre“. — Gazeta Lekarska 
1886, Nr. 29. 

11. v. Watraszewskl. Bemerkungen über einen Fall von Schanker im 
Mittelohre (beschrieben von Dr. Guranowski in der Gazeta Le¬ 
karska 1886, Nr. 21). — St. Petersburger med. Wochenschr. 1886. 

12. Bronson E. B. Erythanthema syphiliticum. — Journ. of cut. and ven. 
dis. 1886, N. 10, pag. 304. 

13. Manssnrow. Roseola syphilitica annulata. — Klin.-dermatol. Mitthei¬ 
lungen. St. Petersburg, 1886, pag. 69—77. 

14. Schebnnlewr. Zur Frage der Pigmentsyphilis. — Verhandlungen der 
Charkow’schen medicin. Gesellsch. 1886. 1. pag. 46—49. 

15. Tofller. Gommes et scl^roses syphilitiques des lfevres. (Labialites ter- 
tiaires.) — Revue de Chirurgie Nr. 10, 10. October 1886. 

16. Grazianski. Die pathologische Anatomie der Rupia syphilitica. (Mit¬ 
theilung auf dem ersten russischen Aerzte-Congress in St. Petersburg, 
1886.) — Russkaja medizina 1886. 12. 13. 14. 

17. Taylor R. W. Precocious gumrnata. — Journ. of cut. and vener. dis. 
1886, N. 10, p. 306. 

Nach einer kurzen Auseinandersetzung über die Möglichkeit und das 
Zustandekommen der primären Tonsilleninfection berichtet Malm (1) über 
zwei eigene dieses Krankheitsbild illustrirende Fälle und theilt des Weite¬ 
ren sieben zum Tbeile ältere französische und drei von In eil (Konsgvinger) 
mitgetheilte einschlägige Krankengeschichten mit. 

Graarud (2) berichtet über drei Fälle von syphilitischer Schlund- 
infection in einer norwegischen Bauernfamilie. Der 24jährige, zuerst erkrankte 
Sohn wurde vom Verf. zum erstenmale am 22. März 1883 beobachtet. Er 
war damals acht Tage krank gewesen mit starken Schmerzen beim Schlucken. 
Beinahe die ganze linke Tonsille war mit grauweissem, festsitzenden Beleg 
bedeckt, währenddem die rechte Tonsille ganz rein war, Foetor ex ore. Ziem¬ 
lich starker Drüsentumor am liuken Angulus maxillae. Pat. sehr matt und 
abgeschlagen, keinen Appetit. Verf. diagnosticirte Diphtheritis. 'Am 2. April 
war die linke Tonsille rein mit einem kleinen Substanzverlust, die rechte Ton¬ 
sille schwach weisslich belegt, etwas Fieber. Am 23. war ein beinahe Über den 
ganzen Körper verbreitetes papulöses Syphilid vorhanden, das ungefähr acht 
Tage früher zum Vorschein gekommen war. Am Penis und an den Genita¬ 
lien überhaupt wohl secundäre Erscheinungen, aber keine Spur einer Pri- 
märaffection. Sowohl bei dieser Gelegenheit, wie auch noch am 25. Mai war 
der Glandulartumor an der linken Seite des Halses, speciell beim Kieferwinkel 
weit mehr hervortretend, wie an der rechten Seite. Der Uebertragungs- 
modus konnte in diesem Falle nicht sichergestellt werden; aber bei der 
35jährigen Schwester des Patienten, sowie bei dem 80jährigen Vater, die 


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386 


Bericht Ober die Leistungen auf dem Gebiete 


alle Beide kurz nachher durch den Schlund inficirt wurden, war gewiss die 
Infection durch Ess- und Trinkgeschirre geschehen. Die Schwester war 
ebenfalls durch die linke Tonsille, die zwei Ulcerationcn mit diphthcritähn- 
lichem Beleg darbot und der Vater jedenfalls durch den Schlund inficirt 
worden. Bo eck. 

Fleischer (3) erwähnt zwei Fälle von syphilitischer Infection durch 
Verletzungen mit. einem inficirten Rasiermesser. Gaertncr. 

Vor drei Monaten wurde Lemmonier (4) von einem 54 Jahre alten 
Manne consnltirt, den er an Phimose in Folge Sklerose, lenticulärem papu¬ 
lösem Syphilid, Pusteln am Kopfe leidend fand. Umgang ausser mit der 
Frau wird geleugnet. Diese gibt an, sie hätte zwei Pflegekinder, Geschwister 
gehabt, deren eines bereits vor zwei Jahren, 1 Monat alt, das zweite 2 Mo¬ 
nate alt, am 18. Juli 1885 gestorben sei. Wenige Tage vor dem Tode hatte 
das zweite Kind einen Ausschlag an der Analapertur. Bald nach dem Tode 
des zweiten Kindes litt die Frau an heftigen, nächtlichen Kopfschmerzen, 
es entstand ein Exanthem, das für Variola angesehen und behandelt bis 
Anfang 1886 dauerte, Patientin magerte ab und bot bei der Untersuchung 
ulceröses Syphilid am Genitale und ältere rechtsseitige Iritis dar. 

Finger. 

Petersen (5) beobachtete einige Fälle von hartem Schanker an den 
Lippen, neun Fälle von Primärsklerose des Anus (in sieben Fällen entstand 
die Infection durch Coitus praeternaturalis), einmal Schanker an der Wange 
in Folge eines Bisses und ausserdem in der Privatpraxis einen Fall von 
syphilitischer Primärsklerose des Rachens. K. Szadek. 

Taylor (6) fand bei einem 16jährigen Arbeiter in der zwölften 
Woche nach dem inficirenden Coitus auf der Glans penis ein Geschwür, 
welches mit einer glänzenden, grauweissen, fest anhaftenden diphtheritischen 
Membran bedeckt war. Die Geschwürsränder waren etwas erhaben und 
gegen das gesunde Gewebe scharf abgeschnitten, das Geschwür selbst fühlte 
sich knorpelhart an. Die Tonsillen zeigten ebenfalls diphtheritischen Belag, 
am Anus bis zum Scrotum sich erstreckend reichliche breite Condylome-, 
Leisten-, Cervical- und Cubitaldrüsen geschwollen. Die Mutter des Pat. 
zeigte eine Sklerose im Mundwinkel und maculopapulöses Exanthem; die 
12jährige Schwester eine Sklerose der linken grossen Scbamlippe; der 5jäh- 
rige Bruder eine luetische Rhagade des Mundwinkels-, der 9 Monate alte 
Neffe nässende Papeln am Anus und Scrotum. Von der ganzen Familie war 
nur die älteste Tochter, welche schon früher Lues durchgemacht hatte, 
zur Zeit ohne Symptome. Chotzen. 

Rabitsch (7) berichtet durchaus nicht einwandfreie Fälle, an die 
er einige Bemerkungen über Reinfection im Allgemeinen, Reinfection bei 


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der Syphilis. 


387 


noch bestehenden Symptomen der ersten Lnes im Besonderen anknflpft, 
von welcher Form er eine aphoristische Krankengeschichte mittheilt. 

Finger. 

Gnranowski (8) berichtet: Bei einer in der venerischen Abthei¬ 
lung von Elsenberg mit einem angeblich phagedänischen Schanker der 
Genitalien behafteten Patientin wird letzterer in Folge von Schnupftabak- 
gebrauch in die Nasenhöhle übertragen (beiderseits aufs Septnm und eine 
Mnschel), weiterhin auch in den Eingang zum Meat. anditor. extern. In 
Folge des von der Nase via Tubae Eustachii in die Paukenhöhle verschlepp¬ 
ten Schankereiters wird daselbst eine eiterige Mittelohrentzündung hervor¬ 
gerufen, die als Schanker im Mittelohre aufgefasst und beschrieben wird. 
Derselbe künstlich inoculirte Eiter lieferte ein negatives Impfresultat. 

Heiman (9) kritisirt G.’s Fall (8) hauptsächlich vom otiatrischen 
Standpunkte, und behauptet, dass es sich keineswegs um einen Schanker, 
sondern um tertiär-syphilitische Verschwärungen nebst einer eiterigen Otitis 
media gehandelt habe, die entweder auf derselben Grundlage oder durch 
Verschleppung von Eiter aus der Nasenhöhle entstanden war. W. 

Gnranowski (10) versucht die ihm von H. gemachten Einwände 
zu bekämpfen und seine ursprüngliche Meinung hinsichtlich der Natur des 
Leidens der von ihm beobachteten Patientin aufrecht zu erhalten. 

Indem Watraszewski (11) von der otiatrischen Seite des Gegen¬ 
standes Abstand nimmt und sich nur vom syphilidologischen Standpunkt mit 
derselben befasst, kommt er ebenfalls zum Schluss, dass es sich in dem 
von Elsenberg beobachteten und behandelten und von Gnranowski beschrie¬ 
benen Falle nicht um einen phagedänischen Schanker, sondern um mul¬ 
tiple tertiär-Byphilitische Ulcerationen gehandelt habe, wobei die eiterige 
Mittelohrentzündung als zufällige im Geleite der Ozäna aufgetretene Com- 
plication zu erklären sei. Beweisend für den Schanker im betreffenden Falle wäre 
gewesen: 1. ein positives Impfresultat des aus der Paukenhöhle stammenden 
Eiters, was, wie bekannt, nicht der Fall war; 8. ein negatives Resultat 
einer specifischen Behandlung, die hier gar nicht angewandt wurde, trotz¬ 
dem Pat. über 1'/, Jahre unter der Beobachtung stand. W. 

Bronson (12) sah einen erythemartigen Ausschlag bei einem Syphili¬ 
tischen, der erst später die Charaktere eines syphilitischen Exanthems 
annahm. Besser. 

Manssurow (13) beschreibt zwei Syphilisfälle, bei welchen er in 
der condylomatösen Periode eine Roseola recidiva in der Form ringförmiger 
Flecken am Bauch und an den Beugeseiten der Extremitäten beobachtete. 
Nach Manssurow stimmt die ringförmige Ausschlagsform mit der parasi¬ 
tären Syphilistheorie überein und kann leicht durch die locale Parasiten¬ 
ansammlung erklärt werden, die im Centrum absterben und an der Peri- 


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388 


Bericht Uber die Leistungen auf dem Gebiete 


L*i iti zez by 


pherie sich vermehren, wie es überhaupt bei einem jeden Exantheme, das 
durch pflanzliche Parasiten entsteht, beobachtet wird. 

Beim Untersuchen von 300 Prostituirten fand Schebuniew (14) 
zwölf Fälle von ausgeprägter Pigmentsyphilis mit symmetrisch zerstreuten 
weissen Flecken verschiedener Grösse und Schattirung. Alle Fälle betrafen 
Personen, die schon früher acquirirte Syphilis hatten und in verschiedenen 
Phasen der condylomatösen Syphilisperioden sich befanden. In sechs Fällen 
localisirte sich Leucoderma syphiliticum auf dem Halse und Rumpfe, in fünf 
Fällen nur auf dem Halse in Form einer Mosaik, und nur in einem Falle 
beobachtete man Pigmentsyphilis der Haut auf beiden Vorderarmen. Ausser¬ 
dem sah Verfasser nicht selten bei Kranken in der condylomatösen Syphilis¬ 
periode, welche im Charkow'schen Krankenhause in die venerische Abthei¬ 
lung für Prostituirte aufgenommen wurden, Pigmenterkrankung des Halses 
und Rumpfes. In allen diesen Fällen stimmten die Hauterscheinungen gänz¬ 
lich mit den von Neisser, Riehl u. A. beschiiebenen klinischen Zeichen 
des Leucoderma syphiliticum überein. Verfasser findet jedoch, dass die 
weissen Flecken nicht vollkommen des Pigmentes beraubt waren, um sich 
scharf von der Farbe der normalen Haut eines und desselben Individuums 
zu unterscheiden; die dunkelpigmcntirten Stellen zeigten jedoch beträcht¬ 
liche Pigmentanhäufung. Verfasser betont ferner unter anderem, dass Leuco¬ 
derma syphiliticum nur bei syphilitischen Dirnen während der condyloma¬ 
tösen Syphilisperiode auftauche und im Verlaufe derselben sich allmälig 
über grössere Körperpartien verbreite. K. Szadek. 

Auf Grund von 40 Krankengeschichten, welche er in den Abthei¬ 
lungen von Fonrnier, Vidal, Lailler zusammenbrachte, liefert Tuf- 
fier (15) diese Studie. Die „labialite tertiaire“ kann, sagt er, übersehen 
werden, weil dieses Organ fär die Lues refraetär erscheinen kann, und weil 
das Carcinom so oft an dieser Stelle haust. In der Literatur existiren nur 
7 Fälle von dieser Krankheitsform. Boinsson hat zuerst 184G eine Be¬ 
schreibung der Syphilome der Lippen gegeben und 3 Fälle veröffentlicht. 
Erst 20 Jahre später hat Nunn einen solchen Fall in der „Pathological 
Society“ vorgestellt. 1878 erschien die Dissertation von Goutard und zu 
gleicher Zeit machte Taylor aus New-York auf eine chronische Hyper¬ 
trophie der Lippe aufmerksam, welche er „vielleicht“ auf Syphilis zurück¬ 
führte. Im Jahre 1881 hat Berg einen Artikel publicirt, in welchem er die 
Differentialdiagnose der Epitheliome und der Syphilis der Unterlippe be¬ 
sprach. Schliesslich 1882 erschien eine Dissertation von Munier über das 
„Syphilome en nappe“ der Mund- und Rachenhöhle. Das sind alle Fälle, 
die bis jetzt bekannt sind. Zuerst sucht T. das Gumma zu definiren. Man 
versteht darunter jedes syphilitische Gewebe, wie es von E. Wagner 1863 
beschrieben worden ist, was das Territorium des Gumma weit mehr aus¬ 
dehnt, wie es früher der Fall war, es wären daher in das Thema einzu- 
bchliessen: Die hoch- und tiefliegenden Gummata, die Sklerosen (Schwielen 


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der Syphilis. 


389 


Ref.), oberflächlich nnd tiefliegende und die Combinationen beider Formen, 
was T. Sklerogommes nennt. Den ersten Punkt der Studie bildet die „Gomrne 
circonscrite“, die classische Gnmmageschwnlst und die „Gomrne diffuse“, das 
Syphilome en nappe. Das Gumma der Lippen ist selten, man findet es öfter 
beim Manne, tO —15 Jahre nach der Infecfion, selten vor dem dritten Jahre, 
und nach dem 20. Immer sind diese Erscheinungen frühzeitiger, wenn die 
Syphilis nicht behandelt worden ist. Das Gumma kömmt öfter an der Ober¬ 
lippe, die Schwiele an der Unterlippe zum Vorschein. Traumatische Insulte, 
unter welchen der schlechte Zustand der Zähne besonders zu erwähnen ist, 
begünstigen ihre Entwickelung. Pathologisch-anatomisch ist die Structur des 
Gumma wohlbekannt, die des „Syphilome en nappe“ dagegen nicht. T. kennt 
nur eine Beschreibung von D^jörine in Cornil. 1 ) Nach seinen Untersuchungen 
ist der Zustand besonders chaTakterisirt durch eine die Submucosa betref¬ 
fende Zelleninfiltration mit specieller Tendenz zur Organisation von Binde¬ 
gewebe. Der Zustand, welcher als Sklerose beschrieben ist, ist das End¬ 
stadium der Schwiele. Die klinischen Hauptmerkmale für beide Processe 
sind folgende: Das Gumma sitzt an der Oberlippe, die Läsion ist einseitig, 
zeigt Nodositäten von unregelmässiger Consistenz, von grosser Härte, welche 
später zur Erweichung führt, eine tiefe Ulceration bildet, die zu einer pig- 
mentirten weichen Narbe führt, und eine Verdünnung der Lippe, die an 
Beginn einer Laryngo-Labialparalyse erinnert, zurücklässt. Der Gang und 
die Evolution einer jeden Periode sind typisch, die Behandlung schnell 
wirksam. Das „Syphilome en nappe“ sitzt an der Unterlippe (ich habe das 
Gegentheil oft gesehen), welche ganz verunstaltet ist, hypertrophisch, sich 
wie eine scrophulose Lippe zeigt. Keine Knotenbildung vorhanden, sondern 
eine diffuse und egale Consistenz der ganzen Lippe. Keine Erweichung, 
keine tiefgreifende Ulceration und später oberflächliche pustulo-crustöse Er¬ 
scheinungen; keine Vernarbung, sondern Sklerose und Deformation der 
Lippe, welche eine raamelonnirte, unregelmässige Gestalt erhält und auf 
dieser Oberfläche werden gekreuzte Rinnen bemerkbar. Die Lippe wird zu 
einem unförmigen verstümmelten Gesichtstheile. Der Gang und die Evolution 
sind äusserst unregelmässig, unbestimmt und immer sehr protrahirt. Die 
Therapie ist in der zweiten Periode nur schwer wirksam. T. beschreibt 
ausserdem noch einige combinirte Fälle von Gumma und Sklerose und be¬ 
spricht unter Anführung der weiteren Krankengeschichten die Differential¬ 
diagnose, Prognose und Therapie. Die Prognose ist für das Gumma eine 
günstige, für das „Syphilome en nappe“ trotz dem scheinbar gelinderen 
uud weniger eclatanten Auftreten des Uebels „d’une malignite redoutable“. 
Es ist natürlich, dass wenn die Bindegewebsneubildung, die dem „Syphi¬ 
lome en nappe“ ein Ende macht, schon zu Stande gekommen ist, die anti- 

') In einer Dissertation, welche ich im vorigen Jahre von einem 
meiner Schüler (Hofmann, Ueber einige seltene Formen etc.) veröffent¬ 
lichen liess, ist der histologische Befund bei Schwielen beschrieben. (Ref.) 


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390 


Bericht Ober die Leistuogeo auf dem Gebiete 


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syphilitische Behandlung keinen Einfluss auf den Process mehr aasüben 
kann und nur die Ausbreitung des Processes kann dadurch beeinflusst 
werden. Die Behandlung muss local und allgemein sein. Jodkali in grösseren 
Dosen, unter Umständen mit der Hg-Cur combinirt, bei der Schwiele. Local 
keine Aetzungen; Waschungen mit einer Jod-Jodkalilösung oder Bepinse¬ 
lungen mit Tinct. Jodi; Fernhalten von schädlichen Einflüssen, Rauchen etc. 

Wolff. 

Nach Grazianski (16) weisen die mikroskopischen Untersuchungen 
einen entzündlichen Charakter des Rupiaprocesses in den Geweben nach. 
Uebrigens beobachtete man eine eitrig-hämorrhagische Exsudation. Der 
Krankheitsprocess bei der Rupia entwickelt sich in der reticulären Schichte 
der Haut und verbreitet sich manchmal über die ganze Hautdicke bis zum 
Unterhautzellgewebe; auch das letztere wird zuweilen in den Erkrankungs- 
process mit einbezogen. Die Hauptveränderungen der Gewebe bestehen iru 
Anschwellen und in Hyalindegeneration der Capillarwände und in einer 
zeitigen Infiltration der Haut an den afficirten Regionen. Da nun die Capil- 
laren in den Krankheitsprocess mit einbegriffen, entwickelt sich venöse 
Stasis und zugleich Störung im arteriellen Kreislauf. Dieser Umstand führt 
zum Zerfall der Gewebe und zu Ulcerationen. In der Nähe des Krankheits¬ 
herdes beobachtet man schleimige und hyaline Gewebedegeneration. 

Szadek. 

Frühzeitig auftretende Gummata unterscheiden sich nach Taylor (17) 
von den späteren durch acuteres Erscheinen, ihren schnelleren Verlauf und 
die gewöhnlich geringere Neigung zu tieferem Zerfall. Quecksilber mit Jod¬ 
kalium combinirt ist wirksamer als Quecksilber allein. Lesser. 


Syphilis. Knochen, Sinnesorgane, Eingeweide. 

1. Lavergne. Indirecte cerebrale Syphilis. — France mödic. 1885. II. 

I. Mratek. Zur Syphilis der Orbita. — Wiener Klinik, 10. Heft, Oc- 
tober 1886. 

3. Soltmann. Paralysis syphilitica. — Breslauer ärztl. Zeitschrift 1886, 
Nr. 10. 

4. Depaase. Höpatite syphilitique. — Revue mens, des mal. de 1' enfance. 
1886, pag. 360 ff. 

5. Burnet. Cerebral Syphilis. — The British med. Jouru. 1886, SO. März. 

6. Ehrmann. Ein Fall von halbseitiger Neuritis spinaler Aeste bei re- 
center Lues. — Wiener med. Blätter .1886, Nr. 46 und 47. 

7. Hebra H. v. Ein Fall von Syphilis des Centralnervensystems mit dem 
Ausgange in Heilung; vorgestellt in der Sitzung der k. k. Ges. d. Aerzte 
in Wien, am 12. Nov. 1886. — Wiener med. Presse 1886. 47. 

8. Pepper W. Clinical lectury on cerebral syphilis. — Philadelphia med. 
times. 1886. 13. 


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der Syphilis. 


391 


9. Pntnam J. J, Notes on sjpbilis of the nervous System. — Boston med. 
and surg. jonrn. Vol. CXV. N. 14, 15, pag. 317, 341. 

10. Strümpell. Einige Bemerkungen über den Zusammenhang zwischen 
Tabes resp. progressiver Paralyse und Syphilis. — Neurolog. Centrlbl. 
1886, Nr. 19. 

11. Spillmanii. Beitrag zur Kenntniss der syphilitischen Aneurysmen der 
Cerebralarterien. — Ann. d. Denn, ct de Syph. 1886, 11. 

12. Holm. Anosmia syphilitica. — Hospitalstidende. 

13. Kretschmann F. Obraffectionen nach Lues. — Arch. f. Ohrenheilk. 
XXXIII. Bd. 4. Heft. 

14. Schmiegelow. Quelques cas assez rares de perforations de la cloison 
nasale. — Revue mcnsuelle de laryng. d’ otol. et de rhinol. 7. annde. 
Nr. 11, 1886. 

15. Wilson* Die Ohrengeschichte einer syphilitischen Familie. — Zeitschr. 
f. Ohrenheilk. XV. S. 268. Centralbl. f. med. Wisseusch. 36, 1886. 

Lavergne (1) versteht darunter jene cerebralen Störungen, die sich 
nicht direct in Folge der Syphilis, sondern indirect, secundär, durch Fort¬ 
setzung der Erkrankung von benachbarten Partien entwickeln. So führen 
die verschiedenen Formen der Osteitis, die rareficans durch Bildung von 
Tumoren und Abscesscn, die plastica durch Osteophytcn und die gummosa 
durch den Tumor oder Nekrose zu secundärer Aflection der Meningen, die 
sich meist als Meningo-Encephalitis äussert und unter den klinischen Formen 
der Epilepsie, Paralysen, geistigen und Sprachstörungen, Encephalitis auf- 
tritt. Diese cerebralen Störungen sind dann deuteropathisch, nicht syphilitischer 
sondern einfach entzündlicher Natur. Ihre Prognose ist stets ernst, da gegen 
sie antiluetische Behandlung oft machtlos ist. Finger. 

Den Anfang der syphilitischen Erkrankung der Orbita bildet nach 
Mracek (2) die' Entzündung der Knochenbeinhaut. Nach dem Sitze lässt 
»ich dieselbe in eine vor der Tenon'schen Kapsel und eine hinter derselben 
scheiden. Von den ersteren werden zwei Fälle (Periostitis des Orbitalrandes 
mit Gummibildung) kurz mitgetheilt, bei den vier übrigen lagen Erkran¬ 
kungen der Orbitalhöhle zu Grunde. Von diesen letzteren wollen wir 
Fall IV als gewiss selten hervorheben. Es handelt sich um ein fünfjähriges 
Kind mit syphilitischer Periostitis am Schädelknochcn und Gummiknoten 
in beiden Augenhöhlen. Am rechten Auge kam es zu Exophthalmus und zur 
Erkrankung des ganzen Auges. Für die Diagnose der luetischen Periostitis 
der Orbita werden als Anhaltspunkte angegeben: Schmerzen, die Abends 
und Nachts stärker auftreten, ferner seitliche Dislocation des Bulbus mit 
oder ohne Protrusion desselben in Gemeinschaft mit motorischer Lähmung, 
langsames Ansteigen und lange Dauer der Symptome, gleichzeitiges Vor¬ 
handensein anderer Aeusserungen der Lues und endlich positiver Erfolg 
mit Antisyphiliticis. Die Mehrzahl der Erkrankungen kommt am Orbital- 


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Berirhi über die Leistungen auf dem Gebiete 


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dache vor. Die Therapie ist langwierig. Es sind eoiubinirte Behandlungs¬ 
weisen angezeigt. Karl Herxheim er. 

Sol tm an n (3) beobachtete ein Kind von zehn Monaten, das, ausser 
einem Ausschlag früher gesund, eine schlaffe Lähmung des linken Armes 
mit Anästhesie der Vorderfläehe desselben darbot; Finger gebeugt; Hand 
in Pronations- und Beugestellung; am Humerus oben nahe dem Gelenk 
eine auf Druck schmerzhafte Nodosität. Gelbbraune Pigmentirung an der 
Stirn, besonders über den Augenbrauen, kleicnförmige Abschuppung da¬ 
selbst, stark ausgehöhlter Gaumen in Gestalt eines gothischen Kreuzge¬ 
wölbes. Diagnose: Lues hereditär. (Die Gaumcnbildung hält S. für heredi¬ 
täre Lues für pathognomisch [?].) Die Nodosität wird als Osteochondritis 
syph. aufgefasst, die Lähmung als eine durch letztere mechanisch bedingte 
erklärt. Energische Einrcibungscur führte zur completen Heilung; auch die 
Nodosität verschwand. Rieh. Kohn. 

Der Fall von Depasse (4) betrifft ein Kind von 14 Tagen. Eltern 
nachweislich inficirt, ein Abort vorhergegangen. Das Kind ist mager, nimmt 
trotz Brustnahrung ab, etwas Coryza, Rhagaden und breite Condylome ad 
anum. Leber enorm vergrössert, reicht bis in die Fossa iliaca dextr. und 
überragt nach links die Mittellinie. Vier Wochen darauf Ascites, der durch 
einen persistirenden proc. vaginalis zum Theil in das Scrotum hinabfliesst; 
der Erguss nimmt zu, so dass wiederholte Punctionen nöthig werden, doch 
gedeiht das Kind gut. Jetzt, im Alter von 8‘/ 2 Jahren ist das Kind gesund 
und kräftig für sein Alter; die Leber ist noch etwas vergrössert und über¬ 
ragt drei Finger breit den Rippenrand. (Wenn die Diagnose richtig ist. 
so wäre dies der erste Fall von Heilung einer syphilitischen Hepatitis, 
doch ist wohl ein gelinder Zweifel gestattet!) Tocplitz. 

Burnet's (ö) Fall zeigte zuerst Zuckungen in der Musculatur des 
linken Armesund Beines; später starke klonische Spasmen. 17 Jahre früher 
hatte Pat. ein Ulcus, angeblich ohne secundäre Symptome. Heilung durch 
eine Sehmiercur und Jodkali. 

Bei Ehrmamrs (6) Patienten, der im neunten Monate der Syphilis 
stand, und der beim Eintritte auf die Syphilisklinik Neumuniu noch 
recente cutane Syphilisprodukte darbot, wurde nebst einer periostalen 
Schwellung des linken Malleolus externus, Druckempfindlichkeit der Achilles¬ 
sehne, noch eine Schwellung auf beiden Fussrückcn beobachtet. Ferner 
beobachtete man eine schmerzhafte Schwellung in den Phalangcalgelenken 
des linken Ringfingers. Anästhesie auf der Ulnarseite des linken Vorder¬ 
armes; Druckempfindlichkeit des ülnaris im ganzen Verlaufe. Druck auf 
das Anngeflccht der Noi vcnstäinmc, als auch auf den Medianus löst Schmerz 
aus. Die Nerven der kranken Seite sollen deutlicher zu fühlen gewesen 
sein als auf der gesunden. Atrophie der vom Ulnaris versorgten Muskeln 


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der Syphilis. 


B93 


im Thenar und Antithenar, als auch der vom Medianus innervirte Opponeus 
pollicis. Diesem Befunde entspricht die Bewegungseinschränkung des Ring- 
und Kleinfingers. Hyperalgesie im Gebiete des Uinaris und des Nerv. cut. med. 
Die elektr. Erregbarkeit des Uinaris und des Cut. med. erwies sich herab¬ 
gesetzt. Sehnenreflexe waren lebhaft. Unter Darreichung von Jodkali ver¬ 
schwand die Atrophie, die Anästhesie und Druckempfindlichkeit. Diese Er¬ 
scheinungen auf Poliomyelitis zu beziehen, weist E. zurück. Als Ursache 
glaubt E. in diesem Falle Lues annchmcn zu müssen. Horovitz. 


H. v. Hebra’s (7) Patient, der wegen Prurigo ärztliche Hilfe suchte 
und die Reste einer Sklerose darbot, erkrankte anfangs März an maculo- 
papulösem Exanthem und Iritis, Papeln der Mund- und Rachcnböble. 21 In- 
jectionen Ipercentiger Sublimatlösung brachten Heilung. Im Juli stellte sich 
Schwindel ein, der sich rasch steigerte, auf Jodkali besserte. Ende August 
klagte Pat. über Schwäche in den Beinen 3. September wurde beginnende 
Ataxie constatirt. Pat. schwankt mit geschlossenen Augen, Patellarsehnen- 
reflexe geschwunden. Trotz sogleich begonnener gemischter Behandlung, 
Frictionen und Jod, nimmt die Ataxie zu, es treten lanzinirende Schmerzen 
in den Extremitäten auf, sowie Lähmung von Darm und Blase, Gürtelgefühl. 
Nach Ablauf einer Woche Besserung, die aber durch apoplektischen Anfall 
mit consecutiver Hemiplegie gestört wird. Von da an constante Besserung 
aller, auch der tabischcn Symptome, und nach Verbrauch von 50 Fric- 
tionen 4'0 und lOO'O Jodkali, Heilung. Der vorliegende Fall ist nach dem 
Vf. sowohl des früheren Erscheinens der nervösen Erscheinungen, als des¬ 
halb interessant, weil er die Möglichkeit, dass die Syphilis atactischc Stö¬ 
rungen erzeugt, erweist, der Fall also mit Fournier ein Fall von Ataxie 
locomotrice d'originc syphilitique ist. Die Zweifel an der Möglichkeit dieser 
syphilitischen Ataxie liegen vorwiegend darin, dass die atactischen Symptome 
spät, d. li. zu einer Zeit auftreten, wo die Tbatsache der syphilitischen ln- 
tection nicht mehr sicher erweislich ist. In der sich an die Vorstellung 
knüpfenden Discussion erklärt Bamberger, der Fall biete wohl einige 
mit Tabes verwandte Symptome, entbehre aber andere; weise dafür Er¬ 
scheinungen auf, die, wie der Schwindel, der apoplektische Insult nicht zu 
Tabes gehören. Tabes sei ein anatomischer Begriff, gleichbedeutend mit 
Degeneration der Hinterstränge, und diese sei in dem vorliegenden Falle 
gewiss nicht vorhanden gewesen. Tabes werde durch Quecksilber stets ver¬ 
schlimmert und der Zusammenhang von Tabes mit Syphilis nur ein zu¬ 
fälliger, sonst müsste die Tabes wohl bei Prostituirten häufiger zu finden 
sein. Auch Nothnagel will den Fall nicht als Tabes sondern als multiple 
luetische Encephalo-Myciitis ansclicn. Benedikt sieht den Fall als diffuse 
Neuritis an; er selbst ist Fournier’s Ansicht von der Ataxie syphilitique 
ciitgegeugetreten, bat auch die Erfahrung gemacht, dass Quecksilber in 
vielen dieser Fälle schädlich sei. Doch dürfe man nicht ins Extrem ver¬ 
fallen. Es gebe eigeiithümliche atypische Formen der Tabes, die häufig 


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Bericht Über die Leistungen auf dem Gebiete 


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mit peripherer Neuritis beginnen, auf Syphilis zurückzuführen sind, auf 
antisyphilitische Behandlung gebessert werden. Winternitz und Grünfeld 
sprechen sich für die Existenz einer Tabes syphilitica aus. Bamberger 
hält Heilung einer bereits entwickelten Tabes für unmöglich, wohl aber 
könne der gesammte Symptoinencomplex der Tabes auch durch andere Ver¬ 
änderungen, als die Degeneration der Hinterstränge bedingt werden, wie ja 
auch bei Neurasthenie tabische Erscheinungen Vorkommen. Meynert be¬ 
merkt, man müsse, gleichwie bei der Paralyse auch bei Tabes zwischen den 
floriden und Ausfallssymptomen unterscheiden. Erstere können cessiren und 
so oft scheinbar bedeutende Besserungen eintreten, die mau aber noch nicht 
als Heilung ansehen dürfe. Benedikt hält an dem klinischen Bilde fest, 
wenn er von Tabes spricht. Erwähnt einen durch Nervendehnung geheilten 
Fall von Tabes nach Syphilis, der an intercurrenter Erkrankung starb und 
bei der Section Degeneration der Hinterstränge zeigte. Bergmeister 
führt einen Fall initialer Tabes mit Decoloratio nervi optici an, der während 
fünf- bis sechsjährigem Bestände sich gebessert hat. Nothnagel hebt 
hervor, dass bei der Tabes, die mit peripherer Neuritis beginnt, oft Alko¬ 
holismus, in anderen Fällen weder Alkohol noch Syphilis als ätiologisches 
Moment zu beschuldigen sind. Rosenthal hebt hervor, dass die Statistik 
sich zur Lösung dieser Frage nicht eigne. Auch die anatomischen Befunde 
sind negativer Natur. Syphilitische Myelitis werde auf antiluetische Therapie 
stete besser, Syphilis-Tabes nicht. Theilweiser Schwund und Besserung sei 
noch kein Beweis von Heilung, wie ja Schulze in einem von Erb’s ge¬ 
besserten Fällen bei der Section ausgedehnte Degeneration der Hiuterstrange 
vorfand. Mauthner hebt die Analogie zwischen der Atrophie des Opticus 
und der Tabes hervor. Auch diese heile nie. Doch sei der anatomische mit 
dem klinischen Befund nicht gleichbedeutend. Ophthalmoskopisch diagno- 
sticirte Sehnervenatrophie bestehe auch ohne Sehstörung, und so könne 
vielleicht auch grobanatomisch erwiesene Degeneration der Hinterstränge 
ohne das klinische Bild der Tabes bestehen. Finger. 

Pepper (8) berichtet über einen in differentiell-diagnostischer Be¬ 
ziehung interessanten Fall von cerebraler Lues bei einem Arbeiter. Er hatte 
sich in seiner Jugend iuficirt, nur leichte Allgemeinerscheinungen gehabt 
und völlig gesunde Kinder gezeugt; Aborte waren bei seiner Frau nicht 
vorgekommen. Vf. Jahre vor Ausbruch der ersten Symptome (Gonvulsionen 
und langsame Abnahme der intellectuellen Fähigkeiten) hatte er sich durch 
einen Sturz ein schweres Trauma (Fracturen beider Beine, starke Contusion 
der Wirbelsäule und des Kopfes) zugezogen. Zur Zeit bestanden periodisch 
wiederkehrende Krämpfe der Körpermusculatur, Tremor, geringe ataktische 
Erscheinungen, Rückenschmerzen und Kältegefühl an der Wirbelsäule, zeit¬ 
weise mässiger Nystagmus, beiderseitige Atrophie des Opticus. Das Knie- 
phänomen war etwas vermehrt, das Romberg’sche Phänomen fehlte, die 
Pupillen reagirten gut. Nach genauer Erörterung der in Betracht kommen- 


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deo Momente spricht sich P. für die syphilitische Natur des genannten Lei¬ 
dens aus, ohne eine bestimmte Ansicht über die anatomischen Verhältnisse 
der jedenfalls in weiter Ausdehnung erkrankten Theile zu äussern. Da eine 
antisyphilitisehe Therapie eben erst eingeleitet war, Hessen sich aus even¬ 
tuellen Erfolgen dieser für die Diagnose verwerthbaren Schlüsse vorläufig 
nicht ziehen. II a r 11 u n g. 

Unter 320 Fällen von Epilepsie fand Putnain 47, bei denen 
der erste Anfall im Alter von 30 Jahren oder später auftrat. Wenn auch 
die Mehrzahl der genauer beobachteten unter diesen Patienten syphilitische 
Antecedentien hatte, hält P. die Angabe F o u r n i e r’s, dass Epilepsie» die 
jenseits der dreissiger Jahre auftritt, in •/»• der Fälle syphilitischen Ur¬ 
sprungs ist. für übertrieben. Die Prognose der Syphilis des Nervensystems 
wird durch die Gefahr der Recidive sehr getrübt. Die Behandlung hat mit 
grossen Dosen von Jodkalium und Mercur zu geschehen. Bei Tabes hält 
P. in der Mehrzahl der Fälle den Zusammenhang mit Syphilis für er¬ 
wiesen. L e s s e r. 


Strümpell (10), der bei 61 Pcrcent seiner Tabesfälle mit Sicher¬ 
heit, mit Wahrscheinlichkeit sogar bei -90 Percent, eine vorhergehende 
Syphilis annehmen muss, bekennt sich voll und ganz als Anhänger der 
Fournicr-Erb’scben Lehre auf Grund der Statistik und zahlreicher anderer 
Erfahrungsthatsachen. Da nun aber der anatomische Process der Tabes, die 
Regenerative Atrophie, durchaus verschieden ist von den specifisch-syphiliti- 
*chen, gummösen Neubildungen, so ist die Tabes nur eine indirecte Folge 
der Lues — eine „nervöse Nachkrankheit**, wie wir solche bei Diphtherie. 
Dysenterie, Typhus etc. kennen. Besonders die Analogie mit der Diphtherie 
liegt sehr nahe; auch bei dieser wird das Nervensystem erst wochenlang 
nach der Rachenaffection befallen, und zwar, wie bei Tabes, in bestimmten 
Xervengebieten, grösstentheils ebenfalls in einer (degenerativen) Form, die 
keine Aehnlichkeit mit der ursprünglichen Schleimhautaffeetion hat; wahr¬ 
scheinlich handelt es sich um ein von den Diphtlieriebacillen producirtes 
chemisches Gift. Aehnlich denkt sich Str. den Vorgang bei der postsvphiliti- 
>chen Tahes: ein von den Luesbacillen erzeugtes Gift wirkt auf Rückenmark 
und gewisse periphere Nerven. Dass diese Einwirkung bei der Lues viel 
später als bei der Diphtherie stattfindet, erklärte sich leicht daraus, dass 
die Lues eine chronische Infectionskrankheit mit langen Latenzperioden 
ist. Für die Behandlung der Tabes folgt hieraus, dass Hg und Jod, da sie 
nor auf die echte syphiUtische Neubildung, welche die unmittelbare Wir¬ 
kung des organisirten Syphilisgiftes ist, Einfluss haben, nicht im Stande 
sind, die Tabes zu heilen — wohl aber ihr Fortschreiten aufzuhalten, indem 
sie verhindern, dass immer von Neuem das für das Nervensystem schäd¬ 
liche Gift erzeugt wird. Was für die Tabes gilt, nimmt Str. in ganz gleicher 
Weise auch für die progressive Paralyse an. Rieh. K o h n. 

Vierteijabresscbrift f. Dermal, u. Syph. 1887. 26 


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Bericht über die Leistungen auf dem Gebiete 


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Auf Grand dreizehn fremder und einer eigenen Beobachtung (und 
bei totaler Ignorirung von Lechner's Arbeit) bespricht Spillmann (11) 
die Klinik, Anatomie und Genese der syphilitischen Aneurysmen und kommt 
zum Schluss: 1. Syphilitische Aneurysmen der Gehirnarterien sind keine 
Seltenheit. 2. Die Art. basilaris und Fossae Sylvii erkranken zumeist. 
3. Die Folge des Aneurysma ist Ruptur und Hämorrhagie. 4. Bei alter Lues 
häufiger, entwickeln sich die Aneurysmen auch bei recenter Lues. 5. Sind 
sie bei nicht oder incomplet behandelter Lues häufig. Finger. 

Holm (12) berichtet über zwei Fälle von Verlust des Geruches und 
Geschmackes, hervorgerufen durch syphilitische Erkrankung der nervösen 
Centralorgane. Lesse r. 

Kritscbmann (13) theilt in seinem „Bericht über die Thätigkeit 
der königl. Univers.-Ohrenklinik in Halle im Jahre 1885“ auch drei Fälle 
oben bezeichneter Art mit. Der erste betrifft eine 25jährige Frau, die ein 
tiefes fressendes Geschwür an der hinteren Rachenwand hatte and seit 
Wochen an subjectiven Ohrgeräuschen litt, ohne dass die Untersuchung des 
Gehörorganes einen positiven Befund ergibt. Nach zwei- bis dreiwöchent¬ 
licher Behandlung mit 4 Gramm Jodkali pro Tag: energische Anwendung 
des Galvanokauters am Geschwür war letzteres geheilt und nach sechs 
Wochen das Sausen bei normaler Hörscbärfe verschwunden. In dem zweiten 
Falle, einer 28jährigen Person, handelte es sich neben einem im Durchbrach 
begriffenen Gumma am weichen Gaumen um eine acute Mittelohrentzün¬ 
dung mit Exsudatbildung in der Trommelhöhle. Das Gumma wird galvano¬ 
kaustisch zerstört, das Trommelfell mit dem Galvanokauter perforirt, dann 
pro die 3 Gramm Jodkali gegeben-, in vierzehn Tagen war Alles geheilt. 
Bei der dritten 21jährigen Patientin, die seit lange an doppelseitiger Otitis 
— rechts mit totalem Dcfect, links mit Perforation des Trommelfelles — 
litt, trat, während sie wegen frischer luetischer Infection behandelt 
wurde, verstärkter Obrenfluss ein. Es zeigten sich im rechten Gehörgang 
Papeln und ein tiefes Geschwür, das linke war in toto nässend und mit 
„beetartigen Erhebungen“ durchzogen, ausserdem ein Ulcus auf der rechten 
Tonsille. Letzteres wird galvanokaustisch behandelt, die Ohren von der Tuba 
aus durchspült und in die Gehörgängc wurden Gazebäusche, mit 2 Percent 
Lapislösung getränkt, eingelegt. Nach zehn Tagen sehr erhebliche Besserung. 
K. empfiehlt zur localen Behandlung sehr warm die Galvanokaustik. 

K a y s e r. 

Man hält allgemein eine Perforation der Nasenscheidewand für ein 
sicheres Zeichen von Syphilis (erworbener oder congenitaler) allenfalls lässt 
man noch lupöse oder tuberculöse Processc als Ursache gelten. Dem gegen¬ 
über theilt Schmiegelow (14) folgende Beobachtungen mit: Ein 64jäh- 
riger Mann kommt wegen Emphysem mit Bronchitis in Behandlung und S. 
entdeckt.bei ihm eine grosse Perforation der Nasenscheidewand, welche den 
ganzen vorderen knorpeligen Theil derselben einnimmt, ganz glatte, von 


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der Syphilis. 


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normaler nirgends narbiger Schleimhaut umfassende Bänder bat. Die äussere 
Form der Nase ist in keiner Weise verändert. Der Kranke gibt an, diese 
Perforation von Jugend an ohne jegliche Beschwerde — ohne Ausfluss, 
Eiterung oder Knochenabstossung — zu haben, irgend eine Spur von Syphilis, 
Lupus oder Trauma, ist weder auf Grund der Anamnese noch der objectiven 
Untersuchung nachzuweisen, 60 dass S. die Perforation auch mit Rücksicht 
auf ihr Aussehen für eine congenitale Bildung ansieht. Ein zweiter Fall 
betrifft eine 33jährige Dame, die in keiner Weise der Syphilis verdächtig 
ist, und als Kind häufig an Schnupfen litt und die in der Nase sich bilden¬ 
den Crusten mit den Fingern abkratzte. Im späteren Alter verloren sich 
die Nasenerscheinungeu und zufällig entdeckte vor kurzer Zeit ein Bruder 
der Patientin, der Arzt ist, bei ihr eine Perforation der Nasenscheidewand. 
Sie sitzt im vorderen Theilc des Knorpels, hat circa 1 Ctm. Durchmesser, 
die Ränder sind mit Schleim und Crusten bedeckt. Ausserdem besteht eine 
Rhinitis chronica mit Muskelschwellung. Die äussere Form der Nase ist 
nicht verändert. S. glaubt, dass die Perforation Folge einer Perichondritis 
sei, welche sich in Folge der Crustenabkratzungen entwickelt habe. In 
einem dritten Fall bei einer 47jährigen, sonst stets gesunden Dame, handelt 
es sich um ein seit sieben Jahren bestehendes Nasenleiden — schleimig¬ 
eitriger Ausfluss, Crustenbildung, Fötor — und die Untersuchung ergibt 
ei